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Drachen, Freundschaft - und ein uralter Kampf zwischen Gut und Böse ... Als der zwölfjährige Billy in ein abgelegenes Ferienlager geschickt wird, ahnt er noch nicht, welche Abenteuer ihn erwarten. Tief in den Bergen liegt ein uraltes Geheimnis verborgen. Seit Jahrhunderten sind dort vier mächtige Drachen gefangen. Jetzt brauchen sie Hilfe, um ihre Freiheit zurückzuerlangen. Doch die Zeit drängt. Eine dunkle Macht droht, das Gleichgewicht zwischen der Welt der Menschen und der Drachen zu zerstören. Billy und seine neuen Freunde müssen all ihren Mut zusammennehmen und sich ihren größten Ängsten stellen. Denn ein gewaltiger Kampf zwischen Gut und Böse steht bevor ... "Dragon Mountain" ist der erste Band einer mitreißenden Fantasy-Serie – über Drachen, Freundschaft, Zusammenhalt und den Mut, über sich hinauszuwachsen! - Das ideale Geschenk: Perfekter Lesestoff für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren - Richtig gute Serie: Fesselndes Jugendbuch über Drachen, Mut und Freundschaft - Lesespaß garantiert: Fantastische Welten, starke Charaktere und atemlose Spannung
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Veröffentlichungsjahr: 2026
KATIE & KEVIN TSANG
Aufbruch ins Drachenreich
Aus dem Englischen von Doris Attwood
arsEdition
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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2026
© 2026 arsEdition GmbH
Friedrichstraße 9, D-80801 München
arsedition.de/service
Text copyright © Katie & Kevin Tsang, 2020
Titel der Originalausgabe: Dragon Mountain (Dragon Realm)
Die Originalausgabe ist 2020 bei Simon & Schuster Children’s UK erschienen.
Alle Rechte vorbehalten
Text: Katie & Kevin Tsang
Übersetzung: Doris Attwood
Umschlaggestaltung: Grafisches Atelier arsEdition
unter Verwendung des Originalcovers
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN eBook 978-3-8458-6970-4
ISBN Printausgabe 978-3-8458-6968-1
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Für Evie, unser Drachenbaby
Berge haben stets Geheimnisse.
Und dieser hatte mehr als die meisten. Hoch und majestätisch ragten seine zerklüfteten Gipfel in den Himmel auf, unergründlich und unbeweglich.
Und dennoch, wenn man ihn betrachtete – nicht nur einen flüchtigen Blick darauf warf, sondern ihn wirklich betrachtete –, schien es manchmal, als würde er atmen.
Wer lange genug darauf starrte, konnte glatt anfangen zu glauben, es sei ein ganz anderer Berg.
Es gab jemanden, der diesen Berg schon seit sehr, sehr Langem betrachtete.
Und er kam zu dem Schluss, es sei an der Zeit, dass der Berg ihm seine Geheimnisse enthüllte.
✳
Tief im Inneren des Bergs regte sich eine mächtige Kreatur im Schlaf. Ihre Augen rollten im Kopf zurück und sie breitete ihre Flügel aus. Urplötzlich schnellte sie hoch und versuchte sich zu erinnern, was sie in dem Albtraum gesehen hatte.
Dunkelheit. Alles, was sie gesehen hatte, war Dunkelheit und Trostlosigkeit.
Die Kreatur erschauderte, schloss die Augen und versuchte, wieder einzuschlafen.
Sie wartete auf etwas, auf jemanden, schon seit langer Zeit. Doch sie konnte nicht länger warten.
Billy Chan wusste zwei Dinge mit absoluter Sicherheit. Er hatte fantastisches Haar und er war der beste Surfer in der Altersklasse zwischen elf und vierzehn Jahren in ganz Kalifornien.
Allerdings ging er nicht davon aus, dass eines dieser beiden Dinge ihm in seiner momentanen Situation weiterhelfen würde. Er war ganz allein. Auf einem Bahnhofsgleis. Irgendwo im Nirgendwo mitten in China. Die Zugfahrt war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Er wusste noch nicht einmal, wie spät es war. Er fasste in seine Hosentasche und schloss die Hand um seine Glücksmuschel. Wenigstens trug er ein kleines Stück von zu Hause bei sich.
Rings um ihn ragten riesige, von leuchtend grünem Laub bedeckte Berge in schwindelerregende Höhen auf. Selbst die Wolkenkratzer, die er vor ein paar Tagen in Hongkong gesehen hatte, hätten hier winzig gewirkt.
Der einzige Hinweis darauf, wo genau er sich befand, stand in abblätternden chinesischen Schriftzeichen in verblasstem Gelb über dem Bahnhofseingang. In chinesischen Schriftzeichen, die Billy nicht lesen konnte.
Er hoffte wirklich inständig, dass er sich am richtigen Ort befand.
