DIENER DER FINSTERNIS - Dennis Wheatley - E-Book

DIENER DER FINSTERNIS E-Book

Dennis Wheatley

2,0

Beschreibung

Dennis Wheatley (* 8. Januar 1897; + 10. November 1977) war einer der bekanntesten und erfolgreichsten englischen Autoren des Okkult-Horror-Romans. Er sagte über seinen Roman DIENER DER FINSTERNIS:"Sollte sich irgendwer unter meinen Lesern zu einem ernsthaften Studium dieses Gebietes entschließen, so fühle ich mich dazu verpflichtet, ihn nachdrücklich davor zu warnen, sich in irgendeiner Form an der Ausübung der Schwarzen Kunst zu beteiligen (oder beteiligen zu lassen). Meine eigenen Beobachtungen haben mich zu der sicheren Überzeugung geführt, dass er sich ansonsten Gefahren einer überaus realen und konkreten Natur aussetzt."DIENER DER FINSTERNIS wurde im Jahr 1967 von dem legendären Hammer-Studio verfilmt (deutscher Verleihtitel: Die Braut des Teufels, Regie: Terence Fisher), mit Christopher Lee als Herzog von Richleau, Niké Arrighi als Tanith Carlisle, Leon Greene als Rex Van Ryn und Sarah Lawson als Marie Eaton. Der Roman erscheint als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe APEX HORROR.

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DENNIS WHEATLEY

Diener der Finsternis

Roman

Apex Horror, Band 21

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

DIENER DER FINSTERNIS

Vorbemerkung des Autors

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

XXXII.

Das Buch

Dennis Wheatley (* 8. Januar 1897; + 10. November 1977) war einer der bekanntesten und erfolgreichsten englischen Autoren des Okkult-Horror-Romans. Er sagte über seinen Roman Diener der Finsternis:

»Sollte sich irgendwer unter meinen Lesern zu einem ernsthaften Studium dieses Gebietes entschließen, so fühle ich mich dazu verpflichtet, ihn nachdrücklich davor zu warnen, sich in irgendeiner Form an der Ausübung der Schwarzen Kunst zu beteiligen (oder beteiligen zu lassen). Meine eigenen Beobachtungen haben mich zu der sicheren Überzeugung geführt, dass er sich ansonsten Gefahren einer überaus realen und konkreten Natur aussetzt.«

Diener der Finsternis wurde im Jahr 1967 von dem legendären Hammer-Studio verfilmt (deutscher Verleihtitel: Die Braut des Teufels, Regie: Terence Fisher), mit Christopher Lee als Herzog von Richleau, Niké Arrighi als Tanith Carlisle, Leon Greene als Rex Van Ryn und Sarah Lawson als Marie Eaton. Der Roman erscheint als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe APEX HORROR.

DIENER DER FINSTERNIS

Für

MERVYN BARON

den ich in diesen Tagen viel zu wenig sehe,

dessen Freundschaft mir aber in guten wie in

schlechten Zeiten viel bedeutet hat.

D. W.

  Vorbemerkung des Autors

Ich möchte feststellen, dass ich persönlich nie an einer Zeremonie beteiligt war, die in irgendeiner Form mit Magie in Verbindung stand - schwarzer oder weißer.

Die Literatur über Okkultismus ist so umfangreich, dass jeder interessierte Schriftsteller aus ihr genügend Material für den Hintergrund eines Romans wie diesem beziehen kann. Alle Charaktere und Ereignisse in diesem Buch sind selbstverständlich frei erfunden, aber bei der Materialsammlung, die zu seiner Vorbereitung nötig war, stieß ich auf schwerwiegende Beweise, dass Schwarze Magie bis auf unsere Tage in London und in anderen Städten praktiziert wird.

Sollte einer meiner Leser sich zu einem ernsthaften Studium dieses Gebietes entschließen und so in Kontakt zu einem Mann oder einer Frau der Macht kommen, fühle ich mich verpflichtet, ihn nachdrücklich davor zu warnen, sich in irgendeiner Form an der Ausübung der geheimen Kunst beteiligen zu lassen.

Meine eigenen Beobachtungen haben mich zu der sicheren Überzeugung geführt, dass er sich sonst Gefahren einer sehr realen und konkreten Natur aussetzt.

- Dennis Wheatley

  I.

Der Herzog de Richleau und Rex van Ryn, sein amerikanischer Freund, hatten sich um acht Uhr zum Dinner gesetzt, aber als der Kaffee serviert wurde, war es schon nach zehn.

Jedes Mal, wenn sein Freund in England eintraf, pflegte der Herzog in seinem Haus in der Curzon Street ein Essen zu geben, und Rex hatte mit einem Appetit, der seiner mächtigen Statur entsprach, jedem der erlesenen Gänge und den ausgesuchten Weinen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Die beiden so unterschiedlichen Männer speisten heute zum ersten Mal bei dieser Gelegenheit allein. Zu ihren gemeinsamen Freunden gehörten Richard Eaton, der vor kurzem die bezaubernde Marie Lou geheiratet hatte, und Simon Aron, ein englischer Jude. Der Herzog hatte die jungen Menschen auf seinen Reisen kennengelernt und lud sie, soweit es ihre Zeit erlaubte, gerne zu sich ein. Richard und Marie Lou lebten jetzt mit ihrer kleinen Tochter Fleur in ihrem Landhaus Cardinals Folly in der Nähe von Kidderminster, aber Simon war in London. Während Rex aus dem Zedernholzkästchen, das ihm der Diener präsentierte, eine lange Hoyo de Monterrey wählte, dachte er darüber nach, was Simon veranlasst haben könne, dem Treffen fernzubleiben. Er hatte den Herzog danach gefragt, doch dieser hatte mit so auffallender Zurückhaltung geantwortet, dass Rex fühlte, irgendetwas sei absolut nicht in Ordnung.

