Drei Jahre bis Leipzig - Frank Georg Schlosser - E-Book

Drei Jahre bis Leipzig E-Book

Frank Georg Schlosser

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Beschreibung

Dietrich Elmer trifft im Skiurlaub auf seine alte Liebe, die er einst verlassen musste, weil die Parteigruppe ihn dazu zwang oder genauer: weil seine jetzige Frau Ricarda die Parteigruppe zwang ihn zu zwingen. Alte Wunden reißen wieder auf. Alte Sehnsüchte regen sich. Alte Seilschaften bringen sich in Erinnerung. Alle Beteiligten müssen neu entscheiden, zu wem und wohin sie gehören. Ein Plädoyer fürs Begleichen alter Rechnungen ohne Revolver und ohne Gericht, für eine gerechte Aufteilung der Beute, und für den Besuch der Skischule.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Personen

Dietrich Elmer

Ricarda Elmer – seine Frau

Yannik Elmer – deren Sohn

Gregor (Grischa) Bertram

Odette Bertram – seine Frau

Elmo Bertram – deren Sohn

Hubert Adelmann

Juliane Adelmann, geb. Malden – seine Frau

Dörthe – ihre Schwester

Amalie Adelmann – Huberts Mutter

Aloisius Niederhammer – der Wirt

Therese (Resi) – seine Frau

Veronika – seine Tochter

Bruno – ehemaliger Geschäftsfreund von Aloisius’ Vater

Hildegard

Grit – ihre Tochter

Klaus – ein Freund und Genosse Hildegards

Anita – eine Zimmergenossin Ricardas

Peer und Frau – eine Urlaubsbekanntschaft von Hubert und Juliane

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Wiedersehen in Tirol

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Teil 2: Drei Jahre bis Leipzig

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Teil 3: Die Verteilung

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Teil 1Wiedersehen in Tirol

1. Kapitel,

rechter Bug, linkes Heck und ein Hindernis an der Leitplanke

Im Auto herrschte Stille. Dietrich fuhr hinter einem Lieferwagen her. An die hundertachtzig Sachen hatte der drauf, die hohen nach oben sich verjüngenden Türen waren fensterlos. Dietrich fuhr dicht auf, blinkte. Er spürte den Widerstand, den der vor ihm entgegen setzte. Gerade als er sich wieder zurückfallen lassen wollte, machte der Lieferwagen Platz. Dietrich fuhr noch dichter auf, sein rechter Bug streifte fast das linke Heck des Lieferwagens, mit den Reifen überquerte er den durchgehenden linken Seitenstreifen.

Als Ricarda aus dem Seitenfenster des Fahrers sah, raste das Gestrüpp der Mittelbepflanzung in einer grau gesprenkelten Masse unentwirrbar verknotet dahin und das Fenster schien wie die Leinwand, auf der ein Zeitrafferfilm abgespielt wurde.

Da sah Dietrich, warum der Lieferwagen nur so halb die Spur geräumt hatte. Dicht an der Leitplanke, zur Hälfte auf dem Fahrstreifen, stand ein schwarzer Daimler, Leute saßen darin, die Warnblinkanlage war eingeschaltet.

Dietrich tippte auf die Bremse, lenkte nach rechts, schaute in den Innen-, dann in den rechten Außenspiegel. Zentimeter schossen sie an dem Daimler vorbei, die von beiden Wagen zusammengepresste Luft hob das Auto leicht aus. Dietrich hielt das Lenkrad fest, der Wagen schlingerte, schaukelte sich auf, die Luft blieb ihnen weg. Yannik stemmte die Hände in die Sitze, Ricarda umkrampfte den Haltegriff über der Tür, aber der Wagen beruhigte sich wieder.

Der Kastenwagen fuhr weiter vor ihnen her. Dietrich lauerte in respektvollem Abstand auf seine Chance. Ricarda hielt sich fest, Yannik starrte seinem Vater in den Nacken. Da sagte Dietrich:

„Puh, das war knapp. Es ist ein Ding, wie sich jemand bei so einem Verkehr links hinstellen und einfach die Warnblinkanlage einstellen kann.“

„Wir hätten tot sein können“, sagte Ricarda.

„Ja“, sagte Dietrich und nach einer Weile: „Es war gut, dass ich noch in den Rückspiegel geschaut habe, so konnte ich sicher nach rechts lenken ohne Gefahr, von hinten gerammt zu werden oder jemandem in die Seite zu fahren.“

Ricarda schaute von ihm weg als sie sagte: „Stimmt, du hast gut reagiert.“

„Du bist viel zu dicht aufgefahren.“ Das war Yannik. „Halbe Geschwindigkeit, das sind bei hundertachtzig neunzig Meter.“

Dietrich sah in den Rückspiegel, aber Yannik hielt sich außer Sichtweite.

„Wenn ich neunzig Meter Abstand halte, macht der nie Platz. Schau dir diese Massen an, vor München sind schon vier Kilometer Stau, je weiter vorne wir uns anstellen, umso besser.“

„Am besten ist es, wenn wir uns lebendig anstellen“, sagte Yannik, aber er sagte es leise und Ricarda war unsicher, ob Dietrich es nicht gehört oder überhört hatte.

„Wir sollten anrufen und sie warnen“, sagte Dietrich. Ricarda nickte und griff nach dem Telefon um es aus der Halterung zu nehmen, aber Dietrich war schneller. Seine Augen flackerten zwischen Fahrbahn und Tastatur und nach Sekunden ertönte das Freizeichen über die Radiolautsprecher. Dann knackte es und eine Frauenstimme flötete:

„Hallo, mein Süßer.“

Die Frauenstimme gehörte zu Odette. Die Zusammenstellung im Auto war die gleiche. Sie saß auf dem Beifahrersitz, am Steuer lehnte lässig ihr Mann Gregor, den sie oft Grischa nannte und im Fond hatte der Sohn der beiden, Elmo, Platz genommen. Er saß nicht so stocksteif in der Nische wie Yannik, sondern lag quer über der Rückbank wie ein römischer Kaiser beim Nachtmahl. Gregor lenkte das Auto nur mit dem Zeigefinger, sein stoppeliger Schädel lehnte an der Kopfstütze.

„Hallo, mein Süßer“, sagte Odette. Als es klingelte, hatte das Handydisplay „Dietrich mobil“ angezeigt. „Darfst du so alleine mit mir telefonieren?“ Elmo schloss die Augen und ließ sich zur Gänze in die Polster sinken.

„Ich habe ihn beauftragt.“ Ricardas Stimme, durchs Telefon ohnehin verzerrt, klirrte im Diskant durchs Auto. Odette sah zu Grischa hin, der lächelte ein bisschen.

