Die Welt von Gestern (Autobiografie) - Stefan Zweig - E-Book

Die Welt von Gestern (Autobiografie) E-Book

Zweig Stefan

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Beschreibung

In "Die Welt von Gestern" entführt Stefan Zweig den Leser in eine vergangene Welt des kulturellen Aufstiegs und der politischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese autobiografische Reflexion, geprägt von einem eleganten und introspektiven Stil, schildert Zweigs persönliche Erlebnisse, die von Naturwissenschaft, Kunst und der intellektuellen Elite der damaligen Zeit geprägt sind. Durch die Analyse seiner eigenen Lebensumstände bietet er eine tiefgreifende Sicht auf die geistigen Strömungen und die gesellschaftlichen Verwerfungen, die das alte Europa prägten, und thematisiert den Verlust von Sicherheit in Zeiten des Wandels. Stefan Zweig, ein bedeutender österreichischer Schriftsteller und einer der meistgelesenen Autoren der Zwischenkriegszeit, war als Kind eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns im Wien der Jahrhundertwende aufgewachsen. Sein Leben wurde durch die politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg und das Aufkommen des Nationalsozialismus geprägt, was ihn zu einer pessimistischeren Sicht auf die europäische Zukunft führte. Diese Autobiografie ist somit nicht nur ein chronologisches Werk, sondern auch ein eindringlicher Kommentar zur Zerrissenheit der europäischen Identität. "Die Welt von Gestern" ist mehr als nur eine Autobiografie; es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das zum Nachdenken anregt und sowohl Liebhaber der Literatur als auch Historiker anspricht. Durch Zweigs meisterhafte Prosa wird der Leser Zeuge einer epischen Erzählung über Verlust, Erinnerung und das Streben nach humanistischem Verständnis. Dieses Werk ist für jeden von uns von Bedeutung, der sich mit den Fragen der Identität und des kulturellen Erbes in der modernen Welt auseinandersetzt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zweig Stefan

Die Welt von Gestern (Autobiografie)

Bereicherte Ausgabe. Erinnerungen eines Europäers - Das goldene Zeitalter der Sicherheit
Einführung, Studien und Kommentare von Finn Bauer
EAN 8596547739487
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Welt von Gestern (Autobiografie)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein verlorenes Europa erinnert sich an sich selbst. Stefan Zweigs Die Welt von Gestern verhandelt die Spannung zwischen Fortschrittsglauben und historischem Bruch, zwischen kultureller Kontinuität und dem abrupten Verlust von Heimat, Sprache und Sicherheit. Das Buch richtet den Blick nicht nur rückwärts, sondern prüft, was Erinnerung leisten kann, wenn politische Gewalt Biografien zerreißt. Es ist eine Erzählung über Nähe und Entfernung, über Zugehörigkeit, die über Grenzen hinweg gedacht wurde, und über die Zerbrechlichkeit eines bürgerlichen Ideals. So entsteht ein stilles Epos des Wandels, das Privates und Europäisches untrennbar miteinander verknüpft.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es die Zäsuren des 20. Jahrhunderts mit literarischer Klarheit erfasst und zugleich eine ganze Epoche sinnlich erfahrbar macht. Zweig verbindet die Genauigkeit eines Chronisten mit der Kunst eines Romanciers: Er porträtiert Milieus, Städte, Institutionen und Haltungen, ohne die historische Dimension zu verlieren. Sein Buch hat das Bild der kaiserlich-königlichen Welt und ihrer intellektuellen Netzwerke geprägt und die Debatte über Exil, Humanismus und europäische Identität nachhaltig beeinflusst. Generationen von Leserinnen und Lesern begegnen darin einer dichten, eleganten Prosa, die Erinnerung in Haltung verwandelt und Geschichte als gelebte Erfahrung vermittelt.

Der Autor ist Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren und 1942 verstorben. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers entstand im Exil in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren, nachdem Zweig Österreich verlassen hatte. Das Buch wurde 1942 posthum beim Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm veröffentlicht. Als autobiografische Lebens- und Zeitgeschichte gehört es zum Kernbestand der Exilliteratur. Der Entstehungskontext prägt jede Seite: Aus der Distanz schreibt Zweig über Herkunft, Bildung, Reisen und Begegnungen, über kulturelle Verbindlichkeit und deren Zerfall, stets mit dem Anspruch, Zeugnis abzulegen, ohne in Resignation zu verfallen.

In knappen, erzählerisch geschliffenen Kapiteln verfolgt Zweig die Bahnen seiner Jugend in Wien, seine ersten literarischen Schritte, die Weitung seines Horizonts durch Reisen und Freundschaften und die allmähliche Verdunkelung der politischen Atmosphäre in Europa. Dabei geht es weniger um intime Selbstenthüllung als um das Panorama einer Epoche, die ihn geformt hat. Die Ausgangssituation ist die eines Schriftstellers, der erlebt, wie eine vertraute Ordnung wankt und neue Realitäten sein Leben bestimmen. Ohne dramaturgische Effekte sucht das Buch die Konturen dieser Welt festzuhalten, ehe sie unter dem Druck der Ereignisse verschwindet.

Stilistisch verbindet Zweig essayistische Reflexion mit erzählerischer Anschaulichkeit. Er bevorzugt klare Sätze, rhythmisierte Übergänge und eine unaufdringliche Ironie, die Distanz schafft, ohne Kälte zu produzieren. Seine Methode sind Erinnerungsbilder: Orte, Menschen, Praktiken werden so präzise benannt, dass sie im Lesen erneut Gestalt annehmen. Der Ton bleibt behutsam, selbst wenn er von Irrtümern, Naivität oder intellektuellen Moden spricht. Die Komposition ist bewusst: nicht streng chronologisch, sondern thematisch gebündelt, um Bewegungslinien sichtbar zu machen. So entsteht eine erzählende Erinnerung, die das Einzelne in einen größeren Zusammenhang stellt.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Vielvölkerraum der Habsburgermonarchie und der spezifischen Wiener Kultur, deren Bildungsideal, Musik und Wissenschaft eine kosmopolitische Öffentlichkeit begünstigten. Cafés, Verlage, Theater und Universitäten erscheinen als Knotenpunkte von Austausch und Begabung. Zweig zeigt, wie Normen des Takts, der Höflichkeit und der Disziplin eine gemeinsame Sprache ermöglichten, die über Klassen- und Sprachgrenzen hinausreichte. Zugleich macht er sichtbar, dass diese Ordnung nicht statisch war, sondern von sozialen Spannungen, politischen Ambivalenzen und trügerischen Sicherheiten durchzogen, die erst spät als solche wahrgenommen wurden.

Das Buch zeichnet nach, wie Krieg, Revolution und wirtschaftliche Krisen den Ton des öffentlichen Lebens verändern. Mobilisierung, Nationalismen und die Radikalisierung der politischen Sprache greifen tief in Biografien ein. Zweig beobachtet Verschiebungen von Werten: Maß und Mitte geraten unter Druck, Vertrauen in Institutionen erodiert, die Rolle des Intellektuellen wird prekär. Dabei bevorzugt er Beobachtung statt Anklage. Er interessiert sich für die Mechanik von Verführungen, für die Faszination des Neuen und die Müdigkeit alter Gewissheiten. So entsteht ein Porträt der Moderne als Zerreißprobe, die Orientierungen prüft und oft vernichtet.

