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Der Tod ist nichts Außergewöhnliches. Er ist nur früher oder später. Ein Unfall, Marc ist schwer verletzt. In seinem Körper werden ausgeheilte Knochenbrüche entdeckt. Sie stammen von einer absolut tödlichen Verletzung. Doch Marc lebt – das Knochengewebe der Frakturheilung allerdings, ist älter als er selbst. Dann verschwinden die Röntgenbilder. Noch bevor er genesen ist, muss Marc sich auf den Weg machen, das Rätsel zu lösen. Immer tiefer dringt er in Geheimnisse ein, die den gesamten westlichen Kulturkreis aus den Angeln heben können. Die Spur führt in die schroffe Wildnis der schottischen Highlands. Schließlich steht Marc vor einem Grab, auf dem Grabstein steht – sein Name.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Der Tod ist nichts Außergewöhnliches.
Er ist nur früher oder später.
Ich bin nicht angeschnallt, ich schnalle mich nie an.
Das Flugzeug legt sich in die Kurve, als wolle es mich aus der offenen Luke kippen. Ich sitze am Ausstieg einer Dornier Do 27, auf dem Bodenblech, das rechte Bein pendelt im Freien. Die Kurve wird steiler, die Schräglage größer. Links schwingt die Kabine hoch, legt sich über mich, rechts taucht die Tragfläche unter den Horizont und zeigt wie Gottes Finger zur Erde. Der Himmel verschwindet, an seine Stelle schiebt sich ein Wald. Zwischen mir und den Bäumen ist nichts weiter als ein paar Sekunden freier Fall.
Ich nehme den Blick von den kreisenden Tannen und schaue auf den Höhenmesser am Handgelenk. Fünfzehnhundert. Knapp sechs Minuten noch.
Da ist eine Berührung am linken Knie. Sie ist angenehm, sanft, ein absichtlicher Kontakt. Susanne sitzt mir gegenüber, den Rücken mit dem Fallschirm an die Kabinenwand gelehnt, die Beine ausgestreckt. Ihr Fuß streichelt mich, sie tut, als bemerke sie es nicht, als hätte ihr Turnschuh ein zärtliches Eigenleben. Ihre Finger trommeln einen Rhythmus auf den Blechboden, ihr Kopf wippt im Takt zur Musik. Ihre Augen glänzen, mit ihren Blicken taxiert sie meinen Körper. Ich schaue ihr ins Gesicht, da fährt sie mit der Zunge über ihre Oberlippe, als würde sie köstliche Schokolade ablecken.
Ich greife nach ihrem Bein, hebe es an und lege es zur Seite. Sie zieht ein Schmollgesicht, dann zuckt sie mit den Schultern.
Die Kabine ist geräumig, wir fliegen nur zu fünft. Der Absetzer liegt ausgestreckt auf dem Rücken und hält die Hände im Nacken verschränkt. Zwei Kameramänner sitzen neben mir. Einer ist kaum zwanzig, er hat einen Flaumbart und starrt Susanne mit offenem Mund an. Ich erwarte, dass gleich der Geifer von seinen Lippen tropft.
Der Pilot zieht die Kurve noch enger, der Türholm drückt jetzt hart gegen meine Rippen. Die Fliehkraft presst das linke Bein auf den Kabinenboden, Propellerböen treffen das Rechte und schlagen es gegen die Außenhaut. Der Overall flattert im Fahrtwind und trommelt gegen Wade und Schienbein. Ich stemme mich hoch, rücke ein Stück weiter nach außen. Mein Bein hat nun mehr Freiraum, poltert nicht weiter gegen die Rumpfwand.
Der Pilot scheint Susanne imponieren zu wollen, er kreist mit extremer Schräglage, zwingt das Flugzeug in einen Thermikschlauch. Der schenkt uns zwei weitere Höhenmeter pro Sekunde, lässt jedoch die Maschine bocken und hüpfen. Zu der G‑Beschleunigung, die mich sicher in das Flugzeug drückt, kommen jetzt Querkräfte, die mich schütteln und Richtung Ausstieg schieben. Es knackt in den Ohren, ich gähne um den Druckausgleich zu machen.
Susanne streckt mir die Zunge heraus. Sie ist recht albern heute. Oder es ist der Höhenrausch. Ihre Frechheit amüsiert mich, ich muss lächeln. Der knabenhafte Kameramann starrt ihr auf den Busen, das Gurtzeug strafft den Overall an exponierter Stelle.
Die Kameraspringer fliegen mit, um die Bildanlage zu testen. Morgen werden die Sprünge nach unten auf eine Großleinwand übertragen. Für die Zuschauer und die Jury. Ich glaube wir werden gewinnen. Ich glaube immer, dass ich gewinne. Ich weiß es sogar – würde ich nicht immer gewinnen, wäre ich tot.
Vier Minuten.
Für einen Moment schwingen unsere Beine hoch, der Flug wird ruppiger, die Gangart härter. In einer Do 27 ist es unmöglich, etwas anderes zu hören als Motorenlärm und das Windpfeifen, und so versuche ich am Takt von Susannes Finger das Lied zu erkennen. Jetzt scheint das Schlagzeug einzusetzen, Susanne haut mit beiden Armen auf unsichtbare Trommeln ein. Ich stupse mit dem Fuß nach ihr und deute mit der Hand eine Ohrmuschel an.
Sie lächelt und ahmt mit den Armen die Bewegung von Kuppelstangen an Dampflockrädern nach. Ich verstehe nicht, bin aber überrascht, dass sie sich nicht für die eben erteilte Abfuhr rächt und mit dem Stinkefinger antwortet.
Ich zeige auf meine Ohren, tippe gegen den Helm. Susanne greift in die Brusttasche ihres Overalls und schaltet am Steuergerät des Helmfunks die Musik auf meine Lautsprecher. Urplötzlich klingt ein kerniger Gitarrenlauf in meinen Ohren, kraftvoll und markant. Solider, handgefertigter Rock aus den Siebzigern. Eine Sekunde später singt Ian Anderson vom Gestampfe einer Lokomotive. Susanne liebt Hardrock im freien Fall, er versetzt sie in Hochstimmung. Ich drehe das Mikrofon vor den Mund.
»Locomotive Breath«, sage ich. »War vor meiner Zeit. Aber ich kenn’s von einigen Schulfeten.«
Wieder schleudern die Beine hoch, Susanne nutzt die Gelegenheit und platziert ihren Fuß an der Innenseite meines Oberschenkels. Ich will ihr Bein wegschieben, doch sie spannt die Muskeln und hält dagegen. Um meinen Protest zu ersticken, redet sie. »Guter Text, nicht?«
»Hab nie zugehört, ich musste rumknutschen.«
Für einen Augenblick verengt sie Ihre Augen zu Schlitzen und stößt mit dem Fuß nach meiner Hand.
»Er behauptet, das Schicksal sei der große Bestimmer.«
»Das Schicksal von Dampfloks ist mir egal.«
»Eine Metapher, Mann!« Ihre Stimme klingt blechern, die winzigen Lautsprecher verzerren ihren belehrenden Unterton.
»Das Leben verläuft wie auf Schienen«, sagt sie. »Das heißt, du kannst nicht selbst bestimmen, wo es lang geht.«
Der Texter scheint sich in meinem Leben auszukennen. Ich beuge mich aus der Luke und schaue nach unten. Der Wald dreht sich im Kreis. Ich fixiere den Mittelpunkt. Fällt man aus einem Flugzeug, ist der Weg auch ziemlich exakt vorgezeichnet.
Susannes Fuß liebkost wieder mein Bein. Sie arbeitet sich langsam nach oben. Sollte uns noch eine Bö erwischen, wird sie es nicht beim Oberschenkel belassen. Sie lächelt frech und schielt nach dem Flaumbärtigen. Er starrt noch immer, da verstärkt sie den Druck und streichelt offensichtlicher.
'Old Charly stole the handle …', krächzt aus den Lautsprechern.
»Old Charly?«, frage ich. »Wer ist Old Charly?«
»Der Teufel, das Schicksal, der Tod.«
»Ach der.«
Susanne macht eine Handbewegung als würde sie eine Handbremse anziehen. »Er hat den Bremshebel geklaut. Wegen des Teufels wurde der Mensch aus dem Paradies verjagt. Seit damals müssen wir sterben, können unseren Lebenszug nicht anhalten.«
»Ich bin nicht sehr bibelfest.«
»Es gilt auch für Ungläubige«, sagt sie.
Ich deute auf den Griff der Reißleine meines Fallschirms.
»Aber ich hab meine Bremse.«
»Nur wenn du sie benutzt!«
Susanne zuckt zusammen. Sie zieht ihre Beine an die Brust, ballt eine Faust und schlägt sich aufs Knie.
»Mist! Tut mir Leid Marc, ich wollte nicht davon anfangen.«
»Schon gut, ich hab’s im …«
Ich starre auf den Abzugsgriff meines Fallschirms.
»… im Griff«, sage ich leise.
Susanne umklammert ihre Schienbeine und legt das Kinn auf die Knie. Sie schaut mir in die Augen, aber es ist kein Flirt mehr. Sie fixiert mich, sie schätzt den Gegner ab. Das Flugzeug richtet sich auf, draußen schwingt die Erde zurück in die Waagerechte. Die Maschine durchstößt die Randwirbel der Thermik, es rüttelt heftig, und mein Bein knallt wieder gegen das Außenblech. Ich lasse es gewähren.