„Hallo, Ricarda.“

Ricarda sprach weiter:

„Ihr müsst aufpassen, auf der linken Spur steht ein Auto, wir wären fast draufgefahren.“

Als Odette wieder auflegte, sagte Gregor:

„Diesmal soll es Dietrich sein?“

Odette zuckte mit den Schultern und Elmo tat als schliefe er. Er war ein großer Junge, fast zwei Meter, schlank, das blasse Gesicht kindlich rund mit vollen Lippen, die hier und da aufgesprungen waren.

Als die Polizei die Autobahn sperrte, standen sie in der ersten Reihe. Gregor wollte noch davonfahren. Der Polizeiwagen fuhr direkt neben ihm, der hätte bestimmt kein Problem damit gehabt, erst hinter ihm alles zu stoppen. Aber Odette legte ihm die Hand auf den Unterarm und er nahm den Fuß vom Gas.

Aus dem schwarzen Daimler, der zwanzig Meter vor ihnen so dicht an der Leitplanke stand, dass man denken musste, er wäre mit viel Aufwand dahin geparkt und vergessen worden, stieg zuerst ein Mann.

Odette taxierte ihn auf sechzig Jahre plus minus fünf. Dann krabbelte auf allen vieren eine Frau aus der Beifahrertür, eine auf dunkel getrimmte Romy Schneider in ihren schönsten reifen Jahren (kurz vor dem Tod). Odette stieg aus, streckte sich, machte ein paar Rumpfbeugen, berührte mit den Handinnenflächen den nassen Asphalt. Der kühle Dreck erfrischte. Sie betrachtete die kleinen Steinchen, die Druckstellen auf der Haut.

Du hast sie wieder draußen spielen lassen, bei dem Wetter!

Heinz, das Kind braucht frische Luft.

So, dann sieh zu wie du den Schmutz von meinem Sessel kriegst. – das Geräusch einer zurecht geschüttelten Zeitung –

Heinz. – kaum geflüsterte Stimme – dann musst du mal kurz aufstehen.

So, muss ich? Hier, sieh dir meine Hose an, auch schmutzig. Habe ich mich draußen schmutzig gemacht?

Nein, Heinz.

Habe ich mich in deinem Haushalt schmutzig gemacht? – Zwischen die Schultern gezogener Kopf –

Ja, Heinz.

Ein Polizist sprach mit dem Mann, der nickte, aber die Frau hob abwehrend die Hände, trat ein Stück zur Seite, schüttelte den Kopf, legte dem Mann die Hand auf den Rücken und bugsierte ihn schließlich unter vielem Reden ins Auto zurück; sehr resolut, die Dame, dachte Odette. Zwei Polizisten und diese Romy Schneider schoben den Wagen quer über die Fahrbahn. Odette stand noch draußen, als ein dritter Polizist die linke Spur wieder frei winkte. Gregor betrachtete seine Frau. Ganz versunken stand sie da. Er überließ es dem Polizisten, sie zum Einsteigen aufzufordern. Der Daimler stand schon auf dem rechten Seitenstreifen, als Gregor lässig die Kupplung kommen ließ. Elmo saß rechts als es weiterging. Er beobachtete diese Frau, wie sie mit verschränkten Armen an der Kühlerhaube lehnte, während der Mann um den Wagen herum lief und kopfschüttelnd, die Hände in die Hüften gestemmt, auf den Polizisten einsprach. Der notierte ein Protokoll ohne aufzusehen. Die Augen der Frau schienen in die Ferne gerichtet, in den grauen Himmel über einem grauen Land. Elmo schob sich mit geschlossenen Augen in die Ecke, seine großen Hände lagen auf dem Reißverschluss seiner Jeans und sein Traum begann damit, dass er der Polizist war und sich erbot, die Frau mitzunehmen und ihr auf der Wachstube einen warmen Tee anzubieten.

Juliane sah die Augen des Jungen vorbei fahren, aber es waren nur ein paar Männeraugen mehr, es bedeutete nichts. Hinter ihr sprang Hubert hin und her, öffnete die Motorhaube. Die Polizisten stiegen wieder in ihre Autos.

Sie nahm ihre Jacke aus dem Wagen. Bis dahin hatte sie die Kälte nicht gespürt. Ein Spruch ihrer Mutter war: Männer können ab fünfzig ihren wahren Charakter nicht mehr verbergen. Juliane ergänzte: ab fünfzig und in Stress situationen, und für Hubert waren heute beide Faktoren zusammen gekommen.

Das Auto war ausgegangen. Es war ihr ein unbegreifliches Mirakel. Sie war schnell gefahren. Man merkte das Tempo nicht so, bestimmt mehr als zweihundert Stundenkilometer. Sie gab nur wenig Gas und erst spürte sie es gar nicht. Für einen Moment hatte sie geglaubt, selbst den Fuß vom Gas genommen zu haben und sich darüber gefreut, es überkam sie ein entspanntes Gefühl.

Sie wurden schnell langsamer, es hupte hinter ihnen und da erst war ihr aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Das Radio, überlegte sie, aber wahrscheinlich war keine Musik gelaufen. Hubert mochte ihre Musik nicht und umgekehrt, so fuhren sie oft schweigend und auch das war entspannend.

Die Anzeige war erloschen und Hubert drückte geistesgegenwärtig (in dem Augenblick war er es noch) den Knopf für die Warnblinkanlage.

„Du musst rechts rüber“, sagte er. Juliane lenkte vorsichtig, sie erntete wildes Hupen und sie sah das prinzipielle Problem. Die Autobahn war voll. Die anderen sahen sie zu spät und konnten oder wollten nicht bremsen, um ihr Platz zu machen. Hubert griff ihr ins Lenkrad, sie entgingen einem Crash nur knapp und sie schlug ihm böse auf die Finger. Sie rollten und holperten immer langsamer. Instinktiv drängte sie sich an den linken Rand, dann hielten sie. Die Tür konnte sie nicht öffnen, weil sie zu dicht an die Leitplanke gefahren war, die Fensterheber funktionierten nicht, und eine Kurbel gab es nicht. Warum gab es keine Notkurbel?

Juliane schloss die Augen. Die dann folgende halbe Stunde würde sie vergessen müssen, wenn sie mit diesem Mann weiterleben wollte.

„Wo habt ihr Idioten bloß das Autofahren gelernt?“ Damit ging es los. Sie wusste schon, was er mit „ihr Idioten“ meinte. Hatte sie Todesangst verspürt? Juliane konnte sich nicht erinnern. Sicher war sie erschrocken, besonders als dieses rote Auto nur Zentimeter an ihnen vorbeigerauscht war, so dass sie den Eindruck hatte, vom Windzug noch näher an die Leitplanke gepresst zu werden.

Schlimm war die Huperei gewesen, so ein Dauerhuper, der von hinten an einem vorbeifährt. Erst schiebt er die Schallwellen vor sich her, dann zieht er sie nach. Juliane konnte gar nicht sagen, welche Assoziationen das in ihr wach rief, es trieb sie nur in die schiere Verzweiflung. Aber das Allerschlimmste war Hubert gewesen. Der hatte sich unwürdig benommen.

