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Vorsicht! Dieses Buch kann zu positiven Veränderungen in deinem Leben führen! Die zwölfjährige Enya steckt gerade in einer schwierigen Phase. Nichts läuft rund in ihrem Leben: Zwischen ihren Eltern kriselt es, ihr kleiner Bruder nervt sie ständig, ihre beste Freundin will nichts mehr mit ihr zu tun haben, und bald wird Enya von der ganzen Klasse gemobbt. Da gelangt Enya plötzlich auf wundersame Weise an uraltes Geheimwissen. Sie erfährt, dass Kräfte in ihr wirken, die ungeahnt ihr Leben beeinflussen. Um ihr Leben zum Besseren zu wenden, muss sie lernen, diese Zauberkräfte bewusst und gezielt einzusetzen. Diese Zauberkräfte stecken in uns allen. Sie warten nur darauf entdeckt zu werden! Sie machen dein Leben zu einem aufregenden Abenteuer, bei dem glückliche Überraschungen und Wunscherfüllungen keine Seltenheit sind. Komm mit auf diese Reise zu dir selbst und lerne dich und das Leben mit neuen Augen zu sehen! Finde heraus, welche Macht und Magie in dir stecken, mit denen du dir dank dem Gesetz der Anziehung ein glückliches, magisches Leben erschaffen kannst. Finde die Magie in dir und bring dein Leben zum Funkeln! DIMAGINDI enthält mysteriöse Rätsel, poetische Zaubersprüche und spannende Experimente.
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Seitenzahl: 594
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Dieses Buch ist für DICH!
In dir steckt mehr, als du ahnst!
Enthülle deine innere Magie
und erschaffe dir ein zauberhaftes Leben!
Rebecca Schibli
DIMAGINDI
Die Magie in dir
Zauberbuch für ein magisches Leben
Copyright © 2023 Rebecca Schibli
1. Auflage
ISBN
Paperback: 978-3-9525932-1-9
Hardcover: 978-3-9525932-2-6
e-book: 978-3-9525932-0-2
Autorin: Rebecca Schibli
Cover-Illustrator: Diego Victoria
Layouterin: J-Mee Reyes
1. Korrektorat: Ursula Dürig
Lektorat & 2. Korrektorat: Nadine Zikofsky
Teenager Testleserinnen: Glennys Gäumann, Diana Hilber, Odda Obrecht
Verlag: Rebecca Schibli, Ziegelrain 27, 5000 Aarau, Schweiz
Webseite: www.dimagindi.com
Kontakt: [email protected]
Facebook-Gruppe: www.facebook.com/groups/dimagindi/
Urheberrecht
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung der Autorin in irgendeiner Form reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten.
Haftungsausschluss
Jegliche Haftung ist ausgeschlossen. Dieses Werk wurde mit größter Sorgfalt nach bestem Wissen und Gewissen erarbeitet und niedergeschrieben. Die Ratschläge und Experimente in diesem Buch sind von der Autorin sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann keine Garantie übernommen werden. Für etwaige Schäden jeglicher Art kann die Autorin aus keinem Rechtsgrund eine Haftung übernehmen.
Hallo lieber Lebensmagier, liebe Lebensmagierin!
Es freut mich riesig, dass dieses Buch den Weg zu dir gefunden hat!
Hast du schon mal an etwas gedacht und im nächsten Moment taucht es völlig unerwartet auf?
Viele nennen dies einen <glücklichen Zufall>. Aber ist es das wirklich oder steckt da womöglich mehr dahinter?
Was wäre, wenn du <glückliche Zufälle> herbeibeschwören und deine Wünsche wahrwerden lassen könntest?
Nun, ich verrate dir was: Das geht!
Da stecken nämlich Kräfte in dir, die wahrlich wie Zauberkräfte wirken. Dafür musst du sie erst mal kennen. Wenn du dann deine Zauberkräfte meistern lernst, kannst du dein Leben in die besten Bahnen lenken und Magie eintreten lassen.
Als Lebensmagier blubbert Glück in dir. Du weißt auch, wie du mit herausfordernden Situationen umgehst. Du nimmst es locker und lässt dich nicht aus der Freude bringen.
In diesem Buch erzähle ich dir, wie ich diese Magie in mir gefunden habe. Gleichzeitig ist es eine Art Ratgeber, mit dem auch du lernen kannst, das große Glück zu finden und deine Träume wahrwerden zu lassen.
Die Welt braucht mehr Lebensmagierinnen und Glücksmillionäre, die gute Vibes verbreiten! Sei du einer davon und inspiriere andere dazu, dies auch zu sein.
Viele neue Erkenntnisse und viel Freude beim Lesen wünscht dir
Enya
Meine Nase war platt - platt wie ein Pfannkuchen, denn ich drückte sie schon seit fünf Minuten gedankenversunken gegen die kalte Fensterscheibe, an deren Außenseite die Regentropfen herunterperlten.
«Enya! Bist du am Träumen? Wir sind da!», hörte ich wie aus der Ferne die Stimme meiner Mutter.
«Hm?», fragte ich halbwach, während ich den Kopf zu Mama drehte, doch schon eine Sekunde später hatte mein Gehirn aufgeholt und die Lage erfasst: «Ach so, ja, ähm, ich war gerade… in Gedanken. Danke, Mama, dass du mich gefahren hast.»
«Ich muss sowieso noch einkaufen und bei diesem Regenwetter nicht zu Fuß unterwegs sein zu müssen, ist doch Gold wert. Hast du einen Schirm?»
«Nö, es regnet ja kaum noch», entgegnete ich, während ich mit einem Fuß schon draussen war.
«Aber vielleicht später! Nach Hause musst du Fuß», hörte ich Mama noch einwenden, aber da war ich schon ausgestiegen und nicht mehr richtig bei ihr.
Ich knallte die Autotür zu - mal wieder zu heftig nach Mamas Geschmack, wie ich ihrem Gesicht durch die nasse Scheibe ablesen konnte. Ich formte ein stummes Sorry mit meinen Lippen und unterstrich es mit einem entschuldigenden Blick. Dann wandte ich mich um und ging Richtung Lanas Wohnblock.
Auf einmal begann es wie aus Kübeln zu regnen. Es war, als ob der Wettergott genau in diesem Moment den Wasserhahn voll aufgedreht hatte, nur um mich zu ärgern. Und natürlich wohnte Lana im hintersten Block!
«Na großartig! Das ist genau das, was ich jetzt noch gebraucht habe», fluchte ich vor mich hin, während sich der Regen weiterhin wasserfallartig über mich ergoss.
Ich beschloss zu rennen, doch das nützte nicht viel; ich war schon von oben bis unten pitschnass. Durch die verregneten Brillengläser konnte ich kaum sehen. So passierte es, dass ich auch noch die Treppe hochstolperte und auf den nassen Boden fiel.
«War ja klar, dass mir auch das noch passieren musste! Ich glaube langsam wirklich, dass ich bei meiner Geburt das Los als größter Tollpatsch gezogen habe», dachte ich frustriert und war plötzlich dem Weinen nahe.
«Brillenscheibenwischer wären auch keine schlechte Erfindung», überlegte ich, während ich mit meinen nassen, schmutzigen Händen vergeblich versuchte einen klaren Blick durch die Gläser zu bekommen.
Nachdem ich mich aufgerappelt hatte, wurde mir auf einmal bewusst, dass meine ganze Mühe, etwas Schwung in meine langweiligen braunen Haare zu bringen, für die Katz gewesen war. Nun hingen sie wie lange Fäden von meinem Kopf herunter; einige klebten an meinem Gesicht. Bestimmt sah ich aus, als ob ich gerade einen Kopfsprung in einen See gemacht hätte, um einen Fisch per Hand zu fangen. Das ärgerte mich unheimlich, aber was blieb mir anderes übrig, als so bei der Party aufzutauchen. Also klingelte ich. An meiner Nasenspitze baumelte ein großer Regentropfen, der mich kitzelte und zum Niesen brachte, gerade als Lanas Mutter Katerina die Tür öffnete.
«Hallo Enya! O, bozhe!» (Das ist russisch und bedeutet <ach herrje>. Lanas Mama ist nämlich Russin.) «Du bist ja völlig verregnet worden! Komm schnell rein, ich hole dir ein Handtuch.»
Als Katerina mit dem Tuch zurückkam, hatte ich schon die triefende Jacke und durchtränkten Schuhe ausgezogen. Nur die Jeans klebte noch an meinen Beinen. Nachdem ich mir mit dem Handtuch die Haare gerubbelt hatte, fühlte ich mich nicht mehr ganz so wie ein begossener Pudel. Doch Katerina war noch nicht zufrieden; sie bestand darauf, dass ich mir die Haare föhne. Ich ließ den Plastiksack mit den Geschenken im Flur stehen und bewegte mich mit steifen Beinen ins Badezimmer.
Katerina überreichte mir den Föhn und sagte: «Wenn du fertig bist, lass dir bitte von Lana eine trockene Hose geben. Kora ist schon da. Sie sind in Lanas Zimmer. Geh nur rein!»
Jaja, April, April, der macht was er will. Gestern noch war wunderschönes, sonniges Wetter gewesen und heute das! Ausgerechnet zum Geburtstag meiner besten Freundin.
