Doctor Who - Totenwinter - James Goss - E-Book
Beschreibung

Eine abgelegene Klinik im Italien des 18. Jahrhunderts: Eigentlich kommen die Menschen hierher, um gesund zu werden. Doch immer mehr sterben. Liegt es an dem Nebel, der über dem Meer schwebt und voller gesichtsloser Gestalten zu sein scheint? Ein Mädchen berichtet davon in Briefen an seine Mutter, von mysteriösen englischen und russischen Patienten, Intrigen und Geheimnissen - und von der rätselhaften Mrs Pond, die plötzlich in der Klinik auftaucht, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Doktor. Ein spannendes neues Abenteuer mit dem Doctor, Amy und Rory aus der spektakulären BBC Televison Erfolgsserie, gespielt von Matt Smith, Karen Gillan und Arthur Darvill.

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EPUB

Seitenzahl:303


Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Einführung

Widmung

Was Amy vergaß

Ein Brief von Maria

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Ein Brief von Maria

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Ein Brief von Mr. Nevil

Dr. Blooms Tagebuch

Was Dr. Smith dachte

Ein Brief von Maria

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Mr. Nevil

Dr. Blooms Tagebuch

Ein Brief von Maria

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Ein Brief von Mr. Nevil

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Was Dr. Smith dachte

Ein Brief von Maria

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Dr. Blooms Tagebuch

Was Amy vergaß

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Ein Brief von Mr. Nevil

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Rorys Geschichte

Ein Brief von Mr. Nevil

Dr. Blooms Tagebuch

Rorys Geschichte

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Rorys Geschichte

Ein Brief von Maria

Dr. Blooms Tagebuch

Rorys Geschichte

Dr. Blooms Tagebuch

Ein Brief von Maria

Dr. Blooms Tagebuch

Rorys Geschichte

Ein Brief von Maria

Rorys Geschichte

Dr. Blooms Tagebuch

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Die letzten Gedanken des Doktors

Woran Amy sich erinnerte

Rorys Geschichte

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Auszug aus einem Brief von Prinz Boris

Woran Amy sich erinnerte

Ein Brief von Maria

Ein Brief von Mr. Nevil

Dr. Blooms Tagebuch

Ein Brief von Maria

Epilog Rorys Geschichte

Über den Autor

James Goss, geboren 1974, ist ein englischer Autor und Producer, der vor allem für seine Arbeiten für Kultserien wie Doctor Who und Torchwood bekannt ist. Neben zahlreichen Hörspielen gehören dazu auch die auf den Storys von Douglas Adams basierenden Romane Doctor Who – Die Stadt des Todes und Doctor Who – Der Piratenplanet.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe: Copyright © James Goss 2011, 2015

This book is published to accompany the television series entitled Doctor Who,broadcast on BBC One. Doctor Who is a BBC Wales production.Executive producers: Steven Moffat and Brian Minchin

BBC, DOCTOR WHO and TARDIS (word marks, logos and devices)are trademarks of the British Broadcasting Corporationand are used under licence.

Titel der englischen Originalausgabe: »Doctor Who – Dead of Winter«First published in 2011 by BBC Books.BBC Books is a part of the Penguin Random House Group of companies

Cover design: Two Associates © Woodlands Book Ltd, 2015

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Stefan Bauer; Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4987-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Einführung

Totenwinter wurde von einem berühmten Gemälde und einem Dokumentarfilm über das eigenartigste Wetter der Welt inspiriert.

Viele große Künstler sind in Doctor-Who-Geschichten aufgetreten – von Leonardo da Vinci bis Vincent van Gogh. M.C. Eschers Radierungen von unmöglichen Gebäuden führten zu der einstürzenden Stadt Castrovalva, Munchs Der Schrei beeinflusste die Stille, und das Gemälde Gallifrey fällt verschaffte dem Doktor den Schlüssel zur Rettung seines Heimatplaneten.

Dieses Buch wurde von einem etwas umstritteneren Werk eines Künstlers inspiriert. Wenn man Jack Vettrianos Leben auf die eine Weise betrachtet, ist er ein ehemaliger Bingo-Conférencier und Hobbymaler, der von der Kunsthochschule abgelehnt wurde. Wenn man es auf eine andere Weise betrachtet, ist er der erfolgreichste lebende Maler überhaupt. Sicher kennen Sie sein meistverkauftes Werk, es ist eines der berühmtesten Bilder der Welt. Der singende Butler zeigt ein Paar, das im Regen an einem Strand tanzt, flankiert von einem Dienstmädchen und einem Butler, die aufgespannte Regenschirme halten. Es ist eine faszinierende Darstellung, zu der Vettriano in Dance Me to the End of Love zurückkehrt, wobei er diesmal mehrere Paare zeigt, die sich an einem kalten, nassen Strand endlos drehen und im Nebel verschwinden. Mit anderen Worten, ja, dabei handelt es sich so ziemlich um die letzten paar Kapitel dieses Buches.

Möglicherweise halten Sie Der singende Butler für schrecklich geschmacklos. Aber vielleicht halten Sie es ja auch für das beste Gemälde. Doch jeder, der es betrachtet, fragt sich mit Sicherheit: ›Wer sind diese Leute? Warum tanzen sie in Kälte und Regen am Strand? Sind sie verliebt? Oder ist ihr Tanz viel tragischerer Natur?‹ Und diese Gedanken sind es, die zu dem Buch geführt haben, das Sie jetzt in Händen halten.

Meine Eltern leben am Meer – im Winter ist es dort noch märchenhafter, wenn die Touristen heimgefahren sind und die Gemeindeverwaltung die Sonne ausgeschaltet hat. Man kann an dem plötzlich endlosen Strand stehen und glauben, man wäre das Einzige auf der Welt, abgesehen von der See. Und dann beginnt man sich zu fragen, was das Meer vorhat.

