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Die 15jährige Judi plagt ein wiederkehrender Alptraum. Auf einer Klassenfahrt geschehen in ihrer Umgebung plötzlich unerklärliche Dinge. Schließlich entdeckt sie im Wald ein verstecktes Dorf, nichts ahnend, daß sie sich längst in einer anderen Welt befindet, die sie trotz ihres märchenhaften Charmes schon bald auf eine harte Probe stellt. Die letzten Überlebenden von Djorgian bitten das Mädchen um Hilfe im Kampf gegen den finsteren Magier Dohn. Gemeinsam mit Niam, dem Erbe der Magier, und dem vorlauten Zwerg Burbix macht sie sich auf den Weg, Dohn zu vernichten. Eine gefährliche Reise beginnt. Wird Judi es schaffen, Djorgian zu retten?
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2014
Jacqueline Esch
Djorgian
Der Stein der Seelen
Roman
Kalidor-Verlag
Jacqueline EschDjorgian – Der Stein der SeelenISBN ePub 978-3-937817-16-3ISBN Mobi 978-3-937817-18-7E-Book, überarbeitete Auflage, 2014
Copyright Kalidor-Verlag, C. Fanselow12529 Schönefeld OT Großziethen
© Alle Rechte vorbehalten
www.kalidor-verlag.de
Vor Entsetzen war ihre Kehle wie zugeschnürt. Dieses schreckliche Gefühl, schreien zu wollen und es doch nicht zu können. Gehetzt sah sie sich um. Schwarzer Wald. Ein Wald, der nicht lebte und aus dem kein Laut drang. Wohin sollte sie? In welche Richtung? Es wurde kälter. Entsetzlich kälter. Er war nicht mehr weit. Sie konnte seine Nähe spüren. Blindlings lief sie weiter. Weg, nur weg von diesem schrecklichen Ort! Ihr Atem gefror hinter ihr zu grauen, harmlos scheinenden Wölkchen. Und dann stand er vor ihr. Abrupt blieb sie stehen. Starr vor Angst glaubte sie, unter seinen Blicken sterben zu müssen. Und langsam, ganz langsam streckte er seine Arme nach ihr aus.
Mit einem Schrei erwachte sie. Ihr Herz raste und feine Schweißperlen bedeckten ihre Stirn. Ein Traum. Mit einem Seufzer ließ sie sich zurück in ihr Bett fallen.
»Judi? Was ist denn los?« Kathrin war wach geworden. »Judi?«
»Es war nur ein Alptraum.« Ein Rascheln verriet ihr, daß Kathrin aufgestanden war, und Sekunden später schloß Judi geblendet die Augen.
»Mach das Licht wieder aus! Es war wirklich nur ein Alptraum.« Als sie die Augen wieder öffnete, blickte sie auf einen schmatzenden Mund.
»Willst du Schokolade? Das beruhigt voll gut. Oder soll ich Herrn Mike holen? Dann kannst du mit ihm über deinen Traum reden. Manchmal bedeuten sie ja was und …«
»Halt die Klappe und schlaf!«, unterbrach Judi sie.
Ein bißchen beleidigt schaltete ihre Freundin das Licht wieder aus und kletterte in ihr Bett zurück. Das Schmatzen hörte aber nicht auf.
Judi zog die Decke über den Kopf und versuchte wieder einzuschlafen, was ihr natürlich nicht gelang. Und das lag nicht nur an dem Geschmatze von Kathrin. Was, wenn ihr Traum wirklich etwas bedeutete? Und was, wenn sie ihn weiterträumen sollte, wenn sie es tatsächlich schaffte, wieder einzuschlafen?
»Was hast du denn geträumt?«
Da Judi im Moment sowieso nicht mehr einschlafen konnte, erzählte sie es ihr.
»Hatte diese Gestalt zufällig einen ekelhaften roten Pulli und eine nagelneue olivgrüne Cordhose wie Herr Fischer an?« Beide mußten kichern.
»Wieviel Uhr?«, fragte Judi.
»In zwei Stunden müssen wir aufstehen. Schlaf jetzt!«, schmatzte Kathrin. Nach ein paar Minuten war sie eingeschlafen.
Judi lag noch lange wach und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen ihrer Freundin. Dann war auch sie eingeschlafen.
Der Morgen verlief wie die vorherigen drei auch. Zuerst klingelte der Wecker von Kathrin (allerdings vergebens), und anschließend klopfte es energisch an die Zimmertür. Träge öffnete Judi die Augen. Sie fühlte sich überhaupt nicht ausgeschlafen.
»Sollen wir warten, bis Herr Fischer reinkommt und uns aus den Betten schmeißt oder stehen wir jetzt schon auf?«, fragte Kathrin.
Ohne ein Wort kroch Judi unter ihrer Decke vor und stieg die Leiter des Hochbetts hinunter. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Klamotten in ihrem Schrank gefunden hatte, was ganz einfach daran lag, daß Kathrin ihn sofort am ersten Tag seit ihrer Ankunft in der Jugendherberge in eine Vorratskammer umgewandelt hatte. Jetzt lagen Chipstüten zwischen ihren Hosen und Schokoladentafeln in allen Sorten über ihren Pullis.
Judi hatte Kathrin schon ein paarmal darauf hingewiesen, aber diese hatte es entweder gar nicht beachtet oder nur mit einem Schulterzucken beantwortet. Sie hatte schon mit dem Gedanken gespielt, das ganze Zeug einfach auf das Bett ihrer verfressenen Freundin zu häufen, aber das hätte hundertprozentig mit einem Streit geendet, und darauf hatte sie keine Lust. Seufzend kramte sie ihren Pulli unter Kathrins Schokoladentafeln hervor und anschließend ihre Hose.
»Seid ihr wach?«, fragte Herr Fischer durch die Tür.
»Ja. Was unternehmen wir heute?«, fragte Kathrin.
»Wird beim Frühstück besprochen. Beeilt euch, sonst bekommt ihr keine Plätze mehr«, erwiderte der Lehrer. Jetzt stieg auch Kathrin aus ihrem Bett und schlurfte zu ihrem Schrank.
Sie kamen ausnahmsweise nicht als letzte im Speisesaal an und setzten sich auf ihre gewohnten Plätze. Herr Fischer hatte ziemlich übertrieben, was die Sache mit den Plätzen anging. Der Raum war ohnehin schon viel zu groß für ihre Klasse, und Plätze fehlten erst recht nicht, aber das schien einer von Herrn Fischers Lieblingssätzen geworden zu sein, seit sie vor drei Tagen hier angekommen waren. Als auch die letzten Schüler am Tisch saßen, wurden Brötchen und Butter verteilt, und was sonst noch so zu einem Frühstück gehörte.
Eigentlich hatte Judi gar keinen Hunger, aber sie würgte ihr Brötchen trotzdem herunter, allein um der Predigt ihres Klassenlehrers zu entgehen, wie wichtig doch das Frühstück sei. Den Tee lehnte sie aber ab, worauf Herr Fischer Gott sei Dank nur ein wenig tadelnd dreinblickte.
Kathrin schien sich die Vorträge, wie wichtig doch das Frühstück sei, allerdings sehr zu Herzen zu nehmen. Auf ihrem Teller lagen alle möglichen Wurst- und Käsesorten, und drei Brötchen hatte sie um ihren Teller platziert (das vierte befand sich schon in ihrem Magen). Ein Schälchen mit Müsli und ein weiteres voller Joghurt standen auch noch bereit.
Schließlich stand der Lehrer auf und verkündete laut: »Heute gehen wir in einen großen Wald, der ganz in der Nähe liegt.« Wie immer wurde dies mit allgemeinem Stöhnen erwidert.
