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Doktor Roland Ferdinand Mosbach ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er die Krebsforschung auf ein neues Level gebracht, als ein heimtückischer Mord an seiner schwangeren Frau und seiner Tochter das Leben des Mediziners auf eine harte Probe stellt. Durch einen unumstößlichen Beweis bekommen Roland und sein Bruder den Mörder zu fassen, doch übergeben sie ihn nicht der Justiz. Sie üben Rache und starten ihre Krebsforschung an ihm, als erstes menschliches Versuchskaninchen. Als einige Monate später ein Graf, dem ein ähnliches Schicksal wie Roland widerfahren ist, den Brüdern ein neues Forschungsobjekt präsentiert - kommt ein Zug ins Rollen, der für die Mosbach-Brüder unkontrollierbare Ausmaße annimmt. Aus den Jägern der Gerechtigkeit werden Gejagte. Ein Thriller, der alle Facetten der Grausamkeit enthält.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2022
Marc Dark
Doktor Mosbach - Das Skalpell der Gerechtigkeit
Im Namen der Gerechtigkeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Doktor Mosbach – Das Skalpell der Gerechtigkeit
Vorwort:
Kapitel 1 – Belastungsprobe
Kapitel 2 – Schicksalsschlag
Kapitel 3 – Rachedurst
Kapitel 4 – Vertrauen
Kapitel 5 – In der Falle
Kapitel 6 – Auf Leben und Tod
Kapitel 7 – Verwirrte Fantasien?
Kapitel 8 – Planänderung
Kapitel 9 – Die Schlinge zieht sich zu
Kapitel 10 – In aller Munde
Kapitel 11 – Der Wahnsinn des Jochen Kain
Kapitel 12 – Unter Druck
Kapitel 13 – Versagt
Kapitel 14 – Ein verkapptes Genie
Kapitel 15 – Auf immer und ewig?
Epilog – Der Gerechtigkeit letzter Akt
Teil 1 – Forschung im Namen der Gerechtigkeit
Impressum neobooks
Nichts ist schmerzvoller, unerträglicher und unfassbarer als der Verlust eines geliebten Menschen. Hilflosigkeit lähmt unseren Verstand. Trauer lässt uns verstummen. Wir fragen uns immer wieder – Warum? Ist alles vorherbestimmt? Müssen wir tatenlos zusehen, wenn uns Andere nehmen, was uns so wichtig ist? Sind wir unserem Schicksal gnadenlos ausgeliefert? Kennt ihr das Gefühl von Wut? Von Hass? Und den Zwang nach Gerechtigkeit? Lest meine Geschichten, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Mein Name ist Doktor Roland Ferdinand Mosbach – das Skalpell ist mein Gesetz!
In einem großen Hörsaal der Frankfurter Universitätsklinik saßen etwa zwanzig Menschen aufgeregt und angespannt zusammen. Ein großer Mann, mit weißen Locken, Vollbart, brauner Hornbrille mit einem edlen Anzug unter dem weißen Arztkittel trat nach vorne vor das Mikrofon. Lächelnd blickte er in die Runde, räusperte sich kurz und begann seine Ansprache:
Verehrte Kolleginnen und Kollegen. Wir alle haben uns hier zusammengefunden, weil es einem aus unseren Reihen gelungen ist, die Krebsforschung auf ein völlig neues Level zu heben. Begrüßen Sie alle mit mir unseren Kollegen Doktor Roland Ferdinand Mosbach und hören uns an, was ihm gelungen ist.“
Der Mann trat beiseite und überließ Dr. Mosbach das Rednerpult. Er war etwas kleiner, hatte schwarzes mittellanges Haar und hatte seine rahmenlose Brille in die Brusttasche seines Kittels gelegt. Doktor Mosbach legte seine Papiere auf das Pult, atmete tief ein und begann zu berichten:
„Werte Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrter Herr Vorsitzender Professor Doktor Alfred Kerr. Wir alle zählen nachweislich zu den besten Wissenschaftlern und Chirurgen des Landes. Ohne unsere weitreichenden Forschungen würden viele Menschen an ihren Krankheiten sterben. Meinem Bruder Bernhard und mir ist es gelungen die Krebsforschung auf eine neue Ebene zu bringen. Jeder Mensch ist ein Gebilde aus Millionen von Zellen, entstanden aus deren DNA und DNS. Manche diese Zellen besitzen bereits die Veranlagung zu bösartigen Tumoren, also Malignen. Meinem Bruder und mir ist es gelungen das dafür verantwortliche Gen zu isolieren und durch ein Gutartiges zu ersetzen. Wir haben Laborratten verwendet, die erblich bedingt zu bösartigen Tumoren neigen und spritzten ihnen unsere modifizierte DNA. Die