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Böse Gerüchte schwirren unaufhaltsam durch das Land Mohor: Der Naga, der Gott der Schlangen, soll den Kronprinzen verflucht haben. Gibt es Rettung für den stolzen jungen Mann? Fernab der höfischen Ängste und Ränke wächst unterdessen das Waisenkind Lilya behütet im Haus ihres Großvaters auf. Ihr Leben ändert sich jedoch von Grund auf, als auch ihr eines Tages der Naga erscheint. Warum greift der Schlangengott in Lilyas Schicksal ein? Als plötzlich feine Zeichnungen auf ihrer Haut erscheinen, wird das junge Mädchen zu einer Gejagten, deren Schicksal mit dem des Prinzen auf geheimnisvolle Weise verwoben ist – und der eine magische Vewandlung bevorsteht. Der neue fantastische Roman der Autorin von "Sturm im Elfenland" entführt in eine Welt in der die Götter über das Schicksal der Menschen bestimmen – mitreißend, geheimnisvoll, sinnlich!
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Frances G. Hill
Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe
arsEdition GmbH, München 2012
© 2012 arsEdition GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Text: Frances G. Hill
Umschlaggestaltung: Sandra Stefan unter Verwendung von Bildmaterial von © www.fotolia.de : Gerd Wolf, © Getty Images/Thinkstock und © www.iStockphoto.de: azat1976
Lektorat: Ulrike Hübner
ISBN 978-3-7607-9044-2
www.arsedition.de
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Für Dina, die es verdient hat, auch wenn sie etwas anderes behauptet
PROLOG
VERWÜNSCHUNGEN
DRACHENTRÄUME
BÜCHERZAUBER
WÜNSCHE
DUNKELMOND
SCHLANGENTRAUM
TALISMAN
RAKSHASA
DRACHENGOTT
BLUTMOND
TRAUMZEIT
WECHSELBALG
BEGEGNUNGEN
WETTGENOSSEN
DUNKELMONDMAGIE
HUNGER
BEDEUTUNG
ZAUBERZEICHEN
FLUCHT
STURMZAUBER
ZUFLUCHT
DRACHENNEST
WIEDERSEHEN
ILLUSIONEN
KATZENAUGE
FALLE
KATZENMENSCHEN
JÄGER
JAGD
GEJAGTE
ERLÖSUNG
DRACHENKRAFT
GERECHTIGKEIT
EPILOG
DANKSAGUNG
So erzählt die Sage: Die Peri Banu, Fürstin der Feen, Herrscherin über das Volk der Djinns, lag im Wettstreit mit Dem Naga, dem listigen Gott der Schlangen. Der Naga war bekannt für seine boshafte und lügnerische Natur, er war ein Ränkeschmied, Spötter und Widersprecher, ein Leugner und Verlacher, ein Widerborst und Gegenbold. Jeden gewöhnlichen und gemeinen Geist hätte die Peri Banu mit einer Bewegung ihrer weißen Hand ins Reich des Ewigen Nichts geschickt, aber Der Naga war ihr an Kraft und Zaubermacht ebenbürtig. Wo sie die Herrin des Windes und der Lüfte, des Wassers und der sanften Hügel war, da war Der Naga als Schlangengott und Drachenkönig auch der Herrscher über Feuer und Stein, Glut und Tiefe.
Die beiden bekämpften sich bis aufs Blut, aber sie waren durch das Gesetz der Welt aneinander gebunden und konnten die Gegenwart des anderen nicht meiden, selbst wenn sie es gewollt hätten.
Also stritten sie.
»Hohe Fee«, richtete eines Tages Der Naga das Wort an die Peri Banu, »Herrin über Luft und Wasser und alle Geister, die darin leben, ich fordere dich zu einem kleinen Wettstreit heraus.«
Die Peri Banu hob den Kopf aus der Schale ihrer stützenden Hände und schenkte Dem Naga einen Blick, der abgrundtiefe Verachtung bezeugte. »Elender«, erwiderte sie, »warum störst du meine Gedanken mit solchen Nichtigkeiten? Hebe deine verworfene Gestalt von hinnen, dass dein Anblick nicht weiter meine Augen beleidige!«
Der Naga lächelte ‒ sein Lächeln ließ die Luft erzittern und die Sonne vor Schreck erbleichen ‒ und leckte sich mit gespaltener Zunge über den lippenlosen Mund. »Edelste Fürstin, hochmütigste aller Peris, deren Anblick den Glanz der Perlen und Edelsteine überstrahlt, mit denen dein Gewand so überreich bestickt ist ‒ du kneifst?«
Die Augen der Peri Banu blitzten wie schwarzes Feuer und sie richtete sich hoch auf. Ihr Haar, so dunkel wie die Nacht und so glänzend wie das Licht der Sterne, fiel als mächtiger, züngelnder Strom herab zu ihren Fersen, und die Bogen ihrer Brauen schossen Pfeile auf den bösen Spötter, der sich vor ihr auf dem Ruhebett räkelte. »Giftzunge«, rief die Fürstin der Feen, »stinkendes Natterngezücht! Du wagst es, mich der Feigheit zu bezichtigen? Warte, ich werde dich lehren!« Sie hob gebieterisch die Hand und ihre Sklavinnen fielen rund um sie vor Schreck ohnmächtig zu Boden.
»Fein«, erwiderte Der Naga gelassen und leerte seinen Kelch mit rotem Zypernwein. »Dann lass uns den Preis setzen. Ich habe ein Auge auf dieses hübsche Gespann von geflügelten Widdern geworfen, mit dem du zu reisen pflegst.«
»Niemals«, sagte die Peri Banu, die sich gefasst hatte und wieder in die Polster ihres Ruhebettes zurücksank. »Du hast schon einmal versucht, es mir abzutrotzen. Dieses Gespann gönne ich dir nicht, unguter Geselle.«
Der Naga störte sich nicht an ihren Worten. Er zupfte nachdenklich Beeren von einer Traube und warf sie sich in den Mund. »Alsdann«, murmelte er, »das Gespann ist zwar hübsch, vor allem die vergoldete Kutsche hat es mir angetan, aber ich besitze ähnlich ansehnliche Gefährte. Meinetwegen spielen wir um diesen hässlichen alten Teppich, der aufgerollt dort hinter deinem Thron steht. Ein übler Staubfänger. Du müsstest mir dankbar sein, wenn ich dich von ihm befreie.«
Die Peri Banu wurde blass. Es war die Regel, dass der Geforderte zwei der Wettangebote ablehnen durfte, doch das dritte musste akzeptiert werden, was auch immer es war. Sie rang um Fassung.
»Niemals werde ich dir diese rare Kostbarkeit übereignen. Du ... du ...«, der Feenfürstin fehlten die Worte.
»Auswurf eines räudigen Straßenköters?«, schlug Der Naga vor.
»Hchhhh«, zischte die Peri Banu, verschränkte die Arme vor der Brust und warf den Kopf in den Nacken.
Der Naga betrachtete sie nicht ohne Wohlgefallen. Er beugte sich vor und schenkte roten Wein in die beiden Kelche, die zwischen ihnen auf dem niedrigen Tisch standen.
»Das heißt also nein«, sagte er. »Nun gut. Den Teppich hast du übrigens schon seit ein paar Jahrhunderten nicht mehr benutzt, meine Liebe. Du würdest ihn schwerlich vermissen.«
Sie würdigte ihn keiner Antwort, nahm den Kelch, den er ihr reichte, und trank schweigend. Ihre Blicke spießten Den Naga über den mit kostbaren Perlen besetzten Rand des Gefäßes hinweg auf.
Der Schlangengott dehnte sich mit lässiger Gebärde und legte dann die langfingrigen Hände über der Brust zusammen. »Nun, dann gilt es. Ich denke, diese kleine Schatulle dort drüben wäre ein angemessener Siegespreis.«
Die Peri Banu wandte weder den Kopf, noch schickte sie ihren Blick zu dem bezeichneten Objekt. »Noch haben wir keine Wette ausgemacht«, sagte sie gepresst und ihre Augen funkelten vor kaum verhohlener Freude.
»Ach, der Wettgegenstand.« Der Naga schob ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Wie unwichtig. Die Trophäe ist der Anreiz, um den es zu feilschen gilt. Aber gut, wenn es dich gelüstet, zuerst die Wette und dann erst den Einsatz zu bestimmen ...« Er zog grübelnd die Stirn in Falten. »Nun denn. Ich denke, deinem Patenkind stünde eine kleine Prüfung wohl an. Er hat ein gar zu bequemes, weich gepolstertes Leben vor sich. Ich wette mit dir, dass er niemals seinem Vater auf den Thron folgen wird.«
Die Peri Banu wollte widersprechen, aber dann schimmerte ein Lächeln über ihre Züge. »Er ist ein Kind, kaum der Amme Brust entwöhnt«, sagte sie mit einem Kopfschütteln. »Womit willst du ein Kind denn prüfen? Mit einem widerspenstigen Spielzeug?«
Der Naga verzog den schmalen Mund zu einem erstaunlich breiten Grinsen. »Lass dies meine Sorge sein, liebste Fürstin. Ich bin einfallsreich, wenn es um unsere kleinen Wetten geht, wie du weißt.« Er hob seinen Kelch und betrachtete mit Wohlgefallen das erregte Heben und Senken ihrer Brust unter dem dünnen Schleier ihres Gewandes.