Als Schriftsteller, der in mehreren Sprachen publiziert und in vielen Ländern gelebt hat, versteht Zweig Europa als geistige Landschaft jenseits nationaler Grenzen. In der Spätphase seiner Erinnerung rücken Papiere, Grenzen, Visa und Wartezimmer in den Vordergrund: die administrative Seite der Entwurzelung. Das Buch hält fest, wie Mobilität vom Privileg zur Notwendigkeit wird und wie aus Reisen Fluchten werden. Dennoch bewahrt es die Idee eines offenen Kontinents: Kultur als Übersetzung, Freundschaft als Diplomatie im Kleinen, Literatur als Austausch. Dieses Ideal trägt die Erzählung, ohne das Leid der Entortung zu beschönigen.

Die Welt von Gestern ist auch eine Reflexion über das Erinnern selbst. Zweig macht deutlich, dass Erinnerung Auswahl bedeutet und dass subjektive Wahrnehmung nie deckungsgleich mit aktenhafter Faktizität ist. Gerade diese Bewusstheit erhöht die Glaubwürdigkeit der Darstellung: Er bietet keine lückenlose Chronik, sondern eine perspektivische Wahrheit, die Atmosphäre, Mentalitäten und Haltungen einfängt. Dabei verschränkt er persönliche Episoden mit kulturhistorischen Beobachtungen, sodass aus einzelnen Szenen eine soziale Topografie entsteht. Das Buch wird so zum Archiv von Empfindungen, das die Temperatur einer verschwindenden Welt speichert.

Der literarische Einfluss des Werks zeigt sich in der Exilliteratur, in Autobiografien des 20. Jahrhunderts und in historischen Darstellungen, die Atmosphären ernst nehmen. Viele spätere Erinnerungsbücher greifen die von Zweig geprägte Balance aus persönlichem Zeugnis und europäischer Perspektive auf. In der öffentlichen Debatte fungiert das Buch als Referenztext für die Vorstellung, dass Kultur ein verbindendes Gegenüber zur Politik sein kann. Es hat die Rede von der untergegangenen bürgerlichen Welt populär gemacht und ist zu einem Schlüsseltext geworden, an dem sich Fragen nach Verantwortung, Moral und Öffentlichkeit messen lassen.

Heute bleibt das Buch relevant, weil es Erfahrungen beschreibt, die auch das 21. Jahrhundert beschäftigt: Migration, Entwurzelung, Polarisierung und die Erosion vertrauenswürdiger Institutionen. Zweig erinnert daran, wie schnell Gewöhnung an Freiheit in Selbstverständlichkeit und am Ende in Vergessenheit umschlagen kann. Seine Darstellung zeigt, dass kulturelle Offenheit und rechtsstaatliche Sicherungen keine Naturzustände sind, sondern Errungenschaften, die Pflege brauchen. Indem das Buch die Innerlichkeit des Verlusts schildert, macht es die politischen Risiken greifbar, ohne zu moralisieren. Es ermutigt, den Begriff Europa als zivilen Vertrag neu zu denken.

Zeitlos ist an Die Welt von Gestern die Verbindung aus sprachlicher Eleganz, intellektueller Redlichkeit und empathischer Beobachtung. Zweig sucht nicht die Sensation, sondern das Maß, nicht den heroischen Gestus, sondern die verlässliche Auskunft. Seine Erinnerung ist Einladung zum Gespräch mit der Vergangenheit und zur Prüfung der eigenen Gegenwart. Wer dieses Buch liest, begegnet einer Form von Humanismus, die nicht auf Parolen, sondern auf Erfahrung gründet. Darin liegt seine anhaltende Kraft: Es bewahrt, ohne zu verklären, und warnt, ohne zu erstarren. So bleibt es ein lebendiger Begleiter für Leserinnen und Leser von heute.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Welt von Gestern ist die autobiografische Rückschau des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig auf die Umbrüche Europas vom späten 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Entstanden im Exil und 1942 posthum veröffentlicht, verbindet das Buch persönliche Erinnerungen mit einer Kulturgeschichte der alten Habsburgerwelt und ihrer Nachkriegsordnungen. Zweig schildert seine Entwicklung vom bürgerlichen Kind in Wien zum international vernetzten Autor und Beobachter politischer Erosion. Leitend ist der Versuch, die Voraussetzungen einer Epoche zu verstehen, die sich als gesichert und zivilisiert empfand und doch in Katastrophen mündete. Die Erzählung folgt chronologisch, vom Frieden der Belle Époque bis zur Erfahrung der Emigration.

Im Mittelpunkt der Kindheitskapitel steht Wien als Hauptstadt der Donaumonarchie, ein Milieu von Schulen, Museen, Theatern und Kaffeehäusern. Zweig beschreibt eine großbürgerliche Erziehung, in der Bildung, Höflichkeit und kulturelle Teilhabe selbstverständlich schienen. Der Alltag ist geprägt von Stabilität, sozialer Ordnung und dem Vertrauen in technischen Fortschritt. Zugleich notiert er die Grenzen dieser Welt: feste Konventionen, subtile soziale Schranken und ein latentes, oft verdrängtes Ressentiment gegenüber Minderheiten. Früh erwacht in ihm die Neugier für Literatur und die Idee, Kultur könne Grenzen überbrücken. Diese Gewissheiten prägen seine Haltung, bevor politische Erschütterungen sie auf die Probe stellen.

In den Jahren vor 1914 tritt Zweig als Lyriker, Erzähler und Essayist hervor und bewegt sich selbstverständlich zwischen Städten und Sprachen Europas. Reisen, Studienaufenthalte und Begegnungen mit Künstlern und Gelehrten festigen sein kosmopolitisches Selbstverständnis. Er erlebt Verlage, Feuilletons und Bühnen als übernationale Austauschzonen, in denen Namen, Ideen und Manuskripte zirkulieren. Die Überzeugung, dass geistige Arbeit friedensstiftend wirkt, verbindet sich mit beruflichem Aufschwung. Zugleich deutet sich eine Spannung an: Die kulturelle Elite vertraut auf Verständigung, während nationalistische Töne lauter werden. Diese Diskrepanz bildet den Hintergrund des ersten großen Bruchs, der mit dem Sommer 1914 hereinbricht.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markiert den entscheidenden Wendepunkt. Zweig registriert zunächst die allgemeine Begeisterung und die Anziehungskraft kollektiver Parolen, erkennt aber rasch die zerstörerische Wucht von Propaganda und Feindbildern. Statt heroischer Taten erlebt er Bürokratie, Entwurzelung und die Verarmung geistiger Debatten. Aus Bewunderung für internationale Kultur erwächst eine dezidiert pazifistische Haltung. Die Einsicht, dass gebildete Gesellschaften vor Barbarei nicht gefeit sind, bildet eine zentrale Lehre dieser Kapitel. Der Krieg entlarvt den Selbstbetrug der Vorkriegsjahre und hinterlässt eine zersplitterte, verarmte und politisch radikalisierte Landschaft, in der auch Künstler und Intellektuelle ihre Rolle neu bestimmen müssen.