Im Nachhinein muss ich sagen: Das Wetter hat genau zu diesem Tag gepasst. Von Anfang bis Ende war es ein durch und durch beschissener Tag gewesen.
Angefangen hatte es schon direkt nach dem Aufstehen. – Ach, was sag ich? Ich war noch nicht mal aufgestanden! Ich saß auf meiner Bettkante und schlüpfte gähnend in meine Hausschuhe. Da durchfuhr mich auf einmal ein Schauder. Meine Zehen hatten etwas seltsam Schleimiges, Glitschiges in den Pantoffeln berührt. Mit einem Schlag war ich hellwach. Ich schrie auf und zog meine Füße rasch wieder aus den Latschen. Ein Blick nach unten verriet mir, dass an meinen Zehen eine gelblich-weiße Paste klebte, die ich jedoch noch nicht identifizieren konnte. Wie eine Detektivin führte ich vorsichtig einen Fuß zu meiner Nase und roch daran. Mayonnaise! Es stand außer Frage, wer dafür verantwortlich war - natürlich mein vier Jahre jüngerer Bruder Finn, der gerade in einer Phase steckte, in der er sich ständig irgendwelche doofen Streiche ausdachte. Und sein beliebtestes Opfer war natürlich – ich!
Ich blickte rüber zu seinem Bett, doch er lag nicht mehr drin. (Ja, leider mussten Finn und ich uns ein Zimmer teilen, da wir in einer kleinen Stadtwohnung lebten.) Also schrie ich, so laut ich es mit meiner Morgenstimme zustande brachte, «Fiiiiiiiiiiiiinn!» und klang dabei wie ein heiserer Hahn. Hätten die Kleider im Schrank Ohren, wären sie vermutlich vor Schreck vom Bügel gefallen.
Finn streckte den Kopf ins Zimmer und fragte ganz unschuldig: «Was ist, Schwesterherz?»
Die Wut in mir wurde noch größer, als ich merkte, wie sehr es ihn freute, dass ich mich so aufregte. Ich hasste es, dass er es immer wieder fertigbrachte, mich so zu ärgern. Die Wut brannte in meinem Bauch, doch irgendwie schaffte ich es, sie zu zügeln und nicht noch heftiger aus mir ausbrechen zu lassen, denn ich wollte nicht, dass dieser kleine Bengel noch mehr Genugtuung erhielt. Statt Finn hinterherzurennen und seinen Kopf ins Klo zu stecken, schrie ich also nur – nun etwas weniger krächzend: «Raus hier!»
Ich blieb noch einen Moment auf dem Bett sitzen, ließ den Kopf nach hinten fallen und ein leises Stöhnen verlauten.
«Was für ein toller Start in den Tag!», murrte ich bitter.
Als ich hörte, dass Finn sich in der Küche Besteck aus der Schublade und einen Teller aus dem Schrank nahm (Eigentlich krass, wie man mit den Ohren sehen kann, findest du nicht auch? Nur aufgrund der Geräusche wusste ich genau, was er machte!), watschelte ich auf den Fersen ins Badezimmer, um Füße und Pantoffeln zu waschen. Da erwartete mich bereits die zweite schlechte Überraschung: Als ich den Wasserhahn aufdrehte, spritzte mir das Wasser ins Gesicht, auf meinen Pyjama, ja in alle Richtungen. Ich machte einen Satz zurück und schrie erneut erschrocken auf. Dabei spritzte der Wasserhahn fröhlich weiter und setzte das halbe Badezimmer unter Wasser. Endlich drehte ich den Hahn zu.
«Du gemeine Kröte!», zischte ich. «Wie hast du das schon wieder hingekriegt?»
Ich untersuchte den Wasserhahn und fand einen Streifen Tesafilm über die Öffnung geklebt.
Da stand auf einmal Mama in der Badezimmertür.
«Was um alles in der Welt ist hier eigentlich los? Ist es zu viel verlangt, etwas Rücksicht zu nehmen und nicht so herumzuschreien? Du weißt genau, dass ich eine strenge Nacht hatte!», sagte Mama vorwurfsvoll und sichtlich verärgert.
Sie arbeitete die Nacht hindurch im städtischen Krankenhaus. Finn und ich mussten den Morgen vor der Schule jeweils selbständig bewältigen, da Mama sich nach der Nachtschicht endlich schlafen legen wollte und Papa wegen des langen Arbeitsweges schon früh losmusste. Du kannst dir vorstellen, wie unangenehm es mir war, dass ich Mama mit meinen Schreien geweckt hatte. Gleichzeitig vergrößerte sich meine Wut, da ich ja gar nicht schuld daran war.
«Es tut mir leid, Mama! Aber Finn hat mir heute Morgen gleich zwei oberfiese Streiche gespielt. Schau nur, wie das Badezimmer jetzt aussieht, weil er Tesafilm über den Wasserhahn geklebt hat. ICH putze diese Überschwemmung bestimmt nicht auf! Mir reicht’s!», wehrte ich mich.
Mama seufzte tief und schloss für einen kurzen Moment ihre müden Augen, während sie sich mit der rechten Hand an die Stirn fasste. Ich hasste es, wenn sie das machte, aber nichts sagte. Man konnte sich dann selber denken, welch schlimme Gedanken ihr gerade durch den Kopf gingen, die sie lieber nicht aussprach. Dass ich mich deswegen noch schlechter fühlte, ärgerte mich noch mehr. Ich versuchte, Mama, meine Gedanken und meine Gefühle zu ignorieren und wandte mich stattdessen meinen Füßen und Pantoffeln zu. Nachdem ich das Klebeband entfernt hatte, hievte ich den ersten Fuß ins Lavabo. Auf einmal spürte ich, wie mein Standbein auf dem nassen Boden ins Rutschen geriet. Schwups! Schon lag ich längs auf dem nassen Badezimmerboden. Ich verkniff mir einen erneuten Aufschrei.
«Enya! Pass doch auf!», rief Mama mit deutlich vorwurfsvollem Unterton.
Ich wusste genau, was sie dachte: <Das war ja mal wieder typisch für den größten Tollpatsch der Familie – oder der Welt.>
Als ob das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre, war jetzt auch noch mein Pyjama nass und mein Popo schmerzte vom Sturz. Aber das war Mama scheinbar egal. Die Wut in mir brodelte wie kochendes Wasser.
«Warum machst du das nicht in der Badewanne?», fügte sie hinzu, nicht verstehend, dass ICH nicht auf diese glorreiche Idee gekommen war.
Zähneknirschend nahm ich ihren Rat an, setzte mich auf den Badewannenrand und wusch endlich meine schleimigen Zehen. Ich spürte Mamas Blick im Rücken, was mich fast in den Wahnsinn trieb. Also legte ich einen Zahn zu, um möglichst schnell aus Mamas Blickfeld entschwinden zu können. Noch rasch den nassen Pyjama ausziehen und den Bademantel überstreifen, dann zwängte ich mich mit gesenktem Blick an Mama vorbei, die noch immer im Türrahmen stand. Kaum war ich draußen, zitierte sie Finn mit strengem Ton ins Badezimmer, der jetzt eine kleine Morgenputzaktion starten durfte, was mich wieder zum Lächeln brachte.
Als Finn und ich uns auf dem Flur kreuzten, strafte ich ihn mit einem essigsauren Blick, der die Botschaft enthielt: <Wenn du jetzt ein einziges Wort sagst, stopfe ich dir meine stinkigen Socken von gestern in den Mund.> Er schien verstanden zu haben und ging wortlos und ohne sein fieses Grinsen an mir vorbei. Mit Mama hatte er wohl nicht gerechnet.
Während ich meine Frühstücksflocken löffelte, überlegte ich, wie ich es ihm heimzahlen konnte.
Rache ist süß. Wart nur, du kleiner Fiesling!
Nur hatte ich leider null Plan, wie diese Rache aussehen könnte. Ich weiß nicht, wo Finn ständig diese Ideen hernahm.
Einmal biss ich genüsslich in einen Oreo-Keks, nur um festzustellen, dass er mit Zahnpasta gefüllt war. Igitt! Meine Zehennägel kringelten sich vor Ekel. Die scheußlichen, dunkelbraunen Krümel sprühten aus meinem Mund wie der Schurz einer Kuh. (Falls du dieses Wort nicht kennst, keine Sorge, es ist ein Kunstwort, das ich mal in einem Film gehört habe, und voll lustig fand. Schurzen bedeutet, wenn man furzt und dabei nicht nur stinkige Luft, sondern auch noch … - du weißt schon – mit rauskommt.)
An einem anderen Morgen passte ich auf einmal nicht mehr in meine Schuhe. Nanu, hatten meine Füße über Nacht einen Wachstumsschub oder was? – Natürlich nicht! Finn hatte bloß Watte vorne in meine Schuhe gestopft.
Vielleicht hältst du mich jetzt für dämlich, aber glaub mir, so doof bin ich eigentlich gar nicht. – Na gut, die hellste Kerze auf der Torte bin ich auch nicht gerade, aber dennoch erstaunt es auch mich, wie ich immer wieder auf Finns Streiche reinfallen konnte.