»Das bist du, Elender.« Die Peri Banu senkte die Lider, um ihn durch das dichte Gitter ihrer Wimpern zu beobachten, die wie Speerspitzen ihre Blicke säumten. Sie lächelte. »Gut, ich wage es. Mein liebster, süßer, kaum den Windeln entwachsener Patensohn also. Er wird mir keine Schande bereiten, davon bin ich überzeugt. Doch nun bin ich an der Reihe zu fordern.«
Der Naga gab sich allen Anschein von Gleichgültigkeit. »Bitte«, sagte er.
Die Peri Banu hob das Kinn. »Ich halte also dagegen. Mein Patensohn wird das Land nicht minder ruhmreich regieren als sein Vater. Und ich verlange die weiße Stute als Preis, die du kürzlich vom König der Feueranbeter geschenkt bekamst. Ist das gerecht?«
Sie sah mit Befriedigung, dass seine Lider kurz und schmerzlich zuckten.
Er schwieg einige Atemzüge lang, dann nickte er. Sein Blick aus kalt funkelnden Juwelenaugen war anerkennend. »Du bist gerissen wie ein Marktweib auf dem großen Basar von Mohor«, sagte er lächelnd. »Aber du hast recht, unsere Wette kann ein wenig Pfeffer vertragen.« Er legte die Hand auf den Tisch, und die Peri Banu, nach kurzem Zögern, ließ ihre Finger zärtlich darauf ruhen.
»Abgemacht«, sagte Der Naga. Er senkte die Lider bis auf einen kleinen Schlitz. Sein Blick ruhte auf der Feenfürstin, ohne etwas von seinen Gedanken zu verraten.
»Mein Preis nun«, sagte er beiläufig. »Das Kästchen?«
Die Peri Banu machte eine Handbewegung, die äußerste Gleichgültigkeit ausdrückte. »Das ist wertlos«, sagte sie. »Du weißt doch, dass ich nichts darin verwahre.« Dann stockte sie und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie hob die Hand zum Mund. »Du ...«, flüsterte sie. »Du hinterlistiger ...« Sie verbarg ihr Gesicht hinter dem Vorhang ihres Haares. »Es ging dir gar nicht um den Preis«, hörte er sie hauchen. »Du hast ganz andere Pläne. Tückische Schlange. Was bezweckst du? Welche finsteren Ränke schmiedest du? Worauf sinnt dein verschlagener Geist?«
Er erhob sich geschmeidig und reichte ihr die Hand. »Beunruhige dich nicht, meine Fürstin. Vielleicht bin ich es einfach nur müde, dem Shâya von Gashtaham dabei zuzusehen, wie er mein Volk quält und tötet und seinen Sohn dazu anleitet, ihm nachzueifern. Der König hat einen Denkzettel verdient, und den werde ich ihm nun mit deiner Erlaubnis erteilen.«
Er gab der Leibsklavin der Peri Banu einen Wink, sie möge Wein und Früchte ins Innere Gemach bringen. Die Peri Banu legte den Kopf an seine Schulter und lächelte. »Ich werde deine Pläne zu durchkreuzen wissen, wie schon bei unserer letzten Wette. Du bist mir nicht gewachsen, Naga.«
Er legte seine Arme um sie. »Dieses Mal wird das Spiel an mich gehen, teure Gemahlin. Du wirst sehen.« Mit diesen Worten hob er die Peri Banu auf seine Arme und trug sie ins Innere Gemach.
Massinissa, der Prinz von Gashtaham, Sohn des mächtigen Shâyas Faridun, vor dem der Erdkreis erzitterte und die Sterne am Himmel sich verneigten, war als ein kräftiger und wohlgestalter Säugling zur Welt gekommen. Mahpari, die vormalige Zweitfrau des Shâyas, erlangte mit der Geburt des Thronfolgers den Rang als Shâya Banu, den sie allerdings nur einen halben Jahreslauf innehatte. Sie starb im Winter, und man flüsterte im Serail, dass die eifersüchtige und neidische Samanbar, die von Mahpari aus ihrer vormaligen Stellung vertrieben worden war, sie vergiftet habe.
Massinissa, den alle nur »Amayyas« nannten, weil er an Schönheit, Kraft und Farbe einem Panther glich, wuchs heran und wurde bis zu seinem siebten Jahr mit jedem Mond schöner und wohlgestalter, kräftiger und klüger. Der junge Prinz war stolz wie sein Vater, hochfahrend und jähzornig, aber auch mild und freundlich zu denen, die so weit im Rang unter ihm standen wie die Kiesel im Staub unter dem leuchtenden Mond.
Dann aber, an seinem achten Geburtstag, geschah etwas, das das gesamte Serail in Angst und Schrecken versetzte. Die Feier zum Geburtstag des Prinzen war in aller Pracht ausgerichtet, Würdenträger und hochgestellte Gäste defilierten am Thronsitz des Shâyas und dem kleineren Sitz des Kronprinzen vorüber, warfen sich vor ihnen zu Boden und überreichten ihre Geschenke, die sich gegenseitig an Schönheit und Kostbarkeit zu übertreffen suchten. Die Kerzen strahlten und der goldene Tafelschmuck schimmerte. Perlen, Diamanten und Rubine häuften sich in kostbaren Silberschalen, schneeweiße Tauben gurrten und spreizten sich, Pfauen schlugen ihr funkelndes Rad und aus Salbengefäßen und Krügen stieg der Duft von edlen Gewürzen und heilsamen Kräutern in die Luft. Alle warteten voller Freude auf das Festmahl, das folgen sollte und von dem man sich schon seit Wochen die reinsten Zauberdinge erzählte. Der Leibkoch des Shâyas hatte die Händler des Basars in schiere Verzweiflung getrieben mit seinen Bestellungen, um die Köstlichkeiten und exotischen Genüsse, die er zu servieren gedachte, auch ja mit den teuersten und feinsten Zutaten zuzubereiten, die der Markt nur hergeben wollte.
Die letzten Gratulanten knieten vor dem Thron und überreichten ihre Präsente, der Obersthofmeister hob schon die Hand zum Gong, der den Sklaven das Zeichen geben sollte, die Vorhänge des Gemaches zu lüften und die Gäste in den Palastgarten zu geleiten, wo unter einem riesigen Seidenzelt die Tafel errichtet worden war. Da geschah es, dass das Portal des Audienzsaales donnernd aufsprang und eine Dunkelheit in den Saal drang, die alle Kerzen auf einen Schlag löschte.
Jedermann war starr vor Schreck und nur eine Hofdame sank seufzend in Ohnmacht. Alle anderen standen und blickten dem entgegen, was da durch das Portal kam
»Der Naga«, flüsterte ein schwarzer Eunuch, der sich als Erster aus der Erstarrung löste, und machte das Zeichen der gegabelten Zunge.
Sein Flüstern wurde von den Umstehenden aufgenommen und breitete sich wie ein Windhauch im Saal aus, bis es an den Thronsitz und das Ohr des Königs gelangte. Der Shâya erhob sich und rief: »Wer naht sich dort auf so unziemliche Weise dem Sitz des Herrschers? Wachen, haltet ihn auf!«
Die Palastwache stürmte mit gezogenen Degen voran, aber der Heranschreitende ließ die Männer im Lauf verharren. Als hätte sie ein Blitz getroffen, sanken sie nieder und ihre Schwerter klirrten auf den Marmorboden.
»Magush«, rief der Shâya seinen Obersten Hofzauberer zu Hilfe, aber der hatte sich kurz zuvor entschuldigt, um einen wichtigen, unaufschiebbaren Zauber zu wirken ‒ in Wirklichkeit wollte er vor allen anderen die Köstlichkeiten begutachten, die draußen aufgetischt worden waren.
Dann stand der Eindringling vor den Stufen des Throns und schenkte dem Shâya und seinem Sohn ein breites, züngelndes, lippenloses Lächeln. »Shâya Faridun«, grüßte er ‒ nicht sonderlich ehrerbietig, sondern eher spöttisch. »Junger Prinz. Ich sehe, Ihr lasst es Euch wohlergehen.«
»Was willst du?«, fragte der Shâya, um Fassung bemüht. »Du bist kein Freund meines Hauses. Ich glaube nicht, dass du gekommen bist, um meinem Sohn Glück zu wünschen.«
Der Naga hob eine langfingrige Hand und zeichnete ein verschnörkeltes Zeichen in die Luft. Es schimmerte rötlich wie Glut und verblasste sogleich wieder. »Du sprichst die Wahrheit, Shâya Faridun. Ich bin gekommen, um deinen Sohn zu verwünschen. Aber es ist nichts Persönliches, junger Mann. Du hast dir einfach den falschen Vater ausgesucht.« Mit diesen Worten deutete der Schlangengott auf den Prinzen, der Anstalten machte, sein kleines Schwert zu ziehen und sich auf ihn zu stürzen.
