Beschreibung

Wer mit dem genialen Professor Doktor Proktor in einer Straße wohnt, dem wird es nie langweilig. Diesmal lernen Lise und Bulle eine weitere verrückte Erfindung kennen: die Zeitbadewanne! Man muss nur Wasser einlassen, warten, bis die Zeitseife ordentlich schäumt, dann untertauchen und - wutsch! - befinden sich die beiden Kinder auf einer unglaublichen Reise durch Raum und Zeit.

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EPUB

Seitenzahl: 263


JO NESBØ

Doktor Proktors Zeitbadewanne

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Mit Illustrationen von Per Dybvig

Jo Nesbø, 1960 geboren, arbeitete viele Jahre lang erfolgreich als Broker, aber am bekanntesten ist er als Sänger der ehemals populärsten norwegischen Band »Di Derre« und als Schriftsteller für Kriminalromane. Bereits sein Debütroman wurde zum »Besten skandinavischen Krimi des Jahres« gekürt. Inzwischen ist Jo Nesbø der erfolgreichste Autor Norwegens und in über 20 Ländern mit seinen Büchern vertreten. Doktor Proktors Zeitbadewanne ist sein zweites Kinderbuch.

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Doktor Proktors tidsbadekar bei H. Aschehoug & Co (W. Nygaard), Oslo. Text © Jo Nesbø 2008 Illustrationen © Per Dybvig 2008 Dieses Werk wurde vermittelt durch die Salomonsson Agency, Stora Nygatan 20, 11127 Stockholm

Veröffentlicht als E-Book 2010 © 2009 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel Einband- und Innenillustrationen: Per Dybvig Umschlaggestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80082-X

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1. Kapitel

Eine Postkarte aus Paris

n der Turnhalle herrschte tiefe Stille. Kein Tönchen war zu hören von den zwölf braunen Sprossenwänden, dem alten, mit rissigem Leder bespannten Turnpferd oder den acht grauen, verschlissenen Seilen, die reglos von der Decke herabhingen. Oder von den sechzehn Jungen und Mädchen, den Mitgliedern der schuleigenen Blaskapelle, die jetzt gebannt auf Dirigent Madsen starrten.

»Fertig . . .«, rief Madsen, hob den Taktstock und schielte sie durch die dunklen Gläser seiner Pilotensonnenbrille an. Madsen fürchtete sich schon vor dem ersten Ton, sein Blick suchte hoffnungsvoll nach Bulle. Er wusste, dass die anderen Mitglieder der Schulkapelle seinen rothaarigen Trompeter neckten, weil er so was von winzig war. Anders als sie aber war der kleine Knirps immerhin musikalisch und konnte sie vielleicht retten. Da Madsen Bulle nicht entdeckte, richtete er seinen Blick auf Bulles einzige Freundin – Lise mit der Klarinette. Er wusste, sie war die Einzige in der Schulkapelle, die zu Hause übte. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung.

»Fertig...«

Alle setzten die Instrumente an die Lippen. Es war so still, dass von draußen die Geräusche des warmen Oktobernachmittags zu hören waren: Vogelgezwitscher, ein Rasenmäher und das Lachen spielender Rotzgören. Doch hier in der Turnhalle war es finster. Und es sollte noch finsterer werden.

»Los!«, schrie Madsen und vollführte einen majestätischen Bogen mit seinem Taktstock.

Erst passierte gar nichts und zu hören waren nach wie vor nur Vögel, Rasenmäher und Rotzgören. Dann blökte zaghaft eine Trompete, piepste verhalten eine Klarinette und wummste ein tastender Schlag auf der Pauke. Dann schnarrte die Trommel so überraschend los, dass der Junge am Waldhorn erschrak und sein Instrument einen Pups von sich gab. Ganz weit hinten schnaubte etwas Dickes, das Lise an einen Blauwal erinnerte, der nach einer geschlagenen Woche unter Wasser erstmals wieder an die Oberfläche kommt. Wirkliche Töne waren in all dem Gepruste jedoch noch nicht zu vernehmen und Madsens Gesicht lief bereits rot an, was auf einen baldigen Wutausbruch hindeutete.

»Drei – vier!« Madsen schwang den Taktstock, als wäre der eine Peitsche und die Schulkapelle die Rudersklaven auf einer altrömischen Galeere. »Na los, verflucht noch mal! Spielt! Das soll doch nicht im Ernst die Marseillaise sein! Lasst was hören!«

Aber nichts war zu hören, das der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, auch nur entfernt glich. Die Gesichter vor Madsen starrten verzweifelt in die Noten oder kniffen die Augen zusammen, als ob sie auf dem Klo sitzen und drücken würden.

Madsen gab es auf. Als die Tuba endlich einen tiefen, einsamen Rülpser zustande brachte, ließ er die Arme sinken.

