Die Widerspenstige - Iny Lorentz - E-Book

Die Widerspenstige E-Book

Iny Lorentz

0,0
9,99 €

Beschreibung

Um ihr Erbe betrogen und auf der Flucht vor einer erzwungenen Ehe gibt Johanna von Allersheim sich als Mann aus. Zuflucht finden sie und ihr Zwillingsbruder Karl schließlich bei Adam Osmanski, einem entfernten Cousin und Festungskommandanten in Polen, der die Geschwister allerdings nicht eben freundlich willkommen heißt. Nicht ahnend, dass Adam über ihre Identität Bescheid weiß, beschließt Johanna, ihre Tarnung aufrechtzuerhalten. Adam spielt ihr Spiel mit, bewundert er doch widerwillig den Mut der jungen Frau. Plötzlich ergeht der Befehl an alle Männer der Festung, sich dem königlichen Heer anzuschließen, denn die Truppen des Osmanischen Reiches ziehen gegen Wien – zu spät für Johanna, ihr wahres Geschlecht aufzudecken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 911




Iny Lorentz

Die Widerspenstige

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Um ihr Erbe betrogen und auf der Flucht vor einer erzwungenen Ehe gibt Johanna von Allersheim sich als Mann aus. Zuflucht finden sie und ihr Zwillingsbruder Karl schließlich bei Adam Osmanski, einem entfernten Cousin und Festungskommandanten in Polen, der die Geschwister allerdings nicht eben freundlich willkommen heißt. Nicht ahnend, dass Adam über ihre Identität Bescheid weiß, beschließt Johanna, ihre Tarnung aufrechtzuerhalten. Adam spielt ihr Spiel mit, bewundert er doch widerwillig den Mut der jungen Frau. Plötzlich ergeht der Befehl an alle Männer der Festung, sich dem königlichen Heer anzuschließen, denn die Truppen des Osmanischen Reiches ziehen gegen Wien – zu spät für Johanna, ihr wahres Geschlecht aufzudecken.

Inhaltsübersicht

DanksagungPrologErster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. KapitelZweiter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. KapitelDritter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. KapitelVierter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. KapitelFünfter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. KapitelSechster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. KapitelSiebter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. KapitelAchter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. KapitelAusklangHistorischer ÜberblickQuellenPersonenHistorische PersonenGlossarLeseprobe »Die Saga von Vinland«
[home]

Danksagung

Wir bedanken uns herzlich bei unserer polnischen Freundin Urszula Pawlik, die uns auf unserer Recherchereise durch Polen begleitet und es uns ermöglicht hat, mit Historikern zu sprechen und Museen und Orte zu besuchen, die wir allein nie entdeckt hätten.

 

Ein weiterer Dank gebührt unserer Freundin Ingeborg, die uns schon oft auf Recherchereisen begleitet hat und mit Urszula und uns zusammen mit durch Polen gefahren ist.

[home]

Prolog

Jan III. spürte die Verzweiflung des jungen Mannes und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Tut nichts Unbesonnenes, Osmański! Es bringt weder Euch noch mir etwas, wenn Ihr wie ein zorniger Bär in Azad Jimals Lager oder in das eines anderen Tatarenkhans hineinreitet und diese Kerle zum Zweikampf herausfordert. Deren Krieger würden Euch mit Pfeilen spicken, bevor Ihr auch nur den Säbel ziehen könnt.«

»Aber ich kann doch nicht die Hände in den Schoß legen!«, rief Adam Osmański erregt. »Die Tataren haben den braven Ziemowit Wyborski, seinen Sohn Gregorz und alle anderen Verteidiger von Wyborowo niedergemacht! Ich bin nur deshalb am Leben, weil Pan Ziemowit mich als Boten zu Euch geschickt hat. Bliebe mein verehrter Großonkel ungerächt, müsste ich mich zu Tode schämen. Ich habe ihm so viel zu verdanken!«

Da der König die Geschichte des jungen Mannes kannte, nickte er unwillkürlich. Dennoch musste er ihn bremsen. »Ihr dürft Euer Leben nicht durch eine sinnlose Tat wegwerfen, Osmański. Ziemowit Wyborski würde Euch das als Erster sagen.«

Adam ballte in hilfloser Wut die Fäuste. »Er hätte statt meiner überleben sollen – oder wenigstens sein Sohn! Nun gibt es keinen Wyborski mehr. Dabei waren sie ein so tapferes Geschlecht. Was bin ich dagegen wert?«

Jan III. sah ihn fragend an. »Es gibt doch noch Nachkommen von Pan Ziemowit!«

Adam winkte ab. »Ja, irgendwo im Heiligen Römischen Reich. Seine Tochter Sonia hat einen Deutschen geheiratet anstatt eines Polen.«

»Man muss ihr schreiben, dass ihr Vater und ihr Bruder im Kampf gegen die Tataren gefallen sind.«

»Sonia Wyborska ist vor ein paar Jahren gestorben«, berichtete Adam mit Trauer in der Stimme.

Der König klopfte ihm tröstend auf die Schulter. »Wyborskis Besitz ist mit ihm verlorengegangen. Wie steht es mit Euch?«

»Die Familie meines Vaters hat mir auf Pan Ziemowits Betreiben hin ein Dorf überlassen. Dort lebt jetzt meine Mutter.«

»Was wollt Ihr nun tun, da Pan Ziemowit tot ist?«

»Es gibt nur einen, dem ein Mann dienen kann, den ein Wyborski erzogen hat, nämlich Euch, mein König!«

Jan III. nickte nachdenklich. »Ich brauche tapfere Männer.«

Kaum hatte er es gesagt, kniete Adam vor ihm nieder. »Verfügt über mich!«

»So gefallt Ihr mir schon besser!« Der König hob Adam auf, schloss ihn in die Arme und küsste ihn auf beide Wangen. »Ich benötige Eure Dienste! Dabei könnt Ihr sogar etwas gegen die Tataren unternehmen. Bewacht für mich die Grenze in jenem Bereich, in dem Azad Jimal Khans Horden polnische Erde plündern. Ihr werdet aber nicht von L’wow aus versorgt, sondern von Żółkiew aus. Ihr seid mein Mann, Osmański, und keinem Magnaten und keinem Hetman untergeordnet.«

»Ich danke Euch, Euer Majestät!« Adam klopfte gegen den Griff seines Säbels und lächelte zum ersten Mal, seit er vom Tod seines väterlichen Freundes erfahren hatte. »Azad Jimal Khan wird seinen verräterischen Angriff auf Wyborowo bald bereuen, das schwöre ich Euch!«

»Entfacht aber nicht gleich einen Krieg gegen die Türken!«, ermahnte Jan Sobieski ihn.

»Ich werde achtgeben«, versprach Adam ihm mit glitzernden Augen.

»Dann ist es gut.« Die Miene des Königs wurde hart. »Polen hat nicht nur Wyborskis Besitz an Türken, Tataren und Kosaken verloren, sondern weit mehr Land. So die Heilige Jungfrau von Tschenstochau es will, werden wir es uns zurückholen. Doch dafür muss Polen stark sein, Osmański, und kein zerstrittener Haufen, bei dem das Nein eines einzigen Schlachtschitzen genügt, um alle Pläne platzenzulassen. Um Polen stark zu machen, brauche ich Männer wie Euch. Sammelt wackere Kerle! Ich besolde sie, und Ihr führt sie gegen jeden Feind, den ich Euch nenne, seien es Türken und Tataren, der Kurfürst von Brandenburg, Moskowien oder Österreich!«

»Ich werde bereit sein«, versprach Adam und zog seinen Säbel. »Für den König, für Polen und für die Heilige Jungfrau!«

»Nennt die Muttergottes bitte zuerst, dann Polen und zuletzt mich!«, korrigierte Jan III. ihn. »Die Heilige Jungfrau und Polen sind ewig, doch ich bin nur ein sterblicher Mensch.«

[home]

Erster Teil

Das Testament

1.

Etliche hundert Meilen weiter westlich trat Johanna mit zornig funkelnden Augen vom Fenster zurück.

»Da kommt der böse Mönch«, erklärte sie ihrem Bruder.

»Meinst du etwa Frater Amandus? Vater hat ihm doch verboten, jemals wieder unseren Besitz zu betreten, und sein Wort muss auch nach seinem Tod noch gelten.«

Karl von Allersheim wollte seiner Schwester nicht glauben und trat daher ebenfalls ans Fenster. Als er hinausschaute, sah er einen Mann mit im Wind wehender Kutte, der eben von einem Maultier stieg und sich mit einem zufriedenen Grinsen umschaute.

»Es ist tatsächlich Frater Amandus! Matthias hätte das nicht erlauben dürfen.«

Karl klang nicht ganz so aufgebracht wie seine Schwester, doch ihm gefiel dieser Besucher ebenso wenig wie ihr.

»Matthias tut, was Genoveva will, und die ist Amandus’ Base«, erwiderte Johanna mit einem bitteren Auflachen. »Sie hat Vater niemals verziehen, dass er ihn aus dem Schloss weisen ließ.«

»Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass der Geschorene es wieder betritt«, erwiderte Karl bedrückt.

»Er holt eine lederne Mappe aus seiner Satteltasche«, rief seine Schwester aufgeregt.

