Die Wiege der Schuld - Allan MacAllister - E-Book

Die Wiege der Schuld E-Book

Allan MacAllister

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Beschreibung

Der Tod ist nichts Außergewöhnliches. Er ist nur früher oder später. Ein Unfall, Marc ist schwer verletzt. In seinem Körper werden ausgeheilte Knochenbrüche entdeckt. Sie stammen von einer absolut tödlichen Verletzung. Doch Marc lebt – das Knochengewebe der Frakturheilung allerdings, ist älter als er selbst. Dann verschwinden die Röntgenbilder. Noch bevor er genesen ist, muss Marc sich auf den Weg machen, das Rätsel zu lösen. Immer tiefer dringt er in Geheimnisse ein, die den gesamten westlichen Kulturkreis aus den Angeln heben können. Die Spur führt in die schroffe Wildnis der schottischen Highlands. Schließlich steht Marc vor einem Grab, auf dem Grabstein steht – sein Name.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Allan MacAllister
Die
Wiege
der
Schuld
Thriller
Ein Unfall, Marc ist schwer verletzt. In seinem Körper werden ausgeheilte Knochenbrüche entdeckt. Sie stammen von einer absolut tödlichen Verletzung. Doch Marc lebt – das Knochengewebe der Frakturheilung allerdings, ist älter als er selbst. Dann verschwinden die Röntgenbilder. Noch bevor er genesen ist, muss Marc sich auf den Weg machen, das Rätsel zu lösen. Immer tiefer dringt er in Geheimnisse ein, die den gesamten westlichen Kulturkreis aus den Angeln heben können. Die Spur führt in die schroffe Wildnis der schottischen Highlands. Schließlich steht Marc vor einem Grab, auf dem Grabstein steht – sein Name. Dann wird ein Mordanschlag auf ihn verübt.

Der Tod ist nichts Außergewöhnliches.

Er ist nur früher oder später.

1. Kapitel

Ich bin nicht angeschnallt, ich schnalle mich nie an.

Das Flugzeug legt sich in die Kurve, als wolle es mich aus der offenen Luke kippen. Ich sitze am Ausstieg einer Dornier Do 27, auf dem Bo­denblech, das rechte Bein pendelt im Freien. Die Kurve wird steiler, die Schräglage größer. Links schwingt die Kabine hoch, legt sich über mich, rechts taucht die Tragfläche unter den Horizont und zeigt wie Gottes Finger zur Erde. Der Himmel verschwindet, an seine Stelle schiebt sich ein Wald. Zwischen mir und den Bäumen ist nichts weiter als ein paar Sekunden freier Fall.

Ich nehme den Blick von den kreisenden Tannen und schaue auf den Höhenmesser am Handgelenk. Fünfzehnhundert. Knapp sechs Minuten noch.

Da ist eine Berührung am linken Knie. Sie ist angenehm, sanft, ein absichtlicher Kontakt. Susanne sitzt mir gegen­über, den Rücken mit dem Fallschirm an die Kabinenwand gelehnt, die Beine ausgestreckt. Ihr Fuß streichelt mich, sie tut, als bemerke sie es nicht, als hätte ihr Turnschuh ein zärt­liches Eigenleben. Ihre Finger trommeln einen Rhyth­mus auf den Blechboden, ihr Kopf wippt im Takt zur Mu­sik. Ihre Au­gen glänzen, mit ihren Blicken taxiert sie mei­nen Körper. Ich schaue ihr ins Gesicht, da fährt sie mit der Zunge über ihre Oberlippe, als würde sie köstliche Schoko­lade ablecken.

Ich greife nach ihrem Bein, hebe es an und lege es zur Sei­te. Sie zieht ein Schmollgesicht, dann zuckt sie mit den Schultern.

Die Kabine ist geräumig, wir fliegen nur zu fünft. Der Ab­setzer liegt ausgestreckt auf dem Rücken und hält die Hände im Nacken verschränkt. Zwei Kameramänner sitzen neben mir. Einer ist kaum zwanzig, er hat einen Flaumbart und starrt Susanne mit offenem Mund an. Ich erwarte, dass gleich der Geifer von seinen Lippen tropft.

Der Pilot zieht die Kurve noch enger, der Türholm drückt jetzt hart gegen meine Rippen. Die Fliehkraft presst das linke Bein auf den Kabinenboden, Propellerböen treffen das Rech­te und schlagen es gegen die Außenhaut. Der Overall flattert im Fahrtwind und trommelt gegen Wade und Schienbein. Ich stemme mich hoch, rücke ein Stück weiter nach außen. Mein Bein hat nun mehr Freiraum, poltert nicht weiter ge­gen die Rumpfwand.

Der Pilot scheint Susanne imponieren zu wollen, er kreist mit extremer Schräglage, zwingt das Flugzeug in ei­nen Thermikschlauch. Der schenkt uns zwei weitere Hö­henmeter pro Sekunde, lässt jedoch die Maschine bocken und hüp­fen. Zu der G‑Beschleunigung, die mich sicher in das Flugzeug drückt, kommen jetzt Querkräfte, die mich schütteln und Richtung Ausstieg schieben. Es knackt in den Ohren, ich gähne um den Druckausgleich zu machen.

Susanne streckt mir die Zunge heraus. Sie ist recht albern heute. Oder es ist der Höhenrausch. Ihre Frechheit amü­siert mich, ich muss lächeln. Der knabenhafte Kameramann starrt ihr auf den Busen, das Gurtzeug strafft den Overall an expo­nierter Stelle.

Die Kameraspringer fliegen mit, um die Bildanlage zu tes­ten. Morgen werden die Sprünge nach unten auf eine Groß­leinwand übertragen. Für die Zuschauer und die Jury. Ich glaube wir werden gewinnen. Ich glaube immer, dass ich ge­winne. Ich weiß es sogar – würde ich nicht immer ge­winnen, wäre ich tot.

Vier Minuten.

Für einen Moment schwingen unsere Beine hoch, der Flug wird ruppiger, die Gangart härter. In einer Do 27 ist es un­möglich, etwas anderes zu hören als Motorenlärm und das Windpfeifen, und so versuche ich am Takt von Su­sannes Finger das Lied zu erkennen. Jetzt scheint das Schlagzeug einzusetzen, Susanne haut mit beiden Armen auf unsichtba­re Trommeln ein. Ich stupse mit dem Fuß nach ihr und deute mit der Hand eine Ohrmuschel an.

Sie lächelt und ahmt mit den Armen die Bewegung von Kuppelstangen an Dampflockrädern nach. Ich verstehe nicht, bin aber überrascht, dass sie sich nicht für die eben er­teilte Abfuhr rächt und mit dem Stinkefinger antwortet.

Ich zeige auf meine Ohren, tippe gegen den Helm. Su­sanne greift in die Brusttasche ihres Overalls und schaltet am Steuergerät des Helmfunks die Musik auf meine Laut­sprecher. Urplötzlich klingt ein kerniger Gitarrenlauf in meinen Ohren, kraftvoll und markant. Solider, handgefer­tigter Rock aus den Siebzigern. Eine Sekunde später singt Ian Anderson vom Gestampfe einer Lokomotive. Susanne liebt Hardrock im freien Fall, er versetzt sie in Hochstim­mung. Ich drehe das Mikrofon vor den Mund.

»Locomotive Breath«, sage ich. »War vor meiner Zeit. Aber ich kenn’s von einigen Schulfeten.«

Wieder schleudern die Beine hoch, Susanne nutzt die Ge­legenheit und platziert ihren Fuß an der Innenseite meines Oberschenkels. Ich will ihr Bein wegschieben, doch sie spannt die Muskeln und hält dagegen. Um meinen Protest zu ersticken, redet sie. »Guter Text, nicht?«

»Hab nie zugehört, ich musste rumknutschen.«

Für einen Augenblick verengt sie Ihre Augen zu Schlit­zen und stößt mit dem Fuß nach meiner Hand.

»Er behauptet, das Schicksal sei der große Bestimmer.«

»Das Schicksal von Dampfloks ist mir egal.«

»Eine Metapher, Mann!« Ihre Stimme klingt blechern, die winzigen Lautsprecher verzerren ihren belehrenden Unter­ton.

»Das Leben verläuft wie auf Schienen«, sagt sie. »Das heißt, du kannst nicht selbst bestimmen, wo es lang geht.«

Der Texter scheint sich in meinem Leben auszukennen. Ich beuge mich aus der Luke und schaue nach unten. Der Wald dreht sich im Kreis. Ich fixiere den Mittelpunkt. Fällt man aus einem Flugzeug, ist der Weg auch ziemlich exakt vorgezeichnet.

Susannes Fuß liebkost wieder mein Bein. Sie arbeitet sich langsam nach oben. Sollte uns noch eine Bö erwischen, wird sie es nicht beim Oberschenkel belassen. Sie lächelt frech und schielt nach dem Flaumbärtigen. Er starrt noch immer, da verstärkt sie den Druck und streichelt offen­sichtlicher.

'Old Charly stole the handle …', krächzt aus den Lautspre­chern.

»Old Charly?«, frage ich. »Wer ist Old Charly?«

»Der Teufel, das Schicksal, der Tod.«

»Ach der.«

Susanne macht eine Handbewegung als würde sie eine Handbremse anziehen. »Er hat den Bremshebel geklaut. Wegen des Teufels wur­de der Mensch aus dem Paradies verjagt. Seit damals müssen wir sterben, können unseren Le­benszug nicht anhalten.«

»Ich bin nicht sehr bibelfest.«

»Es gilt auch für Ungläubige«, sagt sie.

Ich deute auf den Griff der Reißleine meines Fallschirms.

»Aber ich hab meine Bremse.«

»Nur wenn du sie benutzt!«

Susanne zuckt zusammen. Sie zieht ihre Beine an die Brust, ballt eine Faust und schlägt sich aufs Knie.

