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Wie gehe ich mit Problemen um? Ignoriere ich sie, hoffe darauf, dass sie sich von selbst lösen? Nehme ich den Kampf auf? Lohnt sich ein Kampf überhaupt, wenn man auf verlorenem Posten steht? Wenn der Gegner übermächtig ist? Davon handelt der Roman Dorf der Wolkenmacher, der inzwischen an einigen Schulen zum Unterrichtsstoff gehört. Im Braunkohlerevier leben Marvin und seine Freunde sorglos in den Tag hinein, bis ihr Wald gerodet werden soll. In diesem Moment ändert sich ihr Leben, in diesem Moment beginnt das Erwachsenwerden, denn sie nehmen den Kampf gegen den Industriegiganten auf. Pressestimmen: »...Der Autor Kay Löffler hat mit Dorf der Wolkenmacher einen wichtigen Jugendroman vorgelegt, der ... auch Pflichtlektüre für alle Erwachsenen werden sollte, die in verschiedenen Gremien über die Vernichtung ganzer Regionen entscheiden. Sollte es tatsächlich so etwas wie eine neue Ernsthaftigkeit in der Publizistik geben, dann kommt Kay Löfflers Buch genau zur richtigen Zeit...« (Jürgen Streich in »Aussichten«) »... Ein Roman, der den tiefgreifenden Eingriff der Braunkohletagebaue in unsere Heimat literarisch eindrucksvoll verarbeitet...« (Kölnische Rundschau) »Lesenswert« – BUND / Bund für Umwelt- und Naturschutz, Landesverband Nordrhein-Westfalen.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Kay Löffler
Engelsdorfer Verlag
Impressum eBook
eISBN: 978-3-86901-022-9
Copyright (2007) Engelsdorfer Verlag
Impressum Printausgabe:
Bibliografische Information durch Die Deutsche Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Kay Löffler: Dorf der Wolkenmacher
Überarbeitete Neuauflage
© Kay Löffler, 1997
www.people.freenet.de/kayloeffler
Erstveröffentlichung 2001 im Klaus
Bielefeld Verlag, Friedland
Herzlichen Dank an
Andreas Rumler, Jutta Zöllner, Randy
Hasch
für Eure Mithilfe.
Alle Rechte beim Autor
Coverfoto © Kay Löffler, 2006
www.engelsdorfer-verlag.de
Titelseite
Impressum
Widmung
1. Dreieinhalb Kinder entdecken einen Platz
2. Die Straße am Ende der Welt
3. Vier Kinder, ein Pony, eine Hütte und ein Ausflug
4. Gefahr für die Lichtung
5. Eine geheime Abhöraktion
6. Ein Plan entsteht
7. Kinder gegen Großkonzern
8. Umzug in das Dorf der Wolkenmacher und ein neuer Anfang
Ge
widmet
all den Wäldern,
die schon Vergangenheit sind,
und meinen Kindern, denen die
Zukunft
gehört
Ruhig.
Ruhig lag der Wald, von Stille überzogen, als hüte er ein großes Geheimnis. Doch die Menschen hatten den verborgenen Schatz tief in der Erde schon entdeckt:
Kohle.
Schwarze, gut brennbare Kohle. Und mit Kohle können manche Leute viel Geld machen.
Der Tod schwebte bereits unsichtbar über den Bäumen. In nicht mehr ferner Zukunft würde dieser Wald sterben, würde hier kein einziger Baum mehr stehen. Ein großes, gigantisches Loch sollte alles verschlucken, nichts von dieser Landschaft sollte bleiben. – Nur aufgerissene Erde und Maschinenmonster, soweit das Auge reicht.