»Stopp, stopp!«, rief Madsen und wartete, dass die Tuba wieder zu Atem kam. »Wenn die Franzosen euch hören würden, würden sie euch zuerst köpfen und dann verbrennen! Erweist der Marseillaise gefälligst Respekt!«

Während Madsen weitermeckerte, lehnte Lise sich zu dem Stuhl neben ihr und flüsterte: »Ich hab Doktor Proktors Karte dabei. Irgendwas stimmt nicht mit der.«

Die Stimme, die ihr antwortete, kam hinter einer verbeulten Trompete hervor: »Wird eine ganz gewöhnliche Postkarte sein, wenn du mich fragst. ›Liebe Lise, lieber Bulle, herzliche Grüße aus Paris, euer Doktor Proktor‹. So in der Art, oder?«

»Nein, ganz...«

»Das ist dann wirklich eine ungewöhnlich gewöhnliche Postkarte, Lise. Merkwürdig ist nur, dass so ein absolut ungewöhnlicher Mensch wie Doktor Proktor eine so gewöhnliche Karte schreibt.«

Madsens dröhnende Stimme unterbrach sie: »Bulle! Bist du hier?«

»Jaaaaaawoll, Herr Hauptmann!«, tönte es hinter der zerbeulten Trompete hervor.

»Hoch mit dir, dass wir dich sehen können!«

»Wird gemacht, Herr Oberkommandeur der lieblich säuselnden Musik und aller Töne des Universums!«

Und ein kleiner, rothaariger Junge mit großen Sommersprossen und breitem Grinsen kam hinter dem Notenständer hervor und hüpfte auf den Stuhl. Übrigens war er nicht nur klein, sondern winzig klein. Und sein Haar war nicht nur rot, sondern ritzeratzerot. Und sein Grinsen war nicht nur breit, sondern es teilte seinen kleinen Kopf fast in zwei Hälften. Und seine Sommersprossen waren nicht nur groß, sondern . . . ach doch, stimmt, sie waren nur groß.

»Spiel uns die Marseillaise vor, Bulle!«, polterte Madsen, »und zwar so, wie es sich gehört!«

»Zu Befehl, Mutter aller Dirigenten und König aller Janitscharenkapellen nördlich der Sahara und östlich der...«

»Lass den Quatsch und spiel!«

Und Bulle spielte. Ein weicher, warmer Ton stieg zur Decke der Turnhalle empor und schwebte aus dem Fenster in den warmen Herbstnachmittag nach draußen, wo die Vögel verstummten, beschämt über ihren eigenen Gesang, als sie diesen Wohlklang hörten. So dachte jedenfalls Lise, während sie ihren Lieblingsnachbarn und besten Freund auf der Trompete seines Großvaters spielen hörte. Lise mochte ihre Klarinette, aber diese Trompete hatte irgendwie etwas Besonderes. Und besonders schwierig zu spielen war sie auch nicht. Bulle hatte ihr beigebracht, ein Stück auf der Trompete zu spielen, nämlich »Ja, wir lieben dieses Land«, die norwegische Nationalhymne. Natürlich spielte sie nicht so gut wie Bulle, aber sie träumte heimlich davon, »Ja, wir lieben dieses Land« eines Tages vor großem Publikum auf der Trompete zu spielen. Welche eine Vorstellung! Doch Vorstellungen sind Vorstellungen und Träume sind nur Träume.

»Gut, Bulle!«, rief Madsen. »Und jetzt noch mal alle mit Bulle zusammen! Eins-zwei-drei-vier!«

Und die Blaskapelle legte los. Rumpelnd, pumpelnd, polternd: Trommeln, Saxofone, Waldhorn, Glockenspiel und Zymbeln; es klang, als ob jemand eine ganze Küche auf den Kopf stellen würde und alles würde aus Schränken und Schubladen zu Boden scheppern. Dann gesellten sich auch noch die Pauke und die Tuba dazu. Die Turn-halle erbebte. Die Sprossenwände klapperten mit den Zähnen, die Kletterseile hingen schräg wie bei Sturm und das riesige Turnpferd hoppelte Zentimeter um Zentimeter auf den Ausgang zu, als wollte es die Flucht ergreifen.

Als sie die Marseillaise endlich durchhatten, war es wieder ganz still. Sowohl in der Turnhalle als auch draußen. Kein Vogelgesang, kein Kinderlachen. Nur der Widerhall des letzten verzweifelten Schlages der Zwillinge Truls und Trym auf die Trommelfelle von Trommeln und Ohren.

»Danke«, stöhnte Madsen. »Ich glaube, das reicht für heute. Die nächste Probe ist am Montag.«

»Doch, mit der Karte stimmt was nicht«, sagte Lise, als sie und Bulle nach Hause in die Kanonenstraße gingen. Es wurde abends schon herbstlich früh dunkel, das gefiel ihnen. Besonders Bulle, der helle Sommernächte eine etwas weniger als mittelgute Erfindung fand. In seinen Augen waren dunkle, warme Herbstabende mit viel Versteckspiel und Äpfeln aus Nachbars Garten eine geniale Erfindung, ja, geradezu in Doktor-Proktor-Qualität. Und für Bulle war der Professor der beste Erfinder der Welt. Zwar meinte der Rest der Welt, Doktor Proktor habe noch nie etwas Brauchbares erfunden, aber was wussten schon die anderen? Wer zum Beispiel hatte das wirksamste Pupspulver der Welt erfunden? Noch wichtiger war natürlich, dass Doktor Proktor den besten Karamellpudding der Welt zubereitete, dass er der beste Freund und Nachbar der Welt war und Bulle und Lise beigebracht hatte, sich nicht weiter darum zu kümmern, dass alle anderen in ihnen dreien nichts sahen als ein jämmerliches Trio, bestehend aus einem Winzling mit roten Koteletten, einem etwas furchtsamen Mädchen mit Zöpfchen und einem überdurchschnittlich verrückten Professor mit verrußter Motorradfahrerbrille.