Ergebnisse übertrafen bei weitem unsere kühnsten Erwartungen. Nach wenigen Tagen zeigten die infizierten Ratten eine siebzigprozentige Rückbildung. Bereits nach vierzehn Tagen zeigten Obduktionen, dass die Fehlregulierung des Zellgewebes komplett verschwunden war und sich das Körpergewebe regulierte. Auch die Nachuntersuchungen über weitere Wochen blieben ohne negativen Befund. Unser nächster Schritt der Versuchsreihe wird dazu führen, wie sich die modifizierte und gutartige DNA beim Menschen verhält. Sollten die Ergebnisse ähnlich positiv sein, dann werden wir damit an die Öffentlichkeit treten. Bis dahin, werte Kolleginnen und Kollegen, möchte ich Sie bitten die oberste Geheimhaltungsstufe zu wahren. Vielen Dank.“
Die anwesenden Ärzte des Kollegiums applaudierten, während Professor Kerr ans Pult trat und Roland die Hand schüttelte:
„Unglaublich, Roland. Einfach unglaublich. Dein Vortrag war einfach überwältigend“, lobte er überschwänglich. „Das Bundesgremium wird dir Morgen die Gelder bestimmt bewilligen.“
„Soweit ist es noch nicht“, wiegelte Doktor Mosbach bescheiden ab. „Das wird sich erst noch zeigen.“
„Ich bitte dich, Roland. Die Forschungen deines Bruders und dir sind bahnbrechend und nobelpreisverdächtig. Eine Revolution in der Medizin“, fuhr er fort. „Was hältst du davon, wenn du nachher zu einem Essen in meinem bescheidenen Heim vorbeikommst und wir weiterreden? Gertrud wird etwas dem Anlass entsprechendes zubereiten.“
„Einverstanden. Und mit bescheiden, meinst du doch nicht deine Villa am Frankfurter Stadtrand?“, entgegnete Roland.
„Um siebzehn Uhr, bei mir?“, fragte Professor Kerr ohne auf die Gegenfrage einzugehen.
„Ich werde da sein“, gab sich Roland geschlagen.
Professor Kerr lächelte: „Das freut mich. Bis nachher.“
Später am Nachmittag befand sich Doktor Roland Mosbach mit seinem schwarzen VW Passat Kombi auf dem Weg zur Villa in Richtung Neu-Isenburg an der Frankfurter Stadtgrenze. Sein Handy klingelte und via Bluetooth Verbindung nahm Roland den Anruf über das Radio entgegen.
„Ellen, mein Schatz“, meldete er sich. „Wie geht es dir?“
„Den Umständen entsprechend, wie ihr Ärzte sagt“, erwiderte Ellen. „Ronja ist voller Vorfreude auf ihr Brüderchen.“
„Ich bin so stolz auf dich“, entgegnete Roland lächelnd. „Unsere Familie wird in nicht mal einem Monat komplett sein.“
„Das wird es“, stimmte Ellen zu, „auch wenn die häuslichen Pflichten immer schwerer fallen. Ronja ist mit ihren acht Jahren eine große Hilfe, zumindest versucht sie es. Aber, wir haben ja die Haushaltshilfe der Krankenkasse. Nun erzähle, wie war es bei dir, mein anvertrauter Ehemann?“
„Es war sehr gut. Das Gremium hier war sehr begeistert“, antwortete Doktor Mosbach. „Alfred hat mich zu sich eingeladen. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm.“
„Verstehe“, erwiderte Ellen lachend. „Erst zaubert euch Gertrud ein schönes Essen, dann trinkt ihr ein Glas Single Malt Whisky und raucht eure Lieblingszigarre Vegas Robaina Art Edition mit Gravur.“
„Du hättest nicht deine Karriere zur Ergotherapeutin vorantreiben sollen“, lobte Roland freundlich, „, sondern Psychologie studiert.“
„Jeder macht das, was er am besten kann“, meinte Rolands Ehefrau lachend. „Aber mal im Ernst. Wenn euch der Ausschuss Morgen die Forschungsgelder bewilligt wird Alfred seinen Vorsitz verlieren, Roland. Und zwar an dich.“
„Der Gedanke ist mir auch schon gekommen“, murmelte der Arzt und Wissenschaftler nachdenklich. „Aber warum sollte er mich dann zum Essen einladen?“
„Es liegt auf der Hand. Sei bloß vorsichtig, Roland. Er will dich überreden.“
„Alfred hat als Vorsitzender durch unsere Forschungen gut gelebt, ohne sich selbst weiteren Forschungen zu widmen“, fasste Roland zusammen. „Dabei hat er jedwedes Interesse an der Medizin und Chirurgie verloren.“
„Und genau das macht mir Angst“, bestätigte Ellen besorgt. „Alfred ist ein hervorragender Chirurg, aber kein Wissenschaftler, wie ihr. Er hat den Vorsitz nur inne, weil Bernhard und du ihm durch eure Forschungen den Rücken freigehalten habt.