Womit wir bei diesem Kabelfernsehprogramm über das eigenartigste Wetter der Welt wären. Jahrhundertelang haben Seefahrer davon gesprochen, wie die See manchmal schimmert. Bei Sturm wird der Weg eines Schiffes dann von einer hilfreichen Helligkeit aus den Tiefen der See erleuchtet. In Jules Vernes Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer trifft ein verirrtes Schiff auf geheimnisvolle ›phosphorige Partikel‹, die ihm den Weg in die Sicherheit leuchten. Dank der Wissenschaft (und dramatisch erzählter Dokumentarberichte im Fernsehen) wissen wir inzwischen, dass dieses seltsame Licht von Milliarden mikroskopisch kleiner, biolumineszenter Bakterien erzeugt wird. Sie werden Dinoflagellaten genannt, die von Stürmen stimuliert ein Licht erzeugendes Protein absondern, das, passenderweise, Luciferase heißt.

Nun, so viel zur Wissenschaft. Mir ist die merkwürdige Vorstellung lieber, dass da etwas im Meer lebt – ein rätselhaftes Leuchten, das dem Weg des verängstigten Reisenden folgt. Solche Lichter haben eine lange Tradition – überall auf Land und Meer. Je nachdem, ob sie gut oder böse sind, führen sie Reisende in die Sicherheit oder in die Verdammnis. Sie werden als Irrlicht bezeichnet, was auch ein hervorragender Titel für eine Doctor-Who-Geschichte wäre.

Das sind jedenfalls Grundlagen dieser Erzählung: etwas Zauberei und ein Gemälde. Nun zu ein bisschen Geschichte. Tuberkulose ist eine schreckliche zehrende Krankheit, die bis vor wenigen Jahrzehnten sehr schwer zu behandeln war. Das bewährte Heilverfahren bestand darin, den Kranken an einen Ort zu schicken, wo die Luft rein und belebend war – auf einen Berg oder ans Meer. Manchmal erwies sich das als außerordentlich effektiv; manchmal verlängerte es einfach nur das elende Schicksal des Betroffenen.

Die von Tuberkulose Befallenen führten ein furchtbares Leben. Während die Krankheit ihre Lunge zerstörte, siechten die Leidenden dahin. Aus dicken, gemütlichen Onkels wurden kleine, schweigsame Männer; bekanntermaßen vollbusige Opernsängerinnen verwandelten sich in flüsternde Gespenster. Die Symptome (Blässe, Lichtempfindlichkeit und blutbefleckte Lippen) führten dazu, dass die Infizierten mit Vampiren in Zusammenhang gebracht wurden. Viele versuchten, ihre Krankheit zu verheimlichen, denn sie hatten Angst davor, was passieren mochte, würde ihr Zustand erst bekannt. Familien verstießen die Unglücklichen, weil sie glaubten, dass sie denjenigen in ihrer Umgebung die Lebenskraft entzögen. Im Harem des Sultans patrouillierten wachsame Matronen, die Kissen auf Blutspuren untersuchten, eifrig darum bemüht, die schreckliche Krankheit von der königlichen Blutlinie fernzuhalten.

Im wirklichen Leben war es bis ins neunzehnte Jahrhundert nicht verbreitet, spezielle Sanatorien an der Küste einzurichten, um den von TB Befallenen zu helfen. In der vorliegenden Geschichte jedoch ist es Dr. Bloom gelungen, seine bemerkenswerte Klinik ein wenig zu früh und unbemerkt zu eröffnen. Schließlich befinden wir uns in den 1780er-Jahren, und die Französische Revolution steht vor der Tür. Europa hat sich mit jeder Menge anderer Sachen zu beschäftigen. Und Dr. Bloom ist vielleicht gerade im Begriff, die Menschheit zu retten.

Die Epoche schließlich, in der dieses Buch spielt, gibt Anlass zu seiner ein wenig ungewöhnlichen Erzählform. Es ist nicht das erste Doctor-Who-Buch, das sich hauptsächlich aus Briefen und Tagebucheinträgen zusammensetzt – diese Ehre gebührt Donald Cottons nachträglicher und köstlicher Romanfassung von The Romans. Im späten achtzehnten Jahrhundert war der Briefroman der letzte Schrei; Samuel Richardsons Clarissa, Pierre de Laclos’ Gefährliche Liebschaften und sogar Jane Austens frühe Werke machten alle Gebrauch davon. Es ist eine großartige Erzählform, besonders wenn keine deiner Figuren das ganze Bild zur Gänze kennt.

Wie dem auch sei, jetzt haben wir alles zusammen: die Geschichte einer schrecklichen Krankheit, ein seltsames Kleinstlebewesen, ein umstrittenes Gemälde, allesamt am Meer versammelt und in einer Reihe von Briefen. Ich bin hocherfreut, dass es auserkoren wurde, die gedruckten Reisen des Elften Doctors in die Geschichte darzustellen. Und ich hoffe, Ihnen wird es auch Spaß machen.

PS: Falls Sie das Buch schon gelesen und sich den Kopf darüber zerbrochen haben, warum am Ende eine gewisse Sache passiert, die bemerkenswert einer anderen Sache ähnelt, die später in Staffel sechs von Doctor Who stattfindet … ich fürchte, die Antwort lautet, dass es reiner Zufall ist. Da ich ohne Zugriff auf das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich ehrlich keine Ahnung, bis ich die betreffende Folge sah. An welchem Punkt ich überrascht mein Kebab fallen ließ (ja, ich aß wirklich gerade ein Kebab) und murmelte: ›Unerwarteter Artikel im Einpackbereich!‹ Womit bewiesen wäre, dass keine Figur das ganze Bild zur Gänze kennt.