»Wir wissen nämlich etwas, das die nicht wissen«, sagte Proktor immer. »Wenn Freunde einander versprechen, immer zusammenzuhalten, dann sind eins plus eins plus eins sehr viel mehr als drei.«

Und recht hatte er! Allerdings war der Professor für einen Freund ziemlich schreibfaul. Eine magere Postkarte, mehr hatten sie in den drei Monaten nicht bekommen, seit der Professor sich auf sein Motorrad gesetzt, den Lederhelm festgeschnallt und sich verabschiedet hatte, um nach Paris zu düsen, wild entschlossen, die große Liebe seines Lebens wiederzufinden: Juliette Margarine. Vor vielen, vielen Jahren, als er noch in Frankreich studierte, war sie unter mysteriösen Umständen verschwunden. Lise und Bulle hatten das Foto von Juliette gesehen, das im Labor des Professors hing, ein Foto aus der Zeit, als die beiden noch jung waren. Aber sie wirkten auf dem Foto so glücklich, dass Lise feuchte Augen bekommen hatte. Ja, eigentlich war es sogar Lise, die den Professor überredet hatte, zurückzufahren und sie zu suchen.

»Nein wirklich, mit der stimmt was nicht«, wiederholte Lise und hielt ihm die Karte hin. »Sieh selbst.«

Bulle betrachtete die Postkarte des Professors.

»Hm«, murmelte er. Er blieb unter der nächsten Straßenlaterne stehen und studierte sie eingehend; die Hms, die er dazu von sich gab, klangen alle nachdenklich und intelligent.

»Sie ist aus Paris«, sagte Lise und deutete auf das Schwarz-Weiß-Bild, das offensichtlich an einem bewölkten Morgen aufgenommen war. Es zeigte einen großen, offenen Platz, der seltsam leer wirkte, trotz der vielen umherspazierenden Menschen mit Regenschirmen und Zylinderhüten. Als einziger Hinweis darauf, dass es sich tatsächlich um die weltberühmte französische Hauptstadt handelte, war unten auf die Karte PARIS gedruckt.

»Siehst du dasselbe wie ich?«, fragte Bulle nachdenklich.

»Was denn?«

»Auf dem Platz fehlt irgendwie etwas. Ja, auf dem Bild überhaupt.«

»Vielleicht«, sagte Lise, die verschwommen ahnte, dass Bulle recht hatte, aber nicht genau feststellen konnte, worum es sich handelte.

»Außerdem ist die Karte so wellig . . .«, sagte Bulle und befingerte sie forschend. »Also war sie nass und ist wieder getrocknet. Hast du sie unter der Dusche gelesen?«

»Natürlich nicht«, sagte Lise. »Sie ist so angekommen.«

»Aha!«, rief Bulle und erhob einen kleinen Zeigefinger mit abgekautem Nagel. »Wieder einmal hat Bulles Meistergehirn dem Rätsel auf raffinierte Weise seine unbestreitbare Lösung entrungen. Es hat in Paris auf die Karte geregnet!«

Lise blickte gen Himmel. »Woher willst du das wissen?«

»Ganz einfach, liebe Lise. Der Zustand der Karte zeigt es, eindeutig. Es hat so sehr geregnet, dass der Text vollkommen unlesbar ist. Sieh sie dir selbst an.« Er gab ihr die Karte zurück.

Aber Lise brauchte sie nicht anzusehen, sie hatte das Buchstabendurcheinander schon so oft zu entziffern versucht, dass sie es auswendig konnte. Aber weil du sie noch nicht auswendig kannst, sieh sie dir in aller Ruhe an:

»Ähm, na ja, in Paris regnet es, sonst noch was?«, fragte Bulle und studierte die Reste seiner abgekauten Nägel, um zu prüfen, ob er noch irgendwo zubeißen konnte.

»Aber von ein bisschen Regen kann das doch nicht so ein Kauderwelsch werden«, sagte Lise. »Er hat das genau so geschrieben! Wer sind zum Beispiel Esil und Ellub?«

»Vielleicht hat er vergessen, wie wir heißen?«, vermutete Bulle.

»Nein, in der Anschrift steht Lise Pedersen, völlig korrekt«, sagte Lise.

»Hm«, meinte Bulle, aber es klang nicht mehr so intelligent wie die vorigen Hms.

»Esil, das ist Lise von hinten nach vorn«, sagte Lise.

»Klare Sache«, sagte Bulle und las schnell mal von hinten. Tatsächlich, Esil ergab Lise. »Aber was heißt Ellub?«, fragte er.

»Na rat mal«, stöhnte Lise und verdrehte die Augen.

»Hm... Lise von oben nach unten?«

»Bulle von hinten nach vorn, Mensch!«

»Hehe«, grinste Bulle und zeigte eine Zickzackreihe winziger Zähne. »War nur Quatsch. Ist doch eine klare Sache.« Aber seine Ohrläppchen liefen ein kleines bisschen rot an. »Dann ist das Problem ja gelöst, was jammerst du noch?«

»Die Anrede ist nicht das Problem!«, rief Lise entnervt aus.