»Panther, wenn der Mond wächst«, sagte Der Naga gebieterisch. »Kamel, wenn der Mond schrumpft. Dunkel, was hell war; trüb, was klar ist; böse, was gut war. Wachse und schrumpfe mit dem leuchtenden Mond, bis die Dunkle Nacht den Fluch von dir nimmt.« Er ließ die Hand sinken und der Prinz sackte mit einem leisen Seufzen lautlos auf den Stufen des Thrones zusammen.
Der Naga nickte dem Shâya freundlich zu und verschwand in einer dunklen, übel riechenden Wolke, die sich langsam ausbreitend zur Decke des Saales stieg und dort zu nichts zerfaserte.
Der Shâya schrie nach seinen Magiya und seinen Soldaten, der Weiße Obersteunuch stürzte zu seinem Zögling, dem Prinzen, und half ihm, sich aufzurichten, die Damen des königlichen Harems kreischten in den höchsten Tönen, und einige der Geburtstagsgäste suchten heimlich das Weite, um etwaigen Begleitschäden des Fluches zu entgehen. Die anderen trieb der Oberkämmerer geistesgegenwärtig in den Palastgarten, damit sie sich an den Köstlichkeiten erquicken und vom ausgestandenen Schrecken erholen konnten, aber vor allem, um den hingesunkenen Prinzen vor ihren neugierigen Blicken zu schützen.
»Was ist mit meinem Sohn?«, rief der Shâya, kaum dass der Saal sich geleert hatte.
Der Weiße Obersteunuch, der leise mit dem Jungen gesprochen hatte, hob den Kopf und nickte mit erleichtert rollenden Augen. »Er scheint unversehrt, Shâya.«
»Es geht mir gut, Vater«, fügte der Junge hinzu und klopfte mit einer verlegenen Geste sein Gewand ab. »Der Schlangenköpfige hat mich nur erschreckt mit seinem Spruch und der stinkenden Wolke.«
Der Shâya sank auf seinen Thron und schloss die Augen. »Den Göttern sei Dank.«
Der Oberste Hofzauberer, Krümel von Gebäck und Bratensauce in seinem gezwirbelten Bart, eilte mit flatternden Schößen herbei und fiel vor dem König auf die Knie. »Mein König«, keuchte er, »soeben hörte ich von dem Vorfall. Habe ich deine Erlaubnis, den Prinzen zu untersuchen?«
»Tu es, frag nicht lange«, rief der Shâya ungeduldig. Er winkte dem Oberkämmerer und befahl: »Lass den Torwächter auspeitschen für seine Nachlässigkeit. Einhundert Schläge auf die Fußsohle ‒ nein, warte. Die Peitsche für alle Torwächter, damit sie künftig darauf achten, wen sie einlassen.« Sodann rief er den Oberst seiner Janitscharen zu sich und befahl ihm, mit seinen Männern die Stadt zu durchkämmen und alle Wüstenleute festzunehmen, derer sie habhaft werden konnten. Diese sollte er dann ohne Ausnahme, ob jung oder alt, Mann oder Weib, zum Zeichen der Warnung an der Stadtmauer aufknüpfen.
Der Janitscharen-Oberst strich mit bedenklicher Miene seinen schwarzen Schnurrbart, denn weil er ein alter, kampferprobter Soldat war, widerstrebte ihm dies wahllose Hinschlachten von Zivilisten. Aber das Wort seines Königs war ihm heilig, und deshalb verneigte er sich und ging, um den Befehl auszuführen.
»Nun?«, herrschte der Shâya seinen Magush an. »Was sagst du?«
Der alte Mann hob sich mühsam von seinem Hocker, auf dem er vor dem Prinzen gesessen und dessen Kopf zwischen den Händen gehalten hatte, und verneigte sich. »Mein König«, sagte er, »darf ich mich nähern?«
Der Shâya winkte ihm voller Ungeduld. Der Magush raffte seine würdevolle Robe, erklomm mit steifen Knien die Stufen zum Thron und neigte sich dann dicht zum Ohr des Königs, wo er alsbald eifrig zu flüstern und zu wispern begann. Die Hofbeamten, die sich diskret ein Stück zurückgezogen hatten, beobachteten, wie der Shâya abwechselnd blass und rot wurde, wie seine Augen hervorquollen und er sich voller Zorn auf die Lippe biss.
Der junge Prinz saß derweil mit hoch erhobenem Haupt auf seinem Sessel und blickte starr geradeaus. Er fühlte sich offensichtlich nicht wohl in seiner Haut.
Ob er das Raunen hörte, das sich unter den Hofbeamten fortpflanzte wie Flügelschlag? »Dunkel, was hell war«, flüsterten Stimmen. »Mit dem Mond«, murmelten andere. »Wie steht der Mond? Ist er voll oder halb?«
Im gleichen Augenblick rief der Shâya nach seinem Astrologus. Der eilte herbei, den Arm voller Bücher und Tabellen, Astrolabien und Rechenschiebern. Er gesellte sich zum Hofmagush, und die beiden steckten die Köpfe zusammen, während der Shâya das Kinn in die Hand stützte und mit düsterem Gesicht den Prinzen betrachtete. Der saß scheinbar ungerührt, aber seine Hände umschlossen die Lehnen des Sessels so fest, dass die Knöchel weiß durch die dunkle Haut stachen.
Der Magush und der Astrologus waren zu einem Ergebnis gelangt, das sie im Duett flüsternd dem König mitteilten. Der Shâya lauschte und seine Miene verfinsterte sich noch weiter. »Genug«, rief er schließlich laut und sprang so unvermittelt auf, dass der Magush zurückprallte und den Astrologus mit sich nahm. Astrolabien und Bücher klirrten und polterten die Stufen hinab. »Aspantaman, geleite den Prinzen in seine Gemächer und sorge dafür, dass er von niemandem gestört wird.«
Der Weiße Obersteunuch verneigte sich so tief, dass sein Kopf seine Knie berührte, und griff nach des Prinzen Ellbogen. Der Junge erhob sich, verneigte sich gefasst vor seines Vaters Thron und folgte seinem Erzieher. Die Hofbeamten wichen beiseite, und ihre Blicke wanderten hinter dem Prinzen her, während er mit hoch erhobenem Kopf und herausgedrückter Brust den Saal durchquerte.
Das Flüstern und Wispern der Höflinge verstummte, als nun der Shâya erneut seine Stimme erhob. »Geht nun alle an eure Arbeit zurück«, befahl er. »Diesen Vorfall werdet ihr aus eurem Gedächtnis entfernen. Es ist nichts geschehen. Huzvak (der Magush neigte den Kopf) und Jalbhai (der Astrologus zog die Brauen zusammen und schaute wichtig drein) haben mir versichert, dass der Fluch Des Naga wirkungslos war, weil er zum falschen astrologischen Zeitpunkt und mit einer unwirksamen Geste ausgeführt wurde. Der Prinz ist wohlauf und unversehrt.«
Die Ansprache des Shâyas verfehlte ihre Wirkung zwar ganz und gar, aber die Hofbeamten gaben sich den Anschein, seinen Worten Glauben zu schenken, sie nickten und lächelten erleichtert, murmelten Segensworte und verließen den Saal.
Zurück blieben der König und seine engsten Berater, die stumm und bedenklich Blicke tauschten. Endlich räusperte sich Kerfegar, der Wesir, der bis dahin schweigend hinter dem Thron gestanden und alles scharf beobachtet hatte.
»Darf ich sprechen?«, fragte er.
Der König winkte nur auffordernd mit der Hand, zu aufgewühlt, um etwas zu sagen.
»Wir sollten die Patin des Prinzen zurate ziehen.«
Der Hofmagush und der Astrologus begannen gleichzeitig zu protestieren, verstummten aber eilig, als ein Blick des Shâyas sie traf.
»Fahre fort«, bedeutete der König seinem Wesir.
Kerfegar legte die Hände ineinander und deutete eine Verneigung an. »Die Fürstin zeigte in all den Jahren große Anteilnahme am Wohlergehen des Prinzen«, sagte er. »Sie schickt zu jedem Festtag einen Boten mit Geschenken und einer Grußbotschaft. Auch wenn sie nicht selbst erscheint ‒ was sicherlich daran liegt, dass die Peri Banu sich in anderen Sphären aufzuhalten pflegt als wir Sterblichen ‒, so hat sie sich doch immer gütig und herzlich gegen den Prinzen gezeigt. Es dürfte ihr nicht gleichgültig sein, dass der Schlangengott Amayyas mit einem Fluch ...«
Er verschluckte den Rest des Satzes, weil der König gebieterisch die Hand hob. »Mein Sohn wurde nicht verflucht«, sagte er grollend. »Niemand verflucht ungestraft den Sohn des Faridun.«
Der Wesir verneigte sich ergeben. »Aber«, wagte er einzuwenden, »selbst wenn dem so ist, was die Götter geben mögen ‒ was kann es schaden, die Patin des Prinzen um vorsorglichen Rat zu bitten?«
Der König versank in Grübeln. Huzvak und Jalbhai, der Magush und der Astrologus, warfen dem Wesir böse Blicke zu.
