DIE WHISKYPARTY AM RHEIN - Maria Mandie - E-Book

DIE WHISKYPARTY AM RHEIN E-Book

Maria Mandie

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Als Mamma einen bewundernden Blick auf den Garten warf, kurz bevor die ersten Gäste kamen, wusste sie genau, dass von allen Festlichkeiten, die heute in und um Godesberg veranstaltet würden, die Wächter'sche am besten gelingen würde. Sie war rundherum glücklich, während sie einige Minuten lang in den sommerlichen Abend hineinträumte. Nicht das leiseste Missbehagen warnte sie vor der Katastrophe, die sich bereits angebahnt hatte und nun unaufhaltsam auf sie zukam, auf sie und ihre Freunde. Es würde das letzte Mal sein, dass sie alle miteinander einen solchen Abend ausgelassen und fröhlich feiern würden. Schon in diesem Augenblick waren sie keine Freunde mehr, aber das konnte noch keiner von ihnen wissen. Keiner? Doch, einer wusste es bereits... Der Roman DIE WHISKYPARTY AM RHEIN von Maria Mandie erschien erstmals im Jahr 1967 und wurde mit dem Edgar-Wallace-Preis ausgezeichnet. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 310

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MARIA MANDIE

 

 

Die Whiskyparty am Rhein

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 192

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DIE WHISKYPARTY AM RHEIN 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Als Mamma einen bewundernden Blick auf den Garten warf, kurz bevor die ersten Gäste kamen, wusste sie genau, dass von allen Festlichkeiten, die heute in und um Godesberg veranstaltet würden, die Wächter'sche am besten gelingen würde. Sie war rundherum glücklich, während sie einige Minuten lang in den sommerlichen Abend hineinträumte. Nicht das leiseste Missbehagen warnte sie vor der Katastrophe, die sich bereits angebahnt hatte und nun unaufhaltsam auf sie zukam, auf sie und ihre Freunde. Es würde das letzte Mal sein, dass sie alle miteinander einen solchen Abend ausgelassen und fröhlich feiern würden. Schon in diesem Augenblick waren sie keine Freunde mehr, aber das konnte noch keiner von ihnen wissen. Keiner? Doch, einer wusste es bereits...

 

Der Roman Die Whiskyparty am Rhein von Maria Mandie erschien erstmals im Jahr 1967 und wurde mit dem Edgar-Wallace-Preis ausgezeichnet.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

  DIE WHISKYPARTY AM RHEIN

 

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

»Papa...! Paaa-paaa! Wo sind die Kerzen aus Portugal? Die vom letzten Jahr. Ich stelle sie mir ausgesprochen dekorativ vor. Sie geben dem Ganzen etwas Mystisches.«

Papa meldete sich nicht.

»Paaa-paaa! Wo bist du denn? Es ist wichtig!«

Papa gab noch immer keinen Laut.

Seufzend erhob sich Sabine aus der knienden Stellung und machte sich auf die Suche nach Papa. Die riesenhafte Schublade, in der sie gekramt hatte, blieb offen und ließ ein buntes Sammelsurium von Gegenständen erkennen. Papa warf niemals etwas fort. Er hatte den Tide, dass er irgendwann einmal alles ganz bestimmt noch brauchen würde. Und Mamma warf ebenfalls nichts weg. Sie liebte alten Kruscht, wie man dazu in ihrer Heimat sagte, alle jene Dinge, die zunächst ungeheuer wichtig zu sein scheinen und dann vollkommen überflüssig werden.

Sabine war also weggelaufen, um Papa aufzuscheuchen und ihm die Kerzenangelegenheit vorzutragen, falls ihr nicht unterwegs etwas noch Wichtigeres einfallen sollte. Im nächsten Augenblick robbte eines der drei Kinder von Mamma und Papa heran und machte sich über die offene Schublade her. Das Leben mit Mamma und Papa war doch eine hervorragende und so aufregende Angelegenheit!

»Ich weiß nicht, warum Sie nicht unseren alten Küchenhocker nehmen, Herr Wächter«, rief eine weibliche Stimme aus dem Fenster der oberen Wohnung, als Sabine die hintere Tür zum Garten erreicht hatte.

»Wo ist Papa?« Sabine drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam.

»Dort!«

»Wo?«

Im gleichen Moment sauste der Küchenhocker aus dem Fenster der oberen Wohnung wie ein Wurfgeschoss an Sabines Kopf vorbei.

»Kinder, bringt euch nicht gegenseitig um. Das besorgen heute Abend die Mücken!«

Das war Papas Stimme, und nun sah ihn Sabine auch. Er stand an der Mauer, die den schmalen Garten gegen den dahinterliegenden abgrenzte, und mühte sich mit roten Lampions ab. Sabine ergriff den Küchenhocker und schleifte ihn hinter sich her. Das Kindergebrüll, das nun ertönte, ließ sie nicht einmal innehalten, sie war es zur Genüge gewohnt. Schließlich war es auch gleichgültig, woher es schrie. Mochte nun Rainer wieder einmal die drei Stufen, die in den Garten führten, hinuntergefallen oder eines der Bälger von oben zuschanden gekommen sein, Sabine hatte Wesentlicheres vor, nämlich Papa wegen der Kerzen zu interviewen.

Papa war ihr Mann, der Journalist und Graphiker Donatus Wächter. Sabine konnte es nicht leugnen, Papa stellte etwas dar. Er war nicht nur ein erfahrener und bewährter Journalist, spezialisiert auf finanzpolitische Fragen, und ein geschickter Graphiker, sondern er machte auch ausgezeichnete Fotos für alle möglichen Zeitschriften. In der letzten Zeit sah es so aus, als ob er in erster Linie für die Frauen fotografierte. Alle diese hübschen Bilder in den Illustrierten, auf denen man kunstvoll arrangierte Salatplatten, köstliche Hummercocktails, leckere Hähnchen mit diesen reizenden Manschetten an den Beinen und kalte Braten die Menge bewundern konnte, ja, die waren von Papa. Und erst die Fotos mit den Mixgetränken, rot, gelb, grün, alle Regenbogenfarben hatten sie, die zeigten wirklich, was Papa konnte.

