Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers - Stefan Zweig - E-Book

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers E-Book

Zweig Stefan

0,0
1,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers" bietet Stefan Zweig eine eindringliche Reflexion über das verlorene Europa vor dem Ersten Weltkrieg. In einem eleganten und nostalgisch gefärbten Schreibstil beschreibt er seine Erlebnisse und die kulturellen wie politischen Umbrüche, die das Antlitz Europas nachhaltig veränderten. Zweigs autobiografische Erinnerungen sind nicht nur ein persönlicher Rückblick, sondern auch ein visuelles Panorama der geistigen Strömungen seiner Zeit, das eine reiche Palette an künstlerischen und intellektuellen Begegnungen umfasst. Diese Memoiren sind somit ein wertvolles Dokument für das Verständnis der europäischen Identität im frühen 20. Jahrhundert. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller und bedeutender Intellektueller des 20. Jahrhunderts, war bekannt für seine tiefenpsychologischen und empathischen Charakterstudien. Sein Leben war geprägt von einem multikulturellen Umfeld, das ihn dazu inspirierte, die Vielfalt der europäischen Kulturen zu erkunden. Die Schatten des Krieges und die anschließende Emigration formten seinen Blick auf die Zerrissenheit der Welt, was einen klaren Einfluss auf seine Schriftstellerei hatte und ihm half, die innere Zerrissenheit seiner Zeit festzuhalten. Für Leser, die sich für die komplexen Beziehungen zwischen Kultur, Politik und persönlicher Identität interessieren, ist "Die Welt von Gestern" ein unerlässliches Werk. Zweigs bewegende Prosa und seine scharfsinnigen Einblicke in die menschliche Psyche machen das Buch zu einem zeitlosen Meisterwerk, das sowohl zum Nachdenken anregt als auch eine tragische Schönheit in der Erinnerung an vergangene Zeiten offenbart. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zweig Stefan

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers

Bereicherte Ausgabe. Eine faszinierende Reise durch die Welt des frühen 20. Jahrhunderts und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Sterling Hale
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547690672

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein feiner Riss durchzieht die glänzende Oberfläche einer Epoche, und mit ihm bricht eine ganze Welt in Erinnerung auf. In diesem Spalt zwischen Glanz und Zusammenbruch setzt Stefan Zweig an, um die flüchtige Schönheit einer untergegangenen Ordnung festzuhalten. Er betrachtet die Vergangenheit nicht als Archiv, sondern als Atemraum, in dem Kultur, Höflichkeit und Vertrauen noch selbstverständlich schienen. Doch die Bewegung seines Blicks ist doppelt: Er schreibt aus der Distanz des Exils, mit der Wärme eines Beteiligten und der Nüchternheit eines Zeugen. So entsteht ein Spannungsfeld, das den Leser sofort in den Sog seiner Erinnerungsarbeit zieht.

Die Welt von Gestern ist das autobiografische Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Es vereint Lebensbericht, Kulturgeschichte und europäische Selbstbefragung zu einer eindringlichen Erzählung über Herkunft und Verlust. Zweig, der schon zu Lebzeiten ein international gefeierter Autor war, nutzt die Form der Erinnerung, um eine ganze Zivilisation zu porträtieren: die bürgerlich-liberale, kosmopolitische Welt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zugleich reflektiert er, wie rasch Gewissheiten sich verflüchtigen können, wenn politische Erschütterungen die Fundamente der Gesellschaft angreifen. Der persönliche Ton verleiht den historischen Linien Wärme, ohne ihre Konturen zu verwischen.

Zweig schrieb dieses Buch im Exil, vor allem in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren, unter dem Eindruck von Vertreibung und Krieg. Die Arbeit erstreckte sich über Stationen in Europa und Übersee; die endgültige Fassung entstand kurz vor seinem Tod. Erstmals erschien Die Welt von Gestern 1942 posthum in deutscher Sprache, im Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm. Diese Entstehungsgeschichte prägt den Text: Er ist Rückblick und Rettungsversuch zugleich, getragen von der Dringlichkeit, eine bedrohte Erinnerung zu bewahren. Der Publikationskontext erklärt auch den Ton der Zurückhaltung, der über dem Pathos der Klage stets die Genauigkeit des Zeugnisses stellt.

In knapper Form skizziert das Buch den Weg von der Wiener Kindheit des Autors über die kulturelle Blüte des Fin de Siècle hin zu den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit. Es erzählt, wie sich eine offene, international vernetzte Kultur in eine von Grenzen, Misstrauen und Ideologien durchzogene Landschaft verwandelt. Doch es ist keine Chronik von Daten und Ereignissen, sondern ein Erfahrungsraum: Straßencafés, Konzertsäle, Zirkulation von Ideen, die Schule der Toleranz – und die langsame Erosion dieses Klimas. So entsteht ein Panorama, das das Private als Resonanzboden des Historischen begreift.

Zweigs Absicht ist es, die Menschlichkeit einer Epoche gegen ihr Verschwinden zu verteidigen und aus persönlichem Erleben eine allgemeine Lehre zu ziehen. Er will nicht richten, sondern verstehen, nicht anklagen, sondern bewahren, was an Geist, Stil und Haltung verloren zu gehen droht. Dieser Wille zur Verständigung prägt die Anlage: der sorgfältige Ton, die präzise Beobachtung, die respektvolle Darstellung von Gegnern wie von Verbündeten. Die Welt von Gestern ist damit auch ein Plädoyer für ein europäisches Ethos, das sich über Grenzen, Sprachen und Klassen hinweg entfaltet – und dessen Verletzbarkeit der Text mit stiller Eindringlichkeit sichtbar macht.

Als Klassiker gilt dieses Buch, weil es ein einzigartiges Zeugnis der europäischen Moderne mit literarischer Meisterschaft verbindet. Es hat Generationen von Leserinnen und Lesern den Blick für die Zerbrechlichkeit zivilisatorischer Errungenschaften geschärft. Sein Rang in der Literaturgeschichte speist sich aus der Verbindung von personaler Erfahrung und überpersönlicher Einsicht: Zweig verleiht Geschichte eine Stimme, die weder akademisch noch privatistisch verengt. Zugleich wirkt sein Werk auf nachfolgende Autorinnen und Autoren, die Erinnerung als ästhetische und ethische Aufgabe begreifen, und hat das Verständnis der Exilliteratur und der autobiografischen Erzählform nachhaltig geprägt.

Stilistisch besticht Die Welt von Gestern durch klare, elegant modulierte Prosa, die Fülle ohne Schwermut, Analyse ohne Trockenheit bietet. Zweig komponiert seine Erinnerungen in leuchtenden Szenen und fein austarierten Übergängen; Porträts von Orten und Menschen sind knapp, präzise und von einer gelassenen Empathie getragen. Seine Sprache verweigert sich dem grellen Ton, ohne die Dramatik zu beschönigen. Gerade diese Haltung – die Mäßigung im Angesicht des Exzesses – verleiht dem Buch eine moralische Autorität. Die Form der Erinnerung wird zum Korrektiv des Augenblicks: Sie ordnet, was entfesselt war, und macht das Unfassbare erzählerisch zugänglich.