Susanne saugt die Unterlippe zwischen die Zähne, ich erwarte einen Angriff. Doch sie schaut auf und sieht nach den anderen Passagieren. Der Busenstarrer poliert mit dem Ärmel den Helm in seinem Schoß, sein Kollege pustet Staub von der Linse der Helmkamera. Der Absetzer unterhält sich via Bordanlage mit dem Piloten.
»Du hast keinen Termin gemacht«, sagt sie und nickt langsam.
»Ich brauch’ keine Therapie.«
Ich wappne mich, wenn Susanne die Wahl hat zwischen Frieden und Wahrheit, wählt sie Krieg.
»Es ist deine einzige Chance!«
»Unsinn!«
Susanne lässt die Knie zur Seite fallen, sitzt nun im Schneidersitz. Ihr weißer Sprunganzug spannt an den Schenkeln. Das aufgedruckte Motiv zieht sich über den gesamten Körper, es ist ein Spinnennetz. Mit einer Spinne, die lauert ihr im Schritt. Flaumbart starrt wieder, aber nicht auf den Busen.
»Du wirst immer verrückter«, sagt sie. »Du riskierst von Mal zu Mal mehr.«
»Lass mir meine Art zu kämpfen, sie bewährt sich seit Jahren. Eine Therapie macht mich wehrlos.«
»Mit Kämpfen erreichst du gar nichts.«
»Immerhin lebe ich noch!«
Susanne wirft den Kopf herum und starrt aus der Luke.
»Wenn das Schicksal aufhört mich zu verprügeln, dann hör’ ich auf ihm zu beweisen, dass ich stärker bin.«
Es ist nicht das, was sie hören wollte, und ich kann sie verstehen. Sie hat Angst, ich weiß, was sie durchmacht. Sie schließt die Augen und kneift die Lippen zusammen. Ihr Helm schiebt die Wangen nach unten, aber unter der Haut sehe ich die Kaumuskeln arbeiten.
»Ich könnte dich zwingen in Behandlung zu gehen.«
»Du willst mich erpressen?«
Sie zieht ihr Gurtzeug enger. An ihrem Blick erkenne ich, dass sie um eine Entscheidung ringt.
»Ja«, sagt sie. Und dann, leiser: »Wenn es sein muss.«
»Wem gehört denn mein Leben, dir etwa?«
»Ich liebe dich und das weißt du! Ich ertrage es nicht, dich sterben zu sehen!«
»Wer redet vom Sterben?«
»Ich. Weil du es darauf anlegst.«
»Ich will überleben damit mein Kind einen Vater hat!«
»Indem du den Fallschirm nicht öffnest?«
»Wenn das Schicksal so dumm ist sich mir in den Weg zu stellen, dann muss es eben meine Konter einstecken.«
»Was redest du für einen Unsinn!«
Das Flugzeug verlässt den Steigflug, für einen Augenblick verlieren wir unser Gewicht. Der gesamte Körper schwebt, aber im Magen merkt man es am deutlichsten. Als berühre man mit einer Feder eine fast verheilte Wunde. Ich werde wohl nie herausfinden, ob es ein Schmerz oder ein Kitzel ist.
Der Lärm wird geringer, die Maschine vibriert kraftloser, der Fahrtwind dringt weniger aufdringlich in die Kabine.
Der Pilot hat Gas rausgenommen. Susanne schaut auf den Höhenmesser, steht auf und kniet sich neben mich. Die Kameramänner zurren die Kinnriemen fest, schalten die Bildsender ein und justieren sich gegenseitig die Optik am Helm. Susanne legt die Hand auf meine Schulter, knufft mich in die Seite. »Frieden Marc?«
Es war nicht mal ein Scharmützel.
»Bitte Frieden!«
»Erpressen, womit?«
Susanne rollt die Augen nach oben und tut, als würde sie überlegen. Dann lächelt sie ihr schelmisches Lächeln und zwinkert mir zu. »Ich sage deiner Frau, dass wir ein Verhältnis haben.«
Ich fasse sie am Kinn und ziehe ihr Gesicht heran. Ihre Lippen sind ganz nah vor meinen.
»Wir haben aber kein Verhältnis.«
Sie zieht die Stirn kraus, ich kann es gerade noch am Helmrand sehen.
»Stimmt leider«, sagt sie und senkt den Blick. »Komm, springen wir. Generalprobe.«
Susanne nickt mir zu. Der Pilot hinter mir muss ihr das Zeichen gegeben haben. Sie greift zum Helmfunk und schaltet zur Bodenstation. Der Absetzer steigt über mich, klettert hinaus. Er stellt sich auf das Rad und hält sich an der Fahrwerkstrebe fest. Sein Overall flattert als stünde er in einem Tornado.
»Musik ab«, ruft Susanne ins Mikro. In meinem Helm knackt es, dann höre ich den Countdown. Bei Null lasse ich mich zur Seite kippen, drehe mich auf den Bauch und falle aus der Maschine.
Der erste Eindruck ist immer die Stille. Dann der Aufprall auf den Fahrtwind, man wird brutal zurückgerissen. Das Beschleunigungsgefühl im Magen, zwei, drei Sekunden. Danach ist es, als läge man auf einem Luftkissen.
In X‑stabil-Lage warte ich auf Susanne. Ich stürze jetzt fünfzig Meter pro Sekunde. Die Wangen flattern wie Fahnen, und der Staudruck presst mir eisige Luft durch die Nase. Es rauscht und pfeift jetzt, etwas näher am Ohr krächzen die ersten Takte der Begleitmusik aus den Helmlautsprechern.
Susanne schießt von oben heran, kopfüber um aufzuholen. Knapp über mir hebt sie die Arme, winkelt die Beine an. Sie packt mich an den Ärmeln, und gemeinsam fallen wir, wie zwei Krebse, die sich gegenseitig an den Zangen halten.
Ein Takt noch, ein Ruck am rechten Arm, das Startsignal. Ich ziehe Susanne an mich, umfasse ihre Taille, Susanne schlingt ihre Beine um meine Lenden. Der Fahrtwind richtet uns auf. Wir stürzen mit den Füßen voran, beschleunigen, sind wieder schwerelos. Ich lege die Hand zwischen ihre Brüste, umschlinge mit dem freien Arm ihr Becken und presse die Spinne an mich.
»Ich liebe diese Kür!«, schreit sie und lacht.
Während sie dies spricht fallen wir vierzig Meter.
»Drei – vier!«, rufe ich.
Susanne wirft die Arme hoch, beugt den Oberkörper nach hinten. Ich kippe auf den Rücken, wir überschlagen uns, langsam, ganz wie die Musik das Tempo vorgibt. Himmel und Erde rotieren, schieben sich abwechselnd über die Stirn in mein Gesichtsfeld. Der Rhythmus wird schneller, ich drücke fester auf Susannes Brust. Keine Zärtlichkeit, sondern Akrobatik, ich helfe ihr, sich weiter nach hinten durchzubiegen. Sofort wird die Rotation rasanter, passt sich der Musik an. Das Rauschen schwillt in Schüben an, der Fahrtwind pulsiert im Gleichmaß der Drehung.
Wir lösen die Figur, das Luftkissen drückt in den Bauch. Wir fassen uns an den Händen, strecken die Beine, synchron wie Spiegelbilder. Der Fahrtwind greift an den Beinen an, die Köpfe tauchen nach unten, die gespannten Körper schwingen empor wie ein Adlerflügelpaar. Sie treffen zusammen, wir fallen Rücken an Rücken, die Arme abgewinkelt, im Flugbild wie ein herabstürzender Falke. Ich öffne die linke Hand, der Wind greift hinein, der Falke beginnt sich zu drehen, stößt in einer Spirale auf seine Beute hinunter.
Zweitausend Meter.
Wir verhaken die Beine, legen uns flach auf die Luft, fallen rücklings in einer Pirouette wie ein Ahornsamen. Zwei Drehungen, lösen, Wendung, X-stabil, halbe Drehung.
Dann der zärtliche Mittelpart. Die Choreographie des Falles ersetzt den Höhenmesser. Gespielter Kuss, zweihundert Meter. Umarmung, Schmachtpose, Verstoßen, Einfangen. Die Kür erotisch anzulegen war ihre Idee. Wessen sonst.
Zwölfhundert.
Die Musik wird wilder, strebt einem furiosen Finale entgegen. Der Tanz wird frivoler, die Bewegungen eindeutiger. Susanne spreizt die Beine, ich tauche hindurch. Sie fängt mich ein, dreht mich auf den Rücken, kommt auf mir zu sitzen. Die zwei Stöße mit den Lenden gehören nicht zur Übung. Kopf zurückwerfen, Arme hoch, Salto. Schlussakkord.
Neunhundert.
Die Kameramänner ziehen, plötzlich sind sie weg.
»Damit gewinnen wir!«, schreit Susanne und zeigt mit dem Daumen nach oben. Sie stößt sich von mir ab, fasst den gelben Griff und zieht daran. Sie wird nach oben weggerissen.
Ich aber bin ein Merlin im Angriff, ein genialer Flieger, der perfekte Jäger. Das Fieber rast durch mich wie eine Stichflamme, die Geschwindigkeit saugt an mir. Es ist ein Druck von innen, Trotz und Euphorie, sie suchen ein Ventil. Ich brauche mehr Speed, der Rausch verlangt nach Futter. Ich lege die Arme an, gehe in den Sturzflug. Die Beschleunigung treibt mich in Raserei, Ekstase bodenlos.
Der Zeiger zittert, rast über die Achthundert.
»Old Chaaaarly!«, schreie ich. »Na wer kriegt hier wen an den Eiern!«
Siebzig Meter pro Sekunde.
Es soll nie aufhören.
Sieben-Fünfzig.
Eine Sekunde noch.