»Gut«, sagte Shâya Faridun schließlich und klatschte in die Hände. »Ich denke, dein Rat birgt keine Gefahr und kann möglicherweise hilfreich sein. Sende also nach der Peri Banu und lade sie vor meinen Thron.«
Der Wesir räusperte sich angelegentlich. »Um Vergebung, Großedler«, wagte er einzuwenden, »aber die Fürstin lässt sich nicht einfach so herbeizitieren. Es ist unumgänglich, ihr eine förmlich verfasste, persönlich unterzeichnete Einladung zukommen zu lassen, die in aller Höflichkeit darum bittet ...« Er verstummte, weil das Antlitz seines Herrn sich dunkel zu verfärben begann. »Ich werde also nach ihr senden«, sagte der Wesir hastig und verneigte sich tief.
Der junge Prinz stand derweil in seinem Schlafgemach am Fenster und blickte sehnsüchtig hinaus in den Orangenhain, der diesen Teil des Serails vom Palastgarten trennte. Die hellen Spitzen des seidenen Festzeltes waren über den Wipfeln der Bäume zu erkennen, und Amayyas glaubte, fröhlichen Lärm, Lachen und das Pfeifen, Trommeln und Fiedeln der königlichen Musiker vernehmen zu können. Und ‒ er schnupperte mit geblähten Nasenflügeln ‒ roch es nicht gar köstlich nach gebratenem, mit Nüssen und Sesam gefülltem Lamm, gesottenen Fischlein, gebackenen Kichererbsenbällchen, köstlicher, dicker Joghurttunke, süßem Konfekt und Marzipan? Er wandte sich seufzend vom Fenster ab und warf sich auf den breiten, weichen Diwan, von wo er mit aufgestütztem Kinn trübsinnig auf den kostbaren Teppich hinunterstarrte.
Die seidenen Vorhänge bewegten sich sacht im Wind, der just in dem Moment aufkam. Sie blähten sich stärker und wehten ins Zimmer, nahmen dem Jungen für einen Augenblick die Sicht, ein melodisches Singen lag für Sekunden in der Luft ‒ und da stand eine große, schöne Frauensperson in seinem Schlafgemach und sah ihn aus dunklen Augen liebevoll an.
»Mein Patenkind«, sagte sie mit süßer, klingender Stimme und reichte ihm die weiße Hand. »Ich bin hier, um zu sehen, was ich für dich tun kann.«
Der Prinz bemerkte, dass er den Mund aufgeklappt hatte und glotzte wie ein Eseltreiber. Er schloss den Mund und senkte wohlerzogen die Lider. »Du bist meine Tante, die Peri Banu?«, fragte er.
Die Feenfürstin bejahte und setzte sich zu ihm auf den Diwan. Sie nahm seine Hand und betrachtete eingehend Finger und Handfläche, wobei sie den Kopf wiegte. »Er hat einen wohlgesponnenen Fluch über dich gelegt«, sagte sie. »Ich kann ihn nicht lösen. Das habe ich befürchtet.«
Der Prinz sah sie bittend an. »Mein Vater wollte zur Feier meines Geburtstages morgen mit mir in die Wüste auf die Drachenjagd gehen«, sagte er. »Ich habe mich so sehr darauf gefreut, meinen ersten Drachen zu erlegen. Sag, Tante, ich kann doch mit der Jagdgesellschaft reiten?«
Die Peri Banu erwiderte seinen Blick. »So jung du bist, liebst du es schon, zu jagen und zu töten?«
Amayyas richtete sich stolz auf. »Ich bin ein guter Jäger, mein Vater ist stolz auf mich. Drachenjagd ist die hohe Kunst, die einem zukünftigen Herrscher wohl ansteht.«
»Du gleichst wahrlich deinem Vater«, sagte die Peri Banu lächelnd. »Er ist ein grausamer und harter König. Willst du es ihm gleichtun?«
Der Prinz hielt ihrem Blick stand. »Ein guter Herrscher muss Härte zeigen«, erwiderte er. »Das Volk soll sich darauf verlassen können, dass es mit fester und sicherer Hand regiert wird.«
»Und Grausamkeit?«, fragte die Peri Banu. Sie sah fasziniert aus. »Gehört auch sie zu den Qualitäten eines guten Herrschers?«
Der Junge schwieg und dachte nach. »Ja«, sagte er endlich. »Die Feinde des Königs müssen wissen, dass er ihnen mit Kraft, Entschiedenheit und Härte entgegenzutreten weiß. Das mögen Schwächere dann Grausamkeit nennen.«
Die Feenfürstin spitzte die Lippen. »Du wirst ein großer König. Oder, besser gesagt, du würdest es werden, wenn der Fluch von dir genommen wäre.« Sie legte die Hand an die Wange und neigte nachdenklich den Kopf. »Dein junger Erzieher, Aspantaman. Ist auch er der Meinung, dass Härte das wichtigste Merkmal eines guten Königs sein sollte?«
Der junge Prinz lachte verächtlich auf. »Aspantaman. Er ist doch kein richtiger Mann, Tante!«
Sie lächelte und tätschelte ihm den Kopf. Er drehte sich unwillig weg. »Wie fühlst du dich jetzt?«, fragte die Fee.
»Ich fühle mich ganz so wie immer.«
Die Peri Banu sah ihn unverwandt an. »Kannst du mir den Wortlaut des Fluches sagen?«
Der Junge runzelte die Stirn und wiederholte stockend, aber ohne Verdrehungen und Auslassungen die Worte Des Naga.
Die Peri Banu entließ ihn nicht aus ihrem Blick. Ihre Augen waren so schwarz wie die tiefe Nacht, und kleine Silberfunken tanzten darin. »Darum spürst du die Wirkung des Fluches noch nicht«, sagte sie, als der Junge endete. »Es ist der Mond, der den Zauber in Gang setzt. Heute ist die Nacht des Dunkelmondes, morgen wird die schmale Sichel der Jungfrau am Himmel zu sehen sein. Und je mehr der Mond sich rundet, desto stärker wirst du die Wirkung des Fluches verspüren. Mein Patenkind, Sohn meiner allerliebsten Freundin, du wirst Kraft, Mut und Standhaftigkeit brauchen.« Sie berührte mit ihren kühlen Fingern die Stirn und Schläfe des Jungen. »Es gibt nichts, was ich für dich tun könnte, zumindest nicht im Augenblick.«
Der Prinz regte sich unbehaglich unter der Berührung. »Was hat er damit gemeint, dass die Dunkle Nacht den Fluch von mir nimmt? Dass ich erst sterben muss, ehe der Fluch weicht?«
Die Peri Banu kniff mit unbehaglicher Miene die Lippen zusammen. Sie setzte zu einer Antwort an, schüttelte dann den Kopf. Der Prinz sah das Mitleid in ihrem Blick.
»Ich kann es dir nicht sagen«, erwiderte sie schließlich. »Möglicherweise betrifft dieser Teil des Fluches die Nacht des Dunkelmondes, wie sie einmal im Monat erscheint.« Sie umfasste den Kopf des Jungen und sah ihm in die Augen. »Nun schweig still und lass mich das Lied des Drachen hören.«
Er erwiderte ihren Blick, der so starr und fern war wie der kalte Glanz der Sterne. Seine Lider wurden schwer, und er sank in eine dunkle Betäubung, in der Stimmen in einer fremden Sprache unablässig wisperten und sangen, während er reglos in der Dunkelheit schwebte. Die Stimmen sangen ihre Beschwörungen, und ihr Gesang rann kalt und heiß zugleich durch seine Adern, während die Mondsichel sich über dem Horizont erhob.
Panther, wenn der Mond wächst ...
Ich hatte wieder diesen Traum. Den Traum, aus dem ich immer schreiend erwache, in Schweiß gebadet, am ganzen Leib zitternd.
Meine Eltern kommen darin vor, ich sehe sie ganz deutlich vor mir. Das ist seltsam, weil ich mich, wenn ich wach bin, an meine Eltern kaum erinnern kann. Ich habe nur eine Ahnung: eine sanfte Stimme, eine zärtliche Berührung, jemand, der mich im Arm hält und wiegt. Kein Gesicht, keine Erinnerung an Haltung, Ausdruck, Bewegung. Ich war einfach noch viel zu klein ...
Ich hätte gerne jemandem von diesem Traum erzählt. Manchmal ist es schwer, niemanden zu haben, zu dem man sich flüchten kann, der einen in die Arme nimmt und die Angst wegflüstert, weglacht. Seelenbruder, du bist der Einzige, mit dem ich wenigstens reden kann, wenn dieser Traum mich wieder überfallen hat ‒ aber du bist so weit entfernt. Wie sehr wünsche ich mir, dass ich dich berühren, deine Augen sehen, dein Lachen hören könnte.
Der Traum ist immer der gleiche. Ich erwache und finde mich in meinem Bett. Über mir glitzert der Traumwächter, dreht sich im Luftzug, der durch das Fenster hereinweht. Ich folge ihm mit den Blicken. Meist schlafe ich schnell wieder ein, wenn ich den Traumwächter beobachte, aber in dieser Nacht ist alles anders. Die Luft riecht seltsam, nach Gefahr, nach Wüste. Eisig kalt ist sie und so trocken wie ein leeres Flussbett.