„Er ist der Patenonkel von Ronja und kümmert sich rührend um sie. Warum sollte er etwas tun, was uns schadet?“, überlegte Doktor Mosbach. „Außerdem sorgte er dafür, dass ich in das Gremium aufgenommen wurde.“
„Sei wachsam“, versuchte Ellen zu beruhigen. „Vielleicht trügt mich mein Gefühl.“
„Mach ich. Grüß bitte Ronja von mir und sag ihr, dass ich sie liebe, so wie dich. Ich wünsche euch eine gute Nacht. Morgen um diese Zeit bin ich wieder bei euch“, verabschiedete sich Roland.
„Wir können es kaum erwarten. Wir haben dich lieb, Schatz.“
Das Telefonat endete. Mit einem unguten Gefühl fuhr Doktor Roland Mosbach auf den Parkplatz einer prächtigen Villa in Neu-Isenburg. Langsam stieg der Mediziner aus und lief über den prächtigen Hof auf eine Tür zu, die schon von außen erahnen ließ, welch Luxus den Besucher im Inneren erwarten würde. Roland betätigte die Türklingel. Keinen Moment später öffnete ein Butler die Tür:
„Doktor Mosbach. Welch eine große Freude Sie zu sehen“, begrüßte er den Gast freundlich.
„Danke James. Bin ich zu spät?“, fragte Roland.
Butler James schüttelte den Kopf. „Keineswegs, Sir. Pünktlich wie immer, Sir. Professor Kerr erwartet Sie im Salon. Soll ich Sie hinführen?“
„Nein Danke, James. Ich kenne den Weg.“
James nahm Doktor Mosbach den Mantel ab, ehe sich dieser auf den Weg in den Salon machte, wo Professor Kerr auf ihn wartete.
„Roland! Auf die Minute“, grüßte er seinen Kollegen und Freund überschwänglich. „Moment bitte.“
Er rief nach seinem Butler James und bat ihn in der Küche auszurichten, dass aufgetischt werden konnte, während Professor Kerr seinen Gast ins Speisezimmer führte. James tat eine Weile später das Essen auf – Rinderfilet Wellington mit Rosmarinkartoffeln und Gemüse. Schweigend genossen die beiden Männer ihr Mahl, ehe Roland sein Besteck beiseitelegte und sich mit der Serviette seinen Mund abtupfte.
„Darf ich dir noch etwas auftun, mein Freund?“, fragte Professor Kerr höflich.
„Vielen Dank, Alfred. Ich bin satt“, erwiderte Roland höflich. „Wie macht Gertrud das bloß?“
„Das werden wir wohl nie erfahren“, lachte Alfred Kerr freundlich und legte seine Serviette ebenfalls auf dem Teller ab. „Die Küche ist ihr Heiligtum. Selbst James darf sich nur bis zur Essensausgabe näheren.“
„Da hängt bestimmt ein Schild: Halten Sie unaufgefordert Ihren Sicherheitsausweis bereit“, witzelte Roland.