Langsam ließ er den wundervollen alten Brandy des Herzogs im Schwenker kreisen und wartete darauf, dass der Diener den Raum verließ. Dann setzte er das Glas ab und sprach den Herzog unvermittelt an: »Ich glaube, es ist an der Zeit, dass du mir die Wahrheit sagst. Warum ist Simon nicht hier?«

»Ja, warum, mein Freund?« wiederholte der Herzog. »Ich habe ihm gesagt, dass du heute in London eintriffst, und ihn eingeladen, aber er war nicht geneigt, uns die Ehre zu geben.«

»Ist er krank?«

»Nein, soweit ich weiß, nicht. Jedenfalls war er heute in seinem Büro.«

»Dann muss er eine Verabredung haben, die er unmöglich rückgängig machen konnte, oder eine äußerst wichtige Arbeit. Anders kann ich mir das nicht erklären.«

»Er ist, ganz im Gegenteil, heute Abend allein zu Hause. Er hat sich damit entschuldigt, dass er sich für ein in Kürze stattfindendes Bridge-Turnier ausruhen müsse.«

»Ein Bridge-Turnier!«, rief Rex ärgerlich aus. »Das kann ich einfach nicht glauben! Für meine Begriffe ist da etwas nicht in Ordnung. Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

»Vor ungefähr drei Monaten.«

»Das ist doch nicht möglich!« Rex schob den Onyx-Aschenbecher beiseite und beugte sich über den Tisch. »Ihr habt doch nicht etwa Streit gehabt?«

De Richleau schüttelte den Kopf. »Rex, wenn ein Mann in meinem Alter, der keine Kinder hat, zwei junge Männer kennenlernt, die ihm ihre Zuneigung schenken und alle Eigenschaften besitzen, die er sich bei einem eigenen Sohn gewünscht hätte, dann streitet er nicht mit ihnen.«

»Aber ihr habt euch früher zwei- oder dreimal in der Woche getroffen. Nun sag schon - was weißt du?«

Der Herzog schoss einen Blick seiner grauen, durchdringenden Augen zu Rex hinüber. »Das ist es ja gerade. Ich weiß gar nichts. Und als ich letztes Wochenende in Cardinals Folly war, konnten mir auch Richard und Marie Lou nichts über Simon sagen.«

»Dann fürchtest du, dass Simon, wie er selbst sagen würde, in der Patsche sitzt?«

De Richleau nickte.

»Um was mag es sich handeln?« überlegte Rex. »Ich kann mir nichts denken, was ihn daran hindern würde, sich an uns zu wenden.«

»Geld«, meinte der Herzog, »ist ein Thema, über das ein so eigenwilliger, feinfühliger Mensch nicht einmal mit seinen engsten Freunden sprechen möchte.«

»Das kann es nicht sein. Mein alter Herr hat eine sehr hohe Meinung von Simons Fähigkeiten. Er nimmt einen Großteil unserer Interessen in England wahr. Hätte er sich geschäftlich die Finger verbrannt, dann hätten wir davon erfahren. Mir kommt es eher so vor, als stecke eine Frau dahinter.

»Nein.« Ein leicht ironisches Lächeln huschte über de Richleaus Gesicht. »Ein Mann, der liebt, sucht bei seinen Freunden Glückwünsche oder Mitgefühl, je nachdem, wie die Sache läuft. Dieser Grund scheidet auch aus.«

Eine Weile sahen sich die Freunde schweigend an.

»Hast du zufällig einmal von einem Mr. Mocata gehört, Rex?«, fragte der Herzog plötzlich.

»Nein. Wer ist das?«

»Ein neuer Freund von Simon, der seit einiger Zeit bei ihm wohnt.«

»Was - in seinem Club?«

»Nein, nein. Simon wohnt nicht mehr in seinem Club. Er hat sich am Ende einer dieser ruhigen Sackgassen in St. John's Wood ein altes, verbautes Haus gekauft - angeblich, weil er einen Garten haben wollte.«

»Simon! Einen Garten!« Rex lachte vor sich hin. »Das ist gut. Sein botanisches Interesse erstreckte sich bisher nur auf die Blumensträuße, die er den Damen seiner Bekanntschaft schickt. Was tut übrigens Simon als Junggeselle mit einem großen Haus?«

»Vielleicht könnte Mr. Mocata dir das sagen«, murmelte de Richleau, »oder der seltsame Diener, den er importiert hat.«

»Hast du Mocata je zu Gesicht bekommen?«

»Ja, vor sechs Wochen habe ich einmal in dem Haus vorgesprochen. Simon war nicht da, und so empfing mich Mocata.«

»Was hältst du von ihm?«

»Er missfiel mir außerordentlich. Er ist ein dickbäuchiger, kahlköpfiger Sechziger mit vorstehenden Fischaugen und einem abstoßenden Lispeln.«

»Und der Diener, den du erwähntest?«

»Ich sah ihn nur für einen Augenblick, als er durch die Halle ging, und er erinnerte mich höchst unangenehm an den schwarzen Mann, mit dem man mich als Kind erschreckt hat.«

»Ist es ein Schwarzer?«

»Eigentlich nicht. Er hat dunkle Hautfarbe und erinnert an einen Malagassen.«

Rex runzelte die Stirn. »Was ist denn das?«

»Malagassen nennt man die von Negern und Polynesiern abstammenden Bewohner Madagaskars. Sie sind ein eigenartiges Volk. Bei dem einen Blick, den mir dieser riesengroße Kerl zuwarf, hatte ich den lebhaften Wunsch, ihm nicht noch einmal zu begegnen.«

»Was du mir erzählst, ist genug, dass ich mir um Simon Sorge mache«, erklärte Rex.

