Dornentod - Mareike Albracht - E-Book

Dornentod E-Book

Mareike Albracht

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  • Herausgeber: Midnight
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2016
Beschreibung

Ein unmögliches Verbrechen - Ein neuer Fall für Anne Kirsch Ein unmögliches Verbrechen Kommissarin Anne Kirsch ist sauer: Anstatt befördert zu werden, wird sie ihrem verhassten Kollegen Janitzki unterstellt. Gemeinsam sollen sie den Tod einer jungen Studentin untersuchen, die von ihrem Balkon gestürzt ist. War es Mord? Anne findet schnell heraus, dass die Studentin kurz vor ihrem Tod ihre Beziehung mit Rainer Dorn, einem Insassen der forensischen Psychiatrie, beendet hatte. Alles deutet auf Dorn als Täter hin. Doch wie kann das sein, sitzt er doch in der geschlossenen Abteilung ein? Auch die junge Lehrerin Pia Berger fühlt sich verfolgt und ist sich sicher: Es muss Rainer Dorn sein, mit dem sie vor Jahren eine Liebesbeziehung hatte. Anne Kirsch muss rasch handeln, denn schon bald stehen mehrere Menschenleben auf dem Spiel. Von Mareike Albracht sind bei Midnight in der "Ein-Fall-für-Anne-Kirsch"-Reihe erschienen:  Katz und Mord  Dornentod Erzähl mir vom Tod Mordskälte

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Die AutorinMareike Albracht wurde 1982 geboren. Die ausgebildete Diplom-Finanzwirtin ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie im Sauerland. Dort beschloss sie, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen und ihre Liebe zur Heimat mit ihrer Leidenschaft für das Schreiben zu kombinieren. 2016 belegte sie den dritten Platz auf der Shortlist des Krimi-Stipendiums der Mörderischen Schwestern.

Das Buch

Ein unmögliches Verbrechen - Ein neuer Fall für Anne KirschEin unmögliches Verbrechen Kommissarin Anne Kirsch ist sauer: Anstatt befördert zu werden, wird sie ihrem verhassten Kollegen Janitzki unterstellt. Gemeinsam sollen sie den Tod einer jungen Studentin untersuchen, die von ihrem Balkon gestürzt ist. War es Mord? Anne findet schnell heraus, dass die Studentin kurz vor ihrem Tod ihre Beziehung mit Rainer Dorn, einem Insassen der forensischen Psychiatrie, beendet hatte. Alles deutet auf Dorn als Täter hin. Doch wie kann das sein, sitzt er doch in der geschlossenen Abteilung ein? Auch die junge Lehrerin Pia Berger fühlt sich verfolgt und ist sich sicher: Es muss Rainer Dorn sein, mit dem sie vor Jahren eine Liebesbeziehung hatte. Anne Kirsch muss rasch handeln, denn schon bald stehen mehrere Menschenleben auf dem Spiel. Von Mareike Albracht sind bei Midnight in der »Ein-Fall-für-Anne-Kirsch«-Reihe erschienen: Katz und Mord DornentodErzähl mir vom Tod

Mareike Albracht

Dornentod

Der zweite Fall für Anne Kirsch

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.   Originalausgabe bei Midnight. Midnight ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin August 2016 (2) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016 Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © Erich Latzelsberger ISBN 978-3-95819-081-8  Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Kapitel 1

Mittwoch, 23. November

Pia summte die Melodie des Schneeflöckchenliedes vor sich hin, während sie mit Frau Gockel die Stühle hochstellte. Es war die Klavierversion von Edvard Griegs Morgenstimmung. Pia hatte sich für ihre Klasse dazu eine Tanzchoreographie ausgedacht und eben hatten sie das letzte Mal mit den Kindern für den Weihnachtsmarkt geprobt. Dieses Jahr würden sie in Marsberg auftreten. Obwohl im Sauerland beinahe jedes Dorf einen Weihnachtsmarkt veranstaltet, hatten sie dieses Jahr in Westheim keinen eigenen.

»Die Aufführung wird wunderbar«, bemerkte Frau Gockel, »Sie haben ein Händchen dafür. Ich könnte mir vorstellen, so etwas dauerhaft anzubieten. Eine kleine Theater-AG, klassenübergreifend. Was halten Sie davon?«

Pia spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Ein Lob von der Direktorin, die wegen ihrer Strenge und ihrer silbergrauen Haare auch gerne »Eiserne Lady« genannt wurde, war keine Kleinigkeit.

»Das hört sich gut an«, erwiderte sie. »Ich habe schon einige Ideen.«

»Bestimmt haben Sie das.« Frau Gockel stellte den letzten der Stühle hoch. Ihr schwarzer Bleistiftrock, die klobigen Schuhe und die dunkle Strumpfhose ließen sie wie eine Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert erscheinen. Und nicht nur ihrer Kleidung nach kam sie aus einer anderen Zeit. Pia hatte Frau Gockel sich einige Male beklagen hören, dass die Disziplin bei den Kindern, aber auch beim Lehrkörper nachließ.

»Ein schönes Wochenende, Frau Berger. Ich sehe, dass Sie engagiert sind, und ich halte Sie für eine Bereicherung für diese Schule.« Die Direktorin reichte ihr die Hand und hielt sie fest. Der Blick ihrer eisblauen Augen war durchdringend. Pia kämpfte gegen den Impuls an, wegzusehen.

»Sie sollten versuchen, sich den Kollegen mehr zu öffnen.«

Pia spürte einen Kloß in ihrem Hals und wünschte sich, dass die Direktorin ihre Hand losließe. »Ich will versuchen, Ihren Rat zu beherzigen.«

»Sie sollten in den Pausen öfter ins Lehrerzimmer kommen. Natürlich nur, wenn Sie keine Pausenaufsicht haben. Sie sind jetzt seit einem halben Jahr hier und viele Kollegen kennen nicht mehr als Ihren Namen.«

Pia nickte nervös. Sie nutzte die Pausen oft, um auf die Fragen einzelner Schüler einzugehen oder um sich auf die nächste Stunde vorzubereiten. Und wenn sie ehrlich war, hatte sie das Lehrerzimmer gemieden, weil sie Small Talk hasste und auch nicht gut darin war.

Frau Gockel ging, und Pia zog sich eine Mütze über die dünnen, flachsblonden Haare und streifte ihren Wintermantel über. Dann trat sie auf den Pausenhof hinaus.

Heute war der Himmel grau und kein einziger Sonnenstrahl brach durch die dichte Wolkendecke. Reste des Herbstlaubes hingen nass von den Bäumen. Es war bereits winterlich kalt im Sauerland.

Dessen ungeachtet tollten die Schulkinder draußen herum. Einige hatten Laub zu einem Haufen aufgeschichtet und eine andere Gruppe spielte Kettenfangen.

Pia winkte zwei Jungen aus ihrer Klasse zum Abschied zu. Sie liebte die Arbeit hier, vor allem mit den jüngeren Klassen. Kinder nahmen einen so, wie man vor ihnen stand, und das jeden Tag aufs Neue.

»Frau Berger!« rief eine Mädchenstimme hinter ihr.

Pia musste lächeln, als sie Kristin sah, die ihr etwas mit behandschuhten Händen entgegenstreckte. Ihre Nase war ein leuchtend roter Punkt in ihrem Gesicht.

Pia nahm den Stern aus Transparentpapier entgegen. Als sie ihn in die Höhe hielt, funkelte er in verschiedenen Farben, obwohl kein einziger Sonnenstrahl hindurchschien. Grün, Rot und Violett.

»Toll. Habt ihr den Stern im Kunstunterricht gebastelt?«

Das Mädchen nickte eifrig. »Ich schenke ihn dir.«

Pia bedankte sich gerührt. Mit der Bastelei in der Hand verließ sie den Pausenhof der Katholischen Grundschule Westheim und bog in eine Seitenstraße ein, in der sie ihren Polo geparkt hatte.

Die Straße war menschenleer. Pia schritt rasch voran. Ihr Blick schweifte über die Fenster der angrenzenden Häuser und glitt über die parkenden Autos. Leider war der Lehrerparkplatz heute Morgen überfüllt gewesen und sie hatte hierher ausweichen müssen.

