Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang - Jo Nesbø - E-Book
Beschreibung

Lise, Bulle und Doktor Proktor sind sich einig: Irgendetwas geht in Norwegen nicht mit rechten Dingen zu. Erst zieht ein verrückt gewordener Kapellmeister alle Menschen in seinen Bann. Dann verspeist der Kunstlehrer plötzlich mit Vorliebe Insekten. Schließlich taucht auch noch ein Mondchamäleon auf, das völlig außer Rand und Band gerät. Für die drei Helden aus der Kanonenstraße ist klar: Irgendjemand muss die Welt vor ihrem Untergang bewahren - auch wenn das alles andere als einfach ist…

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:273


Der Autor

Jo Nesbø,1960 geboren, arbeitete viele Jahre lang erfolgreichals Broker, aber am bekanntesten ist er als Sängerder ehemals populärsten norwegischen Band Di Derreund als Schriftsteller für Kriminalromane.Bereits sein Debütroman wurde zum Besten skandinavischen Krimides Jahres gekürt. Inzwischen ist Jo Nesbø der erfolgreichsteAutor Norwegens und in über 20 Ländernmit seinen Büchern vertreten.

Titel

JO NESBØ

Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang.Oder auch nicht …

Aus dem Norwegischen vonMaike Dörries und Günther Frauenlob

Mit Illustrationen von Per Dybvig

Impressum

Die Übersetzung wurde gefördert durch NORLADie Originalausgabe erschien 2010 unter dem TitelDoktor Proktor et verdens undergang. Kanskje bei H. Aschehoug & Co (W. Nygaard), Oslo.Dieses Werk wurde vermittelt durch dieSalomonsson Agency, Stora Nygatan 20, 11127 StockholmErste Veröffentlichung als E-Book 2012© Arena Verlag GmbH, Würzburg 2011Alle Rechte vorbehaltenAus dem Norwegischen von Maike Dörries und Günther FraulenlobEinband- und Innenillustrationen: Per DybvigUmschlaggestaltung: Frauke SchneiderISBN 978-3-401-80250-3www.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1. Weltkrieg und Schluckauf

Kapitel 2.Balanceschuhe und Mondchamäleons

Kapitel 3.Siebenbeinige Spinnen und Apollo 11

Kapitel 4.Chor und Kapelle

Kapitel 5.Eisschneebälle und Hirnsauger

Kapitel 6.Storchschlucker, Schaufelratten und Mondsterameisen

Kapitel 7.Der Untergang der Welt

Kapitel 8.Hypnose und die Vereinigten Staaten von Norwegen

Kapitel 9.Schanzenrekord und Rückwärtsgang

Kapitel 10.Standardspionage ersten Grades

Kapitel 11.Einbruch und Liebesbrief

Kapitel 12.Dänsin Kwien und Frosch

Kapitel 13.Unheimlich und richtig schlechte Neuigkeiten

Kapitel 14.Wie die Leute hypnotisiert und zwei Scheiben zerschlagen werden

Kapitel 15.Superköder und Tretschlitten

Kapitel 16.Abwasserkanäle und eine Geheimwaffe

Kapitel 17.Ein kurzes Kapitel

Kapitel 18.Beiwagen und Schlepper

Kapitel 19.Seiltanz und ein Trønder mit Namen Petter

Kapitel 20.Take-off mit Birnengeschmack

Kapitel 21.Audienz und Morsealphabet

Kapitel 22.Die Besiegbaren werden Hackfleisch. Oder doch nicht?

Kapitel 23.Hicksen und Bruchlandungen

Kapitel 24.Plan B für Bulle

Kapitel 25.Hotel und Der Große Fluchtversuch

Kapitel 26.Geländer und Kamelscheiße

Kapitel 27.Königlicher König

Kapitel 28.Waffelteig und Zugvogelgesang

Kapitel 29.Ein Popsong rettet die Welt. Vielleicht

Kapitel 30.Ein Tier, dem man nie begegnen möchte. Außer jetzt.

Kapitel 31.Mädchen, Karamellpudding und Musik

1. Kapitel

Weltkrieg und Schluckauf

Es war Nacht in Oslo und es schneite. Große, scheinbar unschuldige Schneeflocken trudelten vom Himmel und bedeckten Dächer, Straßen und Parks der Stadt. Jeder Wettervorhersager hätte wahrscheinlich erklärt, dass es sich bei den Schneeflocken um gefrorenen Regen handelte, der aus den Wolken fiel, aber wissen konnte das niemand mit hundertprozentiger Sicherheit. Vielleicht kamen die Schneeflocken ja vom Mond, der hin und wieder durch Risse in der Wolkendecke lugte und die schlafende Stadt in ein magisches Licht tauchte. Die Schneeflocken landeten auf dem Asphalt vorm Rathaus, schmolzen gleich wieder zu Wasser und liefen als kleine Rinnsale zum nächsten Kanaldeckel, durch die Löcher in das darunterliegende Rohr und von dort in ein Netz aus Abwasserkanälen, das sich kreuz und quer unter der Stadt verzweigte.

Genauso wenig ließ sich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, was sich in der weit verzweigten Kanalisation unter Oslo alles so tummelte. Aber sollte jemand so dumm und todesmutig sein, sich in dieser Dezembernacht dort hinunterzubegeben, wäre dieser Jemand ganz still und würde die Luft anhalten, käme ihm sicherlich das eine oder andere merkwürdige Geräusch zu Ohren.