Als Juliane über den Beifahrersitz aus dem Auto gekrochen war, hatte sie vorsichtig geschaut, ob Flecken an Huberts Hose oder auf dem Sitz oder ein stechender Geruch vielleicht Zeugnis von seiner Hysterie ablegen würden. So schlimm schien es nicht gewesen zu sein. Aber wie er jetzt um den Polizisten herumscharwenzelte, um seinen Daimler herumsprang wie Rumpelstilzchen, ekelte sie an. Gott, der Daimler. Er war eben ausgegangen. Das hatte so kommen müssen. Diese überzüchteten, mit Elektronik vollgestopften Autos mussten einfach irgendwann kollabieren. Mit ihrem Wartburg hatte sie solche Schwierigkeiten nie gehabt. Sicher, der war öfter stehengeblieben, aber erstens waren Autobahnen damals keine Monster, auf denen der blanke Überlebenskampf herrschte, und zweitens hatte sie dann ein bisschen an den Zündkerzen herumgeschrubbt und alles war wieder gut gewesen.

Hubert saß im Auto und telefonierte, er sah nicht hoch. Er würde sie nicht aufhalten, wenn sie einfach losginge. Juliane schlenderte ein paar Schritte. Dann wurde ihr kalt und sie setzte sich zurück ins Auto. Mollig warm war es nicht mehr. Sie starrten durch die Fenster. Mehr als den Dreck, den die Sattelschlepper darauf wirbelten, konnten sie kaum noch erkennen. Als der Abschleppwagen mit Rundumleuchten vor ihnen auf den Standstreifen scherte, hatten sie kein weiteres Wort gesprochen.

2. Kapitel,

in welchem Dietrich in offene Arme läuft und ihm seine Urlaubsankunftszigarre nicht so richtig schmeckt

Dietrich lief in Odettes Arme wie durch eine offene Tür, kein schützender, trennender Händedruck dazwischen, die Mäntel waren offen und er spürte den biegsamen Körper, eine zarte Brust und die fremde Wange. Sekunden schienen ihm eine Ewigkeit und noch als sie auf der Terrasse einen Aperitif bestellten, summte die Berührung auf seiner Haut. Diese Leichtigkeit schien wieder da zu sein. Sie saßen sich gegenüber, Gregor und Odette mit dem Rücken zur Sonne, die Blicke hinter dunklen Gläsern und Dietrich glaubte den ihren zu spüren. Odette sprach nicht. Sie saß schräg in ihrem Stuhl und ein Lächeln umspielte die Lippen, während Gregor erzählte. Sie war schwarz gekleidet, die Haare schwarz. So hatten sie sich kennengelernt. Dietrich erinnerte sich.

Ricarda hatte ihn auf diese Stehparty geschleppt, er war wütend gewesen, wich nicht von der Seite seiner Frau, nur um ihr bei jeder Gelegenheit zu sagen, wie öde und trist er diese Geselligkeiten fände. Ricarda gab ihm meist recht, aber dann fasste sie ihn am Arm und zog ihn zu einem Pärchen, das vollständig schwarz gekleidet an der Wand lehnte und das Treiben beobachtete. Er war groß, schlank, wirkte mächtig, hatte aber einen gutmütigen Blinzelblick. Sie hielt ihre Augen bedeckt und sah so von unten in die Menge. Ricarda stellte sich vor ihn hin und fragte den großen Schlanken, ob er Gregor Bertram sei. Er lächelte erstaunt und es stellte sich heraus, dass sie alte Klassenkameraden von der Penne waren. Oh Gott, hatte Dietrich gedacht, nicht das auch noch.

Es war ein sehr schöner Abend geworden. Gregor trieb eine Decke auf, und sie gingen in den Garten, setzten sich an den Teich. Es quakten Frösche, es zirpten Grillen, es summten die Mücken, und ihre Köpfe summten mit. Wenn sie lachten, berührten sie einander. Dietrich und Ricarda erzählten vom Skifahren und deshalb waren sie jetzt zusammen hier, weil Gregor und Odette auch Skifahren wollten.

Dietrich schrak auf, Ricarda berührte seinen Arm:

„Willst du was trinken?“ Er schaute mit zusammengekniffenen Augen zu seiner Frau, ihre Hand lag auf seinem Ellenbogen, er spürte durch den Anorak die Wärme und benutzte die Drehung nach links zum Wirt hin, um sich ihr zu entziehen. Der Wirt drehte genau in dem Moment den Kopf zur Tür, als beobachte er da etwas und Dietrich fragte, was denn die anderen bestellt hätten. Gregor und Odette lächelten jetzt unverhohlen spöttisch, und Gregor sah immer wieder zum Wirt hin, während Odette Dietrich erklärte, dass sie alle ein Glas Sekt bestellt hätten. Sie sprach leise, ihre Lippen gaben die Worte frei wie kleine Blüten, die über den Tisch schwebten und einen Teppich über ihn legten.

Dietrich schüttelte den Kopf als hole er sich aus einer Trance, sagte: „Ja, Sekt“, sah noch mal zum Wirt hin, ob der wohl verstanden hätte, aber der war schon am Verschwinden. Das Bestellte wurde etwas später von einer Kellnerin gebracht, die sagte zu jedem „Bitteschön“ mit stark slawischem Akzent und Gregor sagte „Spasibo“, als er an der Reihe war, aber sie reagierte nicht darauf.

Dietrich beobachtete den Sonnenuntergang, sah auf die Uhr und wunderte sich, wie schnell und nahezu beobachtbar das passierte. Fünf nach vier waren die Tannenspitzen noch hell überstrahlt, acht nach vier waren sie deutlich zu erkennen und verdeckten ihrerseits die Sonnenscheibe und zwölf nach vier war keine Sonne mehr da.

Als die Sonne die Tannenspitzen noch überstrahlte, schleppten Yannik und Elmo ihre Koffer die Treppe nach oben, vor ihnen ein Mädchen. Die öffnete ihnen die Tür, knickste und sagte: „Bitte sehr, die Herrschaften.“

„Wie heißt du?“, fragte Elmo und sie sagte:

„Veronika, aber bilde dir bloß nichts ein. Nur weil mein Alter schlechte Laune hat, und mich zwei Halbstarken das Zimmer zeigen schickt, brauchst du nicht zu glauben, dass du mich rumkommandieren kannst.“

Dann lief sie kokett einmal ums Bett und ins Bad, sagte Bett und Bad und Schrank und Stuhl und Balkon und Aussicht und wollte eben wieder gehen, da legte Elmo ihr seinen Arm um die Schultern. „Pfoten weg!“, sagte sie und schlüpfte aus der Umarmung, blieb gleich wieder stehen. Yannik packte seine Sachen aus, stapelte sie in den Schrank neben seinem Bett, das hatte er noch nie getan im Urlaub.