»Cool Marc, warte«, schreit das Männchen auf der rechten Schulter.
Noch eine.
Sechshundert Meter, roter Bereich.
Der Zielkreis explodiert. Schaulustige. Zeigen herauf.
Fünfhundert.
Susanne, weit oben: »Kein Scheiß heute, Marc. Zieh endlich!«
»Old Charly stole the handle …«
Vierhundert Meter.
Adrenalin! Hallo Freund!
»Geeeil!«, schreie ich. Meine Hände springen zur Reißleine. Der Bremsruck, zu sanft. Mein Körper rüttelt, irgend etwas knattert laut.
Dreihundert.
»Fahne Marc!«, schreit Susanne. »Abwerfen!«
Zuviel Fahrtwind. Nicht gut, garnicht gut.
Blick nach oben. Die Kappe. Ein wilder Fetzen.
»Netter Versuch, du Miststück!«
Meine Hände schnappen zu den Schultern. Verschlüsse springen auf. Beschleunigung. Die Fahne fällt nach oben.
Hundert noch.
Die Reserve. Der Griff. Ich ziehe.
Der Bremsruck, einen Wimpernschlag vor dem Aufprall.
Schmerzen? Keine.
Die Kappe legt sich über mich wie ein Leichentuch.
Ich war sieben, da wurde mein Großvater redselig. Beim Militär war er zuständig für die Untersuchung von Flugunfällen. Er behauptete, der Tod sei leichter zu ertragen, wenn man ihm mit Humor begegnet. Oder mit Sarkasmus. Ich verstand nicht, was er meinte. Er lächelte milde, nahm mich an der Hand und versuchte es mit kindgerechten Beispielen: Er nannte abgestürzte Fallschirmspringer Knochensäcke.
Der Ausdruck ist passend, das muss ich heute zugeben. Ich habe bei einem Bestatter gejobbt und einige Suizidopfer aufgelesen. Hochhäuser, eine Brücke war auch dabei. Egal, aus welcher Höhe sie fallen, sie sind äußerlich vollkommen intakt. Das Blut in den Krimis ist für die Zuschauer, in echt ist dieser Tod eine trockene Angelegenheit. Selbst Knochenbrüche sieht man nur, wenn die Opfer auf eine Kante fallen, oder in einen Einkaufswagen. Wenn man sie allerdings im Genick packt und auf die Beine stellt, dann loslässt, fallen sie in sich zusammen. Hat Großvater erzählt. Und wenn man sie aufschneidet, findet man kein festes Stück mehr, das größer ist als ein Bleistiftstummel.
Ist es der Schirm oder haben sie schon das Leinen über mein Gesicht gezogen? Ich springe auf und wühle mich unter der Fallschirmkappe hervor. Den Helm reiße ich herunter und knalle ihn auf den Boden. Ich schreie und tobe und drohe mit den Fäusten gen Himmel. »Noch nicht, du Dreckskerl, noch nicht!«
Meine Stimme springt über die Oktaven, die Worte verschwimmen und münden in ein Triumphgeheul. Ich renne los, stolpere in den Leinen, springe erneut auf. Ich werfe mich auf die Knie, schlittere ein Stück, schleudere die Arme zur Siegerpose empor. Ich gröle eine Textzeile, schreie dem Tod meine Verachtung ins Gesicht. »'And the all-time winner, has got him by the balls' … Von wegen Gewinner!« Wieder versagen meine Stimmbänder. Meine Muskeln versagen auch.
Ich falle auf den Rücken und schnappe nach Luft. Susanne schwebt über mir. Sie kreist in einer Steilspirale, um möglichst schnell Höhe zu vernichten.
Plötzlich ist mein Border Collie da. Er springt über mich, tänzelt und fiept, und seine heiße Zunge klatscht mir auf den Mund. Ich wehre ihn halbherzig ab, ziehe ihn dann an mich und umarme ihn. »Wir haben dem Tod ans Bein gepinkelt, was Braveheart?«
Susanne schießt heran. Es pfeift und rauscht, sie bremst den Fall nicht, passt nur den Gleitwinkel an, um parallel zum Boden zu gleiten. Noch im Rennen wirft sie den Schirm ab, stürmt auf mich zu. Ich löse mich von meinem erschlafften Tuch und gehe ihr entgegen. Komisch, mein Fuß will nicht richtig. Braveheart umtanzt mich und springt an mir hoch.
Ich erwarte Susanne mit geöffneten Armen, ich bin der Held, habe den Tod besiegt und will jetzt die Jungfrau zur Belohnung.
Susannes Faust kommt so schnell und hart, dass ich zu Boden gehe. Was mir da ins Auge rinnt, muss Blut sein.
»Du bringst dich um, du Arschloch, kapier’ das endlich!«
Sie zerrt an meinem Arm, schlägt auf den Höhenmesser.
»Achthundert Meter, Mann! Wie viel waren’s heute? Vierhundert? Dreihundert?«
Das ist ungerecht, ich deute in den Himmel.
»Ich hatte ’nen Versager!«
Susanne stößt meinen Arm weg und stapft ein paar Schritte davon. Dann hält sie inne. Sie nimmt den Helm ab und legt ihn sich in die Armbeuge. Sie wendet sich mir zu, ihre Stimme ist ruhig und gefasst. Was sie sagt, klingt endgültig.
»Du machst diese Therapie, oder ich sorge dafür, dass du deine Sprunglizenz verlierst.«
»Spinnst du?«
»Und deinen Flugschein. Therapie. Jetzt! Sofort!«
»Red’ kein Unsinn, Skippy. Ich hab ’ne Flugschule!«
Ich rapple mich auf die Knie. Susanne schmettert den Helm neben mich, packt mich an der Brust und dreht ihre Fäuste in meinen Overall. Sie zieht mich hoch. Ich helfe ihr ein bisschen, ein ungewollter Reflex. Mein Gesicht steht vor ihrem. Ihr Atem riecht nach Kaffee, an der geplatzten Augenbraue spüre ich ihn auch.
»Hör zu Marc, du bist aus medizinischer Sicht nicht flugtauglich. Das LBA interessiert sich brennend für Fluglehrer mit Todessehnsucht. Du machst diese Therapie oder ich zeige dich persönlich an. Und – wir sehen uns nie wieder.«
Biggy rennt zu mir, plötzlich ist alles gut.
Susanne haut die Fäuste gegen meine Brust, so, als wolle sie ihre Drohung in mich rein hämmern. Ich spüre es kaum.
Biggy ist in der zweiunddreißigsten Woche, sie rennt nicht mehr allzu schnell. Sie hält die Hände schützend um ihren runden Bauch gelegt. Ich fühle unsagbares Glück.
Susanne wendet sich ab, doch Biggy erwischt sie am Arm und wirbelt sie herum.
»Ich will wissen was los ist!«, schreit sie. »Marc kommt fast um, und du schlägst ihn nieder!«
»Dein Mann tickt nicht mehr richtig, Biggy.«
Ich habe das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss. Dieses Gefühl spüre ich oft, auch wenn ich im Recht bin. Ich schaue Susanne in die Augen, sie tränen. Natürlich vor Wut.
»Ich lebe seit zweiunddreißig Jahren mit mir«, sage ich. »Du kennst mich gerade mal zwei. Glaubst du wirklich, du weißt über mein Leben besser Bescheid als ich?«
Susanne hat die Außensicht auf mich, schon klar. Nur der Fisch weiß nicht was Wasser ist. Dennoch …
»Es geht nicht um Therapie oder nicht Therapie«, sage ich. »Wenn ich meine Strategie ändere, dann bin ich tot. Und das innerhalb von drei Tagen.«
Biggy beißt sich auf die Lippen. Das tut sie immer wenn sie eine schmerzhafte Tatsache akzeptieren muss und nicht handeln darf.
Susanne legt die Hände um ihren Hals und schüttelt sie.
»Siehst du denn nicht, dass der verrückt ist?«
»Er kriegt das in den Griff!«, schreit Biggy. »Auf seine Weise.«
Es tut unendlich gut, dass Biggy zu mir steht. Ich nehme den Rucksack von ihren Schultern und fingere meine Brieftasche heraus. Die Sprunglizenz und auch meinen Flugschein, ich zerreiße sie. Susanne will mir ihre Hand nicht geben, doch ich drücke ihr die Fetzen hinein.
»Scheiß’ auf das Luftfahrt-Bundesamt«, sage ich. »Ich kann auch von Türmen springen.«
Das Adrenalin in meinem Körper verflüchtigt sich. Im selben Maß wie die Euphorie nachlässt, werden die Schmerzen fühlbar. Es sind mehrere Inseln, sie tauchen aus den Tiefen meines Körpers empor, treten an die Oberfläche. Wie Meeresgrund, der hochgehoben wird und die Wasserfläche durchstößt. Eine ist an der linken Schulter, sie fühlt sich breit an und niedrig, wie ein abgeschliffenes Atoll in der Südsee. Um sie kümmere ich mich nicht, ich weiß, sie wird innerhalb weniger Tage von der Bewegung zerrieben und weggespült. Dann sind da noch ein paar andere, am Knie und am Ellbogen, doch auch sie werden versinken, sobald ich sie ein paar Tage nicht beachtet habe.
Aber da ist ein dicker Brocken im linken Sprunggelenk. Es ist eine Vulkaninsel, hoch und massiv, fest verankert und mit Feuer im Innern. Sie wächst unaufhörlich. Diesmal ist mein Sieg über das Schicksal nicht vollkommen, es hat mir eine ernste Verletzung abgetrotzt, das Miststück.
»Sie ist mir an den Hals gegangen!«, sagt Biggy, als glaube sie nicht was vorgefallen ist.