Tropfendes Wasser, gurgelnde Kloake, raspelnde Ratten, ein quakender Frosch – und mit einer gehörigen Portion Pech – das Geräusch eines gigantischen Gebisses, das sich knirschend zu einem riesigen Maul von der Größe eines Schwimmreifens öffnete, das Geräusch tropfenden Anakondaspeichels und schließlich das ohrenbetäubende Krachen der aufeinanderschlagenden Fangzähne. Danach würde für unseren unseligen Freund garantiert absolute Grabesruhe einkehren. Aber sollte unser Held vom Pech verschont bleiben, würde er in dieser Nacht andere Geräusche hören. Erstaunliche Geräusche. Das Geräusch eines zusammenklappenden Waffeleisens, zischender Butter, leise murmelnder Stimmen, eines Waffeleisens, das wieder geöffnet wird. Und dann: genussvolles, stummes Kauen.

Irgendwann hörte der Schnee zu fallen auf, das Kauen verstummte, die überirdischen Bewohner Oslos erwachten allmählich in einen neuen Tag und begaben sich durch die Dämmerung und den Schneematsch zu ihrer Arbeit und in die Schulen. Und während Frau Strobe ihren Schülern über den Zweiten Weltkrieg erzählte, kroch eine blasse Wintersonne, die mal wieder verschlafen hatte, vorsichtig über die Bergkämme.

Lise saß an ihrem Pult und schaute an die Tafel, an die Frau Strobe WELLTKRIEG geschrieben hatte. Mit Doppel-L. WELTKRIEG musste das heißen. Das machte Lise ganz fertig – sie legte großen Wert auf korrekte Rechtschreibung –, so fertig, dass sie sich nicht mehr darauf konzentrieren konnte, was Frau Strobe von den Deutschen erzählte, die 1940 Norwegen überfallen hatten und denen von ein paar norwegischen Helden derart der Marsch geblasen wurde, dass am Ende die Norweger den Krieg gewannen und seitdem singen konnten: »Der Sieg ist unser, wir haben gewonnen, der Sieg ist unser.«

»Und was haben die andern gemacht?«

»Bei uns meldet man sich, wenn man eine Frage hat, werter Herr Bulle!«, ermahnte Frau Strobe ihn.

»Das ist mir wohlbekannt«, sagte Bulle. »Aber ich kann nicht erkennen, dass Sie deshalb bessere Antworten bekommen. Mein Motto, gnädigste Frau Strobe, ist, das Wort zu pflücken, wenn es vorbeifliegt …« Der winzige, sehr rothaarige und ziemlich sommersprossige Knirps namens Bulle streckte seine winzige Hand in die Luft und pflückte unsichtbare Äpfel. »So! Das Wort pflücken, es festhalten, es beherrschen, ihm Flügel verleihen und es zu Ihnen fliegen lassen …«

Frau Strobe senkte den Kopf und starrte mit hervortretenden Augen über den Rand ihrer Brille, die noch einen weiteren Zentimeter auf ihrer langen Nase nach unten rutschte. Und Lise sah zu ihrem großen Entsetzen, dass Frau Strobe die Hand zu ihrem berüchtigten Flache-Hand-aufs-Katheder-Schlag erhob. Das Klatschen von Frau Strobes Handfläche auf der Kiefernholzplatte war grauenerregend. Es heißt, damit hätte sie schon erwachsene Männer zum Weinen gebracht und erwachsene Frauen dazu, nach ihren Müttern zu rufen. Obwohl, wenn Lise es genau überlegte, hatte Bulle das gesagt, und bei ihm konnte man sich nie hundert Prozent sicher sein, dass es auch hundert Prozent stimmte.

»Was haben die gemacht, die keine Helden waren?«, wiederholte Bulle. »Antwortet uns, werte Lehrerin, deren Schönheit nur von ihrer Weisheit übertroffen wird. Antwortet uns und lasst uns vom Becher der Weisheit nippen.«

Frau Strobe nahm seufzend ihre Hand herunter. Lise war fast sicher, hinter der strengen Fassade ein leichtes Zucken ihrer Mundwinkel gesehen zu haben. Frau Strobe war kein Fan von übertriebenem Lächeln und anderer Sonnenscheinmimik.

»Die Norweger, die im Krieg keine Helden gewesen sind«, setzte sie an, »die waren … ähm, die haben die anderen angefeuert.«

»Angefeuert?«

»Ja, sie haben die Helden angefeuert. Und den König, der nach London geflohen war.«

»Mit anderen Worten haben sie also nichts getan«, sagte Bulle.

»Ganz so einfach ist das nicht«, sagte Frau Strobe. »Nicht jeder Mensch kann ein Held sein.«

»Warum nicht?«

»Das versteh ich jetzt nicht ganz.«

»Warum können nicht alle Helden sein?«, fragte Bulle und warf die roten Ponyfransen nach hinten, die nur knapp über sein Pult hinausragten.

In der Stille, die folgte, hörte Lise aus dem angrenzenden Klassenzimmer lautes Gezeter und Hicksen. Das war der neue Werklehrer Gregor Galvanius, den alle nur Herrn Hick nannten, weil er immer Schluckauf bekam, sobald er sich aufregte.

»Truls!«, schimpfte Gregor Galvanius verzweifelt. »Hick. Trym! Hick.«

Lise hörte Truls’ fieses Lachen und das mindestens genauso fiese Lachen seines Zwillingsbruders Trym, eilige Schritte und eine Tür, die aufgerissen wurde.