Aber bis dahin sollten noch einige Wochen vergehen und davon ahnten die Vier nichts, als sie den schattigen Weg unter den Bäumen entlang kamen. Marvin lief voran. Kein Wunder, er war ja nicht nur der Älteste, sondern auch einer der sportlichsten seiner Klasse und hatte auch die längsten Beine. Bei ihm hatte man immer den Eindruck, er wolle jeden Moment losspurten, rennen und über das Ziel hinaus laufen. Dann kam sein Bruder Manuel, der stets etwas ängstlich und unbeholfen wirkte und nun die Hände tief in den Hosentaschen hatte, als müsse er sie dort vergraben, um nicht ständig herumzufuchteln. Vanessa dagegen wirkte ruhig und besonnen, war zierlich und blond und sah mit ihrer schmalrandigen Brille fast so aus, wie man sich eine Lehrerin vorstellt. Sie lief langsamer hinterher und schob mühsam den Kinderwagen, in dem Laureen seelenruhig schlief. Ständig wollte ihre Schwester dabei sein, bloß nicht bei Mama bleiben. Anfangs, als die Kleine nicht viel mehr war als eine Puppe, hatte Vanessa noch ihren Spaß daran gehabt. Dann begann Laureen zu sprechen, bekam ihren eigenen Willen und ging ihr damit ziemlich »auf den Keks«. Jetzt hatte sie sich daran gewöhnt; letztlich war so eine kleine Schwester fast so gut wie ein Haustier.
Ihre Blicke schweiften nachdenklich von dem Kinderwagen zu Marvin und wieder zurück.
‚Wie ein Ehepaar beim Sonntagsspaziergang’, dachte sie. Manuel stolperte über einen Stein. »Piri-Piri, bleib bei Fuß!«, rief er, als er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
»Ihr habt mir nie erzählt, wieso euer Hund so einen komischen Namen hat«, sagte Vanessa.
Marvin sah dem kleinen, kurzbeinigen Mischlingshund hinterher, wie er vom Weg abwich und zwischen den Bäumen verschwand. »Wir haben ihn aus Portugal mitgebracht. Eigentlich sollte er Piranha heißen, wegen der hervorstehenden Zähne ...« Er zog eine Grimasse, schob den Unterkiefer nach vorne und ließ seine untere Zahnreihe blitzen wie bei jenen gefräßigen Raubfischen aus Südamerika. Alle lachten.
»Aber«, fuhr er fort, »ich konnte das damals noch nicht aussprechen, also gaben wir ihm den Namen von denGrillhähnchen, die es dort gibt. Schmecken lecker, ganz anders als hier.«
Vanessa hatte vor Lachen nicht mehr richtig zugehört.
»Die Hunde schmecken anders als hier?«
»Nein, die Hähnchen. Piri! Bleib hier!«
Manuel nahm einen Stock vom Boden auf. »Piri-Piri?!
Wo steckst du denn?«
Immer noch lag der Wald ruhig da, und niemand gab eine Antwort. Oder doch? War da nicht ein leises Winseln? Hinter der dichten Wand der Nadelbäume?
»Ihr bleibt hier«, befahl Marvin. »Ich seh’ mal nach.«
Der Boden war weich wie Moos, federte unter jedem seiner Schritte. Marvin lief gebückt, trotzdem kratzten kahle Äste über sein Gesicht. Die grünen Zweige begannen erst weit oben und waren kaum zu sehen. Überhaupt wurde es mit jedem Schritt dunkler und irgendwie auch kälter.
»Piri-Piri, du dummer Hund! Komm her!«, rief er, nicht nur um den Hund zu rufen, sondern auch um seine Angst zu verdrängen. Gab es hier wilde Wildschweine? Oder tollwütige Füchse? Giftige Schlangen? Hatten sich hinter den Baumstämmen etwa gefährliche Verbrecher versteckt?
Er drehte sich um, doch die anderen waren nicht mehr zu sehen. Auch die Sonne war verschwunden und der Weg, – ringsum waren nur noch kahle Baumstämme, Äste und Dunkelheit.
»Seid ihr noch da?«, rief er und gab seiner Stimme Festigkeit.
