Verfluchter Weißer Mann - Frank Georg Schlosser - E-Book

Verfluchter Weißer Mann E-Book

Frank Georg Schlosser

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Beschreibung

Die Neuerfindung des Genres Urban Fantasy. Die deutschen Geister in Aktion. Richter Klaus Morgenthaler, ein eher liberaler und milder Strafrichter, wird von seiner Geliebten verflucht, weil er wie alle Männer ein Schwein und ein Idiot ist, schrumpft zum Zwerg und muss den Geist finden und versöhnen, der ihr die Energie zum Verfluchen gab. Aber der See der Geister wird gehütet von Erik Krampitz, einem rechten Parteiführer, ehemaligem Staatsanwalt, den schon von dieser Zeit eine Intimfeindschaft mit Klaus verbindet. Er will die Macht im Lande an sich reißen, hat dafür seine eigenen Arrangements mit der Geisterwelt getroffen und verfolgt jeden bis aufs Blut, der dem zu nahekommt. Showdown am Geistersee.

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Seitenzahl: 610

Veröffentlichungsjahr: 2022

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für Georg

„Dort wirst du der Verzweiflung Schrei’n vernehmen,

Die Trauerschar der alten Geister schauen,

Wo jeglicher des zweiten Tods begehret; …“

(Dante Alighieri „Die Göttliche Komödie“)

„Als Grundzug im Charakter der deutschen Dämonen sehen wir,

daß alles idealische von ihnen abgestreift, daß in ihnen das Gemeine

und Gräßliche gemischt ist, je plump vertraulicher sie an uns

herantreten, desto grauenhafter ihre Wirkung.“

(Heinrich Heine

„Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“)

PERSONENVERZEICHNIS

Klaus Morgenthaler

Richter

* 1962

Gertrud Morgenthaler

seine Mutter

* 1940

Fritz Morgenthaler

sein Großvater

* 1906

† 1945

Barbara Ballentin

seine Tante

* 1932

Carmen Morgenthaler

seine Frau

* 1961

Ariane von Malotki

Reporterin

* 1989

Lukas

ihr Freund

* 1987

Norbert (Nob)