»Ruhe! Wenn jemand hier bleiben will, kann er es mir ja sagen, und er schreibt. Wir werden den ganzen Mittag dort bleiben. Der Wald ist wirklich groß, und ich werde Arbeitsblätter verteilen, in die jeder eintragen muß, was er für Tier- und Baumarten gesehen hat. Ruhe! Um elf Uhr geht es los.«
Judi räumte ihr Geschirr zusammen. Ein Waldspaziergang. Toll!
Kathrin neben ihr verdrehte die Augen. »Na, wenigstens haben wir noch zwei Stunden Zeit, um uns auf diesen tollen Waldspaziergang vorzubereiten. Das geht ja noch, aber die Sache mit den Arbeitsblättern hätte er ja wohl streichen können.«
Da war Judi ganz ihrer Meinung. Als Herr Fischer das bekannte Haut-ab-Handzeichen gab, verschwanden wieder alle in ihren Zimmern.
Judi kletterte in ihr Bett und schloß die Augen.
»Was machst du jetzt?«, nuschelte Kathrin, die sich ein Bonbon in den Mund gesteckt hatte.
»Rumlaufen.« Mit diesen Worten kletterte sie wieder von ihrem Hochbett herunter und schlenderte durch die Tür.
Kathrin blieb im Zimmer und versuchte die Unordnung in ihrer provisorischen Vorratskammer zu beseitigen.
Judi wendete sich Richtung Ausgang. Kurz vor der Tür kam ihr Bianka entgegen, die sie mit spöttischem Blick musterte. Judi achtete schon gar nicht mehr darauf und ging durch die Tür, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Blöde Kuh! Meint, sie sei die Beste von allen!
Draußen war es noch kühl. Der Tau lag noch auf dem Gras und ließ es wie gefroren aussehen. Geradewegs steuerte sie auf eine alte Bank zu und hockte sich hin. Auch die Bank war noch naß vom Tau. Die Knie mit ihren Händen umschlingend saß sie lange einfach nur da und lauschte dem Wind, aber mit der Zeit wurde es ihr unbehaglich, als würde sie beobachtet werden. Hastig drehte sie sich um, aber weit und breit war niemand zu sehen. War das Kathrin? Judi stand auf und ging ein paar Schritte auf die wenigen Bäume zu, die vor der Jugendherberge standen.
»Kathrin?« Keine Antwort. Zögernd ging sie weiter auf die Bäume zu und sah sich um. Niemand war da. Judi ärgerte sich über sich selbst. Was hatte sie erwartet? Etwa, daß jemand dort stand und sie wirklich beobachtete? Quatsch!
Kopfschüttelnd drehte sie sich um. Doch für einen kurzen Moment stand vor ihr nicht mehr die Jugendherberge, sondern ein großer schwarzer Wald, und dann war er wieder verschwunden. Fassungslos starrte Judi die alten Mauern an. Was war das? Nein, das hatte sie sich nur eingebildet! Vor ihr stand eine ganz gewöhnliche Jugendherberge mit nur einem Eingang und viel zu wenig Fenstern. Kein Wald!
Schnell betrat Judi wieder das Innere des Hauses und war ebenso schnell wieder in ihrem Zimmer. Kathrin war noch immer dabei, ihre Vorratskammer auf Vordermann zu bringen, aber darauf achtete sie gar nicht. Ihre Gedanken rasten. Was war das eben gewesen?
»Judi, was ist denn mit dir los? Hast du’n Gespenst gesehen? Du bist ganz blaß!«
Judi sah in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Ja, sie war wirklich blaß.
»Hast du eben ein komisches Gefühl gehabt? Als wärst du für einen Augenblick woanders gewesen?«, fragte Judi.
»Hä? Nee. Was redest du da?«
»Schon gut. Ich hab nur nachgedacht.«
»Ach ja. Und davon wird man neuerdings käseweiß im Gesicht«, erwiderte Kathrin mißtrauisch.
Judi antwortete nicht und kletterte wieder in ihr Bett. Aber wenn sie geglaubt hatte, Kathrin gäbe sich damit zufrieden, hatte sie sich geirrt.
»Was meinst du damit, ob ich ein Gefühl gehabt hätte, als ob ich einen Moment nicht hier gewesen wäre? Was ist los mit dir? Du hast mir doch sonst immer alles erzählt.«
Judi antwortete immer noch nicht. Ihre Freundin würde ihr entweder gar nicht glauben oder sie für verrückt erklären.
»Jetzt sag schon. Ich hatte nicht so ein Gefühl. Ich habe nur gemerkt, daß du mein ganzes Essen im Schrank durcheinander gebracht hast. Ich hatte alles so schön sortiert …«, meinte Kathrin vorwurfsvoll.
»Das ist ja auch keine Vorratskammer sondern ein Kleiderschrank. Ich darf ja wohl noch an meine Klamotten! Das ist schließlich mein Schrank, und du hast deinen eigenen! Jetzt nerv nicht und räum deinen Krempel da raus!« Sie wußte, daß sie Kathrin damit weh getan hatte, aber sie wollte jetzt nicht reden.
Katrin verließ beleidigt das Zimmer. Jetzt war Judi allein, aber das half auch nicht weiter. War das draußen nicht der Wald aus ihrem Traum gewesen? Es ließ ihr keine Ruhe, was selbstverständlich war, denn wer glaubt schon an Visionen, geschweige denn hat eine?
Was sollte sie jetzt machen? Noch einmal zu den Bäumen gehen? Nein. Auf gar keinen Fall. Es doch Kathrin sagen? Das ging auch nicht. Die würde sie die nächsten zwei Stunden bestimmt nicht mehr für voll nehmen. Oder Herrn Fischer? Bloß nicht! Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Aber worauf?
Mit einem Seufzer stand Judi auf und kletterte nun schon zum x-ten Mal die Leiter von ihrem Hochbett hinunter. Tolle Klassenfahrt!
Sie sah auf die Uhr. Es war erst eine halbe Stunde vergangen. Also würde es noch lange bis zur Waldwanderung dauern. In Gedanken versunken schlenderte sie durch den Flur. Aus den anderen Zimmern kam laute Musik und Gelächter. Einige Türen standen offen, und sie konnte dahinter heilloses Durcheinander sehen. Da sah das Zimmer von Kathrin und ihr ja noch harmlos aus!
Als sie stehen blieb, stellte sie fest, daß sie schon wieder vor der Eingangstür stand. Sollte sie doch noch einmal zu den Bäumen gehen? Kurzerhand öffnete sie die Tür und ging noch einmal auf die alte Bank zu. Die Sonne hatte es noch nicht geschafft, den Tau, der noch gut sichtbar auf dem alten Holz haftete, zu beseitigen. Fassungslos starrte sie die Oberfläche der Bank an. Sie hatte sich doch eben noch darauf gehockt, aber kein einziger Fußabdruck war im Tau auf der Bank zu erkennen! Das Holz der Sitzfläche war unberührt.
»Was starrst du die Bank so an?«
Erschrocken drehte Judi sich um. Herr Fischer war, ohne daß sie es gemerkt hatte, aus der Jugendherberge gekommen. Jetzt stand er da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und blickte sie fragend an.
»Ach nichts. Ich … einfach nur so. Der Tau sah von weitem so schön aus, und ich habe überlegt, ob ich meine Fotokamera hole und das fotografiere.«
Wenn Herr Fischer ihr das glaubte, mußte er sie entweder für bekloppt halten oder er glaubte einfach alles. Aber er ging nicht weiter darauf ein und fragte: »Wo ist Kathrin? Ihr seid doch sonst immer zusammen, wenn man euch sieht.«
Judi sah zur Seite. »Na ja … wir haben uns gestritten. Sie ist weggerannt. Ich weiß nicht, wohin.«
»Worüber habt ihr euch denn gestritten? Ach, ich bin zu neugierig. Das geht mich natürlich nichts an. Ich gehe in mein Zimmer. Wenn du doch darüber reden willst …«
Herr Fischer wartete wohl auf eine Antwort, aber diese gab Judi ihm nicht. Das ging ihn wirklich nichts an. Schließlich zuckte der Lehrer mit den Schultern und ging in die Herberge zurück.