Der Wind frischt auf, ein Fensterladen beginnt zu schlagen. Ich würde mich gerne aufrichten, nach der Decke angeln, denn ich friere, aber ich kann mich nicht bewegen.
Reglos wie eine Tote liege ich auf dem Rücken und starre den Traumwächter an, der immer heftiger zu schwingen beginnt. Seine schimmernden Steine, die sorgsam ineinandergeflochtenen Drähte, die herabbaumelnden Talismane, die die Dämonen vertreiben sollen, drehen sich wie wild im Kreis. Das Wirbeln und Funkeln macht, dass mir übel wird. Ich rufe nach meiner Mutter, aber meine Stimme ist schwach, piepsig hoch und der Ruf nur ein unartikulierter, jämmerlicher Schrei, wortlos und voller Angst.
Zu dem Wirbeln und Blitzen über meinem Kopf und dem Sausen des Windes, das immer lauter und heftiger wird, kommen nun neue, bedrohliche Bilder und Laute hinzu. Rufe, rau und wild, die fremd und schmerzhaft in meinen Ohren klingen. Ich kenne die Männer nicht, die da rufen, aber zwischen den fremden Stimmen höre ich die vertrauten Laute meiner Eltern. Das beruhigt mich für einen Moment. Ich bemerke jetzt erst, dass ich weine. Meine Tränen laufen kitzelnd an meiner Wange herab und tropfen auf das Kissen.
Die Stimmen werden leiser. Ich beginne trotz meiner Angst wieder in den Schlaf zu sinken. Dann schrecke ich erneut hoch, denn nun erklingt Gepolter, harte Schläge, etwas scheint umgefallen zu sein. Lautes Getrampel kommt dazu, jemand rennt durch das Haus. Schreie. Es donnert. Ein Gewitter? Aber wo ist der Blitz?
Dann schlägt die Zimmertür auf, Licht fällt auf mein Bett. Ich jammere, weine laut auf. Jemand kommt und reißt mich aus dem Bett, hebt mich in seine Arme. Der Geruch ist vertraut ‒ mein Vater ist es, der mich fest umklammert hält. So fest, dass ich vor Schreck aufhöre zu weinen. Er gibt beruhigende Laute von sich, wiegt mich im Arm, aber ich fühle, wie sein Herz schnell und aufgeregt schlägt.
Das Geschrei und Gepolter kommt näher. Mein Vater steht starr, wie gebannt.
Dann explodiert hinter uns das Fenster. Holz und Steine fallen ins Zimmer, auf den Boden, alles ist voller Staub. Etwas Riesiges drängt sich durch die Fensteröffnung, bricht durch die Mauer. In allen Farben glitzernde Juwelenaugen, die von einem inneren Feuer glühen. Glosende Glut spielt um Nüstern und ein Maul voller Zähne. Ich erkenne ledrige Schwingen und spitze Dornen, klauenbewehrte Fänge wie die eines riesigen Raubvogels, Schuppen, die schimmern wie flüssiges Gold und das Rot des Sonnenuntergangs ‒ ein Anblick, der gleichzeitig schrecklich und schön ist. Das riesige Tier zwängt sich vollends ins Zimmer. Sein Geruch ist metallisch und würzig zugleich, ledrig und salzig und hinterlässt einen Geschmack nach Sturm und Blitzen auf der Zunge.
Mein Vater drängt sich gegen die Wand, aber ich verspüre keine Angst. Er beugt sich schützend über mich und ruft eine Warnung.
Dann kommen die fremden Männer durch die Tür. Die ersten beiden prallen zurück, ich höre erschreckte Rufe. Aber die Nachdrängenden schieben die ersten weiter ins Zimmer, und dann sind sie überall. Blitzende Messer, Dolche, Schwerter. Vermummte Gesichter. Dunkle Kleider, Farben der Nacht. Ich schreie, und die Hand meines Vaters erstickt den Schrei. Er duckt sich mit mir hinter das Ungetüm, das nun seine Schwingen ausbreitet, fauchend wie eine riesige Katze, und seinen Feueratem in einem brüllenden, blendenden Strom gegen die Eindringlinge schickt.
Ich höre die schrecklichen Schreie der Männer, die in die Flammen geraten. Mein Vater drückt mein Gesicht gegen seine Brust, er hält mir die Ohren zu, aber ich höre trotzdem immer noch das Schreien, das Brüllen der Flammen, das laute Klingen der Messer, die auf die Schuppen des Drachen treffen.
Und dann höre ich einen Laut, der mein Blut zu Eis gerinnen lässt, einen Laut, den ich nie vergessen werde, solange ich auch leben mag: den Schrei des Drachen, der, tödlich getroffen von einem magisch verstärkten Schwert, seine Flügel ausbreitet und sie im vergeblichen Versuch aufzufliegen donnernd gegen die Wände schlägt.
Er schreit wie ein Mensch, und mein Vater schreit mit ihm, als sei auch er von der Waffe getroffen worden.
Dann umzingeln die Männer den Drachen, sie stoßen ihre Dolche und Schwerter in seinen Bauch, seine Flanken. Heißes Blut, heißer noch als kochendes Wasser, spritzt aus den klaffenden Wunden und versengt uns, die unter seinem mächtigen Leib kauern. Mein Vater, immer noch schreiend, legt mich auf den Boden und stürzt dem tödlich verwundeten Geschöpf zu Hilfe.
Ich kann nicht mehr sehen, was weiter geschieht, aber ich höre, höre alles. Und das Blut des Drachen fließt, sprüht, tropft über meine Haut, versengt sie, verbrennt sie. Schmerz und Angst sind so groß, dass ich zu sterben glaube.
Ich wache auf und mein Atem geht schnell. Ich hechele, als wäre ich gerannt. Mein Gesicht ist nass von Tränen und Schweiß. Ich liege in meinem Bett und ein sanfter Luftzug kühlt meine erhitzten Schläfen, fächelt über meinen Körper. Mein Zittern hört auf, und ich blicke auf den Traumwächter, der sich langsam über meinem Kopf dreht. Im Garten singt eine Nachtigall ihr süßes Lied. Keine Dämonen mehr in dieser Nacht.
Seelenbruder, was bedeutet dieser Traum? Warum träume ich ihn wieder und wieder? Ich bitte dich: Hilf mir, ihn zu deuten!
Das Mädchen saß an dem zierlichen Schreibtisch und führte das Schreibgerät mit geübten Zügen übers Papier, unterbrach den Fluss seiner Bewegungen nur, wenn es die Feder eintunkte und abstrich, um sogleich weiterzuschreiben.
Sein Blick war ernst und konzentriert, es wirkte vollkommen versunken in sein Tun, aber als die Frau, die soeben ins Gemach getreten war, sich leise räusperte, stockte die Feder weder, noch zuckte sie. Gleichmäßig weiterschreibend sagte das Mädchen: »Ja, Ajja? Was gibt es?«
Die Angesprochene näherte sich dem Tisch und strich mit einer unbeholfenen Handbewegung über den Kopf des Mädchens. Die wehrte die Liebkosung ungeduldig ab. »Lass doch«, sagte sie. »Was ist denn, Ajja?«
Die ältere Frau, in der äußeren Erscheinung eine Bedienstete, aber von Haltung und Gesicht, Farbe und Bewegungen her offensichtlich dem Wüstenvolk entstammend, legte die Hände vor der Brust zusammen und sagte: »Lilya, mein Täubchen, Licht meiner Augen. Du hast geweint, ich sehe es.«
Das Mädchen strich die Feder ab, legte sie beiseite und wandte sich der Dienerin zu. »Mir geht es gut«, sagte sie. »Mach dir doch nicht immer solche Sorgen. Ich habe schlecht geträumt, aber nun bin ich wach.« Sie lächelte die Dienerin an.
Ajja hockte sich vor sie hin, nahm ihre Hände und rieb sie fürsorglich zwischen den ihren. »Du hast so kalte Finger, mein Honigtröpfchen. Es tut dir nicht wohl, hier im dumpfen Gemach am Schreibtisch zu hocken. Möchtest du dich nicht draußen auf dem Altan ein wenig in den Schatten setzen? Oder möchtest du im Garten unter den Bäumen lustwandeln? Sieh, die Rosen duften und die Granatapfelbäume blühen. Ist es nicht eine Freude?«
»Ajja, hör auf.« Lilya entzog ihr ungeduldig die Hände. »Ich fühle mich wohl hier, es ist ruhig und kühl. Du weißt, dass ich den hellen Sonnenschein und die Hitze des Tages nicht vertrage ...«
Die Dienerin verbeugte sich hastig. »Schimpfe nicht mit deiner Ajja«, bat sie. »Ich werde einen Eunuchen rufen, der den Schirm über dich hält, und einen Jungen, der dir Luft zufächelt. Alles, was mein Täubchen wünscht und ihm wohltut.«
Lilya seufzte wieder. Ajja war ihre Dienerin, seit sie denken konnte. Sie war Lilyas Amme und Kindermädchen gewesen, und sie hatte ihr die Mutter ersetzt, nachdem diese gestorben war. Es gab keine treuere, liebevollere, besorgtere Glucke als Ajja ‒ und niemanden, der Lilya mehr auf die Nerven ging.