Professor Kerr lachte. „Überschreiten Sie niemals die rote Linie. Bewachter Grenzübergang.“
„Alfred, bitte“, versuchte Roland die Contenance wieder zu erlangen. „Ich möchte dieses hervorragende Mahl gerne bei mir behalten und nicht vor Lachen platzen. Wer weiß, was Gertrud dann machen würde.“
„Daran möchte ich gar nicht denken“, ergänzte Kerr augenzwinkernd. „Sofortige Gefangennahme mit anschließender Exekution.“
„Das war meine Befürchtung“, schloss Doktor Mosbach lächelnd und nahm einen tiefen Schluck Mineralwasser. „Tut mir leid, Alfred. Ich bin wirklich satt.“
Der Professor läutete nach seinem Butler und bat ihn den Tisch abzuräumen. „Wir ziehen uns jetzt in mein Arbeitszimmer zurück“, fügte er an, „und möchten nicht gestört werden.“
„Verstanden, Sir“, nahm James seine Aufgabe wahr.
Die beiden Männer zogen sich in das riesige Arbeitszimmer des Professors zurück. Professor Kerr bot seinem Kollegen einen Platz an und trat an den Schreibtisch.
„Ein Glas Whisky und eine Vegas Robaina?“, fragte er höflich.
„Da kann ich nicht widerstehen“, antwortete Roland ebenfalls höflich.
Der wissenschaftliche Leiter schenkte ein, reichte Doktor Mosbach das gefüllte Glas und die Zigarre. Dieser stellte das Glas auf den Tisch, steckte die Zigarre in den Mund, während Professor Kerr ihm Feuer gab. Alfred Kerr wiederholte die Prozedur bei sich und nahm gegenüber Roland Platz. Die beiden Männer genossen Tabak und den goldbraunen Drink, ehe Alfred das Schweigen brach.
„Wir kennen uns jetzt schon fünfzehn Jahre, Roland. Eine verdammt lange Zeit“, resümierte er nostalgisch. „Wir sind durch dick und dünn gegangen.“
„Das stimmt. Du hast meine medizinischen Schritte von Anfang an verfolgt“, stimmte Doktor Mosbach zu.
„Du warst nach dem Studium Facharzt in einer kleinen Klinik, doch du warst schon immer der Wissenschaft verschrien.“
Doktor Mosbach lächelte: „Du hast mir eine Stelle im Universitätsklinikum beschafft und mein Interesse an der Wissenschaft weiter gefördert.“
„Jeden Tag nach dem stationären Dienst habe ich dich ins Labor geschickt und diverse Proben analysieren lassen. Berichte bis zum kommenden Tag um sechs Uhr auf meinem Schreibtisch. Deine Arbeiten waren überaus präzise und brillant ausgearbeitet“, fuhr Professor Kerr fort.
„Ohne deine Hartnäckigkeit und deine Bemühungen wäre ich nie so weit gekommen“, meinte Roland demütig.
„In der Tat“, stimmte Alfred Kerr zu und zog an seiner Zigarre. „Das bringt mich zu meinem eigentlichen Anliegen. Wenn der Ausschuss des wissenschaftlichen Landesgremiums für Chirurgie und Genforschung dir Morgen die Gelder bewilligt, werde ich meinen Vorsitz verlieren und zwar an dich, Roland.“
„Das ist doch Blödsinn“, wandte Doktor Mosbach ein, doch Professor Kerr winkte nur ab.
„Ich weiß es und du weißt es! Verkauf mich nicht für dumm.“ Kalt blickte der Professor auf seinen Schützling. „Der Ausschuss wird dir alles geben und mir alles nehmen. Es sei denn ...“
„Es sei denn, was?“, hakte Roland nach.
„Es sei denn du teilst dem Ausschuss mit, dass ich an euren Forschungen maßgeblich beteiligt war“, erklärte Kerr sein Vorhaben. „Ich behalte meinen Vorsitz und du erhältst einen monatlichen Bonus von 25.000 Euro. Damit ist uns beiden geholfen. Das bist du mir schuldig, Roland.“
„Beim besten Willen, Alfred“, entgegnete Roland nachdrücklich. „Das kann ich nicht mehr zulassen. Es wäre nicht der Wahrheit entsprechend und unfair meinem Bruder gegenüber.“
„Wen interessiert schon die Wahrheit? Nur der Erfolg zählt, das weißt du doch. Es ist eine kleine Notlüge, nichts weiter“, höhnte der Professor.
„Niemals! Du hast dich viel zu lange auf deinem Posten ausgeruht!“ Doktor Roland Mosbach war wild entschlossen. „Schon längst hast du das Interesse an der Medizin und Forschung verloren! Für dich zählt doch nur noch Geld und Luxus!“
„Ich bin 56 Jahre alt, Roland. Ich will, was mir zusteht.“ Keine Regung lag im Blick des Älteren.