Zum Glück war ich nicht die Einzige, die sich von ihm veräppeln ließ. Mama dachte mal, dass sie jetzt völlig hinüber sei, weil sie nicht mehr wusste, in welcher Kommodenschublade ihre Socken sind. Doch dann hat sich aufgeklärt, dass Finn ihre Schubladen vertauscht hatte. Mama war anfangs verärgert, weil sie ein sehr ordentlicher Mensch ist und es hasst, etwas suchen zu müssen. Vermutlich hat Finn genau deshalb sie für diesen Prank ausgewählt. Mut hat er ja, der Kleine! Der Schuss hätte auch hintenraus gehen können. Aber zum Glück konnte Mama später darüber lachen. Sie musste sogar zugeben, dass es eine ziemlich originelle Idee war. Weniger lustig fand sie es, als aus dem Seifenspender statt der wohlriechenden Seife eine rote Soße rauskam. Ketchup! Doch das Schlimmste war für sie wohl, als sie eines schönen Morgens genüsslich einen Schluck Kaffee nahm und feststellen musste, dass ihr Lieblingsgetränk statt süß salzig schmeckte. Das kleine Schlitzohr hatte am Vorabend heimlich Salz in die Zuckerdose gefüllt. Mamas erste Reaktion darauf: Brauner Sprühregen, der die halbe Küche sprenkelte. Mamas zweite Reaktion: Finn bekam einen heftigen Zusammenschiss.
Papa hat’s mal auf dem Klo erwischt: Nachdem er sein Geschäft erledigt hatte und die Spültaste drückte, kam auf einmal Schaum aus der Kloschüssel, was er sich erst gar nicht erklären konnte. Doch irgendwann machte es Klick und ihm wurde klar, dass nur Finn dafür verantwortlich sein konnte. (Finn hatte zuvor Badeschaum ins Klo geschüttet.)
Nun aber zurück zum Regentag, von dem ich dir zu erzählen begonnen hatte. Nachdem Mama Finn zum Badezimmerputz verdonnert hatte, kam sie in die Küche. Ich schielte zu ihr hoch, um abzuchecken, wie sie inzwischen drauf war. Ich hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, denn ich fühlte mich doch auch mitschuldig, dass Mama aus ihrem wohlverdienten Schlaf gerissen worden war.
«Dass ihr beide euch nicht einfach mal vertragen könnt», sagte sie kopfschüttelnd und traurig.
Dann setzte sie sich zu mir an den Tisch. Ich wollte gerne sagen «Aber Finn fängt doch immer an», sagte aber nichts dergleichen. Unter anderem, weil ich mir nach kurzem Überlegen nicht mehr so sicher war, ob das auch wirklich stimmte. Ich konnte manchmal auch ganz schön gemein sein und ihn provozieren oder absichtlich ignorieren.
«Es tut mir leid, Mam», erwiderte ich stattdessen und meinte es ganz ehrlich.
Es tat mir wirklich leid, dass auch sie unter den Streitereien zwischen Finn und mir litt. Sie hatte es ja auch ohne unsere Sticheleien nicht gerade leicht. Da war einerseits die Arbeit, und dann kümmerte sie sich auch noch um den ganzen Haushalt und um uns Kinder. Besonders mit Finn hatte es Mama nicht leicht gehabt. Als er jünger war, hatte er lauter Blödsinn im Kopf gehabt, auch richtig gefährliche Sachen, so dass ihn Mama nicht aus den Augen lassen konnte, was sie manchmal an den Rand ihrer Nerven trieb. Dagegen waren seine Streiche ein Fliegenschiss.
Mama hatte sich wohl ein Herz gefasst und versuchte nun, mich vom Geschehenen abzulenken. Die Themen, die sie anschnitt, machten mich aber leider auch nicht beschwingter.
«Bist du bereit für die Prüfung über die Steinzeit?», fragte sie als erstes.
«Ich denk’ schon. Ich hab’ gestern bestimmt eine Stunde lang gebüffelt.»
Was nur halb der Wahrheit entsprach. Die Hälfte der Zeit hatte ich die Wand angestarrt. Hätte ich magische Laseraugen, wäre jetzt an der Stelle bestimmt ein Loch bis nach draußen. Während des Starrens hatte ich nachgedacht – über unseren Umzug aufs Land, der in drei Monaten bevorstand.
Kotz! – Das einzig Gute an der Sache: Ich bekomme endlich mein eigenes Zimmer und muss es nicht mehr mit Finn teilen. – Außerdem hat dann Papa nicht mehr einen so langen Arbeitsweg, und Mama muss nicht mehr Nachtschicht arbeiten. Zum Glück. Ich habe nämlich den Eindruck, dass sie diese Arbeitszeiten ganz schön stressen. Sie hat das uns Kindern zuliebe so eingerichtet, damit immer ein Elternteil zu Hause ist und wir nicht alleine zu Hause sein müssen.
Als ob Mama meine Gedanken lesen könnte, fragte sie: «Denkst du oft über unseren Umzug nach?»
«Geht so», log ich und dachte gleichzeitig traurig, dass dieser zwölfte Geburtstag meiner Freundin Lana wohl der letzte sein würde, den ich mit ihr feiere, und wie schwierig es sein würde, eine neue beste Freundin zu finden.
Ich meine, Lana und ich kennen uns seit dem Kindergarten! Das ist eine verdammt lange Zeit; ähmm… sechs, nein sieben Jahre, um genau zu sein. (Mathe ist nicht meine Stärke, wie du merkst.) Nach so langer Zeit kennt man sich natürlich richtig gut. Wir wissen alles übereinander, haben keine Geheimnisse. So eine Freundschaft entsteht nicht von einem Tag auf den anderen.
«Bestimmt wirst du mit deinem fröhlichen Wesen schnell neue Freundinnen finden», sagte Mama, die vielleicht wirklich Gedanken lesen kann, und strich mir dabei liebevoll übers Haar.
Von wegen <fröhliches Wesen>! Ich fragte mich, wo sich das gerade versteckt hielt. Aber es hatte ja bis jetzt auch noch keinen Grund gehabt, sich zu zeigen bei so einem Start in den Tag. Zu allem Übel war ich auch noch spät dran und musste voll rumstressen, weil ich mal wieder zu knapp aufgestanden war und Finns Streiche meine Morgenroutine durcheinandergebracht hatten. Doch damit war noch nicht genug. Schon auf dem Schulweg ging es weiter mit meinem regnerischen Tag. Obwohl es da noch gar nicht geregnet hatte. Ich gab alles, um mit meinem Roller pünktlich in der Schule anzukommen. Doch plötzlich geriet ich ins Wanken. Die Schraube des Vorderrades musste sich gelöst haben. Bevor ich reagieren und bremsen oder abspringen konnte, löste sich das Rad und rollte alleine weiter. Mein Roller verlor die Ehre, diesen Namen zu tragen, denn er kratze nur noch ein paar Zentimeter auf dem Asphalt und kam dann unvermittelt zu einem abrupten Stillstand. Beinahe wäre ich vornübergefallen, aber die Lenkstange hatte mich davor bewahrt. Dafür war sie mir heftig in den Bauch gerammt. Mit Bauchschmerzen und meinem Scooter unter dem Arm tapste ich, so schnell ich konnte, Richtung Schulhaus.
Die Schulglocke läutete gerade, als ich mein Kickboard abschloss. Auf die Sekunde beim zweiten Läuten rauschte ich ins Klassenzimmer. Unsere Lehrerin, Frau Brunner, war zum Glück noch nicht da. Ich schmiss mich erschöpft auf meinen Stuhl neben Lana und musste ihr natürlich sofort von meinem absolut desaströsen Morgen erzählen. Ich war so voller Gefühle, dass die Worte nur so aus mir raussprudelten wie die Limonade aus einer geschüttelten Flasche. Das war eher ungewöhnlich für mich, denn ich war ein ziemlich stilles Mädchen, das nicht so viel redete. Ich glaube, ich hatte für die ganze Geschichte über das abgefallene Rad und meinen nervigen Bruder nicht mehr als eine Minute gebraucht. Und gerade als ich zu der Stelle kam: «…und da hat Finn ganz unschuldig seinen Kopf ins Zimmer gesteckt und gefragt: <Was ist, Schwesterherz?> Ich meine, gibt es etwas Provozierenderes, als mich in dem Moment auch noch <Schwesterherz> zu nennen? Ich sage dir, ich hätte ihn umbringen können! Stattdessen schrie ich ihn nur an: Raus hier!!!!» Genau in dem Moment, in dem ich lauthals durchs Klassenzimmer <Raus hier!> schrie, kam Frau Brunner durch die Tür! Ist es zu fassen?!?! Ich meine, gibt es ein besseres Beispiel für <bad timing>? Meine Geschichte könnte im Lexikon als Erklärung dafür stehen.