»Tatsächlich! Aber was …«

»Das Testament!«, rief Johanna aus. »Amandus ist doch Mönch im Kloster von Sankt Matthäus, und Vater hat dessen Abt zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt.«

»Aber wollte der ehrwürdige Vater Severinus das Testament nicht selbst überbringen? Ich dachte, so hätte unser Vater es mit ihm vereinbart.«

»Vater Severinus ist alt und hat diese Aufgabe Frater Amandus gewiss gerne überlassen. Vielleicht hat dieser es auch gestohlen«, erklärte Johanna.

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht! Amandus weiß, dass ein gestohlenes Testament seine Gültigkeit verlieren kann.«

»Ich traue ihm nicht! Daher sollten wir herausfinden, ob Matthias tatsächlich den Willen unseres Vaters erfüllen will«, forderte Johanna mit Nachdruck.

»Unser Bruder und unsere Stiefmutter werden uns gewiss nicht hinzuholen, wenn Amandus ihnen das Testament übergibt.«

Johanna hielt ihren Bruder für allzu mutlos. Während er ratlos dreinschaute, war sie nicht gewillt, die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, was man ihnen irgendwann einmal mitzuteilen geruhte. »Wenn Amandus das Testament bringt, wird Matthias ihn in der Bibliothek empfangen. Dort können wir sie belauschen.«

»Belauschen?« Karl zögerte, obwohl auch er wusste, dass die dritte Frau ihres verstorbenen Vaters sie beide hasste und Matthias, der Sohn der ersten Gemahlin, wie Wachs in ihren Händen war.

»Wenn Amandus das Testament bringt, geht es auch um unser Schicksal!«, erwiderte Johanna aufgebracht.

»Ein Testament ist ein Testament! Was könnten sie schon damit tun?«, fragte Karl verwirrt.

»Sie könnten es ins Feuer werfen und durch ein anderes ersetzen! Ich traue Genoveva ein solches Schurkenstück zu. Erinnere dich daran, wie sie uns nur einen Tag nach der Beisetzung unseres Vaters gezwungen hat, unsere Zimmer im Schloss zu räumen und in diesen alten Turm im Vorwerk umzuziehen.«

»Sie hat dir auch den Schmuck unserer Mutter weggenommen, obwohl Mama ihn dir hinterlassen hat«, antwortete Karl und sah seine Schwester nachdenklich an. »Du meinst, wir sollen unser altes Versteck aufsuchen? Aber dort war schon zu der Zeit, als wir Kinder waren, kaum Platz für uns beide.«

Damit hatte er zwar recht, doch Johanna brannte darauf zu erfahren, aus welchem Grund der Vetter ihrer Stiefmutter nach den drei Jahren, die er hatte fernbleiben müssen, wieder ins Schloss zurückgekehrt war.

»Kommst du mit? Sonst mache ich es allein!«, fragte sie.

Als Karl zögernd nickte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. »Es ist doch gut, dass Genoveva uns Bedienstete versagt hat! An ihrer Stelle hätte ich es nicht getan. So können wir uns jederzeit ins Schloss schleichen, ohne dass es jemand merkt.«

»So einfach ist das auch wieder nicht«, wandte Karl ein. Dennoch war nun auch er bereit, das Wagnis einzugehen.

Die beiden verließen den verwitterten Turm, der von der einstigen Burganlage geblieben war, und schlichen auf das Schloss zu. Es stammte aus einer weitaus späteren Zeit, und sie mussten zuerst ungesehen den Park durchqueren. Wenig später erreichten sie eine kleine, unverschlossene Nebenpforte und konnten eintreten.

Zu ihrem Glück lag die Bibliothek nicht weit von dieser entfernt. Der reichverzierten Eingangstür zu dem Raum schenkten sie nur einen kurzen Blick und bogen kurz vor ihr in einen anderen Gang ein. Dort öffnete Johanna eine von außen kaum sichtbare Tapetentür und schlüpfte hinein. Einer ihrer Allersheimer Vorfahren hatte sich bei der Einrichtung der Bibliothek vermessen, und daher war eines der schweren Regale um eine gute Elle schmaler geraten als der Platz, für den es bestimmt war. So war hinter dem Regal ein Hohlraum entstanden, den der damalige Schlossherr benutzt hatte, um Bücher darin zu stapeln, die er nicht jeden hatte sehen lassen wollen. Später war dieser Ort in Vergessenheit geraten, bis Johanna ihn durch Zufall wiederentdeckte. Sie und ihr Bruder waren manchmal hineingeschlüpft, um sich vor ihren Erziehern zu verbergen oder um Besucher zu belauschen. In jener Zeit hätten sie sich jedoch keinesfalls vorstellen können, wie wichtig dieser Ort einmal für sie werden könnte.

Der Hohlraum zwischen Wand und Regal war lang, aber sehr schmal, und die Zwillinge hatten Mühe, an jene Stelle zu gelangen, an der ein Astloch und einige Spalten zwischen den Brettern der Rückwand den Blick in die Bibliothek freigaben, zumindest, solange keine der schweren, in Leder gebundenen Bücher davorstanden. Zu ihrem Glück war es nicht der Fall. Allerdings war auch niemand im Raum.

»Wenn Matthias und Genoveva den Mönch woanders empfangen, sind wir umsonst hergekommen«, maulte Karl.

Da kniff ihn seine Schwester in den Arm und zischte leise: »Sei still!«

In dem Augenblick vernahm auch er Stimmen vor der Bibliothek. Gleich darauf wurde deren Tür geöffnet, und Matthias von Allersheim trat ein. Ihre Stiefmutter folgte ihm, und nach ihr erschien der Mönch. Genoveva war nur ein Jahr älter als ihr älterer Stiefsohn, dessen Vater sie vier Jahre zuvor nach dem Tod von Johannas und Karls Mutter geheiratet hatte. Besonders glücklich war ihre Ehe nicht gewesen, doch nun schien die Frau vor Zufriedenheit zu strotzen.

»Ihr habt das Testament also an Euch bringen können?«, fragte sie Amandus, während Matthias die Tür hinter ihnen schloss.

»Seid doch leise!«, mahnte er Genoveva. »Wenn draußen jemand vorbeiläuft, so darf er nicht hören, was hier besprochen wird.«

»Dann lasst uns in jene Ecke gehen! Durch das Bücherregal und die Wand hindurch kann uns niemand belauschen«, schlug Genoveva vor und zeigte auf die Stelle, hinter der die Zwillinge eng aneinandergedrängt lauschten.

Johanna und Karl wagten kaum noch zu atmen, als ihre Stiefmutter sich in einem der Sessel niederließ und Frater Amandus auffordernd anblickte.

»Zeigt es uns!«

»Selbstverständlich, liebste Base!« Der Mönch lächelte auf eine Weise, die Johanna anwiderte. Umständlich zog er ein in Leinen gewickeltes Bündel aus seiner Tasche und entfernte die Umhüllung.

»Leicht war es nicht, es in die Hand zu bekommen, denn der Abt wollte das Testament tatsächlich persönlich überbringen und vorlesen«, sagte er.

»Ich will wissen, was in dem Testament steht!«, erwiderte Matthias ungeduldig. »Mein Vater hat sich nur in Andeutungen ergangen und erklärt, dass die polnische Brut wegen der hohen Mitgift ihrer Mutter gut bedacht werden müsse.«

Die polnische Brut, das waren sie und Karl, dachte Johanna. Ihre Mutter war eine geborene Wyborska gewesen, Tochter des Starosts Ziemowit Wyborski von Wyborowo, der ein enger Freund des früheren polnischen Königs Jan Kazimierz gewesen war. Die Gründe, weshalb ein fränkischer Reichsritter eine Dame aus Polen als zweite Gemahlin heimgeführt hatte, waren Johanna unbekannt. Sie wusste jedoch, dass ihr Vater seine Gemahlin geachtet und diese ihn geliebt hatte.

»Mama hätte nicht sterben dürfen«, murmelte sie und hatte Glück, dass Matthias’ Stimme die ihre übertönte.

»Öffnet endlich das Testament, damit wir wissen, woran wir sind!«

»Das muss mit Vorsicht geschehen«, wandte der Frater ein. »Ihr müsst es unter Umständen anderen Herren zeigen, ohne dass diese Verdacht schöpfen.«

Verdacht? Weshalb? Johannas Gedanken rasten.

Der Mönch zog ein schmales, scharfes Messer aus der Tasche, erhitzte die Klinge leicht an der Lampe, die Genoveva mitgebracht hatte, und öffnete behutsam das versiegelte Pergament.

»Ich muss das Wachs anschließend nur noch ein wenig erhitzen, und das Testament ist wieder so, wie es vorher war«, sagte er selbstzufrieden.

Warum tut er das?, fragte Johanna sich.

Unterdessen schlug Frater Amandus das Testament auf und begann, es vorzulesen. »Geschrieben im Jahre unseres Herrn Jesu Christi 1679 zu Allersheim von Johannes Matthäus Karl, Reichsgraf zu Allersheim und Herr auf Eringshausen. Gott ist mein Zeuge, dass ich nach meinem Heimgang zu unserem Herrn im Himmel meine irdischen Besitztümer wie folgt an meine Erben übergebe:

Mein ältester Sohn Matthias erhält die Reichsgrafschaft Allersheim mit allen dazugehörigen Liegenschaften.