Roland leerte sein Glas in einem Zug und drückte seine Zigarre aus. „Bei aller Freundschaft. Nein, es ist Schluss mit den Lügen.“
„Du meinst es also tatsächlich ernst?“ Mit hochgezogener Augenbraue schaute Professor Kerr seinen baldigen Nachfolger an.
„Unwiderruflich“, schloss Roland.
„Ich verstehe.“ Zornig und kalt lehnte sich Professor Kerr zurück und zog an seiner Zigarre.
„Wach auf und handele endlich“, mahnte Doktor Mosbach.
„Das werde ich“, murmelte der Professor. „Das werde ich ganz sicher, mein Freund!“
Ohne sich weiter zu verabschieden, stand Doktor Roland Mosbach auf, trat durch die Tür und verließ das Arbeitszimmer. Butler James kam ihm entgegen.
„Sie wollen uns schon verlassen, Sir?“, fragte er erstaunt.
„Ja. Ich muss für Morgen noch viel vorbereiten.“
„Ich hole Ihren Mantel, Sir“, meinte James freundlich, lief zur Garderobe, holte den Mantel und half Doktor Mosbach herein.
„Danke James. Machen Sie es gut.“
„Sie auch, Sir und viel Erfolg“, verabschiedete James den Mediziner. „Auf Wiedersehen und fahren Sie vorsichtig.“
Doktor Mosbach verließ die Villa durch die Tür, stieg in seinen Wagen und fuhr los. Sein Ziel lag noch etwas weiter südlich von Neu-Isenburg. Am Waldrand lag ein kleines Landhaus mit dem Namen „Der weiße Hirsch“. Der Lärm und die Hektik der Großstadt Frankfurt am Main waren Roland Mosbach schon immer ein Graus gewesen. Hier in der Idylle fand er Ruhe und Konzentration für seine Forschungen. Alles war herzlich, familiär und ungezwungen. Man kannte sich schon ewig. Eine blonde Frau trat an den Tresen.
„Doktor Mosbach, ich hatte Sie gar nicht so früh erwartet“, begrüßte sie den Arzt leicht nervös.
„Tanja, bitte. Wir kennen uns schon so lange. Ich bin Roland für dich“, erwiderte Doktor Mosbach lächelnd.
„Entschuldige bitte, daran gewöhne ich mich wohl nie.“
„Das solltest du aber.“ Roland war zwar müde, doch für die freundliche Eigentümerin des Motels hatte er stets ein Lächeln und Freundlichkeit übrig. „War der Bote schon hier?“
„Er war dieses Mal sehr pünktlich“, antwortete Tanja und reichte Roland einen Schlüssel. „Zimmer sechs. Deine Unterlagen liegen auf dem Schreibtisch.“
„Du bist einfach unschlagbar, Tanja“, meinte Doktor Mosbach grinsend. „Dann sehen wir uns Morgen zum Frühstück.“
„Pünktlich um sieben Uhr“, sagte Tanja und trug etwas ins Terminbuch ein. „Wenn Sie, ähm, wenn du noch etwas brauchst, weißt du ja, wie du mich erreichst.“
„Ich bin rundum zufrieden“, entgegnete Roland freundlich. „Du hast dir deinen Dienstschluss redlich verdient. Gute Nacht.“
„Gute Nacht“, murmelte Tanja und räumte noch ein paar Unterlagen ein. Aus den Augenwinkeln blickte sie leicht sehnsüchtig dem Mediziner hinterher. Jedes Mal, wenn Roland in ihrem Motel unterkam, hatte sie so ein komisches Gefühl im Bauch, doch sie akzeptierte sein Privatleben.
Unterdessen hatte Roland sein Zimmer erreicht. Er stellte den Koffer in die Ecke, hängte seinen Mantel und sein Jackett feinsäuberlich in den Kleiderschrank aus massiver Eiche, trat an den Schreibtisch in der Mitte des kleinen Apartments, in dem sich neben dem Schrank und dem Schreibtisch, zwei Stühle, ein Bett, ein kleiner Fernseher, sowie eine Minibar mit allerlei Leckerem, was das Herz begehrt, befand. Doktor Mosbach öffnete die bereitgelegte Post und sortierte die Unterlagen, als sein Handy klingelte.