Die Wirkung des Buches reicht über den deutschsprachigen Raum hinaus; es wurde vielfach gelesen, übersetzt und diskutiert. Seine Perspektive eines europäischen Intellektuellen hat Schreibweisen der Erinnerungsliteratur, der Essayistik und der autobiografischen Kulturgeschichte inspiriert. Besonders prägend ist die Verbindung von persönlichem Zeugnis und der Idee eines geistigen Europas, die in späteren Auseinandersetzungen immer wieder aufgegriffen wurde. Zweigs Haltung, die Trennschärfe mit Milde verbindet, dient vielen späteren Autorinnen und Autoren als Modell für erzähltes Erinnern, das weder verharmlost noch versteinert, sondern zur Verantwortung des Lesens und Verstehens anstiftet.

Inhaltlich entfaltet das Buch ein Geflecht aus Themen, die den individuellen Lebensweg weit übersteigen: Bildung als soziale Praxis, die Urbanität als Erfahrungsform, die Rolle der Kunst als verbindende Kraft, die Versuchungen des Nationalismus und die Mechanismen kollektiver Erregung. Der Text zeigt, wie Routinen des Zusammenlebens zerbrechen, wenn Angst und Ideologie Raum gewinnen, und wie mühsam Vertrauen wiederherzustellen ist. Zugleich bewahrt er die Erinnerung an Gewohnheiten der Höflichkeit, der Debatte, des offenen Austauschs – als ein stilles Inventar dessen, was verletzt, aber nicht endgültig vernichtet wurde.

Wer dieses Buch liest, erlebt die Spannung eines elegischen, doch nicht resignativen Tons. Zweig zeichnet Verlust, ohne in Verzweiflung zu verharren; er sucht Gründe, nicht Schuldige, und fragt nach Kräften, die dem Zerstörerischen widerstehen können. Die Lektüre eröffnet damit eine doppelte Bewegung: Sie macht sensibel für die Verführung der Gewissheiten und stärkt die Aufmerksamkeit für die alltäglichen Formen der Zivilität. Im Echo bleiben Sätze, Bilder und Stimmungen, die weniger belehren als erinnern – an Möglichkeiten des Miteinanders, die nicht als nostalgisches Dekor, sondern als Gegenentwurf zum Lärm der Gegenwart lesbar werden.

Gerade heute behauptet das Buch seine Relevanz: Migration, politische Polarisierung und die Frage nach europäischer Zusammengehörigkeit verleihen der Erinnerung an eine offene, verletzliche Kultur neue Dringlichkeit. Die Welt von Gestern zeigt, wie schnell das Selbstverständliche brüchig wird – und wie wichtig es ist, Gesprächsräume, Bildungsideale und rechtliche Garantien zu schützen. Wer die Gegenwart verstehen will, findet hier keinen Leitfaden, aber ein Sensorium: ein Gespür für Tonlagen, in denen Freiheit wächst oder erlischt. Deshalb wirkt der Text nicht museal, sondern lebendig: als Aufforderung, das Erzählte in Verantwortlichkeit zu verwandeln.

Zusammengefasst vereint dieses Werk historische Weitsicht, literarische Eleganz und eine tiefe, humane Sensibilität. Es bietet einen Zugang zu einer Welt, die verloren ist, und zu Haltungen, die fortbestehen können, wenn man sie kultiviert. Die Welt von Gestern bleibt fesselnd, weil es persönliche Erinnerung zur europäischen Erfahrung formt und den Wert des Gemeinsamen gegen alle Vereinfachung verteidigt. In seiner leisen, präzisen Art entfaltet es eine anhaltende Anziehungskraft: Es tröstet ohne Illusionen, warnt ohne Lärm und lädt ein, die Geschichte nicht als Schicksal, sondern als Aufgabe der Aufmerksamkeit und des Maßes zu begreifen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Das Buch ist eine autobiografische Rückschau, verfasst im Exil während des Zweiten Weltkriegs. Stefan Zweig beschreibt darin die untergegangene Welt der Habsburgermonarchie und das Selbstverständnis eines liberalen Bürgertums. Ausgangspunkt sind Kindheit und Jugend in Wien: Wohlstand, verlässliche Ordnung, steigende Bildungschancen und das Gefühl stetigen Fortschritts prägen die Wahrnehmung. Die Stabilität von Währung und Institutionen, die Höflichkeit im Umgang und die scheinbare Sicherheit des Alltags verankern eine optimistische Erwartung an die Zukunft. Zugleich kündigen Spannungen an den Rändern bereits Veränderungen an. Zweig will die Atmosphäre dieser Epoche festhalten und die mentalen Gewissheiten jener Zeit dokumentieren.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Wiener Milieu der Jahrhundertwende. Zweig schildert Schulen, die auf Disziplin und auswendig gelerntes Wissen setzen, und daneben die selbstbestimmte Bildung in Bibliotheken, Konzerten und Kaffeehäusern. Die Stadt erscheint als Labor von Künsten und Wissenschaften, in dem Zeitungen, Theater und Musik den Alltag strukturieren. Begegnungen mit älteren und gleichaltrigen Autoren erweitern seinen Horizont; frühe Veröffentlichungen in Zeitschriften führen ihn in literarische Kreise. Trotz unterschwelliger Spannungen und Antisemitismus dominiert für ihn zunächst ein kosmopolitisches Ideal. Diese Phase begründet seine Überzeugung, dass Kultur Grenzen überschreitet und Verständigung zwischen Nationen ermöglicht.

Zweig studiert an der Universität, löst sich aber bald von akademischen Vorgaben und sucht Erfahrungen durch Reisen. Er lebt zeitweise in Berlin und Paris, besucht Belgien, Italien und die Schweiz, lernt Sprachen und knüpft Netzwerke. Das nahezu grenzenlose Reisen ohne Passzwang wird zur Selbstverständlichkeit, Züge und Post verbinden den Kontinent in kurzer Zeit. Er publiziert Gedichte, Essays und Feuilletons, beginnt zu übersetzen und versteht sich zunehmend als Vermittler. Die Begegnung mit unterschiedlichen Milieus stärkt sein europäisches Bewusstsein: Vielfalt erscheint ihm als Reichtum, gemeinsame kulturelle Bezüge als Klammer, die nationale Gegensätze überbrücken kann.

Ein zentrales Motiv sind seine Porträts von Künstlern und Intellektuellen. Zweig berichtet von Begegnungen mit Autoren und Komponisten, von Werkstätten, Ateliers und Proben. Freundschaften, etwa mit Emile Verhaeren und Romain Rolland, prägen sein Verständnis von geistiger Solidarität über Grenzen hinweg. Gespräche mit Denkern wie Sigmund Freud oder Besuche bei bildenden Künstlern zeigen Arbeitsweisen, Ambitionen und Zweifel der Epoche. Aus diesen Skizzen entsteht ein Panorama europäischer Kultur, das nicht nur Namen sammelt, sondern Haltungen dokumentiert. Kunst wird als internationale Sprache beschrieben, die Konflikte relativiert und persönliche Beziehungen stiftet, ohne politische Unterschiede zu leugnen.