Ich starrte Frau Brunner erschrocken an. Sie fühlte sich natürlich angesprochen, da ich sie ja auch noch anschaute. (Außerdem hatte ich eh schon länger den Verdacht, dass sie mich nicht besonders mochte. Ich weiß ehrlich nicht weshalb, denn ich war viel zu schüchtern, um frech zu sein. Sie schien einfach meine Nase oder sonst was an mir nicht zu mögen.) Ich hätte einfach sagen sollen: «Es tut mir leid, ich habe nicht Sie gemeint.» Aber ich war in dem Moment so perplex, dass ich kein Wort rausbrachte. Vermutlich auch weil plötzlich eine Totenstille im Klassenzimmer herrschte. Das ganze Geplapper meiner Mitschüler war mit einem Schlag verstummt. Es war so still, man hätte einen Floh husten gehört. Meine Worte blieben im Raum hängen wie in der Luft schwebender Staub. Alle starrten mich an, als hätte ich mich in ein Ballett tanzendes Opossum verwandelt. Dann schauten sie Frau Brunner an, wie sie reagieren würde. Diese stand wie erstarrt im Türrahmen und nagelte mich mit einem strafenden Blick fest, der sich anfühlte, als wäre auf einmal kalte Winterluft ins Klassenzimmer geweht. Verlegen schaute ich auf meinen Schreibtisch. Der Schock war verschwunden und machte dafür einem intensivst peinlichen Gefühl Platz. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken – oder eher im Klassenzimmerboden. Aber das war vielleicht doch keine so gute Lösung, denn dann wäre ich unten im Klassenzimmer von Herrn Winkler rausgekommen, und was hätte ich denen dann erzählen sollen??? Außerdem bestand diese Möglichkeit natürlich nicht. Ich hab’ ja keine Superkräfte. Leider. Sonst hätte ich mich einfach unsichtbar gemacht – oder gleich weggebeamt.
Mein Kopf fühlte sich so heiß an, dass ich fürchtete, man könne Rauch aus ihm aufsteigen sehen. Vermutlich, weil meine Gedanken so wild darin herumsausten. Während die Gedanken wirr durch meinen Kopf flitzten, spürte ich die Stimme von Frau Brunner an mein Ohr dringen.
«Wir sprechen uns noch nach der Stunde!»
Ich nahm wahr, dass sie etwas gesagt hatte, konnte aber nur ahnen, was genau ihre Worte waren. Meine Ohren waren glühend heiß und verbrannten die Worte, die versuchten in sie einzudringen. Trotzdem nickte ich, weil dies das Beste war, was mir in diesem Moment einfiel. Ich sah, dass einige meiner Schulkameraden sich ins Fäustchen kicherten. Auch Lana kicherte und stupste mich an. Ich sagte nichts, schaute nur brav nach vorne und tat so, als ob ich Frau Brunner zuhören würde, die nun mit dem Unterricht begonnen hatte.
Als die erste Lektion vorbei war, schaffte ich es endlich, mich bei Frau Brunner zu entschuldigen und ihr die Situation zu erklären. Sie glaubte mir zum Glück.
In der zweiten Stunde schrieben wir die Steinzeit-Prüfung. Ich hätte genauso gut ein Kreuzworträtsel auf Chinesisch lösen können. Es war zum Heulen.
Zum Glück war Mittwoch, was hieß: Nachmittag frei! Und die Geburtstagsfeier von Lana stand auf dem Programm. Als ich mich für die Party bereit machte, hatte ich tatsächlich Hoffnung, dass es doch noch ein guter Tag werden könnte. Doch manchmal haut die Realität der Hoffnung voll in die Fresse. Und so erging es mir an diesem Tag.
Nachdem ich meine Haare trockengeföhnt hatte, versuchte ich auch meine Jeans etwas zu trocknen mit dem Föhn, denn mich fröstelte langsam. Die warme Luft fühlte sich richtig gut an und auch meine Stimmung stieg langsam wieder.
«Yes, die Party kann beginnen», sagte ich zu meinem Spiegelbild und verließ das Badezimmer in viel besserer Verfassung, als ich es betreten hatte.
Ich klopfte an Lanas Zimmertür und ging rein, so wie ich es immer tat. Lana und Kora saßen auf dem Bett, die Köpfe in ein Papier gesteckt. Sie schauten ertappt auf, als ich das Zimmer betrat.
Kora schaute Lana empört an und sagte: «Ich hab’ gar nicht gehört, dass du <herein> gesagt hast. Kommt die immer einfach in dein Zimmer?»
Lana gab Kora keine Antwort, stattdessen sagte sie zu mir: «Oh, du bist schon da!? Ähm… Gehst du bitte raus und wartest im Wohnzimmer?»
Obwohl sie es freundlich gesagt hatte, fühlten sich ihre Worte an, als ob mir jemand einen Eimer voll Eis über den Kopf gegossen hätte. Ich stand einen Moment lang wie angewurzelt da, denn ich konnte nicht fassen, worum ich gerade gebeten wurde. Sprachlos glotzte ich die beiden abwechselnd an – von Lana zu Kora und wieder zu Lana, dann zu Kora und zurück zu Lana, wie bei einem Tennismatch von Roger Federer.
«Leidest du an Intelligenzallergie oder was hast du an <Geh bitte raus!> nicht verstanden?», blökte Kora.
Puff! Das saß. Eine Ohrfeige von Herkules wäre dagegen ein zärtliches Streicheln gewesen. Lana schaute mich nur kurz mit einem entschuldigenden Blick an, deutete mir dann aber, jetzt wirklich rauszugehen. Im Rausgehen sah ich noch, wie sie ungeduldig wieder ihre Köpfe zusammensteckten, auf das Blatt Papier schauten, flüsterten und kicherten. Benommen machte ich die Türe zu.
Den ganzen Tag schon hatte ich das Gefühl gehabt, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Dank Lana und Kora war ich nun einen Schritt weiter. Ungewollt trat ich über den Abgrund hinaus und stürzte in die Tiefe. Ich schrie. Doch es kam kein Geräusch heraus. (Zum Glück!) Wie ein an Land gespülter Fisch japste ich nach Luft. Ich konnt’s nicht fassen!
Was soll das? Meine beste Freundin hat ein Geheimnis vor mir?!?! Das ist echt das Letzte!
Ich fühlte mich dermaßen ausgeschlossen, da hätte es nicht einmal die Türe gebraucht, vor der ich stand und die ich wie bekloppt anstarrte.
Erst als es an der Haustür klingelte, realisierte ich, was ich da machte. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund. Das war einfach ein Reflex; als ob ich das, was gerade geschehen war, von mir abschütteln könnte, es ungeschehen machen könnte. Wiederum bedauerte ich zutiefst, keine Zauberkräfte zu besitzen. Ich hätte gerne durch die Türe sehen und hören können. – Oder vielleicht besser nicht. Das wäre ja die reinste Selbstsabotage gewesen.
Ich hörte, wie Katerina Talea und Emilia begrüßte. Ich gab mir einen Ruck, setzte ein Lächeln auf und ging ebenfalls zur Haustür. Offenbar hatte es aufgehört zu regnen, denn die beiden Glückspilze waren nicht ein Tröpfchen nass.
Katerina war erstaunt, dass ich nicht bei Lana im Zimmer war.
«Lana und Kora planen eine kleine Überraschung. Wir sollen im Wohnzimmer warten», log ich, denn schließlich nimmt man beste Freundinnen in Schutz.
Aber ist sie denn noch immer meine beste Freundin? Oder nimmt diese doofe Kora jetzt schon meinen Platz ein?Ich meine, ich weiß ja, dass ich bald umziehen werde. Aber hallo-o! Ich bin noch da! Es ist zu früh, sich eine neue beste Freundin zu suchen, verflixt und zugenäht!
Wir saßen inzwischen im Wohnzimmer, das mit Ballons, Luftschlangen und Girlanden geschmückt war. Emilia und Talea redeten über irgendwas, das ich nur am Rande mitbekam. Ich tat aber so, als wäre ich interessiert und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie mies es mir ging. Währenddessen schwirrten mir all diese Gedanken durch den Kopf. Zum Glück wurde die Runde bald größer. Jasmina, Roana, Sahar und Mayari waren gekommen, und auch Lana und Kora hatten endlich das Geheimnis-Zimmer verlassen und sich zu uns ins Wohnzimmer gesellt.
Ich hatte nicht mal mehr gespürt, dass ich eine feuchte, kalte Jeans trug, so sehr schmerzte mein Herz. Ich hätte laut heulen können. Aber ich versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und schaute vorgetäuscht interessiert in die Runde. Nur Lana und Kora konnte ich nicht anschauen. Wollte ich nicht anschauen. Sie hatten es verdient, ignoriert zu werden. Besonders Lana. Obwohl es ihr Geburtstag war. Ich weiß nicht, ob sie es gemerkt hatte.
Als das Geschnatter langsam abflaute, wollten die Mädels, dass Lana ihre Geschenke auspackt. Ich hatte ihr eine Meerjungfrauendecke gekauft – so eine Decke, die aussieht wie eine Meerjungfrauenflosse, in die man hineinschlüpfen kann. Lana schwimmt nämlich richtig gerne und gut und hat schon ein paar Medaillen gewonnen. Ich wusste, dass sie so eine Meerjungfrauenflosse fürs Wasser hatte. Da dachte ich, das wäre der ideale Zusatz. Außerdem schenkte ich ihr Glitzer-Kreide-Stifte für die Haare. Ich selber stand zwar nicht auf solche Sachen, aber ich wusste, dass Lana es lieben würde. So war es auch. Sie hatte sich riesig über meine Geschenke gefreut und mich umarmt. Vermutlich hatte sie die Szene von vorher in ihrem Zimmer bereits vergessen; nur mir würde sie wohl ewig in Erinnerung bleiben. Aber für eine Weile gelang es mir, diese Geheimniskrämerei zwischen Lana und Kora zu vergessen.