Der Herzog legte die lange graublaue Asche seiner Zigarre ab. »Man kann kaum noch daran zweifeln, dass Simon in eine höchst seltsame Angelegenheit verwickelt worden ist. Ich wollte nur, ehe ich mich unberufen einmische, deine Ansicht hören. Also, die Frage ist: Was tun wir jetzt?«

»Handeln!« Rex stieß seinen Stuhl zurück und richtete sich zu seiner ganzen beträchtlichen Länge auf. »Wir fahren zu diesem Haus und sprechen mit Simon ein offenes Wort, und zwar sofort!«

»Ich habe erwartet, dass du diesen Vorschlag machst«, antwortete de Richleau lächelnd, »deshalb habe ich bereits für halb elf den Wagen bestellt. Sollen wir gehen?«

  II.

»Was für eine scheußliche Gegend! Wir könnten ebenso gut auf einem Friedhof sein«, bemerkte Rex, als der Hispano des Herzogs in einer dunklen Sackgasse zum Halten kam. Die beiden Freunde stiegen aus und schauderten in dem kalten Aprilregen. »Sieh mal! Simon hat oben auf seinem Haus ein Observatorium.«

»Tatsächlich. Das habe ich bei meinem letzten Besuch gar nicht gesehen.« Der Herzog drückte den Klingelknopf.

Ein schweigender Diener öffnete und ließ sie in die Eingangshalle treten, wo an der abgelegten Garderobe zu erkennen war, dass Simon Gäste hatte.

»Vielleicht hat Mr. Aron eine Besprechung und möchte nicht gestört werden«, sagte Rex. Der Diener antwortete nicht.

»Der Bursche ist bestimmt taubstumm«, flüsterte der Herzog.

Durch eine lange, schmale Halle kamen sie in einen großen Salon, der im Louis-XVI.-Stil eingerichtet war. Rex hielt den Atem an, aber nicht wegen der luxuriösen Einrichtung. Er fasste de Richleaus Arm. »Mein Gott, sie ist hier!« Seine Augen hingen an einem hochgewachsenen, anmutigen Mädchen, das gerade mit Simon sprach.

Dreimal in den letzten achtzehn Monaten hatte er durch Zufall dieses Gesicht gesehen, dessen unergründliche Augen unter schweren Lidern voller Geheimnisse schienen und der Schönheit des Mädchens eine seltsame Alterslosigkeit gaben, so dass sie trotz ihrer offensichtlichen Jugend alt war, so alt wie - ja, so alt wie die Sünde, dachte Rex bei sich. Ein Gesicht, das man nicht mehr vergaß.

Zum ersten Mal hatte er sie in einem Restaurant in Budapest gesehen und Monate später während eines Verkehrsstaus in New York, als ihr Wagen dicht neben seinem gestanden hatte. Dann begegnete sie ihm seltsamerweise zehn Meilen außerhalb von Buenos Aires, wo sie mit drei Männern einen Weg entlangritt. Welche angenehme Überraschung war es, dass er sie hier und jetzt wieder traf - und welch ein unwahrscheinlicher Zufall. Rex lächelte bei dem Gedanken, dass Simon nicht umhin kommen würde, ihn ihr vorzustellen.

De Richleaus Augen ruhten auf Simon. Dieser drehte sich plötzlich zu ihnen um und geriet in äußerste Verlegenheit. In seinen dunklen Augen schien sogar so etwas wie Furcht zu stehen. Doch beinahe sofort fing er sich wieder und begrüßte sie mit seinem alten, freundschaftlichen Lächeln.

»Mein lieber Simon, wie können wir uns nur dafür entschuldigen, dass wir derart formlos bei dir eindringen?«, fragte der Herzog.

»Wir hatten keine Ahnung, dass du eine Party gibst«, setzte Rex hinzu, indem er dem Mädchen nachsah, das inzwischen auf eine weitere Frau und drei Männer im Hintergrund des Salons zugegangen war.

»Aber ich freue mich - nur ein paar Freunde - Treffen einer kleinen Gesellschaft, der ich angehöre«, stammelte Simon. »Es tut mir sehr leid, dass ich heute Abend nicht zu unserem Dinner kommen konnte«, setzte er mit offenbarer Aufrichtigkeit hinzu. »Ich wollte mich für mein Bridge-Turnier ausruhen, und erst um sechs Uhr fiel mir wieder ein, dass diese Leute kommen würden.«

»Da hast du ja Glück gehabt, dass du so gut mit Vorräten eingedeckt warst, Simon.« Der Herzog blickte auf ein kaltes Büfett, das eines Grandhotels würdig gewesen wäre.

»Oh, ich habe im Berkeley angerufen. Dort lässt man mich nie im Stich. Ich hätte euch auch eingeladen, aber dieses Treffen wird für euch ziemlich - äh - langweilig sein.«

»Langweilig? Ganz bestimmt nicht. Doch wir halten dich von deinen anderen Gästen ab.« De Richleau machte eine Geste in den Raum hinein.