James GossSeptember 2014

Für meine geliebte PerditaNichts kann dich ersetzen

Was Amy vergaß

Die TARDIS war dabei, abzustürzen. Der unübersehbare diesbezügliche Hinweis bestand darin, dass der Boden sich in einem Sechzig-Grad-Winkel neigte. Und das wusste ich, weil der Doktor darauf hinwies.

»Sechzig Grad!«, rief er, als würde er einen alten Freund begrüßen. »Amy, das ist ernst!«

Ich grinste und sah dann den Ausdruck im Gesicht meines Mannes. Rory klammerte sich an einen Stuhl und gab ein Geräusch von sich. Es war ein ›Oh mein Gott, du hast mir nicht gesagt, dass das ein Fischrestaurant ist!‹-Geräusch. Mein Mann hat eines jener Gesichter, die am besten aussehen, wenn sie besorgt sind. Seit wir in der TARDIS reisten, hat er häufig besorgt ausgesehen.

»Entspann dich!«, schrie ich. »Wir haben schon öfter sechzig Grad gemacht, richtig, Doktor?«

»Oh ja, haufenweise!«, stimmte der Doktor mir zu, während die Zeitmotoren der TARDIS Geräusche wie eine verunglückende Dampflok von sich gaben. »Na ja, vielleicht nicht sechzig Grad. Eine Zeit lang wenigstens nicht.« Ein kleines Feuer brach auf der Steuerkonsole aus. »Hmm«, seufzte er traurig. »Die temporalen Kupplungen brennen durch. Na ja, was will man auch anderes erwarten? Sechzig Grad sind kein Pappenstiel.«

»Stimmt«, murmelte Rory gerade so laut, dass es über dem Geräusch einer explodierenden Zeitmaschine zu hören war.

Verzweifelt schlang der Doktor einen Arm um die riesige Kristallsäule im Zentrum der TARDIS. Sie leuchtete in einer ungesunden Farbe. Wäre sie ein Mädchen auf einem Junggesellinnenabschied, hätte ich gesagt, die TARDIS war ungefähr dreißig Sekunden davon entfernt, zu rufen – ›Mir wird schlecht, Sharon!‹. Dampf stieg um die Hände des Doktors herum auf. »Haltet euch an irgendwas fest!«, schrie er.

Rory wollte gerade sagen ›Aber ich halte mich doch schon an–‹, als das ganze Innere der TARDIS eine Achterbahnbewegung für Fortgeschrittene vollführte. Der Raum rotierte wie die Trommel einer Waschmaschine in einem Durcheinander aus Messing, Büchern und außerirdischen Maschinenanlagen – und blieb dann stehen. Verkehrt herum.

»Umwerfend!«, hauchte der Doktor. »Was für eine schöne Decke! Schon komisch, dass man nicht zu schätzen weiß, wie entzückend eine Decke wirklich ist, bis man fünf Meter über ihr baumelt!«

Ich klammerte mich verzweifelt an einem Stück TARDIS-Kontroll-Dingsda fest. Es war anscheinend aus einem alten Banjo gemacht. Ich hoffte, dass es nichts Wichtiges war, denn ich konnte schon spüren, wie es unter meinem Gewicht zerbrach.

»Wieso passiert das?«, rief ich.

»Jap!«, sagte Rory. Mir war plötzlich bewusst, wie weit weg von mir er war, so eingekeilt in der Treppe.

Der Doktor blickte uns beide ernst an. »Kann ich nicht wirklich sagen, nicht im Moment.« Er hing immer noch über Kopf und klammerte sich an die Kristallsäule, die jetzt einen merkwürdig falsch wirkenden Rotton angenommen hatte. Er sah ein bisschen aus wie eine Gottesanbeterin aus Tweed. »Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wir definitiv noch dabei sind abzustürzen und dass der Zeitrotor ziemlich heiß wird.« Er schaute mich an. »Tut mir leid. Ich nehme nicht an, dass Sie an die Warptransferspule herankommen können, Pond?« Er hielt inne und wiederholte, lauter: »Die Warptransferspule!«

»Schreien Sie, so laut Sie wollen!« Ich funkelte ihn an. »Ich habe trotzdem keinen Schimmer, wovon Sie da reden.«

»Ach je!«, sagte der Doktor und schaffte es irgendwie, mit den Achseln zu zucken.

Etwas anderes explodierte, und das Schiff neigte sich erneut. Sie kennen dieses schreckliche Gefühl in einem Flugzeug, wenn man auf eine Turbulenz trifft und man sich plötzlich wieder daran erinnert, dass man in einer dünnen Metallröhre sitzt, die eigentlich sehr wenig Recht dazu hat, Meilen vom Boden entfernt zu sein? Das meine ich! Ich konnte gerade so einen großen Bildschirm auf der anderen Seite sehen, der uns zeigte, wie wir durch den Zeitvortex purzelten wie Kugellager, die einen Abfluss runtergehen.

»Etwas ziemlich Schlimmes ereignet sich in der Nähe im Raum-Zeit-Kontinuum«, schrie der Doktor über den Lärm. »Die TARDIS ist eine schreckliche Gafferin – wie eine kleine alte Dame kann sie der Versuchung nicht widerstehen, langsamer zu machen, um einen Blick auf einen Verkehrsunfall auf der anderen Spur zu werfen. Hach!«

»Das hier ist nicht einfach langsamer machen!«, brüllte Rory.