»Ich bin beschäftigt«, sagte Lilya. »Bitte, Ajja. Lass mich allein.« Sie legte schützend die Hand über das Geschriebene, obwohl sie wusste, dass ihre Amme des Lesens kaum mächtig war.
Die Dienerin erhob sich aus ihrer hockenden Stellung und senkte den Kopf. Lilya erkannte, dass sie sie verletzt hatte, und hob begütigend die Hand. »Du bist meine liebe Ajjaja. Ich wollte dich nicht kränken. Magst du mir ein Glas Granatapfelsaft holen?«
Das dunkle Gesicht des Kindermädchens leuchtete auf. Sie verneigte sich tief und klatschte in die Hände. »Du solltest auch etwas essen«, rief sie aus und lief zur Tür. »Granatapfelsaft für meine Blume. Deine Ajja eilt!«
Die Tür schlug zu. Lilya blickte unschlüssig auf das Geschriebene nieder, dann seufzte sie und begann ihr Schreibzeug zu säubern. Ajja würde gleich wiederkehren und sie mit ihrem Geschwätz zudecken wie mit einer dicken, weichen Daunendecke. Vom Turm war schon lange der Nachmittagsruf erklungen. Bald würde der Gong zum Essen geschlagen und sie wollte vorher noch ein Bad nehmen. Ihr Großvater hatte ihr versprochen, sich nach dem Abendessen mit ihr in der Bibliothek zu treffen und ihr ein paar Bücher herauszusuchen. Darauf freute sie sich schon seit Tagen und sie wollte frisch und ausgeruht dafür sein. Großvater fand nur noch so selten Zeit für sie.
Lilya ging zum Fenster und schob den dünnen Vorhang beiseite. Der süße Duft der blühenden Bäume strömte ins Zimmer. Es war immer noch heiß, aber von den Bergen wehte bereits der kühle Abendwind herab und bewegte das Laub der Bäume und Büsche im Garten. Eine Zikade sang ihr eintöniges Lied. Lilya schloss die Augen und atmete die würzige Luft. Ajja hatte recht, sie sollte viel öfter durch den Garten spazieren. Dann öffnete sie ihr böses Auge und versuchte, den nächstgelegenen Granatapfelbaum mit seinen großen, orangefarbenen Blüten zu erkennen, was ihr wie erwartet wieder nur schemenhaft gelang. Sie übte ihr Auge immer wieder, aber es wollte sich nicht bessern. Überdies begann ihr wie gewöhnlich nach ein paar Minuten von der Anstrengung der Kopf zu schmerzen und ihr wurde schwindelig.
Die Tür schwang auf, und Ajja eilte mit einem beladenen Tablett in den Händen herein, das sie am Fenster abstellte. Sie legte Kissen auf den Boden, ordnete die Polster so, dass man bequem darauf Platz nehmen konnte, und lud Lilya dann mit einer Handbewegung zum Niedersetzen ein.
»Ajja«, stöhnte Lilya, »wie soll ich das alles essen und nachher noch ein Abendessen schaffen?« Sie blickte fassungslos auf das Tablett, von dem sie Orangenfilets in Honig, Joghurt mit gehackten Mandeln und Pistazien, duftendes und zuckerüberstäubtes Konfekt, frisches Gebäck und Schalen mit leuchtendem Kompott und frischem Obst anlachten.
»Ich wollte doch nur ein Glas Saft«, jammerte das Mädchen und schlug die Hände vors Gesicht, weil das Gelächter sie im Hals zu kitzeln begann. »Ajja, du bist schrecklich!« Sie bemühte sich um eine ernste und tadelnde Miene, aber umsonst, das Lachen gewann den Kampf.
»Probier wenigstens von dem Konfekt«, lockte die Amme. »Du bist viel zu dünn, mein Vögelchen.«
Lilya ließ sich überreden. Sie setzte sich nieder und pickte an den Köstlichkeiten herum, während Ajja strahlend wie die Sonne neben ihr stand und unablässig plapperte.
»Lass mir ein Bad bereiten«, befahl Lilya und probierte einen Löffel Joghurt. Er schmeckte mild-säuerlich und war fein abgeschmeckt mit Honig und Orangenschale, und während sie ihn auf der Zunge zergehen ließ, bemerkte Lilya überrascht, dass sie hungrig war. Das war gut, denn ihr Großvater zeigte sich nicht weniger besorgt als Ajja, was Lilyas mangelnden Appetit anging.
Sie kostete deshalb nur noch sehr vorsichtig von dem süßen Mandelpudding und zog sich dann mit einem Glas ihres über alles geliebten Granatapfelsafts in die Fensternische zurück. Ajja war hinausgeeilt, um das gewünschte Bad bereiten zu lassen, und Lilya genoss die Ruhe. Sie lehnte den Kopf an den sonnenwarmen Stein der Wand und schickte ihre Gedanken hinaus, in den Garten, über die hohe Mauer, zu den schneegekrönten Gipfeln des fernen Gebirges, über dem in eisiger Stille die weißköpfigen Adler ihre Kreise zogen.
Während sie so träumend saß, schabten die Finger ihrer guten Hand in einer langsamen, kreisenden, mechanischen Bewegung über ihren bösen Arm, um das tief sitzende, unaufhörliche Jucken und Brennen zu besänftigen.
»Dein Bad ist fertig, mein Zuckerstückchen.« Ajja stand in der Tür, einen Stapel weicher Tücher im Arm. Lilya fing ihren Blick auf, der mitleidig und ein wenig ängstlich auf ihr ruhte. »Tut es weh?«
Das Mädchen schob hastig den Ärmel aufs Handgelenk hinunter und stand auf. »Nein«, sagte sie schroff.
Im Bad ließ sie sich von ihrer Amme und der Sklavin entkleiden und waschen, dann setzte Lilya sich auf die runde Marmorbank in der Mitte des Raumes und genoss die Hitze. Die Schwaden, die den Raum erfüllten, dufteten nach Kräutern, und das Öl, mit dem Ajja sie nach dem Waschen eingerieben hatte, sorgte dafür, dass ihre böse Haut zu kribbeln aufhörte und sich weich und geschmeidig anfühlte.
Sie legte sich zurück und schloss die Augen, um ein wenig zu dösen. Die Sklavin stand schweigend neben der Tür. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, aber Lilya spürte immer noch den Blick, der sie getroffen hatte, als sie ihrer Kleider ledig auf dem warmen Steinboden gestanden hatte. Die Sklavin gehörte zu denen, die vor Kurzem erst gekauft worden waren, nachdem ihr Großvater zwei der Alten ihre Freiheit geschenkt hatte. Ein Mädchen und ein Junge waren es, ungefähr in Lilyas Alter oder etwas älter. Dem Jungen war Lilya erst einmal flüchtig begegnet, er hatte sich eng an die Wand des Ganges gepresst, der zur Küche hinunterführte, und sein Gesicht in einer demütigen Geste mit den Händen bedeckt, um sie nicht ansehen zu müssen, wie es sich gehörte. Deshalb konnte sie nicht sagen, wie er aussah oder welchem Volk er angehörte.
Das Mädchen war nicht so dunkel wie Ajja. Sie musste teuer gewesen sein. Je heller eine Sklavin war, desto mehr Geld brachte sie auf dem Sklavenmarkt. Lilya warf unter gesenkten Lidern einen neugierigen Blick auf sie. Sie hatte schönes braunes Haar mit helleren Strähnen darin und eine Hautfarbe wie Milch mit einem Schuss Mokka. Genau genommen war sie sogar heller als Lilya selbst.
Lilya drehte sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht zwischen den Armen. Ihr eigener Teint war kräftig getönt, ihr Haar schwarz wie die Mitternacht und sie hatte dunkelgrüne Augen ‒ das immerhin. Niemand hier im Haus ließ es sie spüren, dass sie nicht so zart und hell wie eine echte Sardari aussah. Ihr Großvater hätte jeden auspeitschen lassen, der seine Enkelin despektierlich behandelte. Aber Lilya bemerkte die verstohlenen Blicke, und sie konnte mit ihrem scharfen Gehör die geflüsterten Bemerkungen sehr wohl vernehmen, die hier und da fielen. Dass sie wohl kaum eine reinblütige Sardari sei. Dass der Herr (ihr Großvater) in Wirklichkeit wohl doch ihr Vater sein müsse und sie nur deswegen so verhätschele, weil sie die Tochter seiner dunkelhäutigen Favoritin sei. Dass deshalb seine Hauptfrau einst versucht habe, sie zu töten, und das sei auch der Grund, dass Lilya ... und hier wurde das Wispern und Flüstern immer so leise, dass sie die Worte nicht mehr verstehen konnte, aber sie wusste, was das Getuschel besagte. Sie kannte die Gerüchte und Geschichten, die durch das Frauenhaus, die Sklavenquartiere und die Bedienstetenkammern flogen wie Fledermäuse durch den nächtlichen Garten.