Rex legte eine große Hand auf Simons Arm und schob ihn behutsam weiter in den Salon. »Keine Sorge, wir trinken ein Glas Wein und verschwinden wieder.«

Simons flackernder Blick streifte den Herzog, der Simons Widerstreben, sie mit seinen anderen Gästen bekannt zu machen, betont ignorierte. Es amüsierte de Richleau, dass Simon, schließlich doch dazu gezwungen, keine Namen nannte.

»Äh - äh - zwei gute alte Freunde von mir«, erklärte er mit seinem kleinen, nervösen Husten. Der fleischige, mondgesichtige Mann, den de Richleau bereits als Mocata kannte, lispelte: »Es ist mir ein Vergnügen, Freunde von Simon willkommen heißen zu dürfen.«

Der Herzog verbeugte sich eisig. Er fand, es genüge vollauf, wenn Simon ihn in seinem eigenen Haus willkommen heiße. Dann wandte er sich der älteren Dame zu, die neben Mocata saß. Sie war reich gekleidet und brach unter der Last ihrer Juwelen beinahe zusammen. Zwischen den Fingern hielt sie den Stummel einer dicken Zigarre, an del-sie heftig paffte.

»Madame.« Der Herzog zog ein Etui aus der Tasche, das seine langen Hoyos enthielt. »Ihre Zigarre ist fast zu Ende. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen eine von meinen anbiete.«

Sie streckte eine fette, beringte Hand aus. »Isch danke Ihnen, Monsieur. Wie isch se'e, sind Sie ein Connaisseur.« Anerkennend schnüffelte sie mit ihrer Papageienschnabelnase an der Zigarre. »Aber isch 'abe Sie bei unseren frü'eren Treffen noch nie ge- se'en. Wie ist Ihr Name?«

»De Richleau, Madame. Und der Ihre?«

»Je suis Madame d'Urfé, Sie werden von mir ge'ört 'aben.«

»Gewiss.« Der Herzog verbeugte sich erneut. »Was werden wir wohl bei dem heutigen Treffen zu erwarten haben?«

»Wenn der 'immel sich aufklärt, werden wir viel erfahren«, antwortete die alte Dame dunkel.

Sieh an, wir werden also wohl Gebrauch von Simons Observatorium machen, dachte der Herzog. Doch bevor er die ältliche Französin weiter aushorchen konnte, wurde er geschickt von Simon unterbrochen.

»Hast du das Studium der Sterne aufgenommen, mein Freund?« Der Herzog ließ sich von Simon an das Büfett führen.

»Äh - ja, ich finde Astronomie sehr interessant. Möchtest du etwas Kaviar?«

»Dann hast du das Haus des Observatoriums wegen gekauft?« De Richleau bemerkte, dass Rex bereits in ein intensives Gespräch mit dem goldhaarigen Mädchen vertieft war.

»Ja, wir müssen in einer klaren Nacht mal zusammen ein paar Sterne betrachten«, antwortete Simon.

Über Simons Schulter studierte der Herzog die beiden anderen anwesenden Männer. Der eine, der gerade mit Mocata sprach, war ein Albino. Der andere, der vor sich hin murmelnd auf und ab ging, wirkte mit seinem grünen Überwurf, dem ingwerfarbenen Kilt und dem flatternden Haar wie ein irischer Barde. Drei weitere Gäste trafen ein, die sein Urteil über die Gesellschaft nicht verbesserten: Ein Chinese in der Robe eines Mandarins, ein Eurasier mit nur einem Arm, und zwar dem linken, und eine große, dünne Frau mit über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Augenbrauen.

Mocata begrüßte die Neuankömmlinge, als sei er der Gastgeber. Simon verließ den Herzog schnell, um außer Hörweite zu kommen, aber die schrille Stimme der Frau war deutlich zu verstehen.

»Nun, Simon, Sie sind wohl schon ganz aufgeregt, was wir heute Nacht erfahren werden? Es wird uns sehr nützlich sein, dass dies Ihre Geburtskonjunktion ist.«

Aha, sagte de Richleau zu sich selbst. Jetzt beginne ich zu verstehen, und diese Zusammenkunft gefällt mir immer weniger. Laut fragte er Simon: »Wie sagtest du eben? Interessierst du dich für Astronomie oder für Astrologie? Das ist nämlich ein beträchtlicher Unterschied.«

»Für Astronomie natürlich. Möchtest du noch etwas Champagner?«

»Danke, nein. Vielleicht später.« Der Herzog unterdrückte ein Lächeln, als er bemerkte, dass Simon mit Mocata, der die Frage gehört hatte, einen schnellen Blick austauschte.

»Ich wünschte, heute wäre eine unserer üblichen Zusammenkünfte«, fuhr Simon verlegen fort. »Dann würde ich euch bitten zu bleiben. Aber wir wollen den Jahresbericht der Gesellschaft durchgehen, und da du und Rex keine Mitglieder seid...«

»Verstehe, verstehe, mein Junge.« Der Herzog war fest entschlossen, nicht eher zu gehen, als bis er herausgefunden hatte, was hier gespielt wurde. »Ich wäre schon längst gegangen, wenn nicht Rex so interessiert an der jungen Dame in Grün wäre. Ich wollte ihm noch ein bisschen Zeit lassen.«

Ein fetter Babu mit lachsfarbenem Turban betrat den Salon und schüttelte Mocata die Hand. Hinter ihm kam ein rotgesichtiger Teutone mit einer Hasenscharte. Letzterer begrüßte Simon mit den Worten: »Nun, Abraham, wie geht es?« Der dicke Inder unterbrach ihn: »Vor der großen Nacht dürfen Sie ihn noch nicht so nennen, das bringt Unglück.«