Von ganz fern kam die Antwort:
»Marvin? Wo bist du denn? Hast du den Hund?«
Und plötzlich sah er die Sonne wieder, stand er auf einer Lichtung, so groß wie der Schulhof im Dorf. Ringsum dichte, fast undurchdringliche Fichten; eine davon hatte ein Sturm umgeworfen, sie lag quer über der Wiese, hatte noch einige kleinere Stämme mit sich gerissen. Ihre gewaltigen Wurzeln mitsamt der Erde ragten am Rande der Lichtung auf. Ein kleiner Bach mit kristallklarem Wasser floss leise plätschernd mitten durch die Wiese. Und in diese Lichtung drangen gut sichtbare, warme Sonnenstrahlen. Ein Licht, wie von Engeln gemacht.
»Wow«, sagte Marvin mit aufgerissenem Mund, dann noch einmal: »Wow!«
Er strich mit beiden Händen über den Baumstamm, betrachtete staunend die Wurzeln, die gut zweimal so hoch wie er selbst waren. Es roch nach feuchter Erde und Pilzen.
Piri-Piri lag inmitten der Sonnenstrahlen und sah ihm müde entgegen.
»Da bist du ja!«
Marvin nahm ihn auf den Arm und suchte den Rückweg zu seinen Freunden. Es dauerte länger, verlaufen konnte man sich hier. Dann wurde es wieder heller und er kam auf den Weg zurück. Die anderen standen weit entfernt, kaum noch zu erkennen.
»Hier bin ich!«, rief Marvin. »Kommt her, ich muss euch was zeigen!«
Sie kamen angerannt, jeder in seinem Tempo. Vanessa holperte mit dem Kinderwagen natürlich als letzte über den Weg; Laureen wurde durchgeschüttelt und öffnete verschlafen die Augen.
»Was denn? Hast du was gefunden?!«, rief Manuel.
»Kommt mit. So was Schönes habt ihr noch nicht gesehen!«
Marvin ging voran und zehn Minuten später standen sie allesamt auf der Lichtung. – Ohne Kinderwagen, den hatten sie am Waldrand zurückgelassen.
»Boh«, staunte Vanessa, die Laureen auf dem Arm trug.
»Hier findet uns ja nie einer.«
»Eben«, sagte Marvin. »Das wird unser Stammplatz für die Ferien.«
Manuel sah sich kritisch um, dann funkelten seine Augen. »Wir bauen eine kleine Bude, da an dem alten Stamm ...«
»Und machen Lagerfeuer ...«, fuhr Marvin begeistert fort.
»Bist du verrückt?«, entgegnete Manuel. »Doch kein Feuer mitten im Wald! Aber eine Hütte, ein paar Stühle, wir bauen uns einen Tisch und bringen Spiele mit.«
»Und Bücher ...«, fügte Vanessa hinzu.
»Und was zu essen. Süßigkeiten und so ...«, meinte Marvin.
»Eis«, sagte Laureen, die durch die Lauferei endlich ganz wach geworden war. Sie spuckte ihren Schnuller aus und Marvin gelang es gerade noch, ihn im Flug aufzufangen. Laureens kindliche Stimme ähnelte der von Micky Mouse: »Eiseiseiseis haben! Jetzt! Und Schupslade.«
»Was?«, fragte Marvin. »Was möchtest du haben?«
»Schupslade ich gesagt!«
»Sie meint Schokolade«, erklärte ihre Schwester.
Marvins Blick glitt an einem der hohen Baumstämme entlang. »Den Platz muss ich Rexhina mal zeigen.«
»Wer ist Rexhina?«, fragte Vanessa, in ihrer Stimme lag plötzlich eine Spur von Unfreundlichkeit.
»Hab´ ich im Schwimmbad kennen gelernt«, antwortete Marvin wie beiläufig.
»Pst«, flüsterte Manuel. »Seid mal ruhig. Und bewegt euch nicht.«
Sie verharrten einige Sekunden in Bewegungslosigkeit.
»Was ist denn los?«, wisperte Marvin.