»Nicht jeder hat das Zeug zum Helden«, sagte Frau Strobe. »Die meisten Leute wollen einfach nur ihre Ruhe haben und sich um ihren eigenen Kram kümmern, ohne sich allzu sehr mit den Belangen anderer auseinandersetzen zu müssen.«

An dieser Stelle hörte ihr kaum noch jemand zu, weil fast alle aus dem Fenster starrten. Denn über den schneebedeckten und vereisten Schulhof sahen sie Truls und Trym Thrane laufen. Was kein sehr schöner Anblick war, da Truls und Trym derart fett waren, dass ihre Oberschenkel aneinander scheuerten, wenn sie so rannten. Aber ihr Verfolger war kein bisschen eleganter. Herr Hick hüpfte in gebeugtem, x-beinigem Trab wie ein tollpatschiger Elch in Filzpantoffeln durch die Vormittagssonne. Der Grund für die hüpfende und gekrümmte Fortbewegung war der Schreibtischstuhl, der an Herrn Hicks Hintern festgewachsen zu sein schien. Frau Strobe warf einen Blick aus dem Fenster und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Bulle, ich befürchte, einige Menschen sind schlicht und einfach zu gewöhnlich und ohne den geringsten Funken von Heldentum in sich.«

»Was ist mit dem Stuhl?«, fragte Bulle leise.

»Sieht aus, als wäre er an seinem Hosenboden festgewachsen«, sagte Lise gähnend. »Guck mal, jetzt hat er gleich die Schneewehen erreicht …«

Gregor Galvanius’ alias Herrn Hicks Filzpantoffeln begannen, unter ihm ein Eigenleben zu führen. Im nächsten Moment fiel er pardauz! aufs Hinterteil. Das heißt, da sein Hinterteil in dem Stuhl feststeckte und der Stuhl Räder hatte und die Räder gut geschmiert waren und da der Schulhof bis zur Kanonenstraße runter ein ziemliches Gefälle hatte, wurde Herr Hick schlagartig zum unfreiwilligen Passagier seines Schreibtischstuhles, der mit zunehmendem Tempo immer schneller bergab rollte.

»Gütiger Gott!«, platzte Frau Strobe entsetzt heraus, als sie die hektische Fahrt ihres Kollegen aufs Ende der Welt – oder zumindest das Ende des Schulhofes zu – bemerkte.

Ein paar Sekunden lang war es so still, dass nur das Rumpeln der Räder auf der Eisschicht zu hören war, das Scharren der Pantoffelsohlen beim verzweifelten Versuch zu bremsen sowie ein hysterisches Hicksen. Im nächsten Augenblick donnerten Stuhl und Werklehrer in die Schneewehe am Ende des Schulhofes. Und die Schneewehe explodierte mit einem lauten Puff und füllte die ganze Luft mit Pulverschnee. Schreibtischstuhl und Gregor Galvanius waren spurlos verschwunden!

»Mann über Bord!«, brüllte Bulle, sprang auf und hüpfte von Pult zu Pult in Richtung Klassenzimmertür. Alle anderen folgten ihm, sogar Frau Strobe, und eins-zwei-drei waren sie draußen, alle außer Lise, denn die stand mit einem Stück Kreide in der Hand an der Tafel und strich ein L von WELLTKRIEG aus. So. Danach rannte auch sie nach draußen.

Frau Strobe und ein anderer Lehrer versuchten mit vereinten Kräften, Gregor Galvanius, der immer noch in seinem Stuhl feststeckte, aus der Schneewehe zu befreien.

»Wie geht es Ihnen, Gregor?«, erkundigte sich Frau Strobe.

»Hick«, sagte Gregor. »Ich bin blind!«

»Ach was«, sagte Frau Strobe und kratzte den Schnee, der hinter seinen Brillengläsern pappte, mit einem Finger weg. »So …«

Galvanius blinzelte benommen und errötete, als er sie sah. »Oh, hallo, Frau Strobe! Hick!«

»Was für ein Spektakel«, sagte Lise zu Bulle, der natürlich als Erster und so schnell am Ort des Geschehens gewesen war, dass er von dem Pulverschnee bedeckt war, den Gregor Galvanius bei der Kollision aufgewirbelt hatte.

Bulle antwortete nicht, er starrte die Kanonenstraße hinunter.

»Stimmt was nicht?«, fragte Lise.

»Ich habe da unten etwas gesehen, als ich hier ankam. Der Pulverschnee hat sich daraufgelegt.«

»Worauf gelegt?«

»Das weiß ich eben nicht. Als der Schnee schmolz, war es nicht mehr zu sehen.«

Lise seufzte. »Wir müssen dringend etwas gegen deine überbordende Fantasie unternehmen, Bulle. Vielleicht kann Doktor Proktor ja etwas Einbildungsdämpfendes erfinden.«

Bulle blinzelte den Schnee von den Wimpern und griff nach ihrer Hand. »Komm!«

»Bulle …«

»Komm!«, wiederholte Bulle und zog den Reißverschluss seiner Steppjacke hoch.

»Aber wir haben Unterricht!«

Das bekam Bulle schon nicht mehr mit. Er war mit einem Kopfsprung in den Tiefschnee gehüpft und rutschte auf dem Bauch das steile Gefälle zu dem vereisten Bach hinunter.

»Bulle!«, protestierte Lise und stapfte hinterher. »Es ist verboten, unten zum Bach zu gehen!«

Bulle, der wieder aufrecht stand, zeigte triumphierend auf etwas im Schnee.

»Was ist das?«, fragte Lise und kam näher.

»Spuren«, sagte Bulle. »Fußabdrücke.«

Lise schaute auf das, was ganz richtig tiefe Fußspuren im Schnee waren. Sie führten weiter aufs Eis, auf dem nur eine dünne Schneeschicht lag.

»Da ist jemand über den Bach gegangen«, sagte Lise. »Ja und?«

»Guck dir die Abdrücke doch mal genauer an«, sagte Bulle. »Von einem Tier stammen die jedenfalls nicht. Anderer Meinung?«

Lise ging alle Tierspuren durch, die sie in Naturkunde durchgenommen hatten. Pfoten, Klauen, Krähenfüße. Das hier ähnelte nichts, was sie kannte. Also nickte sie, um Bulle zu signalisieren, dass sie seiner Meinung war.