Judi mußte sich irgendwie ablenken. Sie ging jetzt schon zum dritten Mal in ihr Zimmer zurück. Kathrin war immer noch nicht da. Eine Weile kramte Judi in ihrer Reisetasche herum, bis sie das gefunden hatte, was sie suchte: ein dickes, spannendes Buch, welches sie zum fünfzehnten Geburtstag vor drei Wochen bekommen hatte. Das Lesen würde sie ablenken, und dann verging auch die Zeit schneller.
Sie hockte sich vor die Heizung und begann zu lesen. Zehn Seiten später begannen die Buchstaben vor ihren Augen zu verschwimmen. Sie seufzte und begann von neuem, aber die Schrift hatte sich irgendwie verändert.
›Er ist schon eine ganze Weile dort unten. Er braucht Hilfe. Hilf ihm! Beeil dich! Er ist der einzige, der das Geheimnis kennt. Wenn er stirbt, sind wir verloren! Judi, hilf ihm!‹
Mit einem Schrei warf Judi das Buch aus der Zimmertür. Sie zitterte am ganzen Körper. Was war denn das schon wieder?
Eine ganze Zeit lang kauerte sie am Boden und starrte das Buch an, das im Flur lag. Wie sie so da saß, klärten sich ihre Gedanken auch wieder. Das konnte nicht sein. Es mußte eine logische Erklärung geben! Es konnte doch nicht sein … aber natürlich! Kathrin! Während sie draußen mit Herrn Fischer geredet hatte, war Kathrin wieder in das Zimmer zurückgekommen und hatte eine Seite in das Buch gelegt, auf die sie diesen Quatsch geschrieben hatte. Jetzt stand sie bestimmt irgendwo und lachte sie heimlich aus. Das war es!
Mit einem Ruck stand Judi wieder auf und näherte sich dem Buch. Sie hob es auf und begann langsam noch einmal zu lesen. Aber von dem, was vorhin dort stand, war nichts mehr zu sehen! Die Geschichte ging ganz normal weiter, und es stand dort nichts mehr von einem Hilferuf. Die Seite mußte wohl herausgefallen sein, als sie es vor lauter Schreck weggeworfen hatte.
Sie suchte den Boden im Flur ab, fand aber keinen Zettel. Auch in ihrem Zimmer war nichts zu sehen. Weder unter dem Schrank noch unterm Bett. Beunruhigt sah Judi auch noch auf den Betten nach, und sogar auf dem Schrank. Aber keine Spur von dem Zettel. Hatte ihn jemand weggenommen, während sie vor der Heizung gehockt hatte? Nein, sie hatte das Buch die ganze Zeit im Auge behalten; also hätte niemand den Zettel unbemerkt wegnehmen können. Verdammt noch mal, was sollte das alles?
Erst dieser Traum, dann steht statt der Jugendherberge ein Wald vor ihr, ihre Spuren auf der Bank sind auf einmal nicht mehr da, und jetzt das mit dem Buch. Wenn sie das irgendwann einmal jemandem erzählen würde, würde sie sich im nächsten Augenblick in der Klapse wiederfinden. Sie verstaute das Buch sorgfältig wieder in ihrer Tasche und schob diese unters Bett.
Vom Flur her kamen plötzlich wütende Schreie. Hastig lief Judi zur Tür und sah in den Flur hinaus. Alle Schüler standen im Kreis und schauten einer Rangelei zu. Zwei Jungen stritten sich schon wieder. Das zweite Mal seit sie hier waren. Herr Fischer war schon dabei, sie auseinander zu zerren. Dann erkannte sie in der hinteren Reihe Kathrin. Sie stand so, daß sie Judi nicht sehen konnte. Sollte sie doch zu ihr gehen? Schließlich war sie es ja gewesen, die den Streit angefangen hatte.
Kathrin nahm ihr die Entscheidung ab und lief schnurstracks auf sie zu. Aber sie schien Judi gar nicht zu beachten und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf an ihr vorbei ins Zimmer. Sie wollte gerade schon wieder wegen Kathrins Verhalten ausrasten, riß sich dann aber doch zusammen.
»Kathrin, es tut mir leid! Es sind ein paar komische Sachen passiert, und da wollte ich alleine sein. Ich weiß, ich hätte dich nicht anschnauzen sollen. T’schuldigung …«, sagte Judi zerknirscht.
»Schon gut. Erzählst du es denn jetzt, was du hattest?«
Judi druckste herum. Sollte sie es ihr wirklich erzählen? »Bist du sauer, wenn ich es dir nicht erzähle?«
»Na ja, ich wüßte schon gerne, was los war«, meinte Kathrin.
»Du hältst mich auch ganz bestimmt nicht für verrückt? Und erzählst es auch niemandem?«
»Ehrenwort!« beteuerte Katrin. Also erzählte Judi ihr doch die ganze Geschichte. Kathrin blieb erstaunlicherweise völlig ernst. Als Judi fertig war, runzelte ihre Freundin die Stirn.
»Ich habe keine Seite in dein Buch gelegt. Hab auch keine Ahnung, was das bedeuten soll. Und das ist alles heute morgen passiert?«
»Ja. Ich habe so gehofft, daß du das warst! Und du erzählst es wirklich nicht weiter?«
»Ich schweige wie ein Grab. Weißt du was? Sollen wir uns die Zeit vertreiben und Schach spielen? Dann dauert es nicht mehr so lange, bis wir diesen tollen Waldspaziergang machen«, schlug Kathrin vor. Normalerweise spielte sie genau dieses Spiel nicht so gerne, aber sie wollte wohl Judi und vielleicht auch sich selbst ein wenig ablenken. Aber Judi war nicht nach Schach zumute, und sie verlor jedesmal, deshalb war sie froh, als Herr Fischer ins Zimmer kam und Bescheid gab, daß sie sich fertigmachen sollten.
Draußen herrschte großes Gedränge am Bus, denn jeder wollte einen Platz bekommen. Judi ergatterte gerade noch einen Sitzplatz am Fenster und konnte nur mit Mühe und Not einen Platz für Kathrin freihalten. Während der ganzen Fahrt sagten beide kein Wort. Dafür schienen die anderen sich um so lauter zu unterhalten.
Nach einer Stunde Fahrt hielt der Bus vor einem großen Schild, auf dem kaum noch erkennbar ›Tiere verboten‹ stand, und der Fahrer öffnete zischend die Türen. Draußen war es noch immer nicht wärmer geworden, worauf Judi ihre Jacke überzog. Herr Fischer versuchte verzweifelt, die Klasse zusammen zu trommeln und lief langsam rot an. Da das ein Zeichen für einen kurz bevorstehenden Wutanfall war, machte sie sich zusammen mit Kathrin schleunigst auf den Weg.
Schließlich standen alle in einem Halbkreis um ihn herum, und er erklärte laut: »Wir bilden Zweiergruppen. Stellt euch schon mal zusammen! Die Arbeitsblätter teilt Stefan aus, und wenn es los geht, bleibt bitte auf den Wegen, verstanden?«
Ein Gemurmel, das sich wie ein ›Ja‹ anhörte, ging durch die Reihen der Schüler. Kathrin hatte sich nach vorne gedrängelt und war dabei, sich ein Blatt zu erbeuten.