Manuel wies ins Dickicht. An einer Stelle, wo die Bäume nicht ganz so dicht beieinander standen, graste ein junges Reh. Jetzt hatte auch Piri-Piri das Tier entdeckt und begann zu knurren. Das Reh hob erschreckt den Kopf, starrte den Bruchteil einer Sekunde zu ihnen herüber und verschwand dann.
»Ach, du dummer Hund! Jetzt hast du es weggejagt!«, schimpfte Vanessa.
Manuel warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Es ist ohnehin spät, wir müssen zurück. Wo sind wir hergekommen?«
»Da geht’s lang«, zeigte Marvin. »Morgen kommen wir wieder.«
*
Hager wirkte Marvins Vater mit seinen fast zwei Metern. Hager und schlaksig, mit ewig schalkhaftem Mund, aber dunkelbraunen, traurigen, ernsten Augen, als hätte er vor langer Zeit einen schönen Traum verloren. – Vielleicht damals, als er Polizist wurde?
Marvin konnte sich kaum vorstellen, dass dieser Mann in Polizeiuniform auch einmal ein Kind gewesen war. Doch er wusste das ganz genau, denn schon oft hatte er in den alten Fotoalben geblättert und Oma, die letztes Jahr verstorben war, hatte ihm noch öfters davon erzählt.
Marvins Vater verstand sich als Kind nicht besonders gut mit seinem Vater, also Marvins Großvater. Bei seinen Söhnen wollte er alles besser machen: mehr Verständnis wollte er für sie haben, mehr Geduld, mehr Zeit, mehr Taschengeld. Das klappte zumeist ganz gut und so konnte sich Marvin kaum beschweren. Ganz im Gegenteil, er freute sich jeden Tag auf den Moment, in dem sein Vater nach Hause kam. Manchmal lief er ihm entgegen, begleitete ihn die letzten paar hundert Meter von der Bushaltestelle bis zum Haus. Und dann erzählten sie sich die Neuigkeiten des Tages:
»Wir haben einen Superplatz im Wald gefunden«, schwärmte Marvin. »Eine wunderschöne Lichtung, ganz versteckt. Da kommt bestimmt nie ein Mensch hin. Meinst du, wir können da unser Hauptquartier einrichten?«
»Wenn ihr dort nichts anstellt. Ich kann mir den Platz ja mal anschauen, dann sehen wir weiter. Einverstanden?«
»Einverstanden«, antwortete Marvin.
»Weißt du«, fuhr sein Vater fort, »wir trafen uns als Kinder immer am Rande einer Kiesgrube. Unsere Eltern hatten das natürlich verboten, weil es dort zu gefährlich sein sollte. Aber sie haben sich das nicht einmal angeschaut. Obwohl, gefährlich war es schon. Wie leicht hätte etwas einstürzen oder einer ertrinken können.«
»Ich führe dich hin, versprochen. Morgen?«
»Morgen nicht. Vielleicht habe ich ja am Wochenende mal Zeit. Du weißt ja, ich muss wieder zum neuen Haus.«
Das mit den guten Vorsätzen seines Vaters klappte nicht immer. Seitdem sie dieses neue Haus gekauft hatten, fuhr er meistens nach Feierabend auf die Baustelle und kam spät abends abgearbeitet und dreckig nach Hause. Auch für ihr gemeinsames Jiu-Jitsu-Training jeden Dienstag hatte er seit Wochen keine Zeit mehr. Aber das würde ja einmal ein Ende haben; das neue Haus würde irgendwann fertig sein und sie könnten umziehen. Er und sein Bruder hätten jeder ein eigenes Zimmer und Mutter freute sich schon auf ein großes, geräumiges Wohnzimmer mit Kaminecke.
»Wann ziehen wir denn um?«, fragte Marvin.