»Was denn dann?«

»Na, der Text, Mensch!«

Bulle zuckte mit den Schultern. »Egal was, er wird schreiben, dass es regnet. Sieht man ja an der Karte. Regen im Oktober ist hundsgewöhnlich. Sogar in der Wüste Kalahari regnet es im Oktober. So viel, dass die Wüste unter Wasser steht und das Namibische Rußfleck-Nashorn – ein starrsinniges Viech, das sich weigert, schwim-men zu lernen – unter Wasser steht und bis in den November die Luft anhalten muss. Kein Wunder, dass es auch in Paris ein bisschen feucht wird.«

»Das Namibische Rußfleck-Nashorn?« Lise waren ihre Zweifel anzusehen.

»Jepp«, sagte Bulle. »Wenn du mehr lesen willst, es steht auf Seite 620 in ›TIERE, DENEN DU NIE BEGEGNEN MÖCHTEST‹.«

Lise seufzte. Bulle erwähnte häufig diesen dicken Wälzer, den er von seinem Großvater geerbt hatte. Nur dass weder sie selbst noch sonst jemand dieses sagenumwobene Buch jemals gesehen hatte.

»Und was soll ›Dies Etiv‹ bedeuten?«

»Leicht zu erraten«, sagte Bulle. »Kann nur eine französische Art zu niesen sein. Kein Wunder bei dem Regen. Und der Professor will ein bisschen mit seinen Französischkenntnissen angeben.«

Lise blickte Bulle an, immer noch zweifelnd. »Und ›Rertner‹?«

»Na, da hat er sich verschrieben. Der Professor ist ja schon etwas älter, wahrscheinlich hat er beschlossen, sich in Paris zur Ruhe zu setzen, als Rentner. Ein bisschen Fantasie, Lise.«

»Unfug! Weder ist der Professor im Rentenalter, noch würde er sich so dumm verschreiben!«

»Nein?«, fragte Bulle und kratzte sich an der linken seiner roten Koteletten.

Lise seufzte ratlos. »Ich blicke einfach nicht durch. Man versteht nur jedes zweite Wort, der Rest ergibt überhaupt keinen Sinn!«

Bulle lächelte überlegen. »Klare Sache, du Erbsenhirn, der Professor hat seine Juliette wiedergefunden und ist verliebt wie ein junger Hüpfer. Liebe macht bekanntlich blind, da schreibt man schon mal ein bisschen undeutlich. Dann noch der Regen – kein Wunder, dass kein Mensch das lesen kann.«

»Jetzt reicht’s aber, Bulle«, sagte Lise streng.

Bulle sah sie überrascht an, sagte aber nichts mehr.

»Da steckt was dahinter«, sagte sie.

»Ach ja?«, meinte Bulle. »Und was, bitte schön?«

»Ich weiß nicht, aber wir müssen es herausfinden. Zum Beispiel diese Briefmarke, findest du die nicht seltsam?«

»Nö, eine viereckige Briefmarke mit irgendeinem ernst dreinblickenden alten Kerl, was soll an der sein?«

»Hast du nicht gesehen, was auf der Briefmarke draufsteht?«

»Nein«, musste Bulle zugeben. Lise gab ihm wieder die Karte.

»Felix For«, las Bulle. »Das muss der Name von dem Knilch sein. Und 1888, das war wohl die

Jahreszahl. Bäh!«

»Bäh?«, fragte Lise.

»Ja, eine so alte Briefmarke anlecken müssen, widerlich...«

»Findest du denn, die sieht aus, als wäre sie über hundert Jahre alt?«

Bulle studierte die Briefmarke noch einmal genauer. Und er musste zugeben, dass Lise recht hatte. Abgesehen davon, dass auch die Marke ein paar Regentropfen abbekommen hatte, war sie niegelnagelneu, mit frischen Farben und deutlicher, kein bisschen abgenutzter Zähnung.

»Vielleicht ein Druckfehler?«, überlegte er, wirkte diesmal aber nicht mehr ganz so bombensicher.

»Glaubst du?«, fragte Lise.

Bulle schüttelte den Kopf. »Nein, da steckt was dahinter«, sagte er.

»Alles steht auf dem Kopf«, sagte Lise.

»Hast du nicht eben gesagt, von hinten nach vorne?«, fragte Bulle.

»Hab ich?«, fragte Lise.

»Hast du.«

»Wie genau?«

»Dass das von hinten nach vorn zu lesen ist«, sagte Bulle.

»Ob das was bringt?«, fragte Lise und griff nach der Karte. Sie las noch einmal genau. Und stöhnte entsetzt auf.

»Was denn, was denn?«, fragte Bulle ungeduldig.

»I-ich glaube, der Professor ist in Ge-gefahr«, stammelte sie, auf einmal ganz blass.

»Bist du sicher?«

»Ja«, sagte sie. »Jedes zweite Wort kann man verstehen, die braucht man also nicht rückwärts zu lesen. Aber wenn man sie hintereinanderliest, immer jedes zweite Wort... Hier!«

Und Bulle las. Lies du auch, bitte schön. Und?

...

Fertig?

Ja, diesmal brauchte Bulle nichts zu erfinden. Da stand: DIES – IST – EINE – BOT – SCHAFT – FÜR – EUCH. Aber jedes zweite Wort dazwischen schien Kauderwelsch. War das am Ende die Botschaft?