»Kluger Einwand«, pflichtete der Doktor ihm bei und schlang ein Bein um ein verirrtes Kabel. »Trotzdem, das Gute daran ist, dass es erklärt, wieso wir bei jeder Landung …«

»In Schwierigkeiten geraten!«, unterbrach ich ihn lachend.

Trotz allem amüsierte ich mich. Die Sache beim Doktor ist die, dass man immer wieder vergisst, dass es kein Sicherheitsnetz gibt. Nur ein Blick auf ihn, auf die Begeisterung in seinen Augen, das Lächeln in seinem Gesicht, auf die leicht hoffnungslose Weise, auf die er versuchte, einen schmelzenden Kristall hochzuklettern, und schon hörte ich auf, mir richtig Sorgen zu machen. Ach Doktor, dachte ich, ich werde Sie nie vergessen! Dieser Gedanke sollte sich allerdings noch als ein bisschen voreilig erweisen.

Auf der Konsole fing ein altmodischer Wecker zu klingeln an, wobei ein kleiner Messinghammer wieder und wieder auf eine winzige Glocke schlug.

»Was ist das?«, kreischte Rory.

»Annäherungssensor!«, schrie der Doktor, der endlich den Halt an der Säule verlor. »Was bedeutet …«

Wir stürzten ab.

Ein Brief von Maria

St. Christophe4. Dezember 1783

Liebe Mutter,

ach! Mir ist so langweilig und so kalt! Jetzt, da die Sommersaison zu Ende ist, ist niemand mehr hier, mit dem ich spielen kann. Mir geht es inzwischen viel besser, vielen Dank, deshalb bitte, wann wirst Du mich holen lassen? Ich sehne mich so sehr danach, wieder in Paris zu sein! Ich vermisse Papa, ich vermisse die Welpen (diese Woche finde ich, sie sollten Antonius und Cleopatra genannt werden – wäre das nicht lustig?), und natürlich vermisse ich am MEISTEN Dich!

Es scheint so ungemein lange her, seit ich Dich zum letzten Mal gesehen habe. Ich wette, Du hast mittlerweile bestimmt einige traumhafte neue Kleider! Meine sehen leider inzwischen schrecklich farblos aus – die Wäscherei hier ist sogar noch schlimmer als Eloise bei einer ihrer schlechtesten Launen. Also erzähle mir bitte etwas über Deine neuen Kleider und ob wir irgendwelche neuen Pferde haben vielleicht?

Dr. Blooms Einrichtung ist ganz so, wie sie im Sommer war, nur dunkler und viel kälter. Sie würde Dir jetzt nicht gefallen. Du würdest die Sonne vermissen, und es regnet dauernd. Es zieht in allen Zimmern, und die Feuer qualmen so stark, dass die Patienten furchtbar davon husten müssen.

Du würdest die Leute hier überaus langweilig und wortkarg finden. Der einzige Neuzugang ist ein fetter alter Engländer, der laut über Dr. Bloom flucht und sich über ALLES beschwert. Der liebe Prinz Boris hat Zuflucht auf seinen Zimmern gesucht. Und die anderen sind alle so still. Ich will nicht viel mit ihnen reden.

Was ich sagen wollte, liebe Mutter, ist, dass ich nicht GERNE mit ihnen rede. Natürlich sind sie alle sehr krank und sollten nicht gestört werden, außer sie bitten darum, das weiß ich ja. Aber … sie sind jetzt anders.

Wenn Du einen Moment hast, will ich Dir erzählen, wie. Aber wenn ich das mache, dann wünsche ich, dass Du für mich tapfer bist. Womöglich findest Du das, was ich sage, beängstigend, aber ich möchte nicht, dass Du das tust.

Dr. Bloom macht für die Kranken, die am schlimmsten leiden, mit seiner Frische-Seeluft-Heilbehandlung weiter – Du erinnerst dich daran, wie es im Sommer war? Die Parade der Pfleger, die all die Menschen in Rollstühlen zum Strand hinunterschoben und sie dort alleinließen? Nun ja, es ist noch genauso, auch im Winter. Madame Bloom sagt zwar, dass die Kälte das Schlechte aus der Lunge friert, aber es kann doch sicher nicht gut sein, sie von früh bis spät dort sitzen zu lassen, oder? Das Licht ist so schwach und der Nebel so dicht! Sie sehen aus wie die Toten. Ich weiß, dass Du mir gesagt hast, ich soll sie nicht so nennen, aber ich kann nicht anders: die Toten, die wartend am Strand sitzen.

Aber das ist nicht das Beängstigende, Mutter. Manchmal gehe ich runter zu ihnen, damit sie Gesellschaft haben. Doch die Toten sind nicht allein. Denn da ist etwas im Nebel, und es spricht zu ihnen.

Da hast Du’s! Ich habe es gesagt!

Ach Mutter, es macht mir entsetzliche Angst! Bitte lass mich nach Hause kommen! Schreibe bald mit Neuigkeiten!

Deine Dich immer liebende

Maria

Woran Amy sich erinnerte

Ich wurde wach. Sofort wünschte ich, ich wäre es nicht geworden. Mir war schwindelig, und es dauerte eine Weile, bevor ich erkennen konnte, wo ich steckte. Ich lag in einem sehr weißen Raum, und da saß ein kleines Mädchen an meinem Bett. Es war angezogen, als wäre sie in Cranford, nur ohne die Haube.

»Ah!«, rief die Kleine und klatschte entzückt in die Hände. Houston, wir haben eine Klatscherin. Das könnte anstrengend werden. »Sie sind wach! Ich freue mich so, Mademoiselle!« Sie klang französisch. Interessant.

»Ja«, krächzte ich mit trockener Kehle.