Billy blickte sich nach den Mitarbeitenden des Ferienlagers um, an dem er teilnehmen würde. Des Ferienlagers, zu dem seine Eltern ihn gezwungen hatten, damit er »sein Mandarin verbessern« und »mehr über seine chinesischen Wurzeln lernen« konnte. Obwohl Billy in diesem Sommer etwas ganz anderes hatte tun wollen, nämlich den ganzen Tag mit seinen Freunden surfen gehen.
Doch er konnte niemanden von dem Feriencamp entdecken. Die einzigen Leute in der Nähe waren zwei alte chinesische Frauen, die an einem wackligen Tisch saßen, Mahjong spielten und kicherten, während sie die grünen Steine verschoben.
»Hallo?«, rief er. »Ni hao?«
Eine der alten Frauen blickte auf und deutete mit einem Winken auf das winzige Bahnhofsgebäude.
Billy bedankte sich mit einem Nicken, ging hinein und zog seinen Koffer hinter sich her.
Es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen nach dem grellen Sonnenlicht draußen an das Halbdunkel im Bahnhofsgebäude gewöhnt hatten. Er stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Im Raum verteilt waren rund ein Dutzend Kinder in seinem Alter.
Ein etwas älterer chinesischer Junge mit zurückgegeltem schwarzem Haar schlenderte auf ihn zu, ein Klemmbrett in der Hand. Er beäugte Billy von oben bis unten und wirkte eindeutig unbeeindruckt.
»Du musst Billy Chan sein«, sagte er.
Billy nickte.
Der Junge seufzte tief, als sei Billy kennenzulernen das Nervigste, das ihm an diesem Tag passiert war. »Endlich«, stöhnte er. »Hast dir ja ganz schön Zeit gelassen, hier aufzulaufen.«
Billy errötete. Das fing ja ziemlich miserabel an. »Na ja, dieser Ort hier ist richtig weit von Kalifornien entfernt. Außerdem hatte mein Zug Verspätung …«
»Ni shuo putonghua ma?«, unterbrach der Junge ihn und zog eine Augenbraue hoch.
Billy erwiderte nichts. Er hatte verstanden, dass der Junge wissen wollte, ob er Mandarin sprach, und ihm war bewusst, dass eine Herausforderung in der Frage steckte.
»Yi dian dian«, antwortete er und gab sich Mühe, die Worte, die »ein kleines bisschen« bedeuteten, korrekt auszusprechen.
Der ältere Junge runzelte die Stirn. »Ich schätze, dann bist du wohl nicht so chinesisch, wie dein Name vermuten lässt, Billy Chan.«
Billy war daran gewöhnt. Daran, dass Leute herauszufinden versuchten, woher er kam. Er wusste, was der Junge wissen wollte. »Mein Dad ist Chinese, aus Hongkong, und meine Mom ist weiß«, erklärte er. »Meine Eltern haben mich in dieses Feriencamp geschickt, damit ich mein Mandarin verbessere.« Er versuchte, den verbitterten Unterton aus seiner Stimme fernzuhalten. Billy hatte seinen Eltern noch immer nicht verziehen, dass sie ihn für den ganzen Sommer zu einem Feriencamp mit Sprachkurs und kulturellem Austausch nach China geschickt hatten. Er sah die anderen Kinder an, die sich um ihn versammelt zu haben schienen. »Darum sind wir schließlich alle hier, richtig?«
Das vielfache Kopfnicken und die lächelnden Gesichter, die er als Antwort erhielt, ermutigten ihn ein wenig.
»Wie auch immer«, murmelte der ältere Junge gelangweilt.
»Und wer bist du?«, fragte Billy ihn mit so viel Selbstbewusstsein in der Stimme, wie er aufbringen konnte.
Der Junge blickte über seine Nase hinweg auf Billy herab. »Ich bin Jay-Jay. Mein Großvater leitet das Feriencamp.«
»Alles klar, Boss«, erwiderte Billy und hoffte, Jay-Jay entging sein sarkastischer Unterton nicht. Er nahm sich vor, ihm um jeden Preis aus dem Weg zu gehen.
Im selben Moment stürmte ein runzliger Chinese mit langem weißem Bart in das Bahnhofsgebäude und bewegte sich für sein Alter geradezu rasend schnell. Er sah uralt aus, so als sei er direkt aus der Vergangenheit herbeigereist.
»Willkommen, ihr alle! Ich bin der Leiter des Feriencamps. Es ist mir ein Vergnügen, euch kennenzulernen. Ihr könnt mich Jin laoshi nennen.«
Ein Mädchen mit langem blondem Haar, das ihm fast bis zur Taille reichte, reckte eine Hand in die Luft. »Wie in ›goldener Lehrer‹?« Sie hatte einen Südstaatenakzent. Wahrscheinlich stammte sie aus Alabama oder so, vermutete Billy.