Immer, wenn sie das Schulgelände verließ, hatte sie das Gefühl, aus einer Art Schutzzone herauszutreten. Sie dachte an den weißen Lieferwagen, der vor einigen Wochen mehrmals an der Schule vorübergefahren war. Er hatte die Pausenaufsicht derart beunruhigt, dass sie die Polizei informiert hatte. Später kam heraus, dass der Fahrer lediglich auf der Suche nach einer Adresse gewesen war, aber bei Pia hatte diese Begebenheit einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Die Schule bedeutete Sicherheit.

Sie beschleunigte ihre Schritte. Dabei lauschte sie dem dumpfen Geräusch, das ihre Schuhe auf dem nassen Bürgersteig machten. Als sie ihren Wagen erreichte, sah sie sich prüfend nach allen Seiten um. Sie ging um den Polo herum, stellte fest, dass nichts unter dem Scheibenwischer klemmte oder in den Türgriffen steckte. Dann erst stieg sie ein und schaltete die Scheinwerfer an, obwohl es helllichter Tag war.

Während der Fahrt dachte sie daran, dass nächste Woche ihr erster Elternsprechtag stattfinden würde, und spürte ein nervöses Ziehen im Bauch. Die meisten Kinder bereiteten ihr keine Probleme, doch es gab drei in ihrer Klasse, die so gut wie nie ihre Hausaufgaben erledigten. Sie zeigten große Defizite beim Lesen. Wie sagte man so etwas den Eltern?

Pia dachte darüber nach, krank zu werden und schüttelte seufzend den Kopf. Den Elternsprechtag würde sie nachholen müssen.

Das schaffst du! Sie fasste das Lenkrad fester. Du wolltest unbedingt Lehrerin werden. Du hast das Studium in Münster geschafft, du wirst auch das schaffen.

Vorbei an kahlen Baumgruppen und dunklen Fichten, deren tropfnasse Äste schwermütig herabhingen, folgte sie der B7 in Richtung Marsberg. November im Sauerland. Der goldene Herbst war vorüber und das gesellschaftliche Leben in den Dörfern, das durch Straßenfeste, Arbeitseinsätze, Wandertage und Ausflüge bestimmt wurde, kam zum Erliegen. Wer die Möglichkeit dazu hatte, blieb im Haus und betrachtete das schmutzige Wetter von der Behaglichkeit der eigenen vier Wände aus. Es ist als würde eine ganze Region Winterschlaf machen.

Je näher sie ihrer Wohnung kam, desto stärker wurde ihre Unruhe. Bald grenzte sie an Angst.

Sie musste daran denken, wie ihr Bruder sie als Kind erschreckt hatte. Es war kurz vor Halloween gewesen. Johannes, damals 13, wollte auf seine erste Übernachtungsparty gehen. Das Motto: Zombies und andere Monster. Jeder sollte in einem Kostüm erscheinen und Johannes hatte sich von seinem Taschengeld eine schaurige Maske gekauft, ein grinsendes Gesicht mit einem zerstörten Kiefer.

Als er sie voller Stolz zu Hause präsentierte, war Pia zwischen Ekel und Faszination hin- und hergerissen.

»Huuuuuu«, machte er, »Ich bin das Monster von Beeeeringhausen.«

Die letzten Tage vor Halloween war Johannes aufgedreht und konnte es bis zur Party kaum erwarten.

In einer Nacht wurde Pia von einem Kratzen wach. Es klang, als würden Fingernägel über Holz schaben. Pia schlug die Augen auf. Ihr Zimmer war in Dunkelheit getaucht.

Das Kratzen war ganz nah. Lange Krallen, dachte Pia. Sie fuhren über Holz, hin und her. Das Geräusch kam von unten. Etwas lag unter ihrem Bett.

Ihr war, als erstarrte die Zeit. Sie konnte sich nicht bewegen, wagte nicht einmal zu atmen. Dann hörte sie ein schleifendes Geräusch und wusste, dass das Monster herauskam.

Mit weit aufgerissenen Augen blickte Pia geradeaus. Sie wollte die Hand zum Schalter ihrer Nachttischlampe ausstrecken. Gleichzeitig fürchtete sie sich davor, was sie sehen würde.

Etwas packte ihr Handgelenk. Im selben Moment ging das Licht an und sie starrte auf die Zombiefratze neben ihrem Bett. Der Anblick brannte sich in ihre Netzhaut ein. Von gellenden Schreien aufgescheucht, kamen ihre Eltern herbeigerannt.

Der Vater war außer sich und Johannes bekam von ihm die erste Ohrfeige seines Lebens. Die Mutter nahm Pia in die Arme, strich ihr über den Kopf und murmelte, es sei nur ihr dummer Bruder.

Es war das erste Mal, dass Pia diese lähmende Angst gespürt hatte. Eine Angst, die jeden rationalen Gedanken ausschaltet.

Ihre Wohnung lag in der Innenstadt von Marsberg über einem kleinen Nähladen. Pia hielt auf einem Parkplatz in der Nähe und stieg aus dem Wagen.

Kalte Luft schlug ihr entgegen. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Schwere, mit Schnee vermischte Tropfen klatschten auf die Erde. Der Boden war bereits mit Pfützen bedeckt. Pia zog die Schultern hoch und lief mit gesenktem Kopf über den Parkplatz.

Sie bog in die Hauptstraße ein und eilte an der Volksbank vorbei. Obwohl es Freitagmittag war, wirkte die Innenstadt verlassen. Die Touristenströme, die im Winter ins Sauerland kamen, konzentrierten sich auf die Skigebiete Willingen und Winterberg. Bestimmt warteten die Gastronomen und Liftbetreiber dort schon sehnsüchtig auf den ersten Schnee.

Pia warf einen Blick in das leerstehende Geschäft, wo vor Monaten noch eine Bäckerei gewesen war. Jetzt sah sie nur nackte Fliesen und die verwaiste Theke. Im Schaufenster klebte ein Zettel mit blauen, hoffnungsvollen Buchstaben: »Zu vermieten«.

Ein junges Paar hastete Arm in Arm über die Straße. Pia kam an einer Trinkhalle vorüber, durch dessen dunkelgrüne Fenster man nicht ins Innere blicken konnte. Dann sah sie plötzlich Rainer.

Er stand in einer Seitenstraße schräg gegenüber ihrer Wohnung, hatte die Arme über der Brust verschränkt und rauchte eine Zigarette. Sein Gesicht war abgewandt und eine Mütze bedeckte seinen Kopf, doch Pia erkannte ihn an der Art, wie er dastand.

Eine Welle der Panik erfasste sie. Ihr Herz klopfte und sie beschleunigte ihre Schritte und tastete nach dem Schlüssel in ihrer Jackentasche.

Als sie die Haustür erreichte, ging ihr Atem kurz und schnell. Sie spürte einen Schmerz in der Brust und ein Gefühl von Enge, als wäre dort nicht genügend Platz.

Obwohl sie sich nicht umblickte, war ihr überdeutlich bewusst, dass Rainer sie von seinem Platz aus sehen konnte. Keine Sekunde lang glaubte sie, dass ihre Begegnung Zufall war. Nein, er beobachtete sie. Und er wollte, dass sie es bemerkte. Er wollte ihr zeigen, dass er zurück in ihrem Leben war. Dass sie sich nicht mehr vor ihm verstecken konnte.

Pias Finger zitterten, als sie versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Sie biss sich auf die Lippen und hoffte, dass der Schmerz sie beruhigen würde. Dann hörte sie Schritte hinter sich.

Endlich ließ sich der Schlüssel drehen. Pia öffnete die Haustür und stolperte hinein.

»Frau Berger? Ein Paket für Sie.«

Hinter ihr stand der Postbote. Sie konnte riechen, dass er Zwiebeln gegessen hatte. Seine blonden Bartstoppeln waren lang geworden und lockten sich bereits. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Post immer persönlich abzugeben, statt sie in den Briefkasten zu werfen. Pia nervte das, aber sie brachte es nicht fertig, ihm das zu sagen. Außerdem stand er immer ein wenig zu nah.