»Danke der Nachfrage«, sage ich. »Nein, mir ist nichts passiert.«
Ich sehe Marschallek in sein Auto steigen. Marschallek ist der Inhaber der Firma ParaTec, er stellt Fallschirme her. Wenn sich mein Schirm öffnet, steht in großen Buchstaben sein Name am Himmel. Das ist Grund genug, die Reißleine nicht zu ziehen. Der Grund es dennoch zu tun, sind die Schecks, die aus den Schirmen flattern. Marschallek ist mein Sponsor. Er ist zu fett, um die hundert Meter vom Vorfeld hierher zu Fuß zu bewältigen. Sein Geländewagen holpert über die Grasnarbe, der Motor jault im ersten Gang. Ich nehme an, er hat keine Hand frei zum Schalten, denn an der Rechten ist sein Handy festgewachsen, und die Linke dürften Wind und Würmer inzwischen über die ganze Welt verstreut haben. Er restauriert alte Flugzeuge, Doppeldecker hauptsächlich. Vor Jahren hat er versucht, den Motor einer Tiger Moth mit den Händen am Propeller anzuwerfen. Es ist ihm gelungen.
Mein abgeworfener Hauptschirm ist ein Stück hinter mir zu Boden gegangen. Einer der Kameramänner hält ihn seinem Kollegen vor die Linse. Das Typenschild des Unglücksschirmes prangt von der Großleinwand, was Marschallek dazu veranlasst Gas zu geben. Er fährt an mir vorbei, klemmt das Handy zwischen Kinn und Schulter und gibt mir mit dem Armstummel Zeichen zu warten.
Gut, ich warte. Mein Knöchel trägt diesen Entschluss dankbar mit.
Ich war schon ernsthafter verwundet, damals zum Beispiel, als ich die Kugel einfing. Rechter Ellbogen, einen Millimeter neben dem Ulnaris. Mit zerstörtem Nerv hätte ich heute eine Krallenhand, nicht zu gebrauchen. Es war ein Waffennarr, er hatte das Schwarzpulver falsch abgewogen. Das Geschoss war eine Maxiball, ein Minié-Geschoss. Seine Erfindung veränderte die Kriegsführung Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist keine Kugel im geometrischen Sinne, sondern ein Bolzen. Die Vorderladerschützen gießen sie selbst aus alten Bleirohren. Oder aus aufgesammelten Auswuchtgewichten, die von Autorädern geschleudert werden. Maxiballs haben eine Masse von über sieben Unzen, sie sind die Wuchtbrummen unter den Geschossen. Sie fliegen schnell genug um durch die Jahrhunderte zu zischen, alle heutigen Geschosse sind ihre Nachkommen.
Marschallek hat die Kameramänner zur Sau gemacht und den Schirm auf die Rückbank seines Pajero gestopft. Wie ein Geschoss beschleunigt er auf mich zu, ich denke unwillkürlich an Maxiballs. Sie haben zwei angegossene Ringe um den Schaft. Explodiert der Treibsatz, dann verformen sie sich im Lauf. Aufgrund der Massenträgheit werden sie gestaucht, die Ringe pressen sich in den Zug, der Druck kann sich vervielfachen. Schießt man mit einer gewöhnlichen Kugel auf eine Zielscheibe, dann platzt das Papier auf, der Einschuss bildet lose Ränder als hätte man es gerade mal mit dem Finger durchstoßen. Das Papier ist noch vorhanden, wenn man es glatt drückt, ist das Loch wieder geschlossen. Kommt eine Maxiball, dann verdampft das Papier. Der Einschuss sieht aus wie mit dem Aktenlocher gestanzt. Nur größer und auch in Ellenbögen.
Marschallek rauscht heran, und ich nehme mir vor nicht zu verdampfen. Der Treibsatz, der ihn beschleunigt, bin ohne Zweifel ich. Es ist schlecht fürs Geschäft, wenn bei einer Weltmeisterschaft sein Spitzenprodukt ungeöffnet auf einem Knochensack liegt.
»Ich kündige den Vertrag, Steinfäller!«, schreit er mir entgegen, wuchtet sich aus dem Auto und stößt mit dem Unterarm die Autotüre zu.
»Verkaufen Sie auch Schirme die aufgehen?«, frage ich.
»Reden Sie keinen Stuss, Steinfäller, Sie wissen genau … was ist mit dem Fuß, Sie springen doch morgen, oder?«
Ich habe auch einen Treibsatz auf der Zunge, aber Biggy ist schneller als ich. Und diplomatischer.
»Keine Sorge, Herr Marschallek«, sagt sie. »Den kriege ich bis morgen wieder hin.«
Marschallek verstummt und schaut Biggy mit großen Augen an. Dann fällt ihm offenbar ein, dass sie Ärztin ist.
»Hören Sie Steinfäller«, sagt er und stupst mit dem Handy gegen meine Brust, »Sie werden morgen Weltmeister oder es ist aus mit Sponsorengeldern.«
Eigentlich hätte sich die Kappe meines Hauptschirmes füllen müssen. Eigentlich. Alle meine Unfälle geschahen trotz 'Eigentlich'. Es zieht sich durch mein Leben seit ich denken kann. 'Eigentlich' klebt an mir wie Schneckenschleim.
Eigentlich fliegen Maxiballs nicht durch Maisfelder. Es sind diese Zufälle, die mir zu schaffen machen. Ich vermute Methode dahinter, wenn etwas schief geht, dann so, dass es mir möglichst viel Schmerzen bereitet. Ich habe das Schicksal im Verdacht, dass es mich nicht mag.
Als ich von der Maxiball getroffen wurde, hatte ich nicht das Glück, Adrenalin in meinem Körper zu haben, das Geschoss kam unvermittelt. Es flog aus einem Maisfeld, neben dem sich zwei Radfahrer gegenseitig gerammt hatten. Der eine reanimierte den anderen gerade, mit kurzen harten Stößen. Ich sprang die Böschung hinunter um zu helfen, da hörte ich den Knall. Eine Pistolenkugel ist langsamer als der Schall, es macht also durchaus Sinn sich zu ducken, wenn man den Schuss hört. Aber ich rechne nicht jeden Tag damit angeschossen zu werden.
Was muss das Schicksal für einen Aufwand getrieben haben, damit die Kugel und mein Ellenbogen im Flug zusammentreffen? Es ist keine rhetorische Frage, ich suche tatsächlich nach der Antwort. Und da ist noch etwas: Jemand hat dem Schicksal in die Suppe gespuckt und die Maxiball einen Millimeter vom Kurs abgelenkt, damit sie nicht meinen Ulnaris durchstanzen kann. Wer ist der Kerl, ich würde ihn gerne kennenlernen. Vielleicht habe ich doch einen Freund.
Ich versuche ein paar Schritte. Biggy will mich stützen, doch ich winde meinen Arm aus ihrem Griff. Ich hasse Schmerzen, ich hatte genug davon. Manchmal glaube ich, ein anderes Leben lädt seine Ration an Schmerzen bei mir ab.
»Wenn ich nur noch Basejumping von Hochhäusern mache, brauche ich auch keinen Sponsor mehr«, sage ich. Schön, wie sich manche Probleme von selbst lösen.
»Und wenn du dir einen Busen wachsen lässt«, sagt Biggy, »kannst du das Baby stillen und ich sorge für unser Einkommen.«
Marschallek engagiert mich ab und an, ich bin sein Testspringer, ich lote die Grenzen der Flugzustände aus. Diese hochgezüchteten Fallschirme sind sensible Gebilde, sie schnappen ein, wenn man sie ausreizt. Aerodynamik ist ein kaum berechenbares Phänomen, es kann sein, in einer Steilspirale verhält sich ein Schirm gutmütig wie ein nasser Schwamm, aber im Langsamflug gibt es plötzlich Resonanzen, die die Luftkammern leer saugen. Das gilt für den geöffneten Schirm. Ob sich eine Neuentwicklung überhaupt entfaltet, wenn sie dem Fahrtwind von zweihundertfünfzig Stundenkilometer ausgesetzt ist, kann ebenfalls keine Computersimulation vorhersagen. Jemand muss also den ersten Sprung wagen, schließlich wollen die Kunden wissen, ob das Paket auf ihrem Rücken sich öffnen lässt. Dieser Jemand bin ich. Marschallek braucht einen Verrückten wie mich. Aber ich glaube nicht, dass er mich noch mal engagiert, er selbst ist nämlich nicht verrückt. Er ist genial. Gib ihm ein Stück Fallschirmseide, und er sagt dir, was die Raupen zuletzt gefressen haben.
Susanne hat die Leinen ihres Schirmes um die Arme gewickelt und die Kappe vor den Bauch geknüllt. Sie ist auf dem Weg zum Hangar. Und Biggy ist wütend, ich merke es an der Wucht, mit der sie mir den Rucksack gegen die Brust drückt. Sie folgt Susanne, redet viel und gestikuliert wild.
Ich hole meinen Handschmeichler aus dem Rucksack, ein mandelförmiges Stück poliertes Lindenholz. Die Oberfläche ist von sagenhafter Glätte, ich liebe es, ihn auf meinen Handflächen zu spüren. Es ist unschuldige Zärtlichkeit, wenn ich seine Sanftheit spüre, konzentriert sich mein Empfinden in den Händen. Dann kann ich das Denken abschalten.