»Mist! Tut mir Leid Marc, ich wollte nicht davon anfan­gen.«

»Schon gut, ich hab’s im …«

Ich starre auf den Abzugsgriff meines Fallschirms.

»… im Griff«, sage ich leise.

Susanne umklammert ihre Schienbeine und legt das Kinn auf die Knie. Sie schaut mir in die Augen, aber es ist kein Flirt mehr. Sie fixiert mich, sie schätzt den Gegner ab. Das Flugzeug richtet sich auf, draußen schwingt die Erde zurück in die Waagerechte. Die Maschine durchstößt die Randwirbel der Thermik, es rüttelt heftig, und mein Bein knallt wieder gegen das Außenblech. Ich lasse es gewäh­ren.

Susanne saugt die Unterlippe zwischen die Zähne, ich er­warte einen Angriff. Doch sie schaut auf und sieht nach den anderen Passagieren. Der Busenstarrer poliert mit dem Är­mel den Helm in seinem Schoß, sein Kollege pustet Staub von der Linse der Helmkamera. Der Absetzer unter­hält sich via Bordanlage mit dem Piloten.

»Du hast keinen Termin gemacht«, sagt sie und nickt lang­sam.

»Ich brauch’ keine Therapie.«

Ich wappne mich, wenn Susanne die Wahl hat zwischen Frieden und Wahrheit, wählt sie Krieg.

»Es ist deine einzige Chance!«

»Unsinn!«

Susanne lässt die Knie zur Seite fallen, sitzt nun im Schneidersitz. Ihr weißer Sprunganzug spannt an den Schenkeln. Das aufgedruckte Motiv zieht sich über den ge­samten Körper, es ist ein Spinnennetz. Mit einer Spinne, die lauert ihr im Schritt. Flaumbart starrt wieder, aber nicht auf den Busen.

»Du wirst immer verrückter«, sagt sie. »Du riskierst von Mal zu Mal mehr.«

»Lass mir meine Art zu kämpfen, sie bewährt sich seit Jahren. Eine Therapie macht mich wehrlos.«

»Mit Kämpfen erreichst du gar nichts.«

»Immerhin lebe ich noch!«

Susanne wirft den Kopf herum und starrt aus der Luke.

»Wenn das Schicksal aufhört mich zu verprügeln, dann hör’ ich auf ihm zu beweisen, dass ich stärker bin.«

Es ist nicht das, was sie hören wollte, und ich kann sie ver­stehen. Sie hat Angst, ich weiß, was sie durchmacht. Sie schließt die Augen und kneift die Lippen zusammen. Ihr Helm schiebt die Wangen nach unten, aber unter der Haut sehe ich die Kaumuskeln arbeiten.

»Ich könnte dich zwingen in Behandlung zu gehen.«

»Du willst mich erpressen?«

Sie zieht ihr Gurtzeug enger. An ihrem Blick erkenne ich, dass sie um eine Entscheidung ringt.

»Ja«, sagt sie. Und dann, leiser: »Wenn es sein muss.«

»Wem gehört denn mein Leben, dir etwa?«

»Ich liebe dich und das weißt du! Ich ertrage es nicht, dich sterben zu sehen!«

»Wer redet vom Sterben?«

»Ich. Weil du es darauf anlegst.«

»Ich will überleben damit mein Kind einen Vater hat!«

»Indem du den Fallschirm nicht öffnest?«

»Wenn das Schicksal so dumm ist sich mir in den Weg zu stellen, dann muss es eben meine Konter einstecken.«

»Was redest du für einen Unsinn!«

Das Flugzeug verlässt den Steigflug, für einen Augen­blick verlieren wir unser Gewicht. Der gesamte Körper schwebt, aber im Magen merkt man es am deutlichsten. Als berühre man mit einer Feder eine fast verheilte Wun­de. Ich werde wohl nie herausfinden, ob es ein Schmerz oder ein Kitzel ist.

Der Lärm wird geringer, die Maschine vibriert kraftloser, der Fahrtwind dringt weniger aufdringlich in die Kabine.

Der Pilot hat Gas rausgenommen. Susanne schaut auf den Hö­henmesser, steht auf und kniet sich neben mich. Die Ka­meramänner zurren die Kinnriemen fest, schalten die Bild­sender ein und justieren sich gegenseitig die Optik am Helm. Su­sanne legt die Hand auf meine Schulter, knufft mich in die Seite. »Frieden Marc?«

Es war nicht mal ein Scharmützel.

»Bitte Frieden!«

»Erpressen, womit?«

Susanne rollt die Augen nach oben und tut, als würde sie überlegen. Dann lächelt sie ihr schelmisches Lächeln und zwinkert mir zu. »Ich sage deiner Frau, dass wir ein Ver­hältnis haben.«

Ich fasse sie am Kinn und ziehe ihr Gesicht heran. Ihre Lippen sind ganz nah vor meinen.

»Wir haben aber kein Verhältnis.«

Sie zieht die Stirn kraus, ich kann es gerade noch am Helmrand sehen.

»Stimmt leider«, sagt sie und senkt den Blick. »Komm, springen wir. Generalprobe.«

Susanne nickt mir zu. Der Pilot hinter mir muss ihr das Zeichen gegeben haben. Sie greift zum Helmfunk und schal­tet zur Bodenstation. Der Absetzer steigt über mich, klettert hinaus. Er stellt sich auf das Rad und hält sich an der Fahr­werkstrebe fest. Sein Overall flattert als stünde er in einem Tornado.

»Musik ab«, ruft Susanne ins Mikro. In meinem Helm knackt es, dann höre ich den Countdown. Bei Null lasse ich mich zur Seite kippen, drehe mich auf den Bauch und falle aus der Maschine.

Der erste Eindruck ist immer die Stille. Dann der Aufprall auf den Fahrtwind, man wird brutal zurückgerissen. Das Be­schleunigungsgefühl im Magen, zwei, drei Sekunden. Da­nach ist es, als läge man auf einem Luftkissen.

In X‑stabil-Lage warte ich auf Susanne. Ich stürze jetzt fünfzig Meter pro Sekunde. Die Wangen flattern wie Fah­nen, und der Staudruck presst mir eisige Luft durch die Nase. Es rauscht und pfeift jetzt, etwas näher am Ohr kräch­zen die ersten Takte der Begleitmusik aus den Helm­lautsprechern.

Susanne schießt von oben heran, kopfüber um aufzuho­len. Knapp über mir hebt sie die Arme, winkelt die Beine an. Sie packt mich an den Ärmeln, und gemeinsam fallen wir, wie zwei Krebse, die sich gegenseitig an den Zangen halten.

Ein Takt noch, ein Ruck am rechten Arm, das Startsignal. Ich ziehe Susanne an mich, umfasse ihre Taille, Susanne schlingt ihre Beine um meine Lenden. Der Fahrtwind rich­tet uns auf. Wir stürzen mit den Füßen voran, beschleuni­gen, sind wieder schwerelos. Ich lege die Hand zwischen ihre Brüste, umschlinge mit dem freien Arm ihr Becken und presse die Spinne an mich.

»Ich liebe diese Kür!«, schreit sie und lacht.

Während sie dies spricht fallen wir vierzig Meter.

»Drei – vier!«, rufe ich.

Susanne wirft die Arme hoch, beugt den Oberkörper nach hinten. Ich kippe auf den Rücken, wir überschlagen uns, langsam, ganz wie die Musik das Tempo vorgibt. Himmel und Erde rotieren, schieben sich abwechselnd über die Stirn in mein Gesichtsfeld. Der Rhythmus wird schneller, ich drü­cke fester auf Susannes Brust. Keine Zärt­lichkeit, sondern Akrobatik, ich helfe ihr, sich weiter nach hinten durchzubie­gen. Sofort wird die Rotation rasanter, passt sich der Musik an. Das Rauschen schwillt in Schüben an, der Fahrtwind pulsiert im Gleichmaß der Drehung.

Wir lösen die Figur, das Luftkissen drückt in den Bauch. Wir fassen uns an den Händen, strecken die Beine, syn­chron wie Spiegelbilder. Der Fahrtwind greift an den Bei­nen an, die Köpfe tauchen nach unten, die gespannten Kör­per schwingen empor wie ein Adlerflügelpaar. Sie treffen zu­sammen, wir fallen Rücken an Rücken, die Arme abge­winkelt, im Flugbild wie ein herabstürzender Falke. Ich öffne die linke Hand, der Wind greift hinein, der Falke beginnt sich zu drehen, stößt in einer Spirale auf seine Beute hinun­ter.

Zweitausend Meter.

Wir verhaken die Beine, legen uns flach auf die Luft, fal­len rücklings in einer Pirouette wie ein Ahornsamen. Zwei Drehungen, lösen, Wendung, X-stabil, halbe Drehung.

Dann der zärtliche Mittelpart. Die Choreographie des Fal­les ersetzt den Höhenmesser. Gespielter Kuss, zweihun­dert Meter. Umarmung, Schmachtpose, Verstoßen, Einfan­gen. Die Kür erotisch anzulegen war ihre Idee. Wessen sonst.

Zwölfhundert.

Die Musik wird wilder, strebt einem furiosen Finale ent­gegen. Der Tanz wird frivoler, die Bewegungen eindeuti­ger. Susanne spreizt die Beine, ich tauche hindurch. Sie fängt mich ein, dreht mich auf den Rücken, kommt auf mir zu sit­zen. Die zwei Stöße mit den Lenden gehören nicht zur Übung. Kopf zurückwerfen, Arme hoch, Salto. Schluss­akkord.

Neunhundert.

Die Kameramänner ziehen, plötzlich sind sie weg.

»Damit gewinnen wir!«, schreit Susanne und zeigt mit dem Daumen nach oben. Sie stößt sich von mir ab, fasst den gelben Griff und zieht daran. Sie wird nach oben weg­gerissen.