ihr Freund

* 1984

Sabrina

eine alte Bekannte

* 1990

Erik Krampitz

Parteiführer

* 1967

Friedhelm Herold

sein väterlicher Mentor

* 1936

Andreas Herold

dessen Sohn

* 1976

Regina Krampitz

seine Mutter

* 1945

Martin

sein Leibwächter

* 1971

Ulrich Bernhard

Inhaber Ulis Absteige

* 1953

Summayah Alexandrowa

Modedesignerin

* 1980

Marjorie Müller

ihre Geschäftspartnerin

* 1978

Akbar Abdulkahhâr

ihr Großvater

* 1903

† 1945

Gregor Bertram

ihr Freund

* 1958

Renate Bertram

seine Mutter

* 1935

† 1977

Hedwig

seine Großmutter

* 1910

† 1946

Diana Rusch

Klaus’ Geliebte

* 1965

Mama Ute

ihre Mutter

* 1946

† 1997

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: DER FLUCH

Kapitel 1: KLAUS

Kapitel 2: ARIANE

Kapitel 3: KLAUS

Kapitel 4: ERIK

Kapitel 5: KLAUS

Kapitel 6: ARIANE

Kapitel 7: KLAUS

Kapitel 8: NOB

Kapitel 9: ERIK

Kapitel 10: ARIANE

Kapitel 11: NOB

Kapitel 12: KLAUS

Kapitel 13: ARIANE

Kapitel 14: KLAUS

Kapitel 15: ARIANE

Kapitel 16: ARIANE

Kapitel 17: FRIEDHELM

Kapitel 18: KLAUS

Kapitel 19: ARIANE

Kapitel 20: GREGOR

Kapitel 21: ARIANE

Kapitel 22: FRIEDHELM

Teil 2: DIE VERSÖHNUNG

Kapitel 23: SUMMAYAH

Kapitel 24: KLAUS

Kapitel 25: FRIEDHELM

Kapitel 26: ERIK

Kapitel 27: ARIANE

Kapitel 28: KLAUS UND BARBARA

Kapitel 29: ERIK UND ARIANE

Kapitel 30: FRIEDHELM

Kapitel 31: SUMMAYAH

Kapitel 32: KLAUS

Kapitel 33: FRIEDHELM

Kapitel 34: KLAUS

Kapitel 35: ARIANE

Kapitel 36: KLAUS

Kapitel 37: ARIANE

Kapitel 38: KLAUS

Kapitel 39: ARIANE

Kapitel 40: KLAUS

Kapitel 41: ARIANE

Kapitel 42: KLAUS

Kapitel 43: FRIEDHELM

Kapitel 44: KLAUS

Kapitel 45: KLAUS

Kapitel 46: ARIANE

EPILOG

Teil 1

DER FLUCH

1

KLAUS

Dienstagvormittag

„Ich komme heute Abend vielleicht gar nicht nach Hause“, sagte Klaus, als Carmen ihn daran erinnerte, dass er Fisch mitbringen sollte.

„Filet“, hatte sie mit leicht erhobener Stimme hinzugefügt. Natürlich, hatte Klaus gedacht, keine Augen, keine Gräten, keine Haut und schon gar keine Innereien, nichts was daran erinnerte, dass mal ein Lebewesen gewesen ist, was sie da aß.

Er sah ihr zu, wie sie sich den nahtlos mit ihrem Rocksaum abschließenden Mantel überzog, und mit Hilfe des Schuhanziehers in ihre schwarzen Pumps stieg.

„Triffst du dich mit Herbert?“, fragte sie und hing den Schuhanzieher an den dafür bestimmten Haken.

Klaus reagierte nicht, weil er spürte, dass dies der Moment sein konnte, der Kipppunkt sozusagen. Und nach ein paar Sekunden schien es möglich, dass Carmen ihre Frage vergessen haben könnte. Aber dann sah sie ihn mit hochgezogenen Brauen an, und er erwachte aus seiner Erstarrung.

„Nein“, sagte er, „kann sein, ich bin bei Diana.“

„Bei wem?“

Nun gab es kein Zurück mehr. Klaus merkte, wie sein Atem heftiger ging, und auch Carmens Brustkorb hob und senkte sich merklich. Beide waren sie damit beschäftigt, die Fassung zu bewahren.

„Wer ist …“, begann Carmen schließlich.

„Meine Freundin“, sagte Klaus.

Er hatte es ihr heute Abend zum Fisch sagen wollen, wie man das von zivilisierten Menschen erwarten konnte. Aber diese Ermahnung, dass es Filet sein musste, hatte ihn geärgert. Als ob er das nach dreißig Jahren Ehe nicht wusste. Die Idee, extra einen Karpfen aus Berkans Bassin zu nehmen, der noch ausschlug, wenn man ihn schuppte, war durch ihn hindurch geschwappt. Stattdessen war nun die Enthüllung aus ihm herausgebrochen, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Carmen hatte in einer halben Stunde ein wichtiges Meeting zu leiten, sie musste los.

„Kein Fisch also heute“, stellte sie betont sachlich und leise fest. „Schön, werde ich mir einen Salat machen.“

Sie kontrollierte gewohnheitsmäßig den Inhalt ihrer Tasche.

„Bemüh dich nicht!“, fauchte sie ihn an, als er Anstalten machte, ihr die Tür zu öffnen. Mit einer heftigen Bewegung riss sie am Knauf, dann warf sie die Tür mit Wucht hinter sich zu. Ihm war, als erzittere das Haus in seinen Grundfesten. Klaus hörte den Fahrstuhl leise surren.

Er wendete sich zurück in den Flur, der in die Küche überging. Sein Herz pumpte das Blut in heftig pochenden Wellen durch den Hals. Er lehnte sich gegen die Kochinsel und starrte auf den Boden.