„Oh Mann!“, rief Elmo, „Ich wohne mit einem Ordnungsapostel zusammen.“

„Ordnung muss sein“, sagte da Veronika und verschränkte ihre Arme. Yannik gestattete sich nur aus den Augenwinkeln einen verdeckten Schlitzblick auf die hervor gerufene Bewegung des Busens.

„Wen ich mal heirate,“ fuhr sie fort, „der muss ordentlich sein. Wie soll er sonst so ein Hotel führen.“ Sie hört sich verdammt nach Hermine an, dachte Yannik, und ein weiter Umhang könnte ihr auch nicht schaden.

„Du kannst ihn ja heiraten“, rief Elmo und griff erneut nach ihr, legte seinen Arm um ihre Hüfte, was sie mit einer demonstrativen Hinwendung zu Yannik geschehen ließ. Den Kopf hält sie genauso schief und besserwisserisch, dachte Yannik. „Aber vorher“, rief Elmo, „haben wir noch ein bisschen Spaß miteinander.“

„Nicht in diesem Zimmer“, sagte Yannik und ärgerte sich gleich für den blöden Satz.

„Ach komm“, bat Elmo, „du schläfst mal eine Nacht bei deinen Alten, die freuen sich, wenn es wie in den Zeiten ist, wo du noch jede Nacht in ihr Bett gekrochen kamst.“

Yannik warf die Tasche in den Schrank, schob Elmo beiseite, legte sich aufs Bett und griff zur Fernbedienung. Der Vorspann lief schon.

„Ihr seid bescheuert, alle beide“, verkündete Veronika und wandte sich zum Gehen.

„Heh, mit ihm kannst du nichts anfangen, aber mit mir doch.“ Wieder griff er nach ihr. „Nimm deine Pfoten weg!“ Veronika ließ die Tür ins Schloss krachen.

Elmo drehte sich um und rieb seine Hände.

„Hallo, Schnarchkasper“, sagte er und sprang auf das freie Bett. „Wollen wir wetten, dass ich sie diese Woche rumkriege?“

„Viel Spaß.“ Yannik wendete den Blick nicht vom Bildschirm.

„Wir könnten auch zu zweit ein bisschen mit ihr rummachen“, schlug Elmo vor, „dann kann sie einer festhalten, wenn sie Schwierigkeiten macht. Hast du ihre Titten gesehen? Mann, in dem Alter sind sie noch fest und schlabbern nicht rum.“

„Das ist Vergewaltigung, was du vorhast.“

„Erzähl nicht. Wir bringen sie eben dahin, dass sie will. Die probiert bestimmt gern was aus.“

Yannik verzog den Mund und schüttelte den Kopf.

„Bist du verklemmt oder schwul oder was?“

„Quatsch mit Soße.“

Etwas später und eine Etage höher räumte Yanniks Mutter ihren Wandschrank ein. Dietrich lehnte an der Balkonbrüstung und schaute den wenigen Langläufern nach, die in der Dämmerung durch die Loipe hasteten. Zwischen den Fingern hielt er eine Zigarre, die Urlaubsankunftszigarre. Das hatte er sich vor Jahren, als sie noch in Zeltlagern Ferien machten, angewöhnt. Damals rauchte er auch Zigaretten. Geblieben war nur die Zigarre am ersten Urlaubstag.

Er tat einen tiefen Zug und blies den Rauch langsam ins Licht der Hoflaterne. Aus dem Bad hörte er, wie Ricarda die Zahnbürsten hart in die Gläser knallte, hastige Schritte, sie schlug die Balkontür geräuschvoll zu. Vorhin hatte sie sie aufgerissen, und ihn gefragt, wo ihre Skihandschuhe wären. Keine Minute später noch einmal, dass er fürchtete, sie werde die Tür aus den Angeln heben, wie viel Zeit noch bis zum Abendbrot bliebe. Dietrich hatte sich nicht umgedreht, nur „weiß nicht“ und „anderthalb Stunden“ gesagt, damit sie keinen Streit vom Zaun brach. Er wollte sich den Moment nicht verderben lassen, aber genau genommen …

Er war vorhin beschwingt und gut gelaunt ins Zimmer gelaufen, hatte die Koffer abgestellt, sich aufs Bett gestreckt und „Urlaub“ gesagt.

Ricarda darauf: „Du glaubst, dass es ein schöner Urlaub wird?“ Halb Frage, halb Feststellung, musste er nur in ihr Gesicht sehen. Sie glaubte das ganz und gar nicht.

„Was für eine Laus ist dir über die Leber gelaufen?“

„Frag nicht so blöd“, sagte sie, jedes einzelne Wort betonend, als wolle sie es ihm entgegenschleudern.

„Nein, ich verstehe nicht, was du hast. Wir sind gut durchgekommen, haben entspannt auf der Terrasse was getrunken und jetzt ist Urlaub. Bloß du ziehst ein Gesicht. Was ist los?“ Die drei Worte schleuderte er einzeln zurück und Ricarda riss wütend die Koffer auf und warf ihre Klamotten aufs Bett.

Er nahm die Zigarre und ging auf den Balkon.

Außer der Zigarre gab es noch ein anderes Ritual bei der Ankunft im Urlaub mit einer weniger langen Tradition. Dietrich sah das Urlauberdorf mitten im Wald an einem kleinen See in der Auvergne noch vor sich, 93 oder 94. Das Auto, damals noch der Wartburg, hatte hinter dem Haus gestanden, den Kindern hatten sie die Luftmatratzen rausgegeben, die krakeelten unten am See. Neun oder zehn Jahre alt musste Yannik damals gewesen sein. Sie standen in dem großen bis ins Spitzdach offenen Wohnraum und aus einer Bewegung heraus, die sie zueinander führte (Dietrich wollte einen Koffer aus dem Weg schieben und Ricarda eben diesen Koffer da, wo er stand, öffnen) fanden sich ihre Lippen, die Hände suchten nackte Haut, sie glitten aneinander hinab. Später sahen sie die Frau, die ihnen die Schlüssel gegeben hatte, vor dem Nachbarbungalow sitzen und zu ihnen herüber sehen. Da lachten sie und fielen sich in die Arme. Seitdem hatte es immer das Ritual des Urlaubsankunftssex auf noch gepackten Koffern gegeben, allerdings immer vor der Zigarre. Auch fehlte diesmal der unvermeidliche Kick des Kinderloswerdens, dieses kleine heimliche Bündnis, das aus ihrer Ehe mehr gemacht hatte als eine Versorgungsgemeinschaft und einen Kindergarten.

Dietrich drehte den Kopf und schaute über die Schulter in das erleuchtete Zimmer. Ihr Koffer war leer, aber seinen sah er unberührt mitten im Zimmer. Das würde noch zählen, überlegte Dietrich. Die Tür war nur angedrückt. Er stieß sie auf, sie stand vor dem Schrank.

Er trat hinter sie.

„Dietrich, mach die Zigarre aus.“

Er nahm einen Zug und der Rauch verwirbelte über ihrer Wäsche.