Sabine trällerte laut, jedoch keineswegs schön vor sich hin, sie war nun einmal nicht musikalisch. Mamma, das war sie; und wenn sie auch standesamtlich Wächter hießen, Donatus und Sabine Wächter, so nannten doch alle ihre Freunde sie. nur Papa und Mamma. Und das war auch richtig so. Da war doch keine Verwechslung möglich. Und auch die Kinder aus der oberen Etage kannten sie nur unter diesem Namen. Sabine war überzeugt, dass das Ehepaar aus der oberen Wohnung auch Papa und Mamma sagte, wenn sie untereinander über sie sprachen. Sabine hatte vergessen, was sie eigentlich bei Papa wollte. Eine unglückliche Figur gab er ab, auf einem Bein balancierend, die Arme in die Höhe gestreckt, um diese roten Lampions an den Ästen des alten Pflaumenbaumes zu befestigen.

Ach ja, sie wollte ihm den Küchenhocker von oben bringen. Ach nein, es war ja wegen der Kerzen aus Portugal. Sie hatte glücklicherweise den Faden wieder gefunden.

»Papa, es ist wegen der portugiesischen Kerzen. Ich denke mir, sie würden dem Ganzen so etwas Mystisches geben.«

Papa sah leicht erstaunt auf. Er zog dabei seine eine Augenbraue in die Höhe, und sein Backenbart bekam etwas Hochmütiges.

»Mystisch«, sagte er nur und nahm ihr den Küchenhocker aus der Hand, »soso, etwas Mystisches«, wiederholte er, während er umständlich auf den Hocker stieg und sich weiter mit den Lampions beschäftigte.

Er schien nicht sehr begeistert zu sein von ihrer Idee. Nun ja, Papa war so gescheit und wusste immer alles. Es war eine Wonne, mit Papa zu leben.

»Essen wir gleich?« Papas Stimme riss Sabine aus ihren seligen Träumereien.

»Aber ja, es gibt Pommes frites von der Bude am Marktplatz. Ich fahre gleich, sie holen« Und schon setzte sich Sabine in Bewegung. Sie konnte vorzüglich kochen, nur manchmal klappte nicht alles so, und dann gab es bei Wächters immer Pommes frites von der Marktplatzbude. Die Kinder genossen das sehr, und Papa lobte stets alles, was sie auf den Tisch brachte, wenn sie ihn auch in Verdacht hatte, dass er dabei ab und zu wehmütig an seine farbenprächtigen Fotos in den Frauenzeitschriften dachte. Sie überlegte gerade, wo sie ihr Portemonnaie zuletzt gesehen hatte, als ihr die Kerzen wieder einfielen.

»Wo waren noch gleich die Kerzen aus Portugal?«

»Unter Dickies Bett!«

»Die oben haben diese pompösen Leuchter, man sollte sie auch in den Garten bringen für die Kerzen, das gibt dem Ganzen so einen. Ach, du weißt schon, was ich meine.«

»Mystischen Anstrich.«

»Ja, genau. Die Idee ist doch grandios, findest du nicht auch?«

»Macht, was ihr wollt.« Papa interessierte sich nur für seine Lampions. Wenn er etwas tut, tut er es ganz, dachte Sabine bewundernd. Ihr fehlte diese Eigenschaft. Sabine ging in die Wohnung zurück und stieß durchaus keinen Zornesschrei aus, als sie sah, was die Kinder unterdessen mit der offenen Schublade der alten Kommode angerichtet hatten.

Es bumste an die Tür. Ohne ein Herein abzuwarten, trat der Ehemann von oben ins Zimmer.

»Guten Morgen, Schönste. Ist Ihr Mann im Haus? Er bat mich um eine Auskunft. Betrifft Raimund Steger.«

»Papa ist im Garten bei den Lampions.«

Sabine nahm zwei Gläser aus dem Regal unter dem Wohnzimmerfenster, wo Gläser jeden Alters und jeder Güte standen. Papa sammelte Gläser. Sie hob sie gegen das Licht.

»Drei Wochen«, sagte sie, und der Ehemann von oben wusste, was gemeint war. Sie hatte sich in den vergangenen drei Wochen mit Wichtigerem beschäftigen müssen als mit Staubwedeln.

»Ihr Mann war auf einer Dienstreise«, stellte der Ehemann von oben fest. Sie verstanden sich. Papa pflegte seine Gläser stets sorgfältig zu säubern. Sabine gab dem Besucher die Picon-Flasche und holte Mineralwasser aus dem Kühlschrank.

»Papa ist im Garten bei den Lampions«, sagte sie noch einmal und stürzte den Inhalt des Glases hinunter; denn ihr waren die Pommes frites eingefallen...

»Die Party beginnt um acht Uhr dreißig!« Und damit war sie schon an der Tür. Der Gast war keineswegs erstaunt über den plötzlichen Aufbruch; denn man wohnte schon nahezu vier Jahre miteinander im gleichen Haus.

Wächters veranstalteten an diesem Freitagabend eine Sandkastenparty. Die Idee kam diesmal von Mamma. Es würde großartig werden, und eine solche Veranstaltung entsprach auch am besten den Möglichkeiten der beiden. Ein alter Liegestuhl, zwei ausrangierte, weißlackierte eiserne Gartenstühle, die Sabine an ihre Kinderzeit erinnerten, ein kleiner, hoher, runder Gartentisch, die beiden portugiesischen Kerzen und die pompösen Leuchter des Ehepaars aus der oberen Wohnung würden den Garten möblieren. Ferner hofften sie auf den wuchtigen Lehnsessel von oben, wenn es auch problematisch schien, wie man ihn die steile Treppe hinuntertransportieren sollte. Sabine hatte sich am Nachmittag noch zu einer Mockturtlesuppe für die Gäste entschlossen, und Papa meinte, dass Ölsardinen immer gut wären. Er hatte schon Hunderte von Parties überlebt und kannte die Gepflogenheiten.