Nach 1918 schildert Zweig den Zusammenbruch der Monarchien, die Notjahre und die Orientierungslosigkeit der neuen Staaten. Er beobachtet Inflation, Migrationsbewegungen und das Ringen um demokratische Institutionen. Trotz materieller Engpässe sucht er Wege der Verständigung: Übersetzungen, Vorträge und Korrespondenzen sollen Brücken schlagen, wo Grenzen neu gezogen werden. Die Begegnungen mit Gleichgesinnten stärken die Hoffnung, Kultur könne Versöhnung ermöglichen. Zugleich bleibt die Ernüchterung präsent: Gewalt und Rachegefühle stehen friedlichen Initiativen entgegen. In dieser ambivalenten Atmosphäre etabliert er sich als international gelesener Autor, der Biografien und Erzählungen als moralische Erkundungen von Charakter, Gewissen und Verantwortung begreift.

Die Zwischenkriegszeit erscheint als kurze Blüte intensiver Mobilität und publizistischer Möglichkeiten. Zweig reist, liest vor, veröffentlicht in vielen Sprachen und pflegt ein dichtes Netzwerk mit Schriftstellern, Verlegern und Musikern. Seine Arbeit kreist um exemplarische Lebensläufe und die Frage, wie Einzelne in Zeiten der Beschleunigung Haltung bewahren. Während Theater, Rundfunk und Massenpresse neue Reichweiten schaffen, verändern sich Publikum und Tonlagen. Hinter der Oberfläche des Erfolgs registriert er Verrohung, ideologische Zuspitzungen und die Verwundbarkeit liberaler Institutionen. Der Glaube, dass Worte allein genügen, wird brüchig. Die politische Atmosphäre verdunkelt sich, und Warnsignale mehren sich in Alltag und Kultur.

Mit der Weltwirtschaftskrise und dem Aufstieg totalitärer Bewegungen verschärft sich der Bruch. Zensur, Hetze und Bücherverbrennungen signalisieren, dass Kultur zur Zielscheibe wird. Für Juden und Andersdenkende verengen sich Spielräume; Entlassungen, Berufsverbote und Übergriffe zerstören Biografien. Zweig beschreibt die schrittweise Entrechtung, das Schweigen vieler und den Mut weniger, die Widerstand leisten. Der Verlust von Heimat und rechtlicher Sicherheit zwingt ihn zur Emigration und trennt ihn von Bibliothek, Archiven und sozialer Verortung. Der Einschnitt betrifft nicht nur Personen, sondern die Idee Europas als offenes Gespräch. Was einst selbstverständlich war – Reisen, Druck, Austausch – wird riskant oder verboten.

Im Exil reflektiert Zweig über Identität, Zugehörigkeit und die Bedeutung der Muttersprache. Stationen in verschiedenen Ländern verdeutlichen ihm, wie sehr Kultur an Orte gebunden ist und zugleich über Grenzen hinausweist. Er beobachtet die Anpassungsleistungen der Emigration, die Mühen des Neubeginns und die innere Zerrissenheit zwischen Dankbarkeit und Verlust. Die Kriegsjahre verdichten das Gefühl, einer versinkenden Welt nachzuschreiben. Persönliche Erfahrungen werden zu Spiegeln eines kollektiven Schicksals, in dem Millionen entwurzelt werden. Dennoch hält er an der Vorstellung fest, dass Verständnis, Bildung und Empathie die Voraussetzungen jeder Erneuerung bleiben, auch wenn sie unter den gegebenen Bedingungen prekär erscheinen.

Das Buch endet nicht mit einer Lösung, sondern mit einer Prüfung von Gewissheiten. Es versteht sich als Zeugnis für die Fragilität zivilisatorischer Errungenschaften und als Mahnung gegen nationalistische Selbsttäuschungen. Indem es den Weg von der scheinbar gesicherten Ordnung zur Entgrenzung der Gewalt nachzeichnet, zeigt es, wie rasch Institutionen erodieren, wenn Vertrauen, Rechtsstaat und Austausch zerbrechen. Zugleich formuliert es einen europäischen Humanismus, der auf gegenseitiger Anerkennung beruht. Die nachhaltige Bedeutung liegt in dieser doppelten Geste: der Bewahrung einer untergegangenen Kultur und der Warnung, ihre Fehler nicht zu wiederholen. So bleibt die Erinnerung als Auftrag für Gegenwart und Zukunft.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Welt von Gestern entfaltet sich vor dem Hintergrund des spätkaiserlichen Österreichs, insbesondere Wiens um 1900. Die Donaumonarchie war seit dem Ausgleich von 1867 eine Doppelmonarchie mit starken bürokratischen und militärischen Institutionen, geprägt von der Figur des Kaisers, der katholischen Kirche und einer expandierenden Beamtenschaft. In dieser Ordnung fühlte sich ein gebildetes Bürgertum relativ sicher, getragen vom Goldstandard, von verlässlichen staatlichen Strukturen und wachsender Infrastruktur. Wien fungierte als politisches Zentrum, aber ebenso als kultureller Magnet Mitteleuropas. Dieses Gefühl von Ordnung und Berechenbarkeit ist eine zentrale Folie, vor der das spätere Erschüttern der Verhältnisse im Buch nachvollziehbar wird.

Im urbanen Alltag dominierten Bildungswege über das humanistische Gymnasium und die Universität, die eine einheitliche, klassisch geprägte Wissenswelt vermittelten. Kaffeehäuser, Salons und Verlage bildeten Knotenpunkte bürgerlicher Öffentlichkeit. Jüdische Familien, seit 1867 rechtlich emanzipiert, beteiligten sich sichtbar am Wirtschafts- und Kulturleben, wobei gesellschaftliche Schranken fortbestanden. In Wien verbanden sich Aufstiegschancen mit latenter und offener Judenfeindlichkeit, die etwa in der christlichsozialen Politik Karl Luegers Ausdruck fand. Diese Ambivalenz zwischen Öffnung und Ausgrenzung prägte die Erfahrungswelt, aus der das Erinnerungsbuch seine Spannung zwischen Zugehörigkeit und Bedrohung bezieht.

Kulturell dominierte um 1900 die Wiener Moderne: die Secession mit Gustav Klimt, Architekten wie Otto Wagner und Josef Hoffmann, und die stilkritische Umwälzung, die auch Adolf Loos vorantrieb. Gleichzeitig erlebte die Musik eine Umbruchphase mit neuen Harmonien und Debatten um Opern- und Konzertbetrieb. Theater und Feuilleton bildeten ein dichtes Resonanznetz; das Burgtheater, Verlage und Zeitungen setzten Trends über die Stadt hinaus. Diese ästhetische Modernisierung erzeugte eine Atmosphäre des Aufbruchs, in der Kunst und Lebensstil experimentierten – eine Welt, die Zweig im Rückblick als glanzvoll, zugleich aber verletzlich gegenüber politischen Stürmen zeichnet.