Sie hielt die Luft an, während sie auf dem Empfangsgerät unterschrieb. Ein Blick über seine Schulter zeigte ihr, dass Rainer verschwunden war.

Dann klemmte sie sich das Paket, das einige Bücher enthielt, die sie bestellt hatte, unter den Arm und stieg die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Sie trat ein, schloss die Tür ab und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

Wieder hatte sie dieses seltsame Gefühl, das sie seit einigen Wochen verfolgte: Jemand war hier gewesen.

Pia ließ den Blick über den akkurat aufgeräumten Wohnbereich schweifen. Die Garderobenhaken waren leer, die Kissen auf ihrem blassgrünen Sofa paarweise angeordnet. Darüber hingen zwei Bilder der grönländischen Tundra mit weißen Gletschern im Hintergrund. Der kleine Läufer auf dem Boden lag parallel zur Wand. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt breit offen.

Pia spürte, dass ihr Herz schneller schlug. Die Tür war geschlossen gewesen, dessen war sie sich sicher. Sie schloss immer alle Türen.

Als sie sich der Tür näherte, fühlten sich ihre Füße wie Fremdkörper an.

»Er ist nicht hier«, flüsterte sie fast unhörbar. »Er ist nicht hier.«

Pia streckte die Hand aus, umfasste die Klinke und ließ die Tür langsam aufschwingen.

Das Schlafzimmer war leer.

Mit angezogenen Knien saß Pia auf dem Sofa und starrte ihr Samsung Galaxy an. Ihr letzter Anruf lag schon eine lange Zeit zurück, trotzdem kannte sie die Nummer noch auswendig.

Es kostete Überwindung, aber sie wählte die Marsberger Vorwahl und dann die Rufnummer der Zentrale der Kliniken vom Landesverband Sauer- und Siegerland, kurz LSS. Sie bat darum, mit der Maßregelvollzugsklinik verbunden zu werden.

»Forensische Psychiatrie, Schwester Sonja«, meldete sich eine freundliche Stimme.

»Guten Tag, mein Name ist Pia Berger. Ich möchte Dr. Kortmann sprechen.« Sie zögerte. Obwohl es nahezu unmöglich war, rechnete sie damit, dass die Schwester sie erkennen würde, doch die Stimme blieb unverbindlich.

»Dr. Kortmann ist heute nicht im Haus. Worum geht es denn?«

»Ich muss ihn sprechen.« Pia zögerte. Warum hatte sie sich nicht besser vorbereitet?

»Sind Sie eine Patientin?«

Plötzlich sah Pia vor sich, wie die Schwester am Computer nach ihren Daten suchte. Warum hatte sie nur ihren richtigen Namen gesagt?

»Nein«, antwortete sie schnell und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Rainer Dorn war bei mir. Ich habe ihn gesehen. Welche Lockerungsstufe hat er? Hat er unbegleiteten Ausgang?«

Sie wusste, dass sie einen Fehler beging, konnte aber nicht mehr aufhören. Ihre Stimme klang schrill in ihren Ohren.

»Darüber darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben«, sagte die Schwester kühl.

Dann wurde ihre Stimme freundlicher: »Ich sage Dr. Kortmann, dass Sie angerufen haben. Oder möchten Sie jetzt einen Termin bei ihm vereinbaren?«

»Nein«, flüsterte Pia.

»Ich bin sicher, der Doktor wird sich bei Ihnen melden.«

»Weow weow«, hauchte JJ ins Mikrofon. Und als die ersten Takte von Jon Bon Jovis It’s My Life erklangen, sprang er in die Höhe und wirbelte seine Luftgitarre herum. Er trug eine hautenge Hose, die nicht viel der Phantasie überließ, und seine schütteren blonden Haare glänzten im Scheinwerferlicht.

»Das ist für euch, Ladies!«, brüllte er in einer kurzen Textpause und warf dem Publikum eine Kusshand zu.

»Mein Gott, wie peinlich«, stöhnte Oberkommissarin Anne Kirsch und duckte sich hinter ihr Bierglas.

Ulrike Peters steckte zwei fleischige Finger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen. »JJ! Wow!« Dann warf sie Anne einen Seitenblick zu. »Ich finde es super.«

Anne lächelte gequält. Sie begriff, dass sie von Ulrike keine Hilfe erwarten konnte, und zog eine Grimasse in Thorsten Seidels Richtung, doch der unterhielt sich mit seinem Freund Holger über Fußball und schien gar nicht wahrzunehmen, was dort unten auf der Bühne geschah.

Konnte es noch schlimmer kommen? Janitzki in einer Karaokebar?

Anne nahm einen großen Schluck von ihrem Bier und beobachtete genervt die zuckende Gestalt ihres Kollegen. Sein Fuß wippte, während er mit seinem Zeigefinger einen Kreis beschrieb. Er zeigte auf die Frauen in der ersten Reihe. Diese hatten schon einige alkoholische Getränke konsumiert und ließen sich mit johlendem Gekreische auf seine Showeinlagen ein.

»JJ sorgt für Stimmung.« Ulrike bewegte die Schultern im Takt der Musik und hatte ihr rundes Gesicht zu einem glückseligen Lächeln verzogen.

Sie hatte sich gewünscht, ihren vierzigsten Geburtstag mit ihren Kollegen in einer Karaokebar zu feiern. Anne war der Meinung gewesen, alle Kneipen der Dortmunder Innenstadt zu kennen, aber heute Abend erlebte sie etwas, das sie sich in ihren kühnsten Albträumen nicht hätte vorstellen können.

Janitzki sang sein drittes Lied. Er hatte seinen Auftritt mit Ulrikes Lieblingsband, Roxette, begonnen. Jetzt schien es, als wolle er gar nicht mehr aufhören.

Die Frauen der ersten Reihe bejubelten ihn wie einen Rockstar und er suhlte sich in ihrer Aufmerksamkeit. Anne verabscheute sein selbstverliebtes Grinsen. Den sonnenbankgebräunten Teint. Sein halb aufgeknöpftes Hemd. Als er sich umdrehte und den Hintern kreisen ließ, musste sie den Blick abwenden. Ging es noch schlimmer?

»Jetzt mach nicht so ein Gesicht«, hielt Ulrike ihr vor. »Ich möchte heute Abend Spaß mit euch haben.«

»Eigentlich singt er gar nicht so schlecht«, bemerkte Holger grinsend. Das Fußballthema schien ausdiskutiert zu sein. Er winkte der Bedienung. »Gibt’s hier auch was zu essen? Mein Kühlschrank ist leer.«

Und dein Kleiderschrank wohl auch, dachte Anne. Der rothaarige Kriminaltechniker trug dasselbe Hemd schon seit drei Tagen, aber das war nichts Ungewöhnliches für ihn. Er brauchte dringend eine Freundin. Und eine Bürste wäre auch nicht schlecht.

»Macht euch noch einen schönen Abend«, sagte Thorsten und erhob sich. »Danke für die Einladung, Ulrike.«

»Du willst schon gehen?«, rief sie enttäuscht, machte Anstalten aufzustehen, ließ es dann aber sein und breitete einfach die Arme aus. Thorsten musste sich zu ihr herunterbücken und bekam einen dicken Schmatzer auf die Wange.

»Das wollte ich schon immer mal tun, Herr Hauptkommissar.«

Thorsten Seidel wünschte ihr noch einmal alles Gute zum Geburtstag und richtete sich zu seiner beachtlichen Länge von 1,90 Meter auf. Er lächelte, doch Anne fand, dass er irgendwie bedrückt aussah. Dann verließ er die Karaokebar.

»Was ist los mit ihm?«, fragte sie Holger, doch der zuckte nur mit den Schultern.

»Vielleicht hat er seine Tage.«

»Sagenhaft!«, rief Ulrike begeistert, als sich Janitzki verbeugte. Sie hakte ihren warmen Arm bei Anne unter. »Singen wir beide etwas zusammen?«

»Großer Gott, nein!«, wollte Anne rufen, brachte aber nur ein »Gr …« heraus, da Ulrike mit erstaunlicher Beweglichkeit aufgesprungen war und sie in Richtung Bühne zerrte.