Simon verließ die beiden mit geradezu unanständiger Hast, um de Richleau nicht mit ihnen Zusammenkommen zu lassen. Dieser fragte lächelnd: »Willst du deinen Namen ändern?«

»Nein.« Simon schüttelte heftig den Kopf. »Das ist nur ein Scherz innerhalb unserer Gesellschaft - so eine Art Einweihungszeremonie. Ich bin noch kein Vollmitglied.«

»Ihr habt Zeremonien in eurer astronomischen Gesellschaft? Wie interessant!« Der Herzog bemerkte, dass Mocata Simon ein Zeichen machte und dann zu der vergoldeten Uhr auf dem Kaminaufsatz hinsah. Deshalb rief er aus: »Himmel! Schon zwanzig nach elf! Ich fürchte, jetzt muss ich Rex doch von dieser bezaubernden jungen Dame wegreißen.«

Rex grinste glücklich, als der Herzog und Simon sich ihm näherten. »Darf ich Ihnen meinen Freund de Richleau vorstellen?« wandte er sich an das Mädchen. »Herzog, das ist Miss Tanith.«

De Richleau zog ihre lange, beinahe transparente Hand an seine Lippen. »Welches Unglück habe ich doch«, erklärte er mit altmodischer Galanterie, »dass ich Ihnen in dem Augenblick vorgestellt werde, wo ich mich von Ihnen verabschieden muss und vielleicht noch Ihr Missfallen auf mich ziehe, indem ich Ihnen Ihren neuen Freund entführe.«

Sie betrachtete ihn mit großen, klaren bernsteinfarbenen Augen. »Aber Sie werden doch sicher nicht vor Beginn der Zeremonie fortgehen?«

»Ich fürchte, wir müssen. Sehen Sie, wir sind keine Mitglieder Ihres - Zirkels, nur alte Freunde von Simon.«

Ihr Blick wurde unsicher und ärgerlich. Der Herzog konnte sich vorstellen, dass sie ihr Gedächtnis nach unvorsichtigen Äußerungen durchforschte, die ihr während der Unterhaltung mit Rex entschlüpft sein mochten. Dann zuckte sie leicht die Schultern, entließ beide mit einem kurzen Kopfnicken und wandte sich kalt ab.

Der Herzog nahm freundschaftlich Simons Arm, und die drei Freunde verließen den Salon. »Hättest du wohl, ehe wir gehen, noch zwei Minuten Zeit für mich?«, fragte er.

»Aber natürlich.« Simon schien zu seiner alten Herzlichkeit zurückgefunden zu haben. »Ich werde mir nie verzeihen, dass ich unser Dinner versäumen musste. Dieses blödsinnige Treffen! Jetzt, wo Rex da ist, müssen wir uns wieder öfters sehen.«

»Das müssen wir«, stimmte de Richleau zu. »Sag mal, steht Mars heute Nacht nicht in Konjunktion zu Venus?«

»Nein, zu Saturn«, erwiderte Simon prompt. »Deshalb sind ja alle hergekommen.«

»Ah, Saturn! Meine Astronomie ist ziemlich eingerostet, ich habe nur eine Notiz in der Zeitung darüber gelesen. Früher habe ich mich sehr dafür interessiert. Ist es zu viel verlangt, mein Junge, wenn ich einen kurzen Blick durch dein Teleskop werfen möchte? Wir werden dich kaum fünf Minuten aufhalten.«

Simon zögerte beinahe unmerklich. »Das lässt sich machen - sie sind noch nicht alle da. Kommt mit hinauf.« Er führte sie drei Stockwerke hoch.

»Du scheinst dich wirklich ernsthaft hineinzuknien«, bemerkte Rex mit einem Blick auf das mächtige Teleskop, ein ganzes Arsenal von Sextanten und anderen astronomischen Gerätschaften.

»Es ist eine ganz exakte Wissenschaft«, beteuerte Simon.

»Das schon«, stimmte der Herzog zu. »Mich nimmt es nur wunder, dass du zu deinen Studien Karten des alchimistischen Makrokosmos brauchst.«

»Ach, das.« Simon zuckte die schmalen Schultern. »Dieser alchimistische Unsinn aus dem Mittelalter dient nur der Wanddekoration.«

»Sehr geschmackvoll, dass auch der Fußboden entsprechend dekoriert ist.« Der Herzog betrachtete gedankenvoll einen von zwei Kreisen umgebenen fünfzackigen Stern mit zahlreichen mystischen Zeichen in griechischer und hebräischer Schrift.

»Ja, gute Idee, nicht?« Simon lachte leise hinter vorgehaltener Hand. Das war eine seinen Freunden wohlbekannte Gewohnheit, aber heute hatte das Lachen einen falschen Klang.

Ein unbehagliches Schweigen folgte, in dem ein leises, kratzendes Geräusch zu vernehmen war, das aus einem an der Wand stehenden Weidenkorb zu kommen schien.

»Du hast Mäuse hier, Simon«, bemerkte Rex beiläufig. De Richleau jedoch sprang zu dem Korb hinüber und riss den Deckel auf.

»Lass das!«, rief Simon wütend. Es war zu spät. Der Herzog hatte in dem Korb schon zwei lebende Tiere entdeckt - einen schwarzen Hahn und eine weiße Henne.

