Die Zärtlichkeit des Highlanders - Susan King - E-Book

Die Zärtlichkeit des Highlanders E-Book

Susan King

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Beschreibung

Er sucht nach einem Wunder – und findet eine betörende Lady … Der historische Liebesroman »Die Zärtlichkeit des Highlanders« von Susan King jetzt als eBook bei venusbooks. Schottland, im 14. Jahrhundert. Die schöne und begabte Heilerin Michaelmas kehrt als junge Witwe in ihre Heimat zurück. Doch anstatt sie freudig willkommen zu heißen, begegnen ihre Landsmänner ihr mit Misstrauen und Angst. Ihre Lage wendet sich erst bei einem unerwarteten Wiedersehen zum Guten. Diarmid, der höchst einnehmende Laird of Dunsheen, hat sie nie vergessen, seit sie ihn einst als junges Mädchen nach einer Schlacht heilte. Nun plagt den mutigen Krieger die brennende Sorge um seine Nichte, der kein Arzt helfen kann. Diarmid ist sich gewiss, dass die feinfühlige Lady das Leben des Kindes retten kann … aber wird sie auch sein verwundetes Herz heilen? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die historische Schottland-Romanze »Die Zärtlichkeit des Highlanders« von Romance-Queen Susan King. Lesen ist sexy! venusbooks – der erotische eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 661




Über dieses Buch:

Schottland, im 14. Jahrhundert. Die schöne und begabte Heilerin Michaelmas kehrt als junge Witwe in ihre Heimat zurück. Doch anstatt sie freudig willkommen zu heißen, begegnen ihre Landsmänner ihr mit Misstrauen und Angst. Ihre Lage wendet sich erst bei einem unerwarteten Wiedersehen zum Guten. Diarmid, der höchst einnehmende Laird of Dunsheen, hat sie nie vergessen, seit sie ihn einst als junges Mädchen nach einer Schlacht heilte. Nun plagt den mutigen Krieger die brennende Sorge um seine Nichte, der kein Arzt helfen kann. Diarmid ist sich gewiss, dass die feinfühlige Lady das Leben des Kindes retten kann … aber wird sie auch sein verwundetes Herz heilen?

Über die Autorin:

Susan King wurde 1951 in New York geboren. Sie studierte und promovierte in Kunstgeschichte. Während ihrer Promotion schrieb sie ihren ersten Roman, der sofort zum internationalen Überraschungserfolg wurde. Seitdem begeistert die Bestseller-Autorin regelmäßig mit ihren historischen Liebesromanen.

Susan King veröffentlichte bei venusbooks bereits folgende Highland-Romane:

»Der Schatz des Highlanders«»Sturm über dem Hochland«»Der Fluch des Highlanders«»Die Ehre des Highlanders«»Der Kampf des Highlanders«»Das Verlangen des Highlanders«»In den Armen des Outlaws«»Der Ritter und die Highlanderin«

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eBook-Neuausgabe August 2019

Ein eBook des venusbooks Verlags. venusbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München.

Dieses Buch erschien bereits 1999 unter dem Titel »Zauberhafte Lady« bei Heyne

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1997 Susan King

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel »Lady Miracle« by Topaz, an imprint of Dutton Signet, a member of Peguin Putnam Inc.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1999 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der eBook-Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © der Lizenzausgabe 2019 venusbooks GmbH, München

Copyright © der aktuellen eBook-Neuausgabe 2020 venusbooks Verlag. venusbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München.

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Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur, Hamburg/Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/nd 3000, Martina Badini

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-95885-700-1

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Susan King

Die Zärtlichkeit des Highlanders

Roman

Aus dem Amerikanischen von Jana Stendhal

venusbooks

Für unseren kleinen Seehund

Danksagung

Ein großes Dankeschön gebührt Ted Wells-Green, M.D., für seine bereitwilligen Ratschläge und seine großartige Fantasie; Eileen Charbonneau für die geistige Geburtshilfe; Mary Jo Putney für ihre himmlische Weisheit; Janet Beall für Freundschaft, Ideen und Albernheiten; und meinem Sohn Jeremy, der viel mehr Forschungsarbeit für diesen Roman geleistet hat, als ihm bewußt ist.

Prolog

Galloway, SchottlandSommer 1311

Sie glitt zwischen den Verwundeten hin und her wie Sonnenlicht, das durch Schatten dringt. Obwohl Nebelschwaden über das Schlachtfeld zogen und die Leichen derer verbargen, die an diesem Morgen im Kampf gefallen waren, sah Diarmid Campbell das junge Mädchen ganz deutlich. Er beobachtete sie, und seine Finger, die das Skalpell umschlossen, blieben still. Für einen Moment hielt sie seine Aufmerksamkeit gefangen.

Ihr helles Gewand und ihre goldenen Zöpfe schienen bei jeder ihrer Bewegungen in dem trüben Licht zu schimmern. Umgeben von Nebel und Schlamm, wirkte sie ätherisch und anmutig, als sie sich über einen Verwundeten beugte und seine Stirn berührte.

Wie ein Engel, der herabgestiegen ist, um die toten Seelen zu holen, dachte Diarmid. Dann schüttelte er den Kopf, um seine von der Schlacht verwirrten Gedanken zu ordnen. Das ist keine selige Erscheinung an diesem verfluchten Ort, dachte er, nur ein schönes, schmales Mädchen, das eine Wasserschüssel und eine Handvoll Bandagen trägt. Offensichtlich war sie mit den Frauen des Ortes gekommen, um nach dem Kampf zwischen Engländern und Schotten den Verwundeten Hilfe zu leisten.

Diarmid strich sich mit dem Handrücken, der rot war vom Blut anderer Männer und von seinem eigenen, über die schweißbedeckte Stirn. Dann beugte er sich hinunter, um eine Pfeilwunde in der Schulter eines Highlanders zu untersuchen.

Der Mann verzog das Gesicht. »Tut ein bartloser Jüngling die Arbeit der Weisen Frauen?« fragte er auf Gälisch. »Ich habe gesehen, wie du kämpfst, Junge. Ich weiß, daß du das kannst, ebenso wie dein Bruder.«

»Es stimmt, mündig bin ich noch nicht«, erwiderte Diarmid sanft, »aber ich habe bei einem Arzt im Kloster Mullinch gelernt. Und ich habe bereits Hunderte von Wunden geheilt, die ernster waren als deine.«

»Also mach deine Arbeit, aber schnell«, knurrte der Mann.

Diarmid umfaßte den hölzernen Schaft, preßte entschlossen die Lippen zusammen und zog die festsitzende eiserne Spitze rasch heraus. Der Mann stöhnte auf. Diarmid goß aus seiner Feldflasche reichlich Wein über die frische Wunde. Dann zog er einen seidenen Faden durch eine goldene Nadel, reinigte die Nadel und seine Hände mit ein wenig Wein und nähte das Fleisch schnell zusammen. Anschließend verband er die Schulter mit einem Stück Leinen, das er vom Hemd des Mannes abgerissen hatte; dann blickte er auf.

»Wechsle den Verband häufig und gieß Wein oder uisge beatha darüber, wann immer du kannst«, sagte er. »Und genehmige dir auch einen Schluck.« Der Highlander nickte zum Dank.

Diarmid stand auf und wischte zum wiederholten Mal das Blut ab, das aus einer Schnittwunde über seinem linken Auge sickerte. Er würde Fionn bitten müssen, sie zu nähen, obwohl sein Bruder bei so einer Arbeit nicht besonders behutsam war. Für den Moment würde er sie nicht weiter beachten, ebenso wie die schmerzende Wunde an seinem linken Unterarm, beides Verletzungen, die er im Kampf davongetragen hatte.

Auch der lauernden Angst, nicht genug über die Behandlung dieser Verwundeten zu wissen, der Angst, durch Fehler oder mangelndes Wissen jemandem große Schmerzen zuzufügen oder sogar seinen Tod zu verschulden, schenkte er keine Beachtung. Er preßte die Hände fest zusammen, während er über das Schlachtfeld ging, und widerstand der Müdigkeit, die seine Schritte lähmte.

Es stimmte nicht, daß er Hunderte von Kriegswunden behandelt hatte; das hatte er dem Highlander nur erzählt, um ihn zu beruhigen. Er hatte bei einem fähigen Arzt einiges über Heilkräuter und über die Behandlung Kranker oder Verletzter gelernt. Aber Bruder Colum besaß selbst wenig Erfahrung mit Kriegswunden, und er war gestorben, ehe Diarmid all das über Heilkunde und den Aufbau des Körpers hätte lernen können, was er wissen wollte.

Fast sein ganzes seitdem erworbenes Wissen beruhte auf Erfahrungen, auf den erbarmungslosen Zuständen außerhalb der friedlichen Krankenstube der Abtei. Das letzte Jahr hindurch hatte Diarmid, während er an der Seite anderer Highlander für König Robert Bruce kämpfte, regelmäßig den Verwundeten geholfen. Trotz seiner Jugend besaß er bereits den Ruf eines fähigen Wundarztes. Die Notwendigkeit erwies sich als anspruchsvolle Lehrerin.

An diesem Morgen waren seine Fähigkeiten ständig gefragt. Eine englische Patrouille hatte die kleine Truppe von Highlandern, die Diarmid begleitete, überfallen und viele der Schotten verletzt oder tot auf dem feuchten Grund zurückgelassen. Manche der Männer waren Verwandte von Diarmid, Angehörige des Campbell-Clans; Diarmid selbst und sein Bruder Fionn waren noch einmal davongekommen.