Die Herrschaft Eringshausen, die ich mit der Mitgift meiner zweiten Gemahlin Sonia Wyborska erworben habe, fällt zur Gänze an unseren gemeinsamen Sohn Karl, der dafür gehalten ist, seine Schwester Johanna mit einer Mitgift von zehntausend Gulden auszustatten. Dazu erhält meine Tochter Johanna den gesamten Schmuck ihrer Mutter sowie die Juwelen, die meine Mutter in die Ehe mitgebracht hat.«

Frater Amandus schwieg einen Augenblick, betrachtete seine Cousine mit einem belustigten Blick und fuhr dann fort:

»Bezüglich meiner Gemahlin Genoveva hege ich seit geraumer Zeit berechtigte Zweifel an ihrer ehelichen Treue. Daher bestimme ich über sie Folgendes: Sie erhält nicht das Recht, auf dem Witwensitz der von Allersheim zu wohnen, sondern hat in das als streng geltende Kloster von Sankt Marien im Stein einzutreten und dort Nonne zu werden. Gebiert sie ein Kind, so ist dieses ebenfalls für den geistlichen Stand vorgesehen.

Gezeichnet, Johannes Matthäus Karl, Reichsgraf zu Allersheim und Herr auf Eringshausen.«

Als der Frater mit der Verlesung fertig war, zischte Genoveva wie eine Schlange, der man auf den Schwanz getreten hatte.

»Was für eine Unverschämtheit! Die polnische Brut wird reich bedacht, Matthias erhält nur die alte Reichsgrafschaft, und ich soll ins Kloster gehen. Dieses Testament erkenne ich nicht an! Ich bin schwanger und werde in wenigen Monaten gebären. Daher fordere ich mein Recht und ein Erbe für mein Kind!«

Matthias stand wie das leibhaftige schlechte Gewissen neben ihr und wagte es nicht, sie anzusehen. Erst, als sie ihm einen Rippenstoß versetzte, äußerte er sich: »Als Erbe der Hauptlinie soll ich nur Allersheim erhalten, während Karl das reiche Eringshausen zufällt? Vater hätte klüger sein und mir das meiste vermachen sollen. Für Karl hätte weitaus weniger gereicht, und eine Mitgift, wie Johanna sie erhalten soll, bekommt vielleicht eine geborene Markgräfin von Bayreuth, aber doch nicht die Tochter eines kleinen Reichsgrafen!«

Der Frater lächelte und schwenkte das Testament wie eine Fahne. »Zwei der vier Zeugen, die unterschrieben haben, sind im letzten Winter von einer Seuche dahingerafft worden, und die beiden anderen, Abt Severinus und Herr Günther auf Kamberg, sind so alt, dass sie schon beim Erstellen des Testaments nur mühsam nach Allersheim gelangt sind. Mittlerweile verlassen sie kaum mehr ihre Stuben und werden gewiss nicht nachforschen, was wirklich in dem Testament steht.«

»Wie meint Ihr das, Frater?«, fragte Matthias verwirrt.

»Mein Messer eignet sich nicht nur dazu, Siegel zu lösen. Es vermag auch Geschriebenes so zu beseitigen, dass ein neuer Text verfasst werden kann.«

Johanna lauschte ungläubig und hoffte, ihr Stiefbruder würde entrüstet ablehnen.

Da zupfte Genoveva Matthias am Ärmel. »Frater Amandus will damit sagen, dass er das Testament so umschreiben kann, dass du das bekommst, was dir zusteht, und ich das, was mir und meinem ungeborenen Sohn gebührt!« Ihre Stimme hallte so stark in dem großen Raum, dass der Mönch sie hastig mahnte: »Seid leiser, sonst schöpft noch jemand Verdacht.«

»Was gilt schon das Wort eines Domestiken?«, antwortete Genoveva verächtlich.

»Ein Lakai oder eine Magd kann es den Zwillingen mitteilen und diese von Abt Severinus eine Prüfung des Testaments fordern. Auch wenn er alt und gebrechlich ist, so wird er erkennen, wenn man ihm eine Fälschung vorlegt. Mit Sicherheit weiß er noch, was er unterschrieben hat!«, antwortete der Mönch und machte sich daran, die Schrift vorsichtig abzuschaben.

Matthias sah ihm zu, schüttelte aber schließlich den Kopf. »Das abgeschabte Pergament sieht zu neu aus! Man wird uns nicht glauben, dass mein Vater es vor zwei Jahren geschrieben hat.«

»Auch dagegen gibt es ein Mittel«, erklärte der Frater mit überheblicher Miene. »Sobald ich den alten Text abgeschabt habe, werde ich das Pergament mit dem Urin eines Weibes abreiben. Dadurch erhält es wieder das Aussehen alten Pergaments. Darum bitte ich Euch, Base, ein wenig Wasser in ein Gefäß zu lassen.«

Genoveva nickte und wollte die Bibliothek verlassen, doch ihr Vetter hielt sie zurück. »Wollt Ihr etwa mit einem Pot de Chambre durch das ganze Schloss laufen? Die abergläubischen Bediensteten würden gewiss glauben, dass Ihr jemanden verhexen wollt.«

»Ihr meint, ich soll hier …«, begann Genoveva.

Statt einer Antwort wies der Pater auf einen Trinkbecher, der vergessen im Regal stand, und lächelte süffisant: »Wollt Ihr ein neues Testament oder nicht?«

Genoveva kehrte den beiden Männern den Rücken zu und stellte sich direkt vor das Astloch, durch das Johanna schaute. Das Mädchen schloss angeekelt die Augen.

Was für ein schamloses Weib!, dachte sie.

Als die Frau fertig war, ließ sie ihren Rock fallen und stellte den fast vollen Becher vor ihrem Verwandten auf den Tisch.

»Seid Ihr nun zufrieden, ehrwürdiger Bruder?«, fragte sie herb.

Frater Amandus nickte freundlich lächelnd. »Das bin ich, Base. Doch sagt, was soll ich jetzt schreiben?«

»Ich will auf jeden Fall Eringshausen behalten«, erwiderte Matthias fordernd.

»Soll ich etwa nichts bekommen?«, fuhr Genoveva ihn an. »Ich bin schwanger! Hast du das vergessen?«

Ihr Stiefsohn lief rot an. »Wenn ich Eringshausen hergeben soll, kann auch das alte Testament gelten!«

»Das mich wegen angeblicher Untreue ins Kloster sperren will!« Genovevas Stimme klang schneidend, und es lag eine Drohung darin, die Johanna nicht begriff.

»Jetzt streitet Euch nicht!«, rief Frater Amandus, um die beiden zu beruhigen. »Wenn die Zwillinge ausgeschlossen werden, bleibt genug für Euch übrig. Wie wäre es denn so: Eringshausen bleibt bei Allersheim und damit bei Herrn Matthias, und Ihr, meine liebe Base, erhaltet die Hälfte der Einnahmen. Dies würde auch für einen Sohn gelten, so Ihr ihn gebären werdet. Bringt Ihr hingegen eine Tochter zur Welt, soll Herr Matthias diese mit einer Mitgift von zehntausend Gulden versehen. Seid Ihr damit zufrieden?«

»Wir können Karl und Johanna nicht völlig ausschließen. Das würde auffallen«, gab Matthias zu bedenken.

»Lasst mich nur schreiben«, erwiderte der Frater abwinkend und tauchte einen Lappen in den Urin. Mit diesem rieb er die abgeschabte Fläche des Pergaments ein und hielt es über eine Kerzenflamme, bis es wieder trocken war. Dann zog er eine Feder und ein Tintenfässchen unter seiner Kutte hervor.

»Es ist die Tinte aus dem Kloster, die auch Graf Johannes für sein Testament benutzt hat«, erklärte er, während er die ersten Buchstaben schrieb. »Zum Glück hat Graf Johannes genug Geschriebenes im Kloster hinterlassen, so dass ich üben konnte, seine Schrift nachzuahmen.«

Danach war es etliche Zeit so still, dass man nur noch das Kratzen der Feder auf dem Pergament vernahm. Die Zwillinge erstarrten schier zu Stein, aus Angst, bemerkt zu werden. Für sie war es kaum fassbar, was vor ihren Augen geschah. Unterstützt von dem durchtriebenen Mönch, wollten ihre Stiefmutter und ihr Halbbruder sie um ihr Erbe bringen. Am liebsten hätte Johanna die drei angeschrien, dass sie gefälligst das Testament des Vaters anerkennen sollten. Doch wenn man sie hier als Lauscher erwischte, würde Genoveva sie in den tiefsten Keller sperren lassen. Was dann geschehen würde, wagte sie sich nicht vorzustellen. Nach dem, was sie eben gesehen und gehört hatte, traute sie ihrer Stiefmutter alles Schlechte zu.

Frater Amandus füllte unterdessen Zeile um Zeile mit den steilen Buchstaben, für die Reichsgraf Johannes bekannt gewesen war, ließ aber die Unterschriften der Zeugen und deren Siegel unangetastet.