Ich aber bin ein Merlin im Angriff, ein genialer Flieger, der perfekte Jäger. Das Fieber rast durch mich wie eine Stichflam­me, die Geschwindigkeit saugt an mir. Es ist ein Druck von in­nen, Trotz und Euphorie, sie suchen ein Ven­til. Ich brauche mehr Speed, der Rausch verlangt nach Fut­ter. Ich lege die Arme an, gehe in den Sturzflug. Die Be­schleunigung treibt mich in Raserei, Ekstase bodenlos.

Der Zeiger zittert, rast über die Achthundert.

»Old Chaaaarly!«, schreie ich. »Na wer kriegt hier wen an den Eiern!«

Siebzig Meter pro Sekunde.

Es soll nie aufhören.

Sieben-Fünfzig.

Eine Sekunde noch.

»Cool Marc, warte«, schreit das Männchen auf der rech­ten Schulter.

Noch eine.

Sechshundert Meter, roter Bereich.

Der Zielkreis explodiert. Schaulustige. Zeigen herauf.

Fünfhundert.

Susanne, weit oben: »Kein Scheiß heute, Marc. Zieh end­lich!«

»Old Charly stole the handle …«

Vierhundert Meter.

Adrenalin! Hallo Freund!

»Geeeil!«, schreie ich. Meine Hände springen zur Reißlei­ne. Der Bremsruck, zu sanft. Mein Körper rüttelt, irgend et­was knattert laut.

Dreihundert.

»Fahne Marc!«, schreit Susanne. »Abwerfen!«

Zuviel Fahrtwind. Nicht gut, garnicht gut.

Blick nach oben. Die Kappe. Ein wilder Fetzen.

»Netter Versuch, du Miststück!«

Meine Hände schnappen zu den Schultern. Verschlüsse springen auf. Beschleunigung. Die Fahne fällt nach oben.

Hundert noch.

Die Reserve. Der Griff. Ich ziehe.

Der Bremsruck, einen Wimpernschlag vor dem Aufprall.

Schmerzen? Keine.

Die Kappe legt sich über mich wie ein Leichentuch.

Ich war sieben, da wurde mein Großvater redselig. Beim Mi­litär war er zuständig für die Untersuchung von Flugun­fällen. Er behauptete, der Tod sei leichter zu ertragen, wenn man ihm mit Humor begegnet. Oder mit Sarkasmus. Ich verstand nicht, was er meinte. Er lächelte milde, nahm mich an der Hand und versuchte es mit kindgerechten Beispielen: Er nannte abgestürzte Fallschirmspringer Kno­chensäcke.

Der Ausdruck ist passend, das muss ich heute zugeben. Ich habe bei einem Bestatter gejobbt und einige Suizidopfer aufgelesen. Hochhäuser, eine Brücke war auch dabei. Egal, aus welcher Höhe sie fallen, sie sind äußerlich vollkommen intakt. Das Blut in den Krimis ist für die Zuschauer, in echt ist dieser Tod eine trockene Angelegenheit. Selbst Knochenbrüche sieht man nur, wenn die Opfer auf eine Kante fallen, oder in ei­nen Einkaufswagen. Wenn man sie allerdings im Genick packt und auf die Beine stellt, dann loslässt, fallen sie in sich zu­sammen. Hat Großvater erzählt. Und wenn man sie auf­schneidet, findet man kein festes Stück mehr, das grö­ßer ist als ein Bleistiftstummel.

Ist es der Schirm oder haben sie schon das Leinen über mein Gesicht gezogen? Ich springe auf und wühle mich unter der Fallschirm­kappe hervor. Den Helm reiße ich herunter und knalle ihn auf den Boden. Ich schreie und tobe und drohe mit den Fäusten gen Himmel. »Noch nicht, du Dreckskerl, noch nicht!«

Meine Stimme springt über die Oktaven, die Worte ver­schwimmen und münden in ein Triumphgeheul. Ich renne los, stolpere in den Leinen, springe erneut auf. Ich werfe mich auf die Knie, schlittere ein Stück, schleudere die Arme zur Siegerpose empor. Ich gröle eine Textzeile, schreie dem Tod meine Verachtung ins Gesicht. »'And the all-time win­ner, has got him by the balls' … Von wegen Ge­winner!« Wie­der versagen meine Stimmbänder. Meine Muskeln versagen auch.

Ich falle auf den Rücken und schnappe nach Luft. Susan­ne schwebt über mir. Sie kreist in einer Steilspirale, um mög­lichst schnell Höhe zu vernichten.

Plötzlich ist mein Border Collie da. Er springt über mich, tänzelt und fiept, und seine heiße Zunge klatscht mir auf den Mund. Ich wehre ihn halbherzig ab, ziehe ihn dann an mich und umarme ihn. »Wir haben dem Tod ans Bein ge­pinkelt, was Braveheart?«

Susanne schießt heran. Es pfeift und rauscht, sie bremst den Fall nicht, passt nur den Gleitwinkel an, um parallel zum Boden zu gleiten. Noch im Rennen wirft sie den Schirm ab, stürmt auf mich zu. Ich löse mich von meinem erschlaff­ten Tuch und gehe ihr entgegen. Komisch, mein Fuß will nicht richtig. Braveheart umtanzt mich und springt an mir hoch.

Ich erwarte Susanne mit geöffneten Armen, ich bin der Held, habe den Tod besiegt und will jetzt die Jungfrau zur Belohnung.

Susannes Faust kommt so schnell und hart, dass ich zu Boden gehe. Was mir da ins Auge rinnt, muss Blut sein.

»Du bringst dich um, du Arschloch, kapier’ das endlich!«

Sie zerrt an meinem Arm, schlägt auf den Höhenmes­ser.

»Achthundert Meter, Mann! Wie viel waren’s heute? Vier­hundert? Dreihundert?«

Das ist ungerecht, ich deute in den Himmel.

»Ich hatte ’nen Versager!«

Susanne stößt meinen Arm weg und stapft ein paar Schrit­te davon. Dann hält sie inne. Sie nimmt den Helm ab und legt ihn sich in die Armbeuge. Sie wendet sich mir zu, ihre Stimme ist ruhig und gefasst. Was sie sagt, klingt end­gültig.

»Du machst diese Therapie, oder ich sorge dafür, dass du deine Sprunglizenz verlierst.«

»Spinnst du?«

»Und deinen Flugschein. Therapie. Jetzt! Sofort!«

»Red’ kein Unsinn, Skippy. Ich hab ’ne Flugschule!«

Ich rapple mich auf die Knie. Susanne schmettert den Helm neben mich, packt mich an der Brust und dreht ihre Fäuste in meinen Overall. Sie zieht mich hoch. Ich helfe ihr ein bisschen, ein ungewollter Reflex. Mein Gesicht steht vor ihrem. Ihr Atem riecht nach Kaffee, an der geplatzten Au­genbraue spüre ich ihn auch.

»Hör zu Marc, du bist aus medizinischer Sicht nicht flug­tauglich. Das LBA interessiert sich brennend für Fluglehrer mit Todessehnsucht. Du machst diese Therapie oder ich zei­ge dich persönlich an. Und – wir sehen uns nie wieder.«

Biggy rennt zu mir, plötzlich ist alles gut.

Susanne haut die Fäuste gegen meine Brust, so, als wolle sie ihre Drohung in mich rein hämmern. Ich spüre es kaum.

Biggy ist in der zweiunddreißigsten Woche, sie rennt nicht mehr allzu schnell. Sie hält die Hände schützend um ihren runden Bauch gelegt. Ich fühle unsagbares Glück.

Susanne wendet sich ab, doch Biggy erwischt sie am Arm und wirbelt sie herum.

»Ich will wissen was los ist!«, schreit sie. »Marc kommt fast um, und du schlägst ihn nieder!«

»Dein Mann tickt nicht mehr richtig, Biggy.«

Ich habe das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss. Dieses Gefühl spüre ich oft, auch wenn ich im Recht bin. Ich schaue Susanne in die Augen, sie tränen. Natürlich vor Wut.

»Ich lebe seit zweiunddreißig Jahren mit mir«, sage ich. »Du kennst mich gerade mal zwei. Glaubst du wirklich, du weißt über mein Leben besser Bescheid als ich?«

Susanne hat die Außensicht auf mich, schon klar. Nur der Fisch weiß nicht was Wasser ist. Dennoch …

»Es geht nicht um Therapie oder nicht Therapie«, sage ich. »Wenn ich meine Strategie ändere, dann bin ich tot. Und das innerhalb von drei Tagen.«

Biggy beißt sich auf die Lippen. Das tut sie immer wenn sie eine schmerzhafte Tatsache akzeptieren muss und nicht handeln darf.

Susanne legt die Hände um ihren Hals und schüttelt sie.

»Siehst du denn nicht, dass der verrückt ist?«

»Er kriegt das in den Griff!«, schreit Biggy. »Auf seine Wei­se.«

Es tut unendlich gut, dass Biggy zu mir steht. Ich nehme den Rucksack von ihren Schultern und fingere meine Brief­tasche heraus. Die Sprunglizenz und auch meinen Flugschein, ich zerreiße sie. Susanne will mir ihre Hand nicht geben, doch ich drücke ihr die Fetzen hinein.

»Scheiß’ auf das Luftfahrt-Bundesamt«, sage ich. »Ich kann auch von Türmen springen.«

2. Kapitel

Das Adrenalin in meinem Körper verflüchtigt sich. Im sel­ben Maß wie die Euphorie nachlässt, werden die Schmer­zen fühlbar. Es sind mehrere Inseln, sie tauchen aus den Tiefen meines Körpers empor, treten an die Oberfläche. Wie Mee­resgrund, der hochgehoben wird und die Wasser­fläche durchstößt. Eine ist an der linken Schulter, sie fühlt sich breit an und niedrig, wie ein abgeschliffenes Atoll in der Südsee. Um sie kümmere ich mich nicht, ich weiß, sie wird innerhalb weniger Tage von der Bewegung zerrieben und wegge­spült. Dann sind da noch ein paar andere, am Knie und am Ellbo­gen, doch auch sie werden versin­ken, sobald ich sie ein paar Tage nicht beachtet habe.