In wildem Zorn drehte er sich zu Simon um, fasste ihn an den Aufschlägen und schüttelte ihn. »Du Narr!« donnerte er. »Ich sähe dich lieber tot als mit Schwarzer Magie herumspielen!«

  III.

»Nimm deine Hände weg«, keuchte Simon.

De Richleau trat einen Schritt zurück. Mit beinahe unglaublicher Geschwindigkeit landete seine Faust an Simons Kinn. Simon fiel bewusstlos auf den polierten Fußboden.

»Bist du verrückt geworden?!«, rief Rex aus.

»Nein - wir müssen ihn hier hinausschaffen - ihn vor sich selbst retten - widersprich jetzt nicht! Schnell!«

Rex kannte den Herzog gut genug, um sein Urteil nicht anzuzweifeln. Er warf sich Simons bewegungslosen Körper über die Schulter und rannte auf die Treppe zu.

»Langsam!«, befahl de Richleau. »Ich gehe zuerst und schaffe jeden aus dem Weg, der uns aufzuhalten versucht. Du bringst ihn in den Wagen - verstanden?«

Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und blickte vorsichtig über das Geländer. »Rex«, flüsterte er, »wenn dieser schwarze Diener, von dem ich dir erzählt habe, auftaucht, sieh um Gottes willen nicht in seine Augen.«

»Okay.«

Einen Augenblick später waren sie die zweite Treppe hinunter. Die Eingangshalle war leer. Aus dem Salon war gedämpftes Stimmengewirr zu hören. De Richleau hatte die Halle bereits zur Hälfte durchquert, als der Taubstumme aus dem Vestibül kam.

Eine Sekunde lang blieb er vor Überraschung stehen. Dann griff er Rex mit der Wildheit eines Tieres an. Als er an dem zur Seite springenden Herzog vorüberschoss, packte dieser sein Handgelenk und schleuderte ihn herum, so dass er mit dem Kopf gegen die Wand stieß. Mit einem Grunzen sank der Taubstumme zusammen, doch sofort war er wieder auf den Beinen und taumelte auf den Salon zu. Rex und der Herzog rasten durch den Vorgarten auf die Straße.

»Gott sei Dank«, keuchte der Herzog und riss die Tür des Hispano auf. »Ich glaube, das höllische Gesindel hätte uns eher getötet, als uns Simon lebendig hinaustragen lassen.«

Rex legte Simon auf den Rücksitz und brummte vor sich hin: »Vermutlich weißt du, was du vorhast.«

»Nach Hause«, befahl de Richleau dem verblüfften Chauffeur. Dann wandte er sich an Rex. »Du meinst sicher, ich sei verrückt geworden. Aber du kannst nicht ahnen, wie schrecklich ernst die Sache ist. Ich werde es dir später erklären.«

Simon war noch immer bewusstlos, als sie vor dem Haus des Herzogs in der Curzon Street vorfuhren.

»Trage ihn in die Bibliothek«, sagte der Herzog. »Ich hole etwas aus dem Badezimmer, das ihn wieder zu sich bringen wird.« Rex nickte gehorsam und legte Simon auf das breite Sofa.

De Richleau kam gleich darauf mit einer kleinen Kristallflasche die er Simon unter seine lange Nase hielt. »Heute Nacht hat es keinen Zweck, mit ihm zu reden«, erklärte er, »ich möchte ihn nur soweit wach kriegen, dass ich. ihn wieder einschlafen lassen kann.«

»Ich verstehe kein Wort.«

»Ich habe vor, diese Teufel mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Du wirst es gleich sehen.«

Simon stöhnte leise. Seine Augenlider flatterten. Der Herzog nahm einen kleinen runden Spiegel aus seiner Tasche und rückte die Lampe etwas näher. »Simon«, sprach er leise, »sieh auf meine Hand.« Dabei hielt er den Spiegel etwa dreißig Zentimeter von Simons Stirn entfernt. »Simon, hör mir zu. Du bist verletzt worden und bist beunruhigt, aber deine Freunde sind bei dir, und du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.«

Simon öffnete die Augen, richtete sie nach oben auf den Spiegel und ließ sie dort haften.

»Du bist müde, Simon«, fuhr der Herzog fort. »Du wirst jetzt

schlafen und nicht vor morgen früh zehn Uhr erwachen. Danach kommst du sofort zu mir. Du wirst vorher mit niemandem sprechen und auch keinen Brief öffnen und keine Botschaft entgegennehmen.«

Der Herzog legte den Spiegel beiseite und hob einen von Simons Armen hoch. Als er ihn losließ, fiel er nicht wieder herab, sondern blieb hoch in die Luft gereckt.

»Äußerst zufriedenstellend«, murmelte de Richleau. »Er ist bereits im zweiten Stadium der Hypnose und wird genau tun, was ihm gesagt wird.«

Rex schüttelte missbilligend den Kopf. »Mir gefällt das nicht, was du mit ihm treibst. Wäre es jemand anders als du, ich würde es nicht zulassen.«

»Ein durch Mangel an Verständnis hervorgerufenes Vorurteil, mein Freund. Hypnose ist in den richtigen Händen die größte heilende Kraft der Welt.« Der Herzog ging zu seinem Schreibtisch hinüber, öffnete die unterste Schublade, nahm etwas heraus, kehrte dann zu Simon zurück und sprach ihn leise wie vorher an: »Öffne jetzt die Augen und setze dich aufrecht hin.«

Simon gehorchte sofort. Rex wunderte sich, dass er wach und ganz normal aussah. Nur seine Augen blickten ausdruckslos, und er bekundete seine Abscheu, als de Richleau ihn das Ding, das er aus der Schublade geholt hatte, sehen ließ. Es war ein kleines, mit Edelsteinen besetztes goldenes Hakenkreuz an einem seidenen Band.