»Komm schon, alleine trau’ ich mich nicht.« Sie verfügte über erstaunliche Kraft.

Anne fühlte sich mit einem Mal erschreckend nüchtern, und noch erschreckender war für sie die Tatsache, dass sie überhaupt nicht singen konnte.

Ihr Protest prallte an Ulrikes breitem Rücken ab wie an einer schallgedämpften Mauer. Die dicke Frau drehte sich zu Anne um und schrie über den Lärm hinweg: »Was singen wir? Friends Will Be Friends?«

Die ersten Takte des Songs erklangen. Anne blinzelte ins Scheinwerferlicht. Dort, hinter unzähligen Augenpaaren, saß Janitzki mit seiner blonden Föhnfrisur. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen, nippte an seinem Cocktail und beobachtete amüsiert, wie sie sich bis auf die Knochen blamierte.

Anne rieb sich langsam mit den Zeigefingern über die Schläfen. Sie stand im Büro von Kriminaldirektor Oberan im Dortmunder Polizeipräsidium und wünschte sich zurück in ihr Bett.

Heute Morgen war sie mit bohrenden Kopfschmerzen aufgewacht, die einfach nicht nachlassen wollten. Nach dem gemeinsamen Auftritt mit Ulrike hatte Anne das Gefühl gehabt, einen Schnaps nötig zu haben. Dann war alles zusammengekommen: Holgers unberührter Jägermeister, Ulrike, die dem Kollegen Janitzki in die Arme fiel und eine Runde Cocktails bestellte. Und dann noch eine. Und noch eine.

Bei dem Gedanken daran überkam Anne ein Anflug von Übelkeit.

Es klopfte. Ulrike trat ein und Anne wurde von einem leuchtend roten Hosenanzug geblendet, der an ihrer massigen Gestalt wie ein überdimensionales Stoppschild aussah. Ulrike grüßte gut gelaunt, stellte sich neben Anne und knuffte sie in die Seite.

»War ein super Abend gestern.« Offenbar ging es ihr blendend.

Oberan warf einen Blick in die Runde. Er hatte an diesem Morgen ein Treffen aller Kollegen vom Dortmunder Kriminalkommissariat 11 einberufen, das für Todesermittlungen, Branddelikte und Vermisste zuständig war. Untypischerweise trug er heute Krawatte. Sein Hemd steckte in der Hose und spannte über seinem vorgewölbten Bauch.

»Wo ist Janitzki?«

»Er ist noch auf der Toilette«, erwiderte Thorsten Seidel ohne jede Wertung in der Stimme.

Wahrscheinlich bringt er seine Haare in Form, vermutete Anne böse. Kein Kollege verbrachte so viel Zeit auf der Toilette wie Janitzki.

Als JJ endlich kam und an Anne vorbeischritt, roch sie die Wolke des Herrenduftes, der ihn umgab. Er hatte den Hemdkragen seines Lacoste-Shirts aufgestellt und seine Zähne blitzten, als er lächelte. Anne unterdrückte eine Welle der Abneigung.

»Dann sind wir jetzt vollzählig«, bemerkte Oberan.

Irritiert sah Anne in die Runde. Sie waren nicht vollzählig.

»Wo ist Olivia?«, fragte Ulrike.

Oberan nickte ernst und räusperte sich mehrmals. »Der Anlass, zu dem ich Sie heute hier einberufen habe, ist leider kein erfreulicher.«

Er bedeutete ihnen, sich zu setzen. Obwohl er gestern Abend nicht bei der Geburtstagsfeier gewesen war, sah er blass aus.

»Hauptkommissarin Esterhazy ist heute nicht bei uns und wird vermutlich für längere Zeit ausfallen. Die Ärzte haben bei ihr Brustkrebs diagnostiziert.«

Ulrike atmete laut hörbar ein. Anne begegnete ihrem schockierten Blick.

»Das ist heutzutage gut behandelbar«, fuhr Oberan fort, und Anne hatte den Eindruck, als hätte er den Text vorher eingeübt. »Die Chancen, dass sie wieder gesund wird, stehen sehr gut. Ich habe gestern noch mit ihr gesprochen. Sie ist zuversichtlich, eine Kämpfernatur eben.«

Anne schluckte. Jetzt begriff sie, warum Olivia gestern nicht bei der Feier gewesen war. Plötzlich kam es ihr blöd vor, wie sie sich über Janitzkis Auftritt aufgeregt hatte. Eigentlich war das doch vollkommen unwichtig.

Sie sah Thorsten an und erkannte, dass ihn die Nachricht nicht überrascht hatte. Deshalb war er gestern Abend so zurückhaltend gewesen. Vermutlich hatte er Ulrike die Feier nicht verderben wollen.

»Wie Sie wissen, befinden wir uns in Zeiten großer Personalknappheit«, fuhr Oberan fort. »Die neuen Stellen, die uns die Landesregierung versprochen hat, können nicht von heute auf morgen geschaffen werden. K12 wird uns unterstützen, so gut es geht. Einige Aufgaben von Frau Esterhazy müssen wir intern neu verteilen.«

Anne wurde hellhörig. Wenn Olivia krankgeschrieben war, blieb Thorsten als einziger Hauptkommissar übrig, und er hatte nächste Woche eine Schulung in Münster. Wenn in dieser Zeit ein Tötungsdelikt begangen wurde, musste ein anderer die Ermittlungen leiten. Jemand von K12 oder einer von ihnen.

Mit plötzlicher Sicherheit wusste Anne, dass dies eine Chance war, wie sie womöglich niemals wiederkommen würde. Sie arbeitete schon einige Jahre bei K11 mit und würde sich zutrauen, eine Mordermittlung zu leiten. Hier in Dortmund hatten sie gute, motivierte Leute.

»Darum haben Herr Seidel und ich beschlossen, dass Oberkommissar Janitzki Frau Esterhazy vertreten wird, wenn es nötig ist«, unterbrach Oberan ihre Gedanken.

Anne schluckte mehrmals und versuchte, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Janitzki?

Sie bemerkte, dass Thorsten sie mit wachsamem Blick beobachtete. Wahrscheinlich befürchtete er, sie würde jetzt etwas Unüberlegtes tun.

Soso, Herr Seidel und Oberan hatten das gemeinsam beschlossen. Ihr guter Freund Thorsten traute ihr die Leitung einer Mordermittlung nicht zu. Zorn wallte in ihr auf.

»Warum Janitzki?«, fragte sie betont ruhig. Sie selbst arbeitete schon länger bei K11 mit. Sie hatte mehr Vernehmungen durchgeführt, mehr Verhaftungen, mehr Verurteilungen.

JJ hatte die Beine übereinandergeschlagen und lächelte siegessicher. Mit seinen gebleichten Zähnen und der falschen Sonnenbräune war der Typ eine einzige Lachnummer, fand Anne. Und dieser Mensch wurde ihr vorgezogen.

»Ist diese Frage wirklich ernst gemeint?«

Janitzkis überheblicher Tonfall brachte sie vollends auf die Palme.

»Natürlich ist die Frage ernst gemeint!«, fauchte sie. »Warum du und nicht jemand mit mehr Erfahrung?«

»Wie du zum Beispiel?« Er machte eine Pause, um seinen Spott wirken zu lassen. »Ist das dein Ernst, nach der Nummer, die du dir letztes Jahr geleistet hast. In – wie hieß der Ort noch? – Bontkirchen?«

Anne atmete tief ein und holte zum verbalen Gegenschlag aus. JJ hatte bei diesem Fall selbst auch keine rühmliche Rolle gespielt. Anfangs hatte er Thorsten sogar behindert, hatte blindlings Dienstanweisungen befolgt, obwohl eine Kollegin, nämlich Anne selbst, in Lebensgefahr geraten war.

Gut, Anne hatte sich nicht an die Vorschriften gehalten. Womöglich war sie auch hitzköpfig und leichtsinnig gewesen. Aber immerhin hatte sie die Ermittlungen entscheidend vorangetrieben!