Judi ging auf Herrn Fischer zu und fragte: »Wann machen wir denn eine Pause? Wir haben doch gar kein richtiges Essen mit.«
»Tiefer im Wald liegt eine Gaststätte. Da bekommen wir was zu essen. Keine Sorge. Der Preis für das Essen ist schon im Klassenfahrtsgeld mit inbegriffen. Jetzt geh und schließe dich den anderen an!«
Kathrin stand bereits am Waldrand und wartete.
»Freu dich, Kati! Wir machen bald eine Pause in einer Gaststätte. Also brauchst du nicht zu verhungern.«
»Da hab ich aber schon vorgesorgt«, antwortete Kathrin grinsend und hob ihren Rucksack vor Judis Nase, den sie bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte.
Sie brauchte gar nicht zu fragen, was da drin sein sollte. Er war hundertprozentig mit Chipstüten vollgestopft. Judi verdrehte die Augen. Wie konnte man nur so verfressen sein?
Vor ihr setzten sich die ersten Schüler in Bewegung. Sie marschierten durch ein großes Holztor in den Wald hinein. Es roch nach frischer Erde und Nadelbäumen. Judi liebte diesen Geruch.
Neben ihr steckte sich Kathrin ihre Discmanhörer in die Ohren und begann zu schreiben: ›Eichhörnchen, Frosch, Ameise, Käfer, Wurm, Eiche, Tanne, Kastanie‹. Von all dem hatten sie zwar bis jetzt nur die Bäume gesehen, aber Judi sagte nichts. Sie fand die Aufgabe genau so langweilig wie ihre Freundin. Schweigend gingen sie weiter. Vor ihr hockte ein Specht auf einem Baum. Sie zog Kathrin die Hörer aus den Ohren und sagte es ihr. Diese kritzelte es auf den Zettel und steckte sich die Hörer wieder in die Ohren. Echt gesprächig, dachte Judi.
Nach einer halben Stunde wurde das Gejammer der anderen, wann sie denn nun endlich eine Pause machen würden, so groß, daß Herr Fischer eine Pause einlegen mußte.
Kathrin schaltete ihren Discman aus, steckte ihn in ihre Tasche zurück, holte tatsächlich eine Chipstüte heraus und begann zu mampfen. Judi setzte sich auf einen der vielen abgesägten, großen Baumstämme und sah sich um. Im Wald war es schön ruhig (abgesehen von dem Gequatsche der anderen), und der Boden war mit Moos bedeckt. Hier und da wuchsen ein paar Blumen und junge Bäume. Sie saß einfach nur da und träumte vor sich hin. Als Herr Fischer das Zeichen zum Weitergehen gab, bekam sie es erst gar nicht mit. Erst als Kathrin mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht rumfuchtelte, blickte sie auf und reihte sich zusammen mit Kathrin wieder ein.
Der Weg führte immer tiefer in den Wald hinein und irgendwie kam es Judi vor, als würde er immer dunkler werden. Als sie ihre scheinbar discmansüchtige Freundin darauf ansprach, zuckte diese nur mit den Schultern. Nicht nur die Bäume, auch der Boden schien mit jedem Schritt dunkler zu werden. Aber vielleicht lag das ja daran, daß die Bäume immer dichter standen und deren riesige Baumkronen das Sonnenlicht schluckten. Den anderen schien das nicht aufzufallen.
Allmählich wurde Judi nervös. Sollte sie schon wieder etwas sehen, was gar nicht da war? Oder lag das daran, daß sie sich jetzt in einem Wald befand und sie es sich nur einbildete, weil sie vorher von einem dunklen Wald geträumt hatte? Egal. Sie mußte aufhören, an diesen blöden Traum zu denken, sonst würde man sie wirklich für verrückt erklären!
Judi sah sich um. Der Wald hatte aufgehört, sich zu verdunkeln. Erleichtert atmete sie auf. Kathrin neben ihr runzelte fragend die Stirn, worauf Judi hastig wegsah. Dabei bemerkte sie ein Eichhörnchen, das sie frech ansah. Verwundert blieb sie stehen. Ihre Klassenkameraden gingen einfach an ihr vorbei, ohne sie zu beachten.
Irgend etwas war an diesem Eichhörnchen anders … aber was? Langsam ging sie auf das kleine Ding zu und ließ sich in die Hocke sinken. Das Eichhörnchen rührte sich nicht. Es legte nur den Kopf schräg und sah sie aus unglaublich klugen Augen an. Judi konnte nicht anders: sie streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus und seufzte enttäuscht auf, als es im hohen Bogen davonsprang. Sie hätte es wissen müssen.
Aber in einiger Entfernung blieb es wieder stehen und sah sie auffordernd an. Wollte es, daß sie ihm folgte? Nein, das sah man höchstens in Filmen, aber so etwas geschah doch nicht in Wirklichkeit! Andererseits war schon so viel Seltsames an diesem Morgen geschehen, das sonst auch nur in Filmen passierte, und was sollte es schaden, wenn sie ihm folgte? Judi machte einen Schritt auf das Eichhörnchen zu und dann noch einen. Es hüpfte immer wieder weg, wenn sie meinte, es streicheln zu können. Und dann war es mit einem Satz verschwunden.
Judi sah sich aufmerksam um, aber der kleine braune Ball tauchte nicht wieder auf. Statt dessen hörte sie ein leises Stöhnen. Wer war das? Sie ging ein paar Schritte und blieb wieder stehen. Wo war sie überhaupt?
»Hallo? Ist da jemand? Haaallo!« Allmählich bekam sie nun doch Angst. Sie machte noch ein paar Schritte und merkte, daß der Wald sich lichtete. Schließlich trat sie ganz aus ihm heraus.
»Hallo?« Judi fragte sich langsam, ob sie sich dieses Geräusch nicht nur eingebildet hatte, als sie es wieder hörte. »Wo bist du?«
»Hier unten … hilf mir …«, hörte sie auf einmal eine schwache Stimme.
Unten? Vorsichtig machte sie ein paar Schritte in die Richtung, aus der die Stimme kam, und wäre um ein Haar gestürzt. Erschrocken macht sie einen Satz nach hinten, so daß sie unsanft auf dem Hosenboden landete. Auf allen Vieren krabbelte sie nach vorn und sah in die Tiefe. Vor ihr erstreckte sich eine schmale, aber tiefe Schlucht. Man hätte bequem auf die andere Seite springen können. Als sie sich weiter nach vorn beugte, zog sie erschrocken die Luft ein. Da lag jemand auf einem Felsvorsprung! Was sollte sie tun?
»Kannst du aufstehen? Warte, ich hole Hilfe!«
»Nein! … An der großen Birke liegt ein Beutel. Ein Seil muß drin sein.«
»Ich hole es. Beweg dich nicht!« Hastig krabbelte sie vom Rand der Schlucht weg und stand auf. Birke? Eilig rannte sie nach rechts. Nichts. Wo war diese blöde Birke? Ratlos rannte sie in die andere Richtung. Nach einigen Metern sah sie es weiß durch die Bäume schimmern. Gott sei Dank, da war sie! Sie rannte noch schneller und suchte die Stelle. Es dauerte ein bißchen, denn der Beutel lag unter einigen Zweigen versteckt. Sie suchte das Seil und lief eilig zurück.
»Ich hab’s! Kannst du dich festhalten?« Bei diesen Worten warf sie das Seil hinunter.
Stöhnend stand der Junge unten auf und griff nach dem Seil. »Zieh mich hoch!«
Judi suchte sich einen festen Stand und zog kräftig am Seil. Beinahe hätte sie wieder losgelassen.