Beide, Papa und Mamma, besuchten ziemlich regelmäßig derlei gesellschaftliche Veranstaltungen, waren aber keineswegs perfektionierte Partygänger geworden. Mamma war dazu zu natürlich, und Papa war im Grunde seines Wesens ein häuslicher Mensch. Papa benötigte diese Parties nicht zur Stabilisierung seines Selbstbewusstseins, und Mamma wurde auch bei anderen Gelegenheiten oft genug gesagt, dass sie eine hübsche Frau sei. Die Wächters hatten es also eigentlich nicht mehr nötig, am Partyleben der Bundeshauptstadt teilzunehmen, sie wussten, wer sie waren, und hätten sich nun beruhigt zu Snobs entwickeln können.

 

Als Mamma einen bewundernden Blick auf den Garten warf, kurz bevor die ersten Gäste kamen, wusste sie genau, dass von allen Festlichkeiten, die heute in und um Godesberg veranstaltet würden, die Wächter'sche am besten gelingen würde. Sie war rundherum glücklich, während sie einige Minuten lang in den sommerlichen Abend hineinträumte. Nicht das leiseste Missbehagen warnte sie vor der Katastrophe, die sich bereits angebahnt hatte und nun unaufhaltsam auf sie zukam, auf sie und ihre Freunde. Es würde das letzte Mal sein, dass sie alle miteinander einen solchen Abend ausgelassen und fröhlich feiern würden. Schon in diesem Augenblick waren sie keine Freunde mehr, aber das konnte noch keiner von ihnen wissen. Keiner? Doch, einer wusste es bereits.

 

Um acht Uhr dreißig saß auf einem der beiden eisernen Gartenstühle der erste einsame Gast. Dr. Friedrich Malthus, der Ministerialrat. Er war als einziger pünktlich erschienen. Malthus leitete ein Referat, das sich just mit den Dingen beschäftigte, die sein großer englischer Namensvetter, Thomas Robert Malthus, um die Jahrhundertwende so pessimistisch beurteilt hatte. Abgesehen davon, dass es nicht sicher war, ob Friedrich Malthus je auf diese Zusammenhänge gekommen wäre, wenn nicht Papa ihn darauf gestoßen hätte, waren ihm die düsteren Prognosen des alten Nationalökonomen herzlich egal. Dr. Friedrich Malthus war nämlich Jurist. Papa jedoch bezeichnete eben diesen Zusammenhang als Witz der Weltgeschichte, und das war nun zweifellos übertrieben. Eines jedenfalls war gewiss; Friedrich Malthus hatte sich geärgert, als ihm Papa bei seiner Beförderungsfeier Thomas Roberts Streitschrift: An Essay on the Principles of Population überreicht hatte. Weder interessierte er sich für diesen alten Herrn, noch konnte er genug Englisch, um sich mit dessen Werken befassen zu können.

Er war Junggeselle und hätte deshalb nicht auf eine Frau warten müssen, die mit ihrer Toilette nicht fertig wurde. Jedenfalls saß er hier ganz allein. Außerdem schien es ein ungeschriebenes Gesetz der Partygepflogenheiten in Godesberg zu sein, dass man abends um neun Uhr dreißig erschien, wenn die Einladung auf acht Uhr dreißig lautete.

Aber nun kam Papa aus dem Haus, angetan mit einer alten, braunen Kordhose und einem seiner neuen Freizeithemden. Friedrich Malthus kam sich in seinem dunklen Anzug deplatziert vor, aber er tröstete sich damit, dass die Wächters Narrenfreiheit hatten, und schließlich war Donatus ja auch beruflich selbständig. Er dagegen, Malthus, als höherer Beamter mit einigen Aussichten auf schnelle Beförderung, konnte sich das nicht leisten. Aber verärgert war er doch.

In seinem Schlepptau hatte Papa einen belgischen Kollegen, der zwar nicht direkt zum Freundeskreis der Wächters zählte, den Papa aber am Vormittag auf der Straße aufgelesen hatte.

»Die von oben werden auch bald hier sein. Sie haben überraschend Besuch bekommen, einen Onkel, soviel ich verstanden habe. Mamma weiß das genauer. Sie werden ihn mitbringen.«

Papa hatte das obligatorische Whiskyglas schon in der Hand und war erstaunt, als er sah, dass Malthus kein Glas hatte. Dabei hatte Mamma eine Batterie von Flaschen und Gläsern bereits vor einer halben Stunde auf dem hohen, runden Gartentischchen aufgebaut. Bedient sich nicht selbst, dachte er, ein anstrengender Mensch.

»Dieser alte Garten hat doch etwas Rührendes.« Malthus drehte sich auf seinem reichlich unbequemen Stuhl um und blickte über den langsam dämmrig werdenden Garten.

Es war Juli und nach einem heißen, gewittrigen Tag noch ein schwüler Abend. Wahrscheinlich würde hier draußen die Temperatur auch nicht so bald angenehmer werden. Die Wächters wohnten nicht am Hang, sondern hatten die untere Wohnung in einer alten Villa aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gemietet. Sie lag im ruhigen, einstmals so begehrten Rheinviertel der Stadt. Die jetzigen Villenbesitzer, die trotz aller Bemühungen ihre alten Kästen nicht an die Botschaften und Konsulate verkaufen konnten, hatten umbauen müssen und sie so in einzelne Wohnungen aufgeteilt. Wenn auch die Wächter'sche Wohnung etwas merkwürdig war, Papa und Mamma fühlten sich wohl darin, und ihre drei Sprösslinge fühlten sich wiederum dort pudelwohl, wo Mamma und Papa waren.

Der Garten war aber wirklich schön. Er gehörte zur unteren Wohnung, was bedeutete, dass die Wächters sich darum zu kümmern hatten. Papa und Mamma entwickelten in dieser Beziehung ihren eigenen Geschmack. Sie liebten die Wildnis, das Wuchernde, das Natürliche sozusagen. Natur, die nicht durch Menschenhand in ihrem Charakter verändert wurde. Außerdem war Gartenarbeit mühselig.