Sie spürte Thorstens Hand auf ihrem Arm und sah sein leichtes Kopfschütteln.

»Kriminaldirektor Oberan und ich haben das gemeinsam besprochen«, sagte er laut. »Es ist keine optimale Lösung und hoffentlich nicht für lange. Aber wir sehen momentan keine andere Möglichkeit.«

Janitzki erhob sich, zog seine Ärmel straff und reichte Oberan die Hand. »Ich bedanke mich für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Anne war, als müsse sie sich gleich übergeben.

»Was habt ihr euch dabei gedacht?«, fauchte sie Thorsten an, als sie alleine waren. »Janitzki? Gott, ich kann verstehen, dass ich nicht Oberans erste Wahl bin, aber Janitzki?«

Thorsten blieb ruhig. Er wirkte amüsiert. Seine Gelassenheit machte sie noch wütender. Was bildete er sich ein? Dass er sie behandeln könnte wie ein störrisches Kind, nur weil er zehn Jahre älter war?

Sie ballte die Fäuste. »Ich hätte alles sagen sollen! Wie das in Bontkirchen abgelaufen ist. Dass JJ sich geweigert hat, dir zur helfen. Warum hast du mich nicht gelassen? Weiß Oberan überhaupt davon?«

Thorsten schloss die Bürotür und drehte sich zu ihr um. »Weißt du, dass der Leiter einer Mordkommission nicht einmal ein guter Polizist sein muss?«

Anne runzelte die Stirn. Wie meinte er das? War es eine Fangfrage?

Thorsten lehnte sich an die Kante seines Schreibtisches und brachte es auf erstaunliche Art und Weise fertig, von seinen 1,90 Meter auf sie herabzusehen, ohne auf sie herabzusehen. Einige silberne Strähnen mischten sich bereits unter seine kurzen Haare.

»Wie meinst du das?«, knurrte sie. »Natürlich muss er ein guter Polizist sein.«

»Nein«, widersprach er ruhig. »Er muss ein gutes Team haben. Das Team macht die eigentliche Arbeit. Was von einem Leiter erwartet wird, ist Ruhe und Besonnenheit, dass er die Vorschriften kennt und sich daran hält.«

Anne atmete tief durch.

»Besonnenheit, hm?«, murrte sie. Allmählich wurde ihr klar, dass Thorsten verhindert hatte, dass sie sich vor Oberan und den versammelten Kollegen blamierte.

Ihre Wut verrauchte. »Aber Janitzki? Ist er der Richtige?«

»Er ist der Einzige«, bemerkte Thorsten gleichmütig. »Den anderen fehlt die nötige Erfahrung. Und du, Anne, hast ein untrügliches kriminalistisches Gespür. Du hast Phantasie und eine Hartnäckigkeit, die ich immer bewundert habe. Aber du bist keine Führungspersönlichkeit.«

Anne errötete. Thorsten allein konnte so eine Zurückweisung wie ein Kompliment klingen lassen. Sie stellte fest, dass sie ihm nicht böse sein konnte.

»Aber wie stellst du dir das vor? Janitzki als mein Chef? Das kann doch nicht gut gehen. Er nimmt mich nicht für voll, weil ich eine Frau bin. Wahrscheinlich werde ich für ihn kopieren und Kaffee kochen müssen!«

Thorsten lachte leise. »Ich glaube, du unterschätzt deinen Kollegen gewaltig. Er weiß, wie wertvoll deine Unterstützung für ihn ist. Und wenn es Probleme gibt, bin ich auch noch da.«

Anne brummte dunkel, dass sie seinen Optimismus nicht teilte. Aber an der Situation konnte sie nichts mehr ändern. Sie würde damit klarkommen müssen.

Bestimmt würde es Probleme geben, da war sie sicher, und Thorsten würde nicht immer da sein, um ihr zu helfen. Morgen würde er zu einer mehrtägigen Fortbildungsveranstaltung an der Deutschen Hochschule der Polizei nach Münster fahren. Sie hoffte nur, dass nichts Schlimmes passierte, während er fort war.

Pia hatte die Beine angezogen und die Arme um ihre Knie geschlungen. Das Mittagessen, ein wenig Obstsalat von gestern, stand auf dem Wohnzimmertisch, aber sie hatte kaum einen Bissen hinuntergebracht.

Ihr Blick wanderte umher, über die Sofakissen, den Teppich, die geschlossenen Schubladen der Kommode. Obwohl sie schon Stunden zuvor festgestellt hatte, dass alles unverändert war, versuchte sie einen Beweis zu finden, der ihr ungutes Gefühl rechtfertigte. Sie war sicher, dass jemand hier gewesen war.

Das Schloss zur Wohnungstür war alt. Jemand, der sich damit auskannte, würde es mit entsprechendem Werkzeug öffnen können. Konnte Rainer so etwas tun? Sie wusste es nicht.

Warum hatte er draußen gestanden und auf sie gewartet? Um ihr zu zeigen, dass er wieder da war? Dass er wusste, wo sie wohnte? Was wollte er von ihr?

Pia schlang die Arme um ihren Oberkörper und wiegte sich vor und zurück. Sie hatte Angst.

Es war nicht dieselbe Angst wie vor dem Elternsprechtag. Diese saß tiefer. Eine luftabschneidende, würgende Angst, die sie an ihren Eingeweiden gepackt hielt, zusammen mit Erinnerungen, über die sie nicht nachdenken wollte.

Sie dachte an Dr. Kortmann und rief sich seine tiefe, beruhigende Stimme ins Gedächtnis.

Denk an deine Skills, Pia. Damit kriegst du deine Gedanken in den Griff. Langsam in den Bauch atmen. Den Verstand gebrauchen. Die Reaktion deines Körpers ist der Situation nicht angemessen. Stresshormone werden ausgeschüttet. Dein Puls geht in die Höhe und der Atem beschleunigt sich. Du musst gegensteuern. Zum Beispiel kannst du dir Bilder vorstellen, die Sicherheit vermitteln.

Pia dachte an ihren Bruder. Sie stellte sich vor, dass Johannes neben ihr auf dem Sofa saß. Es gelang ihr, sich zu beruhigen.

Dann fasste sie einen Entschluss, sprang auf und öffnete ihren Kleiderschrank. Sie nahm zwei der Kante an Kante gefalteten T-Shirts heraus. Dazu zwei Hosen, zwei Paar Socken, einen BH, zwei Slips, und zwei der dünnen, einfarbigen Rollkragenpullis, die dort in einer Reihe hingen. Sie packte alles in eine Reisetasche und fuhr zu Johannes.

Leider war es Astrid, die ihr öffnete. Sie trug einen Hausanzug aus rotem Samt, der sich um ihre Hüften schmiegte und einen tiefen Einblick in ihr faltenfreies Dekolleté gewährte.

»Du schon wieder«, sagte sie in einem Tonfall, der kaum noch höflich war. Sie sah an Pias schmaler, unauffälliger Gestalt hinunter zu ihrer Reisetasche. Dort verharrte ihr Blick missbilligend.

»Ist mein Bruder da?«, fragte Pia und versuchte in den Hausflur zu spähen, den Johannes’ Freundin erfolgreich versperrte. Astrid schien gerade geduscht zu haben, denn ihre Haare waren noch feucht und sie hatte einen frischen Duft aufgelegt.

»Heute passt es uns leider nicht«, erwiderte sie mit einem Bedauern in der Stimme, das so unecht war wie ihr Lächeln. »Johannes ist beschäftigt. Soll ich ihm etwas ausrichten?«

»Wer ist es denn, Liebling?«, fragte eine tiefe Männerstimme im Hintergrund und Pia atmete erleichtert auf, als sie ihren Bruder sah.

»Ich bin es.«

»Pia! Schön, dich zu sehen. Komm herein.«

Auch er bemerkte ihre Sporttasche, sagte aber nichts, sondern legte seinen Arm um ihre Schultern und ließ sie eintreten. Pia spürte Astrids böse Blicke wie Nadelstiche im Rücken. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was ihr Bruder an dieser Frau fand.