Aber da ist ein dicker Brocken im linken Sprunggelenk. Es ist eine Vulkaninsel, hoch und massiv, fest verankert und mit Feuer im Innern. Sie wächst unaufhörlich. Diesmal ist mein Sieg über das Schicksal nicht vollkommen, es hat mir eine ernste Verletzung abgetrotzt, das Miststück.

»Sie ist mir an den Hals gegangen!«, sagt Biggy, als glau­be sie nicht was vorgefallen ist.

»Danke der Nachfrage«, sage ich. »Nein, mir ist nichts passiert.«

Ich sehe Marschallek in sein Auto steigen. Marschallek ist der Inhaber der Firma ParaTec, er stellt Fallschirme her. Wenn sich mein Schirm öffnet, steht in großen Buchstaben sein Name am Himmel. Das ist Grund genug, die Reißleine nicht zu ziehen. Der Grund es dennoch zu tun, sind die Schecks, die aus den Schirmen flattern. Marschallek ist mein Sponsor. Er ist zu fett, um die hundert Meter vom Vorfeld hierher zu Fuß zu bewältigen. Sein Geländewagen holpert über die Grasnarbe, der Motor jault im ersten Gang. Ich nehme an, er hat keine Hand frei zum Schalten, denn an der Rechten ist sein Handy festgewachsen, und die Linke dürften Wind und Würmer inzwischen über die ganze Welt ver­streut haben. Er restauriert alte Flugzeuge, Doppeldecker hauptsächlich. Vor Jahren hat er versucht, den Motor einer Tiger Moth mit den Händen am Propeller anzuwerfen. Es ist ihm gelungen.

Mein abgeworfener Hauptschirm ist ein Stück hinter mir zu Boden gegangen. Einer der Kameramänner hält ihn sei­nem Kollegen vor die Linse. Das Typenschild des Unglücks­schirmes prangt von der Großleinwand, was Marschallek dazu veranlasst Gas zu geben. Er fährt an mir vorbei, klemmt das Handy zwischen Kinn und Schulter und gibt mir mit dem Armstummel Zeichen zu warten.

Gut, ich warte. Mein Knöchel trägt diesen Entschluss dankbar mit.

Ich war schon ernsthafter verwundet, damals zum Bei­spiel, als ich die Kugel einfing. Rechter Ellbogen, einen Mil­limeter neben dem Ulnaris. Mit zerstörtem Nerv hätte ich heute eine Krallenhand, nicht zu gebrauchen. Es war ein Waffennarr, er hatte das Schwarz­pulver falsch abgewogen. Das Geschoss war eine Maxiball, ein Minié-Geschoss. Seine Erfindung ver­änderte die Kriegsführung Mitte des neun­zehnten Jahrhun­derts. Es ist keine Kugel im geometrischen Sinne, sondern ein Bolzen. Die Vorderladerschützen gießen sie selbst aus al­ten Bleiroh­ren. Oder aus aufgesammelten Auswuchtgewich­ten, die von Autorädern geschleudert wer­den. Maxiballs ha­ben eine Masse von über sieben Unzen, sie sind die Wucht­brummen unter den Geschossen. Sie flie­gen schnell genug um durch die Jahrhunderte zu zischen, alle heutigen Geschosse sind ihre Nachkommen.

Marschallek hat die Kameramänner zur Sau gemacht und den Schirm auf die Rückbank seines Pajero gestopft. Wie ein Geschoss beschleunigt er auf mich zu, ich denke unwillkür­lich an Maxiballs. Sie haben zwei angegossene Ringe um den Schaft. Explodiert der Treibsatz, dann ver­formen sie sich im Lauf. Aufgrund der Massenträgheit werden sie ge­staucht, die Ringe pressen sich in den Zug, der Druck kann sich ver­vielfachen. Schießt man mit einer gewöhnlichen Ku­gel auf eine Ziel­scheibe, dann platzt das Papier auf, der Ein­schuss bildet lose Ränder als hätte man es gerade mal mit dem Finger durch­stoßen. Das Papier ist noch vorhanden, wenn man es glatt drückt, ist das Loch wieder geschlossen. Kommt eine Maxi­ball, dann verdampft das Papier. Der Ein­schuss sieht aus wie mit dem Aktenlo­cher gestanzt. Nur grö­ßer und auch in El­lenbögen.

Marschallek rauscht heran, und ich nehme mir vor nicht zu verdampfen. Der Treibsatz, der ihn beschleunigt, bin ohne Zweifel ich. Es ist schlecht fürs Geschäft, wenn bei ei­ner Weltmeisterschaft sein Spitzenprodukt ungeöffnet auf ei­nem Knochensack liegt.

»Ich kündige den Vertrag, Steinfäller!«, schreit er mir ent­gegen, wuchtet sich aus dem Auto und stößt mit dem Unterarm die Autotüre zu.

»Verkaufen Sie auch Schirme die aufgehen?«, frage ich.

»Reden Sie keinen Stuss, Steinfäller, Sie wissen genau … was ist mit dem Fuß, Sie springen doch morgen, oder?«

Ich habe auch einen Treibsatz auf der Zunge, aber Biggy ist schneller als ich. Und diplomatischer.

»Keine Sorge, Herr Marschallek«, sagt sie. »Den kriege ich bis morgen wieder hin.«

Marschallek verstummt und schaut Biggy mit großen Au­gen an. Dann fällt ihm offenbar ein, dass sie Ärztin ist.

»Hören Sie Steinfäller«, sagt er und stupst mit dem Handy gegen meine Brust, »Sie werden morgen Weltmeis­ter oder es ist aus mit Sponsorengeldern.«

Eigentlich hätte sich die Kappe meines Hauptschirmes füllen müssen. Eigentlich. Alle meine Unfälle geschahen trotz 'Eigentlich'. Es zieht sich durch mein Leben seit ich denken kann. 'Eigentlich' klebt an mir wie Schnecken­schleim.

Eigentlich fliegen Maxiballs nicht durch Maisfelder. Es sind diese Zufälle, die mir zu schaffen machen. Ich vermu­te Methode dahinter, wenn etwas schief geht, dann so, dass es mir möglichst viel Schmerzen bereitet. Ich habe das Schick­sal im Verdacht, dass es mich nicht mag.

Als ich von der Maxiball getroffen wurde, hatte ich nicht das Glück, Adrenalin in meinem Körper zu haben, das Ge­schoss kam unvermittelt. Es flog aus einem Maisfeld, ne­ben dem sich zwei Radfahrer gegenseitig gerammt hatten. Der eine re­animierte den anderen gerade, mit kurzen harten Stößen. Ich sprang die Böschung hinunter um zu helfen, da hörte ich den Knall. Eine Pistolenkugel ist langsamer als der Schall, es macht also durchaus Sinn sich zu ducken, wenn man den Schuss hört. Aber ich rechne nicht jeden Tag da­mit ange­schossen zu werden.

Was muss das Schicksal für einen Aufwand getrieben ha­ben, damit die Kugel und mein Ellenbogen im Flug zu­sammentreffen? Es ist keine rhetorische Frage, ich suche tatsäch­lich nach der Antwort. Und da ist noch etwas: Je­mand hat dem Schicksal in die Suppe gespuckt und die Maxiball einen Millimeter vom Kurs abgelenkt, damit sie nicht meinen Ul­naris durchstanzen kann. Wer ist der Kerl, ich würde ihn gerne kennenlernen. Vielleicht habe ich doch einen Freund.

Ich versuche ein paar Schritte. Biggy will mich stützen, doch ich winde meinen Arm aus ihrem Griff. Ich hasse Schmerzen, ich hatte genug davon. Manchmal glaube ich, ein anderes Leben lädt seine Ration an Schmerzen bei mir ab.

»Wenn ich nur noch Basejumping von Hochhäusern ma­che, brauche ich auch keinen Sponsor mehr«, sage ich. Schön, wie sich manche Probleme von selbst lösen.

»Und wenn du dir einen Busen wachsen lässt«, sagt Big­gy, »kannst du das Baby stillen und ich sorge für unser Einkommen.«

Marschallek engagiert mich ab und an, ich bin sein Test­springer, ich lote die Grenzen der Flugzustände aus. Diese hochgezüchteten Fallschirme sind sensible Gebilde, sie schnappen ein, wenn man sie ausreizt. Aerodynamik ist ein kaum berechenbares Phänomen, es kann sein, in einer Steil­spirale verhält sich ein Schirm gutmütig wie ein nasser Schwamm, aber im Langsamflug gibt es plötzlich Resonanzen, die die Luftkammern leer saugen. Das gilt für den geöffne­ten Schirm. Ob sich eine Neuentwicklung überhaupt entfal­tet, wenn sie dem Fahrtwind von zweihundertfünfzig Stunden­kilometer ausge­setzt ist, kann ebenfalls keine Computersi­mulation vorhersa­gen. Jemand muss also den ersten Sprung wagen, schließlich wollen die Kunden wis­sen, ob das Paket auf ihrem Rücken sich öffnen lässt. Die­ser Jemand bin ich. Marschallek braucht einen Verrückten wie mich. Aber ich glaube nicht, dass er mich noch mal enga­giert, er selbst ist nämlich nicht verrückt. Er ist genial. Gib ihm ein Stück Fallschirmseide, und er sagt dir, was die Rau­pen zuletzt gefressen haben.

Susanne hat die Leinen ihres Schirmes um die Arme ge­wickelt und die Kappe vor den Bauch geknüllt. Sie ist auf dem Weg zum Hangar. Und Biggy ist wütend, ich merke es an der Wucht, mit der sie mir den Rucksack gegen die Brust drückt. Sie folgt Susanne, redet viel und gestikuliert wild.