»Und Schuh- oder Stiefelabdrücke sind das auch nicht«, sagte Bulle. »Sehr mysteriös …«

Er folgte den Spuren aufs Eis.

»Warte«, sagte Lise. »Was, wenn das Eis nicht …«

Aber Bulle hörte nicht zu. Erst, als er sicher auf der gegenüberliegenden Seite angekommen war, drehte er sich um.

»Kommst du?«

»Auch wenn das Eis dich trägt, könnte es gut sein, dass es zu dünn für mich ist«, flüsterte Lise, die befürchtete, dass Frau Strobe sie vom Schulhof aus sehen konnte.

»Hä?«, rief Bulle.

Lise zeigte auf das Eis.

Bulle antwortete, indem er sich an den Kopf tippte. »Streng dein Erdnusshirn ein bisschen an! Sieh dir die Spuren doch mal an! Derjenige, der hier übers Eis gegangen ist, ist auf alle Fälle größer und schwerer als du und ich zusammen!«

Lise hasste es, wenn Bulle so tat, als wäre er cleverer als sie. Sie stampfte ein paarmal wütend im Schnee auf. Was wohl der Kommandantenpapa – und schlimmer noch, ihre Kommandantenmama – dazu sagen würden, wenn sie mit einem blauen Brief von Frau Strobe nach Hause kam. Eigentlich widerstrebte ihr das Ganze. Aber dann ging sie doch über das Eis. So ist das eben, wenn man dummer- und zufälligerweise die beste Freundin eines Jungen wie Bulle ist.

Die Spuren führten in einem großen Bogen um den Haselnusshain herum – der im Grunde genommen nicht mehr als eine bescheidene Ansammlung netter kleiner Bäume war –, über die Haselnussbrücke, zurück zum Schulhof und die Treppe zur Turnhalle hinauf. Sie öffneten die Tür und gingen hinein.

»Guck mal«, sagte Bulle und zeigte auf die nassen Spuren auf dem Boden. Je weiter sie den Spuren durch den Flur, die Umkleideräume und schließlich in die Halle folgten, desto undeutlicher wurden sie. Am Ende standen sie in der leeren Halle vor dem letzten feuchten Abdruckrest. Danach kam nichts mehr. »Hier hatte es wieder trockene Füße«, sagte Bulle und schnupperte.

»Was für ein Es?«, fragte Lise und warf einen Blick zu der Fahne der schuleigenen Blaskapelle, die an der Wand hinter den Matratzen und dem alten Seitpferd stand. Hier drinnen übte die Schulkapelle, in der Bulle und sie selber spielten. Der Name der Kapelle war mit gelber Schrift auf blauen Untergrund gestickt: DØLGEN BLASKAPELE.

Bulle ging Richtung Ausgang und Lise wieselte hinter ihm her. Sie war zwar ein intelligentes und mutiges Mädchen, das auf keinen Fall an Gespenster, Monster oder solchen Quatsch glaubte (»Ha, welcher Teenager glaubt schon an so was«, dachte sie), aber alleine wollte sie auch nicht in der Halle zurückbleiben. Dort drinnen war nämlich irgendetwas, das ihre Nackenhaare dazu veranlasste, sich aufzustellen. Irgendetwas stimmte hier nicht und gab ihr das Gefühl, als befände sie sich in einem bösen Traum.

Auf dem Schulhof vor der Schneewehe stand die Schulleiterin und fragte laut, ob ihr bitte schön irgendjemand erzählen könnte, wer Herrn Galvanius’ Hosenboden an dem Schreibtischstuhl festgenäht hatte? Bulle und Lise standen am oberen Ende der Treppe zur Turnhalle und konnten sehen, wie die Schüler kleinlaut um sich blickten; erst zur Direktorin, dann zu Truls und Trym, die Schulter an Schulter und mit verschränkten Armen dastanden und den Blicken trotzig standhielten.

»Das traut sich doch im Leben keiner, Truls und Trym zu verpetzen«, sagte Lise.

»Frau Strobe hat wahrscheinlich recht«, sagte Bulle. »Die meisten Leute wollen einfach ihre Ruhe haben, sich um ihren eigenen Kram kümmern und sich nicht unnötig mit den Belangen anderer auseinandersetzen.«

Es klingelte zum Unterricht. Oder zur Pause. Das wusste keiner so genau. Das war aber auch ein erstaunlich außergewöhnlicher Tag, fand Lise.

Und noch erstaunlicher wurde es in der letzten Unterrichtsstunde. Da ging Lise nämlich auf, was nicht stimmte. Die Erkenntnis traf sie wie ein von Truls und Trym abgefeuerter Schneeball. Die Fahne der Blaskapelle! Die Fahne mit dem Namen aus gelben Stickbuchstaben, den sie schon Hunderte von Malen gelesen hatte. DØLGEN BLASKAPELLE. Aber auf der Fahne in der Turnhalle hatte DØLGEN BLASKAPELE gestanden. Mit einem L. Lise wurde eiskalt. Wie war das möglich?

Nach dem Klingeln hatte Lise Bulle hinter sich her in die leere Turnhalle gezogen. Jetzt standen sie vor der Fahne des Schulorchesters. Bulle buchstabierte sich mühsam durch die lange Buchstabenreihe:

»D-Ø-L-G-E-N-B-L-A-S-K-A-P-E-L-L-E.«

»Da war aber vorhin nur ein L!«, sagte Lise verzweifelt. »Echt wahr!«

Bulle presste die Fingerkuppen aneinander und drehte sich zu ihr um. »Vielleicht kann Doktor Proktor ja etwas Einbildungsdämpfendes für dich erfinden, meine Liebe.«

»Ich bilde mir überhaupt nichts ein!«, rief Lise noch verzweifelter.