»Kann ich kurz mit dir reden?«, bat sie, und Johannes führte sie ohne Umschweife in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann drehte er sich um.

»Erfolg macht attraktiv«, war ein Spruch, den Pia schon oft gehört hatte, und auf Johannes traf er ohne Zweifel zu. Er war nicht im klassischen Sinne schön, sein Mund war zu breit und die Augen standen zu weit auseinander, doch er besaß eine Ausstrahlung, die auf Frauen anziehend wirkte. In seinem marineblauen Polohemd und der hellen Anzughose sah er aus, als sei er auf dem Weg zum Golfclub. Neben ihm kam Pia sich unscheinbar und farblos vor.

Vor fünfzehn Jahren hätte niemand dem verhaltensauffälligen Teenager zugetraut, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Aber als Johannes nach seinem BWL-Studium und zwei Jahren als Trainee bei einer Softwareentwicklungsfirma nach Marsberg zurückgekehrt war und seine eigene Firma gegründet hatte, war von diesem Jungen nicht mehr viel übrig gewesen.

»Was ist passiert?«, fragte er jetzt.

»Ich habe Rainer gesehen«, sagte Pia und erzählte mit stockenden Worten, dass jemand in ihrer Wohnung gewesen war.

Johannes legte einen Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich. Ihr Kopf lag auf seiner Brust und sie spürte die langsamen, kraftvollen Schläge seines Herzens. Ihr Hals schmerzte von einem Schluchzen, das dort festsaß.

»Du glaubst mir nicht.«

Sie spürte sein Kopfschütteln. »Natürlich glaube ich dir.«

Pia wusste nicht, ob er die Wahrheit sagte, aber es war nicht wichtig. Sie konnte sich immer auf sein schlechtes Gewissen verlassen.

»Möchtest du heute Nacht bei uns schlafen?«, fragte er.

Pia nickte gegen seine Brust. »Und Astrid?«

Er zuckte mit den Schultern. »Sie muss damit klarkommen. Du bist meine Schwester.«

Zum Abendessen gab es Schwertfisch. Pia, die weder Fisch noch Fleisch aß, hielt sich an die Beilagen. So oder so hatte sie keinen großen Appetit.

»Dein Kochkurs hat sich gelohnt«, kommentierte Johannes, an Astrid gewandt. »Das Essen ist superb. Das kann man im Restaurant nicht besser bekommen.«

Die Falten auf Astrids Stirn glätteten sich.

»Nimm dir ruhig so viel du magst«, sagte sie zu Pia. »Ich habe heute etwas mehr gekocht. Eigentlich für morgen, aber was soll’s.«

Sie führte ein Glas Weißwein zum Mund. »Dein Bruder ist viel unterwegs. Ein Abend zu zweit ist für uns Luxus geworden.« Sie lächelte, doch in ihrem Blick lag ein stummer Vorwurf.

»Ihr dürft euch durch mich nicht stören lassen. Ich bleibe auf meinem Zimmer.«

»Ich bitte dich, Pia, so war das nicht gemeint. Wir freuen uns, dich hier zu haben.«

Johannes kaute nachdenklich. »Vielleicht hilft es, wenn wir in Pias Wohnung ein neues Schloss einbauen lassen. Mit Sicherheitskarte.«

Astrid lächelte. »Eine gute Idee, Liebster.«

Sobald Pia konnte, zog sie sich ins Gästezimmer zurück. Astrid brachte ihr frische Bettbezüge, die nach Lavendel und Citrus dufteten.

Erschöpft setzte Pia sich aufs Bett und schaltete ihr Smartphone ein. In der WhatsApp-Gruppe der Lehrer gab es keine neuen Nachrichten und auch sonst hatte keiner geschrieben. Sie zog das Bettzeug auf und kroch unter die Decke. Leider hatte sie vergessen, ein Buch mitzunehmen.

Aus dem Nebenzimmer erklang rhythmisches Stöhnen. Draußen heulte der Wind und Schneeregen peitschte gegen das Fenster.

Kapitel 2

Freitag, 25. November

Ein schrilles Klingeln riss Anne aus dem Schlaf. Sie streckte die Hand aus, tastete nach ihrem Wecker und schlug mehrmals vergeblich auf den Snooze-Knopf, bevor sie begriff, dass der Lärm vom Festnetztelefon kam. Leise fluchend schälte sie sich aus dem Bett. Die Leuchtziffern des Weckers zeigten 5.45 Uhr.

Als sie die Nummer der Einsatzzentrale auf dem Display sah, wurde ihr klar, dass das, wovor sie sich gefürchtet hatte, soeben eingetreten war. Es gab einen neuen Fall.

Sie räusperte sich, doch ihre Stimme klang kratzig, als sie sich meldete.

Der Beamte aus der Einsatzzentrale informierte sie, dass im Stadtteil Dortmund Hörde eine junge Frau tot auf dem Bürgersteig gefunden worden war. Offenbar war sie vom Balkon eines Mehrfamilienhauses gestürzt.

»In Ordnung«, seufzte Anne, »Ich komme.«

Der Beamte war noch nicht fertig. »Der Kriminaldauerdienst ist vor Ort. Aber Herr Janitzki hat ein vergrößertes Team angefordert. Offenbar weist der Fall einige Besonderheiten auf. Ich habe es nicht ganz verstanden. Er sprach von Nadeln. Am besten, Sie sehen es sich selbst an.«

Nadeln?

Ein ungutes Gefühl machte sich in Anne breit. Sie schlüpfte in Jeans und Pullover und zog ihren olivgrünen Parka über. Dann kaufte sie sich in der Bäckerei neben ihrer Wohnung eine Laugenbrezel, da die belegten Brötchen noch nicht fertig waren. Sie stieg in die Straßenbahn und fuhr zu der Adresse, die der Beamte ihr genannt hatte.

Die Straße war durch einen quergestellten Streifenwagen blockiert. Ein Schutzpolizist in Uniform winkte sie durch. Anne ging zwischen den Reihen geparkter Autos hindurch. Mehrfamilienhäuser. Eine ganz normale Wohngegend in Dortmund.

Von Weitem sah sie ein weißes Zelt, das auf dem Bürgersteig aufgestellt worden war, um den Leichnam vor neugierigen Blicken zu schützen. Weißgekleidete Gestalten der Spurensicherung suchten Gehweg und Straße ab. Anne sah die Kollegen vom Kriminaldauerdienst eines der Nachbarhäuser betreten. Der Erste Fall und so viele Einsatzkräfte? Dies war kein einfacher Sturz vom Balkon. Was war passiert?

Sie erkannte Janitzki an seinem braungebrannten Gesicht. Auch er trug einen Ganzkörperoverall und stand in einem Hauseingang, wo er mit Grote, dem Leiter der Spurensicherung, sprach. Anne ging nicht direkt zu ihnen, sondern steuerte auf das Zelt zu. Zuerst wollte sie die Tote sehen.

Im Inneren hockte Dr. Lange. Offenbar fuhr Janitzki die ganz großen Geschütze auf. Er hatte sogar den Leiter der Rechtsmedizin rufen lassen. Anne überspielte ihre Überraschung mit einem freundlichen Gruß und wunderte sich darüber, dass der spindeldürre Gerichtsmediziner nur mit ernster Miene nickte. Normalerweise hätte er sich bei ihr mit sarkastischen Bemerkungen darüber beschwert, so früh gerufen worden zu sein.

Anne schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die tote junge Frau, die auf dem Rücken lag und nur mit einem Slip bekleidet war. Ihre abgeknickten Gliedmaßen waren schlank und von einem milchigen Weiß. Bei dem Anblick begann Anne zu frieren. Eine Hand lag in der Lache aus geronnenem Blut.

Anne merkte, wie ihre Kehle trocken wurde. Sie konnte den Blick nicht mehr abwenden. Der Körper der Frau war mit Nadeln gespickt, die wie groteske Stacheln wirkten. Sie steckten in den Oberschenkeln, den Armen, im Bauch. Einige waren nur oberflächlich in die Haut eingedrungen, andere so tief, dass sie fast nicht mehr zu sehen waren. Manche waren abgeknickt.