Er hatte sein Bestes getan, um rasch und effizient Wunden und gebrochene Glieder zu versorgen, doch war er nicht in der Lage gewesen, jeden, der seiner Hilfe bedurfte, zu retten. Eine geschickte Hand, ein scharfes Auge und ein wenig Wissen reichten kaum aus gegen die Macht des Todes. In stummer Verzweiflung fuhr er sich mit der Hand durch das wirre braune Haar.

Als er sich umschaute, sah er das Mädchen wieder. Sie leuchtete in den grauen Nebeln wie ein zarter Sonnenstrahl, ein zerbrechliches Wesen, viel zu unschuldig und rein für einen so trostlosen, blutigen Ort. Während Diarmid sie betrachtete, riefen einige Verwundete nach ihr oder starrten sie an, als wäre sie eine Heilige und vom Himmel herabgestiegen.

Aber Diarmid erlag keinen solchen Illusionen. Die Mönche im Kloster Mullinch glaubten an Wunder, doch sie waren Männer, die ein behütetes Leben führten. Mit seinen neunzehn Jahren war Diarmid mit der Härte der Welt jenseits der Klostermauern bereits sehr vertraut. Er war von Mönchen erzogen worden, doch sein Vater ließ ihn gleichzeitig zum Krieger und zum Burgherrn ausbilden. Fast täglich sah er Tote und auf grauenvolle Weise Verwundete, und er tötete und verwundete selbst. Er war ebenso vertraut damit, ein Breitschwert zu schwingen wie ein Skalpell zu führen.

Im Augenblick jedoch wollte er keines von beidem tun. Er dachte an Dunsheen Castle in den westlichen Highlands, das sich stolz auf seiner grünen Insel erhob, umgeben von Wasser, Nebel und Gebirge. Seine neue Rolle als Burgherr dort war Herausforderung genug. Seine Verwandten, Pächter, Herden und das Handelsunternehmen seines verstorbenen Vaters bedurften auf die eine oder andere Weise seiner Führung. Er träumte davon, wieder auf Dunsheen zu sein, und sehnte sich danach, mit einer neuen, prunkvollen Galeere auf Handelsreise zu fahren. Doch diese Dinge würden warten müssen, solange der Krieg tobte.

Diarmid seufzte, während er über das Schlachtfeld ging. Auch andere bewegten sich durch die Nebelfetzen: verletzte und unverletzte Männer und einige Frauen, die mit einem Priester gekommen waren, um Hilfe und Beistand zu leisten. Die Schreie der Verwundeten hallten im Nebel wider, und ihm wurde kalt ums Herz.

Er sah, wie das blonde Mädchen im Schlamm kniete und sich vorbeugte, um den blutenden Arm eines Mannes zu reinigen. Sie hatte eine ruhige und sichere Art, so als würden die frischen Wunden und die Qualen sie nicht ängstigen. Diarmid blieb stehen und betrachtete sie aus der Entfernung.

»Wenn es Engel gibt, sehen sie aus wie sie«, murmelte eine Stimme hinter ihm.

»Oh, aber Engel sind selten auf Schlachtfeldern, Bruder«, entgegnete Diarmid und drehte sich um.

Fionn Campbell nickte. Er war gutaussehend, mit einem scharf geschnittenen Profil, umrahmt von üppigen braunen Locken. Diarmid wußte von den Bildern, die ihm unbewegte Wasserflächen und polierte Stahlspiegel zurückwarfen, wie sehr er und sein jüngerer Bruder einander ähnelten.

Fionn sah Diarmid an, und seine grauen Augen blickten ernst. »Wir haben keine Zeit, um über die himmlischen Heerscharen nachzudenken. Komm und schau dir Angus MacArthur hier drüben an. Als eine der Weisen Frauen von hier versucht hat, die Wunde an seinem Bein zu behandeln, hat sie stark zu bluten begonnen.«

Diarmid folgte dem hochgewachsenen, hageren Fionn und kniete im feuchten Gras neben Angus MacArthur, einem entfernten Cousin seines Vaters, nieder. Der ältere Mann stöhnte und wand sich, als Diarmid die tiefe Wunde in seinem Schenkel untersuchte, die vom gewaltigen Streich eines englischen Breitschwertes stammte. Angus war in früheren Zeiten der gille-ruith,der Bote, von Diarmids Vater gewesen. Seine Beine waren stark wie Eisen, doch die Klinge war tief in den harten Muskel eingedrungen und hatte den Knochen beinahe gespalten.

Mit gerunzelter Stirn legte Diarmid das Tuch zusammen, das Fionn ihm reichte, und drückte es für einige Minuten auf die klaffende Wunde. Als er keine Besserung feststellen konnte, seufzte er tief und blickte Fionn an. »Halt sein Bein fest«, befahl er. »Ich muß die Wunde genauer untersuchen. Wenn eine Arterie durchtrennt worden ist, muß ich versuchen, sie zu flicken.«

Während der Untersuchung Diarmids stützte Fionn den Schenkel ab. »Wenn du hier fertig bist, solltest du dich um deine Verletzungen kümmern«, sagte er. »Die Wunde an deinem Arm blutet durch den Verband hindurch. Und der Schnitt über deinem Auge hat sich wieder geöffnet.«

»Das ist im Augenblick nicht so wichtig. Du kannst sie später nähen.«

»Du willst dein Leben zweimal an einem Tag riskieren?« bemerkte Fionn trocken. »Wenn du überleben willst, dann bitte den Engel, sich darum zu kümmern.«

Diarmid stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus und arbeitete schweigend weiter.

Fionn blickte über das Schlachtfeld. »Ich habe das Mädchen beobachtet. Sie scheint zu wissen, wie sie diesen Männern helfen kann. Vielleicht ist sie eine Kräuterheilerin oder sogar eine Nonne. Das wäre allerdings ein Jammer. Sie ist wirklich schön.«

»Sie ist zu jung für eine Nonne oder eine erfahrene Heilerin«, sagte Diarmid, auf seine Aufgabe konzentriert. Er behandelte zwar schnell und vorsichtig, dennoch seufzte Angus MacArthur tief und verlor das Bewußtsein. Obwohl Diarmids Arbeit dadurch erleichtert wurde, verstärkte es doch seine Besorgnis.

»Ich würde gerne mit ihr reden«, sagte Fionn. »Ich frage mich, wer sie ist. Sie ist hinreißend. Weißt du, ich brauche schließlich bald eine Frau. Und eine so schöne, die sich um meine Kriegswunden kümmern kann, wäre doch ein Segen.«

»Mhm«, machte Diarmid sorgenvoll. Er war ganz damit beschäftigt, starken Druck auf die Wunde auszuüben, aber das zusammengefaltete Tuch färbte sich viel zu schnell rot. Er stieß einen leisen Fluch aus. »Ich brauche einen Streifen Leinen. Sofort!«

Fionn riß einen langen Streifen vom Saum seines Hemdes ab und reichte ihn seinem Bruder. Diarmid schlang den Stoff oberhalb der Wunde um das Bein, knotete ihn zusammen und zog ihn fest.

»Wenn ich den Blutfluß nicht aufhalten kann ...« Er sprach nicht weiter, sah nur in das bleiche Gesicht des bewußtlosen Mannes. Es war offensichtlich, was dann geschehen würde.

»Was hat dir Bruder Colum für so einen Fall beigebracht?«

»Nicht genug vor seinem Tod.« Diarmid löste die Bandage und zog sie dann wieder fest. »Man muß Druck ausüben oder abschnüren. Bestimmte Kräuter können die Blutung verringern, aber ich habe keine, und auch keine Tränke. Ich hätte versuchen müssen, eine Weise Frau zu finden und sie um ein paar Kräuter zu bitten.«

»Es wußte doch keiner von uns, daß uns hier eine englische Patrouille angreifen würde. Man hat uns versichert, daß wir diesen Teil von Galloway unbehelligt durchqueren könnten. Aber natürlich hat uns das ein Engländer versichert«, setzte Fionn hinzu. »Wird das Abschnüren etwas nützen?«

»Ich werde dafür sorgen, daß es nützt«, antwortete Diarmid verbissen. Kurz darauf nickte er. »Gott sei Dank, es scheint ein wenig nachzulassen.« Er griff nach der Weinflasche an seinem Gürtel, zog den Wachskorken heraus und goß einen dünnen Strahl Wein über die Wunde. »Halt das Bein fest«, sagte er leise.

Fionn tat es, und Diarmid bereitete Nadel und Faden vor, reinigte sie mit Wein und begann, die unterste Muskelschicht zu nähen. Das Blut floß ungehindert, während er arbeitete, und erschwerte es ihm, genau zu sehen, was er tat. Er fluchte.

Über seinen Patienten gebeugt, bemerkte er die schmale Gestalt zunächst nicht, die neben Fionn niederkniete. Als er aufblickte, sah er das Mädchen.

»Verschwinde!« sagte er knapp.

»Laßt mich helfen«, antwortete sie. Ihre Stimme klang jung und sanft, und sie sprach Gälisch wie er, doch er bemerkte es kaum, solch ein Sprachgewirr lag über dem Schlachtfeld: Gälisch, nördliches Englisch, Französisch und das eintönige Latein des Priesters. Diarmid verstand all diese Sprachen.

»Du kannst hier nichts tun«, sagte er. Er bewegte seine Nadel auf und ab, auf und ab. Fionn und das Mädchen sahen zu. Diarmid fluchte leise, als der Seidenfaden aus der goldenen Nadel herausglitt; er fluchte noch einmal, weil das Blut weiter floß. Wenn er nicht bald die verletzte Arterie fand, würde Angus MacArthur sterben. Er fädelte den Faden wieder ein und wies Fionn an, die Bandage zu lösen und dann wieder festzuziehen.