Sie reichte mir ein Glas Wasser.

»Wer sind Sie?«, fragte sie mit Augen so groß wie neugierige Löffel.

Das überforderte mich einen Moment lang. Ich war mir nicht ganz sicher. Ich konnte mich erinnern … hmm. An nicht viel eigentlich. Oje.

»Ich bin Maria!«, verkündete die Kleine wichtigtuerisch, während sie mich anstarrte und dabei auf ihren Haaren kaute, die wirklich, wirklich lang und goldblond waren. Als würde sie in einer Shampoowerbung auftreten. »Ich bin elf.« Sie wartete darauf, dass ich etwas sagte.

»So.« Ich nippte am Wasser und versuchte, Zeit zu schinden. Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Wie lautete mein Name?

»Sie können sich nicht erinnern, stimmt’s?« Maria lächelte schlitzohrig. »Sie haben gesagt, Sie würden sich vielleicht nicht erinnern können.« Sie kicherte, als ob das komisch wäre.

»Wer hat gesagt, ich würde mich vielleicht nicht erinnern können?«

»Leute«, antwortete sie achselzuckend. »Ich habe Leute auf dem Flur reden hören. Sie sind neu hier. Wir haben nicht viele neue Gäste, also gibt es zwangsläufig Gerede. Aber ich bin ja so froh, dass Sie hier sind! Ich hoffe doch sehr, dass man mit Ihnen Spaß haben kann. Mögen Sie Spiele?«

Das brachte mich ein bisschen aus der Fassung. Offen gestanden war das Gefühl aufsteigender Panik nicht wirklich hilfreich. Ich versuchte, sie anzulächeln, fürchtete aber, dass mir das alles ein bisschen schief geriet.

»Jep«, sagte ich schließlich. »Ich mag Spiele. Hat jemand gesagt, was mir zugestoßen ist?«

Maria legte den Kopf auf die Seite. »Anscheinend hat Ihre Kutsche einen Unfall gebaut. Sie wurden heute Morgen hierhergebracht.«

Das ergab Sinn. Irgendwie. Ich konnte mich vage an so etwas erinnern – wie die Welt sich auf den Kopf gestellt hatte, dann ein mächtiger Bums, aber … Das war nicht alles. Da war noch etwas anderes. Nasser Sand.

Ich reckte den Hals, um aus dem Fenster zu schauen. Ich konnte bloß grauen Himmel und ein paar dürre Bäume sehen, die vom Wind hin und her geweht wurden. Aber ich konnte hören …

»Sind wir nah am Meer?«

Maria nickte ernst. »Aber ja! St. Christophe ist ein Erholungsort. Er ist sehr elegant und äußerst teuer. Die Leute kommen aus ganz Frankreich und Italien hierher!«

Mühsam setzte ich mich im Bett auf. »Dann ist das also ein Hotel?«

Maria presste die Hand auf den Mund und kicherte. »Ja, irgendwie schon. Ein Hotel für die Toten.«

Nun, das verblüffte mich. Und es hörte sich nicht gut an.

»Was meinst du damit?« Ich kniff die Augen zusammen, bis es meinem Kopf wehtat. Also ließ ich es wieder bleiben.

»Die Sterbenden kommen hierher.« Sie zog ein Gesicht. »Ich meine, sie hoffen, wieder gesund zu werden. Aber sie sind tot, eigentlich. Nur manche gehen tatsächlich wieder nach Hause, das sind die Glücklichen. Bei Mutter war es so. Sie ist wieder in Paris. Habe ich Ihnen erzählt, dass wir in einem schönen Haus mit Ponys leben?«

Ponys? Ich schüttelte den Kopf und versuchte, meine Konzentration aufrechtzuerhalten. Mir brummte der Schädel, und ich wusste nicht mal meinen eigenen Namen. Und dann so viel Überschwang und … Ich war auf mich allein gestellt und …

»Welches Jahr haben wir?«, fragte ich sie. Als ich es sagte, erkannte ich, dass es eine merkwürdige Frage war und trotzdem eine, die zu stellen ich gewohnt war. War dies etwa ein Problem, das ich häufiger hatte? Eine Erinnerung zupfte an meinem Verstand. Die Erinnerung an etwas Blaues, das auf der Seite im Sand lag. Kaltes Wasser, blaues Licht … nasser Sand.

»1783.« Maria nickte, offensichtlich sehr stolz auf ihr Wissen.

»Oh, sehr gut! Maria, das ist vollkommen richtig!«, lobte ich sie, während ich mich mühevoll bewegte. Ich zog an der Decke und bemerkte zum ersten Mal, dass ich ein echt ziemlich schönes altes Spitzennachthemd trug. Ich schwang die Beine auf den Boden und stellte fest, dass es in dem Raum sehr kalt war. Ich blickte sie an. »So, Maria«, sagte ich ernst. »Ich werde jetzt versuchen zu gehen. Dann werde ich herausfinden, wo ich bin.«

»Und dann spielen wir ein Spiel?« Maria schien ganz aufgeregt.

»Wahrscheinlich Fangen«, gelobte ich. »Ich gehe als Erste.«

Ich machte einen Schritt, die Welt drehte sich, und der Boden stürzte unter mir ein.

Dies war der Punkt, da die Tür aufflog und zwei Männer hereindrängten.

Jemand sagte: »Hey! Immer mit der Ruhe!«

Der andere rief: »Da ist sie ja!«

Zwei Armpaare packten mich, und plötzlich lag ich wieder auf dem Bett, und die Zimmerdecke tanzte Ringelreigen um mich herum. Alles, was jetzt noch fehlte, waren ein paar tanzende Sterne und das Zwitschern eines Vogels.