Parallel dazu veränderten wissenschaftliche und intellektuelle Bewegungen den Blick auf den Menschen. Die Psychoanalyse um Sigmund Freud stellte gewohnte Vorstellungen von Bewusstsein und Moral infrage. Naturwissenschaftliche Debatten in Physik und Biologie gewannen hohes öffentliches Interesse, während Rechts- und Sozialwissenschaften Reformideen in Bildung, Wohlfahrt und Arbeitswelt formulierten. Die dichte Publizistik, rasche Reproduktionstechniken und ein expandierender Buchmarkt trugen diese Ideen in weite Kreise. In dieser wissensorientierten Öffentlichkeit verankert, erschien gesellschaftlicher Fortschritt plausibel und kumulativ – ein Glaube, dem die politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts vehement widersprachen.

Ebenso prägend waren technische und logistische Neuerungen, die Europa enger zusammenführten. Dichte Eisenbahnnetze und Dampfschiffe erleichterten Reisen; internationale Postabkommen und Telegrafie beschleunigten Kommunikation. Vor 1914 waren Grenzübertritte für viele Europäer vergleichsweise unkompliziert, Pässe oft entbehrlich, und ein kosmopolitisches Bildungsreisen etablierter Schichten war verbreitet. Internationale Kongresse, Welt- und Friedenskonferenzen signalisierten die Hoffnung auf zwischenstaatliche Verständigung. Diese Mobilität, die den Habitus einer europäischen Gemeinsamkeit förderte, bildet im Buch den Kontrast zu späteren Visaregimen, Grenzsperren und der Enge des Exils.

Unter der glatten Oberfläche wuchsen jedoch Spannungen. Nationalbewegungen im Vielvölkerstaat forderten Sprachenrechte und politische Autonomie; in den Städten konkurrierten Sozialdemokratie, Liberale und christlichsoziale Lager. Gewerkschaftliche Organisationen und Massenparteien veränderten Wahlkämpfe, die seit der Einführung des allgemeinen (männlichen) Wahlrechts in Cisleithanien 1907 massenwirksamer wurden. Antisemitische Strömungen verbanden soziale Ängste mit ideologischen Feindbildern. Gleichzeitig strahlten Konflikte außerhalb Österreichs – etwa die Dreyfus-Affäre – in die Debatten der Intellektuellen. Das Vertrauen in einen linearen Fortschritt blieb stark, aber erste Risse wurden sichtbar, die Zweigs Rückblick akzentuiert.

Der Krieg von 1914 zerschlug die Ordnung. Nach dem Attentat von Sarajevo wuchs in vielen Städten zunächst eine Stimmung des Pflichtgefühls, bald begleitet von Zensur, Mangelwirtschaft und der Systematisierung von Propaganda. Millionen wurden mobilisiert; an der Heimatfront prägten Lebensmittelknappheit, Kriegsanleihen und Verlustmeldungen den Alltag. Intellektuelle und Künstler wurden in kulturelle Kriegsdienste eingebunden oder suchten Distanz. Der Unterschied zwischen dem erwarteten kurzen Feldzug und dem realen Abnutzungskrieg markiert im Geist der Epoche einen radikalen Bruch, den die Erinnerungen als moralische und kulturelle Katastrophe festhalten.

Gegenstimmen formierten sich, oft im neutralen Ausland. In der Schweiz artikulierten Schriftsteller und Aktivisten pazifistische Positionen; Romain Rollands Appell, aus der Überhitzung nationaler Leidenschaften herauszutreten, wurde europaweit diskutiert. Internationale Hilfsorganisationen versuchten, Not zu lindern, während Regierungen Deserteure und Kriegsgegner strafrechtlich verfolgten. Diese Gegenöffentlichkeit blieb zunächst randständig, gewann aber im Verlauf des Krieges an Resonanz. Der Austausch über Grenzen hinweg, trotz Zensur und Reiseschranken, zeigt, wie kulturelle Netzwerke selbst unter Ausnahmebedingungen bestanden – ein Motiv, das in Zweigs weltoffener Haltung wiederkehrt.

Mit dem Herbst 1918 kollabierten mehrere Großreiche. Österreich-Ungarn zerfiel in Nachfolgestaaten; das neue Österreich war territorial verkleinert und wirtschaftlich geschwächt. Friedensverträge wie Saint-Germain ordneten Grenzen und Verpflichtungen neu. In vielen Städten prägten der Übergang zur Republik, die Suche nach demokratischen Institutionen und die Versorgungskrise den Alltag; Epidemien verschärften die Not. Für Wien bedeutete der Verlust des Hinterlands den Abbruch vertrauter Kreisläufe von Handel und Versorgung. Im Erinnerungsbild wird dieser Bruch als Ende einer Zivilisation verstanden, deren Selbstverständlichkeit über Nacht verschwand.

Die Zwischenkriegszeit begann von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt. Inflation und Währungsreformen trafen breite Schichten, ehe internationale Kredite und Stabilisierungspolitik Entspannung brachten. Gleichzeitig verbreiteten sich neue Medien: Kino etablierte sich als Massenattraktion, Radio als häusliches Informations- und Unterhaltungsmedium, der Grammophonmarkt wuchs. Telefone und Schreibmaschinen veränderten Büro- und Kommunikationskulturen. Diese Techniken formten eine entstehende Massengesellschaft, die Informationen rascher verbreitete und Stimmungen kollektiv aufschaukelte. Das kulturelle Leben gewann an Reichweite, verlor aber an Exklusivität – eine Ambivalenz, die das Buch reflektiert.

In den 1920er Jahren blühte in Mitteleuropa künstlerische Innovation. Theaterreformen, experimenteller Film und kabarettistische Satire kommentierten die junge Republik wie auch die Krisenerfahrungen. In Literatur und Publizistik wurden psychologische Tiefenbohrungen, reportagehafte Nüchternheit und ästhetische Traditionslinien miteinander verschränkt. Der deutschsprachige Buchmarkt internationalisierte sich; Übersetzungen zirkulierten, und erfolgreiche Autoren wurden europaweit gelesen. Diese Verdichtung einer europäischen Kultur, die Grenzen als durchlässig erlebte, vermittelt den Hintergrund von Zweigs Publikumserfolg und seiner Selbstverortung als „Europäer“, die im Titel des Werkes aufscheint.

Politisch radikalisierte sich Österreich jedoch zusehends. Der Justizpalastbrand 1927 nach einem umstrittenen Urteil vertiefte Gräben zwischen Arbeiterschaft und konservativen Lagern. Paramilitärische Formationen wie Schutzbund und Heimwehr standen einander gegenüber. Anfang der 1930er Jahre führte die Weltwirtschaftskrise zu Massenarbeitslosigkeit und Legitimationsverlust. 1933 schaltete die Regierung das Parlament de facto aus; 1934 mündete die Eskalation in einen kurzen Bürgerkrieg, das sozialdemokratische Lager wurde niedergeworfen, und ein autoritärer Ständestaat etabliert. In diesem Klima verengte sich die Meinungsfreiheit, viele Intellektuelle suchten Distanz oder verließen das Land.