»Das sind Nähnadeln«, sagte Dr. Lange, »keine Maschinennadeln. Die haben einen dickeren Kolben, an der einen Seite meist flachgeschliffen. Solche benutzt meine Frau.«

Anne nickte. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Sie zwang sich, alles aufzunehmen, jede Einzelheit. »Wie lange ist sie schon tot?«

»Wenige Stunden. Rigor Mortis setzt gerade erst ein. Die Starre verzögert sich natürlich bei diesen winterlichen Temperaturen. «

»Ein Jogger hat sie gefunden.« Janitzki stand plötzlich neben ihr. Anne hatte nicht bemerkt, dass er hereingekommen war.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu und suchte nach Anzeichen des Triumphes, den er fühlen musste. Gleich bei seiner ersten Einsatzleitung so ein Fall! Wenn die Presse von den Nadeln erfuhr, würde sie sich darauf stürzen. Solch grausige Details interessierten die Menschen. Anne sah bereits die Schlagzeilen vor sich: Der Nadelmörder von Dortmund.

Wenn Janitzki sich nicht allzu dumm anstellte, könnte er von der Aufmerksamkeit profitieren. Möglicherweise würde er selbst Details zur Presse durchsickern lassen. Wäre er zu solch einer Schweinerei fähig?

»Was denkst du?«, fragte er Anne.

Einen Moment lang fühlte sie sich ertappt. Dann begriff sie, dass er einfach ihre Meinung zu dem Fall hören wollte.

»Ich weiß es nicht. So etwas habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ist sie gefoltert worden. Allerdings sehe ich keine Fesselungsspuren. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich losgerissen hat, fliehen wollte, und dabei vom Balkon gestürzt ist.«

»Darüber habe ich auch nachgedacht.«

»Vielleicht stand sie unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, während es passiert ist.«

Anne begleitete Janitzki in das Haus, vor dem die junge Frau lag. Im Treppenhaus trafen sie Grote, der die Spurensicherungsarbeiten koordinierte. Ein Teil der Treppe war mit Trittplatten ausgelegt.

»Drittes Obergeschoss«, sagte er.

Als sie in die Wohnung kamen, fiel Anne zuerst auf, wie kalt es dort war. Dann sah sie den Grund dafür: Die Balkontür stand offen. Das lose Ende einer halb abgerissenen Gardine bewegte sich im Luftzug hin und her. Sie sah aus wie ein weißer Brautschleier.

Ein Kriminaltechniker machte Fotos. Er hatte zahlreiche Schilder mit Nummern aufgestellt. Die 29 stand neben einer zerbrochenen Vase auf dem Boden. Wasser war ausgelaufen und bildete eine Pfütze auf dem hellen Laminat. Daneben lagen rosafarbene Nelken verstreut. Eine plattgetretene Blüte war Nummer 30.

Anne sah sich selbst in dem großen Spiegel neben der Garderobe. Eine Gestalt im Einwegoverall. Weiß, wie ein Gespenst.

Immer dasselbe. Zuerst ist es eine ganz normale Wohnung. Dann wird sie zu einem Ort der Gewalt und am Ende wandeln die Geister hindurch.

Ihr Blick glitt über Kerzen und den Wohnungsschlüssel, der in einer Tonschale lag.

»Ist die Tür aufgebrochen worden?«, fragte sie niemand bestimmten.

Janitzki verneinte und sie dachte, dass sein braungebranntes Gesicht in Verbindung mit dem weißen Overall noch unnatürlicher aussah. Er passt nicht zu uns bleichen Gespenstern.

Anne folgte ihm durch eine kleine Wohnküche und sah, dass auf der Spüle eine leere Sektflasche stand. Das passende Glas dazu lag in Scherben auf dem Boden. Daneben stand ein Schild mit der Nummer 39. Nur ein Glas.

»Sehen Sie mal hier.« Eine Kriminaltechnikerin reichte Janitzki eine Damengeldbörse aus schwarzem Leder. Er fischte den Ausweis heraus und hielt ihn Anne hin.

»Corinna Raabe. Das ist das Opfer.«

Anne blickte auf das biometrische Foto, dessen Gesicht unzweifelhaft zur toten Frau gehörte, und las die Daten dazu. Corinna war 27 gewesen, vier Jahre jünger als sie selbst.

Eine plötzliche Versagensangst durchflutete sie. Janitzki und sie, das konnte nicht funktionieren. Anne vertraute ihm nicht. Nein, sie brauchte jemand anderen an ihrer Seite.

»Wo ist Holger?«, fragte sie die Frau.

»Der hat Urlaub. Er wollte einen Rekord aufstellen. Irgendetwas mit Star Trek.«

Anne hatte das Gefühl, als stünde sie auf einem Floß, das unkontrolliert zu schaukeln begann. Der Kapitän und seine Crew hatten sich mit Rettungsbooten davongemacht. Sie stand ganz alleine da.

Als Anne das Schlafzimmer betrat, fiel ihr Blick sofort auf das zerwühlte Bett. Einige Kleidungsstücke lagen auf dem Teppich. Auf dem Nachttisch stand eine Stereoanlage, an der ein kleines Lämpchen blinkte. Anne öffnete mit der behandschuhten Hand den CD-Spieler und stellte fest, dass Kuschelrock Vol. 12 darin lag.

Ein Kriminaltechniker packte das Federbett zusammen und verstaute es in einer großen Tüte. Auf dem Bettlaken darunter wurden kleine, rötliche Flecken sichtbar. War das Blut? Anne beugte sich vor. Janitzki warf einen prüfenden Blick durchs Zimmer.

»Hier muss es passiert sein. Vielleicht Sexspielchen.«

Allein die Vorstellung bereitete Anne Übelkeit.

»Sexspiele mit Nadeln? Wie krank muss man sein, um auf so etwas zu kommen?«, fragte sie voll Abscheu.

»Ich habe keine Ahnung, Anne«, erwiderte er kühl. »Ich verabscheue Gewalt beim Sex. Aber ich versuche zu verstehen, was hier passiert ist. BDSM ist doch jetzt in. Aber in dieser Szene kenne ich mich nicht aus.«

Anne begriff, dass er auf 50 Shades of Grey anspielte.

»Ich habe weder diesen Film gesehen noch das Buch gelesen«, antwortete sie schroff. »Ich halte nichts von Frauen, die sich unterordnen.«

Er nickte. »Ja, ich weiß. Das bereitet dir Probleme.«

Anne rüttelte wütend am Kleiderschrank. Die Tür klemmte. »Könnt ihr mir mal helfen?«

Der Kriminaltechniker untersuchte die Tür. »Das Scharnier wird durch etwas blockiert.«

Er ging zu seinem Koffer, nahm einen flachen Schraubenzieher heraus und stocherte im Türspalt herum. Als er die Tür schließlich aufzog, stürzte ihm ein Großteil seines Inhalts entgegen. Eine kleine Holzkiste landete mit einem Knall auf seinem Kopf. »Au! Verflucht.«

Anne bückte sich und sammelte auf, was auf den Boden gefallen war: Originalverpackte Rasierapparate und -klingen, Duschgel, Haarspangen, Zahnbürsten, T-Shirts und Pullover, an denen noch Preisschilder und Sicherheitsetiketten befestigt waren.

Janitzki pfiff leise vor sich hin. »Was haben wir hier? Eine Kleptomanin?«

Er griff in den Schrank und fand mehrere Parfümflakons.

»Diese hier waren mit Sicherheit teuer. Wir müssen herausfinden, ob sie gestohlen worden sind. Und woher. Vielleicht war das mit den Nadeln eine Strafaktion, die aus dem Ruder gelaufen ist.«

Der Gedanken war nicht mal dumm, stellte Anne zähneknirschend fest.