Bulle klopfte ihr freundschaftlich auf den Rücken. »ICH mach nur Spaß. Weißt du, was der Unterschied zwischen dir und mir ist, Lise?«

»Nein. Oder doch. Das meiste.«

»Der Unterschied, liebe Lise, ist, dass ich als dein Freund blind allem vertraue, was du sagst.«

»Das«, sagte Lise, »liegt daran, dass der Unterschied zwischen dir und mir der ist, dass ich immer die Wahrheit sage.«

Bulle betrachtete nachdenklich die Fahne. »Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir unsere Freunde um Rat fragen.«

»Wir haben keine Freunde, Bulle. Außer uns haben wir nur einen Freund!«

»Das hört sich doch nach einer ganzen Freundesschar an, wenn du mich fragst«, sagte Bulle und pfiff vorsichtig ein paar Töne der ersten Stimme des Alten Jägermarsches. Da konnte Lise nicht anders, sie fiel mit der Klarinettenstimme ein.

Und zu den Klängen vom Alten Jägermarsch marschierten sie aus der Schule in die Kanonenstraße, am roten Haus vorbei, in dem Lise wohnte, am gelben Haus vorbei, in dem Bulle wohnte, zu dem blauen, merkwürdig windschiefen Haus am Ende der Straße, das fast unter Schneewehen verschwunden war und in dem ihr einziger Freund wohnte. Sie stapften durch den Schnee an dem kahlen Birnbaum vorbei und klopften an die Tür, weil die Klingel schon seit Ewigkeiten außer Betrieb war.

»Doktor Proktor!«, rief Bulle. »Machen Sie auf!«

2. Kapitel

Balanceschuhe und Mondchamäleons

Aber es kam niemand, um die Tür von Doktor Proktors Haus zu öffnen.

»Wo er wohl steckt?«, murmelte Bulle und spähte durch den Briefschlitz.

»Da!«, sagte Lise.

»Wo?«, fragte Bulle.

»Da oben.«

Bulle drehte sich um und folgte Lises Zeigefinger.

Und dort oben auf dem Dach sahen sie einen langen, klapperdürren Mann im Professorenkittel und mit rosa Ohrschützern über den First balancieren. Er machte winzige Schritte und hatte die Arme nach vorne gestreckt.

»Doktor Proktor!«, rief Bulle, so laut er konnte.

»Er hört dich nicht«, sagte Lise. »Er hat die Doppeldämpfer auf.«

Die Doppeldämpfer – oder Doktor Proktors Doppeldämpfende Ohrenschützer – hatte der Professor erfunden, um sein Gehör vor dem Knall einer seiner anderen Erfindungen zu schützen: Doktor Proktors Pupsonautenpulver.

Lise formte einen Schneeball und zielte. Er landete direkt vor den Füßen des Professors, der zusammenzuckte und einen merkwürdigen Tanz aufzuführen begann. Die Arme rotierten wie ein Schaufelrad und verschoben die rosa Ohrenschützer so, dass ein Püschel sich über sein eines Auge schob.

»Was machen Sie da?«, rief Bulle.

»Ich … Ich fuchtele mit den Armen«, rief der Professor und fuchtelte noch wilder mit den Armen. »Und schwanke mit dem Oberkörper …«, stöhnte er, wobei sein langer, dürrer Oberkörper hin und her zu schwanken begann. »Und verliere das Gleichgewicht!«, schrie er und war weg.

Lise und Bulle sahen sich erschrocken an und rannten auf die Rückseite des Hauses.

»Hallo?«, rief Lise.

»Hallo?«, rief Bulle.

»Auch hallo«, tönte es trocken und hohl aus einem Loch im Schnee, aus dem zwei Hände ragten. »Wenn wir mit dem Hallosagen fertig sind, könntet ihr mir vielleicht behilflich sein.«

Lise und Bulle packten jeweils eine seiner Hände und zum zweiten Mal an diesem merkwürdigen Tag wurde ein erwachsener Mensch aus dem Schnee gezogen. Na ja, was man so erwachsen nennt. Im Großen und Ganzen erfand Doktor Proktor lauter Dinge, die zwar unglaublich Spaß machten, aber ziemlich kindisch waren und sich in der Welt der Erwachsenen leider als wenig nützlich erwiesen. Aber was machte das schon, wenn man einen Garten mit einem Birnbaum und zwei gute Freunde hatte und obendrein mit der umwerfendsten und – soweit er das durch seine verrußte Taucherbrille beurteilen konnte, die er Tag und Nacht trug – hübschesten Frau Oslos verlobt war, Juliette Margarine.

»Wieso tragen Sie Ohrenschützer?«, fragte Lise, als sie Doktor Proktor auf die Beine halfen.

»Ich hatte so kalte Ohren und konnte meine Mütze nicht finden«, antwortete der Professor. »Was gibt’s?«

Lise erzählte, was auf dem Schulhof vorgefallen war.

»Gregor Galvanius, ach ja«, sagte Doktor Proktor und schüttelte Schneeflocken aus seinem struppigen Haar. »Was für eine Type.«

»Sie kennen Herrn Hick?«, fragte Bulle. »Truls und Trym haben seinen Hosenboden mit ein paar fiesen Kreuzstichen am Schreibtischstuhl festgenäht. Kunst und Werken war mir nie ganz geheuer. Ich frag mich ja nur, wie sie das geschafft haben, ohne dass er was gemerkt hat.«

Doktor Proktor seufzte. »Bestimmt war Gregor wieder eingeschlafen, der arme Kerl.«

»Ein Lehrer schläft doch nicht mitten im Unterricht ein«, sagte Lise.