Lilya setzte sich auf und winkte der Sklavin, sie möge ihr das Badetuch bringen.
»Wie heißt du?«, fragte sie, während das Mädchen das Tuch um Lilyas Körper schlug, wobei es sichtlich vermied, allzu neugierig auf Lilyas bösen Arm zu starren.
»Mein Name ist Hennu, Herrin«, flüsterte das Mädchen mit niedergeschlagenen Augen.
Lilya lächelte. So unverschämt ihr Blick vorhin gewesen war, so demütig zeigte sie sich jetzt. Ajja schien ihr wohl etwas dazu ins Ohr geflüstert zu haben. Ihr altes Kindermädchen legte großen Wert darauf, dass die Dienerinnen sich Lilya gegenüber nicht unehrerbietig oder frech aufführten.
»Ist der neue Küchenjunge dein Verwandter, Hennu?« Lilya steckte das Tuch fest und schlüpfte in ihre bestickten Pantoffeln.
»Nein, Herrin. Yani ist nur ein Junge aus meinem Dorf.«
Lilya nickte uninteressiert. Warum hatte sie nach einem Sklavenjungen gefragt, der aus irgendeinem Wüstendorf stammte? Sie hegte keine Sympathie für das Wüstenvolk. Niemand tat das. Die Wüstenleute waren dreckig, dumm und rückständig, nicht besser als Vieh. Sie lungerten als Bettler in den Straßen der Stadt herum oder trieben ihre Geschäfte auf dem Basar, und wer ihnen zu nahe kam, lief Gefahr, bestohlen und betrogen zu werden. Sie rochen nicht gut und konnten weder lesen noch schreiben oder sich irgendwie benehmen.
Ohne die Sklavin weiter zu beachten, ging Lilya zur Tür. »Mein Mantel«, befahl sie, und das Mädchen eilte mit dem seidenen Umhang herbei, legte ihn um ihre Schultern und ordnete die weite Kapuze so, dass Lilyas Gesicht in ihrem Schatten lag. Lilya wartete, bis Hennu die Tür öffnete, und schritt dann hinaus.
Das Abendessen im großen Gartenzimmer war der Zeitpunkt des Tages, an dem die ganze Familie des Begs zusammenkam. Kobads Hauptfrau Katayun thronte am Kopf des Frauentisches und sorgte mit strengem Blick dafür, dass vor allem die jüngeren Frauen und Mädchen sich ihrem Rang entsprechend zurückhaltend benahmen und den Älteren gebührenden Respekt erwiesen.
Lilya saß an einem der kleinen Tische am Ende des Raumes, zusammen mit ihren Cousinen und den beiden Frauen ihres jüngsten Onkels, von denen die eine kaum älter war als Lilya. Katayuns strenger Blick war angenehm weit weg, und selbst, wenn er einmal wie ein Dolch herüberfuhr, weil eins der Mädchen zu laut lachte, hatte das doch keine unangenehmen Folgen. Eigentlich hätten die Abendessen in der lachenden, durcheinanderschwatzenden Gesellschaft der gleichaltrigen Mädchen eine angenehme und entspannende Angelegenheit sein müssen, aber Lilya war an jedem Abend froh, wenn Katayun in die Hände klatschte, die Diener die Tische wegbrachten und Lilya sich wieder in ihr Zimmer flüchten konnte.
Sie hielt den Blick starr auf ihre Finger geheftet, die eine Orange schälten. Das nicht sonderlich gedämpfte Getuschel zwischen ihren Cousinen Deyazad und Parviz drehte sich um Lilya: wie sie aussah, wie sie sich gab, wie hässlich und unfreundlich sie war, wie dumm und frech. Lilya presste die Lippen zusammen und hörte, so gut es eben ging, weg. Sie kannte jedes dieser bösen Worte nur zu gut. Sie war dunkel wie ein Wüstenmädchen, ihre Eltern waren tot, und sie war auf die Wohltaten angewiesen, die ihr Großvater ihr zukommen ließ. Natürlich war sie ebenso Kobads Enkelin wie Deyazad und Parviz ‒ aber durch den Tod ihrer Eltern war sie gleichzeitig auch vogelfrei und auf seltsame Weise in den Rang einer Bittstellerin und armen Verwandten hinabgestuft worden. Eine dunkelhäutige Waise mit hässlichen Narben, die sich noch dazu weigerte, unterwürfig und demütig zu sein, sondern es sich herausnahm, sich als ebenbürtiges Mitglied des Kobad’schen Haushaltes aufzuführen. Und der Beg schien sie zu alledem auch noch zu bevorzugen, denn sie war die einzige seiner Enkelinnen, der er seine kostbare Zeit schenkte, die er unterrichtete und mit in sein geheiligtes Arbeitszimmer nahm.
Das Getuschel und Gekicher wandte sich anderen Themen zu. Da war ein junger Janitscharen-Leutnant, der gelegentlich zu einem ihrer Onkel zu Besuch kam und in den sich alle jüngeren weiblichen Mitglieder des Haushaltes verguckt zu haben schienen. Um ihn und seinen prächtigen schwarzen Schnurrbart drehte sich das Gespräch jetzt, und Lilya wagte es, sich zu entspannen und den Blick von ihrem Teller zu heben.
Tante Gulzar sah sie an und lächelte. Sie war eine der jüngsten Töchter des Begs, und im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern begegnete sie Lilya immer freundlich. Sie nickte Lilya zu und beugte sich zu ihr. »Magst du die kandierten Feigen probieren?«, sagte sie und reichte Lilya den Teller.
Lilya bedankte sich, erwiderte das Lächeln ihrer Tante von ganzem Herzen und nahm sich zwei der Feigen, obwohl sie wusste, dass sie ihr viel zu süß sein würden.
Gulzar lächelte noch einmal, nickte ihr zu und wandte sich dann ab, um mit einer ihrer Schwestern über einen bevorstehenden Besuch im Basar zu reden. Lilya biss in die Feige, seufzte und wünschte sich auf ihr Zimmer.
Ich weiß, du kennst meinen Großvater nicht, Seelenbruder. Ob ihr euch mögen würdet? Seltsam, ich weiß es nicht.
Großvater ist der Beg dieser Stadt. Das erzählt mir Ajja jeden Tag, weil sie so stolz darauf ist, dass ihr »Täubchen« einer so vornehmen, hochgestellten Familie entstammt.
Mir ist das nicht wichtig. Ich gehe nie in die Stadt, ich mag das Gedränge nicht, den Lärm, den Gestank. Das Haus ist groß, und es hat viele Gärten, in denen ich spazieren gehen kann, wenn ich das möchte.
Ob mir das nicht langweilig wird, fragst du? Aber wie sollte es mir je langweilig sein. Ich kann mich mit dir unterhalten, und ich habe meinen Großvater, auch wenn ich ihn nicht sehr oft sehen darf. Aber er sucht mir Bücher aus seiner Bibliothek heraus. Und ein paar Mal hat er mich mit in sein Arbeitszimmer genommen und mich durch sein großes Fernrohr in den Nachthimmel sehen lassen und mir von den Experimenten erzählt, die er nachts in seinem Laboratorium betreibt.
Wenn ich etwas älter bin, will er mich in seine Kunst einweihen. Er glaubt, ich hätte Talent dazu, aber wenn ich ehrlich sein soll, begreife ich nicht viel von dem, womit er sich dort oben in seinem Studierzimmer beschäftigt. Aber dazu müsste ich wahrscheinlich ebenso lange Jahre lernen und forschen und lesen, wie er das getan hat. Er spricht alle Sprachen der Welt, und er sucht seit vielen, vielen Jahren schon nach dem Geheimnis, das den Menschen ewiges Leben verleiht.
Er hat mir erzählt, dass schon viele weise Männer vor ihm vergeblich nach diesem Geheimnis gesucht haben und dass auch er es wahrscheinlich nie ergründen wird ‒ aber ich glaube, dass es ihm gelingt, Seelenbruder. Ist das nicht aufregend? Ewiges Leben ‒ ach, hätte er das Rätsel doch schon gelöst!
Er wollte mich heute nach dem Essen in der Bibliothek sehen. Wie habe ich mich darauf gefreut. Ich habe kaum einen Bissen heruntergebracht. Und das alberne Geschwätz der Frauen und Mädchen ertragen zu müssen, ehe ich zu ihm in die Bibliothek gehen durfte, hat mich beinahe verrückt gemacht.
Kennst du unsere große Bibliothek? Sie soll einmalig sein in ganz Gashtaham. Der Shâya selbst soll in seinem Königspalast keine größere, kostbarere und umfassendere Sammlung aufzuweisen haben als mein Großvater, der doch nur der Beg dieser Stadt ist.