»Er will uns etwas mitteilen«, sagte Lise. »Aber er hat es verschlüsselt. Das kann nur heißen, dass er sich in Gefahr befindet!«

»Stimmt. Und was bedeuten diese anderen Wörter?«

Lise musterte konzentriert die Karte. Und schaute Bulle mit großen Augen an. »Ich glaube, du hattest doch recht. Momentchen noch...« Wieder wandte sie sich der Karte zu, leise murmelnd. »Rückwärts lesen...mit Französischkenntnissen angeben... Papier und Stift, schnell!«

Mit einem Griff holte Bulle aus seiner Schultasche einen zerknitterten Zettel und einen Bleistiftstummel. Lise fing an zu kritzeln. Stolz hielt sie Bulle den Zettel hin:

»Veux – rentrer – lisez – la – venez – vite«, stand darauf.

»Und was soll das jetzt heißen?«, fragte Bulle. »Ist doch genauso ein Blabla wie vorher.«

»Ich glaube nicht«, sagte Lise. »Lies mal das letzte Wort.«

»Vite«, las Bulle vor und zuckte mit den Schultern.

»Mensch, das ist Französisch!«, rief Lise. »Vite, das heißt schnell! Der Professor ist nicht nur in Gefahr, er ist in großer Gefahr! Es muss schnellstens etwas passieren!«

Jetzt hatte Bulle es auch begriffen. »Ja, und zwar muss passieren, dass wir im Wörterbuch von meiner schrecklichen Schwester nachschlagen, was die Wörter bedeuten!«

Gesagt, getan. Fünf Minuten später hatte Bulle das Französisch-Wörterbuch aus dem Zimmer seiner Schwester stibitzt und nach noch mal fünf Minuten hatten Lise und er die übrigen fünf Wörter übersetzt. Triumphierend hielt Bulle den Zettel hoch, auf dem jetzt neben den französischen Wörtern die Übersetzung stand:

»Siehst du, du musst mich nur machen lassen und schon ist alles geklärt! Hier bitte: Will – zurückkehren – lest – da – kommt – schnell.«

Lise schüttelte den Kopf. »Ich verstehe ›will – zurückkehren‹ und ›kommt – schnell‹, aber was meint er mit ›lest – da‹?«

Bulle zog die Augenbrauen hoch und schaute drein wie einer, der es immer schon gewusst hat. »Hinsehen, liebe Lise, man muss genau hinsehen. Hier, der Pfeil, der führt von ›lest – da‹ zur Briefmarke. Die Karte ist wirklich eine Geheimbotschaft an uns, denn der Professor wusste, dass niemand außer mir das herausfinden würde.«

Zum dritten Mal verdrehte Lise die Augen zum Himmel, aber Bulle tat so, als ob er es nicht bemerkte.

»Lest da – und ein Pfeil zur Briefmarke. Das kann nur bedeuten, dass der Rest unter der Briefmarke steht. Wir müssen sie ablösen.«

»Ich hab doch gesagt, da steckt was dahinter!« Lise sah ihn triumphierend an.

Bulle gab ihr die Karte und meinte selbstzufrieden: »Ist doch wirklich ein Glück, dass ich mit von der Partie bin und verschlüsselte Botschaften lösen kann, was!«

2. Kapitel

In Doktor Proktors Keller

ises Vater, Kommandant der Festung Akershus in Oslo, der Hauptstadt Norwegens, erwachte auf seinem Sofa, den Geschmack von Zeitungspapier und Druckerschwärze im Mund. Wie üblich war er beim Zeitungslesen eingeschlafen und die »Abendpost« war ihm übers Gesicht gesunken. Er schnarchte so laut, dass die Gardinen flatterten und die Seite der »Abendpost« mit der Wettervorhersage bei jedem Einatmen in seinen Mund gesaugt wurde. Er wachte auf, schaute auf die Uhr und seufzte zufrieden, als er sah, dass es ohnehin Zeit war, ins Bett zu gehen. Aber erst noch ein Sandwich mit Hähnchensalat. Oder zwei. Er warf die Zeitung auf den Wohnzimmertisch, wuchtete seinen dicken Bauch über den Rand des Sofas und kam auf diese Weise fast automatisch auf die Beine.

»Ja, hallo«, sagte er, als er in die Küche kam. Lise stand vor der Arbeitsfläche, neben ihr auf einem Stuhl stand Bulle, der winzige Nachbarsjunge von den seltsamen Leuten, die im Mai gegenüber in der Kanonenstraße eingezogen waren. Vor ihnen wackelte der Wasserkocher und spuckte große Mengen Dampf aus.

»Seid ihr nicht ein bisschen zu jung zum Kaffeetrinken?«, fragte der Kommandant gähnend.

»Aye, aye, Signor Comandante«, sagte Bulle, »wir kochen keinen Kaffee.«

Jetzt erst fiel dem Kommandanten auf, dass Bulle den Kippschalter des Wasserkochers gedrückt hielt, sodass das Gerät sich nicht ausschaltete, sondern weiterlief. Und seine Tochter hielt etwas Postkartenähnliches in den aufsteigenden Wasserdampf.

»Was macht ihr da?«

»Geh wieder raus, Papa«, sagte Lise.

»He, ich bin hier der Kommandant!«, sagte der Kommandant. »Was treibt ihr?«

»Bedaure, Signor Comandante«, sagte Bulle, »hier handelt es sich um etwas von höchster Geheimhaltungsstufe, und wenn wir es Ihnen verraten würden, dann wüssten Sie zu viel. Und Sie wissen ja, was man mit Leuten macht, die zu viel wissen, oder?«

»Was denn?«, fragte der Kommandant und stemmte die Hände in die Seiten.