Schließlich musterte er Matthias und Genoveva mit einem überlegenen Blick. »Das neue Testament liest sich nun wie folgt: Geschrieben im Jahre unseres Herrn Jesu Christi 1679 zu Allersheim von Johannes Matthäus Karl, Reichsgraf zu Allersheim und Herr auf Eringshausen. Gott ist mein Zeuge, dass ich nach meinem Heimgang zu unserem Herrn im Himmel meine irdischen Besitztümer wie folgt an meine Erben übergebe:

Mein ältester Sohn Matthias erhält die Reichsgrafschaft Allersheim sowie die Herrschaft Eringshausen mit allen dazugehörigen Liegenschaften. Er hat jedoch die Hälfte der Einnahmen der Herrschaft Eringshausen meiner dritten Gemahlin Genoveva als Unterhalt zu überlassen. Sollte mir von Genoveva noch ein Sohn geboren werden, erhält dieser die Hälfte der Herrschaft Eringshausen als Erbe. Gebiert meine Gemahlin stattdessen eine Tochter, hat mein Sohn Matthias diese mit einer Mitgift von zehntausend Gulden auszustatten.« Der Frater musterte die beiden mit überheblichem Blick. »Seid Ihr nun zufrieden?«

»Alles in allem bin ich einverstanden«, antwortete Matthias zögerlich. »Doch was ist mit den Zwillingen?«

»Ich bin gleich so weit«, erklärte der Frater mit spöttischem Unterton. »Es geht nämlich noch weiter: Meiner Gemahlin Genoveva überlasse ich für ihre Lebzeiten den Schmuck meines Hauses. Nach ihrem Tod fällt dieser an meinen Sohn Matthias zurück, es sei denn, sie gebiert mir eine Tochter. Diese hat ein Drittel der Juwelen als Erbe zu erhalten.

Was die Zwillinge Karl und Johanna betrifft, so hege ich berechtigte Zweifel an deren ehelicher Geburt. Um jedoch die Ehre der Familie nicht zu beschmutzen, sollen sie trotzdem als meine Kinder gelten. Karl hat als Mönch in ein strenges Kloster einzutreten und dort für die Sünden seiner Mutter zu beten. Johanna hingegen soll mit einer Mitgift von dreitausend Gulden ausgestattet und an einen Edelmann verheiratet werden, den mein Sohn und Erbe Matthias für sie bestimmt.

Gezeichnet, Johannes Matthäus Karl, Reichsgraf zu Allersheim und Herr auf Eringshausen.«

Während Genoveva einen leisen Jubelruf ausstieß, biss Johanna sich ins Handgelenk, um nicht vor Zorn zu schreien. Ihr Bruder kniete so regungslos neben ihr, als wäre kein Leben mehr in ihm.

»Wisst Ihr schon, an wen Ihr Johanna verheiraten wollt?«, fragte der Pater.

»Wie sollte ich, da Ihr diesen Passus eben erst ins Testament geschrieben habt«, erwiderte Matthias unwirsch.

»Ist nicht letztens das vierte Weib des Gunzbergers verstorben?«, warf Genoveva lächelnd ein. »Herr Kunz wird wohl kaum lange Witwer bleiben wollen und dürfte eine Jungfrau wie Johanna gewiss nicht ausschlagen.«

»Aber der Mann ist bald sechzig und hat schon elf Kinder aus seinen ersten vier Ehen. Die meisten sind bereits älter als Johanna«, rief Matthias aus.

»Kümmert es dich?«, fragte seine Stiefmutter. »Das Mädchen muss so rasch wie möglich verschwinden! Mit Karl werden wir fertig. Doch Johanna ist vom Teufel besessen.«

Johanna konnte gerade noch ein wütendes Fauchen unterdrücken, denn für sie steckte der Teufel in ihrer Stiefmutter. Außerdem ärgerte sie sich darüber, wie verächtlich diese über Karl sprach. Auch wenn ihr Zwillingsbruder im Vergleich zu ihr bedächtig wirkte, so verfügte er über einen festen Willen und würde sich gewiss nicht so einfach auf die Seite schieben lassen.

Unterdessen hatte Frater Amandus das Testament wieder versiegelt und reichte es Matthias. Dieser nahm es mit einer Miene entgegen, als wäre es in seiner Gesamtheit in Urin getaucht worden.

»Wenn ich Euch etwas raten darf«, sagte der Mönch, »so lasst dieses Testament nur wenige Auserwählte sehen! Sonst könnte die Nachricht davon bis nach Polen zu den Verwandten Eurer Stiefgeschwister gelangen. Die Polen sind ein wildes Volk, wie Ihr wisst. Sollte einer argwöhnen, die Ehre seiner Verwandten wäre gekränkt worden, so traue ich ihm zu, Euch mit dem Säbel in der Hand aufzusuchen.«

Johanna empfand die Worte des Fraters als unverschämt und wartete auf Matthias’ Reaktion. Wenn ihr Halbbruder auch nur einen Funken Ehre besaß, müsste er Amandus aus dem Haus weisen und das falsche Testament ins Feuer werfen. Matthias stand jedoch nur da und sah sich zu seiner Stiefmutter um.

»Was meinst du?«

»Mein Vetter hat recht! Du musst rasch und entschlossen handeln. Sonst verlierst du alles, was du durch Bruder Amandus’ Schreibkunst gewonnen hast.«

Matthias nickte wie unter einem Zwang. »Ich werde das Testament gut verwahren. Ihr seid meine Zeugen, dass ich nach dem Willen meines Vaters handeln werde.«

»Das sind wir gewiss«, versprach der Frater mit einem boshaften Grinsen.

Genoveva hingegen sah zur Tür. »Matthias, du solltest noch heute einen Boten zu Ritter Kunz von Gunzberg senden und ihm mitteilen, dass du bereit bist, deine Schwester mit ihm zu verheiraten. Er wird sofort zugreifen, denn für einen Mann in seinem Alter ist eine Jungfrau von siebzehn Jahren unwiderstehlich. Außerdem bekommt er, nachdem er bereits vier Ehefrauen ins Grab gebracht hat, so leicht keine andere Braut mehr.«

»Ich möchte den Gunzberger eigentlich nicht als Verwandten haben«, wandte Matthias ein. »Er ist ein äußerst unangenehmer Mensch.«

»Du musst ihn ja nicht heiraten!«, spottete Genoveva. »Was ist dir lieber – Eringshausen zu verlieren oder Johanna mit Ritter Kunz zu vermählen?«

Johanna wünschte sich, Matthias würde sich wenigstens ein Mal gegen ihre Stiefmutter durchsetzen. Seit dem Tod des Vaters hatte jedoch Genoveva das Sagen auf Allersheim, und ihr Halbbruder folgte dieser Frau aufs Wort. Nun verließ er die Bibliothek, um deren Willen auszuführen, während Genoveva und der Mönch sichtlich vergnügt zurückblieben.

Frater Amandus wartete gerade so lange, bis die Tür geschlossen war, dann trat er neben Genoveva und legte ihr den Arm um die Schulter. »Bist du wirklich schwanger, Base?«, fragte er belustigt.

»Ich bin im vierten Monat«, antwortete Genoveva zufrieden.

Der Mönch lachte leise auf. »Just zu der richtigen Zeit hast du deine Wallfahrt nach Vierzehnheiligen gemacht, um am Schrein der heiligen Nothelfer zu beten. Welch glücklicher Zufall, dass ich damals ebenfalls dort weilte und wir einen verborgenen, ruhigen Ort für uns gefunden haben. Bei Gott, wüsste der alte Reichsgraf, dass du meinen Samen austrägst, er würde vor Wut aus dem Grab steigen!«

Auch Genoveva lachte jetzt und wies zur Tür. »Wir sollten Matthias folgen. Nicht, dass er eine Dummheit begeht, die uns zum Schaden ausschlägt.«

Mit einer höflichen Geste öffnete der Mönch die Tür und wartete, bis Genoveva die Bibliothek verlassen hatte. Danach folgte er ihr in gebührendem Abstand, damit draußen niemand merken sollte, wie nahe sie sich in Wirklichkeit standen.

2.

Als niemand mehr in der Bibliothek war, ballte Karl empört die Fäuste. »Der Teufel soll Genoveva holen! Welch eine Verworfenheit! Zunächst betrügt sie unseren armen Vater mit diesem dahergelaufenen Mönch – und dann lässt sie auch noch sein Testament fälschen!«

»Ich werde auf keinen Fall Kunz von Gunzberg heiraten – und wenn ich bis ans Ende der Welt fliehen muss«, antwortete Johanna vor Zorn kochend.

»Und ich will kein Mönch werden«, erwiderte ihr Bruder niedergeschlagen. »Wie konnte Matthias das nur zulassen? Es war seit Jahren bekannt, dass er Allersheim und ich Eringshausen erben soll. Doch die Gier nach mehr Besitz hat ihn vergiftet.«

»Vergiftet haben ihn Genovevas Reden! Erinnere dich, wie sie ihm immer um den Bart gegangen ist. Selbst Vater war es zu viel, und er hat beide mehrfach arg gescholten. Genoveva ist die Quelle alles Bösen! Wahrscheinlich hat sie schon von Anfang an üble Dinge mit ihrem Vetter getrieben. Ich vermute, deswegen hat Vater Frater Amandus damals verboten, seine Besitztümer zu betreten. Vielleicht hat sie sogar mit Matthias das Bett geteilt!«

»Mit dem eigenen Stiefsohn?«, rief Karl entsetzt. »Das wäre Blutschande!«

In mancher Hinsicht war ihr Bruder noch ein Knabe, fand Johanna. Sie beobachtete ihre Stiefmutter schon geraume Zeit, und es war ihr nicht entgangen, dass sie sich länger, als es schicklich war, mit Matthias an verborgenen Stellen aufgehalten hatte. Auch war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn mit der Zeit immer schlechter geworden. Ihr Vater hatte schließlich sogar damit gedroht, er würde Karl die Reichsgrafschaft hinterlassen, wenn Matthias ihm nicht so gehorchen würde, wie es ihm als erstgeborenem Sohn zukäme.