»Stop! Warte, sonst falle ich auch noch runter! Du bist zu schwer! Ich lege das Seil um einen Baum, dann kann ich besser ziehen. Warte!«
Glücklicherweise reichte das Seil, und Judi begann kräftig zu ziehen. Bald schon schmerzten ihre Handflächen und sie hatte das Gefühl, als versuche der Junge, ihr die Handgelenke herauszureißen. Aber irgendwie schaffte sie es doch und zog den Jungen ganz nach oben. Keuchend ließ sie sich ins Gras sinken. Ihm schien es nicht besser zu gehen, denn er machte ein paar Schritte und ließ sich dann ebenfalls erschöpft fallen.
Als Judi wieder halbwegs zu Atem gekommen war, stand sie auf und ging zu dem Jungen hinüber, der immer noch reglos im Gras lag. Sie setzte sich neben ihn und sah ihn genauer an. Sein Haar reichte ihm bis auf die Schultern und lag wirr durcheinander. Seine Stirn war blutig, und als Judi seine Hand ansah, erkannte sie ein schlangenartiges Wesen in seiner Handfläche. Der Unbekannte hatte ihren Blick bemerkt und zog hastig die Hand weg.
»Wie heißt du?«, fragte Judi neugierig.
»Niam«, sagte der Junge nur.
Seltsamer Name, dachte Judi.
»Du hast mir das Leben gerettet. Danke!«
»Hätte ich dich etwa da unten liegen lassen sollen? Das hätte jeder andere an meiner Stelle auch gemacht. Schönes Tattoo an deiner Hand. Ist das eine Schlange?«
Niam sah sie erschrocken an, sagte aber nichts.
»Ach, auch egal. Kannst du mir den Weg zurück zu meiner Klasse zeigen? Ich weiß nicht, wo ich bin, und meine Klassenkameraden suchen mich bestimmt schon. Wir wollen einen Waldspaziergang machen.«
Niam blickte nur verständnislos drein.
»Verstehst du mich? Hier in der Nähe liegt ein Gasthaus. Weißt du, wo es ist?«, fragte Judi leicht verärgert. Vielleicht stand er ja unter Schock oder ähnlichem. Als sie nach ein paar Sekunden immer noch keine Antwort bekam, zuckte sie mit den Schultern und stand auf, um das Seil zusammenzurollen. Im nächsten Augenblick verlor sie das Bewußtsein. Sie hatte den Schlag nicht einmal kommen sehen.
Judi erwachte mit höllischen Kopfschmerzen. Was war passiert? Sie konnte sich nur schwach an eine Person erinnern, die immer neben ihr gesessen hatte, war aber nicht sicher, ob sie es nun geträumt hatte oder nicht. Judi wollte sich genauer in dem Zimmer umsehen, in dem sie erwacht war, aber irgend etwas hinderte sie daran.
»Du bist wach? Kannst du mich verstehen?« Diese Stimme, etwas Vertrautes war in ihr. Wo war sie überhaupt? Das war nicht das Zimmer in der Jugendherberge.
»Kannst du mich verstehen?«, fragte die Stimme noch einmal.
»Ja. Wo bin ich?«, antwortete sie.
»Erkennst du mich?«, fragte sie jemand wieder.
»Wie denn? Erstens kann ich meinen Kopf nicht bewegen, und sehen kann ich so gut wie gar nichts«, gab sie ärgerlich zurück. Was sollte das? Wo waren die anderen?
»Ich bin es. Niam. Weißt du noch, wer ich bin? Kannst du dich erinnern?«
Niam … wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Ich weiß nicht. Was ist passiert?«
»Ich lasse dich jetzt allein, vielleicht kannst du dich später erinnern. Schlaf jetzt!« Schritte entfernten sich.
Judi versuchte abermals den Kopf zu drehen, aber irgend etwas an ihrem Hals verhinderte es schon wieder. Sie versuchte die Decke über ihrem Kopf zu erkennen, aber alles blieb verschwommen. Vorsichtig tastete sie ihren Hals ab. Eine dicke Binde war darum gewickelt, und das war wahrscheinlich der Grund, warum sie ihren Kopf nicht drehen konnte. Beim Versuch, sie zu lösen, schoß ein stechender Schmerz in ihren Nacken. Erschrocken schloß sie die Augen.
Was war passiert? Da war eine Schlucht und … ja was eigentlich? Lag sie in einem Krankenhaus?
Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie etwas besser sehen. Die Decke über ihr war aus Stroh. Wo verdammt noch mal war sie? Diesmal, sehr viel vorsichtiger, versuchte sie noch einmal die Binde zu entfernen. Es blieb bei dem Versuch. Sie war viel zu fest angelegt.
Judi schlug die Decke ärgerlich zurück und setzte sich vorsichtig auf. Dabei wurde ihr für einen Augenblick so schlecht, daß sie meinte, sich übergeben zu müssen. Sie atmete ein paarmal tief durch und stand langsam auf.
Der Raum, in dem sie sich befand, bestand ganz aus Holz, und außer dem Bett standen nur noch ein kleiner Schrank und ein Tisch im Zimmer.
Judi machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Tür. Es ging viel leichter, als sie erwartet hatte. Von draußen waren viele Stimmen zu hören: Kinder, die kreischten und lachten, und bellende Hunde. In der Ecke neben der Tür lagen ihre Kleider. Judi bemerkte erst jetzt, daß sie nur ein dünnes Hemd anhatte, das ihr bis zu den Knien reichte. Nein, so konnte sie nicht nach draußen!
An der rechten Seite des Raumes war ein Fenster. Vorsichtig ging sie darauf zu und spähte hinaus. Was sie da sah, konnte sie kaum glauben. Wäre sie im Freilicht-Museum gewesen, es hätte nicht anders aussehen können. Überall standen Hütten aus Holz, und Leute in braunen Kleidern und Gewändern liefen durcheinander. Wie im Mittelalter. Sie trat vom Fenster zurück. War das ein böser Scherz?
»Du solltest doch schlafen! Geh ins Bett!«
Niam. Das war Niam. Jetzt wußte sie es. Sie hatte ihn aus der Schlucht gezogen. Aber was war danach passiert?
»Was willst du? Wo ist meine Klasse? Wo bin ich hier? Was hat das alles zu bedeuten, Niam?«
»Aha, du erinnerst dich wieder! Aber das sind zu viele Fragen auf einmal. Wie geht es dir?«
»Blöde Frage! Was ist passiert? Ich hatte das Seil zusammengerollt und dann …« Jetzt wurde es ihr klar. Er hatte sie niedergeschlagen! »Was sollte das? Ist das deine Art, Danke zu sagen? Schlägst du immer Leute nieder, wenn sie dir das Leben retten?« Judi war außer sich.
»Das würdest du nicht verstehen. Ich hatte keine andere Wahl! Bitte, ich …«
»Keine andere Wahl? Sag mal, spinnst du? Ich will sofort zurück, sonst …« Judi sprach nicht weiter. Sie kochte immer noch, aber mit Niam anlegen konnte sie sich ganz bestimmt nicht. Er war mindestens vier Jahre älter als sie und auch merklich stärker, was sie ja gespürt hatte. Sie wich seinem Blick aus und zupfte nervös an ihrem Hemd.
»Sonst was? Ich verstehe dich ja, aber du kannst nicht zurück! Nicht nachdem du das hier gesehen hast.« Bei diesen Worten deutete er auf das schlangenartige Ding auf seiner Handfläche.
Judi runzelte die Stirn. Was war daran so Besonderes?
»Leg dich wieder hin! Bitte!«, sagte Niam. Aber es hörte sich gar nicht wie eine Bitte an.
»Nein.« Judi macht hastig einen Schritt zurück und wäre beinahe gestürzt, denn ihr wurde schon wieder schwindelig.