Der Erste Weltkrieg markiert den entscheidenden Bruch. Zweig schildert die anfängliche Massenbegeisterung, Propaganda und die rasche Verhärtung der Fronten. Er wird zum Dienst ins Kriegsarchiv herangezogen und erlebt die Verwaltung des Krieges aus der Nähe, zunehmend irritiert von Zensur und Informationslenkung. Bald entwickelt er eine pazifistische Haltung, sucht Austausch mit Gleichgesinnten und findet in der Schweiz einen Ort relativer Unabhängigkeit. In Essays und einem Drama formuliert er seine Ablehnung nationaler Überhitzung. Die Erfahrungen dieser Jahre zerstören das frühere Sicherheitsgefühl und lassen die Verletzlichkeit europäischer Zivilisation sichtbar werden. Die Begegnung mit Verwundeten und Gefangenen verstärkt sein Misstrauen gegenüber heroischen Schlagworten.

Nach Kriegsende beschreibt Zweig den Zusammenbruch der Monarchie, Hunger, Inflation und neue Grenzen. Er kehrt nach Österreich zurück, siedelt sich in Salzburg an und versucht, geistige Normalität aufzubauen. Reisen und Lesungen nehmen wieder zu; er widmet sich vermehrt Biografien und Essays, die historische Persönlichkeiten als Orientierung in unruhigen Zeiten zeigen. In den zwanziger Jahren wachsen Hoffnung auf Verständigung und ernüchternde Erfahrung wirtschaftlicher Krisen nebeneinander. Zweig beobachtet Jugend- und Massenkultur, neue Medien und die Internationalisierung des Buchmarkts. Gleichzeitig registriert er politische Radikalisierung, die die fragilen Strukturen der Nachkriegsordnung zunehmend unter Druck setzt.

Die dreißiger Jahre bringen den offenen Angriff auf liberale Kultur. Zweig thematisiert Hetze, Zensur und Bücherverbrennungen in Deutschland sowie den wachsenden Druck in Österreich. Nach einer Hausdurchsuchung verlässt er 1934 Salzburg und geht ins Exil nach England. Der Abschied bedeutet Verlust von Heimat, Sprache und Lebensrhythmus; auch seine Sammlungen, Kontakte und Routinen zerfallen. Er beschreibt die Situation von Schriftstellern ohne festen Aufenthaltsstatus, die auf Genehmigungen und Unterstützungsnetze angewiesen sind. Zugleich hält er an der Idee eines geistigen Europas fest, das über politische Systeme hinaus Bestand haben soll. Schreib- und Publikationswege verlagern sich in den internationalen Raum, Übersetzungen werden überlebenswichtig.

Mit dem Heraufziehen des Zweiten Weltkriegs verschärfen sich Flucht, Visapflichten und Verdächtigungen. Zweig berichtet von Kontrollen, Internierungsdrohungen und bürokratischen Hürden, die das frühere freie Reisen ins Gegenteil verkehren. Er lebt eine Zeitlang in England, reist dann in die USA und weiter nach Brasilien. In dieser Phase entsteht das Erinnerungsbuch als Versuch, Zeugnis abzulegen und eine verschwindende Erfahrungswelt zu bewahren. Der Blick richtet sich dabei weniger auf Privates als auf die Veränderungen europäischer Mentalitäten: die Verdrängung von Toleranz durch Fanatismus, die Verarmung des öffentlichen Gesprächs und die Vereinsamung des Exils. Gleichzeitig beobachtet er Hilfsbereitschaft und neue Netzwerke der Emigration.

Am Ende bündelt Zweig seine Beobachtungen zu einer Bilanz des „alten Europa“. Die Sicherheit der Vorkriegszeit erscheint als historischer Sonderfall, dessen Werte nicht selbstverständlich sind. Das Buch versteht sich als Eloge und Warnung zugleich: Es erinnert an eine Kultur der Offenheit, des Maßes und der internationalen Verständigung, und zeigt, wie schnell sie durch Nationalismus, Gewalt und Massenhass zerstört werden kann. Zugleich setzt es auf die Überlieferung als Widerstand: Das genaue Erinnern soll künftigen Lesern Orientierung geben, damit ein erneuertes Europa aus den Fehlern lernen und humanistische Maßstäbe bewahren kann. So versteht sich der Text als Vermächtnis eines Europäers an kommende Generationen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweigs Die Welt von Gestern verortet sich zeitlich zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den frühen 1940er Jahren, räumlich vor allem in Wien, mit weiten Blicken nach Mitteleuropa, Frankreich, Deutschland, Italien, in die Schweiz und später nach Großbritannien sowie die Amerikas. Das Buch steht an der Schnittstelle zwischen Habsburgs Spätphase, dem Ersten Weltkrieg, der Zwischenkriegszeit und dem Aufstieg des Faschismus. Wien erscheint als Hauptstadt einer Vielvölker-Monarchie, deren Stabilität von 1867 bis 1914 trügerisch war. Zweig beobachtet aus dem Innenraum einer bürgerlichen, gebildeten, kosmopolitischen Schicht, wobei die urbane Moderne—Verkehr, Massenpresse, wissenschaftlicher Fortschritt—mit politischer Polarisierung und nationalen Spannungen kollidiert.

Die Schauplätze sind nicht nur geographisch, sondern auch mental: Kaffeehäuser, Zeitungsredaktionen, Salons, Universitäten, Theater, Verlage und Grenzstationen. Zeitlich folgt das Buch dem Bogen von der „Sicherheit“ der Belle Époque zur Zerrissenheit der Nationalstaaten. Wien fungiert als Brennglas der Donaumonarchie, deren Sprachen, Religionen und Kulturen sich kreuzten. Paris und Berlin symbolisieren die europäische Öffentlichkeit, Genf die Nachkriegsordnung des Völkerbunds, London und New York den Exilraum. Zweig nutzt Mobilität—Zugreisen, Pässe, Post—als Indikatoren politischer Freiheit oder Unfreiheit. Ereignisse werden dabei als Erfahrungen des Zeitgenossen erzählt, nicht als Chronik, jedoch mit hoher faktischer Dichte.

Im Wien der 1890er und 1900er Jahre prägten Massenpolitik und neue Stadtverwaltung das Leben. Karl Lueger, seit 1897 Bürgermeister und Führungsfigur der Christlichsozialen, instrumentalisierte Antisemitismus, um soziale Spannungen zu kanalisieren. Zugleich schufen Ringstraßenprojekte, Universitäten und Museen eine moderne Metropole. 1907 brachte das allgemeine Männerwahlrecht den Durchbruch der Massenparteien im Reichsrat. Der Hof von Franz Joseph I. hielt Kontinuitätssignale aufrecht, während Nationalismen in Böhmen, Galizien, Dalmatien wuchsen. Zweig beschreibt die Gleichzeitigkeit von urbanem Komfort und politischer Härte: Kaffeehausfreiheit neben Ressentiment, Bildungsexpansion neben dem Druck der Straße—ein Vorhof kommender Konflikte.