Nach dem Geschenkeauspacken brachte Katerina einen großen Kuchen mit zwölf brennenden Kerzen herein und wir sangen dazu <happy birthday>. Nachdem wir alle ein Stück Kuchen verdrückt hatten, stand <beauty studio> auf dem Programm. Wir trugen Gesichtsmasken auf, färbten uns Haarsträhnen in verschiedenen Farben mit der Kreide, die ich Lana geschenkt hatte, und stylten uns coole Frisuren. Wir lackierten uns gegenseitig die Nägel, klebten uns kleine Diamanten ins Gesicht und rieben uns Abzieh-Tattoos auf Oberarm, Brust und Schulter. Dazu hörten wir die CD, die Lana von Roana geschenkt bekommen hatte.
Für die Gesichtsmaske durfte sich jede von uns abwechslungsweise in den großen, breiten Sessel mit den riesigen Armlehnen setzen und die Maske wirken lassen. Es war ein super bequemer, plüschiger Sessel. Das Lieblingsstück von Katerina. Ich hatte mich bisher noch nie reinzusetzen getraut. Aber heute war eine Ausnahme. Alle durften sich in dieses Luxusteil setzen. Schließlich war ich an der Reihe für die Maske. Freudig und vielleicht etwas überschwänglich warf ich mich in den Sessel. Da gab es plötzlich einen gewaltigen Knall und der Sessel brach unter und über mir zusammen. Wie ich bereits erwähnte, hatte der Sessel sehr breite Armlehnen. Was soll ich sagen? Die Lehnen schlugen über mir zusammen und von mir sah man nur noch Arme und Beine. Das war in diesem Moment auch besser so. Mein Wunsch war diesmal in Erfüllung gegangen. Ich bin zwar nicht in den Erdboden versunken, wurde aber dafür von einem Sesselmonster verschluckt.
Oh Mann!Schon wieder ein peinlicher Moment!Das kann doch nicht wahr sein! Was für eine Blamage! Ich scheine heute einfach nur Pech zu haben. Was für ein beschissener Regentag!
Zusätzlich peinlich war, dass ich aus eigener Kraft nicht mehr hochkam. Ich war sozusagen gefangen; eingeklemmt zwischen Sitzfläche, Rücken- und Armlehnen. Ich kam mir vor wie ein Auto in der Schrottpresse. Und denk jetzt bitte nicht, ich sei so dick und schwer. Ich habe eine durchschnittliche Größe und ein normales Gewicht. Ich hatte mich wohl einfach mit zu viel Schwung in den Sessel geschmissen.
Alle lachten. Normalerweise hätte ich mitgelacht. Aber an diesem Regentag, nach allem, was passiert war, konnte ich nur heulen. Und dieses Mal heulte ich wirklich. Die Tränen brachen einfach aus mir heraus und waren nicht zu bremsen, auch wenn ich es ganz doll versuchte, denn mein Geheule war natürlich gleich nochmal peinlich. Aber dieses Ereignis hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Das war zu viel gewesen. Der ganze Ärger, der sich heute den Tag über angestaut hatte, brach jetzt aus mir heraus.
«Hast du dir weh getan?», fragte Lana ehrlich besorgt, als sie mein stilles Schluchzen hörte.
Sie kam näher, um mir raus zu helfen. Obwohl ich immer noch wütend auf sie war und enttäuscht, ließ ich mir von ihr helfen. Auch die anderen Mädchen kamen herbei und halfen mit, mich aus dem Schlund des Sesselmonsters hochzuhieven.
«Danke. Nein, ich hab’ mir nicht weh getan. Ich hatte einfach einen beschissenen Tag und dieser Dumfall hat mir nun noch den Rest gegeben», schniefte ich und trocknemte mir mit dem Pulloverärmel die Tränen ab. Keine schien zu wissen, was sie sagen sollte.
Da ging plötzlich die Wohnzimmertür auf und Katerina trat ein.
«Ach du große Kackokalypse! An die liebe Katerina habe ich noch gar nicht gedacht! Das war doch ihr Lieblingssessel!», schoss es mir schlagartig durch den Kopf.
Total verheult, wie ich war, muss ich einen echt traurigen Eindruck auf Katerina gemacht haben. Vielleicht hat sie deshalb so cool reagiert. Oder weil es Lanas Geburtstag war. Keine Ahnung. Auf jeden Fall sagte sie nur:
«Mach dir keine Gedanken. Der Sessel war schon alt. Früher oder später musste das ja mal passieren. Schade zwar, aber halb so schlimm. Wer weiß, vielleicht lässt er sich ja sogar noch flicken.»
Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen.
Es standen noch Karaoke-Singen und eine DVD schauen auf dem Programm. Aber ich hatte genug für heute. Ich wollte nur noch nach Hause. Lana bedrängte mich zum Glück nicht zu bleiben. Sie kannte mich gut genug und wusste, wenn ich mal eine Entscheidung getroffen hatte, dann ließ ich mich nicht so schnell davon abbringen. Vielleicht hatte sie ja sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie mich zuvor aus dem Zimmer geschickt hatte, und konnte mich irgendwie verstehen.
Katerina wollte mich nach Hause fahren, doch ich bestand darauf, zu Fuß zu gehen. Ich brauchte dringend frische Luft und ein bisschen Zeit für mich allein. Natürlich regnete es jetzt wieder, aber nicht mehr so heftig. Katerina hatte mir einen Schirm mitgegeben, doch ich machte ihn zu, nachdem ich außer Sichtweite war. Der Regen fühlte sich in diesem Moment richtig gut an, und außerdem fielen so keinem meine Tränen auf.
Als ich zu Hause eintraf, hatte ich mich etwas beruhigt. Mama war natürlich total erstaunt, dass ich so früh wieder zurück war und wollte wissen, was denn mit mir los sei. Finn wunderte sich vor allem, warum ich so klatschnass war, obwohl ich einen Schirm in der Hand hielt.
«Heute war einfach ein rundum schrecklicher Pechtag. Zur Krönung des Tages habe ich noch Katerinas Lieblingssessel geschlissen. Da hat’s mir gereicht. Ich wollte nur noch nach Hause und mich ins Bett verkriechen», erklärte ich meine Entscheidung.
«Ohje, meine Süße, das tut mir ja leid», sagte Mama mitfühlend. «Aber weißt du was? Dein Pechtag könnte doch wenigstens ein gutes Ende nehmen. Glücklicherweise ist heute nämlich mein freier Tag – oder eher meine freie Nacht. Lass uns doch zusammen einen Film gucken, damit du auf andere Gedanken kommst. Nur du und ich, wenn du möchtest.»
«O ja, Mama, das ist eine prima Idee! Danke!»
Ich ging ins Zimmer, um mich umzuziehen. Darin sah es aus, als ob sich Finns Spielsachen gerade eine wilde Schlacht geliefert hätten.
«Nicht aufregen, Enya, nicht aufregen», sprach ich zu mir selbst.
Ich kämpfte mich durch den Spielzeugdschungel zu meinem Bett und zog mir bequeme Kleider an. Auf dem Weg aus dem Zimmer war ich wohl etwas weniger vorsichtig und trat prompt auf ein Spielzeugauto von Finn, was ziemlich weh tat. Ich fluchte leise vor mich hin und rieb mir den Fuß. Dann humpelte ich ins Badezimmer und föhnte meine Haare erneut.
Endlich war ich bereit für den Filmabend mit Mama. Sie saß schon auf der Couch und hatte unseren gemeinsamen Lieblingsfilm <Amy und die Wildgänse> eingelegt. Ich lümmelte mich zu ihr aufs Sofa und kuschelte mich an sie wie ein kleines Mädchen. Das war genau das, was ich gerade brauchte. Ich genoss es sehr, Mama ganz für mich allein zu haben. Finn und Papa, der inzwischen nach Hause gekommen war, hatten Wohnzimmerverbot. Mama servierte mir zudem eine große Portion von meinem Lieblingseis. Und weil ich danach noch immer nicht genug hatte, öffneten wir noch eine Tüte Chips, die ich fast alleine verdrückte. Also die Chips, nicht die Tüte! Das nennt sich wohl Frustfressen.
«Na, hat mein kleiner Snackosaurus jetzt genug genascht?», fragte Mama.
Ich musste schmunzeln. Snackosaurus! Ha, der war gut! Manchmal hatte meine Mutter überraschend coole Wörter auf Lager. Meistens war sie aber eher nicht so cool. Sie war recht streng und wirkte durch den ganzen Stress oft ernst, angespannt und unnahbar. Trotzdem hatte sie immer eine Portion Liebe für uns Kinder übrig.