In Deutschland vollzog sich zeitgleich nach 1933 die nationalsozialistische Machtübernahme mit umfassender Gleichschaltung. Bücherverbrennungen signalisierten symbolisch die Ausschaltung unliebsamer Stimmen; jüdische, sozialdemokratische, linksliberale und viele bürgerlich-humanistische Autoren wurden verbannt, verfolgt oder mundtot gemacht. Berufsverbote, Zensur und rassistische Gesetzgebung entfalteten eine Sogwirkung über die Grenze nach Österreich, dessen innenpolitische Polarisierung den Druck auf Minderheiten verschärfte. Für den deutschsprachigen Literaturbetrieb bedeutete dies die Verlagerung ins Exil: Manuskripte erschienen nun in Amsterdam, Zürich, Stockholm oder Prag, getragen von Verlegern, die den geistigen Austausch bewahren wollten.

Die neuen Massenmedien verstärkten zugleich moderne Herrschaftstechniken. Radioansprachen, Lautsprecherpolitik und Wochenschauen bündelten Emotionen, vereinheitlichten Botschaften und machten politische Rituale omnipräsent. Visualisierte Propaganda und präzise organisierte Aufmärsche verdichteten das Erlebnis kollektiver Zugehörigkeit – ein Gegenentwurf zur liberalen Öffentlichkeit der Kaffeehäuser und Zeitschriften. Gleichzeitig wurden Grenzen durch Passpflichten, Visaquoten und Polizeikooperationen restriktiver. Wo vor 1914 relative Reisefreiheit bestanden hatte, dominierten nun Kontrollen. Diese Verschiebung von Offenheit zu Reglementierung ist ein Kernmotiv, das das Erinnerungsbuch als Zivilisationsverlust kennzeichnet.

Für Autoren bedeutete das Exil eine Neuorganisation ihrer Existenz. Viele wechselten Stationen – Schweiz, Frankreich, Großbritannien – und versuchten, Arbeits- und Aufenthaltsrechte zu sichern. Exilverlage wie Querido (Amsterdam), Oprecht (Zürich) oder Bermann-Fischer (im Exil) wurden zu zentralen Institutionen. Mit Kriegsbeginn 1939 verschärften sich Unsicherheiten; Flüchtlinge standen unter Verdacht, sahen sich Restriktionen und Papierkrisen im Verlagswesen gegenüber. In dieser Lage gewann das autobiografische Schreiben an Bedeutung: Es diente der Selbstvergewisserung, dokumentierte Erfahrungsverluste und suchte ein transnationales Publikum, das die Zerstörungen der europäischen Kulturgeschichte verstehen wollte.

Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 beseitigte die verbliebenen Spielräume der österreichischen Eigenstaatlichkeit. Verfolgung, Enteignungen und Gewalt – kulminierend in den Novemberpogromen – zwangen zahlreiche Menschen zur Flucht. Mit dem europaweiten Krieg ab 1939 wurden Emigrationswege prekär; Transit über Südfrankreich und die iberische Halbinsel nach Übersee gewann an Bedeutung. Lateinamerikanische Länder nahmen Exilierte auf, ebenso die USA und Teile des britischen Commonwealth. Diese globale Dislokation, in der persönliche Netzwerke, Hilfskomitees und Stipendien überlebenswichtig wurden, bildet den unmittelbaren Hintergrund der Entstehung des Erinnerungswerks.

Die Welt von Gestern entstand in den Jahren des Exils, als kontinentale Erfahrungen aus der Distanz neu geordnet wurden. Der Rückblick kontrastiert die bürgerlich-liberale Welt vor 1914, die turbulente Zwischenkriegszeit und die totalitären 1930er Jahre. Stilistisch verbindet das Buch persönliche Erinnerungen mit kulturhistorischer Beobachtung, ohne sich auf tagespolitische Chronik zu beschränken. Diese Perspektive erlaubt eine Verdichtung dessen, was als europäische Zivilisation galt: Bildungsethos, Gesprächskultur, Pluralität. Zugleich benennt der Text die Fragilität dieser Ordnung, sobald Ressentiments, Staatsgewalt und Massenmedien in den Dienst aggressiver Ideologien gestellt werden, die den Einzelnen überrollen können. Während der Verfolgung und im Exil entstanden, war das Werk auf ein verteiltes Netz von Lesern angewiesen, die Zugang über Exilverlage und Übersetzungen fanden. Entscheidende Stationen der Veröffentlichung lagen außerhalb des deutschsprachigen Kernlands – ein Symptom der erzwungenen Diaspora des Geisteslebens. Als das Buch 1942 auf Deutsch in Stockholm postum erschien, schloss es zugleich einen Lebens- und einen europäischen Abschnitt ab, während der Krieg noch andauerte und die Verluste unabsehbar waren. In seiner Rezeption wurde das Werk rasch zu einem Zeugnis jener untergegangenen Welt, für die es den Titel programmatisch gewählt hatte. Der historische Resonanzraum dieses Textes bleibt der gesamteuropäische Umbruch. Habsburgs Ende, die Krisen der Ersten Republik, die Gleichschaltung in Deutschland, der Anschluss und das Exil verdichten sich zu einem Lehrstück über die Anfälligkeit offener Gesellschaften. Kulturelle Blüte, wirtschaftliche Modernisierung und technischer Fortschritt konnten politische Radikalisierung nicht aufhalten; sie lieferten teils sogar Instrumente für Massenlenkung. Indem das Buch diesen Widerspruch sichtbar macht, kritisiert es nicht nur eine Epoche, sondern reflektiert die Bedingungen ihrer Möglichkeit.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881, Wien – 1942, Petrópolis) war einer der international erfolgreichsten österreichischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Als Meister der Novelle, des Essays und der biografischen Darstellung verband er elegante Erzählkunst mit präziser psychologischer Beobachtung. Seine Laufbahn spannt das Wiener Fin de Siècle, die Katastrophen der Weltkriege und das Exil. Zweig verstand Literatur als menschliche Verständigung über Grenzen hinweg und sah sich als Europäer. Seine Bücher erreichten ein Massenpublikum, ohne intellektuelle Ambition zu verlieren, und machten ihn zum sensiblen Chronisten einer Epoche, in der persönliche Schicksale und politische Erschütterungen unauflöslich ineinandergreifen.

Zweig studierte in Wien Philosophie und schloss 1904 mit einer Dissertation über Hippolyte Taine zum Doktor ab. Früh reiste er vielfach durch Europa und vertiefte seine Bindungen an die französisch-belgische Moderne; er übersetzte unter anderem Werke Émile Verhaerens. Zugleich prägte ihn die Wiener Moderne samt ihrem Sinn für Stil, Musikalisierung der Prosa und psychologische Feinzeichnung. Kontakte und Briefwechsel mit Zeitgenossen wie Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud festigten seine europäische Vernetzung. Die Auseinandersetzung mit Psychoanalyse und Symbolismus schärfte seinen Blick für innere Konflikte, der später seine Novellen und biografischen Porträts charakteristisch durchdrang.

Vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Zweig Gedichte, Essays und erste Erzählungen und etablierte sich als vielseitige Stimme der österreichischen Moderne. Während des Krieges arbeitete er im Österreichischen Kriegsarchiv, was seine zunächst euphorischen Töne dämpfte und zu einer klaren pazifistischen Haltung führte. Mit dem Drama Jeremias (1917) plädierte er für Gewissensfreiheit und Menschlichkeit. In den 1920er-Jahren entfaltete er seine Meisterschaft in der Novelle: Amok und Brief einer Unbekannten wurden international bekannt. Wiederkehrende Motive sind innere Zwänge, Obsession, moralische Verfehlung und späte Einsicht, erzählt in einer stilistisch geschmeidigen, oft spannungsbetonten, von Empathie getragenen Prosa.

Parallel dazu profilierte sich Zweig als Biograf und Historienerzähler, der Faktenkenntnis mit dramatischer Zuspitzung verband. Der Kampf mit dem Dämon (1925) zeichnete psychologische Porträts von Kleist, Hölderlin und Nietzsche. Mit Sternstunden der Menschheit (1927) schuf er prägnante Miniaturen historischer Wendepunkte. Es folgten Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen (1929), Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters (1932), Erasmus von Rotterdam. Triumph und Tragik (1934) und Magellan. Der Mann und seine Tat (1938). Diese Bücher wurden breit gelesen und prägten das populäre Verständnis von Geschichte als Bühne starker Charaktere und folgenreicher Entscheidungen.

Zweigs geistige Haltung war humanistisch, kosmopolitisch und entschieden antinationalistisch. Aus der Erfahrung des Krieges erwuchs ihm ein dauerhaftes Engagement für Verständigung; seine Vorträge und Essays propagierten eine europäische Kultur des Dialogs. Das Drama Jeremias steht dafür ebenso wie zahlreiche literarische Figuren, die an Pflicht, Mitleid und Schuld ringen. Zugleich wahrte er in Politikfragen Distanz zu Parteibindungen und setzte auf moralische Autorität der Kunst. Diese Überzeugungen spiegeln sich in seiner empathischen Psychologie ebenso wie in den historischen Büchern, die Verantwortung, Toleranz und die Ambivalenz persönlicher Motive deutlich in den Mittelpunkt rücken.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Bücher in Deutschland 1933 verboten. 1934 verließ Zweig Österreich, lebte in Großbritannien und emigrierte später über die USA nach Brasilien. Die zunehmende Zerstörung Europas prägte seine späten Werke: Der Roman Ungeduld des Herzens (1939) behandelt moralische Verstrickung und Mitgefühl; die Schachnovelle (1942) bündelt Erfahrungen von Isolation und geistigem Widerstand; die Autobiografie Die Welt von Gestern erschien 1942 postum. In Petrópolis nahm sich Zweig 1942 das Leben, tief getroffen vom Verlust einer kulturellen Heimat und der Aussichtslosigkeit der politischen Lage. Sein Exilschicksal steht exemplarisch für die Entwurzelung vieler mitteleuropäischer Intellektueller jener Jahre.

Zweigs Wirkung reicht weit über seine Lebenszeit hinaus. Seine Novellen, Biografien und historischen Miniaturen werden bis heute breit gelesen und vielfach neu übersetzt; Bühnen- und Filmadaptionen halten seine Stoffe lebendig. In der Forschung gilt er als prägende Stimme der Exilliteratur und als populärer Vermittler von Geschichte, der Einfühlung und Faktentreue verbindet. Sein europäischer Humanismus, die Skepsis gegenüber Fanatismus und die Aufmerksamkeit für innere Konflikte sprechen eine Gegenwart an, die erneut von Umbrüchen gezeichnet ist. So bleibt Zweig als eleganter Stilist und als Chronist moralischer Bewährungsproben präsent. Sein Werk inspiriert weiterhin Diskussionen über Verantwortung, Empathie und die Rolle der Kunst in Krisenzeiten.

Die Welt von Gestern (Autobiografie)

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Welt der Sicherheit
Die Schule im vorigen Jahrhundert
Eros Matutinus
Universitas vitae
Paris, die Stadt der ewigen Jugend
Umwege auf dem Wege zu mir selbst
Über Europa hinaus
Glanz und Schatten über Europa
Die ersten Stunden des Krieges von 1914
Der Kampf um die geistige Brüderschaft
Im Herzen Europas
Heimkehr nach Österreich
Wieder in der Welt
Sonnenuntergang
Incipit Hitler
Die Agonie des Friedens
»Begegnen wir der Zeit,
wie sie uns sucht.«
Shakespeare, ›Cymbeline‹

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war. Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte ›Ich weiß nicht wohin‹. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich, wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt, ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt. Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: ›Mein Leben‹, ich mich unwillkürlich frage: ›Welches Leben?‹ Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: ›Mein Haus‹ und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich ›bei uns‹ sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten. Jedesmal, wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahre war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben. Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, – und manche gesegneten Länder, gesegneten Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum anderen Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den anderen auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers[1] durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sichabseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.

Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.

Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren. Aber die gute Kunst, Verlorenem nicht nachzutrauern, hat unsere Generation gründlich gelernt, und vielleicht wird der Verlust an Dokumentierung und Detail diesem meinem Buche sogar zum Gewinn. Denn ich betrachte unser Gedächtnis nicht als ein das eine bloß zufällig behaltendes und das andere zufällig verlierendes Element, sondern als eine wissend ordnende und weise ausschaltende Kraft. Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden. So sprecht und wählt, ihr Erinnerungen, statt meiner, und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkel sinkt!

Die Welt der Sicherheit

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Still und eng und ruhig auferzogenWirft man uns auf einmal in die Welt;Uns umspülen hunderttausend Wogen,Alles reizt uns, mancherlei gefällt,Mancherlei verdrießt uns, und von Stund zu StundenSchwankt das leicht unruhige Gefühl;Wir empfinden, und was wir empfunden,Spült hinweg das bunte Weltgewühl.Goethe

Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege[2], in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit[1q]. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone[3], lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten[5] für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.

In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.

Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat. Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.

Heute, da das große Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, daß jene Welt der Sicherheit ein Traumschloß gewesen. Aber doch, meine Eltern haben darin gewohnt wie in einem steinernen Haus. Kein einziges Mal ist ein Sturm oder eine scharfe Zugluft in ihre warme, behagliche Existenz eingebrochen; freilich hatten sie noch einen besonderen Windschutz: sie waren vermögende Leute, die allmählich reich und sogar sehr reich wurden, und das polsterte in jenen Zeiten verläßlich Fenster und Wand. Ihre Lebensform scheint mir dermaßen typisch für das sogenannte ›gute jüdische Bürgertum‹, das der Wiener Kultur so wesentliche Werte gegeben hat und zum Dank dafür völlig ausgerottet wurde, daß ich mit dem Bericht ihres gemächlichen und lautlosen Daseins eigentlich etwas Unpersönliches erzähle: so wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.