Der Garten war schmal und langgestreckt. Von der Straße aus konnte man ihn durch eine kleine Tür betreten, die in einer Art Pergola eingelassen war. Hohes Gras stand in der Nähe der Zäune, die ihn gegen die anderen Grundstücke abgrenzten. In der Mitte war der Rasen niedergetreten, schließlich hatten beide Familien zusammen sechs Kinder, für die dieser Garten zum Paradies geworden war. An sonnigen Nachmittagen lag Sabine in dem alten Liegestuhl und lernte aus einem Buch. Sie hatte beschlossen, Kurzgeschichten zu schreiben und war seit fünf Jahren an den Vorbereitungen zu diesem Unternehmen. Kinderwäsche hing dann gewöhnlich auf der Leine, die zwischen zwei Obstbäumen gespannt war, und die sechs Kinder des Hauses, verstärkt durch etliche aus der Nachbarschaft, veranstalteten einen Heidenlärm. Sabine nahm das als Zeichen, dass sie gesund waren.

Die Mauer am Gartenende war ein Schandfleck gewesen, aber die Wächters hatten so gar keine Idee, was da zu machen wäre, bis dann schon wenige Wochen nach dem Einzug das Ehepaar von oben mit einem größeren Geranientopf und einem dicken Draht erschienen war und den Topf nach spanischer Art an der Mauer befestigt hatte. Schade nur, dass sie den Blumentopf haargenau in die Mitte der Mauer platziert hatten. Papa liebte die Symmetrie nicht besonders. Aber der Gesamteindruck hatte sich erheblich verbessert. Die alten Bäume und Sträucher waren jetzt im Juli voll belaubt und gaben dem Garten etwas Trauliches. Der ganze Stolz von Mamma aber war ein Rosenbäumchen, dicht am linken Zaun.

Und inmitten des Gartens befand sich die große Sandkiste, und die war das Allerwichtigste. Papa hatte sie mit dem Ehemann von oben gebaut. Sie hatten gemeinsam eine große Grube ausgehoben und mit alten, ausrangierten Türen aus dem Anwaltsbüro des Ehemannes abgestützt. Der Sand hatte eine ganz hübsche Stange Geld gekostet, und beide Familien waren stolz darauf, was sie für ihren Nachwuchs alles getan hatten.

In diesem Prachtstück stand nun heute Abend Mammas Gartentischchen und neben ihm prunkten die beiden pompösen Leuchter mit den portugiesischen Kerzen. Papas rote Lampions brannten, der Lehnstuhl stand unter dem Rosenbäumchen, und alles war wirklich sehr nett.

»Es läutet, Papa«, Sabines Stimme kam aus dem Schlafzimmer, und Donatus Wächter erhob sich langsam, um ihrem, wenn auch unausgesprochenen Befehl zu folgen. Er brachte Anne Liebelt und die Schoens mit in den Garten.

Corinna Schoen ging auf den Tisch mit den Flaschen zu, und Matthias Schoen rief laut nach Sabine. Anne Liebelt begrüßte den Ministerialrat und setzte sich dann auf den Sandkastenrand. Sie hatte eine Party dieser Art noch nicht mitgemacht.

Das Ehepaar von oben brachte den Onkel mit, einen Konstrukteur aus Stuttgart: einen untersetzten, gesund aussehenden Mann in den Fünfzigern.

Zur Überraschung aller tauchte kurz darauf ein Mann auf, der sich beruflich in der dünnen Luft der Führungsspitze einer Partei bewegte. Weder Mamma noch Papa hatten mit ihm gerechnet. Papa hatte ihn auf irgendeiner Party kennengelernt und ihn zur Sandkastenparty gebeten, als er ihn vor einigen Tagen getroffen hatte. Aber über Lampions, Kerzen, Pommes frites und Kindern hatte man ihn vergessen. Dieser Mann brachte einen Major der Bundeswehr mit, den er am Nachmittag nicht hatte loswerden können.

Nun endlich erschien auch Mamma. Ganz in Rosa. Sie sah unwahrscheinlich jung aus. Kein Mensch hätte sie für dreiunddreißig gehalten. Das schmale rosa Kleid war einfach geschnitten und an den Füßen trug sie Ballerina-Schuhe von der gleichen Farbe. Mamma war 1,78 Meter groß und fand, sie sei zu groß für eine Frau. Sie trug keinen Schmuck und hatte nur im Nacken eine riesige Schleife aus rosa Seide befestigt. Sie war in allerbester Stimmung und zeigte es auch.

Erika Holtzen kam gleich danach, und die Party hätte beginnen können, wenn nicht Raimund Steger noch gefehlt hätte. Aber der ließ auf sich warten.

Papa hatte Roderick Helmold, den Onkel aus Stuttgart, in den Lehnstuhl komplimentiert. So saß er unter dem Rosenbäumchen und konnte das Ganze bestens überschauen. Die junge, überschlanke Frau von oben hatte sich vorsichtig in den Liegestuhl fallen lassen; sie kannte dieses Möbel und fürchtete seine Tücken. Die Männer standen herum. Der Anwalt von oben war ebenfalls in Freizeitdress gekommen, aber der Onkel war korrekt gekleidet, wenn man das von einer Kombination am Abend sagen konnte, doch hatte Friedrich Malthus sogleich die geschmackvolle Krawatte entdeckt. Muss ein guter Mann sein, dachte er und beschloss, sich ihm zu widmen. Anne Liebelt trug Rock und Bluse, und Erika Holtzen ein Sommerfähnchen. Corinna Schoen war in einem schwarzen Partykleid erschienen.

Whisky und Sekt, die Bonner Party-Getränke, wurden von Papa kredenzt, und der Ehemann von oben hatte bereits ein großes Stück Käse in der Hand, in das er kräftig hineinbiss. Das Gesicht, das er dabei zur Schau trug, ließ Sabine vermuten, dass es Ärger mit dem älteren Sozius gegeben hatte.