Die jüdische Emanzipation und ihre Ambivalenzen markierten Mitteleuropa seit dem 19. Jahrhundert. In Wien entstand eine große, assimilierte jüdische Mittelschicht, aktiv im Handel, in Wissenschaft und Medien. Theodor Herzl, Journalist der Neuen Freien Presse, veröffentlichte 1896 Der Judenstaat und organisierte 1897 den ersten Zionistenkongress in Basel. Seine Vision reagierte auf strukturellen Antisemitismus, den Zweig im Alltag und in der Politik sah. Das Buch zeigt Herzl als Figur der europäischen Öffentlichkeit und dokumentiert zugleich Zweigs Distanz zum Nationalismus: Er beobachtet die Bewegung respektvoll, aber beharrt auf einem universalistischen, kulturell-europäischen Selbstverständnis.

Die Dreyfus-Affäre (1894–1906) erschütterte Europa: Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus wurde 1894 in Frankreich wegen angeblichen Landesverrats verurteilt, 1898 löste Émile Zolas „J’Accuse…!“ eine Massenbewegung für Rechtsstaatlichkeit aus, 1906 erfolgte die vollständige Rehabilitierung. Faktisch war dies ein Test der Republik und der Pressefreiheit. Zweig schildert die Affäre als Schule der moralischen Urteilskraft einer Generation, die über Grenzen hinweg Partei für Gerechtigkeit ergriff. Sie illustriert im Buch die transnationale Öffentlichkeit, in der Zeitung, Petition und Versammlung politische Macht entfalten—ein Gegenbild zur späteren Propagandaepoche.

Die Bosnienkrise 1908/09 folgte auf die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn; sie belastete die Beziehungen zu Serbien und Russland. Die Balkankriege 1912/13 verschoben Machtverhältnisse auf dem Balkan, schwächten das Osmanische Reich und schürten Großmachtkonflikte. Diese Daten markieren die Eskalation vor 1914: Bündnissysteme verhärteten, Generalstabspläne wurden konkret, Nationalismen radikalisierten. Zweig erinnert an die unruhige, gleichwohl touristisch-freizügige Vorkriegswelt: Man reiste ohne Passkontrollen, während im Hintergrund Telegramme und Ultimaten die Zukunft verschlossen. Das Buch lässt so den Weg von latenter zur manifesten Kriegsgefahr sichtbar werden.

Der Erste Weltkrieg begann mit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 auf Erzherzog Franz Ferdinand; am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, es folgten Bündnisaktivierungen bis Anfang August. Die anfängliche Kriegsbegeisterung in vielen Städten entsprach einer Massenmobilisierung, die Presse wurde gleichgeschaltet, Zensur verschärft. Zweig arbeitet 1914/15 am Kriegsarchiv in Wien—eine Tätigkeit, die ihm den Mechanismus militärischer Bürokratie, Propaganda und Statistik vor Augen führt. Er zeigt die Geschwindigkeit, mit der liberale Normen kollabierten: Zugfahrpläne ersetzen Debatten, das Kollektiv verdrängt das Individuum, und Begeisterung kippt in Entsetzen.

Zwischen 1915 und 1917 verwandelten Materialschlachten (Verdun, Somme) den Krieg in industrielle Vernichtung; an der Ostfront wechselten Offensiven und Rückzüge. In der Heimat herrschten Knappheit, Preissteigerungen und Disziplinierung. 1916 starb Kaiser Franz Joseph I.; Karl I. suchte vergeblich nach Frieden. Zweig, zunehmend pazifistisch, vernetzte sich mit Gleichgesinnten wie Romain Rolland in der Schweiz. Das Buch dokumentiert das Entfremdungserlebnis einer europäischen Intelligenz, die Sinnverlust und moralische Erosion registriert: aus Bildungsbürgern werden Aktennummern, aus offenen Grenzen Sperrzonen. Der Kriegsalltag zeigt die Zerstörung jener bürgerlichen Normalität, die Zweigs Generation trug.

1917 brachten die Februar- und Oktoberrevolution in Russland den Zusammenbruch des Zarenreichs; der Kriegseintritt der USA im April verschob die Kräftebalance. Nach Caporetto 1917 schien Österreich-Ungarn militärisch gestärkt, doch wirtschaftlich ausgelaugt; 1918 scheiterte die Offensive an der Piave. Die Spanische Grippe 1918 verschärfte die Katastrophe. Der Waffenstillstand folgte am 11. November 1918, die Monarchie löste sich bereits zuvor auf. Zweig beschreibt die Metamorphose von imperialer Routine zu revolutionärem Umbruch, die Verflüchtigung von Währungen, Titeln, Rang und Status—ein zentraler Taktgeber des Buches, der die „Welt von Gestern“ abrupt beendet.

Der Zerfall der Donaumonarchie 1918 formte neue Staaten: Tschechoslowakei (28. Oktober), der Staat der Slowenen, Kroaten und Serben (29. Oktober), Ungarns Trennung (31. Oktober), die Republik Deutschösterreich (12. November). Der Vertrag von Saint-Germain (10. September 1919) beschnitt Österreich territorial und untersagte den Anschluss an Deutschland. Die Grenzregime wurden restriktiv; Pässe und Visa etablierten ein System der Bewegungs- und Aufenthaltskontrolle. Zweig prangert in seinem Buch die „Tyrannei des Passes“ an, die aus Bürgern Bittsteller macht. Die alte kulturelle Zusammengehörigkeit Mitteleuropas wich Zollgrenzen, Minderheitenkonflikten und einer bürokratisierten Souveränität.

Die unmittelbare Nachkriegszeit in Österreich war von Hunger, Wohnungsknappheit und Inflation geprägt; 1922 stabilisierte ein Völkerbundkredit die Finanzen. Zugleich entstand in Wien eine Reformära („Rotes Wien“): progressive Wohnbaupolitik (etwa Karl-Marx-Hof, ab 1927), Gesundheits- und Bildungsprogramme, finanziert durch Luxussteuern. Diese sozialpolitischen Innovationen trafen auf konservativen Widerstand und paramilitärische Formationen. Zweig beobachtet sozialen Fortschritt neben wachsender Polarisierung. Sein Blick auf die städtische Wohlfahrt zeigt Anerkennung für pragmatische Linderung von Not, zugleich Skepsis gegenüber ideologischer Verhärtung—ein Spannungsfeld, das die fragile Demokratie der Ersten Republik charakterisiert.

In Deutschland führten 1923 Hyperinflation und 1924 die Stabilisierung durch Rentenmark und Dawes-Plan zu einem abrupten Wechsel von Chaos zu relativer Ordnung. Berlin entwickelte sich zum Zentrum von Medien, Theater und Verlagswesen. Zweig publizierte breit im deutschen Sprachraum und profitierte von transnationalen Vertriebsnetzen (etwa S. Fischer, Insel). Historisch markiert diese Phase die letzte offene Interimswelt, in der Reisen, Vortragsreisen und internationale Kongresse eine europäische Öffentlichkeit stützten. Das Buch verweist auf diese Mobilität als Fortsetzung eines vormals selbstverständlichen Kosmopolitismus—gleichsam die Nachglut der Vorkriegswelt, bevor die autoritäre Konterrevolution die Räume schloss.