„Bäh, du Ferkel!“, sagte sie und stieß ihn zurück, aber Dietrich umfasste sie fest und hielt ihr die Zigarre vor die Lippen. Mit verkniffenem Gesicht zog Ricarda kurz und hustete den Rauch an die Wand, ein schönes Verbindungsritual, dachte Dietrich. Dann schaute sie ihm in die Augen, sog tief die Luft ein. Er streichelte sie über die Wange und sie küssten sich. Trotzdem sie selber gezogen hatte, störte sie der Geruch, aber sie wollte nichts sagen. Sie zog ihn zu sich, seine Lippen wanderten an ihren Hals und seine Hände schoben sich unter den Pullover und Ricarda wollte nun auch glauben, dass es ein schöner Urlaub werden könnte.

Raus aus dem Zimmer, hoch in den Himmel. Da liegen die Berge im Dunkel mit weiß schimmernden Spitzen, nur das Tal glitzert wie eine lichtbesprengselte Schlange, unnatürlich lang und dünn mit Ausbuchtungen und Unterbrechungen.

Am Kopf dieser Schlange, wo die Straße endete, sich in riesige Parkplätze ergoss, vor den Liftanlagen gab es eine Lichtinsel, ein Fünfsternehotel. Nahe dem Tresen, wo Juliane und Hubert gerade ein Zweiertisch zugewiesen worden war, eingerahmt von zwei spanischen Wänden, verziert mit Schnitzereien, die Szenen aus dem Leben der Almbauern darstellten; in der Einflugschneise der Kellner, die durch die Schwingtür der Küche an ihnen vorbei in den großen Speisesaal hasteten und aller Gäste, die zum Essen kamen, auf ihre Zimmer gingen oder zu den Toilet ten strebten, stierte Hubert auf den Tisch. Ein Kellner stellte ihnen die Suppen hin, sagte mit dem Blick schon bei der nächsten Aufgabe „Wohl bekomm’s“ und verschwand.

Juliane glättete die Serviette, legte sie auf ihren Schoß und registrierte den Blick eines älteren Herren, der gerade vom Klo kam, als sie sich nach vorn beugte, um den ersten Löffel kühl zu pusten.

Sie lachte und verschluckte sich.

„Das liegt auch an der Erdstrahlung. Die hat dein Fünf-Sterne-Hotel in eine Bahnhofsgaststätte verwandelt. Es fehlen nur die Lautsprecherdurchsagen.“ Sie plärrte: „Die Herren von Tisch achtzehn bitte jetzt das Pissoir benutzen.“

„Du glaubst mir nicht, du vertraust mir nicht, für dich bin ich ein alter Spinner.“ Hubert rührte seine Suppe nicht an. Juliane schob einen weiteren Löffel nach. Sie schauten aneinander vorbei, als entdeckten sie eben, wie kunstvoll die Schnitzarbeiten hinter dem Rücken des Gegenüber ihren Traum vom Urlaub wiedergaben, Ruhe, Gelassenheit, Stille und Romantik spiegelten.

„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde …“

„… von denen unsere Schulweisheit nicht zu träumen wagt“, vollendete Juliane das Sprichwort.

„Es wird nicht weniger wahr, wenn du den Satz ins Lächerliche ziehst.“

„Das tue ich nicht. Nur halten deine Erdstrahlen für jedes elektrische Gerät her, wenn es den Geist aufgibt. Warum sind nicht alle Autos um uns herum ausgegangen, wenn gerade eine besonders hektische Strahlenaktivität vorherrschte? Weil es damit nichts zu tun hat. Du hast ein Montagsauto gekauft. Warum soll es das bei Daimlers nicht geben?“

Hubert lehnte sich zurück und schaute seine Frau an. Wie sehr er dieses Misstrauen kannte, diese Anfeindungen. Kenn ich nicht, gibts also nicht. Wie die Bauern, die nur fressen, was Muttern früher gekocht hat.

„Ich will dir was sagen“, Hubert beugte sich nach vorne. Er sprach leise.

„Kurz bevor die Elektronik kollabierte, habe ich leichte Kopfschmerzen bekommen und eine Hitzeaufwallung gehabt.“

Juliane schaffte es knapp, sich die Serviette vor den Mund zu halten, bevor sie losprustete.

„Da gibt es nichts zu lachen. Das ist typisch.“

„Für die Wechseljahre.“ Juliane bebte, sie biss sich auf den Zeigefingerknöchel.

„Sehr witzig! Ein fader Scherz, der jedem Blödmann auf der Zunge liegen würde.“

Ihr Lachen verstummte.

„Ich will dir auch was sagen: euch Wessis geht es zu gut. Deswegen fangt ihr an, euch wegen jedem Wehwehchen beschissene Theorien auszuklambüsern. Mal sind es die Handystrahlen, wegen denen ihr Kopfschmerzen habt, dann sind es die Amalgamfüllungen, wegen denen ihr nicht mehr scheißen könnt, und irgendwann sind die Erdstrahlen daran schuld, wenn einem nagelneuen Mercedes bei Zweihundert der Motor ausgeht.“

Hubert verzog das Gesicht. Er spielte mit seiner Gabel, drückte den Zeigefinger kräftig auf die Zinken.

„Bloß weil Marx nichts über Handystrahlen, Quecksilber als Gift oder Erdstrahlen geschrieben hat, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht habe ich ja unrecht, meine Liebe, aber Zweifler und Nörgler wie du haben noch nie was gekonnt außer Zweifeln, Nörgeln und Rechthaben.“

Er warf die Gabel auf den Tisch und stand auf.

„Du kannst meinen Hauptgang auch haben. Ich werde etwas lesen.“

Sieh das Tal und die Berge, schalt den Zeitraffer ein und schau zu, wie die Schlange ausgeknipst wird, wie die Berge, nur vom Mondlicht beschienen daliegen, als hätte sie nie eines Menschen Fuß betreten.

3. Kapitel,

Buckelpisten

Sie fuhren nach dem Frühstück zusammen zum Gletscher, wurden vom Parkplatzwächter nebeneinander eingewiesen und standen gemeinsam an den Liftkassen an, diskutierten den günstigsten Tarif, ob die Kinder ihre Ausweise mithätten und ob man fünf in sieben oder volle sechs Tage kaufen sollte.

Was ist, wenn man sich verletzte, würde einem auf ärztliches Attest der Skipass rückerstattet? Sollte man den Superskipass nehmen, mit dem man in benachbarten Skigebieten fahren könnte oder reichte der Gletscherpass, der teuer genug war.

Sie ließen alle Vorsicht fahren, kauften die vollen sechs Tage und cremten sich im Kabinenlift zur Basisstation Gesicht, Hals, Ohren und Hände mit Lichtschutzfaktor 25 ein. Die Sonne schien, und aus der Kabine sahen sie die ersten Skifahrer, die über eine Buckelpiste zur Talstation wedelten. Bei jeder Wendung warfen sie den Schnee hinter sich zu einer Wolke, die in der Sonne glitzerte und eine kurze Strecke davongetragen wurde. Von oben sah das leicht und flüssig aus.