Ja, ich war an diesem Abend ein richtiger Snackosaurus. Dafür ging es mir jetzt viel besser, und das war im Moment das Wichtigste. Ich konnte den Tag vergessen und einfach den Abend mit Mam genießen.
In der Nacht holten mich die Ereignisse des Tages aber wieder ein. Ich träumte von Lana. Sie nahm mich bei der Hand und sagte, sie wolle mir ein Geheimnis zeigen. Ich folgte ihr. Sie führte mich in den Keller und zeigte mir eine alte Truhe. Darin sei ein altes Familiengeheimnis. Sie öffnete den schweren Deckel. Ich schaute hinein. Da schubste Lana mich rein und machte den Deckel zu. Es war stockdunkel. Ich polterte gegen den Deckel und flehte, sie solle mich wieder rauslassen, aber nichts geschah. Verzweifelt versuchte ich mit aller Kraft den Deckel zu öffnen. Keine Chance. Da klappte auf einmal eine Seitenwand zu Boden. Ich sah nur helles Licht. Langsam und vorsichtig krabbelte ich aus der Truhe heraus. Wegen des hellen Lichts konnte ich erst nichts sehen. Dann wurde mir bewusst, dass ich auf einer Bühne stand. Es war die Theaterbühne unserer Schule. Ich kam mir winzig klein darauf vor. Im Theatersaal saßen alle Kinder meiner Schule, ganz vorne Lana und die anderen aus meiner Klasse. Sie lachten laut und gemein, während sie zu mir hochschauten und mit den Fingern auf mich zeigten. Da erst wurde mir klar warum. Ich stand nur in meiner Unterhose und einer Schweinchenmaske auf der Bühne. Es war ein unglaublich erniedrigendes Gefühl. In dem Moment wachte ich auf und realisierte, dass es nur ein Traum gewesen war. Auf das peinliche Gefühl folgte Wut. Wut auf Lana, die mich in diese Situation gebracht und hintergangen hatte. Und da kamen die Erinnerungen des Tages zurück, die mich noch die halbe Nacht quälten. Am meisten beschäftigte mich das Geheimnis von Lana und Kora.
Was haben die beiden so Spannendes angeschaut, von dem ich nichts wissen darf? Ist es ein Plan? Wofür? Ein Brief? Von wem? Und warum macht sie so ein Geheimnis daraus? Vor mir!? Könnte ich doch durch eine Zauberkugel sehen! Oder mich unsichtbar machen, um heimlich in ihr Zimmer zu schleichen und nach dem Geheimpapier zu suchen.
Der Morgen kam viel zu früh und spuckte mich aus dem Schlaf wie einen durchgekauten, geschmacklosen Kaugummi. Grummelnd zog ich mir die Decke über den Kopf, als Mama mich weckte. Sie zog sie wieder runter und hielt sie fest.
«Ich will nicht aufstehen! Ich hab’ Bauchweh. Ich kann nicht zur Schule», jammerte ich.
«Quatsch mit Soße! Du hast doch bloß Keinelustitis.» (Es ist mir ein Rätsel, wie Mama immer merkt, ob ich wirklich krank bin oder es nur vortäusche.) «Du stehst jetzt auf und machst dich fertig, sonst hast du wieder unnötigen Stress, bevor der Tag richtig begonnen hat! Denk daran, dass du zu Fuß gehen musst, weil dein Kickboard kaputt ist», sagte Mama bestimmt.
Dieser Ton duldete keine Widerrede. Knurrend stand ich auf.
Als ich in die Küche kam, saß Finn schon am Küchentisch und kaute an einem Marmeladenbrot.
«Guten Morgen, Enya», grüßte er mich freundlich. «Tut mir leid wegen gestern. Zwei Streiche hintereinander waren wohl etwas zu viel. Und dann war dein Tag ja auch sonst ziemlich übel. Schau, ich hab’ dir deine Lieblings-Cornflakes bereit gemacht – zur Wiedergutmachung. Die Milch wollte ich noch nicht reintun, sonst wären sie pampig geworden, und das magst du ja nicht.»
«Wow, wie bedacht und lieb von dem kleinen Stinker», dachte ich beeindruckt und dankte ihm.
Ich zog die Schüssel zu mir rüber, nahm die Milchtüte und schüttete Milch darüber. Da färbte sich alles rot.
«Oh, das tut mir ja leid!», rief Finn gespielt überrascht und entsetzt aus. «Ich hab’ mir vorher in den Finger geschnitten. Da muss wohl ein Tropfen Blut in deine Schüssel gefallen sein.»
Erstaunlicherweise wurde ich nicht wütend. Ich glaube, mich konnte einfach nichts mehr umhauen nach dem gestrigen Tag. Ich musste sogar schmunzeln und sagte: «Du bist einfach unverbesserlich!»
Da war er doch tatsächlich etwas verlegen. Ich konnte es seinem schiefen Lächeln ansehen.
Vielleicht will er ja bloß mehr Aufmerksamkeit von mir. Ich habe mich in letzter Zeit nicht viel mit ihm abgegeben. Früher haben wir oft zusammen gespielt. Irgendwie bin ich gerade in einer schwierigen Phase…
«Hey, wollen wir heute nach der Schule wieder mal zusammen Jumanji spielen?», fragte ich ihn.
Seine Augen begannen zu leuchten, während er heftig nickte. Also hatte ich wohl recht gehabt.
Die Frühstücksflocken in der roten Milch aß ich nicht mehr auf. Obwohl ich wusste, dass es Lebensmittelfarbe war, kriegte ich einfach den Gedanken an Blut nicht mehr aus meinem Kopf. Ich hatte sowieso keinen Hunger, weil ich gestern Abend so viel genascht hatte und weil ich aufgeregt war wegen Lana. Ich hatte so was von überhaupt keine Lust ihr zu begegnen.
Bestimmt wird es nun gleich ganz verkrampft, wenn ich sie sehe. Was soll ich zu ihr sagen? Die Wahrheit wäre gut. Doch kann ich das? Mist, wieso tu ich mich nur so schwer, jemandem ehrlich meine Meinung zu sagen? Vor allem bei Lana sollte ich das doch können. Ich hab’ doch nichts zu verlieren! Bald ziehe ich sowieso weg. Außerdem habe nicht ich mich falsch verhalten, sondern sie!
Als ich ins Klassenzimmer kam, war Frau Brunner schon im Zimmer, weshalb ich vor der Schule nicht mehr mit Lana sprechen konnte. Darüber war ich ganz froh. So hatte ich etwas mehr Zeit, mir selbst gut zuzureden.
Du schaffst das, Enya!
In der großen Pause hatte ich es dann tatsächlich geschafft, Lana zur Rede zu stellen.
«Was sollte das eigentlich gestern mit dieser Geheimniskrämerei? Wir hatten doch noch nie Geheimnisse voreinander. Es hat mich total verletzt, als du mich aus dem Zimmer geschickt hast.»
«Ja, das war mir im Nachhinein auch klar. Sorry! Ich brauchte einfach den Rat von jemandem… also… von Kora», versuchte Lana sich zu entschuldigen.
«Wieso von ihr und nicht von mir?», fragte ich traurig und verständnislos.
Lana druckste herum: «Wie soll ich sagen? Mmmm… Ja, also Arian (das ist ein Junge aus unserer Parallelklasse) hat mir eine total süße Geburtstagskarte geschrieben. Und Kora hat doch schon Erfahrung mit Jungs, deshalb… Du weißt schon.»
«Was weiß ich? Dass ich das kleine, schüchterne, unerfahrene Mädchen bin, mit dem man nicht über Jungs sprechen kann, oder was?», dachte ich, schluckte meine Worte aber runter und sagte stattdessen: «Und was stand in der Karte?»
«Ach, nur so Sachen. Ich möchte jetzt nicht darüber reden, verstehst du?»
Äh, nein, verstand ich nicht, aber wieder sagte ich nichts. In dem Moment kamen Jasmina, Emilia, Talea, Mayari, Roana und Sahar zu uns und fingen an, über die Party von gestern zu reden, worüber Lana gewiss froh war, denn so wurde sie von meiner Fragerei erlöst. Nachdem sie sich erkundigt hatten, wie es mir heute gehe, sprachen sie vor allem über das, was nach meinem Abgang noch passiert war und machten lauter Insider-Sprüche, wobei ich mich total ausgeschlossen fühlte. Da ich nichts mitzureden hatte, schweiften meine Gedanken wieder zur Karte, die ich aber sogleich abzuschütteln versuchte.
Mir doch egal, was dieser Arian ihr schreibt!
In Wahrheit hat es mich schon gewurmt und ich hätte zu gerne gewusst, was in der Karte stand. Wahrscheinlich war es eine Art Liebesbrief, denn sonst hätte Lana ja nicht so ein Ding daraus gemacht. Es war eindeutig, dass da mehr drinstand als nur <happy birthday>. Vielleicht war ich auch ein klitzekleines bisschen neidisch auf Lana. Andererseits hatte ich noch überhaupt kein Interesse an einer Liebesbeziehung. Da hatte Lana schon recht. Ich kannte mich mit Jungs und Beziehungen etwa so gut aus wie ein Känguru mit Kuchenbacken. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, einen Jungen zu küssen. Ich war ja auch erst zwölf Jahre alt. Und außer Kora hatte noch keine aus unserer Klasse einen Freund gehabt. Kora war seit letztem Herbst mit Salim zusammen.