Es war noch nicht einmal sicher, dass er heute Abend zu Diana gehen konnte. Vielleicht hatte sie etwas anderes vor. Aber er hoffte, dass sie es sausen lassen würde, was immer es sein mochte. Schließlich gab es etwas zu feiern. Er hatte eine Entscheidung getroffen.

Vorigen Dienstag bei seinem allwöchentlichen Besuch war Diana plötzlich laut geworden, was ihn überrascht hatte. Er hatte geglaubt, sie wäre mit dem Arrangement, das sie einmal wöchentlich und hin und wieder am Wochenende zusammenführte, ganz zufrieden.

Er müsse sich entscheiden, so ginge es nicht weiter. Natürlich hatte sie das nicht so gesagt. Ich will ein paar Antworten, hatte sie gesagt, Fragen kannst du dir selber ausdenken, wirst schon darauf kommen.

Im ersten Moment hatte Klaus gedacht, dass es nun vorbei wäre, und eine tiefe Traurigkeit hatte ihn überschwemmt. Aber dann waren die Tage vergangen und immer wieder, geradezu mantraartig, dachte er: ich werde zu Diana ziehen, ein neues Leben anfangen.

Es musste so sein. Er liebte Carmen nicht mehr. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, bis an sein Lebensende mit ihr in dieser Eigentumswohnung über dem Landwehrkanal eingesperrt zu sein.

Seit einem halben Jahr lebte er nur noch auf seine wöchentlichen Begegnungen mit Diana hin, den verrückten Ideen, dem Nervenkitzel. Diana war anders als Carmen, nicht so kontrolliert. Sie kannte die beklopptesten Leute, wusste von den verrücktesten Events. Sie waren bei einem Blaskonzert auf einem Hinterhof bei ihr um die Ecke gewesen, weil die Tochter einer Freundin mitspielte; ein andermal war sie mit ihm nach Mecklenburg auf einen halb verfallenen Bauernhof gefahren, wo einige Bands ein Rockfestival veranstalteten, mitten in der Pampa; und immer uferten solche Happenings zu endlosen Partys aus, bei denen getanzt und gelacht und geliebt wurde.

Und am lautesten (und am ordinärsten) lachte Diana selber, schlagfertig und immer im Mittelpunkt. Er wusste nicht, warum sie sich auf ihn eingelassen hatte. Er wusste nur, dass er ohne sie nicht leben wollte, nicht mehr. Sie hatte ihm gezeigt, was für ein armseliges Dasein er zwischen Beruf, Fitnessclub und Ehe führte.

Vielleicht war es aber genau das, was sie sich selber wünschte, ein normales, armseliges Leben. Manchmal hatte er das Gefühl gehabt, dass ihr all der Trubel, dem sie meinte sich hingeben zu müssen, zu viel wurde. Suchte er in ihr das Abenteuer und sie in ihm die Beständigkeit?

Klaus lief ziellos durch die Zimmer. Alles war perfekt durchgestylt. Mehr als zehn Riesen hatte Carmen dem Innenarchitekten in den Rachen geworfen und herausgekommen war dieser Alptraum in schwarz und weiß mit grünen Inseln.

Er stieß mit dem Hausschuh gegen einen Elefantenfuß, eine Pflanze, die schon aussah, als wäre sie als Möbelstück für Carmen auf die Welt gekommen.

Bei Diana würde er in dem Zimmer rechts hinter dem Bad wohnen. Sie hatte es leergeräumt. Sie sprach nicht über solche Dinge, aber eines Tages hatte sie ihm gezeigt, dass all der Trödel, der sich darin angesammelt hatte, verschwunden war, weggeworfen, verschenkt, und für ihre Taucherausrüstung und ein paar andere Sachen hatte sie sich im Flur einen Hängeboden gebaut. Es brauchte nicht viele Worte. Beiläufig hatte sie ihm den Wohnungsschlüssel zugeworfen. Fang! hatte sie gerufen.