Dietrich konnte sich nicht sattsehen. Ihm schräg gegenüber saß Grischa und studierte die Pistenkarte. Er drehte sie mit seinen großen, knochigen Händen in alle Richtungen und versuchte, die Karte mit der Realität abzugleichen. Er murmelte vor sich hin.

Dietrich hätte ihm sagen können, dass von hier unten nur der kleinste Teil des Gebietes zu sehen war, aber Gregor fragte nichts. Er wirkte wie ein Generalstäbler auf der Suche nach seinen verlorenen Truppen.

Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder. Wer sollte das gesagt haben? Cäsar? Dietrich bedauerte seine Halbbildung, und dass er solche Sätze immer nur als Sprichwörter kannte.

Am Abend vorher schon hatten sie vereinbart, die Frauen zur Skischule zu schicken. Ricarda wollte zur Schule, weil sie sich in der Gruppe sicherer fühlte, Odette musste zur Schule. Sie hatte noch nie auf Skiern gestanden.

Auf Gregor und Elmo traf das zwar ebenfalls zu, aber nachdem Gregor erklärt hatte, Schule komme für ihn nicht in Frage, das sei rausgeworfenes Geld, und das werde er diesen Abzockern nicht nachwerfen, sagte Elmo, er brauche das auch nicht. Sein Vater verbreitete sich noch darüber, was man im Leben durch gutes Beobachten lernen könne, wenn man sich nur darauf einlasse und welch gute Schule es sei, sich selbst auf diese Art etwas beizubringen. Odette hatte geschwiegen.

Die Gondel rumpelte in die Station.

Als Dietrich, Elmo und Yannik ins Sonnenlicht traten, stand Gregor schon auf den Skiern, vergewisserte sich auf der Karte kurz über die einzuschlagende Richtung, fragte: „Kommt ihr?“ und stieß sich ab.

Er hielt die Beine weit gespreizt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, die Stöcke schleiften nach. Es sah nicht elegant aus, aber er schien sich Gedanken über die für einen Anfänger sicherste Haltung gemacht zu haben. Er wankte nicht und war ihren Blicken schnell entschwunden.

„Dann wollen wir ihm nachfahren.“ Dietrich warf seine Ski in den Schnee.

„Ich fahre dem Verrückten nicht hinterher“, Elmo zeigte einen Vogel, „hast du die Piste gesehen? Es gibt nur die eine nach unten und die ist dunkelrot.“

Dietrich hob die Hände. Das ließ sich ja prächtig an.

„Komm, wir gehen zu dem Schlepper“, Yannik wies mit dem Stock nach rechts, „die Piste ist gut zum Lernen.“

„Dein Vater ist auch Anfänger. Den können wir nicht allein lassen“, flehte Dietrich.

Elmo warf den Kopf kurz nach oben. Es war eine Geste wie Schulterzucken oder Abwinken.

„Du kannst ihm ja nachfahren.“

Die Jungen wandten sich ab und stapften in ihren steifen Skistiefeln den kurzen Hang nach oben, wo eine Masse Leute geduldig wartete, um sich einen Plastikteller zwischen die Beine zu klemmen und einen seichten Hügel hinaufziehen zu lassen.

Dietrich überlegte kurz, ob er ihnen folgen sollte, schüttelte verständnislos den Kopf.

Er dachte darüber nach, welche Entscheidung am besten vor seiner Frau zu vertreten sein mochte (ohne sich über dieses Kriterium Rechenschaft abzulegen) und wandte sich schließlich nach links, wo Grischa vor zwei Minuten hinter einer Schneeaufschüttung verschwunden war.

Dahinter wartete eine Buckelpiste und keine hundert Meter weiter würde er Gregor finden, wie er sich verzweifelt von Buckel zu Buckel kämpfte. Im schlimmsten Fall mussten sie das Stück, das er schon gefahren war, wieder nach oben laufen. Elegant nahm er die Biegung, ließ seine Skispitzen auf den ersten Huckel rutschen, als er überzukippen drohte, verlagerte er das Gewicht auf den linken Ski und mit kurzen Schwüngen schaukelte Dietrich sich in gemächlichem Tempo über die Miniberge. Allerdings verlor er den Rhythmus, als er aufblickte, um nach Gregor Ausschau zu halten. Er musste zwei Buckel auslassen, wurde viel zu schnell und hatte Mühe, auf einem kurzen geraden Stück ohne Sturz zum Stehen zu kommen.

Er blickte nach oben, nach unten. Gregor war nicht zu sehen. Ob er hinter dem Waldstück stand? Hatte er ihn verpasst?

Dietrich entschied, dass das nicht sein könne, rappelte sich auf und fuhr weiter. Immer wieder blieb er stehen, sah sich um. Eine unerklärliche Angst bemächtigte sich seiner, ein flaues Gefühl im Magen. Hatte er Sorge, dass Gregor etwas zugestoßen sein könnte? Bei diesen Menschenmengen verschwand keiner, oder doch? Nur wozu? Dietrich fühlte sich versetzt in einen Gruselfilm, eine kleine Verschiebung in der erwarteten Realität, und die Angst steigt aus den Tiefen, um dir die Haut zu kitzeln.

Er fuhr weiter, teilte die Piste in Beobachtungsquadrate ein, die er gewissenhaft absuchte. Aber Gregor fand er nicht, und irgendwann rechnete er auch nicht mehr damit.

Gregor war tatsächlich erschrocken, als er die Buckelpiste vor sich sah. Von der Gondel aus hatte das einfacher gewirkt. Aber was half es. Sicher würde sich am Tag eine andere Möglichkeit bieten. Aber die hier war nicht schlecht. Wahrscheinlich musste Dietrich die maulenden Kindern beruhigen. Zwei Minuten hatte er. Was ihm an Geschicklichkeit und Übung fehlte, war mit Athletik auszugleichen. Mit Ärger dachte er daran zurück, wie ihm ausgerechnet die Ausbildung im Skifahren wegen einer lächerlichen Bronchitis durch die Lappen gegangen war. Er verbot sich diesen destruktiven Ansatz. Grundregel: Verschwende nie einen Gedanken an Dinge, die dir zur Lösung eines Problems fehlen.

Am Rande fand er ein kurzes Stück ohne Unebenheiten. Er rutschte dorthin und probierte eine Rechts- und eine Linkskurve. Er drückte mit beiden Beinen das Ende der Ski nach außen. Es würde gehen. Er beschloss, jeweils zwei Buckel zu umfahren und dann mit einer jähen Wendung zu stoppen. Nach dem vierten Halt bemerkte Gregor, wie ihm die Oberschenkel schmerzten. Bewundernd beobachtete er einen hageren älteren Herren, der mit kurzen Schwüngen an ihm vorbeiglitt.