Der Aufstieg des Nationalsozialismus kulminierte 1933: Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (30. Januar), Reichstagsbrand (27. Februar), Ermächtigungsgesetz (23. März) und Gleichschaltung. Am 10. Mai 1933 fanden Bücherverbrennungen statt; Werke Zweigs wurden öffentlich vernichtet. Historisch bedeutete dies die Zerstörung der freien Öffentlichkeit in Deutschland und den Beginn massiver Verfolgung. Im Buch erscheint 1933 als Zäsur, die die europäische Kommunikationsgemeinschaft zerreißt. Zweig, ein Befürworter paneuropäischer Verständigung (etwa Coudenhove-Kalergis Paneuropa-Idee von 1923), erkennt die strategische Zerstörung transnationaler Bindungen—ein zentrales Motiv seines Exilbewusstseins.

Österreich driftete 1934 in den Bürgerkrieg (12.–15. Februar), als Regierungstruppen und Heimwehren gegen den Republikanischen Schutzbund kämpften; die Sozialdemokratie wurde verboten. Beim Juliputsch 1934 ermordeten österreichische Nationalsozialisten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß; es etablierte sich der autoritäre Ständestaat unter Kurt Schuschnigg. Der Staat setzte Zensur und Polizeimaßnahmen durch. Zweigs Haus in Salzburg wurde 1934 durchsucht, er verließ Österreich und nahm in London Wohnsitz. Die Ereignisse dokumentieren die Erosion demokratischer Kultur in Mitteleuropa. Im Buch fungiert diese Station als Warnsignal: Nationale Abschottung erzeugt Gewaltspiralen, die später in die totale Entrechtung münden.

Der Anschluss Österreichs erfolgte am 12. März 1938, begleitet von einem Scheinplebiszit am 10. April. Die Nürnberger Gesetze wurden auf Österreich ausgedehnt, Verfolgungen kulminierten im Novemberpogrom 1938. 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen (1. September) und Großbritanniens Kriegseintritt. Zweig, seit 1934 im britischen Exil, verließ 1940 Europa Richtung USA und 1941 weiter nach Brasilien. Er erlebte die Auflösung der europäischen Kulturwelt als existenziellen Bruch. Die Welt von Gestern, 1942 in Petrópolis abgeschlossen, bindet diese Stationen zur großen Verlustgeschichte: vom Bürgersinn zur Exilnot, vom Reisefrieden zur Grenzpolizei, von Rechtsstaat zu Terror.

Das Buch wirkt als politische und gesellschaftliche Kritik, indem es die Verführbarkeit moderner Massengesellschaften für Nationalismus, Propaganda und Gewalt entlarvt. Zweig zeigt, wie Sicherheitsversprechen der Belle Époque sich als Illusion erweisen, sobald Institutionen dem Druck von Kriegswirtschaft und Ideologie nachgeben. Die Tyrannei der Papiere, das System der Visen und Grenzabsperrungen macht er als Instrumente der Entrechtung sichtbar. Ebenso attackiert er die Militarisierung des Denkens, die Zensur des Krieges und die moralische Korruption der Bürokratien. Damit legt das Werk strukturelle Schwächen europäischer Staaten offen, nicht nur individuelle Fehlhaltungen.

Zweig kritisiert die gesellschaftlichen Bruchlinien seiner Epoche: den sozialen Abstieg breiter Schichten in Inflation und Arbeitslosigkeit, die Instrumentalisierung von Antisemitismus und Klassengegensätzen, die Aushöhlung parlamentarischer Normen. Er zeigt die Verletzlichkeit einer Kultur, die sich ihrer Elitenkomfortzone sicher wähnte, während Demagogen das Versprechen sozialer Ordnung monopolisierten. Die Leidensbiographie von Flüchtlingen, der Verlust von Eigentum und Rechten, das Schweigen oder Mitlaufen vieler—dies alles wird zum Spiegel der politischen Krise. Die Welt von Gestern erhebt damit eine europäische Mahnung: Ohne Rechtsstaat, Solidarität und übernationale Bindungen zerfällt Zivilisation in Feindschaft, Ressentiment und administrative Brutalität.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller von weltweiter Resonanz, dessen Werk die Umbrüche vom Fin de Siècle bis zur Katastrophe des 20. Jahrhunderts bündelt. Als Erzähler, Essayist und Biograf verband er psychologische Genauigkeit mit eleganter, zugänglicher Prosa und einem ausgeprägten europäischen Horizont. In den 1920er- und 1930er-Jahren gehörte er zu den meistgelesenen Autoren in deutscher Sprache; die nationalsozialistische Verfolgung trieb ihn ins Exil. Seine Novellen, biografischen Studien und Erinnerungen kreisen um Leidenschaft, Gewissenskonflikte und die Fragilität bürgerlicher Zivilisation. Zweig verstand sich als humanistischer Kosmopolit, der literarisch Verständigung suchte und kulturelle Vermittlung zwischen Sprachen und Nationen betrieb.

Aufgewachsen in Wien, erhielt Zweig eine geisteswissenschaftlich geprägte Ausbildung und studierte in Wien und zeitweise in Berlin; in den frühen 1900er-Jahren wurde er in Philosophie promoviert. Früh knüpfte er Kontakte zur Wiener Moderne und zur internationalen Literatur, übersetzte insbesondere aus dem Französischen und Belgischen und förderte den Austausch über Grenzen hinweg. Wichtige Impulse bezog er aus dem Symbolismus, der europäischen Essaytradition und der zeitgenössischen Psychologie, die seine Figurenpsychologie schärfte. Freundschaften und intellektuelle Nähe verbanden ihn mit Autorinnen und Autoren wie Émile Verhaeren und Romain Rolland. Reisen, Vorträge und Feuilletons erweiterten sein Panorama und bereiteten den Übergang vom Lyriker zum Erzähler und Biografen.

Vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Zweig Gedichte, Essays und frühe Erzählungen und profilierte sich als stilistisch geschmeidiger Beobachter. Der Krieg markierte eine Zäsur: Er diente im Wiener Kriegsarchiv, blieb jedoch überzeugt vom Vorrang geistiger Verständigung. Diese Haltung prägt das dramatische Gedicht Jeremias, das eindringlich vor Hass und Vergeltung warnt. Nach 1918 nahm er die europäische Kulturgeschichte als Erfahrungsraum in den Blick und entwickelte jene Mischung aus Empathie, Komposition und präziser Verdichtung, die seine Novellen und historischen Porträts charakterisiert. Sein Schreiben verlagerte sich zunehmend von der Lyrik zur erzählerischen Kurzform und zur interpretierenden Biografie, stets getragen von musikalischer Satzkunst und psychologischer Feinzeichnung.