»Doch, wenn du ein Lebewesen bist, das eigentlich jetzt Winterschlaf machen sollte«, sagte Doktor Proktor.

»Was ist das?«, fragte Bulle und zeigte auf Doktor Proktors Füße.

»Das«, sagte der Professor und schaute auf die rot-orangen Stiefel mit blauen Schnürsenkeln herab, »ist meine neueste Erfindung: Doktor Proktors Balanceschuhe. Schaut mal …« Er hob das eine Bein und zeigte ihnen die Sohle. »Das sind ein paar alte Boxerschuhe, in die ich aktive Magnetschienen eingearbeitet habe. Mit denen kann man überall balancieren. Man muss nur diesen Schalter hier einstellen.«

Auf dem Fußrücken war ein gewöhnlicher Herdschalter montiert. Lise las die Einstellungsmöglichkeiten:

STRAFFE LEINE

SCHLAFFE LEINE

GARTENZAUN

BRÜCKENGELÄNDER

DACHFIRST

»Super!«, rief Bulle. »Darf ich sie testen?«

»Noch nicht, lieber Bulle. »Das Ganze muss noch ein wenig perfektioniert werden, um … ähm … perfekt zu werden.«

»Und warum sind Sie dann damit übers Dach spaziert?«, fragte Bulle ein bisschen eingeschnappt. Denn wenn Bulle Erfindungen von Doktor Proktor testete, dann am liebsten solche, die noch nicht ganz perfekt waren.

»Ich wollte die Antenne richten«, sagte der Professor und zeigte aufs Dach, wo die Fernsehantenne gerade Linien an den bleichen Winterhimmel zeichnete. »Ich kriege bald kein einziges Fernsehprogramm mehr rein.«

Lise stöhnte. »Aber Professor! Haben Sie denn nicht mitbekommen, dass Fernsehsignale inzwischen nur noch digital empfangen werden? Die alten Antennen funktionieren nicht mehr.«

Doktor Proktor hob eine Augenbraue und sah Lise an. Dann sah er die Antenne auf dem Dach an. Und dann seine Uhr.

»Wie die Zeit vergeht. Was liegt an?«

»Ich habe etwas verschwinden sehen, als der Schnee geschmolzen ist«, sagte Bulle.

»Das hat Schnee so an sich, wenn er schmilzt«, sagte Doktor Proktor und gähnte. »Sonst noch was?«

»Auf der Schulfahne stand ein L weniger«, sagte Lise.

»Das klingt, als wäre das Ende der Welt nicht mehr fern«, entgegnete Doktor Proktor trocken und stapfte durch den Schnee auf die Eingangstür zu.

»Haben Sie einen Tipp, was wir tun können?«, fragte Lise.

»Selbstverständlich«, sagte Doktor Proktor.

»Und das wäre?«

»Das, was wir immer tun. Karamellpudding essen.«

»Also«, sagte Doktor Proktor, nachdem die drei sich am Küchentisch des Professors anderthalb Meter Karamellpudding einverleibt hatten. Auf der Arbeitsplatte stand der Modellhelikopter, den er zum Sahneschlagen benutzte, daneben der Toaster zum Turbotrocknen von Handschuhen und Strümpfen und ein Topf für Fischsuppe, in dessen Boden er ein großes Loch gebohrt hatte, weil er Fischsuppe nicht ausstehen konnte.

»Du hast also was gesehen«, sagte Doktor Proktor.

»Jepp«, sagte Bulle, begleitet von einem lauten Rülpser. »Entschuldigung.«

»Zum Wohl. Was hast du gesehen?«

»Schwer zu sagen. Nach Gregor Galvanius’ Zusammenstoß mit der Schneewehe war es mit Schnee bedeckt. Da habe ich Umrisse erkannt. Aber dann ist der Schnee geschmolzen und da wurde das, was darunter gewesen ist, sozusagen unsichtbar.«

»Mensch oder Tier?«

»Keine Ahnung. Die Spuren stammten jedenfalls von keinem Tier, das ich kenne. Genauso wenig von einem nackten menschlichen Fuß oder Schuh oder Stiefel. Irgendwie sah es aus, als hätte es …« Bulle kniff ein Auge zu und schien ganz konzentriert darüber nachzudenken, was er gesehen hatte.

»Hm, sagte Doktor Proktor. »Und auf der Fahne, sagt ihr, stand Blaskapelle mit nur einem L! Und als ihr zum zweiten Mal nachgesehen habt, waren es wieder zwei L?«

Lise nickt.

Doktor Proktor rieb sich das Kinn.

»Socken!«, rief Bulle.

Lise und Doktor Proktor sahen ihn an.

»Das waren Sockenabdrücke«, sagte Bulle. »Ihr wisst schon, wie man sie hinterlässt, wenn man mit feuchten Socken aus den Schuhen steigt und über den Boden läuft.«

»Sockenklauer?«, flüsterte der Professor, mehr zu sich selbst. »Sprachfehler. Mondcham…«Als er sah, dass Lise und Bulle noch an seinem Küchentisch saßen, verstummte er abrupt. »Sockenklauer?«, sagten Lise und Bulle im Chor.

»Sprachfehler!«, sagte Doktor Proktor. »Wollte sagen … Ich habe mich versprochen.« Er zeigte aus dem Fenster. »Jesses! Seht mal, es hat angefangen zu schneien.«

Sie schauten nach draußen. Und richtig, dort trudelte die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel.