Ob sie sich schon mal geküsst haben? Was macht ein zwölfjähriges Mädchen überhaupt mit ihrem <Freund>?
Ich konnte und wollte es mir nicht vorstellen. Das Thema ging mir wirklich so was von am A… vorbei.
Gut, dass ich bald umziehe! Dann können die vier zusammen Pärchen-Treffen machen oder was auch immer, und ich muss mir nicht wie das fünfte Rad am Wagen vorkommen.Und am neuen Wohnort werde ich mir eine Freundin suchen, die auch noch kein Interesse an Jungs hat. Problem gelöst. Perfekt!
Leider war das Problem dann doch nicht so einfach gelöst. Die Zeit bis zu unserem Umzug zog unglaublich langsam dahin. Es kam mir sogar vor, als ob sie sich irgendwie künstlich in die Länge zog. Wie wenn du in einen Kaugummi trittst, der von der Sonne erhitzt wurde und nun lange Fäden zieht, je höher du den Fuß hebst. Es war eine wirklich grässliche Zeit meines Lebens, in der nur wenig Schönes passierte. Ich fühlte mich in einer Art Zwischenstation; nicht mehr richtig hier, aber auch noch nicht dort. Ich war oft traurig und weinte viel – heimlich nachts im Bett, denn ich wollte meine Eltern nicht mit meinen Problemen belasten. Die hatten schon genug andere Sorgen.
Ich konnte nicht mehr gut schlafen, war dafür tagsüber ständig müde und hatte oft Bauch- oder Kopfschmerzen. Die meiste Zeit war ich gar nicht richtig anwesend.
Seit der Geburtstagsparty und dem Geheimnis war Lana immer distanzierter geworden. Sie ging mir immer öfter aus dem Weg und bändelte stattdessen immer stärker mit Kora an. Bald hatten wir uns ungefähr noch so viel zu sagen wie ein Hamster einer Giraffe.
Doch dann kam es sogar noch schlimmer: Wenn Lana mich nicht ignorierte, machte sie mich vor den anderen lächerlich und ließ Sprüche fallen, die SIE cool und MICH einfach nur sprachlos dastehen ließen:
«Du bist wie eine Wolke. Wenn du dich verziehst, könnte es noch ein schöner Tag werden.» Oder: «Du bist so überflüssig wie ein Sandkasten in der Wüste.»
Ja, solche Sachen musste ich mir nun öfters anhören. Wie schnell Koras Art auf Lana abfärbte, war echt krass. Es schien mir, dass Lana ihre ganze Schokoladenseite auf einmal aufgegessen hatte. Oder doch nicht? Einmal kam sie auf mich zu und sagte ganz freundlich:
«Ich habe Lust, dich mal wieder zu treffen.»
Ich war erstaunt aber auch erfreut, lächelte und wollte gerade etwas antworten, da fügte sie hinzu: «…mit einem Stein oder so» und prustete laut los.
Auch alle anderen rundherum lachten schallend mit.
«Warum verdrehst du die Augen? Suchst du dein Gehirn?», setzte Kora noch einen oben drauf.
Ich hätte gerne etwas Schlagfertiges erwidert, aber es kam nur ein kleines, peinliches Geräuschlein aus meinem Mund, das sich wie ein röchelndes Huhn anhörte. Also entfernte ich mich ohne Worte und dachte nur: «Wie tief bist du denn gesunken? Ich glaube, das Niveau mancher Menschen hat sogar im Keller noch Höhenangst.»
Aber Spaß beiseite! Es machte mich wirklich überaus traurig, dass meine ehemals beste Freundin mich auf einmal wie eine Außerirdische behandelte.
Nicht nur Lana hatte sich von mir distanziert. Auch alle anderen meiner Klasse mieden mich plötzlich. Lana und Kora gaben den Ton an und die anderen folgten ihnen wie brav dressierte Hündchen. Es drehte sich alles darum, wie man aussieht, was man für Klamotten trägt, welche Musik man hört, welche Apps man auf dem Handy hat und so weiter. Ich hatte nicht mal ein Handy!
Meine Sorgen vertraute ich nur meinem Tagebuch an. Das Schreiben tat mir gut. Ich gelangte dabei sogar zu neuen Erkenntnissen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, will ich da eigentlich auch nicht mitmachen und dazugehören. Und doch tut es weh. Aber die Wahrheit ist, dass Lana und ich schon länger nicht mehr zusammenpassen. Seit dem Zeitpunkt, als sie angefangen hat, sich für ganz andere Sachen zu interessieren, die ich ätzend langweilig finde: Shoppen gehen, schminken, am Handy hängen, sexy Moves aus Videoclips nachahmen… Und die ganze Zeit habe ich mitgemacht und so getan, als ob ich das auch toll finden würde. Ich habe nie Vorschläge gemacht, dass wir Dinge tun, die ich toll finde. Weil ich wusste, dass sie das lächerlich und kindisch gefunden hätte. Es ist an der Zeit, dass ich mich nicht mehr verstelle, dass ich ehrlich bin und zu mir stehe, statt mich anders zu geben, nur damit ich dazugehöre. Aber wieso bin ich eigentlich so anders? Wieso kann ich nicht einfach wie die anderen sein? Ich will damit nicht sagen, dass ich etwas Besonderes bin. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich nicht <besonders> im positiven Sinne. Ich bin einfach nicht normal. Und doch wiederum irgendwie stinknormal. Ich bin so normal wie das Schlottern, wenn man im Winter keine Jacke trägt, wie Schweißausbrüche, wenn man sich fürchtet, wie Bauchschmerzen nach zu viel Eis. Voll absehbar. Wie eine mathematische Gleichung. Egal wie oft du rechnest, es kommt immer das Gleiche dabei heraus – vorausgesetzt du rechnest richtig. Öööööööööööööde! Wahrscheinlich mag ich deshalb Mathematik nicht.
Obwohl ich einerseits froh darüber war, dass ich nicht mehr vortäuschen musste, diese Sachen auch toll zu finden, nur um dazuzugehören, schmerzte es doch sehr, dass ich plötzlich so ausgeschlossen und gehänselt wurde. Ich fühlte mich wie eine leergetrunkene Cola-Dose, die flachgetrampelt und in die Ecke gekickt wurde. Mein einziger Lichtblick war die Hoffnung, dass es am neuen Ort besser würde, dass die Mädchen auf dem Land anders ticken als die hier in der Stadt.
Nicht nur die Hoffnung auf bessere Zeiten am neuen Wohnort hielt mich über Wasser. Da gab es noch etwas anderes, aus dem ich immerhin ein bisschen Kraft schöpfen konnte: Ich war schon immer eine Träumerin gewesen, und in dieser Phase meines Lebens war ich so froh um diese Fähigkeit. (Vielleicht wunderst du dich, dass ich das Träumen eine Fähigkeit nenne, und du denkst, das kann doch jeder. Aber ich glaube, dass nicht viele so oft in Tagträume abdriften wie ich – sonst hätte meine Lehrerin nicht immer nur mich eine Träumerin geschimpft, wenn sie mich ansprach und gegen eine Wand redete. Ich habe also richtig viel Übung darin. LOL)
Wenn es mir so richtig mies ging, entfloh ich einfach in meine Fantasie und schon ging es mir besser. Manchmal braucht man eben viel Fantasie, um der Realität standzuhalten. Und ich wusste, dass es mindestens einen Menschen in meinem Leben gab, der mich verstehen konnte und das Tagträumen nicht wie alle anderen als negative Eigenschaft ansah: meine Oma.
Vor etwa einem Jahr hatte ich von ihr eine Postkarte bekommen, auf der ein Zitat von Albert Einstein steht. Falls es dir so geht wie mir, und du auch nicht so recht weißt, wer Albert Einstein war, hier ein paar interessante Fakten über ihn: Albert Einstein war einer der bedeutendsten Physiker seiner Zeit. Berühmt wurde er durch seine Relativitätstheorie. (Falls dich diese interessiert, schau dir am besten ein Video auf YouTube dazu an. Hab’ ich auch gemacht. Aber selber erklären kann ich sie nicht. Und ich will dich ja auch nicht langweilen, falls es dich nicht die Bohne interessiert.) Auf jeden Fall machte diese Theorie Einstein auf der ganzen Welt berühmt. Ohne diese hätten die ersten Fernseher kein scharfes Bild erzeugt, die heutigen Navis wären nicht so genau, und Atomstrom wäre undenkbar. Den Nobelpreis für Physik erhielt Einstein aber nicht, wie viele denken, für die Relativitätstheorie, sondern für seine Erklärung des photoelektrischen Effektes. Er fand heraus, dass man mit Photonen (das sind winzig kleine Lichtteilchen) elektrischen Strom erzeugen kann. Durch diese Entdeckung war später die Erfindung der Solarzellen möglich. Es gibt auch ein chemisches Element, das nach ihm benannt wurde: Einsteinium. Außerdem setzte er sich für den Frieden ein. Er ist in Deutschland geboren und lebte später in der Schweiz, wo er Mathematik und Physik studierte und danach unterrichtete. Er lebte aber auch in Italien, Österreich und in den USA. Es heißt, dass Albert ein schlechter Schüler gewesen sei. – Sehr beruhigend zu wissen, wie ich finde. Ich bin auch nicht gerade ein Ass in der Schule. Aber seht, Einstein hat es trotzdem zu etwas gebracht! Und wie! Es besteht also durchaus Hoffnung, dass auch aus mir mal etwas <Anständiges> wird, wie meine Eltern es formulieren würden. Was auch immer das sein mag.