Als sich alles ein bisschen beruhigte, betrachtete ich die zwei Männer. Es war, als ginge Feuerwerk in meinem Kopf hoch. Einer trug einen schlechtsitzenden Anzug, der andere eine besorgte Miene zur Schau sowie einen Gehrock. Er hielt meine Hand und maß offensichtlich meinen Puls.

»Maria!«, rief ich, auf einmal ausgesprochen zufrieden mit mir selbst und der Welt im Allgemeinen. »Ich heiße Amy Pond, und das sind meine Jungs!«

Dr. Blooms Tagebuch

5. Dezember 1783

Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!

Heute Morgen fand Kosov drei am Strand liegende Fremde, gerade als die Sonne aufging. Kosov macht gern Spaziergänge. Ich sage ihm so oft – wirklich oft! –, er soll Prinz Boris nicht unbeaufsichtigt lassen, aber es ist, als hätte Kosov seinen eigenen Kopf. Er geht so gern zum Strand hinunter. Wahrscheinlich redet er mit … Na ja, Sie wissen, was ich meine.

Kosov zufolge hat er die drei aneinandergekuschelt auf dem Sand gefunden, nass bis auf die Haut. Es wundert mich, dass sie nicht noch in der Nacht gestorben sind – es wäre ein Segen für uns alle gewesen, kein Zweifel. Das Mädchen war nicht bei Bewusstsein, aber die beiden Männer fingen gerade an sich aufzusetzen und rieben sich die Köpfe und stöhnten. Es war die ungeheure Menge ihrer Klagen, die Kosov zuerst vermuten ließ, dass sie Engländer waren – haha! Der liebe Kosov ist kein Dummkopf. Mein Gott, was mussten wir uns alle das endlose Lamentieren und Schreien dieses Londoner Grobians Nevil anhören! Es ist, als wäre Mr. Nevil nicht klar, dass er wegen seiner Gesundheit hier ist und nicht auf Urlaub. Der dumme Mensch vertraut mir überhaupt nicht.

»Lassen Sie sich doch von mir behandeln, Sir!«, flehte ich ihn an, als er eintraf.

»Gott wird mich kurieren!«, rülpste er und fing dann an, sich übers Essen zu beschweren.

Der dumme Mensch begreift nicht, dass es einen Grund dafür gibt, weshalb die Zimmer so gut belüftet und die Mahlzeiten so einfach sind. Oder weshalb es den Gästen strengstens untersagt ist, Bier, Wein oder Porter zu trinken. Ehrlich, der Mann ist eine Schande, aber das gehört hier nicht zur Sache. Oh ja, er bringt mich in Harnisch – aber ich werde ihn kurieren. Ich werde alle kurieren! Ja, ich werde sogar Mr. Nevil kurieren.

Wo war ich? Ach ja, wie immer, das Meer…

Kosov konnte sehen, wie der Morgennebel sich schwer um sie herum sammelte, und handelte schnell, bevor sich die Suppe auf sie herabsenkte – die Männer konnten sich so eben gegenseitig stützen, und das Mädchen trug er persönlich den ganzen Weg hierher zurück. Stellen Sie sich das einmal vor – wie dieser schwerfällige Riese die junge Frau wie ein Bündel Feuerholz hereinschleppt! Ich hatte kaum mit meinem Frühstück begonnen, als er mit ihr hereinkam, die beiden schnatternden und wankenden Narren im Schlepptau.

»Was hat das zu bedeuten, Kosov?«, hörte ich mich nachdrücklich fragen. (Ach je, ach je, wann bin ich so wichtigtuerisch geworden?) Da war ich allerdings bereits aufgesprungen und half ihm, sie auf eine Couch zu legen. Ich konnte sehen, dass sie atmete, dass alles in Ordnung war und dass die beiden Männer große Sorge um sie zeigten.

Ich richtete mich auf, zog meine Weste gerade und lächelte sie beruhigend an. »Machen Sie sich keine übermäßigen Sorgen, meine Herren!«, begann ich. »Es gibt keinen ernsthaften Grund für Befürchtungen. Ihre Freundin liegt in kaum mehr als einem tiefem Schlaf – wahrscheinlich die Folge einer leichten Gehirnerschütterung. Hatten Sie einen Unfall? Sie haben Glück, sich in so exzellenten Händen wiederzufinden. Ich werde sie mit Freuden einstweilen in dieser Einrichtung betreuen.«

»Einrichtung?« Einer der Männer kniff die Augen halb zu. »Ist das ein Krankenhaus oder ein Hotel?«

»Ein wenig von beidem.« Ich lachte. »Mein Name ist Dr. Bloom.«

Der Mann schüttelte mir stürmisch die Hand. »Und ich bin Doktor …« Er hielt inne und sein Gesicht legte sich in Falten. »Oje!«, seufzte er. »Na ja, vielleicht einfach ›Doktor‹ vorerst. Ich bin sicher, der Rest wird mir wieder einfallen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Sie sind auch Mediziner?«

Er nickte. »Nun ja, ich glaube schon … Es ist alles ein bisschen verschwommen …«

Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Sie haben eine beschwerliche Nacht am Strand verbracht. Das Wetter ist rau zurzeit. Die eisigen Finger des Winters ergreifen selbst die Côte d’Azur.«

»Ah!«, sagte dieser Doktor, und einen Moment lang sah er aus, als hätte er keine Ahnung, wo er war. Er murmelte etwas vor sich hin. Es klang wie ›Warptransferspule‹. Diese Inselaffen!