»Simon Aron«, fuhr der Herzog fort, »mit diesem Symbol stelle ich dich unter den Schutz der Macht des Lichtes. Kein Wesen und keine Gewalt der Erde, der Luft, des Feuers oder des Wassers kann an dich kommen, solange du es trägst.«

Er hängte Simon den Talisman um den Hals. »Du wirst jetzt in das Gästezimmer gehen. Läute nach Max und sage ihm, dass du über Nacht hierbleibst. Er wird dir alles bringen, was du brauchst, und wenn deine Kehle sich trocken anfühlt, kannst du ihn um etwas zu trinken bitten. Es darf jedoch kein Alkohol sein, denke daran. Friede sei mit dir. Nun geh.«

Simon stand sofort auf und sah vom einen zum anderen. »Gute Nacht«, wünschte er mit seinem ihm eigentümlichen, schnellen Lächeln. »Bis morgen.« Sicheren Schrittes ging er davon.

»Er - er schläft doch nicht wirklich?«, fragte Rex. Ihm war ein bisschen ängstlich zumute.

»Doch, er schläft, aber er wird sich morgen an alles erinnern, weil er sich nicht in dem tiefen somnambulen Zustand befindet, in dem ich ihm befehlen könnte zu vergessen. Den erreicht man bei einer neuen Versuchsperson erst mit einer gewissen Übung.«

»Dann wird er morgen sehr lebhaft werden, kann ich dir verraten. Wie kannst du einem gläubigen Juden ein Nazi-Hakenkreuz um den Hals hängen?«

»Mein lieber Rex, bitte, versuche deinen Horizont ein wenig zu erweitern. Das Hakenkreuz ist das älteste Symbol der Weisheit und des rechten Denkens. Es ist schon zu allen Zeiten von den verschiedensten Rassen benutzt worden. Die Nazis haben es nur deshalb für ihre Zwecke missbraucht, weil es arischen Ursprungs sein soll.«

»Das wird Simon wenig beruhigen, wenn er es um seinen Hals hängen findet. Noch mehr beunruhigt mich jedoch, wie du dich verhältst. Ich habe den Eindruck, wenn du nicht in die Klapsmühle gehörst, dann ich.«

De Richleau lächelte. »Es ist schon eine sehr seltsame Sache, die da mitten in unserm modernen London passiert. Wir wollen uns einen Drink mixen und in Ruhe darüber sprechen.«

»Seltsam? Es wäre absolut phantastisch, wenn es wahr wäre. Aber dieses ganze Gerede über Schwarze Magie und der Hokuspokus und das blöde Zaubermittel um Simons Hals sind doch nichts als Unfug.«

»Dann glaubst du nicht an Magie?«

»Natürlich nicht! Daran glaubt heutzutage kein Mensch mehr!«

»So? Weißt du, wann der letzte Hexenprozess stattgefunden hat?«

»Vermutlich vor etwa hundertfünfzig Jahren.«

»Nein. Im Januar 1926 in Melun bei Paris. Und denke nur an die Fälle von Exorzismus.«

»Du willst mich zum Narren halten!«, rief Rex ärgerlich.

»Das will ich ganz bestimmt nicht«, versicherte de Richleau ihm ernst. »Die Gerichtsakten können meine Feststellung beweisen. Du kannst also wirklich nicht sagen, niemand glaubte heutzutage mehr an Hexerei, und viele Tausende glauben auch immer noch an einen persönlichen Teufel.«

»Ja, einfaches Volk vielleicht. Doch keine gebildeten Menschen.«

»Jeder denkende Mensch muss zugeben, dass es so etwas wie die Macht des Bösen gibt.«

»Warum?«

»Mein lieber Junge, zu jeder Eigenschaft gibt es das Gegenteil. Wie könnten wir das Gute in Jesus Christus, Laotse, Aschoka, Marcus Aurelius, Franziskus von Assisi, Florence Nightingale und tausend anderen erkennen, wenn wir nicht das böse Leben von Herodes, Cesare Borgia, Rasputin, Landru, Ivar Kreuger und anderen vor Augen hätten?«

»Das stimmt«, gab Rex nachdenklich zu.

»Du weißt, dass durch die Konzentration der Macht des Guten das geschehen kann, was man Wunder nennt. Warum also sollte nicht auch die Konzentration der Macht des Bösen seltsame Dinge bewirken?«

»Langsam geht mir auf, worauf du hinaus willst.«

»Gut! Jetzt hör mir zu, Rex.« Der Herzog beugte sich vor und sprach sehr eindringlich. »Ich will versuchen, dir das bisschen, was ich selbst weiß, von der Geheimlehre zu vermitteln, die durch die Jahrhunderte auf die heutige Zeit gekommen ist. Sicher hast du schon von den persischen Mythen über Ahura Mazda und Ahriman gehört, die ewigen Mächte des Lichts und der Finsternis, die ohne Unterlass zum Guten oder Schlechten der Menschheit miteinander Krieg führen. Alle alten Riten der Sonnen- und Naturverehrung waren nichts weiter als ein Ausdruck dieses Mythos, denn Licht bedeutet Gesundheit und Weisheit, Wachstum und Leben, während Finsternis Krankheit und Unwissen, Verfall und Tod verkörpert.