Das Mädchen beugte sich plötzlich vor und legte die schmalen Hände über die scheußlich klaffende Wunde. Sie atmete tief ein.

»Mädchen, laß das!« schnauzte Diarmid.

»Seid ruhig!« Ihr Befehl klang bestimmt, und er blickte sie überrascht an.

Sie wirkte klein und schmal neben dem muskulösen, in einen schottischen Kilt gekleideten Fionn, und sie sprach wie eine Königin. Mit geschlossenen Augen und geradem Rücken hob sie ihren zierlichen blonden Kopf zu dem düsteren, nebelverhangenen Himmel empor.

Sie erschien Diarmid wie ein schimmerndes Schwert, schön geformt, mit goldenem Heft und silberner Klinge. Makellos und stark, wie ein Engel auf Erden. Er blinzelte voller Erstaunen.

Dann jedoch fand er seinen Verstand wieder. Angus' Wunden verlangten eilige Behandlung und keine ehrfurchtsvolle Träumerei. Er wollte nach den Händen des Mädchens greifen und sie wegnehmen. Aber dann hielt er mit halb ausgestreckter Hand inne.

Von ihren Fingern entströmte Wärme. Es schien, als betete sie oder befände sich in einer Art Trance. Ihre Augen waren geschlossen, die dichten, goldenen Wimpern reglos. ihre kleinen Hände lagen über der Wunde, und die Finger und Handflächen färbten sich tiefrot.

»Heilige Mutter Gottes«, flüsterte Fionn nach einer kurzen Pause.

Das Mädchen nahm die rotgefärbten Hände fort und faltete sie im Schoß. Diarmid betrachtete die Wunde. Der sprudelnde Blutfluß hatte merklich nachgelassen, und er konnte die Verletzung an der Arterie erkennen.

Er schwieg. Er war sich nicht sicher, was er gesehen hatte, und hatte auch keine Zeit, sich das zu fragen. Rasch nähte er die Verletzung und bat Fionn, die Spitze seines Dolches zu erwärmen, damit er die Arterie mit Hitze versiegeln konnte. Dann legte er die Muskelfasern zusammen und schloß die Wunde.

Während er arbeitete, konzentrierte er sich auf das, was er in diesem Moment sah und was als nächstes zu tun war, bis er fertig war. Schließlich nahm er das saubere Tuch entgegen, das das Mädchen ihm reichte, und verband Angus' Bein damit.

Er sah das schweigende Mädchen an, das nur eine Armlänge von ihm entfernt kniete, die blutbefleckten Hände im Schoß. »Er wird leben«, sagte er leise.

Sie nickte mit einer rührenden kleinen Bewegung, so als wäre ihr zierlicher Kopf eine zitternde Blüte auf einem schlanken Stengel. Sie erhob sich und schwankte unsicher.

Diarmid stand ebenfalls auf und ergriff ihren Arm, um sie zu stützen. »Was hast du getan?« fragte er.

Als sie aufblickte, waren ihre Augen groß und rund, blau wie der Sommerhimmel und umrahmt von goldenen Wimpern. Unschuldige, jugendliche Augen. Und doch sah er in ihren Tiefen Weisheit und Erfahrung, als hätte die strahlende Seele, die ihn daraus anblickte, bereits eine lange, lange Zeit gelebt.

»Wie heißt du?« fragte er sanft. »Ich bin Diarmid Campbell von Dunsheen.«

»Michaelmas«, erwiderte sie. »Michaelmas Faulkener.«

Er runzelte die Stirn, verwundert über diesen merkwürdigen englischen Namen, bemerkte aber, daß ihr Nachname der eines englischen Ritters war, der inzwischen zu den treuesten Ratgebern von König Robert Bruce zählte. »Bist du verwandt mit Gavin Faulkener?«

Sie nickte. »Er ist mein Halbbruder. Ich bin heute morgen mit meiner Mutter und unserem Priester hergekommen, um zu helfen. Kinglassie Castle ist nur eine Meile von hier entfernt. Wir hörten den Kampflärm kurz nach der Morgendämmerung«, fügte sie hinzu. »Ich muß jetzt gehen. Meine Mutter wird mich suchen.«

Diarmid ließ ihren Arm nicht los; seine langen Finger hoben sich rostrot von dem hellen Ärmel ihres Gewandes ab. Ihre Glieder wirkten zerbrechlich. »Micheil«,sagte er auf gälisch. Der Klang ihres seltsamen englischen Namens war ihm unvertraut. Michaelmas. Ihm wurde klar, daß sie nach Saint Michael's Mass benannt sein mußte, dem Feiertag am 29. September. »Du heißt Micheil?«

Sie stimmte der gälischen Entsprechung durch ein Nicken zu. »›Michael‹ ist mir recht.«

»Sag mir, was du getan hast, Michael. Ich habe nie etwas ähnliches gesehen.«

»Ihr seid verletzt.« Sie streckte die Hand aus und berührte sanft die Schnittwunde über seinem Auge. Er spürte, wie ihre Fingerspitzen an seiner Schläfe zitterten.

Er blickte auf ihren blaßgoldenen Kopf hinunter, auf ihren seidigen Scheitel, und fühlte, wie seine Wunde von einer deutlich spürbaren Wärme durchströmt wurde, ähnlich der Wärme des Sonnenlichts oder des Weines. Einen Augenblick später spürte er die Wärme in seinem ganzen Körper, so als säße er nah an einem Feuer.

Es war, als ob in der Berührung des Mädchens Feuer läge.

Sie nahm ihre Hand weg. Er berührte die Wunde mit einem Finger und sah nur noch einen kleinen Tropfen Blut an seiner Fingerspitze. Der stechende Schmerz ließ nach. Er wechselte einen raschen Blick mit Fionn, der sie aufmerksam beobachtete.

»Heilige Maria«, hauchte Diarmid. »Mädchen, wie bist du zu einer solchen Gabe gekommen?«

»Meine Mutter ruft nach mir«, sagte sie. Er hörte eine Stimme, die von einem entfernteren Ende des Schlachtfeldes her kam. »Ich muß gehen.«

»Michael ...« Diarmid griff nach ihr, aber sie trat beiseite.

»Ich muß gehen«, wiederholte sie.

Diarmid sah, daß der stämmige Priester in Begleitung einer schlanken dunkelhaarigen Frau, die den englischen Namen des Mädchens rief, auf sie zu kam.

Michael blickte zu Diarmid auf. »Ihr dürft niemandem erzählen, was ihr mich habt tun sehen«, flüsterte sie. »Meine Familie weiß darum, und unser Priester auch. Aber ich will nicht, daß andere es erfahren. Versprecht, daß ihr nie davon erzählen werdet.«

Diarmid blinzelte überrascht. »Du hast das Wort des Herrn von Dunsheen«, sagte er.

»Und das seines Bruders«, fügte Fionn hinzu.

»Michael ...«, begann Diarmid.

»Gott schütze Euch, Dunsheen«, sagte sie. Dann wandte sie sich rasch von ihnen ab und lief leichtfüßig über das schlammige Feld, die Röcke gerafft. Ihre schlanken Beine folgen behende über die Steine und Grasbüschel.

»Was um alles in der Welt ist hier gerade geschehen?« fragte Fionn nach einer Pause. »Mir ist, als hätte mich der Blitz getroffen.«

Diarmid ging es ebenso. Schweigend sah er zu, wie das Mädchen die schlanke Frau und den Priester begrüßte und mit ihnen davonging.

»Wir haben eine zukünftige Heilige gesehen, Bruder«, fuhr Fionn fort. »Sie wird mich nicht heiraten und auch keinen anderen. Sie wird Nonne werden und eines Tages selig gesprochen.«

»Wenn das, was wir gesehen haben, Wirklichkeit war, dann ist sie im Kloster besser aufgehoben.«

»Wirklichkeit? Für einen Jungen, der von Mönchen erzogen wurde, bist du ein gewaltiger Zweifler. Du solltest die Wunde über deinem Auge sehen. Ich schwöre bei meinem Leben und meiner Seele, sie sieht aus, als heilte sie schon seit Tagen. Wir haben eine Heilige gesehen, Bruder.«

»Vielleicht«, antwortete Diarmid. Er berührte die empfindliche Stelle über seinem Auge. »Ihre Familie tut gut daran, sie zu beschützen. Wenn andere Leute sehen würden, was sie tut, könnte sie als Heilige gelten – oder als Ketzerin.«

»Dann bete dafür, daß ihre Familie sie gut versteckt hält.« Fionn klopfte Diarmid auf die Schulter. »Aber du hättest sie bitten sollen, sich noch um deinen Arm zu kümmern, ehe sie geht. Jetzt hast du nur noch mich, wenn du willst, daß die Wunde genäht wird.«

Diarmid warf ihm einen ironischen Blick zu. »Laß mich erst einen starken Wein holen.« Fionn grinste.

Jemand rief nach Diarmid, und er drehte sich um. Während er wegging, warf er noch einmal einen Blick über das Schlachtfeld. Das Mädchen war in den wabernden Nebelschwaden verschwunden, aber er würde sie nichtvergessen.

Auf diesem blutigen Schlachtfeld hatte sie ihm ein goldenes Wunder gezeigt.