Vater seufzte: »Hoffentlich bald, dann kehrt endlich wieder Ruhe ein.«
»Und was gibt es Neues bei dir?«, wollte Marvin wissen. »Warst du wieder nur im Streifenwagen unterwegs?«
»Och, war ein ruhiger Tag. Eine Hausdurchsuchung, zwei kleinere Verkehrsunfälle, ein Taschendiebstahl und hinten, an der alten Straße, hat jemand seinen ganzen Müll in den Graben geschmissen. Bretter, alte Fenster, ein Plastikdach und so. – Als ob eine Hütte abgerissen wurde.«
Marvin kannte die alte Straße, auf dem Schulweg kam er daran vorbei. Sie lag vor dem Wald, gut fünf Minuten Fußweg vom Dorf entfernt und führte ... Ja, wohin eigentlich? Nie war einer von ihnen die Straße entlang gegangen. Nie hatten sie ein Auto dorthin fahren sehen. Am Anfang standen Verbotsschilder, und alle Kinder hatten sich immer daran gehalten.
Früher, lange bevor er geboren wurde, lag irgendwo am Ende der alten Straße ein Dorf. Aber dort wohnte niemand mehr, denn das war »weggebaggert«. Darunter konnte sich keines der Kinder so richtig etwas vorstellen. Als kleiner Junge hatte er das schon einmal gehört, und manchmal war er dann des Nachts weinend aufgewacht. Dann hatte er geträumt, dass riesige Bagger plötzlich vor dem Haus standen, ihre Schaufeln öffneten und das Haus mitsamt den Menschen und der gesamten Einrichtung verschlangen. Davor hatte er wochenlang Angst gehabt, doch war das nun so lange her, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte.
»Da bin ich doch heute vorbeigekommen, habe aber gar nichts gesehen«, sagte Marvin.
»Nein, nicht an der Straßensperre«, erklärte sein Vater. »Noch einen Kilometer weiter. Kurz vor dem Loch.«
»Was denn für ein Loch?«
»Na das vom Tagebau. Wo sie die Kohle aus der Erde holen.«
»Kann ich das mal sehen?«
»Da darfst du doch nicht hin. Aber es gibt jetzt einen neuen Aussichtspunkt. Vielleicht könnt ihr ja mal mit Mama dahin, während ich auf der Baustelle bin. Wäre doch was für einen kleinen Fahrradausflug, was meinst du?«
Sie hatten das Haus erreicht und zogen sich im Flur die Schuhe aus. Manuel saß schon am Küchentisch; Mutter, eine zierliche Frau mit braunen, streichholzkurzen Haaren, blauen Augen und Stupsnase, stellte gerade Gläser darauf.
»Mama, wir machen einen Ausflug mit dem Fahrrad. – Manuel, Vanessa, du und ich«, berichtete Marvin.
»Davon weiß ich ja noch gar nichts«, erwiderte sie erstaunt.
»Jetzt weißt du es aber«, antwortete Marvin lachend. »Einstimmig beschlossen.«
»Einstimmig?«, wiederholte sie. »Wieso einstimmig?«
»Na, ich habe doch nur eine Stimme«, entgegnete Marvin.
Sie lächelte. »Ja, das stimmt. Du hast nur eine Stimme. Aber die ist manchmal ganz schön laut.«
*
Der Autofahrer warf nicht einmal einen Blick auf die Geschwindigkeitsschilder. Ohne vom Gas zu gehen raste er weiter, bis ihn ein gleißendes Blitzlicht blendete. In einer sinnlosen Reaktion trat er nun abrupt auf die Bremse und bemerkte im selben Moment zwischen den am Straßenrand parkenden Fahrzeugen einen Schatten. Im Rückspiegel sah er dann einen kleinen, kurzbeinigen Jungen mit umgehängtem Fotoapparat, der sich vor Lachen den pummeligen Bauch hielt.
»Na warte«, fluchte der Mann und hielt mit kreischenden Bremsen. Doch der Junge gab Fersengeld und war verschwunden, bevor die Fahrertür aufgerissen wurde.