Ich trete auf eine unebene Stelle, und der kaputte Knöchel legt jetzt richtig los. Es ist ein dumpfes, gleichmäßiges Drücken um das linke Sprunggelenk. Der Druck verstärkt sich innerhalb Sekunden, wird unangenehm, wächst weiter und überschreitet die Grenze zum Schmerz. Bei jedem Auftreten fühlt es sich an, als treibe ich einen scharfen Keil in den Fuß, der das Gelenk auseinanderspreizt. Eigentlich habe ich jetzt zu große Schmerzen um mich zu bewegen, dennoch hinke ich Susanne und Biggy nach, in den Hangar. Soll ich stärker hinken als notwendig, die Kameramänner haben mich im Visier?
Durch den Spalt zwischen zwei Rolltorflügeln kann ich meine Frau und Susanne beobachten. Es ist nicht fair, dass ich sie belausche. Ich mache es trotzdem, ich bin verzweifelt.
Susanne hat ihren Schirm auf der Bodenplane ausgebreitet und tritt zwischen die Stränge der Tragegurte.
»Du sorgst dich ein bisschen arg um ihn«, sagt Biggy. Das klang nicht wie eine Feststellung, das klang nach Vorwurf.
Susanne ergreift das linke und rechte Leinenbündel mit je einer Hand und separiert die Steuer- und Fangleinen, indem sie je ein Bündel zwischen ihre Finger legt. Sie lässt die Stränge durch die Hände gleiten, während sie langsam bis zur Kappe geht. Sie hebt sie an und schüttelt sie mehrmals, das Tuch der einzelnen Zellen fällt aus und ordnet sich.
Biggy bedrängt Susanne nun weniger, das Packen eines Schirmes erfordert Aufmerksamkeit.
Susanne hält inne.
»Er ist nicht mehr zurechnungsfähig«, sagt sie. »Du musst jetzt für ihn Verantwortung übernehmen.«
Sie nimmt beide Leinenbündel in die linke Hand und zieht mit der Rechten eine Kappenzelle nach der anderen heraus. Sie faltet sie, und legt sie auf dem herausgestellten Oberschenkel aufeinander.
Biggy schweigt.
Nach einer Weile fragt sie: »Er hat doch seinen Schirm selbst gepackt, oder?«
»Er hat nicht gezogen! Immer weichst du der Wahrheit aus! Du musst ihn zwingen seine Todessehnsucht behandeln zu lassen! Auf mich hört er ja nicht.«
»Hast ihn wohl nicht heftig genug angeflirtet, was?«, fragt Biggy und schnaubt.
Susanne hält die gefalteten Zellen zwischen ihren Knien fest, ordnet die Stabilisatoren und zieht den Stoff zwischen den Leinengruppen nach außen. Biggy tritt zu Susanne auf die Plane und ergreift die Mittelnaht des Kappenendes. Sie hebt es hoch und gibt es Susanne in die Hand, mit der sie das Leinenbündel umfasst.
»Danke«, sagt Susanne. »Du bist eine dumme Gans, du machst dich an deinem Kind schuldig, wenn du länger die Augen verschließt!«
»Ich sehe sehr gut, was vor sich geht«, sagt Biggy scharf.
»Dann handle! Lass dir was einfallen, spiel’ Lysistrata.«
Biggy schaut zu Boden, die Sorgen haben ihre Wut aufgezehrt. Susanne wickelt die äußeren Kappenenden um das Schirmbündel und rollt die Seiten ein.
»Ich weiß, du liebst ihn«, sagt Biggy leise.
Susanne hält inne und starrt zu Boden. Dann wirft sie die Kappe zur Seite, das Bündel fällt auseinander, legt sich in wildem Chaos auf die Plane. Die Frauen stürzen aufeinander zu und umarmen sich.
»Du weißt, dass ich dich auch liebe«, sagt Susanne. »Und du weißt, dass es mir nicht weh tut, Marc nicht haben zu können. Ich freue mich mit euch über euer Glück.«
Biggy zittert plötzlich, Tränen rollen über ihre Wangen. Susanne nimmt Biggys Gesicht in die Hände und wischt mit den Daumen die Tränen ab.
»Ich hab eine Scheißangst«, sagt Biggy und schluchzt. Ihre Atemstöße sind abgehackt, ihr Körper wird durchgeschüttelt.
Susanne zieht Biggys Kopf auf ihre Brust. Bestimmt ist es unangenehm, das Gurtzeug drückt ihr in die Wange.
»Marc liebt dich, Biggy. Mehr als alles andere. Wenn du ihn retten willst, musst du ihn mit dieser Liebe erpressen.«
Biggy nickt, dann reibt sie sich mit den Handballen die Wangen trocken. Ihr gelingt ein Lächeln. Sie richtet sich auf, saugt ihre Lungen voll. Plötzlich kommt sie mir groß und mächtig vor. Sie strahlt die Entschlossenheit aus, die von einer getroffenen Entscheidung gespeist wird. Sie nimmt Susannes Hände und drückt sie fest. Susanne erwidert den Druck, eine Geste, als wollten die Frauen eine Verschwörung besiegeln.
Susanne neigt den Kopf in Richtung des zerknüllten Schirmes am Boden, lacht, und sagt: »Ich muss noch mal von vorn anfangen.«
»Und ich erst!«, sagt Biggy.
Wir sind auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich sträube mich redlich, aber Biggy behauptet, sie könne den Fuß nicht mit der Taschenlampe durchleuchten. Im Gegensatz zu meinem Knöchel ist meine Hybris ungebrochen, trotz der Schmerzen sitze ich also selbst am Steuer. Es dämmert, und von Westen zieht ein Wärmegewitter heran. Die Wolke verdunkelt die Welt. Sie ist an der Unterseite flach, reicht vermutlich zwölf Kilometer in die Höhe und bildet oben einen Amboss aus Eiskristallen. Wie aus diesen Kristallen Regen wird ist ungeklärt, die Meteorologen rätseln mehr darüber wie es kommt, dass Wasser zur Erde fällt, als darüber wie es aufsteigt. Ich liebe solche Fragen, sie zeigen mir, dass die Natur Sinn für Humor hat. Im Innern der Wolke bilden sich enorme Spannungen. Das geschieht, weil zwei Kräfte in entgegengesetzte Richtungen zerren. Sollte dieser Kumulonimbus die Fähigkeit zu Gefühlen haben, dann fühlt er sich so, wie ich mich fühle. Ich spüre diese bekannte Stimmung der Vorahnung – es braut sich etwas zusammen. Nicht nur im Himmel, auch hier unten in der Hölle.
Es war ein heißer Tag. Nach heißen Tagen sind die Gewitter heftig. Ich weiß, dass Susanne nicht blufft, sie schmeißt die WM, verzichtet auf den Titel. Wir hatten Chancen. Aber meine Freiheitsgrade sind eingefroren wie die Eiskristalle. Es ist mir nicht erlaubt, zu wählen. Ich muss leben, denn ich habe eine Familie, und ich will sie genießen. Doch das Opfer ist gewaltig. Unterm Strich war heute das Schicksal Sieger, der Tag hat mich die Freundschaft von Susanne gekostet. Und das Schlimmste ist, ich ziehe Biggy mit rein.
Susanne und Biggy verbindet etwas Wunderbares. Sie sind Bikerkumpel. Ich glaube, kein Mann kann diese Freundschaft verstehen. Sie fliegen nächstes Jahr zusammen nach Amerika, einen Roadtrip machen. Sie streiten noch über die Strecke, Route 66 oder den Moonlight Motorway. Während eines Rotweinabends haben sie mir erzählt, wie sie sich kennenlernten. Es war am Straßenrand, Susanne saß im Regen, auf ihrem Motorradhelm, und hielt den Daumen über die Fahrbahn. Biggy hielt an.
»Maschine kaputt?«, fragte sie.
»Beziehung im Arsch«, sagte Susanne.
»Tut mir leid. Große Liebe?«
»Großer Schuft. Ist mit meinem Motorrad abgehauen.«
Biggy vergöttert ihre Harley-Davidson, ein restaurierter Oldtimer, an dem sie dauernd herumschraubt. 'Wenn ich dich auf einer anderen Frau erwische', drohte sie mir einmal, 'lasse ich mich scheiden. Wenn ich dich aber auf meiner Harley erwische, breche ich dir das Genick.' Biggy hatte Susanne noch nie im Leben gesehen, doch damals im Regen rutschte sie nach hinten auf den Soziussitz und sagte: 'Fahr du, ist besser als Sex.'
Auf der Autobahn ist es ein paar Kilometer weiter ins Krankenhaus, als über die Dörfer, aber ich muss nicht so oft die Kupplung treten. Ich sehe Blaulicht im Rückspiegel. Die Linksfahrer quetschen sich in Lücken auf der rechten Spur. Hinter mir blinken Lichthupen, vor mir leuchten Bremslichter auf. Der Überholer auf meiner Höhe blockiert den Fahrstreifen. Der Körpersprache des Fahrers zufolge versucht er zu beschleunigen, doch der Wagen ist überladen, Hausrat stapelt sich bis unters Dach. Mehrmals blitzen Funken auf, dann klopft der Beifahrer ein Feuerzeug auf die Konsole. Er hat einen Vogelkäfig auf dem Schoß, ist eingekeilt, und teilt sich den kostbaren Raum mit einem Kleiderständer und einer Geigenfeige, die aus dem Fußraum empor zwischen seine Beine wächst. Die wenigen Liter unverbauten Raumes befinden sich innerhalb des Käfigs und sind mit Zigarettenrauch gefüllt. Ich schätze, es ist nicht genug Sauerstoff im Wagen, um eine weitere Zigarette zum Brennen zu bringen. Und es dürfte nicht möglich sein, das Fenster zu öffnen ohne einen Lampenschirm zu verlieren.