Lise sah Doktor Proktor an. »Was ist ein Sockenkl…«

»Ich arbeite übrigens an einer neuen Erfindung«, fiel Doktor Proktor ihr ins Wort, ehe sie den Satz zu Ende gebracht hatte. »Eine mutierte Kreuzung zwischen Weihnachtsbaum und gewöhnlicher Tanne, an der Glitter, Papierengel und Kerzen wachsen, sodass man sie fertig geschmückt fällen und im Wohnzimmer aufstellen kann. Wie findet ihr das?«

Bulle schüttelte den Kopf. »Blöde Idee. Das Baumschmücken ist doch das Lustigste.«

»Wirklich?«, fragte Doktor Proktor.

»Jepp«, sagte Bulle und kratzte den Teller sauber. »Wollen Sie nicht lieber etwas erfinden, das dafür sorgt, dass unsere Blaskapelle gut klingt?«

»Diese Erfindung gibt es nicht«, sagte Doktor Proktor. »Aber wie wäre es mit Weihnachtsbrei mit Karamellpuddinggeschmack?«

»GUT, dass Sie mich daran erinnern!«, rief Bulle und schielte gierig auf den Rest Karamellpudding auf dem Teller. »Falls sonst keiner mehr will, könnte ich …«

»Doktor Proktor«, sagte Lise. »Was meinten Sie mit Sockenklauern?

»Noch nie was davon gehört«, sagte der Doktor. »Und ihr auch nicht.«

Lise sah Bulle an. Seine Wangen beulten aus wie zwei Ballons und der Puddingteller war leer.

»Ach je, so spät schon«, sagte Doktor Proktor und gähnte laut und deutlich.

»Fandest du Doktor Proktor heute Abend nicht auch etwas sonderbar?«, sagte Lise, als sie draußen auf der Treppe standen.

»Nein«, sagte Bulle, rülpste laut und grinste glücklich.

»Aha«, sagte Lise und verdrehte die Augen.

Nachdem Lise das Haus betreten und gegessen, die Hausaufgaben gemacht und Klarinette geübt hatte, rief ihre Mutter unten aus dem Wohnzimmer, dass Lise jetzt mal bald ins Bett müsste. Das fand Lise eigentlich auch. Nach dem Zähneputzen ging sie ins Wohnzimmer, um ihren Eltern Gute Nacht zu sagen. Sie saßen vor dem Fernseher und sahen einer Gruppe Männer und Frauen zu, die aus voller Kehle sangen und sich im Takt mit der Musik bewegten, sodass ihre langen weißen Umhänge wie Gardinen in einer Sommerbrise flatterten. Lise dachte, dass sie sich schon auf den Frühling freute.

»Was guckt ihr da?«, fragte sie.

»Das?«, sagte der Kommandantenpapa. »Das ist Kon-CHOR-renz. Der Chor, der am Ende die meisten Stimmen bekommt, gewinnt hunderttausend Kronen und fünfzig Öre. Und eine eigene Fernsehshow. Plus eine Reise samt Aufenthalt auf einem dänischen Campingplatz.«

»Plus gratis Friseurtermine bei Moss und Voss für ein halbes Jahr«, sagte ihre Mutter. »Plus …«

»Wer singt da gerade?«, fragte Lise.

»Hallvard Tenoresens Chor«, brummte ihr Vater.

»Wer ist Hallvard Tenoresen?«

»Wer Hallvard Tenoresen ist?«, wiederholte ihre Mutter verblüfft. »Also ehrlich, Lise, du solltest ein wenig mehr Zeitschriften lesen. Hallvard Tenoresen ist der singende Chiropraktiker aus Jönköping in Schweden. Der hübscheste Chorleiter südlich von Spitzbergen. Sieh ihn dir doch mal an. Komisch, dass er nicht verheiratet ist.«

»Gar nicht komisch, dass er nicht verheiratet ist«, murmelte der Kommandantenpapa.

Lise sah die Chorsänger kurz an, die mit weit aufgerissenen Mündern selig lächelnd sangen, dann verließ sie das Wohnzimmer.

Oben in ihrem Bett knipste Lise die Leselampe aus und die Taschenlampe an und richtete den Lichtstrahl auf das Fenster in dem gelben Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wie gewohnt ging dort das Licht an und ein paar winzige Finger begannen das Schattentheater hinter dem Vorhang. An diesem Abend war es die Vorstellung eines Mannes mit Schluckauf, der mit Karacho mit etwas zusammenkrachte. Eine Frau mit langer Nase half ihm wieder auf die Beine. Es sah aus, als ob der Mann versuchte, die Frau zu küssen, aber sie schubste ihn weg. Lise musste laut lachen. Und vergaß völlig, dass sie vergessen hatte, was sie vergessen hatte. Am Ende der Vorstellung schlief Lise gewohnt ruhig und ungewöhnlich schnell ein. Und so bekam sie nicht mit, dass es aufhörte zu schneien und aus dem Kanaldeckel in der Kanonenstraße ein merkwürdiges Gemurmel bis zum Mond aufstieg, der verschlafen und eine Melodie vor sich hin summend auf Oslo herabblinzelte.

3. Kapitel

Siebenbeinige Spinnen und Apollo 11

Am nächsten Tag in der Schule redeten alle nur von dem Chorwettkampf und für wen sie gestimmt hatten.

»Hallvard Tenoresens Chor«, sagten die einen.

»Für den Chor von Hallvard Tenoresen«, sagten die anderen.

Während der Rest sagte: »Hallvard Tenoresen.«

Die letzte und entscheidende Runde von Kon-CHOR-renz sollte an diesem Abend stattfinden. Das wollte natürlich keiner verpassen, aber am meisten freuten sich alle auf Hallvard Tenoresen.