Die Familie meines Vaters stammte aus Mähren. In kleinen ländlichen Orten lebten dort die jüdischen Gemeinden in bestem Einvernehmen mit der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum; so fehlte ihnen völlig die Gedrücktheit und andererseits die geschmeidig vordrängende Ungeduld der galizischen, der östlichen Juden. Stark und kräftig durch das Leben auf dem Lande, schritten sie sicher und ruhig ihren Weg wie die Bauern ihrer Heimat über das Feld. Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, waren sie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des ›Fortschritts‹ und stellten in der politischen Ära des Liberalismus die geachtetsten Abgeordneten im Parlament. Wenn sie aus ihrer Heimat nach Wien übersiedelten, paßten sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der höheren Kultursphäre an, und ihr persönlicher Aufstieg verband sich organisch dem allgemeinen Aufschwung der Zeit. Auch in dieser Form des Übergangs war unsere Familie durchaus typisch. Mein Großvater väterlicherseits hatte Manufakturwaren vertrieben. Dann begann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die industrielle Konjunktur in Österreich. Die aus England importierten mechanischen Webstühle und Spinnmaschinen brachten durch Rationalisierung eine ungeheure Verbilligung gegenüber der altgeübten Handweberei, und mit ihrer kommerziellen Beobachtungsgabe, ihrem internationalen Überblick waren es die jüdischen Kaufleute, die als erste in Österreich die Notwendigkeit und Ergiebigkeit einer Umstellung auf industrielle Produktion erkannten. Sie gründeten mit meist geringem Kapital jene rasch improvisierten, zunächst nur mit Wasserkraft betriebenen Fabriken, die sich allmählich zur mächtigen, ganz Österreich und den Balkan beherrschenden böhmischen Textilindustrie erweiterten. Während also mein Großvater als typischer Vertreter der früheren Epoche nur dem Zwischenhandel mit Fertigprodukten gedient, ging mein Vater schon entschlossen hinüber in die neue Zeit, indem er in Nordböhmen in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr eine kleine Weberei begründete, die er dann im Laufe der Jahre langsam und vorsichtig zu einem stattlichen Unternehmen ausbaute.

Solche vorsichtige Art der Erweiterung trotz einer verlockend günstigen Konjunktur lag durchaus im Sinne der Zeit. Sie entsprach außerdem noch besonders der zurückhaltenden und durchaus ungierigen Natur meines Vaters. Er hatte das Credo seiner Epoche ›Safety first‹ in sich aufgenommen; es war ihm wesentlicher, ein ›solides‹ – auch dies ein Lieblingswort jener Zeit – Unternehmen mit eigener Kapitalkraft zu besitzen, als es durch Bankkredite oder Hypotheken ins Großdimensionale auszubauen. Daß zeitlebens nie jemand seinen Namen auf einem Schuldschein, einem Wechsel gesehen hatte und er nur immer auf der Habenseite seiner Bank – selbstverständlich der solidesten, der Rothschildbank[4], der Kreditanstalt – gestanden, war sein einziger Lebensstolz. Jeglicher Verdienst mit auch nur dem leisesten Schatten eines Risikos war ihm zuwider, und durch all seine Jahre beteiligte er sich niemals an einem fremden Geschäft. Wenn er dennoch allmählich reich und immer reicher wurde, hatte er dies keineswegs verwegenen Spekulationen oder besonders weitsichtigen Operationen zu danken, sondern der Anpassung an die allgemeine Methode jener vorsichtigen Zeit, immer nur einen bescheidenen Teil des Einkommens zu verbrauchen und demzufolge von Jahr zu Jahr einen immer beträchtlicheren Betrag dem Kapital zuzulegen. Wie die meisten seiner Generation hätte mein Vater jemanden schon als bedenklichen Verschwender betrachtet, der unbesorgt die Hälfte seiner Einkünfte aufzehrte, ohne – auch dies ein ständiges Wort aus jenem Zeitalter der Sicherheit – ›an die Zukunft zu denken‹. Dank diesem ständigen Zurücklegen der Gewinne bedeutete in jener Epoche steigender Prosperität, wo überdies der Staat nicht daran dachte, auch von den stattlichsten Einkommen mehr als ein paar Prozent an Steuern abzuknappen und andererseits die Staats-und Industriewerte hohe Verzinsung brachten, für den Vermögenden das Immerreicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung. Und sie lohnte sich; noch wurde nicht wie in den Zeiten der Inflation der Sparsame bestohlen, der Solide geprellt, und gerade die Geduldigsten, die Nichtspekulanten hatten den besten Gewinn. Dank dieser Anpassung an das allgemeine System seiner Zeit konnte mein Vater schon in seinem fünfzigsten Jahre auch nach internationalen Begriffen als sehr vermögender Mann gelten. Aber nur sehr zögernd folgte die Lebenshaltung unserer Familie dem immer rascheren Anstieg des Vermögens nach. Man legte sich allmählich kleine Bequemlichkeiten zu, wir übersiedelten aus einer kleinen Wohnung in eine größere, man hielt sich im Frühjahr für die Nachmittage einen Mietswagen, reiste zweiter Klasse mit Schlafwagen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahr gönnte sich mein Vater zum erstenmal den Luxus, mit meiner Mutter für einen Monat im Winter nach Nizza zu fahren. Im ganzen blieb die Grundhaltung, Reichtum zu genießen, indem man ihn hatte und nicht indem man ihn zeigte, völlig unverändert; noch als Millionär hat mein Vater noch nie eine Importe geraucht, sondern – wie Kaiser Franz Joseph seine billige Virginia – die einfache ärarische Trabuco, und wenn er Karten spielte, geschah es immer nur um kleine Einsätze. Unbeugsam hielt er an seiner Zurückhaltung, seinem behaglichen, aber diskreten Leben fest. Obwohl ungleich repräsentabler und gebildeter als die meisten seiner Kollegen – er spielte ausgezeichnet Klavier, schrieb klar und gut, sprach Französisch und Englisch –, hat er beharrlich sich jeder Ehre und jedem Ehrenamt verweigert, zeitlebens keinen Titel, keine Würde angestrebt oder angenommen, wie sie ihm oft in seiner Stellung als Großindustrieller angeboten wurde. Niemals jemanden um etwas gebeten zu haben, niemals zu ›bitte‹ oder ›danke‹ verpflichtet gewesen zu sein, dieser geheime Stolz bedeutete ihm mehr als jede Äußerlichkeit.

Nun kommt im Leben eines jedweden unweigerlich die Zeit, da er im Bilde seines Wesens dem eigenen Vater wiederbegegnet. Jener Wesenszug zum Privaten, zum Anonymen der Lebenshaltung beginnt sich in mir jetzt von Jahr zu Jahr stärker zu entwickeln, so sehr er eigentlich im Widerspruch steht zu meinem Beruf, der Name und Person gewissermaßen zwanghaft publik macht. Aber aus dem gleichen geheimen Stolz habe ich seit je jede Form äußerer Ehrung abgelehnt, keinen Orden, keinen Titel, keine Präsidentschaft in irgendeinem Vereine angenommen, nie einer Akademie, einem Vorstand, einer Jury angehört; selbst an einer festlichen Tafel zu sitzen ist mir eine Qual, und schon der Gedanke, jemanden um etwas anzusprechen, trocknet mir – selbst wenn meine Bitte einem Dritten gelten soll – die Lippe schon vor dem ersten Wort. Ich weiß, wie unzeitgemäß derlei Hemmungen sind in einer Welt, wo man nur frei bleiben kann durch List und Flucht, und wo, wie Vater Goethe weise sagte, ›Orden und Titel manchen Puff abhalten im Gedränge‹. Aber es ist mein Vater in mir und sein heimlicher Stolz, der mich zurückzwingt, und ich darf ihm nicht Widerstand leisten; denn ihm danke ich, was ich vielleicht als meinen einzig sicheren Besitz empfinde: das Gefühl der inneren Freiheit.