Raimund Steger erschien immer noch nicht.

»Los, ruf an!«, sagte jemand zu Sabine.

»Komm, lass«, hielt Papa sie zurück, »es gibt doch nur Ärger für ihn! Ihr kennt doch Susanne. Wer weiß, was da wieder los ist. Warum hast du sie nicht auch eingeladen?« Er wandte sich an seine Frau.

»Hab’ ich ja, aber sie wollte nicht. Nun, ihr kennt sie doch alle.«

»Dann lass ihn auch zufrieden, schließlich muss er sehen, wie er mit ihr fertig wird. Er wird schon kommen. Jedenfalls können wir noch eine Stunde warten. Ist er dann noch nicht da, könnt ihr immer noch telefonieren, wenn ihr euch mit Susanne anlegen wollt!« Papa schenkte Friedrich Malthus erneut ein...          

»Er hat aber fest zugesagt«, fing Sabine wieder an, »richtig gefreut hat er sich. Du weißt doch, er kommt so gern hierher.«

»Das stimmt, Frau Wächter, es gab doch mal eine Zeit, da wurde es direkt zu viel«, die junge Frau von oben hatte sich in ihrem Liegestuhl aufgesetzt.

»Ach was«, ereiferte sich Corinna Schoen, »Raimund ist auf einer anderen Party gelandet, was regt ihr euch denn auf.«

»Nein, sieht ihm nicht ähnlich.« Matthias Schoen war ruhiger als seine Frau und in den Jahren ihrer Ehe ein bisschen allergisch gegen ihre Flatterhaftigkeit geworden.

»Also gut, in einer Stunde rufen wir bei Stegers an«, sagte Papa und setzte damit den Schlusspunkt.

Es war noch immer schwül, aber da sie alle schon etliche Jahre in Godesberg oder Bonn wohnten, hatten sie sich mehr oder weniger damit abgefunden. Nur Roderick Helmold, der konstruierende Onkel, fand es ungewöhnlich drückend. Er wohnte in Stuttgart, auf der Höhe, und war ein anderes Klima gewöhnt.

Die Nacht war hereingebrochen, und der Garten mit den Lampions wirkte noch trauter und anheimelnder als bei Tag. Die Kerzen in der Sandkiste machten sich prächtig, und die lachende und schwatzende Gesellschaft hatte ihren harmlosen Spaß.

Roderick Helmold genoss es. Ist es schon so lange her, seit ich mit so vielen jungen Menschen zusammen war? dachte er staunend. Sie kommen mir alle so besonders jung vor, und dabei sind sie doch schon zwischen dreißig und vierzig. Dieser Ministerialrat musste sogar ein gut Teil älter sein. Ich habe mich zu viel meinen Maschinen gewidmet, sagte er sich. Ich sollte ein paar Tage länger hier bleiben, das wird mir sicherlich gut tun. Er kramte eine Pfeife aus seiner Jackentasche, stopfte sie in aller Ruhe, ließ sich Wein nachschenken und lehnte sich zufrieden in den Sessel zurück.

Derweil hatte Sabine im Wohnzimmer den Plattenspieler in Gang gesetzt, und Nat King Coles einschmeichelnde Stimme drang in den Garten. Impossible, sang er immer wieder. Er war Sabines Liebling und hatte ihr schon oft geholfen, wenn die Widerwärtigkeiten des Lebens doch einmal zu groß waren. Dann zog sie sich mit dem Plattenspieler und Nat King Cole in die kleine Rumpelkammer zurück, die im Dachgeschoss lag und als Fremdenzimmer diente.

Corinna Schoen hatte die Pumps von den Füßen gestreift und tanzte nun mit dem überraschten Roderick Helmold barfuß auf dem Rasen. Bei den ganz großen Parties war das üblich. Corinna hatte es in exklusiveren Blättern gelesen, und auch die schwedischen Freunde von der Botschaft, von denen sie neuerdings eine ganze Anzahl besaß, behaupteten, dass es in ihrer Heimat gang und gäbe wäre.

Der Konstrukteur aus Stuttgart tanzte nicht, er stampfte. Er walzte mit der aufgedrehten Corinna nach den schmachtenden Klängen und wusste nicht recht, wie ihm geschah. Tut dir gut, alter Junge, schmunzelte er in sich hinein, bin schon richtig eingerostet, merk’s erst jetzt, wo ich alle diese jungen Leute erlebe.

Matthias Schoen saß mit Anne Liebelt und Erika Holtzen, der Lehrerin, im Sandkasten. Sie hatten ein paar vergessene Kinderförmchen ausgegraben und spielten Kuchenbacken. Friedrich Malthus und Papa soffen still vor sich hin. Der Mann aus der dünnen Luft der Führungsspitze einer Partei stand stumm und etwas seltsam in seinem Smoking herum. Der Smoking war in jedem Fall fehl am Platze, der Mann selbst wahrscheinlich auch. Und Mamma betrachtete das Ganze und fühlte sich ausgesprochen wohl.

»Wo nur Raimund bleibt?«, rief sie in den Garten hinein; aber jeder war so mit sich beschäftigt, dass keine Antwort kam, wahrscheinlich hatte niemand auch nur darauf geachtet, was sie gefragt hatte. Langsam kam der Ehemann von oben in Fahrt. Friedrich Malthus hatte dessen Frau ganz offiziell zum Tanz aufgefordert. Ja, das gab es auch noch. Sonst besorgten sich die Frauen ihre Tanzpartner meist selbst. Der Anwalt trat zu Papa und Roderick Helmold, der etwas außer Atem war. Corinna wieder bei seinem Lehnstuhl abgeliefert worden war.

»Was macht eigentlich eure Gesellschaft?«, rief Matthias Schoen zu den Männern hinüber, »seid ihr immer noch nicht über die konstituierende Sitzung hinausgekommen?«

»Können uns über die Honorarforderungen noch nicht einigen, die wir unseren zukünftigen Klienten stellen werden«, lachte Papa. Matthias Schoen erhob sich und ließ die zwei Frauen allein. Der Offizier nahm seinen Platz gern ein. Er kannte niemanden und wusste auch nicht, was er hier überhaupt sollte. Schoen schlenderte zum Rosenbäumchen und gesellte sich zu den dreien.