Der alte Mann lachte. »Genau! Wie ich sehe, spricht hier jemand bereits ein bisschen Mandarin.«
Billy wünschte, er hätte sich daran erinnert, dass laoshi Lehrer bedeutete. Es war eins der ersten Wörter gewesen, die er in der chinesischen Schule zu Hause in San Francisco gelernt hatte. Plötzlich machte er sich riesige Sorgen, dass alle hier besser sein würden als er. Und noch schlimmer: Die anderen würden vielleicht auch noch erwarten, dass er besser sei als sie, nur weil er teils chinesischer Abstammung war. Es spielte keine Rolle, dass die Familie seines Vaters aus Hongkong stammte und Kantonesisch sprach, eine andere Variante des Chinesischen. Er betrachtete die eifrigen Gesichter der anderen Kinder. Sie schienen sich alle zu freuen, hier zu sein. Billys Handflächen begannen zu schwitzen und sein Hals fühlte sich ganz heiß an. Er wünschte, er könnte wieder in den Zug steigen, sich ins nächste Flugzeug setzen und nach Hause fliegen.
»Ihr könnt mich auch einfach Lao Jin oder Old Gold nennen«, fuhr der Mann fort. »Außerhalb des Unterrichts müsst ihr nicht Mandarin sprechen. Aber das erkläre ich euch alles, wenn wir im Feriencamp sind. Und jetzt kommt mit«, forderte er sie auf. »Unser Abenteuer beginnt.«
Billy folgte Old Gold und den anderen auf den Parkplatz hinaus, wo ein ausgebleichter, gelb und grün lackierter Van wartete. Billy fand, dass der Wagen mindestens doppelt so alt aussah wie er. Old Gold riss die Tür auf und präsentierte ihnen zwei Reihen mit sechs Sitzen, wie in einem Minibus.
Billy stieg ein und setzte sich nach hinten. Ein Junge mit kurzem braunem Haar, Brille und mehr Sommersprossen, als Billy je zuvor bei jemandem gesehen hatte, ließ sich auf den Sitz neben ihm fallen und keuchte schwer.
»Ist das heiß hier«, stöhnte er und wischte sich über die Stirn, seine grünen Augen hinter der Brille geweitet. »Ich heiße übrigens Dylan O’Donnell.« Er streckte seine Hand aus. Billy starrte darauf. Er hatte noch nie erlebt, dass sich jemand in seinem Alter mit Händeschütteln vorstellte.
Billy blinzelte Dylan an und versuchte, seinen Akzent einzuordnen. Er klang weder amerikanisch noch britisch, kam ihm aber dennoch seltsam bekannt vor.
»Äh, hi. Ich bin Billy Chan«, sagte Billy und schüttelte Dylan ein wenig unbeholfen die Hand.
»Schön, dich kennenzulernen! Ich habe einen Cousin, der Billy heißt«, verkündete Dylan und grinste, als sei diese Information unglaublich interessant.
»Cool«, erwiderte Billy. »Ähm, ich kenne sonst niemanden, der Dylan heißt.«
»Freut mich, der Erste zu sein!«
Der Motor des Vans erwachte dröhnend zum Leben, dann setzte sich der Wagen mit einem Ruck in Bewegung.
»Alle anschnallen!«, rief Old Gold vom Vordersitz.
»Und woher kommst du?«, fragte Billy, der immer noch versuchte, Dylans Akzent einzuordnen.
»Von der Smaragdinsel! Aus dem Land der Heiligen und Gelehrten! Dem Zuhause der Dichter! Und ja, auch einer Menge Schafe.« Den letzten Satz sprach er mit einem schiefen Grinsen aus, so als hätte er einen Witz gemacht.
Billy starrte ihn nur an, noch immer verwirrt.
»Irland. Ich komme aus Irland.«
Billy kramte angestrengt in seinem Gedächtnis und versuchte sich zu erinnern, ob er irgendetwas über Irland wusste. »Dublin?«, versuchte er es.
»Nein, ich stamme von der Westküste, aus Galway. Direkt am Meer.« Dylans Stimme sauste eine Oktave nach oben, als der Minibus um eine Kurve rauschte.
In Billys Magen rumorte es heftig, als der Wagen hin und her schaukelte, aber er atmete tief durch und versuchte, nicht die Nerven zu verlieren. »Surfst du?«, fragte er Dylan und war froh, dass seine eigene Stimme ruhig blieb, als der Van um die nächste Kurve raste.
Dylan lachte. Er hatte ein melodisches Lachen, dem man gerne noch zugehört hätte, nachdem es längst verklungen war.
»Ich?«, erwiderte er. »Oh nein. Zu viele Quallen. Und ich kriege schnell Sonnenbrand, sogar in Irland.«
Billy versuchte, nicht sichtlich zusammenzusacken. Bislang hatte sich seine Vermutung bestätigt, dass er mit den anderen Kindern im Feriencamp nichts gemeinsam hatte.
»Surfst du?«, wollte Dylan wissen.
Billy nickte.
»Cowabunga, Kumpel!«, rief Dylan mit grauenhaftem amerikanischem Akzent, während er mit seiner linken Hand die für Surfer typische Hang-loose-Geste machte. Er grinste breit und präsentierte eine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen, und gegen seinen Willen musste Billy ebenfalls grinsen.