Meine Mutter, die mit ihrem Mädchennamen Brettauer hieß, war von einer anderen, einer internationalen Herkunft. Sie war in Ancona, im südlichen Italien geboren und Italienisch ebenso ihre Kindheitssprache wie Deutsch; immer wenn sie mit meiner Großmutter oder ihrer Schwester etwas besprach, was die Dienstboten nicht verstehen sollten, schaltete sie auf Italienisch um. Risotto und die damals noch seltenen Artischocken sowie die andern Besonderheiten der südlichen Küche waren mir schon von frühester Jugend an vertraut, und wann immer ich später nach Italien kam, fühlte ich mich von der ersten Stunde zu Hause. Aber die Familie meiner Mutter war keineswegs italienisch, sondern bewußt international; die Brettauers, die ursprünglich ein Bankgeschäft besaßen, hatten sich – nach dem Vorbild der großen jüdischen Bankiersfamilien, aber natürlich in viel winzigeren Dimensionen – von Hohenems, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze, frühzeitig über die Welt verteilt. Die einen gingen nach St. Gallen, die andern nach Wien und Paris, mein Großvater nach Italien, ein Onkel nach New York, und dieser internationale Kontakt verlieh ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick und dazu einen gewissen Familienhochmut. Es gab in dieser Familie keine kleinen Kaufleute, keine Makler mehr, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen, und ich erinnere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man bei meiner Tante in Paris bei Tisch von der einen zur andern hinüberwechselte. Es war eine Familie, die sorgsam ›auf sich hielt‹, und wenn ein junges Mädchen aus der ärmeren Verwandtschaft heiratsreif wurde, steuerte die ganze Familie eine stattliche Mitgift zusammen, nur um zu verhindern, daß sie ›nach unten‹ heirate. Mein Vater wurde als Großindustrieller zwar respektiert, aber meine Mutter, obwohl in der glücklichsten Ehe mit ihm verbunden, hätte nie geduldet, daß sich seine Verwandten mit den ihren auf eine Linie gestellt hätten. Dieser Stolz, aus einer ›guten‹ Familie zu stammen, war bei allen Brettauers unausrottbar, und wenn in späteren Jahren einer von ihnen mir sein besonderes Wohlwollen bezeigen wollte, äußerte er herablassend: »Du bist doch eigentlich ein rechter Brettauer«, als ob er damit anerkennend sagen wollte: »Du bist doch auf die rechte Seite gefallen.«

Diese Art Adel, den sich manche jüdische Familie aus eigener Machtvollkommenheit zulegte, hat mich und meinen Bruder schon als Kinder bald amüsiert und bald verärgert. Immer bekamen wir zu hören, daß dies ›feine‹ Leute seien und jene ›unfeine‹, bei jedem Freunde wurde nachgeforscht, ob er aus ›guter‹ Familie sei und bis ins letzte Glied Herkunft sowohl der Verwandtschaft als des Vermögens überprüft. Dieses ständige Klassifizieren, das eigentlich den Hauptgegenstand jedes familiären und gesellschaftlichen Gesprächs bildete, schien uns damals höchst lächerlich und snobistisch, weil es sich doch schließlich bei allen jüdischen Familien nur um einen Unterschied von fünfzig oder hundert Jahren dreht, um die sie früher aus demselben jüdischen Ghetto gekommen sind. Erst viel später ist es mir klar geworden, daß dieser Begriff der ›guten‹ Familie, der uns Knaben als eine parodistische Farce einer künstlichen Pseudoaristokratie erschien, eine der innersten und geheimnisvollsten Tendenzen des jüdischen Wesens ausdrückt. Im allgemeinen wird angenommen, reich zu werden sei das eigentliche und typische Lebensziel eines jüdischen Menschen. Nichts ist falscher. Reich zu werden bedeutet für ihn nur eine Zwischenstufe, ein Mittel zum wahren Zweck und keineswegs das innere Ziel. Der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal ist der Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht. Schon im östlichen orthodoxen Judentum, wo sich die Schwächen ebenso wie die Vorzüge der ganzen Rasse intensiver abzeichnen, findet diese Suprematie des Willens zum Geistigen über das bloß Materielle plastischen Ausdruck: der Fromme, der Bibelgelehrte, gilt tausendmal mehr innerhalb der Gemeinde als der Reiche; selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistesmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann. Diese Überordnung des Geistigen geht bei den Juden einheitlich durch alle Stände; auch der ärmste Hausierer, der seine Packen durch Wind und Wetter schleppt, wird versuchen, wenigstens einen Sohn unter den schwersten Opfern studieren zu lassen, und es wird als Ehrentitel für die ganze Familie betrachtet, jemanden in ihrer Mitte zu haben, der sichtbar im Geistigen gilt, einen Professor, einen Gelehrten, einen Musiker, als ob er durch seine Leistung sie alle adelte. Unbewußt sucht etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichen anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben, als wollte er – wagnerisch gesprochen – sich und seine ganze Rasse vom Fluch des Geldes erlösen. Darum ist auch fast immer im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten und warmen Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, daß ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde; sie alle gehorchten dem gleichen, unbewußten Trieb, sich von dem frei zu machen, was das Judentum eng gemacht, vom bloßen kalten Geldverdienen, und vielleicht drückt sich darin sogar die geheime Sehnsucht aus, durch Flucht ins Geistige sich aus dem bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche aufzulösen. Eine ›gute‹ Familie meint also mehr als das bloß Gesellschaftliche, das sie selbst mit dieser Bezeichnung sich zubilligt; sie meint ein Judentum, das sich von allen Defekten und Engheiten und Kleinlichkeiten, die das Ghetto ihm aufgezwungen, durch Anpassung an eine andere Kultur und womöglich eine universale Kultur befreit hat oder zu befreien beginnt. Daß diese Flucht ins Geistige durch eine unproportionierte Überfüllung der intellektuellen Berufe dem Judentum dann ebenso verhängnisvoll geworden ist wie vordem seine Einschränkung ins Materielle, gehört freilich zu den ewigen Paradoxien des jüdischen Schicksals.

In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. Von dem alten Habsburgerreich, das einmal Europa beherrscht, waren längst wichtigste und wertvollste Provinzen abgefallen, deutsche und italienische, flandrische und wallonische; unversehrt in ihrem alten Glanz war die Hauptstadt geblieben, der Hort des Hofes, die Wahrerin einer tausendjährigen Tradition. Die Römer hatten die ersten Steine dieser Stadt aufgerichtet, als ein Castrum, als vorgeschobenen Posten, um die lateinische Zivilisation zu schützen gegen die Barbaren, und mehr als tausend Jahre später war der Ansturm der Osmanen gegen das Abendland an diesen Mauern zerschellt. Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slawischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das Wienerische. Aufnahmewillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind, hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewußt wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.