Ich hole meinen Handschmeichler aus dem Rucksack, ein mandelförmiges Stück poliertes Lindenholz. Die Ober­fläche ist von sagenhafter Glätte, ich liebe es, ihn auf mei­nen Hand­flächen zu spüren. Es ist unschuldige Zärtlich­keit, wenn ich seine Sanftheit spüre, konzentriert sich mein Empfinden in den Händen. Dann kann ich das Denken ab­schalten.

Ich trete auf eine unebene Stelle, und der kaputte Knö­chel legt jetzt richtig los. Es ist ein dumpfes, gleichmäßiges Drü­cken um das linke Sprunggelenk. Der Druck verstärkt sich innerhalb Sekunden, wird unangenehm, wächst weiter und über­schreitet die Grenze zum Schmerz. Bei jedem Auftre­ten fühlt es sich an, als treibe ich einen scharfen Keil in den Fuß, der das Gelenk auseinanderspreizt. Eigentlich habe ich jetzt zu große Schmerzen um mich zu bewegen, den­noch hinke ich Susanne und Biggy nach, in den Hangar. Soll ich stärker hin­ken als notwendig, die Kameramänner haben mich im Vi­sier?

Durch den Spalt zwischen zwei Rolltorflügeln kann ich meine Frau und Susanne beobachten. Es ist nicht fair, dass ich sie belausche. Ich mache es trotzdem, ich bin verzwei­felt.

Susanne hat ihren Schirm auf der Bodenplane ausgebrei­tet und tritt zwischen die Stränge der Tragegurte.

»Du sorgst dich ein bisschen arg um ihn«, sagt Biggy. Das klang nicht wie eine Feststellung, das klang nach Vor­wurf.

Susanne ergreift das linke und rechte Leinenbündel mit je einer Hand und separiert die Steuer- und Fangleinen, in­dem sie je ein Bündel zwischen ihre Finger legt. Sie lässt die Stränge durch die Hände gleiten, während sie langsam bis zur Kappe geht. Sie hebt sie an und schüttelt sie mehr­mals, das Tuch der einzelnen Zellen fällt aus und ordnet sich.

Biggy bedrängt Susanne nun weniger, das Packen eines Schirmes erfordert Aufmerksamkeit.

Susanne hält inne.

»Er ist nicht mehr zurechnungsfähig«, sagt sie. »Du musst jetzt für ihn Verantwortung übernehmen.«

Sie nimmt beide Leinenbündel in die linke Hand und zieht mit der Rechten eine Kappenzelle nach der anderen heraus. Sie faltet sie, und legt sie auf dem herausgestellten Oberschenkel aufeinander.

Biggy schweigt.

Nach einer Weile fragt sie: »Er hat doch seinen Schirm selbst gepackt, oder?«

»Er hat nicht gezogen! Immer weichst du der Wahrheit aus! Du musst ihn zwingen seine Todessehnsucht behan­deln zu lassen! Auf mich hört er ja nicht.«

»Hast ihn wohl nicht heftig genug angeflirtet, was?«, fragt Biggy und schnaubt.

Susanne hält die gefalteten Zellen zwischen ihren Knien fest, ordnet die Stabilisatoren und zieht den Stoff zwischen den Leinengruppen nach außen. Biggy tritt zu Susanne auf die Plane und ergreift die Mittelnaht des Kappenendes. Sie hebt es hoch und gibt es Susanne in die Hand, mit der sie das Leinenbündel umfasst.

»Danke«, sagt Susanne. »Du bist eine dumme Gans, du machst dich an deinem Kind schuldig, wenn du länger die Augen verschließt!«

»Ich sehe sehr gut, was vor sich geht«, sagt Biggy scharf.

»Dann handle! Lass dir was einfallen, spiel’ Lysistrata.«

Biggy schaut zu Boden, die Sorgen haben ihre Wut auf­gezehrt. Susanne wickelt die äußeren Kappenenden um das Schirmbündel und rollt die Seiten ein.

»Ich weiß, du liebst ihn«, sagt Biggy leise.

Susanne hält inne und starrt zu Boden. Dann wirft sie die Kappe zur Seite, das Bündel fällt auseinander, legt sich in wildem Chaos auf die Plane. Die Frauen stürzen aufeinan­der zu und umarmen sich.

»Du weißt, dass ich dich auch liebe«, sagt Susanne. »Und du weißt, dass es mir nicht weh tut, Marc nicht haben zu können. Ich freue mich mit euch über euer Glück.«

Biggy zittert plötzlich, Tränen rollen über ihre Wangen. Susanne nimmt Biggys Gesicht in die Hände und wischt mit den Daumen die Tränen ab.

»Ich hab eine Scheißangst«, sagt Biggy und schluchzt. Ihre Atemstöße sind abgehackt, ihr Körper wird durchge­schüttelt.

Susanne zieht Biggys Kopf auf ihre Brust. Bestimmt ist es unangenehm, das Gurtzeug drückt ihr in die Wange.

»Marc liebt dich, Biggy. Mehr als alles andere. Wenn du ihn retten willst, musst du ihn mit dieser Liebe erpressen.«

Biggy nickt, dann reibt sie sich mit den Handballen die Wangen trocken. Ihr gelingt ein Lächeln. Sie richtet sich auf, saugt ihre Lungen voll. Plötzlich kommt sie mir groß und mächtig vor. Sie strahlt die Entschlossenheit aus, die von ei­ner getroffenen Entscheidung gespeist wird. Sie nimmt Su­sannes Hände und drückt sie fest. Susanne erwi­dert den Druck, eine Geste, als wollten die Frauen eine Verschwö­rung besiegeln.

Susanne neigt den Kopf in Richtung des zerknüllten Schir­mes am Boden, lacht, und sagt: »Ich muss noch mal von vorn anfangen.«

»Und ich erst!«, sagt Biggy.

3. Kapitel

Wir sind auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich sträube mich redlich, aber Biggy behauptet, sie könne den Fuß nicht mit der Taschenlampe durchleuchten. Im Gegensatz zu meinem Knöchel ist meine Hybris ungebrochen, trotz der Schmerzen sitze ich also selbst am Steuer. Es dämmert, und von Westen zieht ein Wärmegewitter heran. Die Wol­ke verdunkelt die Welt. Sie ist an der Unterseite flach, reicht vermutlich zwölf Kilometer in die Höhe und bildet oben einen Amboss aus Eiskristallen. Wie aus diesen Kristallen Regen wird ist unge­klärt, die Meteorologen rätseln mehr darüber wie es kommt, dass Wasser zur Erde fällt, als darüber wie es aufsteigt. Ich liebe solche Fragen, sie zeigen mir, dass die Natur Sinn für Humor hat. Im Innern der Wolke bilden sich enorme Span­nungen. Das geschieht, weil zwei Kräfte in entgegengesetzte Richtungen zerren. Sollte dieser Kumulonimbus die Fähig­keit zu Gefühlen haben, dann fühlt er sich so, wie ich mich fühle. Ich spüre diese bekannte Stimmung der Vorahnung – es braut sich etwas zusammen. Nicht nur im Himmel, auch hier unten in der Hölle.

Es war ein heißer Tag. Nach heißen Tagen sind die Ge­witter heftig. Ich weiß, dass Susanne nicht blufft, sie schmeißt die WM, verzichtet auf den Titel. Wir hatten Chancen. Aber meine Freiheitsgrade sind eingefroren wie die Eiskristalle. Es ist mir nicht erlaubt, zu wählen. Ich muss leben, denn ich habe eine Familie, und ich will sie ge­nießen. Doch das Opfer ist gewaltig. Unterm Strich war heute das Schicksal Sieger, der Tag hat mich die Freund­schaft von Susanne gekostet. Und das Schlimmste ist, ich ziehe Biggy mit rein.

Susanne und Biggy verbindet etwas Wunderbares. Sie sind Bikerkumpel. Ich glaube, kein Mann kann diese Freund­schaft verstehen. Sie fliegen nächstes Jahr zusammen nach Amerika, einen Roadtrip machen. Sie streiten noch über die Strecke, Route 66 oder den Moonlight Motorway. Während eines Rotweinabends ha­ben sie mir erzählt, wie sie sich kennenlernten. Es war am Straßenrand, Susan­ne saß im Regen, auf ihrem Motorrad­helm, und hielt den Daumen über die Fahrbahn. Biggy hielt an.

»Maschine kaputt?«, fragte sie.

»Beziehung im Arsch«, sagte Susanne.

»Tut mir leid. Große Liebe?«

»Großer Schuft. Ist mit meinem Motorrad abgehauen.«

Biggy vergöttert ihre Harley-Davidson, ein restaurierter Oldtimer, an dem sie dauernd herumschraubt. 'Wenn ich dich auf einer anderen Frau erwische', drohte sie mir einmal, 'las­se ich mich scheiden. Wenn ich dich aber auf meiner Harley er­wische, breche ich dir das Genick.' Biggy hatte Susanne noch nie im Leben gesehen, doch damals im Regen rutschte sie nach hinten auf den Soziussitz und sagte: 'Fahr du, ist bes­ser als Sex.'

Auf der Autobahn ist es ein paar Kilometer weiter ins Krankenhaus, als über die Dörfer, aber ich muss nicht so oft die Kupplung treten. Ich sehe Blaulicht im Rückspiegel. Die Linksfahrer quetschen sich in Lücken auf der rechten Spur. Hinter mir blinken Lichthupen, vor mir leuchten Bremslich­ter auf. Der Überholer auf meiner Höhe blockiert den Fahr­streifen. Der Körpersprache des Fahrers zufolge versucht er zu beschleunigen, doch der Wagen ist überla­den, Hausrat stapelt sich bis unters Dach. Mehrmals blitzen Funken auf, dann klopft der Beifahrer ein Feuerzeug auf die Konsole. Er hat einen Vogelkäfig auf dem Schoß, ist eingekeilt, und teilt sich den kostbaren Raum mit einem Kleiderständer und ei­ner Geigenfeige, die aus dem Fuß­raum empor zwischen sei­ne Beine wächst. Die wenigen Li­ter unverbauten Raumes be­finden sich innerhalb des Kä­figs und sind mit Zigaretten­rauch gefüllt. Ich schätze, es ist nicht genug Sauerstoff im Wagen, um eine weitere Zigaret­te zum Brennen zu bringen. Und es dürfte nicht möglich sein, das Fenster zu öffnen ohne einen Lampenschirm zu verlieren.