Während sie weiter durch die schmalen, sich windenden Straßen brausten, kurbelte Old Gold das Fenster herunter und stieß ein freudiges Johlen aus.
Billy schaute aus dem Fenster und sah zu, wie die Welt an ihnen vorbeisauste. Zwischen dem Meer aus grünem Laub und vereinzelten Flecken blauen Himmels blitzten hier und da zerklüftete gelbe Klippen und felsige Gipfel auf. Jedes Mal, wenn sie ein wenig ins Schlingern gerieten, spannte Billy sich an und war sicher, der Wagen würde umkippen und in die tiefe Schlucht unter ihnen stürzen.
Er stellte sich die Schlagzeile in der Lokalzeitung zu Hause vor: Junger Surfchampion rauscht in China in den Tod. Dann würde es seinen Eltern bestimmt leidtun, dass sie ihn für den ganzen Sommer hierhergeschickt hatten.
Dylan empfand ganz offensichtlich genauso. »Wir fahren ziemlich schnell, oder?«, fragte er und wirkte ein wenig panisch.
»Mein älterer Bruder fährt Autorennen«, sagte das Mädchen mit den langen blonden Haaren, das gewusst hatte, was laoshi bedeutete. »Deshalb ist das für mich total normal.« Ihr blasses Gesicht ließ etwas anderes vermuten. »Vielleicht werde ich selbst mal Rennfahrerin.«
»Falls wir diese Fahrt überleben, meinst du«, erwiderte Dylan und sah ein bisschen grün aus.
Obwohl Billy genau dasselbe gedacht hatte, klebte er sich ein Lächeln ins Gesicht, von dem er hoffte, dass es zuversichtlich wirkte. »Ich bin mir sicher, uns passiert nichts«, sagte er.
Im selben Moment waren ein dumpfer Schlag und ein Kratzen zu hören, als der Wagen mit der Seite einen dicken Ast streifte.
»Nur ein Baum!«, rief Old Gold. »Kein Grund zur Sorge!«
Der Van raste immer weiter bergauf und die Landschaft veränderte sich allmählich. Bei jeder kleinen Unebenheit auf der Straße – und es waren eine Menge – flog der Wagen ein Stück durch die Luft und löste bei Billy dasselbe schwerelose Gefühl aus, das er auch in der Achterbahn immer spürte. Höher und höher kletterten sie, bis sie oben in den Wolken waren, und dann …
»Wow«, stieß Billy aus. Sie befanden sich in einer Wolke, um sie herum nichts als grauer Nebel.
»Ich kann nichts sehen!«, kreischte Dylan. »Wie soll Old Gold erkennen, wo er hinfahren muss?«
»Keine Sorge», rief Old Gold. »Ich könnte diese Strecke mit geschlossenen Augen fahren.«
»Bitte nicht!«, schrie Dylan zurück.
Old Gold lachte nur.
Sie rumpelten weiter, bis sie das Grau urplötzlich durchbrachen und über der Wolkendecke von strahlendem Sonnenschein umgeben waren.
Billy war sich sicher, wenn sie noch weiter hinauffuhren, würden sie bald den Himmel berühren können. In der Ferne konnte er noch höher aufragende Berggipfel erkennen, ihre zerklüfteten Spitzen schneebedeckt.
»Ist das Feriencamp auf diesen Felsen?«, fragte das blonde Mädchen.
»Es liegt auf der anderen Seite dieses Bergs«, antwortete Jay-Jay. »Wir sind fast da.«
Der Wagen sauste einen steilen Abhang hinunter und tauchte wieder in die Wolken ein, doch als er ein Stück bergab wieder aus dem Nebel auftauchte, waren sie nicht mehr von schroffen Felsen umgeben, sondern von Bäumen in sämtlichen Richtungen. Billy glaubte, er hätte einen Wasserfall gesehen, aber sie fuhren so schnell, dass er es nicht mit Sicherheit sagen konnte.
Als sich die Bäume zu einer Lichtung öffneten, auf der eine Ansammlung kleiner Hütten verstreut stand, kam der Wagen mit einem Quietschen so abrupt zum Stehen, dass sie alle in ihren Sicherheitsgurten nach vorne geschleudert wurden.
Die Vantür öffnete sich und tauchte alle in Sonnenschein.
»Willkommen im Drachencamp«, sagte Old Gold.
Jenseits der Hütten und Baumkronen ragte ein mächtiger Berg auf, als wachte er über sie. Billy musste den Kopf in den Nacken legen, um die Gipfelspitze sehen zu können. Es war der größte Berg, den er jemals gesehen hatte, und er fühlte sich ganz klein in seinem Schatten.
In der Ferne konnte Billy das Rauschen von Wasser hören – und ein Geräusch, das er nicht richtig zuordnen konnte. Er wartete eine Weile, um sicherzugehen, dass er es sich nicht nur eingebildet hatte. Ja, da war es wieder. Ein Heulen.