Ich gehe vom Gas, der Wagen räumt die Spur. Das Martinshorn wird lauter und heller im Ton, ein Polizeimotorrad rast vorbei, Biggys Gesicht blitzt blau auf. Dann klingt die Sirene tiefer, wird leiser, und das Motorrad wird von einem Kleinlaster verdeckt.
Wir schweigen uns an, seit zwanzig Minuten. Es ist diese Spannung zwischen uns, bei der ich mich immer so schuldig fühle, und mich in der Pflicht glaube, nachgeben zu müssen.
Biggy macht unser Schweigen zum Thema. »Reden wir nun drüber oder lassen wir’s?«
»Lassen wir’s«, sage ich.
»Weißt du wie sich das anfühlt, wenn der Mann den man liebt, sich in den Tod stürzt?«
Ich kann es mir denken, aber ich habe darauf nichts zu erwidern. Wir haben oft darüber geredet, unsere Standpunkte sind bekannt.
Biggy ist die Einzige, die stark genug ist, meine Frau zu sein. Sie schaut zu wie ich Todessituationen suche, aber es gelingt ihr, sich abzugrenzen. Sie lässt sich nicht mit reinziehen, in meinen Kampf. Das kostet Kraft, ich weiß. Und sie hat der Versuchung widerstanden, mich ändern zu wollen.
Während unserer ersten Begegnung lag ich im Koma. Sie hat es eingeleitet, nachdem mir ihre Kollegen den Schädel aufgebohrt hatten. Es war wegen einem dieser Unfälle, für den das Schicksal seine ganze Kreativität aufbieten musste, um ihn zu ermöglichen.
Die Phase des Verliebtseins habe ich verschlafen, als Biggy mich aufwachen ließ, liebte ich sie bereits. Und sie mich, sie saß nächtelang an meinem Bett. Als Frau, nicht als Ärztin. Ich vermute, dass sie mir im Schlaf einen Ehering angesteckt hat. Wenn ich sie danach frage lacht sie und beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Vielleicht bin ich aber auch das Opfer eines illegalen Medikamententests. Ich weiß nicht, wie solche Phänomene funktionieren, aber ich war jede einzelne Sekunde mit Biggy glücklich. Und es ist eine Sicherheit in mir, so verlässlich wie die Schwerkraft, dass ich niemals einen Augenblick mit ihr bereuen werde. Also zum Teufel mit diesem Phänomen, es ist kein Rätsel das mir Sorgen bereitet.
Sorge bereitet mir hingegen, dass ich nicht mehr viele Augenblicke mit ihr haben werde – dieses blöde Blaulicht drängt sich immer penetranter in mein Bewusstsein.
Der Verkehr gewinnt wieder an Hektik. Ich bleibe auf der rechten Spur, man muss ja nicht jeden Unsinn mitmachen. Dieses Blaulicht, verdammt. Hat mit mir zu tun.
Biggy fasst sich an den Bauch.
»Sie hat gestrampelt, als die Fahne kam. Ich bin sicher sie hat geschrien: 'Tu’ doch was, tu’ doch endlich was!'«
Wir wünschen uns ein Kind. Wir sind weltfremde Optimisten, wir hoffen unbeirrt, dass selbst mit Pestiziden im Strampelanzug und Leistungsdruck im Kindergarten die Möglichkeit einer einigermaßen artgerechten Kinderhaltung besteht. Biggy sagt manchmal, ich sei zynisch.
Unsere Tochter zeugten wir auf einer Waldlichtung, wir sind sehr naturverbunden. Es war einer der letzten heißen Sommertage. Meine Frau, die Ärztin, behauptete, ein langes Vorspiel erhöht die Zahl der Spermien und verbessert damit die Empfängnischance. Das kam uns sehr gelegen. Als die Göttin tanzte, achtete ich nicht auf den Orgasmus, sondern auf das Pulsieren des Spermas in meinem Penisschaft. Bevor der kleine Tod uns holte, fühlte ich unsere Seelen verschmelzen. Als wir erwachten, liebten wir uns nochmals, sie hatte mir versprochen, diesmal nicht ganz so laut zu schreien. Es kann auch umgekehrt gewesen sein.
Ein Straßenschild huscht an uns vorbei, es kündigt einen Rastplatz an.
»Fahr raus Marc, bitte.«
Ich habe keine Lust mich zu rechtfertigen, Fragen sind Monster. Ich möchte mich in meine Trutzburg zurückziehen, leiden, und die Schmerzen an meinem Knöchel spüren. Nach dem Triumph hat ein Held das Recht seine Wunden zu lecken.
»Ich muss pinkeln«, behauptet Biggy.
»Musst du nicht.«
»Sag’ mal spinnst du?«, schreit sie.
Mit Recht, das war ein schweres Vergehen. Es steht mir nicht zu, besser über sie Bescheid zu wissen als sie selbst. Aber ich wette, sie geht nicht pinkeln.
Ich finde eine Parklücke zwischen zwei Brummis mit laufenden Motoren. Die Fahrer stehen beisammen und qualmen Zigaretten. Vor mir auf der Grünfläche spielt ein Vater mit seiner Tochter Fußball. Sie ist höchstens fünf. Sie rempelt ihn an, er lässt sich fallen. Die Kleine stemmt die Fäuste in die Hüften, beugt den Oberkörper vor.
»Das war ’ne Schwalbe!«, ruft sie und ist empört.
Die Mutter beobachtet das Match von einer Bank aus. Sie pfeift durch die Finger und trampelt mit den Füßen auf den Boden. Ich fürchte, der Vater bekommt die gelbe Karte.
Biggy kehrt von der Toilette zurück. Ich öffne ihr die Tür und spüre einen Luftzug. Sofort stinkt es furchtbar nach Zigarettenrauch und Dieselabgasen.
Aus dem Restaurant hat Biggy mir eine Packung Schokomandeln mitgebracht. Es gibt keinen größeren Liebesbeweis, als dem Mann, der einem Sorgen bereitet, Schokomandeln mitzubringen.
Sie schnallt sich nicht an, sondern wendet sich mir zu. Die Schokomandeln waren also Berechnung, aber auch die macht sie nur, weil sie mich liebt.
»Susanne hat recht, eine Thera…«
»Hat sie nicht. Sie …«
»Unterbrich’ mich nicht!« Das kam wie ein Pistolenschuss. »Wir haben Regeln, halt dich dran!«
Das stimmt. Wir geben uns immer Mühe, einander ausreden zu lassen. Es fördert das gegenseitige Verstehen und den Respekt vor einander. Deswegen kann Biggy in so einer Situation daran denken, dass ich Schokomandeln mag. Und sie kann auf meine Reaktion eingehen.
»Susanne hat also nicht recht?«
Biggy fragt das allen Ernstes, es ist keine Ungeduld in ihrer Stimme, auch kein Vorwurf. Es verwirrt mich, aber es ist wohl die einzige Möglichkeit mich am Verstummen zu hindern.
»Susanne denkt, ich mache das, damit ich mich spüren kann. Borderliner, oder sonst was Abgedrehtes. Sie hat keine Ahnung, sie glaubt, ich hätte Todessehnsucht oder so’n Quatsch.«
Das Mädchen auf dem Rasen legt sich den Ball zurecht und geht zurück um Anlaufstrecke zu haben. Der gefoulte Vater meckert, er riskiert einen Platzverweis. Er steigt von einem Fuß auf den anderen, die Angst des Torwarts beim Elfmeter.
»Und was sollen wir glauben, wenn du erst eine Handbreit über dem Boden den Schirm öffnest?«
»Ich muss mich wehren, verdammt noch mal!«
»Gegen was denn?«
»Gegen mein Schicksal! Es versucht mich fertigzumachen!«
Biggy ist auch kein Übermensch, ich verstehe, dass sie sich jetzt ärgert.
»Das Schicksal, herrje«, sagt sie und rollt die Augäpfel gen Himmel. »Es schwebt da oben und hat Langeweile. Da entdeckt es den Marc und denkt: 'Oh, sieh an, der Marc. Na da hab' ich ja endlich jemanden zum fertigmachen!'«
»Nimm mich ernst! Die Regeln gelten auch für dich!«
»Entschuldige. Aber das klingt so paranoid, Marc.«
Das Mädchen nimmt Anlauf und schießt. Für ihr Alter hat sie einen erstaunlich harten Schuss. Der Ball prallt auf unsere Windschutzscheibe, der Vater entschuldigt sich per Handzeichen.
»Wie wär’s, wenn du mir einfach glauben würdest?«, sage ich. »Ich bin nicht blöd oder abgedreht oder so was. Du weißt genau, dass ich mit beiden Füßen auf der Erde stehe.«
»Beim U-Bahn-Surfen? Mensch Marc, komm zu dir! Erklär’s mir!«
Braveheart bellt, er liebt Bälle. Ich greife nach hinten und streichle ihn. Er hat den Fußball entdeckt und würde jetzt gerne den gegnerischen Angriff stören. Genau das habe ich auch vor, ich bin arg in der Defensive.
»Ich fühl’ mich besser danach«, sage ich. »Ich bin dann voller Adrenalin, unbesiegbar … unsterblich. Das Schicksal ist in solchen Momenten klein und jämmerlich, liegt am Boden und winselt. Ich stell’ ihm den Fuß in den Nacken und schrei’ es an: 'Du kriegst mich nicht, du Miststück!' Ich muss das tun, ich muss ihm beweisen, dass es sich an mir die Zähne ausbeißt. Das ist alles real, es tötet mich sonst.«
»Das ist unlogisch!«
Natürlich ist es das. Wenn Psyche logisch wäre, gäbe es keine Raucher. Und keine Brummifahrer, die einen laufenden Motor mit Potenz verwechseln. Ich erschrecke. Hatte ich eben den Gedanken, dass meine Probleme nichts mit dem Schicksal zu tun haben, sondern mit mir selbst?