Alles war einfach und klar. Hier ist ein Schlüssel, da ein Zimmer. Diana bewohnte selbst auch nur ein Zimmer, links am Ende des Flures nach der Marionettenwand der Verflossenen. Da gab es ein Bett, einen alten Holzschrank, ein Keyboard, ein Laufband.

Klaus schaute über den Landwehrkanal, die Admiralbrücke. Die Sonne blendete ihn. Er könnte der Außenjalousie einen Befehl erteilen, verdunkeln bitte! Aber er tat es nicht.

Sein Handy begann eine Melodie zu spielen, Zeit aufzubrechen.

Aufbruch, dachte er, Aufbruch in ein neues Leben, bestehend aus einem Schrank und einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl.

Er würde das alles neu kaufen müssen, oder mit ihr auf einem Trödelmarkt zusammenstoppeln. Wenn er sich hier so umsah, erschien es ihm undenkbar, etwas aus diesem Ensemble herauszureißen. Dreißig Jahre und nichts, woran sein Herz mit Macht hing.

Diese Wohnung kam ihm manchmal vor wie ein Ufo, gebaut für Aliens, und eines Tages würde sie sich vom Haus lösen, in den Himmel steigen und im All verschwinden, und wenn er dann noch hier lebte, war er für immer verloren.

Wieder spielte sein Samsung den Erinnerungsjingle. Heute war Verhandlungstag. Um zehn hatte er den Geisterbeschwörer terminiert. Er musste sich sputen.

Auf dem Weg zur U-Bahn pfiff Klaus eine militärisch anmutende Melodie und sein Kopf suchte die ganze Admiralstraße runter nach deren Ursprung. Erst am Kotti fiel ihm ein, dass es die Titelmelodie von Fluch der Karibik war. War es Justus oder Simon gewesen, der diesen Film so liebte? Wahrscheinlich Justus, der jüngere. Was die Beiden wohl zu seinem Auszug sagen würden? Egal, sie waren erwachsen, keiner von ihnen hatte je in der Ufo-Wohnung gelebt, und Besuche waren auch äußerst selten.

In der Mittagspause würde er Diana besuchen gehen. Er freute sich auf ihr Gesicht. Sie rechnete bestimmt nicht damit, dass er sich für sie entschied. Diana rechnete mit dem Ende der Affäre.

Sie hatte nicht viel Glück mit ihren Beziehungen gehabt. Die längste hatte acht Jahre gehalten mit Paolo, einem Maler, der früher mal beim Leuchtenden Pfad, dieser peruanischen Terrortruppe, gewesen war.

Klaus dachte, während er die Treppen zur U-Bahn hinaufstieg, an jenen Abend, als Diana Paolos Puppe von der Wand und mit ins Bett genommen hatte.

Für jeden Verflossenen hatte sie eine mehr oder weniger passende Marionette gekauft.

38 Stück hingen an der langen Wand von der Wohnungseingangstür bis zu ihrem Zimmer. Zu jeder gab es eine Geschichte.

Sie hatten an jenem Abend viel Spaß gehabt und gelacht mit Paolos Puppe zwischen sich. Sie erzählte ihm von Paolos Malerei, den düsteren Farben und brutalen Settings, mit der er seine Zeit beim Leuchtenden Pfad verarbeitete.

Irgendwann an diesem Abend hatte Diana einen Wutanfall bekommen, und die Puppe mit Karacho gegen die Wand geschlagen, so dass die Pinocchio-Nase abgebrochen war, dann war sie über die Puppe hergefallen und hatte sie gewürgt. Klaus glaubte nicht an Voodoo, aber er hielt das keine zwei Sekunden aus, dann versuchte er, ihr die Finger aufzubiegen. Übergangslos lies Diana die Puppe los und ging Klaus an den Hals. Du willst für ihn sterben, keuchte sie, kannst du haben.