»Was sollen wir tun?«, wiederholte Karl seine Frage.

»Als Erstes schauen wir, dass wir ungesehen hier herauskommen. Genoveva würde toben, wenn sie erfährt, dass wir sie belauscht haben.«

»Sie würde uns umbringen oder Matthias dazu drängen, es für sie zu tun«, antwortete Karl leise.

Er litt schon lange unter der Entfremdung zu seinem Bruder. Bis zur dritten Heirat ihres Vaters hatte Matthias viel mit ihm unternommen und ihn das meiste gelehrt, was ein Edelmann können musste. Seit Genoveva ins Haus gekommen war, hatte sich ihr Verhältnis jedoch drastisch verschlechtert.

Johanna schob sich auf die Geheimtür zu und wollte sie schon öffnen, als ihr einfiel, dass sie ja nicht sehen konnte, ob draußen jemand stand oder ging. Als sie lauschte, vernahm sie tatsächlich Stimmen. Statt leiser zu werden, kamen sie näher. Wer es war, konnte sie nicht herausfinden, doch Karl und sie mussten auf jeden Fall warten, bis diese Leute verschwunden waren. Da fühlte sie die Hand ihres Bruders um ihren Fußknöchel.

»Ich muss dringend zum Abtritt«, sagte er für ihr Gefühl fast zu laut.

»Sei still und beherrsche dich!«, raunte sie ihm zu. »Wir können noch nicht hinaus. Es ist jemand im Flur.«

»Ich muss wirklich dringend«, erwiderte Karl stöhnend.

»Beherrsche dich!«, flehte Johanna ihren Bruder an. »Es geht um unser Leben!«

Karl nickte und biss die Zähne so fest zusammen, dass es knirschte. Kurz darauf war nichts mehr zu vernehmen. Johanna wartete trotzdem noch ein paar Augenblicke, um sicher zu sein, dass die Leute weitergegangen waren und nicht nur für einen Augenblick schwiegen. Dann öffnete sie die Tür einen winzigen Spalt und stellte fest, dass der Flur verlassen dalag. Sie schlüpfte rasch hinaus, um ihrem Bruder den Weg freizugeben, und sah diesen dann rennen.

Sie selbst stieg die Treppe zur Küche hinab, betrat diese aber nicht, sondern verließ das Schloss durch die Pforte, die in den Gemüsegarten führte. Wenig später befand sie sich wieder in dem alten Turm und wartete dort auf ihren Bruder.

3.

Genoveva von Allersheim war sehr zufrieden, denn Gott hatte sie endlich von ihrer Ehe mit dem misstrauischen alten Mann erlöst. Dessen Drohung, sie wegen ihres Lebenswandels in ein Kloster einweisen und streng bewachen zu lassen, war mit Hilfe ihres Vetters glücklich abgewendet worden. Überdies sorgte das gefälschte Testament dafür, dass sie schon bald über so viele Einkünfte verfügen würde, dass sie ihr Leben so gestalten konnte, wie sie es sich vorstellte. Dabei freute es sie doppelt, dass ihre Stieftochter einen noch älteren Mann heiraten musste als sie damals. Was Karl betraf, so vergönnte sie ihm die strenge Klosterhaft, die sein Vater in dem ursprünglichen Testament für sie selbst vorgesehen hatte.

Damit alles in ihrem Sinne vonstattenging, musste Matthias jedoch ihre Befehle befolgen. Sie trennte sich daher von ihrem Vetter und schlug den Weg zu den Gemächern ihres Stiefsohns ein. Eine Magd kam aus einem der Räume, knickste und verschwand. Genoveva beachtete sie nicht, sondern trat in Matthias’ Schreibzimmer.

Er saß am Tisch, hatte das gefälschte Testament vor sich liegen und bewegte die Lippen, als würde er mit sich selbst reden. Aber es kam kein Laut aus seinem Mund. Genoveva schloss geräuschlos die Tür und schob den Riegel vor. An diesem Ort würde niemand sie stören.

»Bist du nicht zufrieden, Matthias? Du hast doch alles erreicht, was du dir gewünscht hast«, sagte sie.

Der junge Mann zuckte zusammen und stieß sein Glas um. Mit einem raschen Schritt war Genoveva am Tisch und rettete das Testament, bevor der Wein darüberfließen konnte.

»Du solltest dieses Pergament sorgfältiger behandeln!«, tadelte sie ihren Stiefsohn. »Immerhin verschafft es dir großen Reichtum.«

»Aber auf Kosten meiner Geschwister! Ich weiß nicht, ob ich es wirklich tun soll«, wandte Matthias ein.

Genoveva bedachte ihn mit einem warnenden Blick. Am liebsten hätte sie ihm mit harschen Worten die Meinung gesagt, doch sie musste ihn für ihre Pläne gewinnen. Da wären Vorwürfe der falsche Weg.

»Liegen dir die Kinder der Polin so am Herzen?«, fragte sie mit verwundert klingender Stimme. »Nach dem Tod eures Vaters hast du anders gesprochen. Du wollest die Ungerechtigkeiten, die er dir zugefügt hat, rächen und dafür sorgen, dass sein Letzter Wille zu einem Nichts wird. Mein Vetter und ich haben dir dabei geholfen. Jetzt existiert das alte Testament nicht mehr, und es gibt nur noch das, welches Amandus nach deinen Vorgaben aufgesetzt hat.«

»Ich weiß«, stöhnte Matthias. »Ich war zornig auf meinen Vater, aber hatte er nicht recht, mich zu schelten?«

»Er war ein zitternder Greis, der dir die Herrschaft längst hätte übergeben müssen.«

»Aber du warst sein Weib!«

»Gegen meinen Willen! Mein Vater zwang mich, diesen alten Mann zu heiraten. Doch das ist jetzt vorbei. Wir müssen an die Zukunft denken.«

»Das tue ich doch die ganze Zeit! Wenn ich nur einen anderen Bräutigam für Johanna wüsste als Kunz von Gunzberg. Du hast doch eben selbst gesagt, wie schwer es dir gefallen ist, das Weib eines alten Mannes zu werden.«

»Ist die Tochter der Polin vielleicht etwas Besseres als ich?«, fuhr Genoveva ihn an. »Da ich deinen Vater heiraten musste, kann sie auch Kunz von Gunzberg heiraten. Außerdem hast du etwas vergessen: Ich bin schwanger! Und du bist der Vater des Kindes, denn mein Ehemann war zum Zeitpunkt der Empfängnis bereits krank und hat in jener Zeit nicht mehr nach mir verlangt!«

Sie wartete einen Augenblick, doch da Matthias nichts sagte, sprach sie in drängendem Tonfall weiter. »Willst du dein eigenes Fleisch und Blut aus übertriebener Rücksicht auf deine Geschwister um sein Erbe bringen? Was hätte mein Kind, wäre das alte Testament gültig geworden? Nichts! Und das werde ich nicht hinnehmen!«

»Du hast ja recht«, antwortete Matthias leise. »Es ist nur …«

Er brach ab, als er sah, wie seine Stiefmutter ihr Mieder aufschnürte und ihre Brüste entblößte.

»Da ich deinen Samen in mir trage, ist es nur recht und billig, wenn du mir auch jetzt beiwohnst, so wie du es schon früher getan hast.«

Bei dem Hinweis auf das, was die heilige Kirche als Blutschande bezeichnete, verfärbte Matthias’ Kopf sich dunkelrot. Dennoch konnte er den Blick nicht von den vollen Brüsten der jungen Frau lösen. Als sie ihr Kleid ablegte und zuletzt auch noch die Unterröcke fallen ließ, war es mit seiner Beherrschung vorbei. Er stand auf, packte sie mit einem rauhen Griff und schob sie auf sein Schlafgemach zu.

»Du bist eine Versuchung für mich, der ich nicht widerstehen kann«, keuchte er, während er an seinen Hosen zerrte.

»Lass mich dir helfen«, erwiderte Genoveva lächelnd und löste seinen Gürtel.

Sie zog seine Hosen nach unten und fasste nach seinem Glied. Es ragte straff nach vorne und pulsierte unter ihren Fingern. Während sie sich auf sein Bett legte und die Beine spreizte, verriet sein Blick ihr, dass sie gewonnen hatte. Für ihn war es ein Sieg über seinen Vater, sie zu besitzen. Obwohl er als Liebhaber weniger rücksichtsvoll war als ihr Vetter Amandus, gelang es ihm innerhalb weniger Augenblicke, ihre Lust bis an die Grenzen des Erträglichen zu steigern.