»Es ist meine Strategie, um zu überleben. Und die funktioniert seit vielen Jahren. Schau mich an, da bin ich. Trotz der vielen Attacken.«
»Es ist eine Zwangshandlung, eine Krankheit. Geh’ zu einem Fachmann, lass dich behandeln.«
Na fein, ich habe also die Wahl zwischen Charakterschwäche und Krankheit. Ich weiß wirklich nicht, was mir lieber ist. Es schmerzt, dass sie mir nicht glaubt. Aber es schmerzt auch, dass ich ihren Wunsch nicht erfüllen kann.
»Verstehst du denn nicht! Das Schicksal und ich, wir sind Gegner. Es ist ein Kampf! Ganz archaisch, kein Schnickschnack, nur eine Regel: Der Verlierer stirbt!«
Biggy stützt die Stirn in die Hand, schüttelt hoffnungslos den Kopf. Vielleicht versteht sie mich wenn ich weiterrede.
»Ich hab gelernt mich zu wehren. Nach all den Jahren weiß ich, wie man das Schicksal aufhalten kann, ich kenne meine Waffen. Sie sind meine Lebensversicherung. Ich kann sie nicht wegwerfen zugunsten eines … eines akademischen Grünschnabels, der allenfalls weiß, dass Lehrsaalbänke hart sind. Was ich gelernt hab, in all den Schlachten, sichert mir mein Überleben, ich war da draußen. Denkst du wirklich man kann einen Kampf gewinnen, indem man auf der Couch liegt und einem Softie vorjammert, dass einen die Mutter zu früh abgestillt hat?«
»Du bist so verbittert, Marc!«
»Ich versuch meinen Kopf zu retten! Du weißt, dass ich für dich und das Kind alles tue, aber ich flehe dich an, das nicht einzuklagen. Ich würde draufgehen dabei, und ich würde es nicht aus Überzeugung machen, sondern aus Pflichtgefühl.«
»Wie wär’s mit: aus Liebe?«
»Setz’ nicht solche Waffen ein!«
Die Familie vor uns erstarrt plötzlich und schaut nach rechts in den Himmel. Gleichzeitig höre ich Motorenlärm und Rotorschlagen, ein Hubschrauber fegt über die Autobahn. Inmitten des Lärms hageln Fäuste auf mich nieder. Biggy schreit: »Ich rede von Liebe und du antwortest mit Waffen! Auf was für einem Trip bist du eigentlich? Alles kreist bei dir um Kämpfen und Waffen und Tod …«
Der Lärm verebbt, genau wie Biggys Wut. Nicht, dass sie keinen Grund mehr hätte wütend zu sein, nein, sie ist einfach erschöpft.
»Wo ist der liebevolle, zärtliche Marc geblieben?«
Es wird schlagartig dunkel, die Gewitterwolke schiebt sich über uns, als hätte der Helikopter sie heran geblasen.
Ich reiße die Tüte auf und stecke mir eine Mandel in den Mund. Es ist nicht nur der Geschmack, den ich liebe, es ist auch die Glätte der Glasur. Und die Art und Weise, wie sie sich auflöst.
»Mensch Biggy«, sage ich und nehme ihre Hand. »Ich bin doch auch nur Opfer. Glaubst du ich hab’s mir ausgesucht, der Lieblingsfeind vom Schicksal zu sein?«
»Wir gehören zusammen, Marc, wir schaffen das. Noch kannst du alles rückgängig machen. Marschallek ist kein Problem, den wickel ich um den Finger.«
Sie reicht mir ihr Handy.
»Ich spritze dir den Fuß schmerzfrei, morgen. Und unser Oberarzt macht dir einen Verband. Er hat schon Fußballprofis so getaped, dass sie mit gerissenen Bändern ein ganzes Spiel durchgehalten haben. Rufe Susanne an, sage ihr, du gehst in Therapie. Sie wird mit dir springen morgen, sie liebt dich.«
»Du denkst ich habe Wahnvorstellungen. Es schmerzt, dass du mir nicht glaubst. Ich bin nicht paranoid, ich bin der Prophet im eigenen Land! Geh’ doch mal eine Sekunde davon aus, dass ich die Wahrheit sage. Dass ich es tatsächlich weiß, dass das Schicksal es wirklich auf mich abgesehen hat!«
Sie schüttelt den Kopf.
»Das war mein letztes Angebot, Marc.«
Ich nehme eine weitere Mandel. Ich klemme sie zwischen Zunge und Gaumen, und erzeuge etwas Unterdruck, indem ich daran sauge. Nach wenigen Sekunden erwärmt sich die Kugel, die Oberfläche wird rau wie Sandpapier. Dann rissig, die Schokolade darunter wird teigig. Diesen Moment liebe ich, man kann ganze Platten des Zuckergusses auf dem weichen Untergrund verschieben, wie winzige Kontinentalschollen auf flüssiger Magma. Es ist der Moment, in dem sich die fest gefügte Struktur auflöst, und man in das süße Innere vordringt.
»Biggy, wenn ich zustimme … wenn ich … jetzt einwillige eine Therapie zu machen, dann steh’ ich nackt der Macht des Schicksals gegenüber. Glaub mir, es ist wie ein Raubtier, es schleicht da rum und lauert. Es riecht jede Schwäche. Es kennt kein Mitleid, und es hat keine Skrupel einem werdenden Vater an die Kehle zu springen. Wenn ich jetzt nachgebe, vergeht keine Stunde, und es wird etwas Schreckliches passieren.«
Biggys Körper strafft sich. In ihrem Gesicht sind harte Schatten. Es wirkt auf mich, als sei es aus Granit gemeißelt. Ich weiß, dass ich verloren habe.
Fast immer ist die Mandel in Ordnung, auf die man im Inneren stößt, aber manchmal beißt man darauf und sie ist bitter.
»Marc du bist verrückt. Du hast dich so in dir verfangen, dass ich es bin, die jetzt für unser Leben Entscheidungen fällen muss. Ich fordere es jetzt ein. Für unser Kind.«
Sie hat kein Druckmittel, nichts, mit dem sie mich zwingen kann. Sie hat mir das Leben gerettet. Gut, das war ihr Job. Dennoch, mit ihr ein Kind zu zeugen war gleichbedeutend mit einem Vertrauensversprechen. Ich kann mich nicht gegen Biggy entscheiden, ohne dieses Versprechen mit Füßen zu treten. Es ist eine einfache Wahrheit, ihr Glück ist mir wichtiger als meines.
»Vielleicht werde ich dich hassen.«
»Das ist der Einsatz, den ich riskieren muss. Unsere Tochter wirst du lieben.«
Das tue ich jetzt schon, wir hatten herrliche Momente. Ich lag mit dem Ohr auf Biggys Bauch, da spürte ich das Strampeln. Durch die Bauchdecke hindurch habe ich meiner Tochter ein Kinderlied vorgesungen:
'Kennst du die Geschichte, von dem Mord im Schloss,
wo das Blut in Strömen die Wände runterfloss?'
Biggy hielt wohl meinen warmen Bariton für nicht angebracht – statt den Kanon mitzusingen, schlug sie mir das Kissen ins Kreuz. Sie drohte damit, meine ganze Schokolade wegzuessen, sollte ich nicht auf der Stelle mit 'Hänschen klein' das verursachte Trauma heilen.
Der Vater vor mir küsst die Mutter. Das Mädchen liegt in seinen Armen. Dann wirbelt er sie herum, sie quietscht vor Vergnügen. Ich kann es kaum erwarten, meiner Tochter die Welt zu erklären.
Ich weiß, dass die traute Familienszene vor meinen Augen meine harte Schale auflöst wie die einer Schokobohne. Wer auch immer da draußen die Fäden zieht, bitte lass Biggy recht behalten!
»Okay«, sage ich langsam. »Therapie. Übermorgen.«
Es fühlt sich an, als spreche ich mein Todesurteil.
Etwas schlägt aufs Dach. Ein Tropfen klatscht auf die Scheibe, dann noch einer. Plötzlich ein Blitz, so grell, dass ich meine eigene Netzhaut sehe. Dann bin ich blind. Gleichzeitig der Donner, mächtig und ohrenbetäubend. Ich spüre ihn im Bauch, bevor ich ihn höre. Die Druckwelle prallt auf das Auto, wir schaukeln. Der Regen prasselt auf das Blech, die fetten Tropfen schlagen kleine Fontänen in die Höhe, die Motorhaube kocht. Alles explodiert, es ist der Zorn Gottes über meine Niederlage.
Es kommt kein zweiter Blitz, ich sammle die Schokomandeln von der Fußmatte auf und puste sie von Hundehaaren frei.
»Danke Marc«, sagt Biggy. »Aus Liebe?«
Hat sie noch nicht genug erreicht? Ich fühle mich, als stünde ich vor meiner Hinrichtung. Aber ich sage nichts – von jetzt an darf es keine Missstimmung geben zwischen uns, nicht eine Minute lang. Ich habe meine Rüstung abgelegt, biete dem Schicksal die blanke Kehle. Wenn es mich holt, will ich mit Biggy im Reinen sein.
Ich starte den Motor, mein verletzter Knöchel kann die Kupplung nicht halten. Der Wagen macht einen Satz, der Motor stirbt ab.
»Lass mich fahren«, sagt Biggy.