In den 1920er- und 1930er-Jahren erreichte Zweig eine außergewöhnliche Reichweite. Novellen wie Brennendes Geheimnis, Amok, Verwirrung der Gefühle und Brief einer Unbekannten zeigen Obsession, Verlangen und moralische Dilemmata in konzentrierten Situationen. Mit Ungeduld des Herzens legte er seinen einzigen vollendeten Roman vor. Parallel entfaltete er eine vielbeachtete Kunst der erzählenden Biografie: Joseph Fouché, Marie Antoinette, Maria Stuart, Erasmus von Rotterdam und Magellan verbinden quellengestützte Analyse mit narrativer Spannung. Die Sternstunden der Menschheit machte historische Umschlagmomente anschaulich. Seine Bücher wurden breit übersetzt und trugen zu seinem Ruf als Vermittler zwischen Geschichte und empfindsamer Innerlichkeit bei.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten führte zur Verbannung seiner Werke aus Deutschland und verschärfte den Druck auf den kosmopolitischen Autor. Zweig verließ Österreich in den 1930er-Jahren, lebte in Großbritannien und später in den Amerikas, bevor er sich in Brasilien niederließ. Im Exil entstanden Schriften, die sein humanistisches Programm zuspitzen: Castellio gegen Calvin plädiert für Gewissensfreiheit und Toleranz; die Schachnovelle entwirft in knapper Form eine Studie geistiger Bedrängnis; Brasilien. Ein Land der Zukunft verknüpft Beobachtung mit Hoffnung auf kulturelle Erneuerung. Zugleich arbeitete er an seiner Autobiografie, die das Verschwinden der alten mitteleuropäischen Welt reflektiert.

Zweigs Überzeugungen sind in seinem Werk eng mit Themen und Formen verschränkt. Er misstraute ideologischer Verhärtung und bevorzugte die leise, argumentierende Kraft des Essays, das psychologisch zugespitzte Kammerspiel der Novelle und die romanhaft erzählte, doch quellensensible Biografie. Wiederkehrende Motive sind Mitgefühl, moralische Ambivalenz, die Anfälligkeit des Individuums für Zwang und Verführung sowie die Verantwortung des Geistes in Zeiten der Krise. Figuren und historische Gestalten erscheinen als Prüfsteine der Humanität. Dabei suchte er eine klare, musikalische Prosa, die Komplexität ohne Fachjargon vermittelt und das europäische Erbe als gemeinsamen Gesprächsraum erfahrbar macht.

In seinen späten Jahren wuchs das Gefühl der Entwurzelung. 1942 starb Zweig im brasilianischen Petrópolis; seine Erinnerungen Die Welt von Gestern erschienen postum und gelten als eindringliches Zeugnis einer untergegangenen bürgerlichen Kultur. Bis heute werden seine Novellen und Biografien in viele Sprachen neu aufgelegt, in Theater, Film und Radio adaptiert und in Schulen und Universitäten gelesen. Die Forschung diskutiert sein Spannungsverhältnis zwischen kosmopolitischem Ideal und politischer Zurückhaltung wie auch die anhaltende Attraktivität seiner klaren Erzählkunst. Als Chronist europäischer Bewusstseinslagen bleibt Zweig ein Bezugspunkt für Fragen von Humanität, Toleranz und kultureller Vermittlung.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Welt der Sicherheit
Die Schule im vorigen Jahrhundert
Eros Matutinus
Universitas vitae
Paris, die Stadt der ewigen Jugend
Umwege auf dem Wege zu mir selbst
Über Europa hinaus
Glanz und Schatten über Europa
Die ersten Stunden des Krieges von 1914
Der Kampf um die geistige Brüderschaft
Im Herzen Europas
Heimkehr nach Österreich
Wieder in der Welt
Sonnenuntergang
Incipit Hitler
Die Agonie des Friedens
»Begegnen wir der Zeit,
wie sie uns sucht.«
Shakespeare, ›Cymbeline‹

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war. Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte ›Ich weiß nicht wohin‹. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich, wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger[1], aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt, ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt. Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: ›Mein Leben‹, ich mich unwillkürlich frage: ›Welches Leben?‹ Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: ›Mein Haus‹ und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich ›bei uns‹ sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten. Jedesmal, wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahre war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben. Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, – und manche gesegneten Länder, gesegneten Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum anderen Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den anderen auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sichabseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.

Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.

Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren. Aber die gute Kunst, Verlorenem nicht nachzutrauern, hat unsere Generation gründlich gelernt, und vielleicht wird der Verlust an Dokumentierung und Detail diesem meinem Buche sogar zum Gewinn. Denn ich betrachte unser Gedächtnis nicht als ein das eine bloß zufällig behaltendes und das andere zufällig verlierendes Element, sondern als eine wissend ordnende und weise ausschaltende Kraft. Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden. So sprecht und wählt, ihr Erinnerungen, statt meiner, und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkel sinkt!

Die Welt der Sicherheit

Inhaltsverzeichnis

Still und eng und ruhig auferzogenWirft man uns auf einmal in die Welt;Uns umspülen hunderttausend Wogen,Alles reizt uns, mancherlei gefällt,Mancherlei verdrießt uns, und von Stund zu StundenSchwankt das leicht unruhige Gefühl;Wir empfinden, und was wir empfunden,Spült hinweg das bunte Weltgewühl.Goethe[2]

Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege[3], in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit[1q]. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.

In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.

Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat. Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.

Heute, da das große Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, daß jene Welt der Sicherheit ein Traumschloß gewesen. Aber doch, meine Eltern haben darin gewohnt wie in einem steinernen Haus. Kein einziges Mal ist ein Sturm oder eine scharfe Zugluft in ihre warme, behagliche Existenz eingebrochen; freilich hatten sie noch einen besonderen Windschutz: sie waren vermögende Leute, die allmählich reich und sogar sehr reich wurden, und das polsterte in jenen Zeiten verläßlich Fenster und Wand. Ihre Lebensform scheint mir dermaßen typisch für das sogenannte ›gute jüdische Bürgertum‹, das der Wiener Kultur so wesentliche Werte gegeben hat und zum Dank dafür völlig ausgerottet wurde, daß ich mit dem Bericht ihres gemächlichen und lautlosen Daseins eigentlich etwas Unpersönliches erzähle: so wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.