»Es ist bedauerlich, dass die heilige Kirche die Ehe eines Stiefsohns mit seiner Stiefmutter verbietet«, sagte sie, als sie beide nach einer Weile erschöpft nebeneinanderlagen. »So muss dein Sohn als dein Bruder gelten.«

»Es ist ein Kind der Sünde«, murmelte Matthias, doch er wusste, dass er nicht mehr zurückkonnte. Er hatte diesen Weg eingeschlagen und musste ihn bis zum Ende gehen.

4.

Es dauerte einige Zeit, bis Karl wieder in den Turm zurückkehrte. Johanna schalt ihn deswegen, doch er hob in einer verzweifelten Geste die Hände.

»Ich bin auf dem Rückweg Frater Amandus vor die Füße gelaufen. Er winkte mich zu sich, und da konnte ich nicht nein sagen!«

»Das verstehe ich«, gab Johanna zu. »Was wollte er von dir?«

»Er hat angedeutet, dass Abt Severinus ihn in das Testament unseres Vaters eingeweiht habe«, antwortete Karl. »So hätte Vater verfügt, dass du eine passende Ehe eingehen sollst.«

»Eine Ehe mit Kunz von Gunzberg ist keine passende Ehe«, unterbrach Johanna ihn aufgebracht.

Karl nickte verzweifelt. »Damit hast du recht! Zu mir sagte Amandus, um Matthias’ Stand nicht zu schwächen, hätte Vater beschlossen, mich dem Dienst der Kirche zu weihen!«

»Wenn Amandus nur den Mund aufmacht, träufelt Gift von seinen Lippen! Ich wünschte, er würde daran zugrunde gehen.«

Da solche Wünsche jedoch selten in Erfüllung gingen, forderte Johanna ihren Bruder auf, sich an den Tisch zu setzen, und nahm ihm gegenüber Platz.

»Wir müssen jetzt genau überlegen, was wir tun können. Schließlich willst du ebenso wenig ins Kloster gehen, wie ich bereit bin, den Gunzberger zu heiraten.«

»Wir könnten zu einem unserer Nachbarn gehen und ihn bitten, uns zu helfen«, schlug Karl vor.

Johanna schüttelte den Kopf. »Keiner unserer Nachbarn würde es sich unseretwegen mit Matthias verderben wollen.«

»Aber Vater Severinus wird uns gewiss zur Seite stehen! Immerhin hat er als einer der Zeugen Vaters Testament unterschrieben. Wenn wir ihm sagen, dass Amandus, Genoveva und Matthias es gefälscht haben …«

Johanna schüttelte den Kopf. »Vater Severinus ist alt und, wie es heißt, sehr krank. Ich bezweifle, dass er die Kraft aufbringen würde, sich gegen Amandus und Matthias zu behaupten.«

»Es gibt noch einen weiteren Grund, der dagegenspricht«, fiel Karl ein. »Ich könnte vielleicht im Kloster Zuflucht finden, aber dir als Mädchen würde der Zutritt verwehrt.« Er strich sich nachdenklich über die Stirn. »Der Fürstbischof von Bamberg war doch auch ein guter Freund unseres Vaters! Er wäre mächtig genug, um sich gegen Matthias durchzusetzen.«

»Matthias wird darauf hinweisen, dass Allersheim eine freie Reichsgrafschaft ist und nicht der Gerichtsbarkeit des Hochstifts Bamberg untersteht. Auch hat Amandus als Mönch dort gewiss mehr Einfluss als wir«, kommentierte Johanna auch diesen Vorschlag ablehnend.

»Dann fliehen wir nach Bamberg zu Markgraf Christian Ernst. Er ist Protestant und wird sich von Mönchen und Pfaffen nichts sagen lassen!« Karl sah seine Schwester so hoffnungsvoll an, dass es ihr leidtat, ihn erneut enttäuschen zu müssen.

»Du vergisst das gefälschte Testament! Es soll zwar so geheim wie möglich bleiben, doch wenn Genoveva und Matthias es für nötig halten, werden sie es vor Gericht präsentieren. Dann gelten wir beide als Bastarde, und niemand wird eine Hand für uns rühren.«

»Aber wenn uns niemand hilft, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in unser Schicksal zu fügen«, rief Karl entsetzt.

»Ich denke nicht daran, aufzugeben!«, antwortete Johanna mit blitzenden Augen. »So ganz ohne Schutz, wie Genoveva und Matthias annehmen, sind wir beide nicht.«

»Wer sollte uns helfen, wenn keiner der Nachbarn es vermag?«, fragte Karl verständnislos.

»Du hast vergessen, dass wir halbe Polen sind! Unser Großvater ist ein mächtiger Mann im Polnischen Reich, und er wird nicht dulden, dass unsere Rechte mit Füßen getreten werden.«

Ihr Bruder winkte mutlos ab. »Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie viele Meilen wir bis nach Polen zurücklegen müssten? Wir haben nicht genug Geld für diese Reise und auch niemanden, der uns etwas leihen würde. Hättest du Mamas Juwelen noch, könnten wir das eine oder andere davon verkaufen. Doch die hat Genoveva dir weggenommen.«

»Nicht ganz!«, trumpfte Johanna auf. »Ein Armband und zwei Broschen sind noch in meinem Besitz. Ich hatte sie mir kurz vor Vaters Tod angesehen, da sie mich an Mama erinnerten, und wurde dann gerufen. Aus Eile habe ich sie nicht mehr in die Schatulle getan, sondern unter meine Winterdecke in die Truhe gesteckt. Vor ein paar Tagen habe ich sie dort wiedergefunden.«

»Es ist besser als nichts«, erklärte ihr Bruder. »Aber es wird nicht leicht werden, von hier zu entkommen, denn Matthias wird uns verfolgen lassen.«

»Er dürfte im Gegenteil froh sein, uns losgeworden zu sein.« Noch während sie es sagte, schlug Johanna mit der Faust in die offene Hand. »Nein, das wird er nicht, du hast recht. Leider! Um seines Ansehens willen muss er uns einfangen. Die Leute würden ihm sonst vorwerfen, er hätte uns so schlecht behandelt, dass wir ausgerissen sind.«

»Außerdem wirst du den Weg nach Polen im Damensattel niemals durchhalten!«

»Ich werde nicht im Damensattel reiten, sondern einen für Männer nehmen«, antwortete Johanna entschlossen.

»Das kannst du nicht tun! Nur Weiber vom fahrenden Volk und Schlampen sitzen so zu Pferd«, rief Karl entsetzt.

Obwohl es stimmte, war Johanna nicht bereit, ihren Plan aufzugeben. Sie dachte kurz nach und grinste dann spitzbübisch.

»Wen wird Matthias verfolgen lassen?«, fragte sie.

»Na, uns natürlich!«, antwortete Karl verständnislos.

»Das heißt einen Jüngling und ein junges Mädchen!«

»Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst!« Karl ärgerte sich langsam, denn während er sich den Kopf zerbrach, wie seine Schwester und er der üblen Situation entkommen könnten, stellte Johanna alberne Fragen.

»Das kann ich dir sagen, Bruderherz«, erklärte sie. »Wir werden nicht als Bruder und Schwester fliehen. So viel kleiner als du bin ich nicht, daher müssten mir die Kleider passen, die du im letzten Jahr getragen hast. Wie gut, dass Genoveva unsere Sachen nicht im Schloss dulden wollte und sie hierherbringen ließ. Daher können wir uns für die Reise rüsten. Wie du selbst sagtest, ist es ein weiter Weg, und den sollten wir mit mehr als nur einem Sacktuch in der Tasche antreten.«

»Du willst dich als Junge verkleiden?«

Karl konnte es nicht fassen, doch das entschlossene Blitzen in Johannas Augen verriet ihm, dass sie genau das vorhatte. Kopfschüttelnd musterte er sie. Zwar war ihre Gestalt noch schlank und knabenhaft, doch mit ihrem fein gezeichneten Gesicht, den großen, blauen Augen und den langen, goldenen Wimpern würde ihr niemand den Jungen abnehmen.

»Außerdem vergisst du deine Haare«, setzte er mit einem Blick auf die bis zur Taille fallende goldene Flut hinzu.

»Die Haare sind das wenigste! Eine Schere beseitigt dieses Hindernis rasch«, rief Johanna lachend.

»Du willst dir die Haare abschneiden?«, fragte er entgeistert.

»Wenn es der Preis ist, einem Kunz von Gunzberg zu entgehen, zahle ich ihn gerne! Du wirst mein Coiffeur sein müssen.«

Karl wünschte sich, eine andere Lösung zu finden. Doch da Kunz von Gunzberg schon am nächsten Tag in Allersheim erscheinen konnte, um die Hochzeit zu feiern, blieb ihm nichts anderes übrig, als seiner Schwester den Willen zu lassen.

»Also gut! Wir bereiten alles vor. Deine Haare schneiden wir aber ganz zuletzt ab.« Noch hoffte er auf eine Möglichkeit, es nicht tun zu müssen. Vorerst half er Johanna, ihre Kisten und Truhen zu durchsuchen.

Sie entdeckten nicht nur die Kleider, die sie in den letzten Jahren getragen hatten, sondern auch vieles von dem, was ihrer Mutter gehört hatte. Einige Kleidungsstücke waren so schön, dass es Johanna weh tat, sie zurücklassen zu müssen. Mit Tränen in den Augen strich sie über den weichen Samt, der nach den milden Kräutern duftete, die Motten und andere Schädlinge fernhalten sollten, und traf dabei auf etwas Hartes. Sie griff unter das Kleid und brachte einen kleinen Beutel zum Vorschein, der mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war.