Hin und wieder, vor allem, wenn er mit Jens unterwegs war, musste Anton Hellmann an den Fall vor etwas über einem Jahr denken, als er das erste Mal Gelegenheit gehabt hatte, bei einer Mordermittlung dabei zu sein. Die Zeit, in der er eng mit Hauptkommissar Thorsten Seidel aus Dortmund zusammengearbeitet hatte, war wie eine Offenbarung für ihn gewesen. Das war es, wofür er Polizist geworden war, warum er sich auf der Polizeischule für den Bereich Kriminalistik entschieden hatte. Nicht diese frustrierende Arbeit in Brilon im Sauerland.

Seit Jahren versuchte die Kriminalpolizei die Zahl der Wohnungseinbrüche zu senken und die Aufklärungsquote zu erhöhen, doch Hellmann fühlte sich manchmal, als würde er gegen Windmühlen kämpfen. Sie hatten weder das nötige Personal noch die Mittel, um eine konsequente Spurensicherungsarbeit zu gewährleisten. Immerhin war vor kurzem eine Arbeitsgemeinschaft gegründet worden, die sich auf bandenmäßige Einbrüche spezialisiert hatte. Hellmann und Jens gehörten nicht zur AG, leisteten aber Zuarbeit und kümmerten sich um die anderen Fälle, die nicht ins Raster passten.

Deshalb waren sie heute nach Heddinghausen, einem Ortsteil von Marsberg, geschickt worden. Ein Dirk Finkel hatte einen Einbruch in seiner Wohnung angezeigt.

»Ekliges Wetter«, bemerkte Jens. Er musste langsam fahren, da die Straßen mit nassem Schneematsch bedeckt waren. »Wenn es schon schneit, warum nicht richtig?«

Hellmann nickte mürrisch. Als der Wetterdienst den ersten Schnee im Sauerland gemeldet hatte, war er auf den Dachboden gestiegen, um seine Skiausrüstung herunterzuholen. Er hatte Hose und Jacke zum Lüften aufgehängt und das Wachs, das er zum Einlagern benutzt hatte, von den Brettern gebürstet. Aber es war noch zu warm. Selbst in Willingen.

Der Schnee, der bereits nass und schwer vom Himmel fiel, begann am Boden zu tauen und bildete dort einen widerlichen braunen Schmierfilm. Jens hielt vor einem Zweifamilienhaus. Sie stiegen aus dem Zivilwagen und gingen zur Haustür, die nicht überdacht war. Nasse Brocken klatschten auf Hellmanns Jacke und auf seine Wollmütze.

Er atmete auf, als sie endlich den trockenen Hausflur betraten. Sie stiegen in den ersten Stock empor und Hellmann registrierte, dass die Treppenstufen sauber waren und die Wohnungstür keine verdächtigen Kratzer aufwies.

Dirk Finkel war ein junger Mann, etwa in Hellmanns Alter.

»Gut, dass Sie kommen! Ich habe alles gelassen, wie es war, um keine Spuren zu zerstören. Die Schweine haben den Fernseher und mein neues Tablet mitgenommen.«

Dann verzog er den Mund zu einem selbstironischen Lächeln. Für einen Mann hatte er auffällig große Lippen. »Das Tablet wollte ich eh umtauschen. Ich hoffe, die Versicherung zahlt den Schaden. Aber kommen Sie erstmal rein.«

Er führte sie ins Wohnzimmer und Hellmann sah sich aufmerksam um. Eine klassische Junggesellenwohnung, dachte er. In schwarz und weiß gehalten, ohne Bilder an den Wänden und ohne überflüssige Dekoartikel. Die Wand gegenüber einem Ledersofa war leer, aber Hellmann konnte die Befestigungshaken erkennen, an denen der Flachbildfernseher angebracht gewesen war.

Einige Schubladen lagen ausgekippt auf dem Boden, sonst schienen die Einrichtungsgegenstände unberührt. Anscheinend hatten die Einbrecher sich hier nicht lange aufgehalten.

Hellmann ging zum Fenster, das offenstand, und betrachtete den Rahmen. »Hier ist deutlich zu sehen, dass das Fenster aufgestemmt worden ist«, sagte er und fotografierte die Kratzer an der Zarge. »Ich denke, das mit der Versicherung wird kein Problem sein.«

Finkel lachte erleichtert. »Ein Glück. Dann ist alles halb so wild.« Er sah auf seine schwarze Herrenuhr. »Wie lange brauchen Sie denn? Ich habe gleich noch einen Termin.«

»Den sagen Sie besser ab«, erwiderte Hellmann und warf einen prüfenden Blick durch das Fenster. Es war unschwer zu erkennen, wie der oder die Täter hochgeklettert waren: Direkt an der Hauswand stand ein Carport. Dahinter befand sich der Garten des Nachbarn.

»Wann ist der Einbruch passiert?«

»Heute Morgen. Gegen 14 Uhr kam ich von der Arbeit. Ich bin Lehrer an einer Grundschule und habe heute meinen freien Nachmittag.«

Jens ging hinaus, um die Nachbarn zu befragen. Vielleicht hatten sie Glück und jemand hatte die Tat beobachtet oder ein verdächtiges Fahrzeug gesehen. Hellmann öffnete seinen Spurensicherungskoffer und begann den Bereich um das Fenster herum abzukleben.

»Viele denken ja, wir Lehrer hätten jeden Nachmittag frei«, sagte Finkel und trat näher. »Was tun Sie da?«

»Hiermit kann ich DNA und Faserspuren sichern. Ich schaue natürlich auch nach Fingerabdrücken, aber die sind eher selten, weil mittlerweile fast alle Einbrecher Handschuhe tragen.«

Hellmann legte die Kleberolle in den Koffer zurück und griff nach einem Langhaarpinsel, als sein Blick auf einige Fotos fiel, die zusammen mit dem übrigen Inhalt der Schubladen auf dem Boden lagen. Das oberste zeigte das Gesicht einer Frau im Profil. Sie hatte den Blick abgewandt. Man sah ein schmales Ohrläppchen, die Kieferlinie, einen kleinen Leberfleck und eine Strähne blassblonden Haares. Hellmann wusste, dass er sie kannte, konnte sie aber nicht einordnen.

»Wer ist das?«, fragte er und beugte sich interessiert vor, doch Finkel war mit zwei schnellen Schritten bei ihm und klaubte die Fotos zusammen.

»Partybilder!« Der Lehrer lächelte verlegen und verstaute sie in einem Schrank. »Auf diesen Studentenpartys sind peinliche Sachen passiert. Kennen Sie das? Haben Sie auch studiert?«

»Sie dürfen hier nichts verändern, bis ich fertig bin«, ermahnte Hellmann ihn, fügte aber dann verständnisvoll hinzu: »Ich war nicht an der Uni, aber an der Polizeischule wurde auch viel gefeiert.«

Als Jens nach einer Dreiviertelstunde zurückkam, hatte er nichts Neues zu berichten. Keiner der Nachbarn hatte etwas Auffälliges gesehen.

»Sie sollten eine mechanische Sicherung anbringen«, riet Hellmann Finkel. Er war endlich fertig und packte seine Sachen zusammen. »Gerade an dem Fenster über dem Carport. Das reicht oft schon, um Einbrecher abzuschrecken. Viele geben auf, wenn sich ein Fenster nicht sofort öffnen lässt.«

»Danke für den Tipp. Ich glaube, ich muss wirklich dringend etwas ändern. Vielleicht lassen sie das nächste Mal mehr mitgehen. Nicht auszudenken, wenn sie meine Fallout 4 Collector’s Box mitgenommen hätten.«

Hellmann reichte Finkel zum Abschied die Hand.

»Viele schaffen sich auch einen Hund an.«

Der Lehrer verzog die vollen Lippen zu einem abfälligen Lächeln. »Ich hasse Hunde.«

Nach Dienstschluss legte Hellmann seine Waffe, eine P99, in eines der Schließfächer der Polizeidienststelle Brilon. Dabei sah er Steffi Schröder aus den Augenwinkeln. Sie hatte vor wenigen Monaten ihre Prüfung zur Kommissarin bestanden und absolvierte ihren ersten Einsatz im Wach- und Wechseldienst in Heimatnähe. Lässig streifte sie ihre Uniformjacke über und band ihre Haare zu einem Pferdschwanz.