1. Kapitel

Schottland, in den westlichen HighlandsFrühjahr 1322

Noch einmal klang der Schrei, schaurig und schmerzlich zugleich, durch die Dunkelheit. Diarmid richtete sich im Sattel auf und blickte sich um. Er hörte den Ton ein weiteres Mal und nahm an, er stammte von einem kleinen, jungen Tier, das sich verlaufen oder verletzt hatte. Aber der merkwürdig wehmütige Klang dieses Schreis ließ ihn an die Geschichten von den daoine sìth denken, dem Elfenvolk, von dem man sagte, daß es viele Berge in den schottischen Highlands bewohne. Er lächelte schuldbewußt über dieses Hirngespinst, befreite sich mit einem Kopfschütteln davon und ritt weiter.

Kurze Zeit später hörte er es wieder. Diesmal war es ein Wimmern. Diarmid hielt an und blickte über die umliegenden Berge, die im Licht eines weißen Halbmondes aufragten. Er war sicher, daß niemand sonst in dieser kalten Frühlingsnacht draußen sein würde. Die heftigen Windböen und die jagenden Wolken kündigten Regen an.

Er hörte nur das Heulen des Windes. Beruhigt trieb er sein kräftiges schwarzes Roß auf dem grasigen, mondbeschienenen Pfad weiter, um in dem unvertrauten Gebiet vorsichtig voranzukommen. Viele Jahre waren vergangen, seit er zum letztenmal hier entlanggekommen war, aber er war sicher, daß Sim MacLachlans Burg ganz in der Nähe sein mußte. Obwohl MacLachlan und seine Familie den Herrn von Dunsheen nicht erwarteten, freute Diarmid sich auf eine Fleischbrühe, einen Platz am Feuer und einen guten Schluck Whisky.

Die Gastfreundschaft der Highlander würde sich auch hier durchsetzen, wie in Dunsheen, das einen langen Tagesritt entfernt lag. Diarmid würde die Angelegenheiten regeln, die ihn hierherführten, und nach einer Nacht neben der Feuerstelle der MacLachlans am Morgen wieder nach Hause reiten.

Er nahm die Zügel beim Reiten in die linke Hand, doch die kalte Luft verschlimmerte die lästige Schwäche darin. Während er die Lederriemen umfaßt hielt, spürte er einen dumpfen Schmerz.

Das schwache Klagen erklang von neuem, diesmal lauter, ein zitternder Ton, der es ihm kalt wie eisiges Wasser den Rücken hinunterlaufen ließ. Das Pferd wieherte verängstigt und wurde langsamer. In Erwartung einer möglichen Gefahr legte Diarmid seine Hand auf den Dolch an seinem Gürtel und vergewisserte sich des Gewichts des Breitschwertes auf seinem Rücken. Mit einer einzigen raschen Bewegung konnte er es, wenn nötig, in der rechten Hand halten.

Der Schrei schien von einem Berg ganz in der Nähe zu kommen. Im bleichen Mondlicht stieg Diarmid vorsichtig ab und erklomm den Hang mit langen, geschmeidigen Schritten. Auf dem Gipfel des Berges sah er ein Bündel Lumpen im Wind flattern. In ihrer Mitte bewegte sich etwas, und das Wimmern ertönte von neuem. Diarmid ging in gebückter Haltung darauf zu. Dann hielt er mit starrem Blick inne.

Auf dem Gipfel saß ein Kind, ein kleines, schmales Ding, zitternd, in einen Plaid gehüllt. Der Wind bewegte das zerzauste helle Haar, das das Köpfchen bedeckte. Einen Augenblick später drehte das Kind sich um und starrte Diarmid an.

Er tat einen Schritt vorwärts, und das Kind schrie auf und versuchte zurückzuweichen, indem es mit Hilfe seiner dürren Ärmchen nach hinten rutschte. Aber es rannte nicht davon. Das kleine Wesen – er nahm an, daß es ein Mädchen war – starrte ihn an und atmete rasch.

Er blickte in lichthelle Augen und in ein elfenhaftes Gesicht, das bleich war wie der Mond, und fragte sich, ob er tatsächlich ein Kind der daoine sìth vor sich hatte. Aber das Zittern seiner Unterlippe wirkte sehr menschlich; es war ein verirrtes und verängstigtes Menschenkind, das einen Plaid um sich geschlungen hielt. Sein Glorienschein aus zerzausten, goldenen Locken bebte im Wind.

Die Kleine schluchzte auf, leise und verängstigt. Dieser kleine Ton erschütterte Diarmid bis in die Tiefen seiner Seele. Er hockte sich neben sie.

»Hast du dich verirrt, Kleine?« fragte er sanft.

Sie starrte ihn an und schüttelte den Kopf.

»Nicht verirrt?« Diarmid runzelte erstaunt die Stirn. Sie war viel zu klein, um aus eigenen Kräften weggelaufen zu sein. »Warum bist du dann allein hier draußen? Ist deine Mutter oder dein Vater in der Nähe?«

Sie blickte schweigend zu ihm auf. Ein kalter Windstoß erfaßte sie, und sie zitterte.

»Du bist völlig durchgefroren«, sagte er und zog den Plaid nach oben, um ihren Kopf zu bedecken. Dann streckte er seine Hand aus. »Komm mit mir. Ich bringe dich nach Hause. Sag mir, wo ich deine Familie finden kann. Komm.« Er stand auf und wartete darauf, daß auch sie aufstehen würde.

Sie blickte zu ihm auf und streckte ihre dünnen, in Lumpen gehüllten Arme in die Höhe. Ihre zarten Hände öffneten sich in einer vertrauensvollen Geste, so als wollte sie von ihm getragen werden.

»Du bist müde.« Er bückte sich, schob seinen Arm unter ihre Beine, die in die Wolldecke gewickelt waren, und hob sie hoch.

Er hätte genauso gut einen Sack voller Federn tragen können. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, und ihr Griff war so leicht, daß er ihn kaum spürte. Er wandte sich um und begann, den Abhang wieder hinunterzugehen. Das Kind lag in seinen Armen wie ein Mondstrahl, schwerelos, zerbrechlich, bleich und schweigend. Nach kurzer Zeit lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter.

»Wie heißt du?« fragte er. Sie schlug ihre verschmierten, ernsten Augen zu ihm auf und antwortete nicht. »Ich bin Diarmid«, sagte er, in der Hoffnung, sie damit zu ermutigen, ihm ihren Namen zu sagen.

»Ich habe eine Wildkatze gehört«, flüsterte sie.

»Sie wird dir nichts tun«, antwortete er.

»Ich habe auf dich gewartet. Mir war kalt«, setzte sie in klagendem Ton hinzu.

Diarmid runzelte die Stirn. Niemand wartete hier auf ihn. »Du hast auf mich gewartet?« wiederholte er erstaunt.

Sie nickte. »Und du bist gekommen.«

Er legte die Stirn in noch tiefere Falten. Er war auf Bitte seiner Schwester hierher geritten, um das kleine Mädchen zu besuchen, das in Sim MacLachlans Haushalt zur Pflege lebte. Er erinnerte sich an ein gesundes, stämmiges Kind mit dicken blonden Locken und dem reizenden, schiefen Lächeln der Dunsheen Campbells. Diese Kleine hier war hübsch und sehr jung, aber viel zerbrechlicher als das Kind, an das er sich erinnerte.

Sim MacLachlan, der die Verantwortung für Brigit Campbell trug, würde sicherlich nie zulassen, daß Fionns Tochter etwas Böses zustieße. Diarmid hatte sie als Säugling persönlich der Obhut von Sims Frau übergeben, und für ihre Pflege wurde jährlich ein ansehnlicher Betrag gezahlt.

Sie wandte den Kopf, um ihn anzusehen. »Bist du der König?«

»Der König der Schotten? Das bin ich nicht.« Diarmid mußte beinahe lächeln.

»Der König der daoine sìth«,korrigierte sie. »Das ist mein Volk. Ich bin ein Wechselbalg.« Sie sagte das so beiläufig, als würde sie ihm ihre Haarfarbe mitteilen oder die Anzahl ihrer Zehen.

Er hielt inne. In dieser mondhellen, stürmischen Nacht konnte er beinahe daran glauben, ein Elfenkind in den Armen zu halten. Die Augen des kleinen Mädchens schienen wie aus einer magischen Tiefe zu leuchten, und ihre schwache Stimme klang, als wäre sie nicht von dieser Welt. Doch der kalte Druck ihrer kleinen Hände in seinem Nacken, der leichte Geruch ihrer ungewaschenen Haare, ihre knochigen, zierlichen Füße – all das war nur allzu wirklich.

»Da hat dir jemand Flausen in den Kopf gesetzt«, murmelte er.

»Die alte Morag hat mir gesagt, daß ich vom Elfenvolk abstamme«, erwiderte sie beharrlich.

»Du darfst dieser Morag, wer immer sie sein mag, nicht alles glauben.«

»Sie ist Simmies Großmutter.«

»Sim MacLachlan?« fragte er.

Sie nickte, und ihre Augen schienen in dem unheimlichen Licht groß und klar.

Eine kalte Welle der Furcht durchfuhr Diarmid, aber er riß sich zusammen. Neben dem Pferd blieb er stehen und bückte sich, um das Kind auf den Boden zu stellen. Ihre Arme schlangen sich fester um seinen Hals.

»Laß mich nicht los«, bat sie. »Ich kann nicht laufen.«

Er hielt das federleichte Geschöpf weiter fest und bemerkte plötzlich, wie schlaff ihre Beine auf seinem Arm ruhten. »Du kannst nicht laufen?« wiederholte er überrascht. »Bist du verletzt?«

»Ich bin verflucht. Die alte Morag sagt, ich bin ein Wechselbalg. Sie ist eine Weise Frau.« Sie nickte bekräftigend.