In der langen Pause saßen die Mädchen auf der Bank im Flur, aßen ihre Butterbrote und unterhielten sich über den langen weich fallenden Pony, der seine blauen, sanften Augen umspielte, und die perfekten Zähne, die wie ein weiß lackierter Lattenzaun seinen Mund zierten.

»Mal im Ernst«, sagte Beatrize, die nicht nur das süßeste Mädchen der Klasse war, sondern auch die Beste in Mathematik, Gymnastik, Akrobatik und im Großen und Ganzen allem anderen, das auf -ik endete. »Ich finde, wir sollten einen eigenen Chor gründen, mit dem wir uns nächstes Jahr zum Wettkampf anmelden.«

Und wie üblich, wenn Beatrize etwas meinte, nickten die anderen Mädchen zustimmend. Alle außer Lise, die ausnahms- und gnädigerweise einen Platz am äußeren Rand der Bank bekommen hatte.

Beatrize warf das lange, blonde Haar über die Schulter und studierte ihre frisch lackierten Fingernägel. »Also, ich bin hundertprozentig sicher, dass wir gewinnen werden. Ich meine, seht uns doch mal an. Wir versprühen Charme und innere Schönheit, dass es kracht.«

Lise verdrehte die Augen, was keins der anderen Mädchen mitbekam. Und hätten sie es mitbekommen, wäre es ihnen egal gewesen.

»Aber wie sollen wir einen Chor gründen, Beatrize?«, fragte eins der Mädchen.

»Ganz einfach«, sagte Beatrize und kontrollierte ihre Haarspitzen. »Wir brauchen nur einen Dirigenten.«

»Und wo sollen wir den hernehmen?«

Über ihren Köpfen ertönte der Ruf: »Dirigent?« Und im gleichen Augenblick kam etwas herabgesegelt und landete mit einem Klatscher auf zwei Schuhsohlen Größe achtundzwanzig direkt vor ihnen. Zwischen den Sommersprossen strahlten zwei Augen und den winzigen Kopf zierte eine quietschorange verrutschte Pudelmütze. »Kein Problem, den Job übernehm ich.«

»Wo kommst du denn her?«, fragte Beatrize.

»Von der Hutablage«, sagte Bulle, knüllte sein Butterbrotpapier zusammen und warf die Kugel in einem perfekten Bogen in den Mülleimer neben Lise. »Wann fange ich an?«

Beatrize verdrehte die Augen. »Glaubst du, wir wollen einen rothaarigen Zwerg als Dirigenten?«

Die anderen Mädchen kicherten.

»Da stimmen ja ganz bestimmt alle für uns«, flüsterte eine.

»Und keiner lacht sich kaputt«, flüsterte eine andere.

»Komplett inaktuell, Knalltüte«, sagte Beatrize.

»In exakt fünf Sekunden läuft das Angebot aus«, sagte Bulle. »Vier, drei … Na, was sagt ihr?«

Die Antwort kam tatsächlich wie von einem Chor: »NEIIIN!!!«

»Bitte schön«, sagte Bulle. »Aber behauptet nicht, ich hätte euch keine Chance gegeben, wenn wir nächstes Jahr gewinnen.«

»Wir?«, fragte Beatrize.

»Jepp«, sagte Bulle.

»Die da wären?«

»Lise, Sopran, und ich, Tenor.«

Die Mädchen lachten hysterisch und Lise guckte sauer.

»Bulle …«, setzte sie an.

»Habt ihr schon einen Namen?«, fragte Beatrize lachend.

»Klaro«, sagte Bulle und malte die Buchstaben in die Luft, wobei er den Namen übertrieben langsam aussprach. »Bulles Ziemlich Harmonischer und Sehr Gemischter Chor.«

»Ha, ha!« Beatrize lachte höhnisch. »Euer Chor besteht nur aus zwei Mitgliedern? Hallvard Tenoresen hat mindestens dreißig!«

»Wer hat zwei gesagt?«, sagte Bulle. »Natürlich sind wir mehr.«

»Und wer, wenn ich fragen darf?«

»Also, da wäre noch Doktor Proktor, Bariton«, sagte Bulle und runzelte eine Augenbraue, als er an den Fingern abzählte, als könnte er sich sonst unmöglich an alle erinnern. »Und … als Altstimme haben wir seine Verlobte, Juliette Margarine. Und dann haben wir noch eine Kastratenstimme, gesungen von Perry.«

»Wer ist Perry?«

»Perry ist eine siebenbeinige peruanische Saugespinne. Die singt so hohe Töne, dass ein unmusikalisches menschliches Ohr nicht in der Lage ist, sie zu hören. Der Wahnsinn, sag ich euch.«

»Pfff«, sagte Beatrize. »Das denkst du dir doch wieder mal aus, Bulle. Das weiß doch jedes Kind, dass es keine siebenbeinigen, peru… peru…«

»Nicht?«, sagte Bulle. »Dann möchte ich euch …«, er riss sich die orange Pudelmütze vom Kopf, »… Perry vorstellen!«

Die Mädchen kreischten. Einige von ihnen so laut, dass ein paar anderen vor Schreck die Butterbrote auf den Boden fielen. Denn dort, auf Bulles Kopf, thronte eine schwarze, o-beinige Spinne. Okay, sie machte keinen ausgesprochen peruanischen, sauglustigen oder sangesfreudigen Eindruck, aber eine Spinne war es zweifelsohne. Und wer sich die Mühe gemacht hätte nachzuzählen, wäre tatsächlich auf sieben Beine gekommen.

»K-kann die wirklich singen?«, stammelte Beatrize.