Niam fing sie rasch auf, was Judi noch mehr ärgerte. Aber sie hätte genau so gut gegen einen Baum ankämpfen können. Niam trug sie einfach aufs Bett und fesselte sie kurzerhand.
»Was zum … Mach mich sofort wieder los! Was fällt dir ein? Du hast nicht das Recht, mich hier einfach festzuhalten!«, schrie Judi.
Aber Niam ging einfach aus dem Zimmer. Sie konnte hören, wie ein Riegel vorgeschoben wurde.
»Mach mich sofort wieder los! Verdammt noch mal!« brüllte sie, was zu einem weiteren Schwindelanfall führte. Wenn sie doch bloß nicht so wackelig auf den Beinen wäre! Das hatte sie alles ihm zu verdanken. Dieser Mistkerl! Was bildete der sich eigentlich ein? Hätte sie ihn doch bloß liegen gelassen. Sie zerrte an den Fesseln an ihren Handgelenken. Nichts zu machen. Und wenn sie um Hilfe schrie? Nein. Nachher würde er ihr auch noch den Mund knebeln. Sie seufzte.
Wie sollte das weitergehen? Das war wirklich zu viel! Verstört blickte sie zur Decke. Sie wußte nicht, wie lange sie so da lag, als der Riegel draußen zurückgeschoben wurde. Aber anders als erwartet, kam nicht Niam herein, sondern eine alte, dicke Frau in einem einfachen weißen Leinengewand.
»Ach du je! Was hat er denn mit dir gemacht? Wolltest du weglaufen?«, fragte sie. Ihre Stimme hörte sich warm und freundlich an.
»Ja. Ich will zu meiner Klasse zurück! Ich habe ihm das Leben gerettet, und dann will er mich hier aus lauter Dankbarkeit festhalten«, sagte Judi aufgebracht.
»Beruhige dich erst einmal. Du kannst mir gleich alles erzählen. Wie heißt du denn überhaupt, Kleines? Mein Name ist Diamara.«
»Judi«, antwortete sie nur. Diamara, Niam, hatten hier alle so seltsame Namen?
Diamara machte sich geschickt an dem Verband an ihrem Hals zu schaffen. »Das sieht schon besser aus. Er hat wirklich fest zugeschlagen. Kannst du deinen Kopf bewegen?«
Judi versuchte es. Es tat zwar weh, aber es ging.
»Hast du Hunger? Ich kann dir etwas zu essen bringen, wenn du willst.«
Judi schüttelte den Kopf (soweit das möglich war). Sie hatte keinen Hunger.
Diamara zuckte nur mit den Schultern und rückte sich einen Stuhl ans Bett. Mit einem Seufzer setzte sie sich und sagte: »So, Kleines, jetzt erzähle einmal, was passiert ist.«
Judi überlegte einen Moment. Dann begann sie zu erzählen: »Unsere Klasse wollte eine Wanderung durch den Wald machen, und als ich einmal zur Seite sah, hockte ein Eichhörnchen am Waldrand. Das hat mich, glaub ich, zu Niam geführt.«
Während Judi weiter erzählte, runzelte Diamara ein paar Mal die Stirn, sagte aber nichts. Als Judi mit ihrer Geschichte fertig war, herrschte eine unangenehme Stille im Raum.
»Ich muß wieder gehen. Vielleicht sehen wir uns morgen«, sagte Diamara dann und wandte sich zur Tür.
»Wann kann ich denn jetzt zu meiner Klasse zurück?«, fragte Judi zaghaft. Aber Diamara antwortete nicht und ging aus der kleinen Hütte. Sie hörte, wie von außen wieder der Riegel vorgeschoben wurde.
Judi wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie erwachte. Durch das Fenster schien nicht mehr die Sonne, sondern der milchige Schein des Mondes. Es war unheimlich still im Zimmer, und Judi zog die Decke enger um sich. Wie lange suchte man sie wohl schon? Kathrin machte sich bestimmt Sorgen. Wieso hatte Herr Fischer ihnen eigentlich nichts von diesem Dorf erzählt? Fragen über Fragen und keine Antwort.
Judi drehte den Kopf in verschiedene Richtungen, aber der Schmerz, den sie erwartet hatte, blieb aus. Sie bemerkte eine kleine verbeulte Metallschüssel, die auf dem Tisch stand. Zögernd stand sie auf und ging zum Tisch hinüber, längst kalt gewordene Suppe befand sich darin. Aber sie hatte mittlerweile nun doch Hunger bekommen und nahm die Schüssel mit ins Bett. Gedankenversunken begann sie zu löffeln. Wie spät es jetzt wohl war? Aber so etwas wie Uhren kannten die Menschen hier bestimmt nicht. Wie lange würde man sie wohl gefangen halten?
Das Bellen eines Hundes riß sie aus ihren Gedanken. Sie stand abermals auf und ging zum Fenster. Das Dorf sah im Mondlicht seltsam unwirklich aus. Hinter keinem der Fenster brannte noch ein Licht. Das Bellen wiederholte sich. Kurz darauf war ein spitzer Schrei zu hören. Judi versuchte, mit zusammengekniffenen Augen etwas zu erkennen. Trotz des Mondlichts war es kaum möglich. Das Bellen war jetzt zu einem bösartigen Knurren geworden, das ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der Schrei wiederholte sich und hörte dann abrupt auf. Was ging da vor sich?
Trappelnde Schritte näherten sich. Hastig wich Judi vom Fenster zurück. Eine Weile stand sie reglos da und lauschte. Ihre Hände zitterten, ohne daß sie wußte, warum. Mit klopfendem Herzen wagte sie sich wieder ans Fenster. Nichts zu sehen. Erleichtert atmete sie auf, doch im selben Moment sprang etwas Schwarzes, Großes genau auf sie zu. Mit einem Schreckensschrei sprang Judi zurück und fiel der Länge nach hin. Die Prellung in ihrem Nacken schoß eine Welle aus Schmerz in ihren Rücken. Ein noch bösartigeres Knurren als das, das sie gerade gehört hatte, erscholl hinter ihr und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Keuchend richtete sie sich auf und sah zum Fenster.
Rote Augen, die nur aus Bosheit zu bestehen schienen, starrten sie an. Ein riesiger Hund versuchte sich durch das winzige Fenster zu quetschen und schnappte nach ihr. Geifer tropfte zu Boden, und Judi schrie lauthals um Hilfe. Aber das schien das Tier noch wütender zu machen. Er kratzte wie wild am scheibenlosen Fenster und knurrte ununterbrochen. Er durfte es auf keinen Fall schaffen, durch das Fenster zu gelangen, sonst war sie verloren! Hektisch sah sie sich nach einer Waffe um, ergriff kurzerhand die Metallschüssel und warf sie mit aller Kraft nach dem Hund. Aber dieser schien das überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn er kratzte, ohne auch nur einen Schmerzenslaut von sich zu geben, am Fenster weiter. Judi hatte das Gefühl, ihr Herz würde im nächsten Augenblick zerspringen. Wieso half ihr denn keiner?
Dann hörte das Knurren von einem Augenblick auf den nächsten auf. Die Bestie war verschwunden. Langsam stand Judi auf und bewaffnete sich mit dem einzigen, was ihr geblieben war: dem Stuhl, der an ihrem Bett stand. Sie umklammerte ihn so fest, daß ihre Knöchel weiß hervortraten. Dann erschütterte ein Krachen die Tür. Erschrocken ließ sie den Stuhl polternd zu Boden fallen. Ein zweites Mal krachte es, und Judi fuhr herum.
Das … Ding versuchte die Tür zu rammen! Aber so etwas tat doch kein normales Tier! Irgend etwas in ihrem Inneren sagte ihr, daß das vor der Hütte auch kein gewöhnlicher, wild gewordener Hund war.