Das Zitat auf der Postkarte lautet:
Logik bringt dich von A nach B.
Deine Fantasie bringt dich überall hin.
Vielleicht mag ich den Spruch auch deshalb, weil ich es mit der Logik manchmal nicht so habe. Ich steh öfters mal auf dem Schlauch und verstehe Dinge nicht so schnell. Aber in meiner Fähigkeit zu fantasieren bin ich unschlagbar. Und irgendwie bin ich glücklich darüber, auch wenn meine Aussagen schon als Kleinkind von Erwachsenen leicht spöttisch kommentiert wurden.
«Du hast ja eine blühende Fantasie», bekam ich oft zu hören. Ich hörte den belustigten Unterton schon früh heraus und verstand schnell, dass Erwachsene die Fantasie scheinbar nicht besonders mochten. Im Kindergarten hatte meine Lehrerin mich immer wieder ermahnt, ich soll nicht lügen, wenn ich eine meiner Geschichten erzählte. Ich hatte das nicht verstanden, denn ich glaubte nicht, dass ich lüge. Damals konnte ich nämlich noch nicht so richtig unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Für mich waren beide gleich real – und so erzählte ich es auch. (Vielleicht bin ich deshalb immer stiller und in-mich-gekehrter geworden.)
Ich liebe es auch heute noch, vor mich hinzuträumen. In meiner Fantasie kann ich überall hinreisen, wo ich will, und ich kann alles sein, was ich will. Ich bin die auf einem schwarzen Hengst reitende, Bogen schießende, mit Bären kämpfende, wilde Merida oder die mutige, starke Vaiana, die sich gegen Maui, den Halbgott des Windes und des Meeres, behauptet. Ich habe magische Kräfte wie Harry Potter, kann fliegen und mich unsichtbar machen.
Vielleicht habe ich diese Fähigkeit, in andere Welten zu verreisen und ein anderes Ich anzunehmen, meiner Mama zu verdanken. – Ausgerechnet ihr, die solch eine Realistin ist und bei der alles logisch und ordentlich sein muss. – Sie hat mir nämlich, als ich klein war, zum Einschlafen immer die Musik von Enya laufen lassen. – Nein, ich spreche natürlich nicht von mir! Enya ist eine berühmte Sängerin. Vermutlich kennst du sie nicht, da sie nicht die Musik unserer Generation spielt. Ich mochte ihre ruhigen, entspannenden Lieder und ihre klare, weiche Stimme. Die Lieder haben etwas an sich, das mich wunderbar träumen und in Fantasiewelten verreisen ließ.
Besagter Sängerin verdanke ich übrigens auch meinen Namen. Mama hat diesen Namen gewählt, weil sie die Sängerin so gerne hat. (Papa hatte wohl nichts zu melden. Typisch! Wenn es um große Entscheidungen geht, ist immer Mama diejenige, die sie fällt.) Auf jeden Fall bin ich ganz zufrieden mit meinem Namen. Er ist etwas Besonderes. Enya. So heißen nicht viele. Zumindest keine, die ich kenne. Außer natürlich diese Sängerin. Aber die kenne ich ja nicht persönlich. Mein Name bedeutet <Feuer des Lebens> oder <Samenkern>. Klingt ganz gut – was auch immer das genau heißen mag. Es klingt auf jeden Fall kraftvoll. Feuer des Lebens. Lebensfeuer. Leuchtende Energie. Und Samenkern – daraus wachsen schöne Blumen, starke Bäume oder nährendes Korn.
Ich hoffe, dass auch ich eines Tages zu einer schönen, starken Frau heranwachsen werde. Es gab auch mal eine Prinzessin namens Enya. Ziemlich cool, oder? Was ich an Prinzessinnen mag, sind nicht etwa ihre schönen Kleider oder das prunkvolle Schloss, in dem sie wohnen, sondern dass sie die Macht haben, die Welt zu verändern. Ich möchte auch einmal etwas in der Welt bewirken, die Welt zum Besseren verändern. Doch dazu braucht es Mut – eine Eigenschaft, die mir leider gänzlich fehlt. Es geht mir nicht darum, etwas Besonderes zu sein. Ich möchte einfach etwas Gutes tun auf dieser Erde, wo im Moment so viel schiefläuft. In meinen Träumen stelle ich mir oft eine bessere Welt vor – ohne Krieg und Katastrophen. Ohne Streit, Gewalt und Gemeinheiten. In meiner Fantasie ist die Welt in Ordnung. Deshalb ist mir meine Fantasie so wichtig. Und dass ein so schlauer Mensch wie Albert Einstein dies auch so sah, bestärkt mich darin, dass es etwas Gutes ist, auch wenn alle anderen anders denken. Ich bin froh, dass Oma mir diese Postkarte geschickt hat. Sie hängt jetzt über meinem Bett. – Also nicht Oma! Die Postkarte! – Obwohl es gar nicht so überraschend für mich wäre, wenn meine Oma sich über mein Bett hängen würde, so mit einem Seil um den Bauch, und fröhlich singend Runden in der Luft drehen würde. Meine Oma ist nämlich ein bisschen verrückt. Das findet zumindest meine Mama. Ich würde eher sagen, sie ist wie ein kleines Kind, das sturmfreie Bude hat. Das hat sie ja eigentlich auch, immer, denn sie wohnt allein, seit Opa gestorben ist. Ich meine damit, dass sie einfach macht, was sie will und sich nicht darum kümmert, was die anderen Leute denken oder sagen. Den Nachtisch vor dem Abendessen verdrücken oder barfuß durch frisch gefallenen Schnee laufen oder nachts den Vollmond anheulen. - Ja, ok, vielleicht ist sie ja wirklich ein bisschen verrückt. Aber auf eine gute Art! Ich glaube, sie lässt sich einfach nichts mehr verbieten. Sie tut, wonach auch immer ihr gerade ist. Hemmungslos. Dafür bewundere ich sie. Ich hätte auch gerne diese Unbekümmertheit und Stärke, so dass es mir egal wäre, aus der Reihe zu tanzen, auch wenn andere über mich lachen und reden würden. – Hey, an diesem Punkt bin ich doch gerade! Ich bin zwar nicht aus gder Reihe getanzt, wie ich finde, aber verspottet werde ich trotzdem. Und jetzt, da ich ihnen eh egal bin, kann es doch auch mir egal sein, was sie von mir halten. Vielleicht ist das meine Gelegenheit, endlich mutiger und selbstsicherer zu sein. Ich kann einfach ich sein, tun, was ich für gut halte, und offen meine Meinung sagen. Am besten ich fange gleich morgen damit an. Vielleicht werde ich dann so glücklich und fröhlich wie meine Oma. Zumindest wirkt sie auf mich so. Ob sie es wirklich ist?
Wie gesagt, fand Mama Omas Verhalten gar nicht gut. Nein, sie fand es sogar besorgniserregend. (Oma ist ihre Mutter. Meine andere Oma habe ich leider nie kennengelernt, da sie sehr jung gestorben ist.) Besonders besorgt war Mama, als Oma letzten August im Badeanzug im Dorfbrunnen gebadet hatte. Das fand sie sowas von unangebracht und peinlich, dass sie befürchtete, dass Oma irgendwann völlig überschnappt. Um das zu verhindern, wollte Mama in ihre Nähe ziehen. Also sehr nah… Genau genommen: zu ihr ins Haus!
Oma gehört ein großes Riegelhaus (Fachwerkhaus), das sie von Opa geerbt hat, der da aufgewachsen ist. Es steht am Rande des kleinen Dorfes Nessikon. Das Haus umgibt ein großer Garten, der an den Dorfbach grenzt. Dahinter erstrecken sich Felder und eine Pferdeweide, und weiter hinten ist der Wald. Ich mag das Haus, mit den vielen geraden und schrägen rötlich-braunen Balken und grünen Fensterläden. Es passt total gut zu Oma, finde ich. Mamas jüngere Schwester Carla (meine Tante also) wohnt auch in dem Haus. Es wurde nämlich schon vor langer Zeit zu einem Zweifamilienhaus umgebaut. Links wohnt Oma, rechts wohnt Carla. Und nun sollten wir in Omas Hausteil ziehen, der für sie allein sowieso zu groß sei, hatte Mama argumentiert. Für Oma würde dafür der Dachstock zu einer hübschen Wohnung ausgebaut. Da müsse sie dann auch nicht so viel putzen. Ob das der Grund war, warum Oma schließlich eingewilligt hatte, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall freute ich mich darauf, Oma jetzt öfters zu sehen und um mich zu haben, auch wenn ich den Grund für unseren Einzug voll behämmert fand.