»Haben sie schon einmal etwas von der Gesellschaft zur Verbreitung von Schrecken aller Art gehört?«

Er stand breitbeinig vor Helmold und sah auf ihn hinunter.

»Ihr Neffe hier, der Herr Anwalt, und Papa haben den alten Morgenstern ausgegraben und ihm die Idee geklaut. War doch Morgenstern, wenn ich mich recht erinnere.«

»Morgenstern oder nicht«, sagte der »Ehemann von oben«, »die Gründung unserer Gesellschaft ist absolut notwendig geworden.« Er wandte sich an den Onkel: »Hier schlägt sich jeder selbst mit dem Problem herum, auf welche Art und Weise er seinen lieben Mitmenschen eines auswischen kann. Dann kommt selten der gewünschte Effekt heraus. Herr Wächter und ich haben nun den glänzenden Einfall gehabt, die Sache zu organisieren. Du verstehst, was ich meine?«

Roderick Helmold sah seinen Neffen verständnislos an. Hatte der etwa schon so viel getrunken?

»Ja, lieber Onkel«, fing der Anwalt wieder an, »es tut sich was. Die Gesellschaft zur Verbreitung von Schrecken aller Art nimmt sich jedes auch noch so schwierigen Falles an. Wir sorgen für Feuersbrunst und Donnerschlag, handfeste Beleidigungen und feine Sticheleien. Du kannst uns in Anspruch nehmen, wenn der Hund deines Nachbarn dich ärgert oder dein Vorgesetzter. Wir schütten auf Wunsch Sekt in Dekolletés oder über das neue Abendkleid der besten Freundin. Wir liefern Mäuse, Insekten und jedes andere Ungeziefer. Unsere Gesellschaft hilft, Karrieren zu verbauen und veranlasst den gesellschaftlichen Tod. Kurz, wir treten immer dann in Aktion, wenn unseren Klienten die passenden Ideen fehlen, wie und wo sie ihren Mitmenschen das Leben sauer machen können. Gezielte, wirkungsvolle Maßnahmen, wir garantieren sie.«

»Eure Klientel wird enorm sein«, grinste Helmold.

»Wir werden Zweigniederlassungen gründen und Generalvertretungen auf der ganzen Welt haben«, erläuterte Papa, »den Menschen wird geholfen werden und uns hoffentlich auch. Das heißt, wenn wir uns jemals über die Honorarforderungen einigen werden.«

Die Männer lachten und fingen an, den Gedanken nach allen Seiten hin auszuspinnen und zu erörtern. Die Einfälle flogen ihnen nur so zu. Aber erst, als die Frauen zu ihnen herüberkamen und mitmachten, bekam das Ganze die richtige Würze.

Wie erfrischend es ist, unter jungen, unbeschwerten Menschen zu sein, dachte Roderick Helmold. Wenigstens kamen sie ihm an diesem Abend so vor.

Raimund Steger war immer noch nicht eingetroffen.

»Jetzt ruf ich Susanne Steger an«, sagte Sabine energisch, »ich kann’s nicht begreifen. Er hätte sicher von sich hören lassen, wenn irgendetwas schief gegangen wäre. Er ist doch sonst so zuverlässig.« Sie lief zum Haus hinüber und verschwand in der Wohnung.

Es war bereits kurz vor zwölf. Musik wehte zu den Menschen in den Garten hinaus, die alten Bäume rauschten. Ein leichter Wind war aufgekommen, und Papas rote Lampions schaukelten sanft auf und ab. Die portugiesischen Kerzen in den pompösen Leuchtern waren ein gut Teil niedergebrannt. Wachs troff an ihnen herab. Die Eisstückchen klingelten in den Whiskygläsern, und Corinna hatte der Sekt in ihre schönste Partylaune versetzt. Sie hatte sich den Ehemann von oben geangelt und tanzte, dicht an ihn gedrängt, in einer Ecke des Gartens. Die junge Frau von oben diskutierte mit Papa über den Geranientopf in der Mitte der Mauer, und Erika Holtzen ließ einen Vortrag des Ministerialbeamten über sich ergehen. Anne Liebelt schien müde zu sein. Sie saß immer noch auf dem Sandkastenrand und brütete vor sich hin. Roderick Helmold ertappte Matthias Schoen bei einem herzhaften Gähnen. Dessen Zeit war langsam gekommen. Aber er würde noch ausharren müssen. Corinna war bei weitem noch nicht mit der Feierei fertig, im Gegenteil, es sah so aus, als ob sie jetzt erst richtig damit anfangen würde. Er blickte zu den beiden in der Gartenecke hinüber. Richtig, sie flirtete auf das heftigste. Was will sie nun wieder mit diesem Anwalt, seufzte er und dachte an das arbeitsame Wochenende, das vor ihm lag. Er war Direktor einer Bank, bei der viele ausländische Botschaften ihre Konten unterhielten, und eben nicht an Dienststunden gebunden, wie dieser Friedrich Malthus, der sicher sein Büro um fünf Uhr am Nachmittag verlassen hatte. Hinzu kamen noch diverse gesellschaftliche Verpflichtungen. Schoen stöhnte. Es würde wieder einmal ein schreckliches Wochenende werden. Dazu diese Hitze.

Mamma kommt gar nicht wieder, überlegte der Bankdirektor dann. Was musste sie auch zu nachtschlafender Zeit bei Susanne Steger anrufen! Schließlich gab es selbst hier Leute, die zu dieser Stunde in ihren Betten lagen, und er wünschte sehnlichst, dass er auch zu ihnen gehören könnte.

»Versteht ihr das?« Sabine sprang die drei Stufen von der Wohnung in den Garten hinunter und kam zu ihnen gelaufen. Es war zu drollig anzusehen, wenn Mamma lief. Sie warf ihre überlangen Beine ungeschickt nach beiden Seiten.