Ich bin die Treppen hinaufgerannt, obwohl sich das nicht geziemt und Ajja mich sicher dafür gescholten hätte. Dann habe ich die schwere Tür aufgedrückt und gerufen: »Ich bin es, Lilya!«
Er war nicht da. Oh, ich war so enttäuscht! Ich bin durch die Räume gegangen, die so hoch und düster sind, voller Regale und Schränke, Stehpulte und Nischen, in denen Kisten und Gestelle für die Schriftrollen stehen. Es ist immer fast völlig still in diesen Räumen, man hört nur das leise Rascheln von Papier und das Seufzen der Regale, die die Last der Bücher tragen müssen. Es riecht nach Leder, Staub und Tinte und nach etwas, das wahrscheinlich die Worte sind, die auf all diesen unendlich vielen Seiten geschrieben stehen. Es gibt Bücher dort, die so groß sind wie eine Tischplatte, und andere, klein wie mein Fingernagel. Bücher aus Holz und Bücher aus Seide, gerollte Bücher und Bücher, die wie eine Ziehharmonika gefaltet sind.
In allen Sprachen der Welt flüstern die Seiten einander zu. Manche von ihnen sind bunt bemalt und wunderschön illuminiert; große Tafeln zeigen Drachen und farbenprächtige Vögel, fremde Früchte und Blumen, deren Duft man zu schnuppern glaubt. Schmetterlinge tanzen über die Seiten, und Ritter stechen sich mit langen Lanzen von ihren Pferden, die vor Eisen kaum laufen können. Fräulein mit seltsamen Kopfbedeckungen winken mit zarten Taschentüchern von hohen Türmen, und unten kämpft ein eisengerüsteter Recke mit einem Löwen. Es gibt Bilder von fremden Ländern und Städten, seltsam gekleideten Menschen, düsteren Wäldern und hohen Gebäuden. Eigenartige Tiere sind dort abgebildet und wundersame Fabelwesen, die so aussehen, als stammten sie aus einem Märchen.
Und dann gibt es all die dunklen Bücher, die schwer sind von dem Wissen, das sie beherbergen. Darin findest du Sternzeichen und seltsame Gebilde, die das Innere von Steinen und die Lebensadern der Menschen abbilden. Aufgeschnittene Körper, eigenartige Apparaturen und seltsame Symbole sind dort aufgezeichnet, Zahlen und Zeichen, die niemand entziffern kann, geheimnisvolle Worte und Beschwörungen, die Dämonen aus der Hölle und Tote aus dem Tiefen Reich an das Licht des Tages rufen können. Hu. Ich grusele mich, wenn Großvater mir davon erzählt, aber es ist ein schöner, wohliger Schauder, der mir über die Glieder läuft. Ich liebe die Bibliothek mehr als alles andere in diesem Haus. Aber die Bücher gehorchen allein meinem Großvater, und wenn er nicht da ist, will keins von ihnen mit mir sprechen.
Der alte Beg saß reglos in einem Sessel, der mit seiner hohen Lehne an einen Thron erinnerte. Er beobachtete unter gesenkten Lidern das Mädchen, das mit zögernden, tastenden Schritten durch die dunklen Regalgänge auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, und er betrachtete sie so prüfend und kalt, wie man eine Fremde anschaut. Sie war nicht groß gewachsen, aber schlank und von zierlichem Körperbau. Ihre Bewegungen waren anmutig, ihre Haltung stolz. Das Haar, so dunkel, dass nur der gedämpfte Schimmer der Öllampe anzeigte, wo ihr Kopf aufhörte und der Schatten begann, glänzte wie Seide. War es nicht so, dass sie trotz ihrer dunklen Farben ganz und gar wie eine Sardari erschien? Jeder in diesem Haus achtete sie als Enkelin des Begs von Mohor und entfernte Verwandte des Shâyas, der über diesen Weltkreis herrschte.
Shâya Faridun, der Unersättliche. Lilya durfte ihm und seinen Magiya um keinen Preis in die Hände fallen.
Sie wandte den Kopf, als hätte jemand ihren Namen gerufen. Der Blick ihres unverhüllten Auges fiel auf den reglos Sitzenden, glitt über ihn hinweg. Der alte Beg lächelte. Seine Kräfte mochten im Schwinden begriffen sein wie die des abnehmenden Mondes, aber noch rann ihr langsam erkaltendes Feuer durch seine Adern, noch beherrschte er die dunklen Künste wie kein Zweiter in dieser Stadt.
Wieder drehte das Mädchen den Kopf, wieder wandte sie ihr Gesicht dem alten Mann zu. Ihr Schleier wehte in der Bewegung beiseite, und das versehrte, im Zwielicht trüb schimmernde Auge richtete sich auf ihn.
»Großvater«, sagte sie. »Ich habe dich nicht gesehen.«
Seine Brust hob sich in einem langen Atemzug. Er bewegte unmerklich die Finger, hob den Bann auf, der ihn vor ungeübten Augen verbarg. Nein, die Magiya des Königs durften ihre gierigen Hände nicht auf dieses Mädchen legen! Sie war sein, und er hatte in den letzten Jahren einen großen Teil seiner Zeit und Kraft in ihre Erziehung und Veredelung gesteckt. Kein Fremder sollte daraus Nutzen ziehen.
»Lilya«, sagte er leise ihren Namen. »Komm zu mir.«
Er weidete sich an ihrem Anblick, als sie nun auf ihn zueilte, lächelte, die Hände nach ihm ausstreckte. Das helle, fließende Gewand aus zartem Seidenstoff, das sie über der schmal geschnittenen, rosenfarbenen Hose trug, die zierlichen, bestickten Pantöffelchen, der wehende Schleier, der ihr vom Kopf auf die Schultern glitt, während sie sich zu seinen Füßen auf dem samtbezogenen Hocker niederließ, die leise klimpernden Armreifen aus Gold, Silber und Kupfer ‒ ihre ganze Erscheinung und Haltung erinnerte ihn an die Peris, die Feen, die er in seiner Jugend im Steinernen Wald gesehen hatte.
»Meine Lilya«, sagte er und zog sie an sein Herz, um sie auf die Stirn zu küssen. »Wie befindest du dich?«
»Es geht mir gut, Großvater«, sagte sie. Ihre Augen, das strahlend grüne und das verschleierte, musterten ihn eindringlich. »Mein lieber Baba, du siehst müde aus. Bin ich dir keine Last?«
Er verneinte und erhob sich. Seine Hand lag schwer auf Lilyas Schulter. Hochgewachsen und etwas gebeugt stand er da, das eisengraue Haar mit einer bestickten Kappe bedeckt und den eckig geschnittenen, weißen Bart sauber gekämmt. Seit Lilya denken konnte, trug er immer nur dunkle Kleidung; meist einen langen, weiten Mantel mit goldener und silberner Stickerei über einer strengen Hose und hochgeschlossenen Jacke. Heute aber war er in ein weich fallendes, langes Hemdgewand gekleidet und hatte seinen Mantel nur nachlässig über die Schultern geworfen. »Gehen wir in mein Studierzimmer«, sagte er. »Ich habe die Bücher schon herausgesucht, die ich dir geben wollte.«
Während sie langsam zu der gewundenen Treppe gingen, die aus der Bibliothek in die oberen Geschosse des Hauses führte, die der Beg allein bewohnte, fragte er: »Hat dein Schlaf sich verbessert, seit ich dir die Arznei gab?«
Lilya hob die Schultern. »Chival sucht mich immer noch heim. Aber ich trotze ihm, Baba.« Sie hob das Kinn.
Ihr Großvater nickte nachdenklich. »Wir werden etwas anderes versuchen, um den bösen Traumdämon zu vertreiben. Ich habe eine Beschwörung ersonnen, der ich einige Wirksamkeit zutraue.« Der Druck seiner Hand verstärkte sich, während sie die Treppe hinaufstiegen. Sein Atem ging schwer. Lilya ertrug klaglos den klammernden Griff, obwohl seine Finger sich schmerzhaft in ihre Schulter bohrten.
»Fürchtest du dich?«, fragte ihr Großvater, als sie das obere Ende der Treppe erreicht hatten und dort pausierten, damit er wieder zu Atem kam.
Lilya lachte. »Ich fürchte mich doch nie, Baba.«
Sein Blick, ernst und dunkel, ruhte auf ihr. »Nein«, erwiderte er nach einer Weile. »Nein, das tust du nicht.« Sein düsteres Gesicht erhellte sich. »Ich habe ein Geschenk für dich«, sagte er. »Du bekommst es, wenn du errätst, was es ist.«
Lilya klatschte in die Hände. »Ein Geschenk!«, rief sie aus. »Oh, ich liebe Geschenke!«
Sie folgte dem Beg in sein Studierzimmer.
Groß war es und düster wie die Bibliothek. Die Fenster, die zum Garten hinausschauten, waren mit dichten Vorhängen verdeckt. Überall auf den Truhen, Tischen und Wandborden standen Öllampen und Kerzen. Bücher stapelten sich auf dem Boden und den Truhen, Schriftrollen und Schreibzeug, allerlei Gerätschaften und Glaskolben; Flaschen und verschlossene Gefäße standen in Regalen und auf den vielen Tischen, die Flüssigkeiten und zerstoßene Kräuter, geriebene Mineralien und sogar Gifte enthielten, wie sie wusste.
Und dann waren da die Käfige. Große, kleine, eckige, runde. Darin raschelte und kratzte es bei ihrem Eintreten, es flatterte, huschte und rumpelte.