„Ausrechnet jetzt“, murmelte er gedankenverloren, kramte das Mobiltelefon aus seiner Hosentasche. „Doktor Mosbach?“
„Grüß dich Bruderherz“, meldete sich Rolands Bruder Bernhard am anderen Ende der Leitung. „Du bist schon wieder verfügbar?“
„Wie du hörst, Bernhard. Ich bin gerade im Motel und sortiere die Unterlagen“, antwortete Roland schmunzelnd, aber mit leichter Bitterkeit.
„Du klingst etwas bedrückt. Bei Alfred ist es wohl nicht gut gelaufen“, bemerkte Bernhard den Unterton seines Bruders.
„Woher weißt du?“, wollte Roland wissen.
„Ellen hat mir erzählt, was du vorhast“, erklärte Bernhard.
Roland lächelte am Telefon. „Ellen und Ronja sind wunderbar. Obwohl wir im Kellerlabor unseres Hauses gearbeitet haben, muss es ihnen vorgekommen sein, als wären wir kilometerweit weg.“
„Du hast eine verständnisvolle und wertschätzende Familie“, beruhigte Bernhard seinen Bruder. „Und das sage ich dir als eingefleischter Junggeselle.“
„Ein Fachmann sozusagen“, erwiderte Roland lachend.
„So ist es. Waren die Unterlagen zu deiner Zufriedenheit?“
„Alles bestens, soweit ich sehen kann. Morgen wird ein großer Tag, Bernhard“, meinte Doktor Mosbach nachdenklich. „Ich freue mich schon, wenn ich morgen Abend wieder die beiden in meine Arme schließen kann.“
„Ein großer Tag und ein drastischer Einschnitt in deine Freundschaft mit Professor Kerr“, vervollständigte Bernhard die Gedanken seines Bruders.
„Da hast du Recht“, murmelte Roland.
„Mach dir keine Sorgen, Roland. Du hast das Richtige getan. Irgendwann wäre die ganze Sache aufgeflogen und dann wäre unser aller Ruf ruiniert gewesen“, bekräftigte Bernhard Roland in dessen Entschluss. Ich werde Morgen zu Ellen fahren und im Labor aufräumen. Es ist einiges liegen geblieben.“
„Eine wunderbare Idee. Das wäre mir ein großes Anliegen“, antwortete Roland begeistert. „Morgen um diese Zeit haben wir hoffentlich Forschungsgeschichte geschrieben.“
„Wird schon schiefgehen“, munterte Bernhard seinen Bruder auf. „Gute Nacht dir und bis Morgen. Pass auf dich auf.“
„Danke. Grüße bitte Ellen und Ronja Morgen von mir. Ich bin in Gedanken bei ihnen“, verabschiedete sich Doktor Mosbach.
„Mach ich. Bis Morgen.“
Konzentriert schloss Doktor Mosbach die Arbeiten mit den Unterlagen ab. Er atmete tief durch. War es das wert - seinen Freund und Mentor für den eigenen Erfolg zu opfern?
Während Doktor Roland Mosbach im Wiesbadener Kultursaal den anwesenden Experten die Fortschritte seiner Forschung präsentierte, fuhr sein Bruder Bernhard wie angekündigt zu seiner Schwägerin und seiner Nichte. Im Labor der beiden Brüder, die für die medizinische Forschung schwärmten, war einiges an Arbeit und Unterlagen liegen geblieben, was einer dringenden Bearbeitung bedurfte. Die Mittagszeit näherte sich bereits, als Bernhard das Grundstück im Gründauer Ortsteil Hain-Gründau betrat. Er selbst hatte im selben Ort ein kleines Häuschen, das er liebevoll als seine „Junggesellenbude mit Charme“ bezeichnete, doch war er oft und gerne zu Gast bei der Familie seines Bruders. Doch etwas störte ihn, als er von seinem Fahrrad stieg. Die Haustür stand einen Spalt offen. Bernhard glaubte noch daran, dass Ellen oder Ronja vielleicht vergessen hatten die Tür zu schließen, doch angesichts der Umstände seiner Schwägerin war er auch verunsichert. Achtlos warf er sein Fahrrad in den Kies der Auffahrt und eilte los.