Nie davor in seinem Leben und auch nie wieder danach hatte er so ringen müssen. Er entfesselte eine Kraft, von der er gar nicht wusste, dass er sie in sich hatte. Am Ende hatte er sich auf sie geworfen. Sie hatte geschrien, ihm die Hände in den Rücken gekrallt, ihr Becken aber auch mit Gewalt gegen ihn gestoßen, als wollte sie diejenige sein, die ihn zwang.

Als sie dann keuchend auseinanderfielen, und Klaus überlegte, ob er sich für die Vergewaltigung nicht entschuldigen müsste, obwohl er sich wie ein Berserker fühlte, fragte sie ihn, ob sie nicht immer so sein könnten. Was glaubst du, fragte sie ihn, warum ich bei dem Arschloch so lange geblieben bin?

Das Gefühl nach dieser Frage war zwiespältig gewesen. Klaus hatte sich auf seine einfühlsame Art, auch beim Sex, immer viel zugutegehalten. Aber eben war er sich wie ein Stier vorgekommen und ja, warum nicht immer so sein, wild, ungestüm, hemmungslos. Es war nie wieder dazu gekommen, vielleicht weil sie von da an das Ende nahen sah, wie schon so oft in ihrem Leben.

Am Nollendorfplatz stieg er in den Bus.

Nun würde es kein Ende geben, jedenfalls jetzt nicht. Vielleicht war so etwas dann zwischen ihnen wieder möglich.

Er stieg zwei Stationen früher aus als sonst, um noch ein paar Meter zu laufen und mit seinen Gedanken allein zu sein. Es versprach ein sonniger Tag zu werden. Noch war es kühl, aber der Himmel wölbte sich blau über Moabit.

Sein Handy brummte. Nachricht von Carmen. Widerwillig rief er sie auf.

„Deine Diana Rusch ist keine Unbekannte, alter weißer Mann. Denkst, du kannst ein Pferd zureiten, obwohl du noch nie auf einem gesessen hast. Viel Spaß beim Knochen brechen. Ich gebe dir eine Chance. Du bist heute Abend halb neun nach dem Besuch bei deiner Mutter (!!!) zuhause. Oder du kannst gleich da wohnen bleiben.“ Kein Gruß.

Klaus unterdrückte den Impuls, das Handy mit Schmackes auf den Boden zu werfen. Woher wusste sie Dianas Nachnamen? Den hatte er nie erwähnt. Die ganze Nachricht war typisch für Carmen. Bei jeder Bedrohung der eigenen Lebensumstände, real oder eingebildet, gab es nur eins: Angriff, Attacke, bis der Normalzustand wieder hergestellt war. Keine Frage nach dem Warum. Aber diesmal nicht, meine Liebe, dachte er, vielleicht bleibe ich da wohnen, wirst es sehen. Trotzdem verflog seine Euphorie wie ein Atemwölkchen und machte einer halb wütenden Anspannung Platz.

So in seinen Gefühlen banger Erwartung gefangen, bemerkte er den schwarz-weiß-roten Wahlkampfstand der Demokratiedurchsetzer zu spät, der an der Ecke zur Turmstraße aufgebaut war.

Erst viel später am Tag fiel ihm auf, dass es ein sehr ungewöhnlicher Ort für einen Wahlkampfstand war. An dieser Stelle gab es für gewöhnlich nur wenige Passanten, deutlich weniger jedenfalls als auf der anderen Seite des Gerichtsgebäudes.

Misstrauisch beäugte er den kleinen Tisch mit den Ballons und den Flyern, die von zwei in grauer Einheitskluft gekleideten Sicherheitsmännern bewacht wurden. Der schwarz-weiß-rote Schirm war mit der Buchstabenkombination DdD – Durchsetzung der Demokratie, umrandet. Die nach oben laufende Linie des kleinen d war je zu einer Speerspitze ausgemalt.