»Das glaube ich kaum«, knurrte er.

»Sie hat mir gesagt, daß alles gut wird, wenn ich hier draußen bleibe.«

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Die alte Morag hat dich allein hier draußen gelassen?«

Sie nickte wieder. »Sie hat gesagt, ich soll warten, bis die daoine sìth mich holen kommen. Und du bist gekommen. Also mußt du einer von ihnen sein.« Sie legte den Kopf zur Seite. »Und du bist groß und stark wie ein König.«

Er schnaubte ungeduldig. »Ich bin kein sìtheach,der dich holen kommt.«

»Doch«, sagte sie und klang dabei fast weise, »das bist du.« Und sie lächelte elfenhaft und reizend.

Dieses schiefe kleine Lächeln traf ihn mitten ins Herz. Sie hatte das typische Lächeln der Dunsheen Campbells. Schweigend und vorsichtig setzte Diarmid sie vorn auf seinen Sattel und stieg hinter ihr auf. Er versuchte, seine aufsteigende Angst mit langsamen Bewegungen zu bekämpfen. Das konnte nicht seine Nichte sein; die Ähnlichkeit war reiner Zufall.

Aber wer immer sie sein mochte, er war entschlossen herauszufinden, wer sie allein auf dem windgepeitschten Gipfel zurückgelassen hatte. Er wußte von dem Aberglauben vieler Highlander, daß die Elfen manchmal gesunde Menschenkinder stahlen und an ihrer Stelle kränkliche, übernatürliche Kinder zurückließen. Die Wechselbälger setzte man oft auf Bergspitzen aus, in der Hoffnung, daß ihre Verwandten aus der anderen Welt sie zurücknehmen würden.

Irgend jemand mußte dieses Kind ausgesetzt haben, weil er es für ein Wechselbalg hielt, vielleicht wegen einer Schwäche in den Beinen. Der Gedanke an eine solche Grausamkeit, eine solche Unwissenheit machte ihn schaudern. Und der Verdacht, wer sie sein könnte, ließ seine Hände vor Angst und Wut zittern. Er ergriff die Zügel, hielt die Kleine fest in seinem Schoß und blickte auf sie hinunter.

»Sag mir deinen Namen«, sagte er.

Stolz reckte sie ihr Kinn empor. »Brighid. Brigit. Das heißt Kraft.«

»Brigit Campbell?« Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

Sie nickte und schlug die Augen zu ihm auf. Jetzt erkannte er, daß diese mondfarbenen Augen im Sonnenlicht grau sein würden, wie seine und die seiner Schwester. Und wie die von Fionn. In ihren kleinen Zügen sah er Spuren von Fionns schönem Gesicht. Keine Frage: Fionns Tochter, seit seinem Tod Diarmids Schützling, blickte ihn an.

Der Schock verwandelte sich in Wut, während er sich klarmachte, daß seine Nichte hier mißhandelt worden war. Und dann verwandelte sich die Wut in eine Last von Reue und Schuldgefühlen. Er hatte Fionn versprochen, dieses Kind wie sein eigenes zu beschützen.

Hier war nun der Beweis, wie sehr er diesem Versprechen treu geblieben war.

»Wo ist Sim MacLachlan?« knurrte er.

Brigit fuhr in seinen Armen zusammen wie ein Hase. Er merkte, daß er ihr Angst eingejagt hatte. »Simmie ist tot«, antwortete sie. »Sie sind jetzt alle tot. Außer der alten Morag. Sie hat mich in ihr kleines Haus mitgenommen.«

»Ich bin dein Verwandter, mein Kind. Ich bin dein Onkel, Diarmid Campbell.« Er atmete tief ein. »Du wirst mit mir nach Dunsheen Castle kommen. Aber zuerst muß ich ein Wörtchen mit dieser Morag reden. Ist ihr Haus hier in der Nähe?«

»Ja«, sagte Brigit. »Aber sie wird schlafen.«

»Dann werden wir sie wecken«, antwortete er grimmig. Er hielt Brigit fest und sicher in seinem Arm und trieb das Pferd weiter durch den aufziehenden Sturm.

September 1322

Die Morgendämmerung überzog den Himmel mit einem wilden rosigen Glühen, das schon bald im Morgenlicht verblaßte. Diarmid ritt neben Mungo MacArthur, seinem Freund und gille-ruith. Während ihre Pferde einen niedrigen Hügel erklommen, sah er zu, wie das Morgenlicht sich über den lavendelfarbenen Gipfeln der entfernten Berge ausbreitete. Weit hinter diesen Gipfeln lagen die Westküste und Dunsheen Castle, noch einige Tagesritte entfernt von diesen Hügeln des Grenzlandes, wo sich das Heer von König Robert Bruce aufhielt.

Monatelang waren Mungo und Diarmid Teil dieser plündernden Horde gewesen, doch vor einigen Tagen hatten sie endlich die Erlaubnis erhalten, nach Hause zurückzukehren. Der Preis für diese Entlassung war um vieles höher als in Diarmids kühnsten Vorstellungen. Aber er hätte nahezu jeder Aufgabe zugestimmt, solange sie ihn nach Hause brachte.

Seit er Dunsheen im Juli verlassen hatte, war keine Nachricht von seinen Brüdern oder seiner Schwester gekommen. Er wußte nichts über Brigits Gesundheitszustand, seit er von Robert Bruce ins Grenzland beordert worden war, um dessen Angriffe auf England zu unterstützen. Diarmid schuldete der Krone Lehnstreue und Dienstbereitschaft und mußte entweder als Ritter in den Krieg ziehen oder seine schnellen, mit vielen Rudern ausgestatteten. Galeeren zur Verfügung stellen, je nachdem, was der König gerade benötigte. Zum damaligen Zeitpunkt war ihm keine andere Wahl geblieben, als in den Krieg zu ziehen.

Er trieb sein Pferd an und galoppierte den Hügel hinunter, um dann den nächsten Hang schnell zu nehmen. Mungo, weniger gewandt zu Pferd, da er es als Bote gewohnt war zu laufen, holte Diarmid schließlich ein.

»Du bist wohl in Eile, Dunsheen«, sagte er keuchend.

»Ich muß nach Hause«, antwortete Diarmid. »Aber vorher muß ich diese Angelegenheit in Perth regeln. Das wird uns einen weiteren Tag kosten.«

Mungo grunzte, und seine braunen Augen verengten sich zu Schlitzen, während er Diarmid zweifelnd ansah. »Du scheinst ja sehr sicher zu sein, daß diese Frau in Perth mit dir nach Dunsheen kommen wird.«

»Das wird sie«, sagte er. »Sie hat die Seele einer Heiligen. Sie wird meine Bitte nicht ablehnen.«

»Wer hätte gedacht, daß der Herr von Dunsheen bereitwillig seine Kriegsspiele aufgibt, um sich um ein kleines Mädchen zu kümmern?« sinnierte Mungo.

Diarmid warf ihm einen ironischen Blick zu. »Du hast vier Kinder«, erwiderte er. »Sag mir bloß nicht, daß du nicht alles für sie tun würdest, wenn sie krank wären. Brigit geht es kaum besser als in der Nacht, in der ich sie ausgesetzt gefunden habe. Ich habe so gehofft, daß sie durch Ruhe, gutes Essen und Arzneien die Kraft in ihren Beinen zurückgewinnen würde.«

»Schon wahr, wenn es eins von meinen wäre, würde ich dasselbe tun. Aber du hast sie von mehreren Kräuterfrauen und sogar von einem Arzt behandeln lassen. Und sie alle haben dasselbe gesagt. Sie wird nicht laufen können, Dunsheen«, sagte Mungo sanft, aber mit schroffer Stimme.

»Eine der Frauen meinte, es werde ihr immer schlechter gehen und sie werde am Ende nur noch ihren Kopf bewegen können«, sagte Diarmid bitter. »Eine andere erklärte, sie werde keine zwei Jahre mehr leben und sollte in ein Kloster gegeben werden. Und der Arzt«, setzte er ärgerlich hinzu, »dieser gebildete Mann, wollte sie täglich zur Ader lassen und ihre Beine amputieren, damit die Schwäche sich nicht ausbreitet. Soll ich einem von ihnen Glauben schenken?«

»Du hast den Arzt hinausgeworfen. Es besteht auch kein Grund, sich solchen Unsinn anzuhören«, sagte Mungo zustimmend. »Aber keiner weiß, was die Ursache ihres Leidens ist, und keiner, nicht einmal du, obwohl du so viel über Medizin weißt, kennt die richtige Behandlung.«

»Ich bin für sie verantwortlich«, knurrte Diarmid. »Ich werde dafür sorgen, daß sie geheilt wird.« Er würde einen Weg finden – sie war seine Nichte, sein Mündel, der Kern des Versprechens, das er seinem Bruder gegeben und nicht gehalten hatte. Diese Gewißheit quälte ihn ständig.

»Bist du so verbissen, weil du weißt, was Brigit von dir glaubt?«

»Daß ich der König der daoine sìth bin und zaubern kann? Teilweise«, gab er betrübt zu. »Ich kann sie davon einfach nicht abbringen. Sie vertraut mir.«

»Sie betet dich an. Und du, Dunsheen, kannst ihr nichts abschlagen.«

»Absolut nichts. Wenn sie mich anlächelt, bin ich verloren.«

Mungo lachte leise. »Ich weiß. Ich habe Töchter. Aber du hast ihr ein voreiliges Versprechen gegeben, als du letzten Sommer abgereist bist, Diarmid.«

Er nickte. Mungo hatte recht, das wußte er. Damals, in einer Nacht, als Brigit vor Schmerzen weinte, nahm sie ihm ein Versprechen ab. Nun mußte er einen Weg finden, diesen unmöglichen Schwur zu erfüllen.