„Ellen! Ronja!“, rief er noch neckisch, um sich selbst zu beruhigen. „Ihr solltet nicht die Tür offenlassen. Selbst in unserer kleinen Gemeinde kann man nie wissen wer …“
Weiter kam er nicht. Er öffnete den Spalt ein Stück weiter, um ins Haus treten zu können. Der Schock fuhr ihm in alle Glieder. Vor dem Treppenabsatz zum Dachgeschoss lagen die leblosen Körper von Ellen und Ronja. Bernhard eilte zu ihnen, sah das Blut auf dem gefliesten Boden und prüfte die Vitalfunktionen der Beiden. Keine Zweifel – sie waren tot. Wie in Trance und einfach nur funktionierend, griff er zum Handy und wählte die Nummer seines Bruders. Nach dem dritten Klingeln nahm Doktor Mosbach ab. Im Hintergrund nahm Bernhard die Motorengeräusche wahr. Roland war schon auf dem Weg nach Hause.
„Bernhard“, begrüßte er ihn freundlich. „Dieses Mal habe ich dich an deiner Handynummer im Display erkannt. Du kannst es wohl kaum erwarten bis ich wieder zu Hause bin. Mach schon mal den Champagner auf: Es ist alles super gelaufen! Der Ausschuss hat die Gelder bewilligt und rate mal, wer der neue Vorsitzende des Landesgremiums ist?“
Bernhard schluckte. Die Informationen nahm er nur am Rande wahr. „Roland“, begann er. „Roland, es ist …“
„Was ist los, Bernhard?“ Auch Doktor Mosbach bemerkte die nervöse Haltung seines Bruders.
„Es geht um Ellen und Ronja. Sie sind …“ Bernhard überlegte, wie er seinem Bruder am schonendsten die Wahrheit beibringen sollte.
„Sie sind was?“ Roland war leicht gereizt. „Was ist los? Was ist mit meiner Frau und meiner Tochter?“
„Sie sind …“ Bernhard legte alle Kraft in das nun folgende Wort. „Tot, Roland. Sie sind beide tot.“
Im Hintergrund vernahm er das Quietschen von Bremsen. „Ich komme so schnell ich kann.“ Dann beendete Doktor Roland Mosbach das Telefonat.
Unmittelbar nachdem er seinem Bruder die schreckliche Mitteilung überbracht hatte, informierte Bernhard Mosbach die Polizei, die sofort mit einem riesigen Angebot das Anwesen der Familie von Doktor Roland Mosbach nach Spuren absuchte und akribisch die Beweismittel sammelte. Nachdem er den eifrigen Kräften eine Zeit lang zugesehen hatte, begab sich Bernhard auf die Veranda. Kreidebleich war er und so tat die frische Luft und die Sonne des Tages ihm ganz gut. Ein Kriminaloberkommissar der Polizei des Main-Kinzig-Kreis trat an ihn heran.
„Hier sind Sie ja“, meinte er freundlich und gleichzeitig erleichtert. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“
„Entschuldigen Sie“, erwiderte Bernhard leise. „Die ganzen Umstände. Das viele Blut, die toten Körper, das war einfach ein wenig viel.“
„Mein vollstes Verständnis, Herr Mosbach.“ Der Oberkommissar trat an den Mediziner heran. „Ich wollte Ihnen auch nur mitteilen, dass meine Kollegen und ich soweit fertig sind. Erste Erkenntnisse haben wir auch schon gewonnen.“
„Wer macht so etwas?“, fragte der Schwager und Onkel der beiden Ermordeten fassungslos und abwesend. „Entschuldigen Sie, Herr Oberkommissar, was meinten Sie?“
„Herr Mosbach, es ist für niemanden eine alltägliche Situation“, erklärte Oberkommissar Gräfe ruhig. „Wir haben alle Spuren gesichert. Alles sieht nach einem geplanten Raubmord aus. Begonnen mit den Kratzspuren an der Eingangstür und die durchwühlten Aktenschränke. Jedoch wurde nichts Wertvolles gestohlen. Der Safe im Erdgeschoss, sowie das Portemonnaie im Sekretär mit immerhin 500 Euro wurden nicht angerührt. Allem Anschein nach waren der oder die Täter hinter etwas Bestimmten her. Einem Befund, vielleicht oder einem Bericht.“
„Einem Befund oder Bericht? Aktenschrank?“ Bernhard versuchte die Zusammenhänge zu begreifen.
„So ist es. Es gibt allerdings etwas, das mich beunruhigt.“
„Und das wäre, Herr Gräfe?“, wollte Bernhard wissen.