Ich vermeide den Ausdruck Schwarze Magie, weil er für uns heute einen Beigeschmack von Albernheit hat. Sprechen wir von dem Pfad zur Linken. Auch dieser hat seine Jünger. Wie die Jogis in Tibet auf dem Weg des Lichts schreiten, folgen andere dem Weg der Finsternis, zum Beispiel die Anhänger des scheußlichen Voodoo-Kults. Er hat seinen Ursprung in Madagaskar und hat Afrika jahrhundertelang in seinem Griff gehalten. Durch die Sklavenverschleppungen hat er dann seinen Einzug auch in Westindien und sogar in den Vereinigten Staaten gehalten.«

»Ja, darüber weiß ich Bescheid. Die Neger in den Südstaaten treiben damit immer noch ihre Possen, auch wenn sie nach außen hin Christen sind. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass sich ein gebildeter Mann wie Simon ernsthaft mit diesem Mummenschanz befasst.«

»Schon viele andere sind der Macht des Bösen verfallen, besonders die Reichen und Intellektuellen, die nach noch mehr Reichtum und noch mehr Macht verlangen. Rex, die Leute, die wir heute bei Simon angetroffen haben, sind alle miteinander Teufelsanbeter.«

»Das Mädchen nicht! Nicht Tanith!« Rex sprang entsetzt auf. »Sie muss genau wie Simon irgendwie da hineingeschlittert sein.«

»Möglich. Das Schlachten eines schwarzen Hahns und einer weißen Henne - ja, was gibt's?« De Richleau unterbrach sich, weil ein Klopfen an der Tür ertönte.

»Eure Exzellenz.« Der Diener Max verbeugte sich auf der Schwelle. »Ich dachte, ich sollte Ihnen das hier besser bringen.« Auf seiner Handfläche lag das juwelengeschmückte Hakenkreuz.

Der Herzog sprang mit einer für sein Alter überraschenden Energie auf, stieß den Mann beiseite und raste aus der Bibliothek. »Simon!«, schrie er. »Simon, ich befehle dir, dich nicht von der Stelle zu rühren!« Aber als er das Schlafzimmer erreichte, war von Simon keine Spur mehr zu sehen als das zerwühlte Bett und die auf dem Fußboden verstreute Unterwäsche.

  IV.

»Max, wie kommen Sie daran?« Die grauen Augen des Herzogs glühten in einem gefährlichen Licht, aber seine Stimme klang ganz ruhig.

»Ich habe es Mr. Aron vom Hals genommen, Eure Exzellenz.«

»Warum?«

»Er läutete und sagte, er hätte gern eine Tasse Bouillon. Als ich damit zurückkam, war er eingeschlafen. Es beunruhigte mich jedoch, dass sein Gesicht beinahe schwarz war und die Zunge heraushing. Ich bemerkte, dass sein Hals schrecklich angeschwollen war und dass ein Band tief ins Fleisch schnitt. Da ich fürchtete, er werde ersticken, schnitt ich das Band durch. Dabei fiel das Schmuckstück hinunter, und ich brachte es sofort zu Ihnen.«

»Gut. Sie können gehen. Sie brauchen nicht auf mich zu warten. Ich gehe noch einmal aus und werde vielleicht erst spät zurückkommen.« Sobald sich die Tür hinter Max geschlossen hatte, wandte sich der Herzog Rex zu. »Simon muss in dem Augenblick, als Max ihm den Rücken kehrte, erwacht sein. Dann hat er schnell ein paar Kleidungsstücke übergeworfen, ist aus dem Fenster und die Feuerleiter hinuntergestiegen.«

»Und jetzt ist er auf dem Weg zurück nach St. John's Wood«, ergänzte Rex.

»Wir müssen ihm folgen. Wir müssen ihn vor diesen Teufeln retten. Ich weiß nicht, warum sie sich mit Simon so viel Mühe geben, aber er muss ihnen mehr bedeuten als ein beliebiger Anhänger ihres Kults. Da geht irgendeine große und scheußliche Sache vor.«

Rex hatte sich immer noch nicht ganz von dem Schock erholt, dass ein geistig gesunder Mann wie de Richleau ernsthaft an Okkultismus glaubte. Er war längst nicht überzeugt, aber als sie in einem Taxi nordwärts fuhren, begann er, über die praktische Seite ihrer Expedition nachzudenken. In Simons Haus waren acht Männer anwesend gewesen. »Hast du einen Revolver bei dir?«, fragte er den Herzog.

»Nein. Er wäre nutzlos.«

Rex begann sich zu fragen, ob das Ganze nicht nur ein besonders lebhafter Alptraum sei. Aber da war Tanith, Tanith in ihrer eigentümlichen Schönheit, die aussah, als sei sie aus einem Gemälde der italienischen Renaissance gestiegen. Es war kein Traum, dass er heute Abend mit ihr in Simons Haus gesprochen hatte. Und um sie herum hatten die merkwürdigen Leute gestanden, von denen der Herzog behauptete, sie seien Teufelsanbeter. Wenn Tanith aus Fleisch und Blut war, mussten sie es auch sein.

Der Herzog ließ das Taxi kurz vor St. John's Wood halten. Sie legten den Rest des Weges zu Fuß zurück. In dem alten Haus mit dem Observatorium war alles dunkel.

»Glaubst du, sie sind weg?«, flüsterte Rex.

»Das bezweifle ich.« De Richleau versuchte, die Tür in der Gartenmauer zu öffnen. Sie war abgeschlossen.