Sein Kollege – ungefähr genauso groß, aber mit mehr Autorität – trat vor. »Längs der Küste Frankreichs und Italiens. Reizender Flecken«, verkündete er. Die Engländer und ihr gestelztes Auftreten! »Ich bin Mr. Pond. Na ja, nehme ich zumindest an.« Er lächelte verlegen. »Ja. Ich glaube fast, dass wir einen kleinen Unfall mit unserem Beförderungsmittel hatten. Einen ziemlichen Unfall.« Er machte eine Pause, wiederholte das letzte Wort ein paarmal, probierte es hinsichtlich seiner Größe aus und warf es dann weg, als würde es nicht ganz passen. Er zuckte die Schultern. »Jedenfalls sind wir hier, Sie sind Dr. Bloom, und ich bin sicher, dass die liebe Amy meine Frau ist. Ziemlich sicher. Nebenbei bemerkt – sie wird mehr als froh über jede Hilfe sein, die Sie ihr anbieten können.«

Er schwieg ganz plötzlich, als ob dies mehr Worte waren, als er jemals zuvor in seinem Leben auf einmal ausgesprochen hatte. Sein Freund, dieser Doktor Was-auch-immer, hüstelte. »Tja, da sind wir nun. Vielleicht könnten wir etwas zum Anziehen borgen, solange diese Sachen hier trocknen?«

Ich betrachtete ihre Kleider. Sie schienen … eigentlich ziemlich bemerkenswert.

Er sah meinen Blick und lächelte. »Reisemontur. Sie wissen ja, wie es ist. Da ist man doch eher auf Bequemlichkeit als auf Repräsentativität aus.«

Mit einem nassen, schmatzenden Geräusch steckte der Dummkopf die Hände in die Taschen und bemühte sich, würdevoll auszusehen.

Ich lächelte ihm matt zu. »Nun, selbstverständlich, selbstverständlich. Nur zu erfreut, Ihnen meine Gastfreundschaft anbieten zu dürfen. Ich werde ein Zimmer für Madame Pond finden, und dann wird meine Frau Ihnen ein paar frische Kleider bringen.«

Binnen Minuten traf meine liebe Perdita ein, dies Muster an wohltuender Tüchtigkeit. Sie brachte das arme kranke Mädchen in ein Zimmer, und die Männer wurden an ein warmes Feuer geschickt und mit ein paar ausgebeulten Kleidungsstücken versorgt. Ich blieb allein zurück und starrte aus dem Fenster auf die Felsen zum Strand hinunter und fragte mich, was das alles zu bedeuten hatte. Waren sie wirklich durch Zufall hierhergekommen?

Ich hörte sie nicht hereinkommen, doch plötzlich stand die liebe Perdita wieder neben mir. Sie nahm meine Hand und legte mir dann ihr Kinn auf die Schulter. »Zerbrich dir doch nicht den Kopf, mein Liebling!«, sagte sie und lächelte mich an. »Ich habe mich um sie gekümmert. Alles wird gut.«

»Wirklich?« Ich drückte ihre Hand, und sie erwiderte den Druck. »Ich mache mir einfach Gedanken, das ist alles.«

»Aber natürlich tust du das!« Ihr Lachen war von solchem Klang, dass es die schlimmste Katastrophe verharmlosen konnte. »Natürlich tust du das. Du bist ein brillanter Mann. Du hast wundervolle Dinge getan. Das hier … das hier ist doch bloß eine Unannehmlichkeit.«

»Wie unangenehm!« Ich übertrieb meinen leicht deutsch klingenden Akzent, indem ich das letzte Wort rollte, bis sie lächelte. Perdita hat das schönste Lächeln. »Jahrelange Arbeit wurde in diesen Ort investiert. Unsägliche Mühen. Wir stehen so kurz vor dem Ziel! Und weißt du was? In all diesen Jahren der Mühen hatte ich nie Angst! Drei Fremde tauchen auf, und auf einmal … auf einmal mache ich mir Sorgen.«

Wir standen am Fenster, hielten uns an der Hand und blickten auf Das Meer hinab.

Ein Brief von Maria

St. Christophe5. Dezember 1783

Liebste Mutter und die Welpen und ALLE Pferde,

wir haben Fremde, und sie sind so, so AUFREGEND! Heute habe ich Monsieur und Madame Pond kennengelernt. Sie logieren hier – ihre Kutsche kam in der Nähe von der Straße ab, und sie wurden gestern Abend hergebracht. Madame Pond heißt Amelia und ist sehr lustig; sie sagt, sie kann es nicht erwarten, Spiele mit mir zu spielen, und sie mag junge Hunde. Sie hat schöne, lange rote Haare (noch länger als die von Cecile, dem Küchenmädchen), und ihr Lachen ist sehr LAUT. Sie stammt aus Schottland, und ihre Stimme klingt ganz komisch. Aber ihr Französisch ist wirklich sehr gut, viel besser als das des widerwärtigen Monsieur Nevil.

Monsieur Pond ist auch großartig, obwohl er ein bisschen gedankenverloren wirkt. Sie haben sich beide beim Unfall ihrer Kutsche am Kopf verletzt, jedenfalls sagt das ihr Leibarzt. Er sagt mir, dass er Dr. Smith heißt. Er ist ständig ein wenig nervös, aber ich kann ihn doch recht gut leiden.

Während Mr. Pond ernst und besorgt wirkt, ist Dr. Smith ganz freundlich. Er ist ziemlich unbeholfen, und ich finde nicht, dass sein Anzug ihm richtig passt, aber er ist sehr spaßig. Er unterhält sich gern mit Mädchen – ganz anders als Dr. Bloom. Und er riecht gut, viel besser als Monsieur Nevil – deshalb nehme ich an, dass nicht alle Engländer schmutzig sind. Dr. Smith erzählt mir andauernd, dass er gar kein richtiger Doktor ist, aber Madame Pond hält offensichtlich große Stücke auf ihn. Monsieur Pond scheint mir nicht ganz so überzeugt – es würde mich nicht überraschen, wenn er un petit peu eifersüchtig wäre?