Das Kind verlangte nach Magie. Überzeugt, daß ihr Onkel der König der Elfen sei, glaubte sie, er könne sie durch Zauberkraft heilen. Und er, ein vernarrter, verzweifelter Dummkopf, hatte es ihr versprochen.

Diarmid seufzte und spürte den frischen Herbstwind durch sein langes Haar wehen und seinen Kilt blähen. Er wünschte sich, daß all die Sorgen, die auf seinen Schultern lasteten, fortgeblasen würden. Er brauchte ein bißchen Frieden in seinem Leben; in letzter Zeit fand er nur Chaos vor, wohin er sich auch wandte. Und jetzt nahmen König und Vaterland seine Zeit in Anspruch und forderten seine Ehre auf eine Weise heraus, die ihm sehr mißfiel.

Er sog den Duft der Kiefern ein, den Geruch entfernter Schornsteine und frisch hervorsprudelnden Wassers und lauschte dem Klappern der Hufe und dem Geräusch des Windes. Die Unmittelbarkeit dieser Eindrücke linderte seine Gefühle der Reue und Verzweiflung und erinnerte ihn daran, daß er als Burgherr und Highlander seinem König verpflichtet war.

Diarmid blickte auf seine linke Hand, ballte sie zur Faust, ließ die Finger spielen und spürte den Schmerz und die Steifheit der alten Narben. Er betrachtete sie in ihrer vertrauten Häßlichkeit und dachte dabei über König Roberts Bitte an ihn nach.

Wie so oft schien Mungo seine Gedanken lesen zu können. »Wenigstens kannst du durch diese Aufgabe, die der König und sein Berater dir gegeben haben, nach Dunsheen zurückkehren. Das wolltest du doch.«

Diarmid nickte. »Ich habe gezögert zuzustimmen, aber Gavin Faulkener hat mich davon überzeugt, daß sie meine Hilfe wirklich brauchen. Er ist ein fähiger, guter Mann, und ich vertraue seinem Urteil.«

»Er ist Engländer, oder? Erstaunlich, daß er jetzt einer von Bruces wichtigsten Beratern ist. Bruce hat eine Anzahl starker, treuer und kluger Männer um sich versammelt. Er zählt auch dich dazu, Diarmid. Das ist eine besondere Ehre.«

»Und ich weiß, daß ich dem König für seine Gunst harte Arbeit und unerschütterliche Ergebenheit schulde. Das stellt mich vor schwierige Entscheidungen.« Diarmid fuhr sich mit der Hand durch sein wirres braunes Haar. »Aber ich habe versprochen, den Ehemann meiner eigenen Schwester zu beobachten und jedes Zeichen von Verrat zu melden.«

»Ranald MacSween behauptet, er sei absolut redlich. Er verwaltet Glas Eilean für den König und bewacht es mit Hingabe. Es ist ja auch ein wichtiger Zugang zu den Inseln vom Meer aus.«

»Der König vermutet, daß das alles vorgetäuscht ist. Wenn Ranald sich als Verräter herausstellt, wird meine Schwester darunter leiden.«

»Niemand wird Sorcha beschuldigen. Du und ich, wir würden das doch nie zulassen.«

»Sie wird auf andere Art leiden, und das weißt du«, sagte Diarmid scharf. Er seufzte und rieb sich das stoppelige, unrasierte Kinn. »Was blieb mir für eine Wahl? An der westlichen Küste verbarrikadieren englische Schiffe die Häfen und blockieren damit unsere Handelsstraße. Die Highlander sind aber davon abhängig, Korn und andere Güter zu exportieren. Meine eigenen Galeeren werden für den Seekrieg eingesetzt, und wir sind inzwischen gezwungen, nur noch von irischen Häfen aus Handel zu treiben. Das muß ein Ende nehmen. Dem König ist ein Gerücht aus England zu Ohren gekommen, daß Ranald alles andere als regierungstreu sei. Glas Eilean ist eine der wichtigsten Verteidigungsburgen am Meer.«

»Eine Invasion ist ein zu großes Risiko«, sagte Mungo. »Wenn es eine Verschwörung auf den westlichen Inseln gibt, die Schottland schaden könnte, muß sie aufgedeckt werden.«

»Der König will, daß MacSween beobachtet wird. Vor kurzem hat er das Besitzrecht für Glas Eilean nicht mehr MacSween zugesprochen, sondern Gavin Faulkener, und der hat es seiner Schwester abgetreten, in der Hoffnung, damit einen starken Burgherrn der Highlands anzulocken, der sie heiratet. Gavin kann Glas Eilean nicht selbst verwalten.«

»Ranald muß darüber sehr wütend sein. Wer ist Faulkeners Schwester?«

»Ihr Name ist Micheil«,sagte Diarmid.

Mungo sah ihn mit offenem Mund an. »Die Frau in Perth, die, wie du erzählt hast, vor Jahren die Beinwunde meines Vaters geheilt hat, das ist die Schwester von Gavin Faulkener? Und die Besitzerin von Glas Eilean?«

Diarmid nickte mit grimmiger Miene.

»Du hast mir nie gesagt, wer sie ist. Das sieht dir ähnlich, deine Gedanken so für dich zu behalten.« Mungo holte tief Luft. »Das ist ja ein schöner Schlamassel. Kein Wunder, daß du sie holen und mit nach Dunsheen nehmen willst. Da könntest du ja ein paar Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich nehme an, Gavin weiß, daß du bereits verheiratet bist?«

In Diarmids Wange verhärtete sich ein Muskel. »Das weiß er«, antwortete er knapp. »Ich habe vorgeschlagen, einen meiner Brüder als Ehemann für Lady Michael zu wählen.«

Micheil. Wann immer ihr Name ausgesprochen wurde, war es, als würde ein Blitz in Diarmids Gedanken fahren. So wie MacSween eine noch unbekannte Lösung für das Dilemma des Königs besaß, so hielt auch Michael eine Lösung bereit. Und diese Lösung konnte es Diarmid vielleicht ermöglichen, den Schwur zu halten, den er einem kleinen Kind gegeben hatte.

Magie. Die einzige Magie, die er je gesehen hatte, war aus Michaels Händen geflossen. Aus diesem Grund war er entschlossen, sie zu finden.

»Und sie ist in Perth? Ist sie noch immer eine Heilerin?« wollte Mungo wissen.

»Eine sehr fähige sogar, nach dem, was mir Gavin erzählt hat. Sie hat in Italien eine fundierte medizinische Ausbildung erhalten. Dort hat sie auch geheiratet, und jetzt ist sie verwitwet.« Diarmid hielt stets das Versprechen, das er Michael einst gegeben hatte, und sagte niemandem, was auf dem Schlachtfeld tatsächlich vorgefallen war. Mungo und sein Vater Angus, dessen Bein sie damals heilte, dachten, sie wäre nur eine äußerst fähige und früh gereifte Heilerin.

»Diese Frau müssen wir auf jeden Fall aufsuchen«, sagte Mungo.

»Das finde ich auch«, entgegnete Diarmid sanft. Er galoppierte voraus, Perth entgegen, wo ein Engel wohnte.

2. Kapitel

Schon wieder kein Sonnenschein, dachte Michaelmas und seufzte enttäuscht. Nach neun Jahren in Italien sehnte sie sich hin und wieder nach der wärmenden Sonne, seit sie nach Schottland zurückgekehrt war. Sie stand im Eingang zum Hauptgebäude des Krankenhauses, einen Stapel sauberer, gefalteter Laken im Arm, und hielt das Gesicht in den kühlen Herbstwind. Die Säume ihrer Witwentracht, ein schwarzes Gewand und ein ebenfalls schwarzer Umhang flatterten ihr um die Füße, und der Wind riß an dem Leinenschleier, der ihr Gesicht umrahmte. Sie fröstelte leicht.

»Lady Michaelmas, könntet Ihr so freundlich sein, die Laken hereinzubringen?« Eine herrische weibliche Stimme riß sie aus ihren Gedanken. »Die Schwestern haben bereits vier Betten abgezogen, die frisch gemacht werden müssen.«

»Ich komme, Mutter Agnes.« Michaelmas war im Begriff, ins Haus zu treten, als ihr eine Lichtveränderung auffiel. Sie sah sich um.

In der Ferne, dort, wo die bläulichen Berge sich über den unregelmäßigen Umrissen eines braunen Tals erhoben, sah sie zwei Männer am Flußufer entlangreiten. Michaelmas kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie sie näherkamen. Sie konnte erkennen, daß sie in Plaids gehüllt waren – es mußten Highlander sein. Ihre kräftigen Pferde hielten auf den Berg zu, auf dessen Spitze sich der kleine Krankenhauskomplex befand.

Das Sankt Leonard-Krankenhaus blickte, von einer niedrigen Steinmauer umschlossen, über das Flußtal hinweg. Michaelmas stand oft in der Türe, um die Ankommenden zu beobachten. Täglich kam der Oberarzt und zweimal in der Woche der Apotheker aus der nahe gelegenen Stadt Saint John's Town, die manche Perth nannten. Es kamen auch Besucher und natürlich diejenigen, die medizinische Hilfe benötigten oder einfach nur ein sauberes Bett und etwas zu essen.