»Man schneidet ihnen die Zunge heraus, damit sie nichts verraten können. Und man schneidet die Finger der rechten Hand ab, damit sie es auch nicht aufschreiben können.«

»Und wenn ich Linkshänder bin?«, wandte der Kommandant ein.

»Das wäre Ihr Pech, dann müssen die linken Finger auch dran glauben.«

»Und wenn ich dann den Stift zwischen die Zehen stecke?«

»Beide Beine ab, kurzer Prozess, Signor Comandante. Tut mir wirklich leid, aber in Geheimdienstkreisen geht es nicht gerade zimperlich zu.«

»Das kann man wohl sagen«, seufzte der Kommandant.

»Aber das alles ist auch für etwas gut«, sagte Bulle. »Ohne Beine kann man den ganzen Winter auf dem Sofa liegen und muss kein einziges Mal Ski laufen, Socken waschen oder Schnürsenkel binden.«

»Das ist wohl wahr«, sagte der Kommandant. »Nur, wenn ich jetzt auf die Idee komme, den Stift zwischen die Lippen zu klemmen? Oder mit den Augen Morsesignale zu zwinkern?« »Es tut mir leid für Sie, dass Sie so etwas sagen, Signor Comandante, jetzt müssen wir Ihnen den Kopf abschneiden, da gibt es kein Pardon.«

Der Kommandant lachte, dass sein großer Bauch nur so wackelte.

»Schluss jetzt mit dem Unsinn, ihr zwei!«, sagte Lise. »Papa, raus mit dir! Das ist ein Befehl!«

Als der Kommandant kopfschüttelnd hinausgegangen war, setzten sich die beiden mit der Postkarte an den Küchentisch und Lise versuchte vorsichtig, die Briefmarke mit einer Pinzette abzuziehen.

»Es klappt!«, rief Lise. »Woher hast du gewusst, dass man mit Wasserdampf Briefmarken abkriegt?«

»Ach, das gehört zum Einmaleins des Detektivs«, sagte Bulle, der trotzdem selbst auch ein wenig überrascht dreinschaute.

»Schau mal, unter der Briefmarke ist etwas geschrieben, aber die Buchstaben sind so klein, dass ich sie nicht lesen kann«, sagte Lise und hielt die Karte unter die Lampe. »Vielleicht kannst du es besser lesen, du bist ja, äh, kleiner?«

»Und was soll das damit zu tun haben?« Bulle zog eine Augenbraue hoch.

Lise zuckte mit den Schultern. »Kleine Menschen kommen mit kleineren Kleidungsgrößen zurecht und brauchen kleinere Autos. Warum sollen sie nicht auch kleinere Schrift lesen können?«

»Lass mal sehen«, sagte Bulle, schnappte sich die Karte und nahm sie blinzelnd in Augenschein.

»Nix«, sagte er und streckte die Hand aus, ohne Lise anzuschauen. »Optische Hilfsmittel, wenn ich bitten darf.«

Lise suchte die Lupe ihrer Mutter aus einer Küchenschublade und platzierte sie in Bulles offener Hand.

»A-ha«, sagte Bulle, als er sah, was da geschrieben stand.

Nämlich dies:

»Ja, klar, verstanden«, murmelte Bulle und führte das Vergrößerungsglas weiter nach unten.

IN PARIS GEHT IHR SOFORT ZUR PENSION POMM FRITT. DORT DANN...

. . .RÜSSE DOKTOR PROKTOR

»He!«, rief Bulle. »Was ist das? Da fehlt was!«

»Vom Regen weggewaschen«, flüsterte Lise atemlos über seiner Schulter. »Steht noch was da?«

Bulle führte die Lupe noch etwas weiter nach unten.

PS: LABORSCHLÜSSEL IN GENIALEM VERSTECK: UNTER FUSSMATTE

»Worauf warten wir noch?«, rief Bulle.

»Auf die Plätze!«, rief Lise.

»Los!«, riefen sie beide im Chor.

Und sie sprangen von ihren Stühlen auf. Lise nahm noch die Taschenlampe ihres Vaters aus der untersten Schublade des Küchenschranks und sie liefen auf die Kanonenstraße hinaus. Dunkelheit und Stille lagen über den Gärten und Holzhäusern. Der Mond schaute neugierig zu, wie sie über den Zaun des kleinsten Hauses mit dem höchsten Gras kletterten. Sie spurteten am Birnbaum vorbei zur Kellertür und hoben dort die Fußmatte an.

Und tatsächlich, im Mondschein glitzerte ein Schlüssel.

Sie steckten ihn ins Schloss der alten, ungestrichenen Tür, und als sie ihn umdrehten, quietschte das Metall warnend.

Sie hielten inne und sahen die Tür an.

»Du zuerst«, flüsterte Lise.

»Kein Problem«, sagte Bulle und schluckte.

Er holte Luft. Dann trat er so feste, wie er nur konnte, gegen die Tür.

Die Scharniere kreischten, als die Tür aufschwang. Kalte, abgestandene Kellerluft waberte ihnen entgegen, über ihren Köpfen flatterte etwas nach draußen und verschwand in der Nacht, etwas, bei dem es sich um einen ungewöhnlich großen Nachtfalter oder eine mittelgroße Fledermaus handeln mochte.