Die Familie meines Vaters stammte aus Mähren. In kleinen ländlichen Orten lebten dort die jüdischen Gemeinden in bestem Einvernehmen mit der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum; so fehlte ihnen völlig die Gedrücktheit und andererseits die geschmeidig vordrängende Ungeduld der galizischen, der östlichen Juden. Stark und kräftig durch das Leben auf dem Lande, schritten sie sicher und ruhig ihren Weg wie die Bauern ihrer Heimat über das Feld. Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, waren sie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des ›Fortschritts‹ und stellten in der politischen Ära des Liberalismus die geachtetsten Abgeordneten im Parlament. Wenn sie aus ihrer Heimat nach Wien übersiedelten, paßten sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der höheren Kultursphäre an, und ihr persönlicher Aufstieg verband sich organisch dem allgemeinen Aufschwung der Zeit. Auch in dieser Form des Übergangs war unsere Familie durchaus typisch. Mein Großvater väterlicherseits hatte Manufakturwaren vertrieben. Dann begann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die industrielle Konjunktur in Österreich. Die aus England importierten mechanischen Webstühle und Spinnmaschinen brachten durch Rationalisierung eine ungeheure Verbilligung gegenüber der altgeübten Handweberei, und mit ihrer kommerziellen Beobachtungsgabe, ihrem internationalen Überblick waren es die jüdischen Kaufleute, die als erste in Österreich die Notwendigkeit und Ergiebigkeit einer Umstellung auf industrielle Produktion erkannten. Sie gründeten mit meist geringem Kapital jene rasch improvisierten, zunächst nur mit Wasserkraft betriebenen Fabriken, die sich allmählich zur mächtigen, ganz Österreich und den Balkan beherrschenden böhmischen Textilindustrie erweiterten. Während also mein Großvater als typischer Vertreter der früheren Epoche nur dem Zwischenhandel mit Fertigprodukten gedient, ging mein Vater schon entschlossen hinüber in die neue Zeit, indem er in Nordböhmen in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr eine kleine Weberei begründete, die er dann im Laufe der Jahre langsam und vorsichtig zu einem stattlichen Unternehmen ausbaute.

Solche vorsichtige Art der Erweiterung trotz einer verlockend günstigen Konjunktur lag durchaus im Sinne der Zeit. Sie entsprach außerdem noch besonders der zurückhaltenden und durchaus ungierigen Natur meines Vaters. Er hatte das Credo seiner Epoche ›Safety first[5]‹ in sich aufgenommen; es war ihm wesentlicher, ein ›solides‹ – auch dies ein Lieblingswort jener Zeit – Unternehmen mit eigener Kapitalkraft zu besitzen, als es durch Bankkredite oder Hypotheken ins Großdimensionale auszubauen. Daß zeitlebens nie jemand seinen Namen auf einem Schuldschein, einem Wechsel gesehen hatte und er nur immer auf der Habenseite seiner Bank – selbstverständlich der solidesten, der Rothschildbank, der Kreditanstalt – gestanden, war sein einziger Lebensstolz. Jeglicher Verdienst mit auch nur dem leisesten Schatten eines Risikos war ihm zuwider, und durch all seine Jahre beteiligte er sich niemals an einem fremden Geschäft. Wenn er dennoch allmählich reich und immer reicher wurde, hatte er dies keineswegs verwegenen Spekulationen oder besonders weitsichtigen Operationen zu danken, sondern der Anpassung an die allgemeine Methode jener vorsichtigen Zeit, immer nur einen bescheidenen Teil des Einkommens zu verbrauchen und demzufolge von Jahr zu Jahr einen immer beträchtlicheren Betrag dem Kapital zuzulegen. Wie die meisten seiner Generation hätte mein Vater jemanden schon als bedenklichen Verschwender betrachtet, der unbesorgt die Hälfte seiner Einkünfte aufzehrte, ohne – auch dies ein ständiges Wort aus jenem Zeitalter der Sicherheit – ›an die Zukunft zu denken‹. Dank diesem ständigen Zurücklegen der Gewinne bedeutete in jener Epoche steigender Prosperität, wo überdies der Staat nicht daran dachte, auch von den stattlichsten Einkommen mehr als ein paar Prozent an Steuern abzuknappen und andererseits die Staats-und Industriewerte hohe Verzinsung brachten, für den Vermögenden das Immerreicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung. Und sie lohnte sich; noch wurde nicht wie in den Zeiten der Inflation der Sparsame bestohlen, der Solide geprellt, und gerade die Geduldigsten, die Nichtspekulanten hatten den besten Gewinn. Dank dieser Anpassung an das allgemeine System seiner Zeit konnte mein Vater schon in seinem fünfzigsten Jahre auch nach internationalen Begriffen als sehr vermögender Mann gelten. Aber nur sehr zögernd folgte die Lebenshaltung unserer Familie dem immer rascheren Anstieg des Vermögens nach. Man legte sich allmählich kleine Bequemlichkeiten zu, wir übersiedelten aus einer kleinen Wohnung in eine größere, man hielt sich im Frühjahr für die Nachmittage einen Mietswagen, reiste zweiter Klasse mit Schlafwagen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahr gönnte sich mein Vater zum erstenmal den Luxus, mit meiner Mutter für einen Monat im Winter nach Nizza zu fahren. Im ganzen blieb die Grundhaltung, Reichtum zu genießen, indem man ihn hatte und nicht indem man ihn zeigte, völlig unverändert; noch als Millionär hat mein Vater noch nie eine Importe geraucht, sondern – wie Kaiser Franz Joseph[4] seine billige Virginia – die einfache ärarische Trabuco, und wenn er Karten spielte, geschah es immer nur um kleine Einsätze. Unbeugsam hielt er an seiner Zurückhaltung, seinem behaglichen, aber diskreten Leben fest. Obwohl ungleich repräsentabler und gebildeter als die meisten seiner Kollegen – er spielte ausgezeichnet Klavier, schrieb klar und gut, sprach Französisch und Englisch –, hat er beharrlich sich jeder Ehre und jedem Ehrenamt verweigert, zeitlebens keinen Titel, keine Würde angestrebt oder angenommen, wie sie ihm oft in seiner Stellung als Großindustrieller angeboten wurde. Niemals jemanden um etwas gebeten zu haben, niemals zu ›bitte‹ oder ›danke‹ verpflichtet gewesen zu sein, dieser geheime Stolz bedeutete ihm mehr als jede Äußerlichkeit.

Nun kommt im Leben eines jedweden unweigerlich die Zeit, da er im Bilde seines Wesens dem eigenen Vater wiederbegegnet. Jener Wesenszug zum Privaten, zum Anonymen der Lebenshaltung beginnt sich in mir jetzt von Jahr zu Jahr stärker zu entwickeln, so sehr er eigentlich im Widerspruch steht zu meinem Beruf, der Name und Person gewissermaßen zwanghaft publik macht. Aber aus dem gleichen geheimen Stolz habe ich seit je jede Form äußerer Ehrung abgelehnt, keinen Orden, keinen Titel, keine Präsidentschaft in irgendeinem Vereine angenommen, nie einer Akademie, einem Vorstand, einer Jury angehört; selbst an einer festlichen Tafel zu sitzen ist mir eine Qual, und schon der Gedanke, jemanden um etwas anzusprechen, trocknet mir – selbst wenn meine Bitte einem Dritten gelten soll – die Lippe schon vor dem ersten Wort. Ich weiß, wie unzeitgemäß derlei Hemmungen sind in einer Welt, wo man nur frei bleiben kann durch List und Flucht, und wo, wie Vater Goethe weise sagte, ›Orden und Titel manchen Puff abhalten im Gedränge‹. Aber es ist mein Vater in mir und sein heimlicher Stolz, der mich zurückzwingt, und ich darf ihm nicht Widerstand leisten; denn ihm danke ich, was ich vielleicht als meinen einzig sicheren Besitz empfinde: das Gefühl der inneren Freiheit.