„Die Opfer kannten offenbar den oder die Mörder. Ihre Schwägerin und Ihre Nichte wurden im Eingangsbereich ermordet. Bei fremden Tätern befinden sich die Opfer zumeist weiter drinnen im Haus“, erläuterte der Oberkommissar seine Theorie.
„Sie kannten den Täter?“ Bernhard war beunruhigt. „Oh mein Gott.“
„Soweit meine These“, antwortete Oberkommissar Gräfe und räusperte sich. „Den Kollegen der Gerichtsmedizin ist zudem noch etwas aufgefallen. Ihre Schwägerin stürzte zuerst auf den Hinterkopf und erlitt beim Aufprall auf die Fliesen eine Platzwunde. Der Blutverlust war jedoch nicht tödlich. Tödlich war sowohl bei der Frau, als auch dem Mädchen die äußerst präzise Stichwunde am Oberkörper.“
„Ich verstehe nicht ganz“, wandte Bernhard Mosbach ein.
„Der Stich ist äußerst fein und präzise. Ein normales Messer wäre dazu nicht in der Lage. Jedoch ein Skalpell. Zudem traf der Mörder mit dem Stich genau das Herz. Halten Sie mich für naiv, Herr Mosbach, aber ein normaler Einbrecher oder ein Serientäter wären dazu nicht in der Lage gewesen. Wir gehen davon aus, dass der oder die Täter über medizinisches Fachwissen verfügen“, berichtete der Ermittler.
„Medizinisches Fachwissen?“ Bernhard war beunruhigt. In seinem Kopf spielte sich ein Film ab. Ein Puzzle, das sich langsam aber sicher zusammensetzte.
„Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“, fragte Oberkommissar Gräfe höflich. „Wir haben Mediziner und Seelsorger dabei.“
„Nein, nein“, wiegelte er ab. „Alles in Ordnung.“
„Wenn Sie oder Ihr Bruder noch etwas brauchen, hier ist meine Karte. Auf Wiedersehen, Herr Mosbach“, verabschiedete sich der Oberkommissar.
„Wiedersehen!“, nuschelte Bernhard abwesend.
Nachdenklich und mit trauriger Miene blickte er den Ermittlern und Kriminalisten hinterher, die ihre Sachen zusammenpackten und vom Grundstück seines Bruders fuhr. Das große Haus wirkte so kalt und so leer. Kurze Zeit später kam Roland Mosbach nach Hause. Entsetzen und Verzweiflung standen ihm ins Gesicht geschrieben, als er ins Haus stürmte. Von Trauer gezeichnet fielen sich die beiden Brüder in die Arme.
„Es tut mir so leid, Roland. Wäre ich nur früher gekommen, dann hätte ich alles verhindern können“, schluchzte Bernhard.
Doktor Roland Mosbach schüttelte nur mit dem Kopf. „Es ist nicht deine Schuld“, flüsterte er. „Ich war nicht da um meine Familie zu schützen.“
„Es war so schrecklich“, schrie Bernhard unter Tränen. „Einfach so unsagbar schrecklich. Das ganze Blut! Ihre Augen.“
„Wer auch immer das meiner Frau, meiner Tochter und meinem ungeborenen Sohn angetan hat“, knurrte Roland. „Er wird nie wieder ruhig schlafen können, das schwöre ich.“
Bernhard blickte seinen Bruder skeptisch an, doch er sagte nichts. Er wollte einfach nur für ihn da sein und die Trauer mit ihm teilen.
Die Brüder Mosbach saßen noch eine ganze Zeit beisammen. Bernhard berichtete Roland jede Einzelheit. Von seinem Eintreffen im Haus bis hin zum abschließenden Gespräch mit Oberkommissar Gräfe. Der Morgen graute bereits, als sie in einen unruhigen und traumlosen Schlaf fielen.
„… wurden in der Eingangshalle gefunden.“
„… kannten ihren oder ihre Mörder.“
„… einen Täter, der über medizinisches Fachwissen verfügt.“
Immer wieder wiederholte Doktor Roland Mosbach im Schlaf die Erkenntnisse von Oberkommissar Gräfe. Er war gebrochen. Am Tag seines größten beruflichen Erfolgs hatte ihm irgendjemand seine engsten Menschen genommen – seine Familie, die ihn mit Liebe und Zuneigung in seiner Arbeit unterstützte.