»Sieh her, Karl! Als wenn Mama gewusst hätte, dass wir einmal Geld brauchen würden«, rief Johanna ihrem Bruder zu.

Karl betrachtete die Münzen und zuckte mit den Achseln. »Es ist polnisches Geld. Hier hilft uns das gar nichts. Wir wissen nicht einmal, was es wert ist, und wenn wir es umtauschen wollen, wird man uns übers Ohr hauen.«

»Aber in Polen werden wir die Münzen brauchen können«, stellte Johanna zufrieden fest und wandte sich der letzten Kiste zu. Diese unterschied sich deutlich von den anderen und war mit längst verblassten Farben bemalt. Da die Scharniere eingerostet waren, musste Karl ihr helfen, sie zu öffnen. Innen wirkte die Kiste jedoch wie neu. Sogar die Kräuterbündel, die vor Jahren hineingelegt worden waren, dufteten noch.

»Die Truhe muss noch von Mamas Aussteuer stammen«, rief Johanna aufgeregt und zog einen mit Pelz besetzten Mantel heraus. Einst für ihre Mutter gedacht, konnten auch Karl oder sie ihn tragen.

»Da ist noch so ein Mantel!« Karl griff in die Kiste und zog noch einen zweiten, etwas größeren hervor.

»Das sind Kontusze, wie die Polen dazu sagen. Die kommen uns sehr zupass, denn in denen werden wir fremdländisch wirken! Niemand wird darauf kommen, wer wir wirklich sind«, erklärte sie.

»Wir können die Mäntel dann aber erst nach einigen Tagen anziehen, sonst erfahren Matthias und Genoveva davon und können uns leicht verfolgen lassen.«

Johanna nickte anerkennend. »Gut, dass du daran gedacht hast! Wir werden die Mäntel hinter unsere Sättel schnallen und in den ersten Tagen heimlich reiten. Haben wir einen gewissen Abstand zu Allersheim erreicht, verwandeln wir uns in Pan Karol und Pan Jan Wyborski, zwei junge Polen, die auf dem Weg in die Heimat sind. Darauf werden Genoveva und Matthias niemals kommen.«

»Hoffen wir’s«, meinte Karl und griff erneut in die Kiste.

Als Nächstes brachte er zwei Mützen mit Pelzbesatz und jeweils einer kleinen, silbernen Agraffe zum Vorschein, die seine Schwester Kołpak nannte. Da sie mehr Zeit mit ihrer Mutter verbracht hatte als Karl, wusste sie von dieser viel über deren Heimat und die dortigen Sitten.

In der Kiste lagen noch zwei kuttenartige Kleider und zwei breite Seidengürtel von aufwendiger Webart.

»Anscheinend hat Großvater gedacht, Mama würde zwei Knaben zur Welt bringen«, sagte Johanna lächelnd. »Kontusz, Kołpak, Żupan und die Seidengürtel gehören zur Tracht eines polnischen Edelmanns. Ebenso die beiden Säbel, die noch in der Kiste liegen.«

Da sein Vater ihm an seinem vierzehnten Geburtstag einen Degen geschenkt hatte, wollte Karl die Säbel in der Kiste lassen. Doch da hielt Johanna ihn auf.

»Wir sollten diese Säbel auf der Reise tragen!«

»Aber …«

Karl verstummte mitten im Wort. Wenn Johanna als junger Bursche reisen wollte, musste sie ebenfalls bewaffnet sein. Gleichzeitig machte er sich Sorgen. Vor ihnen lag ein weiter Weg voller Gefahren, die seine Schwester alle zu unterschätzen schien.

»Es ist gut, dass du mir das Fechten beigebracht hast«, erklärte Johanna zufrieden.

»Es war die einzige Möglichkeit für mich, mit dem Degen zu üben, nachdem Matthias es nicht mehr tun wollte und Vater zu krank wurde, um einen Fechtlehrer für mich rufen zu lassen«, antwortete Karl mit einer gewissen Erleichterung. Johanna verfügte zwar nicht über die gleiche Kraft wie er, war aber flink und wusste einen Vorteil zu erkennen und zu nutzen.

»Wir können unserem Schicksal dankbar sein, dass es uns auf diese Reise vorbereitet hat«, fand Johanna und umarmte ihren Bruder. »Sobald wir unsere Mantelsäcke gepackt haben, sollten wir zum Stall gehen und unsere Pferde holen. Die Stallknechte werden bald in die Küche gehen und zu Abend essen. Es wird eine Zeit dauern, bis sie zurückkommen.«

»Einer wird jedoch zurückbleiben. Wenn er uns verrät …«, sagte Karl besorgt.

»Es wird wohl Wojsław sein – und der verrät uns nicht«, erklärte Johanna mit unerschütterlichem Optimismus und ging daran, die Sachen herauszusuchen, die sie mitnehmen wollte.

5.

Nachdem ihr Gepäck verschnürt war, saßen Johanna und Karl am Fenster und beobachteten, wie die Stallknechte beim Klang der Küchenglocke zum Essen eilten. Wie Johanna es erwartet hatte, blieb keiner der einheimischen Knechte zurück. Es war also wieder einmal an Wojsław, auf die Pferde achtzugeben.

»Wir sollten uns auf den Weg machen, damit wir die paar Stunden, die es noch hell ist, ausnützen können«, erklärte Johanna. »Für die Nacht brauchen wir Fackeln. Außerdem wäre eine Pistole hilfreich, wenn wir unterwegs auf Räuber treffen.«

»Die Pistolen und Flinten hat Matthias im Jagdzimmer eingeschlossen!«, sagte Karl.

»Ich weiß, wo ein Schlüssel dazu ist. Da die Bediensteten beim Essen sitzen und unsere Stiefmutter und unser Bruder in ihren Gemächern sein dürften, kann ich die Waffen besorgen. Mundvorrat werden wir außerdem brauchen, denn in den ersten Tagen werden wir kaum einkehren können. Den hole ich ebenfalls.«

»Dazu musst du aber an der Küche vorbei!« Karl ärgerte sich selbst, weil er andauernd Einwände vorbrachte. Dabei war Johanna gewiss nicht unvorsichtig. Manchmal aber wagte sie seiner Meinung nach zu viel. Er erinnerte sich daran, wie sie vor Jahren in den Teich gestiegen war, ohne schwimmen zu können, und Matthias sie im letzten Augenblick aus dem Wasser gezogen hatte.

»Es wird Zeit«, forderte Johanna ihn auf.

Im selben Augenblick klopfte es unten an der Tür. Die beiden zuckten erschrocken zusammen.

»Wer mag das sein?«, fragte Karl.

Johanna eilte die Treppe hinab. Beim Anblick der prall gefüllten Mantelsäcke, die bereits dort standen, bekam sie Angst. Wenn jemand ihr Gepäck sah, würde er erraten, was sie und ihr Bruder vorhatten, und es Genoveva und Matthias mitteilen.

»Ich gehe zur Tür. Stell du dich so, dass du die Mantelsäcke verdeckst«, bat sie Karl und öffnete die Tür. Gleichzeitig machte sie einen Schritt nach vorne und füllte den Türrahmen zu einem großen Teil aus.

Vor ihr stand Gretel, eine der jüngeren Mägde im Schloss. »Ich habe Euch das Essen gebracht, gnädiges Fräulein, damit Ihr es nicht holen müsst wie in den letzten beiden Tagen. Sagt aber niemandem etwas, sonst würde Frau Genoveva mich schelten«, flüsterte die junge Frau und drückte Johanna einen Korb in die Hand.

»Ich muss mich sputen, damit ich noch rechtzeitig in die Küche komme«, setzte sie nach einem ängstlichen Seitenblick hinzu.

»Ich danke dir!« Johanna atmete erleichtert auf, als Gretel sich nach einem angedeuteten Knicks umdrehte und zum Schloss zurücklief. Zufrieden nickend kehrte sie in den Turm zurück, zog die Tür ins Schloss und stellte den Korb oben auf den Tisch.

»Wir werden es unterwegs essen! Was für ein Glück, dass Gretel uns die Sachen gebracht hat. Ich hatte die Mahlzeit ganz vergessen. Würde der Korb später am Abend noch in der Küche stehen, fiele es auf.«

»Solche Fehler müssen wir unbedingt vermeiden.« Karl verließ mit entschlossener Miene den Turm und ging auf den Stall zu. Johanna folgte ihm und überlegte dabei ihre nächsten Schritte.

Als sie das weitläufige Gebäude erreichten, schien niemand darin zu sein. Aber aus der Sattelkammer drang ein gequältes Stöhnen. Johanna öffnete die Tür und blickte hinein. In einer Ecke hockte Wojsław auf einem alten Sattel und weinte.

»Was ist geschehen?«, fragte sie den vierzehnjährigen Jungen, der ihre letzte Verbindung zur Heimat ihrer Mutter darstellte. Sonia Wyborska hatte sechs Bedienstete in ihre Ehe mitgebracht, doch vier von ihnen waren mittlerweile verstorben, darunter auch Wojsławs Eltern, und die restlichen vor ein paar Jahren nach Polen zurückgekehrt.