Dietrich war noch nicht zu sehen. Gregor stellte die Ski wieder talwärts, und drehte nach dem zweiten Buckel. Irre, welches Tempo er auf dieser kurzen Strecke erreichte und wie kraftaufwändig das Bremsen war. Irgendwas machte er technisch falsch. Besser war, nur nach jedem dritten Buckel zu halten. Aber das gab er nach dem ersten Versuch auf.

Gregor dachte über Dietrich nach. Der Trick funktionierte. Das Skifahren wurde einfacher. Er achtete nicht mehr auf den Schmerz.

Den Übergang von der Buckelpiste zu einem mehrere Kilometer langen Hohlweg, den die meisten Schuss fuhren, um am Ende ein Stück bergauf nicht schieben oder laufen zu müssen, nahm er kaum zur Kenntnis.

Aber über Dietrich nachzudenken, war nicht sehr ergiebig. Gregor sah einen entspannten Menschen, der es sich in seinem Leben gemütlich gemacht hat, und den Odettes Anzüglichkeiten ein wenig aus seiner Lethargie rissen, und wahrscheinlich würden diese Affäre und die sich daraus ergebenden Komplikationen die letzte große Aufregung in seinem Leben sein.

Aber warum war der Wirt gestern auf der Terrasse geradezu panisch bemüht gewesen, nicht in Dietrichs Blickfeld zu geraten, und warum hatte er ihn gleichzeitig so verhohlen beobachtet, dass es einem ins Auge sprang?

Gregor fiel keine plausible Erklärung ein.

Als er intuitiv in die Hocke ging, die Stöcke unter die Arme klemmte und ungebremst gleich allen Anderen zu Tale raste, dachte er, dass er wenig über Dietrichs Vergangenheit wusste. Auf dieser Gartenparty, auf der Odette mit Dietrich geflirtet hatte, als gelte es, die letzte Liebschaft des Lebens einzugehen, waren sie das erste und einzige mal vertraut miteinander gewesen. Selbst Gregor hatte sich von dieser erotischen Stimmung an dem künstlich angelegten Teich mitreißen lassen. Danach gab es nur noch Versuche, die einzigartige Atmosphäre dieses Abends wieder entstehen zu lassen. Man unterhielt sich über belanglose Sachen. Ab dem zweiten Treffen ging es um Versicherungen, Probleme mit den blöden Vorgesetzten aus dem Westen, Autos, Wunderheiler aller Art von Ayurveda bis Zen-Meistern, und die Begegnungen wurden so belanglos.

Er wusste nur: Dietrich war Beamter im Bundeswirtschaftsministerium. Ob das damit zusammenhing? Wirtschaftskriminalität? War das Hotel eine Scheinexistenz, die der Wirt sich zur Tarnung aufgebaut hatte? Gregor schüttelte den Kopf. Er überholte einen Skifahrer nach dem anderen und sein Schwung reichte mühelos, das kleine Plateau zu erklimmen, wo man sich anstellen musste, um wieder nach oben zu fahren.

Blödsinniger Gedanke. Schickten sie dann einen alten Bekannten wie so eine Kordel im Kästchen als Aufforderung zum Selbstmord.

Und dann Dietrich! Zu dem passte sowas einfach nicht.

Gregor behielt die Piste im Auge. Wenn Dietrich jetzt auftauchte, könnte er ihm nicht mehr ausweichen. Die Skifahrer verschwanden in großer Entfernung in einem toten Winkel, der von der Warteschlange aus nicht einsehbar war und tauchten urplötzlich mit ihren Mützen und Gesichtern in dreißig Metern Entfernung wieder auf, als würden sie einen Paternoster benutzen.

Er drängelte sich nach vorne, murmelte „Entschuldigung, mein Sohn ist mir ausgebüxt.“ und war bald in der Gondel.

Irgendetwas stimmte nicht. Er würde es herausfinden. Der Urlaub erschien Grischa in einem völlig neuen Licht. Lächelnd lehnte er den Kopf gegen die Scheibe. Alles würde sich als Popanz herausstellen, als witziges Missverständnis, aber alles würde auch wieder ein bisschen sein wie früher. Er freute sich auf das Spiel, und es machte ihn glücklich, dass nur er wusste, dass es gespielt wurde – außer dem Wirt wahrscheinlich.

Ricarda war konzentriert und versuchte sich zu erinnern, was sie von der letzten Saison noch im Kopf hatte. Der Schnee war weich, die Piste frisch präpariert. Ihr gelangen drei Parallelschwünge. Die waren nicht perfekt, weil sie den Belastungswechsel nicht ordentlich hinbekam, und sie ließ die Stöcke im Schnee nachschleifen. Aber sie wurde zu den Fortgeschrittenen geschickt.

Nach ihr fuhr Odette. Sie trug keine Mütze und ihre halblangen Haare nahmen ihr, da sie sich stark nach vorne beugte, die Sicht. Sie kippte auf der kurzen Strecke zweimal zur Seite und rutschte mehr oder weniger hockend nach unten.

Der Skilehrer mit einer Mütze, an der fünf verschiedenfarbige Bommeln hingen, stützte sich ratlos auf seine Stöcke und sah Odette an, die sich mühsam vor seinen Füßen berappelte, dabei immer wieder weg glitt, sobald sich Hintern und eine Hand vom Boden lösen wollten.

„Du hättest wohl unten an den Babylift gehen sollen. Hier oben ist es etwas schwierig für dich.“

Er sprach mit angenehmem schweizerischen Akzent.

Odette, die es geschafft hatte, auf die Beine zu kommen, versuchte, sich ebenso lässig abzustützen. Es wirkte wie die ersten Stehversuche eines gerade geborenen Fohlens.

„Ich bin am Anfang immer etwas unsicher. Aber ich möchte zu ihr in die Gruppe.“ Mit dem Kopf deutete sie in Ricardas Richtung. Die konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, aber die Kopfbewegung ließ sie ungläubig staunend die Augen aufreißen.

„Das wird schwierig. Wie oft bist du schon Ski gefahren?“

„Vier oder fünf Mal. Das letzte mal war ich in einer Fortgeschrittenengruppe“, log Odette.

„Na, ich weiß nicht“, sagte der Skilehrer und gab mit dem Stock dem Nächsten ein Zeichen, er möge losfahren.

„Stell dich erst mal dahin. Wir entscheiden nachher, wenn du noch mal ein Stück gefahren bist.“

Odette schob sich in die entgegengesetzte Richtung ab, weil sie vor seinen Augen nicht riskieren wollte, beim Umdrehen hinzufallen. Als sie ein Stück abwärts gerutscht war, schnallte sie die Ski ab, öffnete ihre Stiefel und stapfte durch den Schnee zu Ricarda hin.

„Musst du wieder runter?“, fragte die mitfühlend und hoffnungsfroh.