Ich gehe vom Gas, der Wagen räumt die Spur. Das Mar­tinshorn wird lauter und heller im Ton, ein Polizeimotor­rad rast vorbei, Biggys Gesicht blitzt blau auf. Dann klingt die Sirene tiefer, wird leiser, und das Motorrad wird von einem Kleinlaster verdeckt.

Wir schweigen uns an, seit zwanzig Minuten. Es ist diese Spannung zwischen uns, bei der ich mich immer so schuldig fühle, und mich in der Pflicht glaube, nachgeben zu müssen.

Biggy macht unser Schweigen zum Thema. »Reden wir nun drüber oder lassen wir’s?«

»Lassen wir’s«, sage ich.

»Weißt du wie sich das anfühlt, wenn der Mann den man liebt, sich in den Tod stürzt?«

Ich kann es mir denken, aber ich habe darauf nichts zu er­widern. Wir haben oft darüber geredet, unsere Stand­punkte sind bekannt.

Biggy ist die Einzige, die stark genug ist, meine Frau zu sein. Sie schaut zu wie ich Todessituationen suche, aber es gelingt ihr, sich abzugrenzen. Sie lässt sich nicht mit rein­ziehen, in meinen Kampf. Das kostet Kraft, ich weiß. Und sie hat der Versuchung widerstanden, mich ändern zu wol­len.

Während unserer ersten Begegnung lag ich im Koma. Sie hat es eingeleitet, nachdem mir ihre Kollegen den Schädel aufgebohrt hatten. Es war wegen einem dieser Unfälle, für den das Schicksal seine ganze Kreativität aufbieten musste, um ihn zu ermöglichen.

Die Phase des Verliebtseins habe ich verschlafen, als Big­gy mich aufwachen ließ, liebte ich sie bereits. Und sie mich, sie saß nächtelang an meinem Bett. Als Frau, nicht als Ärz­tin. Ich vermute, dass sie mir im Schlaf einen Ehering ange­steckt hat. Wenn ich sie danach frage lacht sie und beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Vielleicht bin ich aber auch das Opfer eines illegalen Medikamententests. Ich weiß nicht, wie solche Phänomene funktionieren, aber ich war jede ein­zelne Sekunde mit Biggy glücklich. Und es ist eine Sicher­heit in mir, so verlässlich wie die Schwerkraft, dass ich nie­mals einen Augenblick mit ihr bereuen werde. Also zum Teufel mit diesem Phänomen, es ist kein Rätsel das mir Sor­gen bereitet.

Sorge bereitet mir hingegen, dass ich nicht mehr viele Augenblicke mit ihr haben werde – dieses blöde Blaulicht drängt sich immer penetranter in mein Bewusst­sein.

Der Verkehr gewinnt wieder an Hektik. Ich bleibe auf der rechten Spur, man muss ja nicht jeden Unsinn mitma­chen. Dieses Blaulicht, verdammt. Hat mit mir zu tun.

Biggy fasst sich an den Bauch.

»Sie hat gestrampelt, als die Fahne kam. Ich bin sicher sie hat geschrien: 'Tu’ doch was, tu’ doch endlich was!'«

Wir wünschen uns ein Kind. Wir sind weltfremde Opti­misten, wir hoffen unbeirrt, dass selbst mit Pestiziden im Strampelanzug und Leistungsdruck im Kindergarten die Möglichkeit einer einigermaßen artgerechten Kinderhal­tung besteht. Biggy sagt manchmal, ich sei zynisch.

Unsere Tochter zeugten wir auf einer Waldlichtung, wir sind sehr naturverbunden. Es war einer der letzten heißen Sommertage. Meine Frau, die Ärztin, behauptete, ein lan­ges Vorspiel erhöht die Zahl der Spermien und verbessert damit die Empfängnischance. Das kam uns sehr gelegen. Als die Göttin tanzte, achtete ich nicht auf den Orgasmus, sondern auf das Pulsieren des Spermas in meinem Penis­schaft. Bevor der kleine Tod uns holte, fühlte ich unsere Seelen verschmel­zen. Als wir erwachten, liebten wir uns nochmals, sie hatte mir versprochen, diesmal nicht ganz so laut zu schreien. Es kann auch umgekehrt gewesen sein.

Ein Straßenschild huscht an uns vorbei, es kündigt einen Rastplatz an.

»Fahr raus Marc, bitte.«

Ich habe keine Lust mich zu rechtfertigen, Fragen sind Monster. Ich möchte mich in meine Trutzburg zurückzie­hen, leiden, und die Schmerzen an meinem Knöchel spü­ren. Nach dem Triumph hat ein Held das Recht seine Wun­den zu lecken.

»Ich muss pinkeln«, behauptet Biggy.

»Musst du nicht.«

»Sag’ mal spinnst du?«, schreit sie.

Mit Recht, das war ein schweres Vergehen. Es steht mir nicht zu, besser über sie Bescheid zu wissen als sie selbst. Aber ich wette, sie geht nicht pinkeln.

Ich finde eine Parklücke zwischen zwei Brummis mit lau­fenden Motoren. Die Fahrer stehen beisammen und qual­men Zigaretten. Vor mir auf der Grünfläche spielt ein Vater mit seiner Tochter Fußball. Sie ist höchstens fünf. Sie rempelt ihn an, er lässt sich fallen. Die Kleine stemmt die Fäuste in die Hüften, beugt den Oberkörper vor.

»Das war ’ne Schwalbe!«, ruft sie und ist empört.

Die Mutter beobachtet das Match von einer Bank aus. Sie pfeift durch die Finger und trampelt mit den Füßen auf den Boden. Ich fürchte, der Vater bekommt die gelbe Karte.

Biggy kehrt von der Toilette zurück. Ich öffne ihr die Tür und spüre einen Luftzug. Sofort stinkt es furchtbar nach Zi­garettenrauch und Dieselabgasen.

Aus dem Restaurant hat Biggy mir eine Packung Schoko­mandeln mitgebracht. Es gibt keinen größeren Liebesbe­weis, als dem Mann, der einem Sorgen bereitet, Schoko­mandeln mitzubringen.

Sie schnallt sich nicht an, sondern wendet sich mir zu. Die Schokomandeln waren also Berechnung, aber auch die macht sie nur, weil sie mich liebt.

»Susanne hat recht, eine Thera…«

»Hat sie nicht. Sie …«

»Unterbrich’ mich nicht!« Das kam wie ein Pistolen­schuss. »Wir haben Regeln, halt dich dran!«

Das stimmt. Wir geben uns immer Mühe, einander aus­reden zu lassen. Es fördert das gegenseitige Verstehen und den Respekt vor einander. Deswegen kann Biggy in so ei­ner Situation daran denken, dass ich Schokomandeln mag. Und sie kann auf meine Reaktion eingehen.

»Susanne hat also nicht recht?«

Biggy fragt das allen Ernstes, es ist keine Ungeduld in ih­rer Stimme, auch kein Vorwurf. Es verwirrt mich, aber es ist wohl die einzige Möglichkeit mich am Verstummen zu hin­dern.

»Susanne denkt, ich mache das, damit ich mich spüren kann. Borderliner, oder sonst was Abgedrehtes. Sie hat keine Ahnung, sie glaubt, ich hätte Todessehnsucht oder so’n Quatsch.«

Das Mädchen auf dem Rasen legt sich den Ball zurecht und geht zurück um Anlaufstrecke zu haben. Der gefoulte Vater meckert, er riskiert einen Platzver­weis. Er steigt von einem Fuß auf den anderen, die Angst des Tor­warts beim Elfmeter.

»Und was sollen wir glauben, wenn du erst eine Hand­breit über dem Boden den Schirm öffnest?«

»Ich muss mich wehren, verdammt noch mal!«

»Gegen was denn?«

»Gegen mein Schicksal! Es versucht mich fertigzuma­chen!«

Biggy ist auch kein Übermensch, ich verstehe, dass sie sich jetzt ärgert.

»Das Schicksal, herrje«, sagt sie und rollt die Augäpfel gen Himmel. »Es schwebt da oben und hat Langeweile. Da ent­deckt es den Marc und denkt: 'Oh, sieh an, der Marc. Na da hab' ich ja endlich jemanden zum fertigmachen!'«

»Nimm mich ernst! Die Regeln gelten auch für dich!«

»Entschuldige. Aber das klingt so paranoid, Marc.«

Das Mädchen nimmt Anlauf und schießt. Für ihr Alter hat sie einen erstaunlich harten Schuss. Der Ball prallt auf unse­re Windschutzscheibe, der Vater entschuldigt sich per Hand­zeichen.

»Wie wär’s, wenn du mir einfach glauben würdest?«, sage ich. »Ich bin nicht blöd oder abgedreht oder so was. Du weißt genau, dass ich mit beiden Füßen auf der Erde stehe.«

»Beim U-Bahn-Surfen? Mensch Marc, komm zu dir! Er­klär’s mir!«

Braveheart bellt, er liebt Bälle. Ich greife nach hinten und streichle ihn. Er hat den Fußball entdeckt und würde jetzt gerne den gegnerischen Angriff stören. Genau das habe ich auch vor, ich bin arg in der Defensive.

»Ich fühl’ mich besser danach«, sage ich. »Ich bin dann voller Adrenalin, unbesiegbar … unsterblich. Das Schicksal ist in solchen Momenten klein und jämmerlich, liegt am Bo­den und winselt. Ich stell’ ihm den Fuß in den Nacken und schrei’ es an: 'Du kriegst mich nicht, du Miststück!' Ich muss das tun, ich muss ihm beweisen, dass es sich an mir die Zäh­ne ausbeißt. Das ist alles real, es tötet mich sonst.«

»Das ist unlogisch!«

Natürlich ist es das. Wenn Psyche logisch wäre, gäbe es keine Raucher. Und keine Brummifahrer, die einen laufen­den Motor mit Potenz verwechseln. Ich erschrecke. Hatte ich eben den Gedanken, dass meine Probleme nichts mit dem Schicksal zu tun haben, sondern mit mir selbst?