»Raimund ist nicht zu Hause, seit heute Mittag ist er fort. Susanne glaubte, er wäre in irgendein Ministerium gegangen, Übersetzungen abzuliefern, und dann direkt zu uns gekommen.« Mamma war besorgt.

»Was kümmert ihr euch nur so viel um Raimund«, klang es aus der Gartenecke. Corinna musste trotz aller Flirterei Sabine gehört haben.

»Selbst beim Flirten hat sie ihre Ohren und Gedanken noch bei allem möglichen«, stöhnte Matthias Schoen, Er hatte jetzt genug von der Party und wollte nach Hause.

»Du machst dir Sorgen, Sabine?« Erika Holtzen war von der Sandkastenbank aufgestanden und trat neben sie.

»Ja, natürlich. Raimund hätte unter allen Umständen angerufen, wenn etwas dazwischengekommen wäre. Ich kann das gar nicht begreifen.«

»Hatte Susanne eine Ahnung, wo er sein könnte?«, fragte Papa jetzt, der die Sache systematisch angehen wollte.

»Nein, eben nicht. Sie war ganz überrascht, als sie hörte, dass er nicht bei uns ist. Sie war schon im Bett gewesen und reichlich verschlafen. Lief in sein Zimmer, aber er war tatsächlich nicht nach Hause gekommen. Susanne meinte dann giftig, er würde schon irgendwo sein. Na ja, ihr kennt das ja zur Genüge, die beiden kommen nicht gut miteinander aus.« Sie schwieg. »Wenn ich nur wüsste, wo er steckt!« Sabine stand gedankenverloren mitten im Garten, und ihr Gesicht hatte einen nachdenklichen, eigenartigen Ausdruck.

»Kinder, wir können doch jetzt um diese Zeit gar nichts unternehmen. Raimund wird morgen früh zu Hause sein, und ihr werdet erfahren, wo er sich herumgetrieben hat - oder auch nicht.« Matthias Schoen wurde ungeduldig. »Da ist doch nicht etwa eure Gesellschaft zur Verbreitung von Schrecken aller Art bereits am Werke? Hokuspokus, und ihr habt Raimund vom Erdboden verschwinden lassen.«

Schoen trank sein Glas aus und zwinkerte Corinna zu. Aber sie reagierte nicht. Jetzt wurde es erst richtig schön, und sie würde noch lange nicht gehen.

Die Nacht war angenehm. Die Schwüle war gewichen, und obgleich es immer noch warm war, fühlte man sich wohl. Die einzelnen Grüppchen wechselten die Plätze. Mamma reichte ihre Mockturtlesuppe, und Roderick lehnte sich behaglich in seinem Lehnstuhl zurück.

Ein schönes Sandkastenfest, dachte Sabine später, als sie kurz nach zwei Uhr morgens die Wohnzimmertür schloss und in den dunklen Garten blickte, in dem sich Kerzen, Gläser, Stühle, zerknüllte Servietten und volle Aschenbecher ein Stelldichein gaben. Wenn ich nur wüsste, wo Raimund ist!

  Zweites Kapitel

 

 

Raimund Sieger war auch am folgenden Tag nicht nach Hause gekommen, und am Sonntagmittag gab seine Frau auf dem zuständigen Polizeirevier eine Vermisstenanzeige auf. Vermisst wurde der 44jährige Übersetzer Raimund Steger, wohnhaft in Bonn. Er trug eine helle Sommerhose, ein dunkelblaues Sporthemd und einen anthrazitfarbenen Sakko, als seine Frau ihn zuletzt gesehen hatte. Er hatte ihr am Freitagmittag beim Abschied zugerufen, dass er in ein Ministerium wollte, um Übersetzungen abzuliefern. In welches, hatte sie nicht recht verstanden.

Um 7.30 Uhr gingen am Montagmorgen die Bauarbeiter an ihre Arbeit. Oberhalb von Godesberg entstand ein großes Neubaugebiet mit Hochhäusern, Bungalows und Ein-Familien-Reihenhäusern. Einige der hohen Mietshäuser waren schon bezogen, und auch in den Bungalows am Rande der Siedlung nahe dem Wald wohnten schon zwei glückliche Besitzer. Die Reihenhäuser standen zu je vier und je fünf Häusern zusammen, mit kleinen Gärten dazwischen. Sie waren kurz vor der Fertigstellung, und bis auf zwei Familien, die es geschafft hatten, schon vor dem allgemeinen Einzugstermin in ihre Häuser zu kommen, wohnte noch niemand dort. Die Häuser standen noch leer. Sie waren so kurz vor dem Einzug alle verschlossen, und der Polier ging morgens vor dem Beginn der Arbeit durch die Siedlung, um die Türen aufzusperren. Es fehlten nur noch geringfügige Kleinigkeiten. Da und dort war etwas auszubessern, Risse zu verputzen oder Treppenstufen zu begradigen. Dann konnten die Maler kommen und nach ihnen die Parkettleger.

Der Gastarbeiter Raffaelo Sonta schleuderte auf einen der Bungalows am Waldrand zu. Eine elektrische Leitung war verlegt worden, und er musste beiputzen. Alles Kleinigkeiten, dachte er.

Er hatte viel mehr Freude beim Hochziehen eines Rohbaus, da sah man doch wenigstens, was man schaffte. Der Polier hatte die Tür des Hauses schon aufgeschlossen, und Raffaelo Sonta brauchte nur die Tür zu öffnen.

Er trat in die Diele. Sie war nicht übermäßig groß, aber formschön in ihren Ausmaßen. Eine Treppe schwang in großzügigem Bogen in das Souterrain hinab, das die zukünftigen Eigentümer hatten ausbauen lassen. Ein Hobbyraum, ein Wirtschafts- und Bügelzimmer befanden sich dort sowie weitläufige Kellerräume. Sonta ging auf die Wohnzimmertür zu, überlegte es sich dann doch anders und ging zur Treppe. Er brauchte einen Eimer. Den würde er im Keller finden, wo allerlei Handwerkszeug bereitlag. Er stieg hinab. Unten vor der Treppe sah er den Mann.