Das dritte Mal, als sich das Tier gegen das Holz warf, riß sie aus ihrer Erstarrung. Mit einem Satz war sie an dem Tisch, der in der Ecke stand, und stemmte sich dagegen. Ächzend schob sie ihn vor die Tür. Sie glaubte, daß diese nach innen aufging. Wenn sie sich irrte, war sie so gut wie tot.
Als sie es endlich geschafft hatte, nahm sie den Stuhl wieder in beide Hände. Der Köter kann sich auf etwas gefaßt machen, dachte sie grimmig, aber mit jeder Sekunde begann ihr neu gewonnener Mut wieder zu schrumpfen. Das Krachen hatte endlich aufgehört, aber dafür war erneutes Kratzen zu hören, unter das sich ein leises Quietschen mischte.
Das Vieh schob den Riegel zurück! Mit einem Entsetzensschrei ließ sie den Stuhl abermals fallen und stemmte sich gegen die Tür. Aber ihre zurückgewonnenen Kräfte reichten kaum aus, dem Druck, der die Tür Millimeter für Millimeter aufdrückte, standzuhalten. Ein unglaublicher Schmerz begann sich in ihrem rechten Arm breit zu machen und feine Schweißperlen bedeckten ihre Stirn. Dann hörte der Druck schlagartig auf. Keuchend ließ sich Judi zurücksacken. Vorbei, dachte sie.
Aber da hatte sie sich geirrt. Ein Schlag traf erneut die Tür, öffnete sie und schob den Tisch einfach beiseite. Etwas Schwarzes schoß über ihren Kopf hinweg und landete direkt hinter ihr. Der Hund! Entsetzt versuchte Judi aufzuspringen, aber das schwarze Ungeheuer war schon über ihr. Die riesigen Vordertatzen, die sich mit einem Mal auf ihrer Brust befanden, schnürten ihr beinahe die Luft ab. Das Paar brennender roter Augen starrte triumphierend auf sie herab. Warmer, stinkender Atem schlug ihr ins Gesicht, Speichel tropfte auf ihre Wange und hinterließ eine glitzernde Spur. Von Panik erfüllt versuchte Judi sich hochzustemmen, aber das ungeheure Gewicht des Riesen über ihr ließ ihr keine Chance. Langsam näherte sich sein gewaltiges Gebiß ihrer Kehle. Eine zweite Gestalt tauchte plötzlich hinter der Bestie auf, und im nächsten Augenblick brach diese zusammen. Judi bekam keine Luft mehr, als sich nun das ganze Gewicht auf sie drückte. Aber das ließ mit einem Mal nach und Hände halfen ihr hoch.
»Er ist weg. Bist du verletzt?«
Niam … er hatte sie gerettet. Als Judi keine Antwort gab, begann er sie zu schütteln. »Antworte!«
Stöhnend schloß sie die Augen. »Was war das?«, fragte sie mit bebender Stimme.
»Ich weiß es nicht, aber ich vermute Schlimmes. Kannst du gehen?«
Sie versuchte es, aber ihre Beine gaben einfach nach. Kurzerhand nahm Niam sie auf die Arme, und diesmal wehrte sie sich nicht.
Starker Regen trommelte monoton auf das Dach. Der Himmel hatte sich verdunkelt und ein Gewitter war aufgezogen. Hin und wieder durchbrach ein Blitz mit seinem grellen Licht die Dunkelheit, die noch immer über dem kleinen Dorf lag, dicht gefolgt von dem noch entfernten Grollen des Donners. Es war kalt geworden und trotz des Regens kam Nebel auf. Dichter Nebel.
Judi wußte nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren, seit sie hier lag. Letzteres vermutlich. Seufzend blickte sie in Richtung Fenster und versuchte, das wattige Weiß mit den Augen zu durchdringen, aber die ohnehin schon durch den Regen verschlechterte Sicht verhinderte es. Sie fühlte sich unwohl. Nicht, daß sie Angst vor Gewitter hatte, aber der Nebel war ihr unheimlich.
Niam hatte sie in eine andere Hütte gebracht, die etwas größer war als die vorherige. Jetzt lag sie wieder in einem Bett und versuchte, die Bilder, die in ihrem Kopf herumspukten, zu verbannen. Was, wenn das Tier noch lebte und wiederkommen würde, um das zu Ende zu bringen, was es begonnen hatte?
Unruhig sah sie wieder aus dem Fenster. Der Nebel war jetzt noch näher gekommen und hatte fast das ganze Dorf verschluckt.
Sie hatte Niam mehrmals darauf angesprochen, was das für ein Hund gewesen sei, der sie angefallen hatte, aber immer hatte er ihr nur ausweichend geantwortet. Er verheimlichte ihr etwas. Und Diamara auch. Aber was?
Der Wind wurde stärker und ließ die Holzwände ächzen. Judi zog die Decke ein Stückchen höher. Sie hatte jetzt zwar wieder ihre alten Kleider an statt des dünnen Hemdes, aber ihr war trotzdem kalt. Wieder erhellte ein Blitz das Zimmer und der Donner war jetzt merklich lauter geworden. Das Prasseln des Regens verstärkte sich.
Dann glaubte Judi so etwas wie Schritte zu hören, und starrte mit klopfendem Herzen zur Tür. Diese wurde schon im nächsten Augenblick aufgestoßen, und ein eisiger Windhauch wehte in den Raum. Diamara ließ ihren durchnäßten Umhang achtlos zu Boden fallen und schloß lauthals fluchend die Tür. Judi unterdrückte mit Mühe ein schadenfrohes Grinsen.
»Mistwetter! Wenn ich wüßte, wo das so schnell hergekommen ist! Ich habe dir etwas zu essen gekocht. Das stärkt deine Kräfte.« Mit diesen Worten hielt sie ihr einen stark nach Gewürzen riechenden Brei entgegen. Judi nahm die Schale wortlos entgegen, rührte aber nur lustlos darin herum.
Diamara achtete nicht darauf und setzte sich ans Bett. Eine Weile saß sie einfach nur schweigend da und beobachtete den Löffel in Judis Hand. Dann sah sie auf und fragte: »Ich … willst du darüber reden, was dir passiert ist?« Sie wirkte nervös. »Ich meine, kannst du mir sagen, wie er ausgesehen hat, der Hund?«
»Warum fragst du? Er ist doch tot, oder nicht?«
Diamara sah an ihr vorbei aus dem Fenster. »Ja, schon, aber er ist nicht mehr da.«
Judi blickte sie verständnislos an.
»Er … hat sich in Luft, eher gesagt in Rauch aufgelöst.«
»In was? Ich meine, war das jetzt ernst gemeint?« Wollte Diamara sie auf den Arm nehmen? So ein riesiges Biest konnte sich doch nicht einfach in Rauch auflösen!
»Ja, es stimmt. Ich muß wissen, wie er ausgesehen hat. Kannst du ihn mir beschreiben? Bitte, es ist wichtig!«, drängte Diamara.
Judi zögerte. »Er war groß und schwarz. Wie ein Wolf, nur um einiges größer. Und seine Augen … als würden sie brennen.« Judi schloß die Augen. Der Blick des Hundes war so voller Haß gewesen. Haß auf sie.
Diamara schwieg. Sie wirkte sehr besorgt. »Es ist wahr …«, murmelte sie.
»Was?«, fragte Judi.
Diamara sah sie erschrocken an. »Nichts. Ich hab nur laut gedacht.«
Man mußte nicht unbedingt schlau sein, um zu merken, daß Diamara ihr etwas verschwieg. Genau wie Niam.
»Ich würde gerne wissen, was hier los ist. Ich bin zwar nur eine Gefangene, aber ich hab ja wohl das Recht zu wissen, warum das Biest mich umbringen wollte. Ihr verschweigt mir etwas!«
Diamara antwortete nicht. Sie stand auf, öffnete die Tür und ging in den Regen hinaus.