Er wusste sofort, dass Dylan es auch gehört hatte, weil seine Augen noch größer wurden und ihm die Kinnlade herunterklappte.
»Was ist das?«, fragte Billy, blickte sich um und versuchte zu entdecken, woher das Geräusch kam.
»Affen«, antwortete Jay-Jay und ließ ihre Koffer neben ihnen fallen. »Sie sind hier überall. Ihr gewöhnt euch dran.«
»Affen?«, rief Dylan aus. »AFFEN?«
»Ja, Affen. Du weißt schon: lange Schwänze, kleine Hände.« Jay-Jay grinste hämisch. »Passt lieber auf – ein paar von ihnen sind genauso groß wie ihr. Und sie sind ziemlich angriffslustig«, sagte er über seine Schulter zurück, während er zum Wagen ging, um noch mehr Gepäck zu holen.
Dylan wurde blass. »Billy«, flüsterte er, »ich will nicht gegen einen Affen kämpfen.«
»Niemand wird hier gegen einen Affen kämpfen«, versicherte Billy ihm, obwohl er keine Ahnung hatte, ob es wirklich stimmte. »Und falls doch, dann verpasse ich ihm den ersten Haken, okay?« Er grinste Dylan an, in dem Versuch, ihn zu beruhigen. Auch wenn sie sich gerade erst kennengelernt hatten, konnte er sehen, dass Dylan zu den Kindern gehörte, die alles nervös machte. Aber das störte Billy nicht – jemanden zu haben, den er beruhigen konnte, gab ihm das Gefühl, nützlich zu sein.
»Alles, was ich über Affen weiß, ist, dass man sie nicht anlächeln sollte. Sonst denken sie, man zeigt ihnen die Zähne, und greifen erst recht an!«, sagte jemand mit starkem Südstaatenakzent. Das blonde Mädchen gesellte sich zu ihnen, erstaunlich unzerknittert nach ihrer haarsträubenden Minibusfahrt. Sie fletschte die Zähne. »So!«
»Alles klar«, sagte Dylan. »Ich werde mich dran halten.«
»Oh, Entschuldigung, wo sind nur meine Manieren?«, fügte sie hinzu. »Es ist mir ein Vergnügen, euch kennenzulernen. Ich bin Charlotte Bell, vierfache Siegerin bei Little Miss of the South und zweifache Jiu-Jitsu-Weltmeisterin in der Altersklasse U14.« Sie vollführte einen Knicks.
Dylan und Billy starrten sie an. Dann zuckte Dylan mit den Schultern und verneigte sich kunstvoll.
»Dylan O’Donnell, stets zu Diensten.«
Um sich nicht übertrumpfen zu lassen, verbeugte Billy sich ebenfalls, musste jedoch ein Lachen unterdrücken.
»Ich bin Billy Chan«, sagte er. Dann fügte er mit einem schüchternen Lächeln hinzu: »Und ich habe mehrere Surfmeisterschaften gewonnen.«
»Klar, dieses Feriencamp ist natürlich voller Superstreber und Spitzensportler«, stöhnte Dylan, grinste jedoch breit. »Ich persönlich habe noch nie irgendeinen Titel gewonnen, aber ich war mal Zweiter beim Buchstabierwettbewerb.«
»Was ist ›Little Miss of the South‹ überhaupt?«, wollte Billy wissen.
»Ein Schönheitswettbewerb«, antwortete Charlotte, als sei es offensichtlich. »Aber man muss dabei auch ein besonderes Talent unter Beweis stellen und so. Deshalb bin ich so gut in Jiu-Jitsu.« Sie zeigte ihnen ein wildes Lächeln. »Ich wette, ich könnte euch beide beim Armdrücken schlagen. Ha, ich könnte euch beide sogar hier und jetzt außer Gefecht setzen.«
»Das glaube ich dir gern«, versicherte Dylan hastig und wich einen kleinen Schritt zurück. »Wir nehmen dich beim Wort.«
»Kommt zusammen, Kinder«, rief Old Gold, der auf einem dicken Baumstumpf stand. »Endlich kann ich euch offiziell im Drachencamp willkommen heißen! Am besten stellen wir uns erst mal alle kurz vor.«
Alle stellten sich im Kreis auf, nannten ihren Namen und sagten, woher sie kamen: aus Australien, Japan, Indien, Ghana, Dänemark, Frankreich, England, Irland, USA und Argentinien. Billy hatte noch nie zuvor so viele neue Akzente gehört. Aber es nahmen weniger Kinder an dem Camp teil, als er erwartet hatte.