Sonta erschrak, doch dann trat er neugierig an den Mann heran. Der lag vornübergebeugt auf den Steinfliesen. Zweifellos, er lebte nicht mehr. Der Arbeiter ging um den Körper herum und betrachtete ihn genauer. Dabei entdeckte er die Kopfwunde. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er begriff, was er da gesehen hatte. Dann aber drehte er sich flink um und lief aus dem Haus.

Raffaelo Sonta schrie nach dem Polier und erreichte ihn auch in der ersten Reihe der Einfamilienhäuser. Zunächst verstand der Polier kein Wort von dem, was Raffaelo heraussprudelte. Der Mann war schrecklich aufgeregt, aber der Polier konnte nicht so recht begreifen, was ihn in diesen Zustand versetzt hatte. Sonta packte den Polier kurzerhand am Arm und zog ihn hinter sich her bis zu dem Bungalow Nr. 8. Heftig gestikulierend und in seiner Muttersprache auf den Polier einredend, zeigte Sonta auf die Wunde am Kopf des toten Mannes. Ein stumpfer Gegenstand hatte ihn getroffen. Der Mann war tot, das sah auch der Polier.

Schnell verließen darauf die beiden Männer das Haus, der Polier sperrte es ab, und sie liefen zu der Bauhütte, in der während der Errichtung der Häuser ein Angestellter der Wohnungsbaugesellschaft, die das Projekt baute und die Arbeiten überwachte, zu erreichen war. Beide Männer rissen die Tür gemeinsam auf, und während Raffaelo Sonta noch immer hochgradig erregt war, meldete der Polier ruhig und besonnen den grausigen Fund.

Eine Viertelstunde später waren Beamte der Kriminalpolizei im Haus, geleitet von Kriminalkommissar Viktor Schwanz. Sie taten, was es zu tun gab, und der Arzt untersuchte den Toten. Es stand eindeutig fest, dass es sich um einen Mord handelte. Der Mann war \ om Täter, der hinter ihm auf der Treppe gestanden haben musste, mit einem stumpfen Gegenstand Heftig auf den Kopf geschlagen worden. Vermutlich mit einem schweren Hammer, dachte Schwartz. Männer kamen und brachten die Leiche fort.

Der Mann hatte zwar keine Papiere bei sich gehabt, aber alles sprach dafür, dass es sich um den vermissten Raimund Steger handelte, 44 Jahre alt, Übersetzer, wohnhaft in Bonn. Die Personalbeschreibung passte genau.

Noch an Ort und Stelle verhörte Kriminalkommissar Schwartz den Polier und Raffaelo Sonta. Er erfuhr dabei, dass der Polier- am Freitagnachmittag kurz vor 17 Uhr die Reihenhäuser und Bungalows selbst verschlossen hatte, nachdem die Arbeit beendet gewesen war. Die Schlüssel hatte er darauf alle zusammen wie an jedem Abend in der Bauhütte bei dem Angestellten abgeliefert. Heute Morgen hatte er kurz vor Beginn der Arbeit die Schlüssel wieder abgeholt und die Häuser aufgeschlossen, war jedoch nicht in Nr. 8 eingetreten, so dass nicht er, sondern der Gastarbeiter Raffaelo Sonta, der im Wohnzimmer die aufgerissene Wand beiputzen sollte, den Toten in dem Souterrain vor der Treppe gefunden hatte.

Kriminalkommissar Schwartz erfuhr weiter von dem Angestellten der Wohnungsbaugesellschaft, dass die Schlüssel von ihm selbst in eine Art Tresor am Freitagabend eingeschlossen worden waren. Gemeinsam gingen sie dann zur Bauhütte hinüber und fanden in der Liste der zukünftigen Eigentümer die des Bungalows Nr. 8: Matthias und Corinna Schoen. Hinter dem Namen stand der Vermerk, dass sich das Ehepaar Schoen im Besitze eines zweiten Schlüssels befinde. Die Wohnungsbaugesellschaft hatte so kurz vor dem Einzug allen künftigen Eigentümern auf Wunsch einen Schlüssel ausgehändigt, damit sie jederzeit in der Lage seien, das Haus, das mm fast fertig war, zu betreten. Die Eigentümer konnten so frühzeitig die erforderlichen Vorkehrungen für den Umzug treffen, und außerdem war diese Maßnahme auch durchaus üblich.

Viktor Schwanz bedankte sich, verlangte aber, dass niemand den Bungalow Nr. 8 bis auf weiteres betreten dürfe. Er würde sich selbst mit den Eigentümern in Verbindung setzen.  

 

Am Nachmittag machte sich Kriminalkommissar Schwartz auf den Weg. Die Arbeit der Kriminalpolizei im Bungalow der Schoens war beendet. Trotz sorgfältigen Durchsuchens des leeren Hauses und der näheren Umgebung konnte die Mordwaffe nicht gefunden werden, und auch mit dem Sichern der Fußspuren hatten sie kein Glück gehabt. Es hatte dort, wo Sand auf dem Estrich lag, viele Fußspuren gegeben, aber sie waren zum Teil stark verwischt und stammten von den schweren Stiefeln der Arbeiter, die den ganzen Freitag über im Haus beschäftigt gewesen waren. Auf dem Betonestrich der Treppe und des Souterrains konnten keine Spuren festgestellt werden.

Schwartz war weit davon entfernt, auch nur den geringsten Verdacht zu haben, wer Raimund Steger in dem fast bezugsfertigen Bungalow der Schoens ermordet haben konnte.

Das Haus war vor und nach der Tat abgeschlossen gewesen. Soviel stand fest. Dem Arzt war es zwar nicht gelungen, die genaue Todeszeit anzugeben, dazu hatte der Mann schon zu lange leblos in dem leeren Hause gelegen, bis Raffaelo Sonta ihn gefunden hatte, aber er hatte sich schließlich auf die Zeit von 17 Uhr bis 19.30 Uhr am Freitagnachmittag festgelegt.