Sie runzelte die Stirn, während sie die beiden Reiter beobachtete, und fragte sich, ob sie das Tal auf dem Heimweg in ihre fernen Berge durchquerten. Während der letzten Wochen waren mehrere Highlander hier erschienen, die bei den letzten Feldzügen König Roberts und seiner Armee gegen die Engländer verwundet worden waren.

Der größere der beiden Männer ritt ein schwarzes Pferd und hielt sich mit bemerkenswerter Eleganz im Sattel. Sein dunkles Haar flatterte offen im Wind, und seine Haltung zeugte sogar aus dieser Entfernung von Stärke und Stolz. Sie nahm an, daß er nicht verwundet war. Vielleicht brauchte sein Gefährte Hilfe. Er saß entschieden unbeholfener zu Pferd.

Vielleicht aber wollten sie auch einen der verwundeten Highlander besuchen, die im Krankenhaus gesund gepflegt wurden. Michaelmas sprach fließend Gälisch und diente ihnen daher häufig als Dolmetscherin.

Das gehörte zu den wenigen Dingen, die sie tun durfte. Trotz ihrer medizinischen Ausbildung war es ihr nicht erlaubt, die Patienten zu behandeln. Die Oberin, der Priester und der Oberarzt waren sich darin einig; aber Michaelmas untersuchte dennoch manche Patienten, wenn niemand in der Nähe war.

»Lady Michaelmas, wir warten!« rief die Oberin.

Sie wandte sich rasch um. »Ich komme, Mutter Agnes!«

»Schließt die Tür! Ihr wißt doch, Master James wünscht nicht, daß man seine Patienten der Außenluft aussetzt!«

Michaelmas gehorchte und eilte dann den Hauptgang der weißgetünchten Krankenhalle entlang. Vierundzwanzig Betten standen darin, zwölf auf jeder Seite. Aus dem Halbdunkel einer Ecke des Raumes sah Mutter Agnes sie mit verkniffenem Gesicht an und wandte sich dann den beiden Novizinnen zu, die bei ihr standen. Kurz darauf ging sie zur Tür hinaus. Michaelmas stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Einige der älteren Patienten, die zu zweit in einem Bett lagen, streckten Michaelmas die Hände entgegen, als sie an ihnen vorbeiging. Sie lächelte und begrüßte jeden einzelnen, beeilte sich aber dennoch. Zuviel Zeit war dabei vergangen, die sauberen Laken von der Wäscheleine im Hof zu nehmen. Die Wäscherin war zu beschäftigt damit, die Unmengen schmutziger Kleidung zu scheuern, und deshalb nicht dazu gekommen, die Wäsche hereinzuholen.

»Schwester Marjorie, Schwester Alice, ich bitte um Vergebung«, sagte Michaelmas zu den Novizinnen und legte den schweren Stapel aus Laken und Handtüchern auf den Tisch. »Ich hoffe, ihr habt der Mutter Oberin gesagt, daß es meine Schuld ist, daß die Betten heute morgen noch nicht gemacht wurden.«

Marjorie schüttelte ihren verschleierten Kopf und nahm ein Laken, um es über eine der Strohmatratzen zu breiten. »Das hat die Mutter Oberin gar nicht so gestört. Sie war viel mehr entsetzt über die Dinge, die Bruder Anselm von Euch erzählt hat.«

Michaelmas half Alice dabei, ein anderes Bett frisch zu beziehen. Sie seufzte. »Was hat er denn gesagt?«

»Er hat der Oberin gesagt, er habe Euch gestern dabei gesehen, wie Ihr Jean und die Highlander so behandelt hättet, als wärt Ihr ein Arzt«, sagte Alice. »Und er hat gesagt, die Patienten hätten Euch wieder so genannt. Mutter Agnes war nicht besonders erfreut.«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte Michaelmas trocken.

»Die Oberin sagte, man dürfe nur die Mutter unseres Heilands die ›Wundertätige‹ nennen. Sie sagte« – Alice spitzte die Lippen und faltete die Hände, um Mutter Agnes nachzuahmen – »das ist kein Name für eine einfache Krankenschwester und Witwe eines Sarazenen, die wegen ihrer sündigen Ehe kaum darauf hoffen kann, daß ihr die himmlische Erlösung zuteil werde.«

Marjorie lachte. Michaelmas sagte nichts, sondern faltete nur energisch ein Laken auseinander. Sie ärgerte sich, nicht über Alices kleines Spiel, sondern über die Bemerkung der Oberin. Sie zweifelte nicht daran, daß das eine wörtliche Wiedergabe war.

»Aber sie ist doch keine einfache Krankenschwester«, sagte Marjorie verärgert. »Sie ist eine Ärztin! Und ›Wundertätige‹ oder ›zauberhafte Lady‹ ist genau der richtige Name für unsere Lady Michaelmas. Ihre Berührung ist so süß wie die eines Engels.«

»Mutter Agnes ist neidisch«, sagte Alice. »Sie beneidet Euch um Eure Ehe, Eure Witwenschaft und Eure Ausbildung.«

»Ihr solltet keine Betten machen müssen oder die Patienten baden oder ihnen Arznei verabreichen, die Master James verschrieben hat«, sagte Marjorie. »Das ist die richtige Arbeit für uns, aber nicht für Euch.«

Alice schüttelte ein mit Heidekraut gefülltes Kissen auf. »Ihr könntet so vielen Menschen hier helfen, wenn sie Euch nicht solche Beschränkungen auferlegen würden.« Sie blickte Michaelmas neugierig an. »War Euer Ehemann ein heidnischer Sünder? Könnt Ihr durch diese Heirat wirklich nicht in den Himmel kommen?«

»Ibrahim war ein hervorragender Arzt und ein gütiger Mann«, sagte Michaelmas, während sie eine Bettdecke glattstrich und sich dann dem nächsten Bett zuwandte. »Er war Sarazene, aber seine Mutter war Christin.«

»Doch jetzt seid Ihr Witwe und müßt Euch alleine in der Welt zurechtfinden«, sagte Marjorie mitfühlend. »Werdet Ihr Mitglied in der Badergilde werden, nachdem man Euch das angeboten hat?«

»Ich habe es abgelehnt. Die Gilde würde mir nur gestatten, Zähne zu ziehen, zur Ader zu lassen und kleine Verletzungen zu behandeln. Sie erteilen mir nicht einmal die Erlaubnis, als Hebamme zu arbeiten, wenn ich nicht vorher vier Jahre in die Lehre gehe.«

Marjorie blickte sie entsetzt an. »Aber Ihr könnt genauso viel wie jede Hebamme. Das schwöre ich! Ihr habt so viel für die Frauen getan, die zu uns gekommen sind, um zu gebären.«

Alice faltete ein weiteres frischgewaschenes Laken auseinander. »Bruder Anselm hat der Oberin gesagt, daß Lady Michaelmas auch in ihren Pflichten als Krankenschwester eingeschränkt werden soll, so lange, bis sie ihre Nachforschungen über sie beendet haben.«

Michaelmas seufzte. »Ich streite jetzt seit Monaten um meine Arztlizenz. Sie werden sie mir nie gewähren.«

»Werdet Ihr zur Burg Eures Bruders zurückkehren?« fragte Alice. »Ihr braucht doch nicht um die Gnade der führenden Ärzte von Saint John's Town zu betteln. Ihr könntet reich heiraten, Mylady.«

Michaelmas runzelte die Stirn. »Ich möchte keinen Highlander heiraten, wie mein Bruder das wünscht. Ich habe Fähigkeiten, und ich möchte auch von ihnen Gebrauch machen.«

»Es muß doch irgendwo ein Krankenhaus geben, in dem eine Ärztin willkommen ist«, beharrte Marjorie.

»Es könnte sein, daß dieses Krankenhaus nicht in Schottland liegt«, sagte Michaelmas entmutigt. »Aber genug davon, meine Mädchen, wir haben einiges zu erledigen.« Sie wies auf die Patienten, die so lange mit in den Betten anderer liegen mußten, bis ihre eigenen frisch bezogen waren. Die beiden Mädchen wandten sich ab, um die Männer zu ihren Betten zurück zu geleiten.

»Alice, bitte hol die morgendlichen Arzneien«, befahl Michaelmas. »Ich werde dir helfen, sie zu verabreichen. Und du, Marjorie, kannst damit anfangen, den Patienten Hände, Gesichter und Füße zu waschen. In dem Kessel beim Kamin müßte genügend warmes Wasser sein. Sei bitte auch so gut und laß sie den Mund mit Minzwasser ausspülen.« Die Mädchen nickten und entfernten sich, um ihre Aufgaben zu erledigen.

Michaelmas wandte sich einer alten Frau zu, die allein in einem Bett lag. Sie trug eine gestrickte Haube auf dem spärlichen weißen Haar, und mehrere Decken waren bis zu ihren bloßen, knochigen Schultern hinaufgezogen. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Kopf zitterte leicht vor Altersschwäche.

»Mistress Jean«, begrüßte Michaelmas sie. »Wie geht es Euch heute morgen?«

Die Frau öffnete ihre braunen Augen, die mit dem Alter eine fahle Schlammfarbe angenommen hatten. »Die wundertätige Lady! Ihr seid noch hier. Ich dachte, Ihr würdet uns verlassen, nach all dem Ärger, den Ihr mit der Oberin habt.«

»Ach, Jean, würde ich denn gehen, ohne Euch Lebewohl zu sagen?« Während sie sprach, nahm Michaelmas das Handgelenk der alten Frau, um ihren Puls zu fühlen.