»Es ist meine Strategie, um zu überleben. Und die funktio­niert seit vielen Jahren. Schau mich an, da bin ich. Trotz der vielen Attacken.«

»Es ist eine Zwangshandlung, eine Krankheit. Geh’ zu ei­nem Fachmann, lass dich behandeln.«

Na fein, ich habe also die Wahl zwischen Charakter­schwäche und Krankheit. Ich weiß wirklich nicht, was mir lieber ist. Es schmerzt, dass sie mir nicht glaubt. Aber es schmerzt auch, dass ich ihren Wunsch nicht erfüllen kann.

»Verstehst du denn nicht! Das Schicksal und ich, wir sind Gegner. Es ist ein Kampf! Ganz archaisch, kein Schnick­schnack, nur eine Regel: Der Verlierer stirbt!«

Biggy stützt die Stirn in die Hand, schüttelt hoffnungslos den Kopf. Vielleicht versteht sie mich wenn ich weiterrede.

»Ich hab gelernt mich zu wehren. Nach all den Jahren weiß ich, wie man das Schicksal aufhalten kann, ich kenne meine Waffen. Sie sind meine Lebensversicherung. Ich kann sie nicht wegwerfen zugunsten eines … eines akade­mischen Grünschnabels, der allenfalls weiß, dass Lehrsaal­bänke hart sind. Was ich gelernt hab, in all den Schlachten, sichert mir mein Überleben, ich war da draußen. Denkst du wirklich man kann einen Kampf gewinnen, indem man auf der Couch liegt und einem Softie vorjammert, dass einen die Mutter zu früh abgestillt hat?«

»Du bist so verbittert, Marc!«

»Ich versuch meinen Kopf zu retten! Du weißt, dass ich für dich und das Kind alles tue, aber ich flehe dich an, das nicht einzuklagen. Ich würde draufgehen dabei, und ich würde es nicht aus Überzeugung machen, sondern aus Pflichtgefühl.«

»Wie wär’s mit: aus Liebe?«

»Setz’ nicht solche Waffen ein!«

Die Familie vor uns erstarrt plötzlich und schaut nach rechts in den Himmel. Gleichzeitig höre ich Motorenlärm und Rotorschlagen, ein Hubschrauber fegt über die Auto­bahn. Inmitten des Lärms hageln Fäuste auf mich nieder. Biggy schreit: »Ich rede von Liebe und du antwortest mit Waffen! Auf was für einem Trip bist du eigentlich? Alles kreist bei dir um Kämpfen und Waffen und Tod …«

Der Lärm verebbt, genau wie Biggys Wut. Nicht, dass sie keinen Grund mehr hätte wütend zu sein, nein, sie ist ein­fach erschöpft.

»Wo ist der liebevolle, zärtliche Marc geblieben?«

Es wird schlagartig dunkel, die Gewitterwolke schiebt sich über uns, als hätte der Helikopter sie heran geblasen.

Ich reiße die Tüte auf und stecke mir eine Mandel in den Mund. Es ist nicht nur der Geschmack, den ich liebe, es ist auch die Glätte der Glasur. Und die Art und Weise, wie sie sich auf­löst.

»Mensch Biggy«, sage ich und nehme ihre Hand. »Ich bin doch auch nur Opfer. Glaubst du ich hab’s mir ausge­sucht, der Lieblingsfeind vom Schicksal zu sein?«

»Wir gehören zusammen, Marc, wir schaffen das. Noch kannst du alles rückgängig machen. Marschallek ist kein Problem, den wickel ich um den Finger.«

Sie reicht mir ihr Handy.

»Ich spritze dir den Fuß schmerzfrei, morgen. Und unser Oberarzt macht dir einen Verband. Er hat schon Fußball­profis so getaped, dass sie mit gerissenen Bändern ein gan­zes Spiel durchgehalten haben. Rufe Susanne an, sage ihr, du gehst in Therapie. Sie wird mit dir springen morgen, sie liebt dich.«

»Du denkst ich habe Wahnvorstellungen. Es schmerzt, dass du mir nicht glaubst. Ich bin nicht paranoid, ich bin der Prophet im eigenen Land! Geh’ doch mal eine Sekunde da­von aus, dass ich die Wahrheit sage. Dass ich es tatsäch­lich weiß, dass das Schicksal es wirklich auf mich abgese­hen hat!«

Sie schüttelt den Kopf.

»Das war mein letztes Angebot, Marc.«

Ich nehme eine weitere Mandel. Ich klemme sie zwi­schen Zunge und Gaumen, und erzeuge etwas Unterdruck, indem ich daran sauge. Nach wenigen Sekunden erwärmt sich die Kugel, die Oberfläche wird rau wie Sandpapier. Dann rissig, die Schokolade darunter wird teigig. Diesen Moment liebe ich, man kann ganze Platten des Zuckergus­ses auf dem wei­chen Untergrund verschieben, wie winzige Kontinental­schollen auf flüssiger Magma. Es ist der Mo­ment, in dem sich die fest gefügte Struktur auflöst, und man in das süße Innere vordringt.

»Biggy, wenn ich zustimme … wenn ich … jetzt einwilli­ge eine Therapie zu machen, dann steh’ ich nackt der Macht des Schicksals gegenüber. Glaub mir, es ist wie ein Raubtier, es schleicht da rum und lauert. Es riecht jede Schwäche. Es kennt kein Mitleid, und es hat keine Skrupel einem werden­den Vater an die Kehle zu springen. Wenn ich jetzt nachge­be, vergeht keine Stunde, und es wird et­was Schreckliches passieren.«

Biggys Körper strafft sich. In ihrem Gesicht sind harte Schatten. Es wirkt auf mich, als sei es aus Granit gemeißelt. Ich weiß, dass ich verloren habe.

Fast immer ist die Mandel in Ordnung, auf die man im In­neren stößt, aber manchmal beißt man darauf und sie ist bit­ter.

»Marc du bist verrückt. Du hast dich so in dir verfangen, dass ich es bin, die jetzt für unser Leben Entscheidungen fäl­len muss. Ich fordere es jetzt ein. Für unser Kind.«

Sie hat kein Druckmittel, nichts, mit dem sie mich zwin­gen kann. Sie hat mir das Leben gerettet. Gut, das war ihr Job. Dennoch, mit ihr ein Kind zu zeugen war gleichbedeu­tend mit einem Vertrauensversprechen. Ich kann mich nicht gegen Biggy entscheiden, ohne dieses Versprechen mit Fü­ßen zu treten. Es ist eine einfache Wahrheit, ihr Glück ist mir wichtiger als meines.

»Vielleicht werde ich dich hassen.«

»Das ist der Einsatz, den ich riskieren muss. Unsere Toch­ter wirst du lieben.«

Das tue ich jetzt schon, wir hatten herrliche Momente. Ich lag mit dem Ohr auf Biggys Bauch, da spürte ich das Stram­peln. Durch die Bauchdecke hindurch habe ich mei­ner Toch­ter ein Kinderlied vorgesungen:

'Kennst du die Geschichte, von dem Mord im Schloss,

wo das Blut in Strömen die Wände runterfloss?'

Biggy hielt wohl meinen warmen Bariton für nicht ange­bracht – statt den Kanon mitzusingen, schlug sie mir das Kissen ins Kreuz. Sie drohte damit, meine ganze Schokola­de wegzuessen, sollte ich nicht auf der Stelle mit 'Hänschen klein' das verursachte Trauma heilen.

Der Vater vor mir küsst die Mutter. Das Mädchen liegt in seinen Armen. Dann wirbelt er sie herum, sie quietscht vor Vergnügen. Ich kann es kaum erwarten, meiner Tochter die Welt zu erklären.

Ich weiß, dass die traute Familienszene vor meinen Augen meine harte Schale auflöst wie die einer Schokobohne. Wer auch immer da draußen die Fäden zieht, bitte lass Biggy recht behalten!

»Okay«, sage ich langsam. »Therapie. Übermorgen.«

Es fühlt sich an, als spreche ich mein Todesurteil.

Etwas schlägt aufs Dach. Ein Tropfen klatscht auf die Scheibe, dann noch einer. Plötzlich ein Blitz, so grell, dass ich meine eigene Netzhaut sehe. Dann bin ich blind. Gleich­zeitig der Donner, mächtig und ohrenbetäubend. Ich spüre ihn im Bauch, bevor ich ihn höre. Die Druckwelle prallt auf das Auto, wir schaukeln. Der Regen prasselt auf das Blech, die fetten Tropfen schlagen kleine Fontänen in die Höhe, die Motorhaube kocht. Al­les explodiert, es ist der Zorn Gottes über mei­ne Niederlage.

Es kommt kein zweiter Blitz, ich sammle die Schokoman­deln von der Fußmatte auf und puste sie von Hundehaaren frei.

»Danke Marc«, sagt Biggy. »Aus Liebe?«

Hat sie noch nicht genug erreicht? Ich fühle mich, als stünde ich vor meiner Hinrichtung. Aber ich sage nichts – von jetzt an darf es keine Missstimmung geben zwischen uns, nicht eine Minute lang. Ich habe meine Rüstung abge­legt, biete dem Schicksal die blanke Kehle. Wenn es mich holt, will ich mit Biggy im Reinen sein.

Ich starte den Motor, mein verletzter Knöchel kann die Kupplung nicht halten. Der Wagen macht einen Satz, der Motor stirbt ab.

»Lass mich fahren«, sagt Biggy.