Dr. Smith und Madame Pond sprachen darüber, vielleicht irgendein Ballspiel zu spielen, aber Monsieur Pond wollte nicht mitmachen. Er meinte, er wäre nicht gut darin. Ich sagte ihm, dass er Unrecht habe, aber er wirkte ganz verärgert, als ob die Leute ihm oft erzählten, dass er unrecht hat.

Dann ging die Tür auf, und Dr. Bloom kam herein. Ich konnte erkennen, dass Madame Pond – sie hat mir gesagt, ich solle sie Amy nennen, und das werde ich von jetzt an auch –, dass Amy ihm noch nie begegnet war. Ich glaube, sie fand seine Gegenwart einschüchternd – ich hingegen habe mich inzwischen ja so an ihn gewöhnt, wie er das Zimmer ausfüllt, als wäre er ein großer, mürrischer Flamingo. Aber sie sah ihn nur an. Ich werde Dir erzählen, was passierte, denn es kam mir interessant vor, und ich habe nicht vergessen, dass Du Dr. Bloom immer so amüsant fandest …

»Ah, auf den Beinen, meine Liebe?«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Ah, das ist großartig, großartig! Sie sehen schon besser aus, viel besser. Das macht die Luft hier, ganz wunderbar. Sie ist ein Wunder, sage ich Ihnen! Füllen Sie einfach Ihre Lunge damit, und in null Komma nichts sind Sie wieder auf dem Damm!« Dabei schob er seine Brille hoch auf die Höckernase, sodass er auf sie herabgucken konnte. Das macht er immer – ich vermute, um sich ein ernsthaftes Aussehen zu verleihen. Aber wie soll das gehen, wenn er diese lächerliche weiße Perücke aufhat? Er drückt sie zwar immer mit der flachen Hand nach unten, aber um die Ohren herum steht sie trotzdem noch ab, sodass er wie ein Wachtelhund aussieht. Ohne mich auch nur anzugucken, lachte er dann. »Ich sehe, Sie haben unseren jüngsten Gast kennengelernt, die liebe kleine Maria. Sie dürfen sich von ihr nicht ermüden lassen, Madame Pond. Sie müssen sich wirklich ausruhen, bis Sie sich wieder mehr wie Sie selbst fühlen.« Er tätschelte ihr behutsam das Handgelenk und wandte sich dann an Dr. Smith.

»Nun, ich muss sagen, es scheint alles sehr, sehr vielversprechend bei der Patientin, ich bin sicher, da werden Sie mir zustimmen, Herr Dr ….?«

»Es ist tatsächlich Smith.« Der Doktor verneigte sich lächelnd. »Ich habe mich daran erinnert, dass mein Name Smith ist. Fast sicher. Guter alter englischer Name, Smith. Bedeutet hoffentlich ›edler, tapferer Krieger‹ und nicht ›derjenige, der Kätzchen mit einem Hammer erschlägt‹. Sie wären überrascht über die Ableitungen gebräuchlicher Nachnamen in den ländlichen Gegenden Englands …« Er hielt inne, weil er merkte, dass wir ihn alle anstarrten, und hüstelte. »Entschuldigung. Amy geht es besser, sagen Sie?« Er hüstelte noch einmal. »Nun, es ist früh … noch zu früh …«, und dann verstummte er. »Dr …. äh? Jetzt ist mir doch mein Name wieder eingefallen, nur um Ihren zu vergessen! Hoppla!«

»Sein Name ist Dr. Bloom«, murmelte Monsieur Pond. Er stand am Fenster und blickte finster auf den Strand hinab. Er klang einfach verärgert und drehte sich nicht einmal um. Weißt Du noch, wie Papa immer klang, wenn der Haferbrei angebrannt war? Genau so, ehrlich!

»Dr. Bloom, natürlich!« Dr. Smith schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Tut mir leid. Tut mir ja so leid! Ich weiß wirklich nicht … Ich glaube, die letzte Nacht hat meinen Kopf etwas mehr durcheinandergebracht, als mir klar war.«

Dr. Bloom legte einen Arm freundschaftlich um seine Schulter und drückte ihn ermutigend. Er wollte sie dazu bringen, ihm zu vertrauen, und das sollte niemand, nicht wahr, Mutter? »Ganz und gar nicht, mein Bester, ganz und gar nicht! Sie alle sind wahre Glückspilze! Herrje, als man Sie am Strand fand, hatte ich beinahe alle Hoffnung für Sie aufgegeben!«

»Gibt es keine Spur von unserer Kutsche?« Monsieur Pond war gerade noch höflich. Ich weiß, wenn Du da gewesen wärst, Mutter, hättest Du ihm einen ziemlich strengen Blick zugeworfen. Die Engländer sind so grob! Der arme Dr. Bloom wurde jedoch gut damit fertig.

»Leider nein, Monsieur. Es scheint, als wären die Pferde mit Ihrem Fahrzeug davongaloppiert. Es tut mir leid. Noch keine Spur davon. Aber sobald Ihr eigener Leibarzt der Auffassung ist, dass Sie sich alle vollständig erholt haben, werde ich nur zu gerne alle Vorkehrungen für einen anderweitigen Transport treffen.«

»Hmm«, machte Monsieur Pond. Er klang nicht das kleinste bisschen erfreut.

Dr. Smith ergriff eilig das Wort. »Vielleicht sollten Sie sich setzen … Eventuell fühlen Sie sich nicht gut?«