Meine Mutter, die mit ihrem Mädchennamen Brettauer hieß, war von einer anderen, einer internationalen Herkunft. Sie war in Ancona, im südlichen Italien geboren und Italienisch ebenso ihre Kindheitssprache wie Deutsch; immer wenn sie mit meiner Großmutter oder ihrer Schwester etwas besprach, was die Dienstboten nicht verstehen sollten, schaltete sie auf Italienisch um. Risotto und die damals noch seltenen Artischocken sowie die andern Besonderheiten der südlichen Küche waren mir schon von frühester Jugend an vertraut, und wann immer ich später nach Italien kam, fühlte ich mich von der ersten Stunde zu Hause. Aber die Familie meiner Mutter war keineswegs italienisch, sondern bewußt international; die Brettauers, die ursprünglich ein Bankgeschäft besaßen, hatten sich – nach dem Vorbild der großen jüdischen Bankiersfamilien, aber natürlich in viel winzigeren Dimensionen – von Hohenems, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze, frühzeitig über die Welt verteilt. Die einen gingen nach St. Gallen, die andern nach Wien und Paris, mein Großvater nach Italien, ein Onkel nach New York, und dieser internationale Kontakt verlieh ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick und dazu einen gewissen Familienhochmut. Es gab in dieser Familie keine kleinen Kaufleute, keine Makler mehr, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen, und ich erinnere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man bei meiner Tante in Paris bei Tisch von der einen zur andern hinüberwechselte. Es war eine Familie, die sorgsam ›auf sich hielt‹, und wenn ein junges Mädchen aus der ärmeren Verwandtschaft heiratsreif wurde, steuerte die ganze Familie eine stattliche Mitgift zusammen, nur um zu verhindern, daß sie ›nach unten‹ heirate. Mein Vater wurde als Großindustrieller zwar respektiert, aber meine Mutter, obwohl in der glücklichsten Ehe mit ihm verbunden, hätte nie geduldet, daß sich seine Verwandten mit den ihren auf eine Linie gestellt hätten. Dieser Stolz, aus einer ›guten‹ Familie zu stammen, war bei allen Brettauers unausrottbar, und wenn in späteren Jahren einer von ihnen mir sein besonderes Wohlwollen bezeigen wollte, äußerte er herablassend: »Du bist doch eigentlich ein rechter Brettauer«, als ob er damit anerkennend sagen wollte: »Du bist doch auf die rechte Seite gefallen.«

Diese Art Adel, den sich manche jüdische Familie aus eigener Machtvollkommenheit zulegte, hat mich und meinen Bruder schon als Kinder bald amüsiert und bald verärgert. Immer bekamen wir zu hören, daß dies ›feine‹ Leute seien und jene ›unfeine‹, bei jedem Freunde wurde nachgeforscht, ob er aus ›guter‹ Familie sei und bis ins letzte Glied Herkunft sowohl der Verwandtschaft als des Vermögens überprüft. Dieses ständige Klassifizieren, das eigentlich den Hauptgegenstand jedes familiären und gesellschaftlichen Gesprächs bildete, schien uns damals höchst lächerlich und snobistisch, weil es sich doch schließlich bei allen jüdischen Familien nur um einen Unterschied von fünfzig oder hundert Jahren dreht, um die sie früher aus demselben jüdischen Ghetto gekommen sind. Erst viel später ist es mir klar geworden, daß dieser Begriff der ›guten‹ Familie, der uns Knaben als eine parodistische Farce einer künstlichen Pseudoaristokratie erschien, eine der innersten und geheimnisvollsten Tendenzen des jüdischen Wesens ausdrückt. Im allgemeinen wird angenommen, reich zu werden sei das eigentliche und typische Lebensziel eines jüdischen Menschen. Nichts ist falscher. Reich zu werden bedeutet für ihn nur eine Zwischenstufe, ein Mittel zum wahren Zweck und keineswegs das innere Ziel. Der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal ist der Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht. Schon im östlichen orthodoxen Judentum, wo sich die Schwächen ebenso wie die Vorzüge der ganzen Rasse intensiver abzeichnen, findet diese Suprematie des Willens zum Geistigen über das bloß Materielle plastischen Ausdruck: der Fromme, der Bibelgelehrte, gilt tausendmal mehr innerhalb der Gemeinde als der Reiche; selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistesmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann. Diese Überordnung des Geistigen geht bei den Juden einheitlich durch alle Stände; auch der ärmste Hausierer, der seine Packen durch Wind und Wetter schleppt, wird versuchen, wenigstens einen Sohn unter den schwersten Opfern studieren zu lassen, und es wird als Ehrentitel für die ganze Familie betrachtet, jemanden in ihrer Mitte zu haben, der sichtbar im Geistigen gilt, einen Professor, einen Gelehrten, einen Musiker, als ob er durch seine Leistung sie alle adelte. Unbewußt sucht etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichen anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben, als wollte er – wagnerisch gesprochen – sich und seine ganze Rasse vom Fluch des Geldes erlösen. Darum ist auch fast immer im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten und warmen Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, daß ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde; sie alle gehorchten dem gleichen, unbewußten Trieb, sich von dem frei zu machen, was das Judentum eng gemacht, vom bloßen kalten Geldverdienen, und vielleicht drückt sich darin sogar die geheime Sehnsucht aus, durch Flucht ins Geistige sich aus dem bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche aufzulösen. Eine ›gute‹ Familie meint also mehr als das bloß Gesellschaftliche, das sie selbst mit dieser Bezeichnung sich zubilligt; sie meint ein Judentum, das sich von allen Defekten und Engheiten und Kleinlichkeiten, die das Ghetto ihm aufgezwungen, durch Anpassung an eine andere Kultur und womöglich eine universale Kultur befreit hat oder zu befreien beginnt. Daß diese Flucht ins Geistige durch eine unproportionierte Überfüllung der intellektuellen Berufe dem Judentum dann ebenso verhängnisvoll geworden ist wie vordem seine Einschränkung ins Materielle, gehört freilich zu den ewigen Paradoxien des jüdischen Schicksals.

In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. Von dem alten Habsburgerreich, das einmal Europa beherrscht, waren längst wichtigste und wertvollste Provinzen abgefallen, deutsche und italienische, flandrische und wallonische; unversehrt in ihrem alten Glanz war die Hauptstadt geblieben, der Hort des Hofes, die Wahrerin einer tausendjährigen Tradition. Die Römer hatten die ersten Steine dieser Stadt aufgerichtet, als ein Castrum, als vorgeschobenen Posten, um die lateinische Zivilisation zu schützen gegen die Barbaren, und mehr als tausend Jahre später war der Ansturm der Osmanen gegen das Abendland an diesen Mauern zerschellt. Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slawischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das Wienerische. Aufnahmewillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind, hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewußt wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.