»Geht schon.«

»Hör auf zu kämpfen. Du hast Schmerzen, also hast du Schmerzen!«

Sie hat Recht, vielleicht ist das die erste Übung meine Hy­bris abzulegen. Wir versuchen, im Wagen die Plätze zu tau­schen, doch ich bin zu unbeweglich mit dem kaputten Fuß, und ihr Bauch ist zu dick. Vor der Motorhaube treffen wir uns. Als wir den Kuss beenden, sind wir klatschnass. Die Haare kleben ihr am Kopf, und das Hemd pappt auf ihrem runden Bauch. Sie hat Schokolade auf den Lippen, sie ist so süß.

»Keine Angst Marc, alles wird gut. Ich beschütze dich. So­lange ich lebe.«

Sag' das nicht! Einer der Lastwagen startet mit uns, Biggy tuckert hinter ihm her, auf dem Beschleunigungsstreifen. Wir fädeln in den laufenden Verkehr ein. Es ist dunkel jetzt, der Regen peitscht. Die Scheibenwischer quietschen, der Brummi schleudert seine Wasserschleppen auf uns, seine roten Rü­cklichter sind grell und blenden mich.

Da ist viel Blaulicht, einige hundert Meter voraus.

»Es ist auf der Gegenfahrbahn«, sagt Biggy. Sie schaltet den Verkehrsfunk ein.

Ich beuge mich nach unten, schnüre meinen Schuh auf, der Schmerz lässt etwas nach. Dann ein Gedankenblitz. Das Blaulicht, es steht nicht! Es fährt uns entgegen!

Ich habe ein Gespür für Gefahr, präzise, konkret, verlässlich. Doch diesmal warnt es mich zu spät.

»Fahren Sie äußerst rechts, überholen Sie nicht …«

Biggy gefriert. Hupengeheul. Lichtreflexe. Adrenalin. Ich komme hoch, der Schreck fühlt sich an, als würde meine Körpermitte durchsacken. Zeitlupe überall. Der Brummi schlendert nach links, gibt die Sicht frei, zwei Lichter erschei­nen vor mir. Sie müssten rot sein, aber es sind Scheinwer­fer. Rechts schrammt ein Wagen an der Leitplanke, lang­sam und erhaben wie ein Geisterschiff. Funken sprühen von den Reibflächen, zerplatzen und fächern sich auf, be­vor sie erlö­schen. Dann erst das Knirschen. Ein Schwall Glassplitter er­gießt sich über den Asphalt. Wie eine Hand­voll geworfenes Streusalz. Die weißen Lichter vor mir auf Kollisionskurs. Der Wagen nebenan schleudert herüber, die Flugphase, so träge als wäre er schwerelos. Er rammt uns längsseits, ich sehe den Kopf des Fahrers an das Fens­ter schlagen. Wir schaukeln, schlingern dann. Biggy zieht nach links, doch da ist auch einer, wir sind eingeklemmt. Die Scheibenwischer rubbeln ein Sichtfenster frei, durch die Schlieren; die Regen­tropfen, erstarrt im Lichtkegel. Ich fliege. Ganz sachte fängt der Gurt mich auf, mein Kopf wird unnatürlich schwer. Big­gy mit beiden Füßen auf der Bremse. Stille. Braveheart schwebt an mir vorbei. Der Linke weicht aus, meistert den Lastwagen, doch das dauert lange, das dauert alles zu lange. Jetzt wäre links Platz. Aber er ist da, der Geisterfahrer ist da, wird größer … noch größer … unsere Motorhauben berüh­ren sich, legen sich in Falten, Lacksplitter trudeln mir entge­gen, es knirscht, ein weißes Kissen quillt auf, langsam wie eine Blüte, Old Charly du Dreckstück, danke für deine Liebe Biggy.

4. Kapitel

Es regnet.

Knapp über dem Boden fallen die Tropfen ins Schein­werferlicht, blitzen kurz auf und zerplatzen auf der Straße. Sie formen kleine Kronen aus Wasser beim Aufprall, so viele, dass der Belag zu leben scheint. Es drückt und kratzt am rechten Wangenknochen, manche der Wasserkronen sprin­gen mir ins Auge, das brennt, trotz der Kälte. Viel­leicht, dass es Benzin ist, es stinkt fürchterlich danach. Über mir meine Beine, das linke am Rand der Sitzlehne, das rechte emporger­eckt, der Fuß eingeklemmt zwischen Chas­sis und Tür. Ich lieg’ hier rum, fauler Kerl, ich muss doch zu Biggy, wir wol­len heute einen Namen für das Baby aus­suchen.

»Kannst du mir mal hoch helfen, Biggy, ich muss vom Sofa gerutscht sein.«

Warum kommt sie nicht?

»Biggy?«

Sie ist hier, da liegt doch ihre Hand. Ich drehe den Fuß um ihn zu befreien, da knickt das Bein im Oberschenkel ab. Das Knie fällt mir auf die Brust, ein weißer, scharfkantiger Kno­chendorn zielt plötzlich auf meine Augen. Ein dünner Strahl pulsiert aus dem zerfetzten Fleisch, eine rhythmi­sche Fontä­ne, sie sprüht Blut in meinen Mund. Der Ge­schmack von warmem Eisen. Wenn ich es schlucke, kann ich mein Verblu­ten dann aufhalten? Zudrücken wäre ’ne gute Idee, aber der linke Arm ist eiskalt und tot, und auf der rechten Hand steht das Auto. Mein Kopf fällt zur Seite, der Blut­strahl kitzelt im Ohr. Das verbeulte Türblech deckt den Him­mel ab, da sind nur der Asphalt und stehende Wellen in fla­chen Bächen. Sie fließen zum Straßenrand, verschwinden im Gras des Rand­streifens, die Leitplanke reflektiert blaue Lichtblitze durch die Nacht.

Plötzlich ein Stiefel, er tritt in den Wasserlauf, stört die gleichmäßige Strömung, eine Miniwelle baut sich am Ab­satz auf. Der Fuß verschwindet nach oben, lässt einige Tropfen fallen, nachfließendes Wasser überspült den ge­störten Fleck und stellt die ruhige Strömung wieder her. Dann noch ein Stiefel und noch einer. Hinter meinem Kopf kratzt Metall auf dem Asphalt, sie haben eine Trage abge­stellt. Oh mein Gott! Neeeiiiin! Bitte nicht sterben, bitte nicht jetzt!

Es ist vollkommen still, kein Regenprasseln, keine Sirenen mehr. Ich fühle mich leicht, wie masselos. Der Regen fällt durch mich hindurch, es ist warm und trocken. Ich schaue nach unten, sehe einen zerknüllten Blechhaufen. Der Mo­torraum ist verschwunden, die Fahrgastzelle flach ge­drückt. Das Dach ist aufgerissen, die verbogenen Säulen ra­gen wie Dornen aus dem Stahlknäuel. Ein schlaffer Sack hängt vorne heraus, da wo die Frontscheibe sein sollte, der Airbag. Im­mer wieder blitzt er blau auf. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Richtig, es müssten zwei sein, müssten es nicht zwei sein?

Ich schwebe. Ich kann mich frei im Raum bewegen, ge­steuert nur durch meinen Willen. Das ist nicht ungewöhn­lich, ich erinnere mich aber, dass dies früher anders war. Ich steige höher, kann jetzt die gesamte Unfallstelle über­blicken.

Da ist ein weiteres Wrack, die Vorderachse herausgezo­gen wie ein Hähnchenknochen aus dem Schlegel. Schläu­che quellen aus dem Motorraum, die Haare der Medusa. Ein Scheinwerfer an einem Kabel, er hängt heraus wie ein Auge am Sehnerv. Polster und Straße, alles ist voller Glassplitter, sie funkeln wie Diamanten. Benzinschlieren treiben mit dem Wasser über den Asphalt, werden von Regentropfen zer­schossen.

Ich sehe drei Rettungswagen, da sind schwarze, große Zif­fern auf dem Dach. Die Wagen stehen im Halbkreis, die Hecktüren offen, das In­nere grell beleuchtet.

Hinter ihnen beugen sich Leute über eine Trage. Sie ha­ben rote Leuchtjacken an. Zwei von ihnen knien im Was­ser, einer steht aufrecht, er hält eine Infusionsflasche in die Höhe. Von ihr führt ein Schlauch in den Arm einer Person auf der Tra­ge.

Diese Person bin ich.

Die Leute heben die Trage an und schieben sie in den mittleren Rettungswagen. Zwei Hände greifen von innen an die Türflügel und ziehen sie zu.

Es ist nicht wirklich interessant, was sich unter mir ab­spielt. Ich drehe mich um. Es gibt wenige Stellen im Uni­versum, an denen man richtige Dunkelheit erleben kann. Hier ist nichts los, ich habe Zeit nachzudenken. Das menschliche Auge sieht eine Streichholzflamme auf zweit­ausend Kilome­ter. Will man Dunkelheit, muss man sie künstlich erzeugen. Das ist nicht einfach, selbst in einem zugemauerten Raum gibt es Spuren fluoreszierender Mole­küle in den Steinen. Dunkel­heit ist von der Natur nicht vorgesehen. Wie soll sie auch, wenn ihr das Universum Bil­lionen von Sonnen entgegen­setzt.

Was ich jetzt erlebe, ist wahrhaftige Dunkelheit. Sie ist all­umfassend, nicht allein optischer Natur. Es ist einfach das Fehlen von allem. Von der Last des Sehens befreit kann ich mich besser spüren. Es ist warm hier. Ich fühle keine Kraft, bin schwerelos. Ich empfinde Neugier, habe jedoch kein Ob­jekt, an dem ich sie festmachen kann.

Ein Licht! Ganz klein, weit entfernt. Ich schwebe darauf zu, es wird größer. Ich spüre Beschleunigung, während es wächst. Es ist von vollendeter Farbe, kräftig leuchtend, kein Maler könnte diese Perfektion erreichen. Ich rase ihm entge­gen, der Lebenszug verlässt den Tunnel.