»Wie schön es ist, euch alle hier zu sehen, im ersten Jahr des Drachencamps«, fuhr Old Gold fort. »Warum, fragt ihr euch vielleicht, habe ich euch so weit von zu Hause fortgeholt, an einen Ort mit Blockhütten und ohne Internet? Ihr zwölf habt in eurem Leben alle jemanden, der euch sehr gut kennt und mich auf euch aufmerksam gemacht hat – ein Lehrer vielleicht, eine Bibliothekarin oder eine Trainerin. Ich habe einen Aufruf an meine Kolleginnen und Kollegen in aller Welt geschickt, weil ich nach den Besten und den hellsten Köpfen suchte – und die seid ihr.«
»Entschuldigung«, meldete Charlotte sich und hob eine Hand. »Wir sind aber nur zu elft, nicht zu zwölft.«
»Herzlichen Glückwunsch, du weißt, wie man zählt«, sagte Jay-Jay scherzend. Charlotte funkelte ihn an.
»Gut aufgepasst, Charlotte«, lobte Old Gold sie. »Wie ich sehe, hast du einen wachen Blick. Du hast vollkommen recht.«
»Ich hätte es nicht gesagt, wenn ich damit nicht recht gehabt hätte«, erwiderte sie mit einem Selbstbewusstsein, das an Überheblichkeit grenzte. Billy war voller Bewunderung, aber ebenso eingeschüchtert. Sie schien zu den Leuten zu gehören, die daran gewöhnt waren, ihren Willen durchzusetzen, ganz gleich, was passierte. Er wollte es sich mit ihr definitiv nicht verscherzen.
Old Gold räusperte sich. »Ja, nun – wie ich bereits sagte – ihr seid alle aus einem ganz bestimmten Grund hierhergeschickt worden.«
»Ist er der Zwölfte?«, unterbrach Charlotte ihn erneut und zeigte auf Jay-Jay.
Dylan vergrub das Gesicht in den Händen. »Bitte, bei allem, was heilig ist, wie meine Nan sagen würde, hör auf, den Mann zu unterbrechen.«
Jay-Jay schnaubte verächtlich. »Ich bin kein Campteilnehmer. Ich bin eher so was wie ein Assistent – und hier, um meinem yeye zu helfen.« Billy wusste, dass yeye »Großvater« auf Mandarin bedeutete. »Das ist die zwölfte Campteilnehmerin.« Er rollte mit den Augen. »Offenbar sieht mein yeye in ihr auch irgendwas Besonderes. Auch wenn ich mich wirklich frage, was.«
Alle drehten sich um und sahen ein kleines chinesisches Mädchen mit rundem Gesicht und zwei langen schwarzen Zöpfen, das auf sie zueilte.
»Tut mir leid, dass ich zu spät komme!«, entschuldigte sie sich und stellte sich neben Old Gold. »Ich habe ein Nickerchen gemacht und meinen Wecker verschlafen. Ich hatte einen ganz wundervollen Traum.«
Old Gold seufzte schwer. »Kinder, das ist Liu Ling-Fei. Und wie Jay-Jay bereits sagte, ist sie die Zwölfte in unserem Camp.«
Ling-Fei schenkte den anderen ein breites Grinsen und winkte ihnen zu.
»Also, wo war ich?«, murmelte Old Gold. »Ach ja. Es ist mir eine Ehre und Freude, euch alle hier begrüßen zu dürfen. Wie ich anhand eurer Bewerbungen weiß, möchtet ihr alle eure Sprachkenntnisse verbessern, aber ihr werdet hier noch viel mehr erreichen als nur das. Ihr werdet euch selbst entdecken. Ich möchte euch dazu auffordern, euren Geist und euer Herz zu öffnen, denn ihr bekommt von diesem ganz besonderen Ort nur zurück, was ihr ihm gebt.«
»Ganz schön viel verlangt für ein Feriencamp«, murmelte Dylan leise und knuffte Billy in die Rippen.
Billy unterdrückte ein Lachen. Obwohl Dylan ganz anders war als seine Freunde zu Hause, dachte Billy allmählich, dass er vielleicht gar nicht so übel war. Selbst wenn er nicht surfte und alles ihn nervös zu machen schien.
Old Gold öffnete den Verschluss seiner Halskette und zog eine Perle von einem Ende. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger vor sich hoch. »Dies ist eure erste Aufgabe«, verkündete er. Er warf die Perle direkt auf Charlotte zu, die sie problemlos auffing. Die Perle schimmerte hellviolett und war ungefähr so groß wie eine Eichel. Lächelnd zog Old Gold eine weitere Perle von der Kette und warf sie Dylan zu, der sie ungeschickt mit seinen beiden offenen Händen auffing und sie dann doch noch auf den Boden fallen ließ.
»Bedeutet das, dass ich die erste Aufgabe bereits vermasselt habe?«, fragte Dylan verdrießlich.