Wojsław stand auf und verbeugte sich vor Johanna. »Der Stallmeister hat mich geschlagen! Dabei konnte ich gar nichts dafür. Max hat Graf Matthias’ Hengst zu viel Hafer gegeben, so dass das Tier eine Kolik bekommen hat. Die anderen Stallknechte haben dem Stallmeister jedoch gesagt, ich wäre es gewesen. Ich wünschte, ich wäre damals mit Janek und Mariusz in die Heimat zurückgekehrt! Hier habe ich kein gutes Leben.«

»Nein, das hast du nicht!« Johanna ärgerte sich über die Knechte, die dem Jungen ihre eigenen Fehler unterschoben. Da kam ihr ein Gedanke.

»Du solltest mit uns kommen, Wojsław. Wir reisen nach Polen!«

»Wirklich?« Die Tränen des Jungen versiegten, und er wischte sich die nassen Wangen mit den Handrücken trocken. »Ihr wollt von hier fort?«

»Wir müssen.« Johanna klopfte Wojsław auf die Schulter. »Sattle du mit meinem Bruder zusammen drei Pferde!«

»Ich werde Eure Stute satteln, die Euch die böse Gräfin Genoveva weggenommen hat«, rief Wojsław eilfertig.

Obwohl es Johanna in der Seele weh tat, auf das Tier verzichten zu müssen, schüttelte sie den Kopf.

»Nein, das ist zu riskant! Wähle drei ausdauernde Pferde, deren Fehlen nicht so rasch auffällt. Sie dürfen keine besonderen Zeichen tragen. Wir sind auf der Flucht, verstehst du?«

Wojsław nickte. »Das begreife ich! Ich weiß auch schon, welche Pferde ich nehmen werde. Aber was ist mit Eurem Sattel? Er wird nicht passen!«

»Ich will keinen Damensattel! Doch nun muss ich los, sonst sind sie im Schloss mit dem Essen fertig!« Johanna nahm einen Sack mit, der ihr sauber genug erschien, und zwinkerte im Hinausgehen ihrem Bruder zu.

»Wir werden es schaffen!«

»Aber ist es nicht auffällig, wenn wir Wojsław mitnehmen?«, fragte Karl.

»Ganz im Gegenteil! Kein Herr von Stand reitet ohne einen Reitknecht durch die Lande. Wir werden mit Wojsław weniger auffallen als ohne ihn.«

6.

Johannas nächstes Ziel war das Schloss. Sie nahm wieder den Nebeneingang und huschte den Flur entlang. Sollte jemand sie entdecken, würde sie behaupten, für sich und ihren Bruder eine Flasche Wein zu holen.

An der Tür zur Küche lauschte sie kurz. Die Bediensteten waren noch beim Essen. Kurzentschlossen wandte Johanna sich der Treppe in den Keller zu und atmete auf, als sie unten stand. Rasch wanderten ein großer Laib Brot, mehrere Würste, ein Schinken und ein Stück harten Käses in ihren Sack. Im Keller nebenan nahm sie drei Flaschen Wein mit.

Der Sack hatte, als sie ihn schulterte, sein Gewicht, trotzdem lächelte sie zufrieden. Mit diesen Vorräten kamen sie auch zu dritt mehrere Tage aus. Um den Sack nicht im Schloss herumschleppen zu müssen, versteckte sie ihn hinter dem Regal der Bibliothek, von dem aus Karl und sie die Fälschung des Testaments belauscht hatten. Kurz darauf betrat sie das Jagdzimmer. Die Herren auf Allersheim waren stets gute Jäger gewesen, und so barg dieser kleine Saal eine Unmenge an Trophäen. Johanna nahm ein altes Rehgehörn von der Wand und fand dahinter einen der Schlüssel zur Waffenkammer. Ihr Vater hatte ihn dort versteckt, weil er den eigenen Schlüssel oft in seinen Gemächern vergessen hatte und nicht zurücklaufen mochte.

Johanna bezweifelte, dass Matthias etwas von diesem Schlüssel wusste. Ihr half er, den großen Waffenschrank zu öffnen. Mehr als ein Dutzend Büchsen, Flinten und Pistolen hingen dort fein säuberlich aufgereiht. Darunter waren herrliche Waffen mit feinen Ziselierungen und präzise gezogenen Läufen. Mit einigen Pistolen konnte man das Symbol einer Spielkarte auf zehn Schritt herausschießen. Auch wenn Matthias den Raum nur selten betrat, hielt Johanna es für zu auffällig, diese Pistolen zu stehlen. Sie wählte daher drei, die ganz unten im Schrank lagen. Von türkischen Waffenschmieden gefertigt, hatte ihr Vater sie vor Jahren als Beute von einem Feldzug im Namen Kaiser Leopolds mitgebracht.

Da sie nichts hatte, um die Pistolen zu verstauen, klemmte sie sie sich unter den Arm, nahm noch zwei Pulverflaschen sowie einen Beutel mit Bleikugeln an sich und verließ das Jagdzimmer. Noch waren keine Bediensteten in den Fluren zu sehen, doch sie vernahm, dass Genoveva gebieterisch nach ihrer Zofe rief.

Johanna eilte rasch zur Bibliothek, verschwand in ihrem Versteck und wartete dort, bis die eiligen Schritte der Zofe verhallt waren. Dann öffnete sie die Tür und spähte vorsichtig hinaus. Es war niemand in der Nähe. Rasch stopfte sie die Pistolen und den Schießbedarf zu den Lebensmitteln im Sack, wuchtete sich diesen auf den Rücken und verließ das Schloss durch die gleiche Tür, durch die sie es betreten hatte. Kurz darauf erreichte sie den Stall und sah ihren Bruder, Wojsław und drei gesattelte Pferde vor sich.

»Sehr gut!«, rief sie, noch ganz außer Atem. »Hier sind Waffen und Vorräte. Wojsław soll seinem Gaul noch Satteltaschen auflegen. Ich eile unterdessen zum Turm und ziehe mein Kleid aus. Außerdem brauchen wir Fackeln!«

»Die haben wir uns schon besorgt«, erklärte ihr Bruder und hielt sie fest, als sie wieder losrennen wollte. »Du solltest dich erst unterwegs verkleiden. Wenn dich irgendjemand vom Schloss aus sieht, ist unser Täuschungsspiel vorbei, noch ehe es begonnen hat.«

Johanna nickte nachdenklich. »Du hast recht. Wir dürfen nichts riskieren. Dann musst du mir eben unterwegs die Haare abschneiden!«

»Das mache ich nicht. Wenn es wirklich nötig ist, soll Wojsław es tun«, antwortete Karl mit abweisender Miene.

»Was soll ich tun?«, fragte der Junge.

»Meine Haare abschneiden! Um der Hexe Genoveva zu entkommen, muss ich mich eine Weile als Jüngling verkleiden«, erklärte ihm Johanna und sah zum Stalltor hinaus. »Wir sollten die Pferde zum Turm bringen und hinter die alte Mauer stellen. Dort können sie vom Schloss aus nicht gesehen werden.«

»Ich hole nur noch schnell einen Mantelsack für die Vorräte«, rief Wojsław und rannte in die Sattelkammer. Nur wenige Herzschläge später kam er mit einem bereits mehrfach geflickten Sack zurück und warf ihn über den Rücken seines Wallachs.

»Ich will ihn erst an den Sattel schnallen, wenn wir die Tiere versteckt haben. Nicht, dass einer der Stallknechte zurückkommt«, sagte er und verließ mit dem Pferd am Zügel den Stall. Karl folgte ihm, während Johanna noch einen forschenden Blick zum Schloss warf. Dort war zum Glück alles ruhig.

Eine halbe Stunde später waren sie unterwegs. Johanna hatte bereits Hosen und ein Hemd angezogen, die ihrem Bruder vor einem Jahr noch gepasst hatten, ihm aber zu klein geworden waren, und trug darüber ihr Kleid. Hinter dem Sattel hatte jeder von ihnen einen großen Mantelsack befestigt. Um vom Schloss aus nicht entdeckt zu werden, führten sie zunächst die Pferde und schwangen sich erst in einem respektablen Abstand in die Sättel.

Für Johanna war es das erste Mal, dass sie wie ein Mann zu Pferd saß, und sie fühlte sich entsprechend unsicher. Sie merkte jedoch rasch, dass sie den Wallach, den Wojsław ihr ausgesucht hatte, auf diese Art weitaus besser beherrschen konnte als im Damensattel.

Als sie das Schloss eine gute Meile hinter sich wussten, atmete Johanna auf. »Mit Gottes Hilfe werden wir die Heimat erreichen«, sagte sie zu Karl.

Er zog eine betrübte Miene. »Für mich war Allersheim meine Heimat. Es schmerzt mich, diesen Ort verlassen zu müssen.«

»Es mag einmal Heimat gewesen sein! Doch seit Vater den Drachen Genoveva geheiratet hat, ist sie es für mich nicht mehr.« Johannas Augen blitzten vor Zorn, denn als Mädchen hatte sie unter den Gemeinheiten ihrer Stiefmutter weitaus mehr gelitten als ihr Bruder.

»Wie weit ist es bis Polen?«, fragte Wojsław. Zwar waren seine Eltern polnischer Abkunft gewesen, dennoch wusste er weniger über das Land als die Zwillinge.