Mit ihm war Nebel gekommen. Er wußte, daß sie hier war, aber es war zu früh. Über ihm tobte das Gewitter und unter ihm lag das Dorf. Sein Diener war tot. Er hatte versagt, aber das störte ihn nicht sonderlich. Er wußte, er würde noch früh genug die Gelegenheit bekommen, die Gefahr zu beseitigen … Noch war Zeit …
Judi hatte es nach einiger Zeit endlich geschafft, Schlaf zu finden. Aber es war ein unruhiger Schlaf gewesen. Die Geräusche des erwachenden Dorfes hatten sie schließlich geweckt. Müde schlug sie die Decke zur Seite und stand auf.
Der Boden war eisig, und als sie an das vergitterte Fenster herantrat, sah sie, daß der Nebel noch immer über dem Dorf lag und der Wind noch immer anhielt, wenn er auch wesentlich schwächer geworden war. Der Regen hatte aufgehört und mit ihm war auch das Gewitter verschwunden. Die wenigen Menschen, die zwischen den Häusern hin und her liefen, wirkten in dem dichten Nebel seltsam unwirklich. Das Dorf schien irgendwie unruhig zu sein, aber sie wußte nicht, ob sie es sich nicht nur einbildete. Hatte es etwas mit dem gestrigen Erlebnis zu tun?
Schaudernd wandte sie sich ab und sah sich zum ersten Mal genauer im Raum um. Die Einrichtung war fast identisch mit der in der Hütte, in der sie vorher gewesen war, nur ein wenig freundlicher. Sie bemerkte auch, daß Diamara ihren Mantel auf dem Boden vergessen hatte, als sie gestern so eilig gegangen war. Judi hängte ihn zum Trocknen über den Tisch und kroch wieder ins Bett zurück. Wann würde sie endlich die Gelegenheit bekommen, von hier zu verschwinden?
Unruhig spielte sie an dem Zipfel ihrer Decke. Als sie wieder zum Fenster sah, stand dort ein kleines Mädchen und sah Judi neugierig an. Dann wurde es von einer dicken Frau gepackt und geschüttelt.
»Was hab ich dir gesagt? Du sollst hier nicht hingehen. Wenn ich dich noch einmal hier erwische, dann …« Sie sah auf und blickte Judi böse an. »Was hast du mit meiner Kleinen gemacht? Hast du sie verhext? Wolltest du sie vergiften?«
»Wie?« Mehr brachte Judi nicht heraus.
»Stell dich nicht dumm! Du gehörst zu ihm, gib es zu!« Sie fuchtelte drohend mit der Hand. Aber Judi war viel zu verwirrt, um zu antworten.
»Ja, dich dumm stellen, das kannst du gut! Ich hoffe, daß der Djamo endlich eine weise Entscheidung trifft und dich beseitigt!«
»Enra! Was machst du da? Es ist nur Diamara und mir erlaubt, zu ihr zu gehen! Geh!«, unterbrach Niam sie.
Enra warf ihr noch einen letzten bösen Blick zu und zerrte das kleine Mädchen vom Fenster weg. »Sie wollte meine Kleine verhexen. Wenn …«
»Geh jetzt!«, unterbrach Niam sie zum zweiten Mal. Schimpfend entfernte sich Enra. Judi starrte ihr nach.
Als Niam hereinkam und sich neben sie setzte, sah sie auf und fragte: »Warum haßt sie mich so? Was habe ich denn getan?«
Niam antwortete nicht.
»Was ist ein Djamo? Was wollte sie von mir?«, drängte sie weiter.
»Ein Djamo ist ein weiser Rat. Man trifft dort viele Entscheidungen. Was hat sie dir darüber gesagt?«
Der Unterton in seiner Stimme gefiel ihr nicht ganz. »Nichts, ich meine, sie hat es nicht ganz ausgesprochen. Ich glaube, sie meinte, daß …«
»Daß was?«, fragte er, als sie nicht weiter sprach.
»Ich glaube, sie hat gemeint, daß der Djamo darüber entscheiden soll, mich zu … beseitigen.« Ihre Stimme zitterte. »Ist das wahr? Was habe ich denn gemacht?«
Niam sah weg.
»Verdammt noch mal, was ist eigentlich los? Soll ich etwa umgebracht werden? Das ist doch wohl nicht euer Ernst!«
»Das hat niemand gesagt. Wieso umbringen? Enra redet viel Unsinn. Ich muß jetzt gehen. Bis später!«
Judi wußte, daß er log. Fast schon eilig schloß er die Tür. Sie mußte so schnell wie möglich hier weg! Judi stand auf und spähte vorsichtig aus dem Fenster. Von Niam war nichts mehr zu sehen und auch von niemand anderem. Zögernd näherte sie sich der Tür. Mit pochendem Herzen streckte sie die Hand aus und schloß sie um das kalte Metall der Klinke. Langsam drückte sie sie hinunter und öffnete die Tür. Ein paar Sekunden lang stand sie einfach nur da und starrte verblüfft die Tür an. War das eine Falle, oder hatte Niam tatsächlich vergessen, die Tür abzuschließen? Vorsichtig sah sie um die Ecke.
Es war niemand zu sehen, soweit der Nebel es zuließ, und kurz bevor sie ihrem »Gefängnis« entkommen war, hatte sie sich Diamaras halbwegs getrockneten Umhang übergezogen, um nicht sofort erkannt zu werden. Jetzt huschte sie mit rasendem Herzen von Haus zu Haus. Der Nebel wurde stärker, je weiter sie sich dem Dorfrand näherte.
Ängstlich duckte Judi sich wieder unter einem Fenster hinweg und blieb stehen. Sie wußte nicht, ob es eine Täuschung war, aber sie meinte, zwei schemenhafte Umrisse im Nebel vor sich zu erkennen. Sie hielt ihren Atem an. Zum Verstecken blieb keine Zeit mehr, also hatte sie keine andere Wahl. Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und trat weiter aus dem Schatten heraus auf die Straße. Die Gestalten kamen näher. Mit gezwungen langsamen Schritten ging sie weiter. Nur noch ein paar Schritte waren die beiden von ihr entfernt, dann waren sie vorbei. Ein erleichtertes Aufatmen konnte Judi nicht unterdrücken. Aber es ging zu leicht! War es doch eine Falle? Sie war nicht einmal beachtet worden. Als wären diese Gedanken ein Stichwort gewesen, hörte sie Schritte hinter sich.
»Bleib stehen!«, rief eine Stimme. Niam! Judi dachte gar nicht daran, sondern rannte los. Niam hinter ihr rief noch etwas, aber sie verstand es nicht. Wie von Furien gehetzt rannte sie weiter in den Nebel hinaus. Plötzlich verhakte sich ihr Fuß an einer Wurzel und sie fiel der Länge nach hin. Sie schürfte sich ihre Hände auf, aber sie bemerkte den Schmerz gar nicht und wollte aufstehen, doch sie bekam ihren Fuß nicht frei. Verzweifelt strampelte sie und trat um sich. Dann wurde sie in die Höhe gerissen.
»Verdammt noch mal! Halt still!«, rief Niam.
Panikerfüllt biß sie ihm in die Hand, die ihren rechten Arm umklammert hielt. Niam brüllte vor Schmerz auf und ließ sie los. Keuchend kam sie wieder auf die Füße und rannte blindlings weiter.
»Verdammt noch mal! Bleib stehen! Du rennst in den Tod!«
Judi hörte seine Worte gar nicht. Immer weiter rannte sie in den Nebel hinein. Sie merkte nicht, wie er um sie herum immer dichter wurde …