Old Gold lachte schallend. »Kein Grund zur Sorge, Dylan. Ein bisschen Dreck schadet nicht.« Old Gold fädelte weitere Perlen von seiner Halskette und warf sie ihnen reihum zu, bis alle eine in der Hand hielten. »Ihr werdet hier im Drachencamp alle auf eine ganz persönliche Reise gehen«, sagte er. »Ich möchte, dass ihr jetzt die Augen schließt, euren Geist und euer Herz öffnet und darüber nachdenkt, was ihr euch von eurem Aufenthalt hier am meisten wünscht.«
Billy hielt die Perle fest in seiner Hand und schloss die Augen, auch wenn er sich ein wenig albern dabei vorkam. Er schlug sie wieder auf und sah, dass alle anderen die Augen geschlossen hatten, ihre Mienen ernst. Er seufzte und machte die Augen wieder zu. Wo er schon mal hier war, konnte er es auch ebenso gut versuchen. Er ließ die Perle in seiner Hand hin und her kullern und dachte daran, wie weit weg er von zu Hause war. Wie ungewohnt sich hier alles anfühlte. Nichts war vertraut. Selbst die Luft roch anders als die salzige Meeresbrise, an die er gewöhnt war. Während der Wind sein Haar zerzauste, lauschte er den Insekten und den zwitschernden Vögeln ringsum, dem in der Ferne rauschenden Wasser und dem gelegentlichen Affengeheul. Wieder konnte er nur daran denken, wie weit fort er von zu Hause war, und spürte ein Stechen in seiner Brust.
Konzentrier dich, ermahnte er sich selbst. Was wünschte er sich von seiner Zeit hier?
Auf der Reise hierher hatte Billy nur daran denken können, wie sehr ihm vor dem Sommer in diesem Camp graute und davor, was er zu Hause alles verpassen würde. Doch wie er nun so dastand, all den neuen Geräuschen lauschte und die Bergluft tief einatmete, schlich sich ein winziges bisschen Vorfreude in seine Gedanken. Wenn er schon hier sein musste, dann konnte er sich auch ebenso gut in ein kleines Abenteuer stürzen. Denn dies schien ihm genau der richtige Ort dafür zu sein.
Urplötzlich begann die Perle in seiner Hand zu glühen und Billy riss vor Schreck die Augen auf. Old Gold durchbohrte ihn förmlich mit seinem Blick. Hastig kniff Billy die Augen wieder fest zusammen und hatte das Gefühl, bei etwas Verbotenem erwischt worden zu sein. Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich neu zu konzentrieren, doch bevor er seine Gedanken wieder ordnen konnte, klatschte Old Gold in die Hände. »Sehr gut, sehr gut. Ich hoffe, das hat allen geholfen, euch ein wenig zu sammeln.« Er ging herum, sammelte die Perlen ein und fädelte sie wieder auf seine Halskette auf. Einen Moment lang glaubte Billy, seine Perle würde leuchten. Und taten es ein paar der anderen nicht auch? Er blinzelte. Vielleicht spielte ihm nur das Sonnenlicht einen Streich.
»Also, was würdet ihr denken, wenn ich euch sagen würde, dass diese Perlen mir dabei helfen werden, euch für den Rest des Sommers in Gruppen einzuteilen?«, fragte Old Gold mit einem Grinsen.
»Ich würde sagen, dass Sie nicht mehr alle Tassen im Schrank haben«, rief Dylan fröhlich.
Old Gold lachte. »Mir gefällt deine Ehrlichkeit«, sagte er. »Trotzdem werde ich genau das tun. Euch ist vielleicht aufgefallen, dass ich ein kleines bisschen alt bin …« Er verstummte einen Moment und zwinkerte ihnen zu, als würde er ihnen ein Geheimnis anvertrauen. »Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass sich manche Dinge nicht erklären lassen, doch das bedeutet nicht, dass man sich von ihnen nicht leiten lassen sollte.«
Old Gold ließ die Halskette durch seine Finger gleiten, schloss die Augen und summte leise, während er vor und zurück schaukelte.
»Das scheint mir keine vernünftige Methode zu sein, uns in Gruppen einzuteilen«, bemerkte Charlotte und verschränkte die Arme. »Sicher wäre es besser, dies anhand unserer Fähigkeiten zu tun?«
Billy konnte ihr da nur zustimmen. Er steckte also nicht nur mitten in China und ohne Handyempfang auf einem Berg fest, sondern nahm auch noch an einem Feriencamp teil, das von einem schrulligen Alten geleitet wurde, der an magische Perlen glaubte.
»Billy Chan!«, brüllte Old Gold so laut, dass Billy vor Schreck zusammenfuhr.
»Dylan O’Donnell!«
»Charlotte Bell!«
»Liu Ling-Fei!«
Old Gold schlug die Augen wieder auf. »Die Perlen haben mir erklärt, dass ihr vier zusammengehört«, teilte er ihnen mit. »Und wie könnte ich es wagen, ihnen zu widersprechen?«
Dann teilte Old Gold die anderen acht Kinder in zwei weitere Gruppen ein und strahlte sie alle zufrieden an. »Ich glaube, das fängt alles schon sehr gut an, ihr nicht auch?«
Die Kinder wechselten misstrauische Blicke.