Jeans Gesicht verzog sich zu einem zittrigen Lächeln. »Ich werde Euch wohl zuerst verlassen, Liebes. Ich bin sehr alt.« Sie schloß die Augen.

Michaelmas schwieg und zählte, wartete ab, maß den Rhythmus des Pulsschlags. Der schwache Puls flatterte unter ihren Fingern wie die Flügel eines gefangenen Schmetterlings. Von Ibrahim hatte sie gelernt, wie man den Rhythmus eines alten Herzens erkennen konnte, das dem endgültigen Schweigen entgegenschlug. Jean blieben nur noch einige Wochen, vielleicht auch nur Tage.

Sie legte den Arm der Frau sanft auf die Decken. »Was soll ich Euch Gutes zum Mittagessen bringen, Jeanie?« fragte sie. »Wie wäre es mit ein paar Leckereien? Aber Ihr müßt versprechen, Mutter Agnes nichts davon zu sagen.«

»Wie denn, noch mehr Ärger mit der Oberin? Sie war schon böse, als Ihr ihr gesagt habt, daß ich ein Bett für mich allein bräuchte. Sie ist wie ein Falke, der Euch jagt. Ich warne Euch, sie wird Euch noch in Schwierigkeiten bringen.«

»Macht Euch keine Sorgen um mich«, sagte Michaelmas sanft. »Da kommt Alice mit dem Salbeitrank, den Euch Master James verschrieben hat.«

Jean verzog angewidert das Gesicht, doch dann riß sie die Augen weit auf. »Oh, wer ist denn das?« fragte sie neugierig und blickte zur Tür. »Zwei junge Wilde!« Sie klang entzückt.

Michaelmas fuhr überrascht herum. Auf der Schwelle zur Krankenhalle standen zwei Highlander und blickten sich schweigend um. Jean hatte recht: Ihre dicken, grünschwarzen Plaids, ihre ungekämmten Haare und ihre nackten Beine machten in der Tat einen höchst wilden Eindruck. Es waren die Männer, die Michaelmas durch das Tal hatte reiten sehen.

Der Blick des größeren Mannes erfaßte quer durch den Raum den ihren und blieb auf sie gerichtet. Die rauhe Kraft seiner hellen Augen ließ sie rasch den Blick senken; sie betrachtete seine geschnürten Lederstiefel, seine muskulösen Beine und seinen breiten Ledergürtel, an dem ein Dolch schimmerte.

Ihr Blick glitt wieder an ihm hinauf, wie von der Gewalt seiner Augen angezogen. Sie bemerkte seine Lederweste, seine breiten, in ein Leinenhemd gehüllten Schultern unter dem verschlungenen Plaid, der mit einer Brosche befestigt war, und die von dunklen Bartstoppeln bedeckte, starke Säule seines Halses. Sein Gesicht beeindruckte sie: Es war hager und hart, mit regelmäßigen Zügen und umrahmt von langem, wirrem braunem Haar.

Dann wandte er sich ab und unterbrach den fesselnden Blickkontakt, um seinem Begleiter etwas zuzuraunen. Dieser war in einen ähnlichen, grünschwarz gemusterten Plaid gehüllt und schien ein wenig älter als der andere Mann zu sein. Mit seinem gefurchten Gesicht, den strähnigen braunen Haaren und seinem furchterregend finsteren Gesichtsausdruck sah er jedoch ebenso wild aus.

»Das werden weitere Highlander sein, die von den Feldzügen gegen die Engländer im Süden bierhergekommen sind«, murmelte Alice. Sie war neben Michaelmas getreten, in den Händen ein Tablett mit Arzneien in hölzernen Bechern. »Sie sehen allerdings gesund aus. Vielleicht brauchen sie Verpflegung und eine Unterkunft. Der eine schaut Euch direkt an, Mylady«, sagte sie. »Kennt Ihr ihn?«

»Nein«, sagte Michaelmas.

»Nun, das sind gutaussehende Burschen, laßt sie rein«, krächzte Jean. Alice lachte und reichte ihr einen der Becher.

Michaelmas wandte sich um und ging auf die Männer zu. Sie hielt die Hände in gesetzter Manier gefaltet, ihr verschleierter Kopf aber war hoch erhoben. »Kann ich Euch helfen?« fragte sie auf gälisch. »Seid Ihr gekommen, um die anderen Highlander zu besuchen? Sie sind dort drüben, ganz am anderen Ende des Raumes.«

»Wir kennen sie nicht«, erwiderte der größere Mann auf gälisch. Seine Stimme klang tief, kraftvoll und erstaunlich sanft. »Ich bin gekommen, um Euch zu besuchen, wenn Ihr Micheil seid, die Halbschwester von Gavin Faulkener.« Er blickte sie an und neigte höflich den Kopf.

Sie sah ihn überrascht an, doch dann wurde ihr klar, daß Gavin diese Männer mit einer Nachricht zu ihr geschickt haben mußte. Da sie wußte, daß es keine genaue gälische Entsprechung ihres englischen Namens gab, berichtigte sie seinen Irrtum nicht. Aber die vertraute, ungezwungene Art, wie er Micheil sagte, ließ eine lange verschüttete Erinnerung in ihr aufsteigen, die sie noch nicht ganz erfassen konnte.

»Wie kommt es, daß Ihr mich kennt?« fragte sie. »Hat Gavin Euch geschickt?«

»Euer Bruder hat mir gesagt, wo ich Euch finden kann.«

»Geht es ihm gut? Habt Ihr eine Nachricht für mich?«

»Es geht ihm gut, aber ich habe keine Nachricht. Ich bin aus eigenem Antrieb gekommen, um Euch zu bitten, Euch eine Patientin anzusehen.«

Gavin mußte dem Mann von ihrem medizinischen Wissen erzählt haben, aber ihr Bruder wußte nichts von den Schwierigkeiten, mit denen sie hier zu kämpfen hatte. »Es ist mir hier nicht erlaubt, mich als Ärztin zu betätigen. Ihr müßt Euch an den Vorsteher des Krankenhauses wenden. Er wird später hier sein.« Sie nickte zum Abschied und eilte quer durch den Raum fort, doch sie spürte, daß ihr der durchdringende Blick des Highlanders folgte.

Sie blieb bei zwei Betten stehen, in denen vier verletzte Männer lagen, deren Wunden operiert worden waren. Sie prüfte die Verbände und fühlte, ob sie Fieber hatten. Die Stirn eines Mannes schien ihr übermäßig warm, und die operierte Wunde an seinem Bein war gerötet und heiß. Sie drehte sich um, als Alice mit einem weiteren hölzernen Becher zu ihr kam.

»Mutter Agnes schickt das. Die operierten Patienten sollen es trinken«, sagte Alice und reichte den Becher von einem Mann zum nächsten weiter. »Es sind schmerzstillende Kräuter in Wein und Zucker. Und sie sagt, Ihr sollt die Verbände nicht wechseln. Sie wird das später selbst tun.«

»Nun gut«, sagte Michaelmas. »Aber sag ihr, daß dieser Mann hier einen Trank gegen das Fieber braucht. Seine Wunde muß gereinigt werden, sie beginnt zu eitern. Man muß sie möglicherweise aufschneiden.«

»Das wird Master James entscheiden«, ließ sich die gestelzte Stimme der Oberin vernehmen. »Er sagt, Eiter sei heilsam.«

Michaelmas wandte sich rasch um. Mutter Agnes stand hinter ihr, die Hände über ihrem elfenbeinernen Rosenkranz gefaltet, den scharfen Blick auf Michaelmas gerichtet. Bruder Anselm, ein kleiner, dunkler Mann, war bei ihr.

»Mutter Agnes«, erwiderte Michaelmas. »Bruder Anselm, seid gegrüßt.« Der Priester nickte, und seine braunen Augen blickten grimmig.

»Arabische Ärzte raten dazu, eiternde Wunden zu reinigen«, sagte Michaelmas. »In diesem Fall wäre das die beste Behandlung.«

»Alice, geh und schau, was diese Highlander hier wollen«, bellte die Oberin. Alice nickte und zog sich zurück. Mutter Agnes wandte sich mit wütendem Blick an Michaelmas. »Lady Michaelmas, darf ich Euch daran erinnern, daß wir Eurer medizinischen Ratschläge nicht bedürfen? Wir haben einen fähigen Arzt. Wenn Ihr nicht damit aufhören könnt, die Patienten zu untersuchen, werden wir Euch entlassen – oder Schlimmeres.«

»Schlimmeres?« fragte Michaelmas.

»Durch Eure Taten bringt Ihr Euch in Gefahr, exkommuniziert zu werden«, sagte Bruder Anselm. »Und Ihr gefährdet Leben. Was geschieht, wenn Ihr einen Fehler macht? Master James setzt seine Nachforschungen über Euer Verhalten fort.«

Michaelmas preßte die Hände zusammen und wartete darauf, daß der Priester fortfahren würde. Verstohlen blickte sie zur Tür, wo noch immer die beiden Highlander standen. Alice sprach sie an, doch der größere winkte lebhaft ab. Sie standen auf der Schwelle wie zwei starke Wächter. Michaelmas wandte den Blick ab. Sie fühlte sich merkwürdig sicher.

»Wir wissen, daß Ihr den Patienten heimlich den Puls fühlt und daß Ihr den Körper von Frauen und von Männern berührt«, sagte der Priester. »Ihr untersucht die intimsten Körperflüssigkeiten der Patienten in Glasphiolen, wie es Ärzte tun. Ein solches Verhalten erfüllt uns mit Abscheu.«