»Geht schon.«
»Hör auf zu kämpfen. Du hast Schmerzen, also hast du Schmerzen!«
Sie hat Recht, vielleicht ist das die erste Übung meine Hybris abzulegen. Wir versuchen, im Wagen die Plätze zu tauschen, doch ich bin zu unbeweglich mit dem kaputten Fuß, und ihr Bauch ist zu dick. Vor der Motorhaube treffen wir uns. Als wir den Kuss beenden, sind wir klatschnass. Die Haare kleben ihr am Kopf, und das Hemd pappt auf ihrem runden Bauch. Sie hat Schokolade auf den Lippen, sie ist so süß.
»Keine Angst Marc, alles wird gut. Ich beschütze dich. Solange ich lebe.«
Sag' das nicht! Einer der Lastwagen startet mit uns, Biggy tuckert hinter ihm her, auf dem Beschleunigungsstreifen. Wir fädeln in den laufenden Verkehr ein. Es ist dunkel jetzt, der Regen peitscht. Die Scheibenwischer quietschen, der Brummi schleudert seine Wasserschleppen auf uns, seine roten Rücklichter sind grell und blenden mich.
Da ist viel Blaulicht, einige hundert Meter voraus.
»Es ist auf der Gegenfahrbahn«, sagt Biggy. Sie schaltet den Verkehrsfunk ein.
Ich beuge mich nach unten, schnüre meinen Schuh auf, der Schmerz lässt etwas nach. Dann ein Gedankenblitz. Das Blaulicht, es steht nicht! Es fährt uns entgegen!
Ich habe ein Gespür für Gefahr, präzise, konkret, verlässlich. Doch diesmal warnt es mich zu spät.
»Fahren Sie äußerst rechts, überholen Sie nicht …«
Biggy gefriert. Hupengeheul. Lichtreflexe. Adrenalin. Ich komme hoch, der Schreck fühlt sich an, als würde meine Körpermitte durchsacken. Zeitlupe überall. Der Brummi schlendert nach links, gibt die Sicht frei, zwei Lichter erscheinen vor mir. Sie müssten rot sein, aber es sind Scheinwerfer. Rechts schrammt ein Wagen an der Leitplanke, langsam und erhaben wie ein Geisterschiff. Funken sprühen von den Reibflächen, zerplatzen und fächern sich auf, bevor sie erlöschen. Dann erst das Knirschen. Ein Schwall Glassplitter ergießt sich über den Asphalt. Wie eine Handvoll geworfenes Streusalz. Die weißen Lichter vor mir auf Kollisionskurs. Der Wagen nebenan schleudert herüber, die Flugphase, so träge als wäre er schwerelos. Er rammt uns längsseits, ich sehe den Kopf des Fahrers an das Fenster schlagen. Wir schaukeln, schlingern dann. Biggy zieht nach links, doch da ist auch einer, wir sind eingeklemmt. Die Scheibenwischer rubbeln ein Sichtfenster frei, durch die Schlieren; die Regentropfen, erstarrt im Lichtkegel. Ich fliege. Ganz sachte fängt der Gurt mich auf, mein Kopf wird unnatürlich schwer. Biggy mit beiden Füßen auf der Bremse. Stille. Braveheart schwebt an mir vorbei. Der Linke weicht aus, meistert den Lastwagen, doch das dauert lange, das dauert alles zu lange. Jetzt wäre links Platz. Aber er ist da, der Geisterfahrer ist da, wird größer … noch größer … unsere Motorhauben berühren sich, legen sich in Falten, Lacksplitter trudeln mir entgegen, es knirscht, ein weißes Kissen quillt auf, langsam wie eine Blüte, Old Charly du Dreckstück, danke für deine Liebe Biggy.
Es regnet.
Knapp über dem Boden fallen die Tropfen ins Scheinwerferlicht, blitzen kurz auf und zerplatzen auf der Straße. Sie formen kleine Kronen aus Wasser beim Aufprall, so viele, dass der Belag zu leben scheint. Es drückt und kratzt am rechten Wangenknochen, manche der Wasserkronen springen mir ins Auge, das brennt, trotz der Kälte. Vielleicht, dass es Benzin ist, es stinkt fürchterlich danach. Über mir meine Beine, das linke am Rand der Sitzlehne, das rechte emporgereckt, der Fuß eingeklemmt zwischen Chassis und Tür. Ich lieg’ hier rum, fauler Kerl, ich muss doch zu Biggy, wir wollen heute einen Namen für das Baby aussuchen.
»Kannst du mir mal hoch helfen, Biggy, ich muss vom Sofa gerutscht sein.«
Warum kommt sie nicht?
»Biggy?«
Sie ist hier, da liegt doch ihre Hand. Ich drehe den Fuß um ihn zu befreien, da knickt das Bein im Oberschenkel ab. Das Knie fällt mir auf die Brust, ein weißer, scharfkantiger Knochendorn zielt plötzlich auf meine Augen. Ein dünner Strahl pulsiert aus dem zerfetzten Fleisch, eine rhythmische Fontäne, sie sprüht Blut in meinen Mund. Der Geschmack von warmem Eisen. Wenn ich es schlucke, kann ich mein Verbluten dann aufhalten? Zudrücken wäre ’ne gute Idee, aber der linke Arm ist eiskalt und tot, und auf der rechten Hand steht das Auto. Mein Kopf fällt zur Seite, der Blutstrahl kitzelt im Ohr. Das verbeulte Türblech deckt den Himmel ab, da sind nur der Asphalt und stehende Wellen in flachen Bächen. Sie fließen zum Straßenrand, verschwinden im Gras des Randstreifens, die Leitplanke reflektiert blaue Lichtblitze durch die Nacht.
Plötzlich ein Stiefel, er tritt in den Wasserlauf, stört die gleichmäßige Strömung, eine Miniwelle baut sich am Absatz auf. Der Fuß verschwindet nach oben, lässt einige Tropfen fallen, nachfließendes Wasser überspült den gestörten Fleck und stellt die ruhige Strömung wieder her. Dann noch ein Stiefel und noch einer. Hinter meinem Kopf kratzt Metall auf dem Asphalt, sie haben eine Trage abgestellt. Oh mein Gott! Neeeiiiin! Bitte nicht sterben, bitte nicht jetzt!
Es ist vollkommen still, kein Regenprasseln, keine Sirenen mehr. Ich fühle mich leicht, wie masselos. Der Regen fällt durch mich hindurch, es ist warm und trocken. Ich schaue nach unten, sehe einen zerknüllten Blechhaufen. Der Motorraum ist verschwunden, die Fahrgastzelle flach gedrückt. Das Dach ist aufgerissen, die verbogenen Säulen ragen wie Dornen aus dem Stahlknäuel. Ein schlaffer Sack hängt vorne heraus, da wo die Frontscheibe sein sollte, der Airbag. Immer wieder blitzt er blau auf. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Richtig, es müssten zwei sein, müssten es nicht zwei sein?
Ich schwebe. Ich kann mich frei im Raum bewegen, gesteuert nur durch meinen Willen. Das ist nicht ungewöhnlich, ich erinnere mich aber, dass dies früher anders war. Ich steige höher, kann jetzt die gesamte Unfallstelle überblicken.
Da ist ein weiteres Wrack, die Vorderachse herausgezogen wie ein Hähnchenknochen aus dem Schlegel. Schläuche quellen aus dem Motorraum, die Haare der Medusa. Ein Scheinwerfer an einem Kabel, er hängt heraus wie ein Auge am Sehnerv. Polster und Straße, alles ist voller Glassplitter, sie funkeln wie Diamanten. Benzinschlieren treiben mit dem Wasser über den Asphalt, werden von Regentropfen zerschossen.
Ich sehe drei Rettungswagen, da sind schwarze, große Ziffern auf dem Dach. Die Wagen stehen im Halbkreis, die Hecktüren offen, das Innere grell beleuchtet.
Hinter ihnen beugen sich Leute über eine Trage. Sie haben rote Leuchtjacken an. Zwei von ihnen knien im Wasser, einer steht aufrecht, er hält eine Infusionsflasche in die Höhe. Von ihr führt ein Schlauch in den Arm einer Person auf der Trage.
Diese Person bin ich.
Die Leute heben die Trage an und schieben sie in den mittleren Rettungswagen. Zwei Hände greifen von innen an die Türflügel und ziehen sie zu.
Es ist nicht wirklich interessant, was sich unter mir abspielt. Ich drehe mich um. Es gibt wenige Stellen im Universum, an denen man richtige Dunkelheit erleben kann. Hier ist nichts los, ich habe Zeit nachzudenken. Das menschliche Auge sieht eine Streichholzflamme auf zweitausend Kilometer. Will man Dunkelheit, muss man sie künstlich erzeugen. Das ist nicht einfach, selbst in einem zugemauerten Raum gibt es Spuren fluoreszierender Moleküle in den Steinen. Dunkelheit ist von der Natur nicht vorgesehen. Wie soll sie auch, wenn ihr das Universum Billionen von Sonnen entgegensetzt.
Was ich jetzt erlebe, ist wahrhaftige Dunkelheit. Sie ist allumfassend, nicht allein optischer Natur. Es ist einfach das Fehlen von allem. Von der Last des Sehens befreit kann ich mich besser spüren. Es ist warm hier. Ich fühle keine Kraft, bin schwerelos. Ich empfinde Neugier, habe jedoch kein Objekt, an dem ich sie festmachen kann.
Ein Licht! Ganz klein, weit entfernt. Ich schwebe darauf zu, es wird größer. Ich spüre Beschleunigung, während es wächst. Es ist von vollendeter Farbe, kräftig leuchtend, kein Maler könnte diese Perfektion erreichen. Ich rase ihm entgegen, der Lebenszug verlässt den Tunnel.