»Uuuuh«, sagte Lise.

»Und buuuuh«, sagte Bulle, schaltete die Taschenlampe an und spazierte hinein.

Lise blickte hinter sich. Sogar der friedliche Birnbaum sah aus, als griffe er mit Hexenfingern nach dem Mond. Sie zog ihre Jacke enger um sich und folgte Bulle eilig.

Aber er war schon verschwunden, alles war nur noch stumme Finsternis.

»Bulle.« Lise flüsterte, denn sie wusste, wenn man laut im Dunkeln sprach, dann hallte es so, dass man sich noch einsamer fühlte.

»Hier drüben«, flüsterte Bulle. Sie folgte seiner Stimme und entdeckte den Lichtkegel der Taschenlampe, der auf etwas an der Wand gerichtet war.

»Hast du die Zeitseife gefunden?«, fragte sie.

»Nein«, sagte Bulle, »aber dafür die größte Spinne auf der nördlichen Erdhalbkugel. Sie hat sieben Beine und hat sich diese Beine schon länger nicht mehr rasiert. Und sie hat ein derart großes Maul, dass man fast die Lippen sehen kann. Schau dir das Biest bloß mal an!«

Lise sah, dass an der Wand eine ziemlich gewöhnliche und nicht mal besonders große Spinne saß. »Eine Siebenbeinige Peruanische Saugespinne, die ist wahnsinnig selten!«, flüsterte Bulle begeistert. »Sie saugt anderen Insekten das Hirn raus.« »Das Hirn?« Lise sah Bulle an. »Ich dachte, Insekten haben keine Gehirne.« »Darum ist die Siebenbeinige Peruanische Saugespinne ja auch so selten«, erklärte Bulle flüsternd. »Sie findet fast nirgends Insekten mit Hirnen.« »Und woher weißt du das alles?«, fragte Lise.

»Steht in...«

»Sag’s nicht«, unterbrach ihn Lise, »in ›TIERE, DENEN DU NIE BEGEGNEN MÖCHTEST‹.«

»Genau«, sagte Bulle. »Also, wenn du die Zeitseife und die Nasenklemmen suchst, versuche ich solange, diese seltene Spinne einzufangen, okay?«

»Wir haben aber nur eine Taschenlampe.«

»Dann mach die Deckenlampe an, Mensch.«

»Die Decken. . .«, setzte Lise an und verdrehte die Augen gen Himmel. »Warum sind wir da nicht gleich draufgekommen?«

»Weil es dann nicht so schön unheimlich gewesen wäre«, sagte Bulle und richtete die Taschenlampe auf den Lichtschalter neben der Tür. Lise drehte ihn herum und in derselben Sekunde war Doktor Proktors Erfinderkeller in weißes Licht gebadet.

Überall Kessel, Dampfdruckkochtöpfe und Eimer, die Regale standen voller Einweckgläser mit verschiedensten geheimnisvollen Pulvern und Chemikalien, Eisenrohre standen neben Glasröhrchen, Reagenzröhrchen und anderen Rohren – und an der Wand lehnte sogar ein altes Gewehr mit einem Eishockeypuck vor der Mündung. Neben diesem Gewehr hing das Foto, das Lise so mochte: der junge Doktor Proktor auf seinem Motorrad in Frankreich. Im Beiwagen saß sie, die schöne Juliette Margarine mit dem langen rotbraunen Haar, die Liebe seines Lebens.

Sie lächelten beide und sahen so glücklich aus, dass es Lise ganz warm ums Herz wurde. In der einzigen anderen Karte, die der Doktor im Juni aus Paris geschickt hatte, stand, dass er ihre Spur gefunden hatte. Ob er mittlerweile wieder mit ihr vereint war?

Lises Blick wanderte weiter durch das Labor und blieb an einem fast leeren Einweckglas hängen, dessen Boden mit etwas Erdbeerrotem bedeckt war. Jedoch nicht dieses Pulver fesselte ihren Blick, sondern das Etikett.

So sah es aus:

Lise nahm das Glas aus dem Regal und ging zu einem großen verrosteten Archivschrank. Sie zog die Schublade auf, die mit »Nicht patentierte Erfindungen« beschriftet war, durchblätterte die Hängeregistratur bis zum Buchstaben F und tatsächlich – hier hing ein vergilbter Aktendeckel, auf dem »Franznasenklemmen« stand.

Sie nahm den Aktendeckel, schüttelte ihn aus und zwei blaue, scheinbar ganz gewöhnliche Nasenklemmen fielen heraus. Aber keine Gebrauchsanweisung. Sie steckte sie in die Jackentasche und rief:

»Ich habe alles! Lass uns verschwinden!«

Sie drehte sich um und stellte fest, dass Bulle auf dem Arbeitstisch stand, den ganzen Arm in einem anderen Weckglas.