»Und jetzt«, fügte Old Gold hinzu, »bin ich mir sicher, ihr möchtet euch alle erst mal ein bisschen besser kennenlernen, und beim Mittagessen könnt ihr genau das tun. Aber zuerst möchte ich euch meine anderen Assistentinnen und Assistenten vorstellen.« Er zeigte auf drei Erwachsene, die ein wenig abseits der Gruppe standen: zwei Frauen und ein Mann. »Das sind Lee laoshi, Feng laoshi und Wu laoshi«, stellte er sie vor und setzte das Wort für »Lehrer« in Mandarin hinter ihren jeweiligen Nachnamen. Das Assistenzteam winkte den Kindern zu. »Falls ihr Fragen habt oder irgendetwas braucht, findet ihr uns in den Haupthütten in der Mitte des Camps. Und jetzt ab mit euch in den Speiseraum!«
✳
»Na«, sagte Charlotte, als sie den Speiseraum erreichten, »wir sollten wahrscheinlich zusammensitzen, oder? Wenn wir schon ein Team sind. Ich muss zugeben, durch mein ganzes Training für die Schönheitswettbewerbe bin ich furchtbar ehrgeizig – ich will immer gewinnen, auch hier.«
»Es geht nicht ums Gewinnen«, erwiderte Ling-Fei ernst. »Es geht um die Erfahrung an sich.«
»Das sagen nur Leute, die normalerweise nicht gewinnen«, gab Charlotte zurück. »Aber jetzt, wo du in meinem Team bist, Ling-Fei, kannst du dich schon mal ans Gewinnen gewöhnen.« Sie zwinkerte ihr zu und stolzierte davon, um sich ein Tablett zu holen.
Das Essen war ebenso reichlich wie köstlich. Billy verschlang bergeweise gebratenen Reis und so viele Dumplings, wie er essen konnte. Bis jetzt war das hier eindeutig das Beste am Drachencamp. Er war sich immer noch nicht sicher, was er von den anderen Teilnehmenden halten sollte, vor allem vom Rest seines Teams. Er mochte Dylan ganz gern, und Ling-Fei schien auch recht nett zu sein, wenn auch ein wenig seltsam. Und er kam zu dem Schluss, dass er Charlotte lieber in seinem eigenen Team hatte, als sich mit ihr messen zu müssen. Er bezweifelte nicht, dass es ihr voller Ernst gewesen war, dass sie stets gewinnen wollte.
»Ich bin so froh, dass wir alle in einem Team sind«, sagte Ling-Fei und lächelte schüchtern in die Gruppe. »Jetzt, wo wir uns kennengelernt haben, kann ich spüren, dass wir bestimmt gute Freunde werden, ihr nicht auch?«
Billy wurde ein wenig unbehaglich angesichts ihrer aufrichtigen Begeisterung. Verlegen massierte er sich den Hals. »Sicher«, murmelte er. Vielleicht war es am einfachsten, die nächsten zehn Wochen im Camp zu überleben, wenn er sich einfach mitreißen ließ. Darin war er gut. Die Vorfreude, die kurz nach seiner Ankunft für einen Moment in ihm aufgeflammt war, als er die Perle gehalten hatte, war inzwischen wieder erloschen und hatte ein Gefühl der Resignation zurückgelassen. Er fragte sich, was seine Freunde zu Hause im Moment wohl machten.
»Habt ihr nie das Gefühl, ihr hättet euer ganzes Leben darauf gewartet, dass ihr irgendwann die richtigen Leute trefft oder irgendwas passiert? Und wenn es dann endlich so weit ist … BÄM!« Für eine noch dramatischere Wirkung warf Ling-Fei die Hände in die Luft und erschreckte Dylan so sehr, dass er seine Essstäbchen fallen ließ.
Ling-Fei lachte und es hallte wie Glockenklang durch den Raum. »Das hier fühlt sich genau so an«, fügte sie hinzu. »Spürt ihr das nicht auch?«
»Ich glaube, das Einzige, was ich spüre, ist ein leichter Jetlag«, antwortete Billy gähnend. »Ich suche mal meine Hütte – und mache vielleicht ein kleines Nickerchen.«
Falls Ling-Fei enttäuscht über Billys mangelnde Begeisterung war, ließ sie es sich nicht anmerken. Stattdessen nickte sie zustimmend. »Gute Idee! Kommt, wir machen uns alle auf die Suche nach unseren Hütten.«
Wie sich herausstellte, teilten sich Billy und Dylan eine Hütte, während Ling-Fei und Charlotte gemeinsam nebenan einquartiert waren. Die anderen im Camp waren ihren Gruppen entsprechend auf die restlichen Hütten verteilt. Billy war froh, dass er eine Hütte mit jemandem bewohnen würde, den er bereits kannte.
»Ich gehe ein paar Wildblumen pflücken, um unsere Hütte ein bisschen zu dekorieren«, verkündete Charlotte. »Dekorieren ist auch eins meiner Talente. Komm, Ling-Fei, du kannst mir zeigen, wo sie wachsen.«