„Nein, ich fahre hier mit.“

„Bitte?! Das geht nicht.“ Einen kurzen Augenblick schauten sie einander in die Augen und Ricarda begriff, auf diesen Kampf durfte sie sich nicht einlassen. Sie wandte sich einem schleimigen Einzelgänger zu, der in dieselbe Gruppe eingeteilt war und von oben auf sie zugerutscht kam mit der Frage:

„Kennen die Damen das Skigebiet schon?“ Es klang ganz nach Küssdiehandgnädigefrau und der Wienerische Akzent hörte sich angelernt an, aber Ricarda schenkte ihm das gewinnendste Lächeln, dessen sie fähig war und sagte:

„Wir werden es gemeinsam kennenernen.“

Sie hielt das Gespräch am Kochen, bis der Skilehrer kam, nur um nicht mit Odette reden zu müssen.

„Hallo, ich bin der Peter.“ Er trug keine Mütze, nur ein Stirnband in den Farben rot weiß und der Aufschrift „Schischule“, denn die Österreicher schreiben Ski wie man es spricht. Er ließ jeden den Namen sagen und wo er herkam. Das gab Anlass für einige Witzeleien. Ricarda war froh, Berlin sagen zu können, das ließ vieles offen. Vorher habe sie in Bonn gearbeitet und sei durch den Regierungsumzug nach Berlin gekommen. Da hätte das Wort ‚wieder’ dazugehört, aber sie ließ es weg.

„Rheinländer habe ich gerne in der Gruppe“, sagte der Peter, „die sind nicht so trocken.“

„Ja“, sagte die gebürtige Sächsin Ricarda und bemühte das Kölsch, das sie sich in acht Jahren erworben hatte, „wir sind ein lustiges Völkchen.“ Und seltsamerweise wurde ihr leicht ums Herz. Jeder blöde Witz würde ihr nun als Kölscher Humor ausgelegt und goutiert werden, und das konnte sie gut gebrauchen. In diesen Skischulgruppen waren immer ein paar Vergnügungssüchtige dabei.

Der Peter fühlte sich auch gleich berufen und sagte zu Odette, die immer noch neben ihren Skiern stand:

„Und du bist heuer die, welche mir meine Ersatzski nachträgt? Das ist nett. Wo kommst du denn her?“

Odettes Stimmung war seit dem Moment, da Ricarda sich dem Wiener Verschnitt zugewendet hatte, stufenweise auf den Nullpunkt gesunken. Bemüht die Contenance zu wahren, sagte sie:

„Aus Hoyerswerda.“

Das stimmte nicht. Odette stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Hoyerswerda, wohnte aber schon seit ihrem siebzehnten Lebensjahr nicht mehr dort. Von den zwölf Leuten schauten nur drei betreten, der Rest wusste nichts von den Flammen von Hoyerswerda. Ricarda sagte:

„Gut dass wir keine Vietnamesen in der Gruppe haben.“

Ihr Gesicht verhärtete sich ein wenig. Die drei, die eben noch betroffen dreingeschaut hatten, lachten. Die Anderen entschieden, sich nicht anmerken zu lassen, dass die Pointe aus einer für sie fremden Welt stammte und verzogen wenigstens die Mundwinkel.

Eins zu null, befand Ricarda.

„Das finde ich auch gut“, sagte der Peter ernster als er es wahrscheinlich gewollt hatte und:

„Wo wir so eine dufte Truppe sind und außerdem fortgeschritten: Was haltet ihr davon, wenn wir gleich auf den Gletscher fahren? Das Wetter ist gut, die Aussicht da oben herrlich, und wer weiß, wie es morgen sein wird.“

„Auf geht’s“, rief Ricarda, die sich irgendwie selber nicht mehr kannte und in der Rolle der jecken Rheinländerin pudelwohl fühlte.

„Mir nach!“, rief der Peter. Zu Odette:

„Mach dir meine Ersatzski ruhig an die Füße, noch brauch ich sie nicht.“ Er wendete, Ricarda reihte sich als erste ein, ohne Seitenblick auf Odette. Sie war wild entschlossen, diesen Tag zu genießen.

Der schmierige Wiener erbarmte sich, schloss Odette die Schnallen an den Schuhen und half ihr in die Ski. Bis zum Lift schaffte Odette es ohne aufzufallen. Es war ein Sessellift, der am Einstieg verlangsamt fuhr, trotzdem musste der Mann vom Aufsichtspersonal den Lift stoppen, weil Odette, als die Absperrung sich öffnete, mit den Schlaufen ihrer Stöcke hängenblieb, zurückgerissen wurde und stürzte. Aber das konnte schließlich jedem mal passieren. Oben schaffte sie es mit verkrampfter Willensanstrengung und im Schneepflug die wenigen Meter bis zur Gruppe zu rutschen. Wegen der vielen Leute ordnete Peter an, dass sie zunächst ein wenig abwärts fahren würden, um an einer ruhigeren Stelle mit dem Unterricht zu beginnen. Erst von da ab offenbarte sich der ganze Umfang des Dramas, und nur Ricardas Einwürfe hielten die Truppe bei Laune.

Mit Bemerkungen wie „In Hoyerswerda gehört das zu den Fortgeschrittenen!“, gewann sie die Herzen der Zuschauer.

„Sie sollte einen zweiten Versuch bekommen“, rief sie, als Odette unfreiwillig über einen Hügel gesprungen und unsanft und schmerzhaft gelandet war, und alle pflichteten ihr bei.

Nur die Kopie eines Wiener Charmeurs mahnte zur Besonnenheit und half Odette auf die Beine. Ricarda in ihrer Großzügigkeit gönnte es ihr, dass der, der sie vorhin gerettet hatte, nun Odette rettete. Allein das Gefühl, klare Fronten zu erkennen, machte sie übermütig. Sie schwebte und die ganze Gruppe schaute voller Faszination auf zwei überdrehte Frauen, die eines klaren Gedankens nicht mehr fähig schienen.

Yannik bemerkte, wie Elmos Vater Grischa aus der Seilbahnstation trat und sich auf einen Liegestuhl setzte. Er stand mit Elmo und zwei Mädchen schon seitdem sie zum Schlepplift getapst waren herum. Ski und Stöcke lagen im Schnee.

Yannik wäre gern mit Elmo Ski gefahren. Yannik hatte schon mehrere Male eine Skischule besucht. Der Hang war einfach. Er hätte ihm den Schneepflug gezeigt, das Ausstemmen. Aber Elmo hatte beim Anstehen die zwei Mädchen angequatscht, Gänse, wie Yannik fand.

Sie kicherten über jede Bemerkung, und er hatte noch nicht herausfinden können, warum sie überhaupt hier standen, ob sie auf ihre Eltern warteten.

Eben sagte die eine, eine Mollige mit süßem Stupsnasengesicht:

„Man kann nicht ins Wasser gehen.“

Yannik wusste nicht, wie sie zu diesem Satz kam. Elmos Vater hatte ihn abgelenkt.