»Was machst du da?«

»Ich nehm noch ein bisschen Pupsonautenpulver mit.«

»Bulle! Das Zeug ist lebensgefährlich und absolut gesetzeswidrig!«

»Dann zeig mich doch an«, sagte Bulle. »Außerdem ist Pupsen in normalen Mengen gesund.«

»Normale Mengen? Als du einen Esslöffel von dem Zeug genommen hast, musstest du so pupsen, dass es dich fast in den Weltraum geschleudert hat!«

»Ach, bitte überlasse Übertreibungen mir«, sagte Bulle und ließ eine Handvoll des grünen Pupsonautenpulvers in ein Plastiktütchen rieseln, das er verknotete und in seine Jackentasche steckte. »Ich bin höchstens fünfzig Meter hoch geflogen und das ist nicht besonders hoch, verglichen mit... ähm, dem Eiffelturm zum Beispiel. Du als Mädchen hast keine Gelegenheit zum Pupsen. Ihr bringt ja kaum mal ein Mäusefürzchen zustande.« Bulle ließ einen mittelstarken Pups los.

»Hast du gehört?«, fragte er. »Jetzt du.«

»Pah«, sagte Lise, »ich pupse auch, aber nur, wenn es nötig ist.«

»Verehrtes Fräulein Feinpups«, sagte Bulle, schraubte den Deckel auf das Glas und hopste vom Tisch, »hiermit wette ich eine Tonne extra klebrige Karamellbonbons, dass du NIEMALS einen so lauten Pups zustande bringst, dass er für das menschliche Ohr wahrnehmbar ist. Ordentliches Kraftfurzen überlass uns Jungs.«

»Abwarten und Tee trinken«, sagte Lise.

»Abwarten und genau hinhören, meinst du wohl eher«, sagte Bulle und legte eine Hand hinters Ohr. »Und ich höre... nichts!«

Sie machten das Licht aus, schlossen die Tür ab, legten den Schlüssel zurück unter die Fußmatte, schlichen durch den Garten, blieben unterm Birnbaum stehen und schauten zum Mond.

»Also fahren wir nach Paris«, sagte Lise. »Allein.«

»Zusammen allein«, korrigierte Bulle. »Und es ist nicht so furchtbar weit.«

»Es ist weiter als nach Sarpsborg«, sagte Lise.

»Knapp«, sagte Bulle.

»Ich muss Vater und Mutter um Erlaubnis bitten, sonst kann ich nicht«, sagte Lise.

»Vergiss es«, sagte Bulle. »Das erlauben die nie. Sie werden höchstens sagen, wir sollen die Pariser Polizei benachrichtigen. Und was dann passiert, wissen wir ja.«

»Ach ja?«, fragte Lise, ein wenig verunsichert. »Was denn?«

»Nichts«, sagte Bulle. »Kein Erwachsener glaubt, dass es Doktor Proktors Erfindungen wirklich gibt. ›Zeitseife?‹, werden sie rufen. ›Was für ein Unsinn!‹ Darum hat der Professor uns die Karte geschickt. Er wusste, dass niemand sonst ihm glauben würde, ist doch klar.«

»Vielleicht«, meinte Lise vorsichtig, »aber... aber bist du dir auch ganz sicher, dass wir ihm glauben? Er ist ja nett, aber eigentlich auch ein bisschen...äh, verrückt.«

»Klar bin ich sicher, dass wir ihm glauben«, sagte Bulle. »Und Proktor ist nicht ein bisschen verrückt. Er ist restlos durchgeknallt.«

»Eben«, sagte Lise. »Wie kannst du dann so sicher sein?«

»Klare Sache, liebe Lise. Doktor Proktor ist unser Freund. Und Freunde glauben einander.«

Lise sah lange den Mond an. Und nickte.

»Das«, sagte sie, »ist das Wahrste, das du seit Langem gesagt hast. Also, was machen wir?«

»Morgen ist Freitag. Also pass auf, du gehst nach Hause und sagst, deine Freundin aus Sarpsborg hat dich übers Wochenende eingeladen, du nimmst nach der Schule den Zug und wirst dort von denen abgeholt.«

»Das könnte klappen«, sagte Lise. »Und du?«

»Ich sage zu meiner Mutter, dass ich mit der Blaskapelle auf Konzertreise nach Arvika fahre.«

»Eine Konzertreise? So ganz auf einmal?«

Bulle zuckte mit den Schultern. »Meiner Mutter ist alles egal, die peilt sowieso nichts. Wahrscheinlich ist sie froh, mich für ein paar Tage los zu sein. Morgen packst du ein paar Extras in deine Schultasche, nicht viel, nur ein paar Kleinigkeiten, die mit P anfangen. Pass, Portemonnaie, Pastillen und so. Dann gehen wir zur Schule, als ob alles ganz so wäre wie sonst, ja? Aber nach der Schule fahren wir ins Zentrum zu diesem Uhrenladen...«

»Langfrakks Uhrenladen«, sagte Lise.

»Genau. Wir verkaufen die Briefmarke, nehmen den Bus zum Flughafen, kaufen Tickets für den nächsten Flug nach Paris, gehen an Bord und eins, zwei, fix, sind wir dort.«

Lise kaute auf der Unterlippe und auf dem herum, was Bulle gesagt hatte. Eins, zwei, fix, na ja, dachte sie. Bulle hatte so ein Talent, ziemlich komplizierte Sachen als ganz einfach darzustellen.

»Na?«, fragte Bulle. »Wie sieht’s aus?«

Lise sah auf das Weckglas. Das erdbeerrote Pulver glitzerte so schön geheimnisvoll im Mondlicht. In der Zeit verschwunden? Zeitseife? Zeitbadewanne? Das war doch einfach zu verrückt.