Klaus überlegte kurz umzukehren, um von der anderen Seite zum Eingang des Gerichtsgebäudes zu gelangen, aber er hätte die ganze JVA umrunden müssen, und es erschien ihm albern, wegen eines Wahlkampfstandes die Richtung zu wechseln, noch dazu, wo anzunehmen war, dass es auf der anderen Seite auch einen gab.

Die DdD war in seinen Augen eine Nazipartei mit einem unsympathischen Vorsitzenden, den er schon als Staatsanwalt nicht ertragen konnte, Erik Krampitz, aber es war ja nicht zu erwarten, dass der hier morgens um neun schon Flyer verteilte, beruhigte sich Klaus. Er musste nur mit gesenkten Augen, oder vielleicht doch einem verächtlichen Blick, vorbeigehen.

„Da kommt er ja, der Richter Gnadenvoll!“, rief eine sonore Stimme so laut, dass man es hundert Meter weit hören konnte. Klaus blieb stehen. Das wohlbekannte ironische Dauergrinsen seines ehemaligen Widersachers trat ihm, als wäre es aus dem Boden gewachsen, in den Weg. Ausgerechnet an diesem Tag!

„Welchen Vergewaltiger lassen wir denn heute mit einer Bewährungsstrafe davonkommen?“, fragte der Mann im Tone eines väterlichen Polizisten, der sich erkundigt, was wir wieder falsch gemacht hätten und lächelte scheinheilig.

„Krampitz“, rief Klaus überrascht und zwang sich eine kumpelhafte Herzlichkeit in die Stimme, „sind Sie unter die Wegelagerer gegangen? Ich dachte, das hätten Sie nicht mehr nötig, seit sie es in Talkshows schön warm haben.“

Krampitz fasste Klaus gönnerhaft auf die Schulter, stellte sich seitlich neben ihn und musterte ihn als prüfe er ein altes Möbelstück, ob es sich wohl lohne, das noch einmal aufarbeiten zu lassen.

„Ist es nicht noch ein bisschen früh für Wahlkampf?“, fragte Klaus, den lässigen Ton festhaltend, und überlegte, wie er, ohne allzu unhöflich zu sein, die Begegnung kurzhalten könnte. Krampitz lächelte ihn an.

„Die deutsche Richterschaft ist früh am Arbeiten und geht spät nach Hause. Da muss man seine Chance nutzen.“

„Was wollen Sie, Krampitz?“

„Was wohl, Ihre Stimme natürlich?“

Klaus lachte gutmütig. So weit kam es noch!

„Sie sind Richter“, redete Krampitz weiter, „noch dazu Strafrichter, Ihnen muss doch die Stärkung des Justizwesens am Herzen liegen.“

„Was soll das? Sie wissen so gut wie ich, dass unsere Ansichten über den Sinn des Strafens diametral …“

„Eben“, unterbrach ihn Krampitz und hielt Klaus immer noch an der Schulter, als stellte er ihn sich für den Lucky Punch zurecht. Was für ein abstruser Auftritt. „Sehen Sie es doch so, Herr Morgenthaler, ich will Ihre eigenartigen Vorstellungen über den Sinn des Strafens endlich verstehen.“

„Nachdem Sie es wie lange, zehn Jahre, nicht verstanden haben?“

Klaus schaute Krampitz an. Was hatte die Politik diesen Mann verändert! Es lag etwas Zwingendes in seinem Auftritt, kein Vergleich mehr mit dem nervös keifenden Staatsanwalt, der er einmal gewesen war.

„Erklären Sie es mir, Herr Morgenthaler. Nehmen Sie es als Ihre Chance, die Politik der kommenden Bundesregierung zu beeinflussen.“

Da sei Gott vor, dachte Klaus, dass der am Ende Justizminister wird.

„Sie halten nicht viel davon, einen Vergewaltiger zum Beispiel einzusperren, habe ich recht?“

Klaus spürte den Drang, sich auf diese Diskussion einzulassen, seine Hoffnung, tatsächlich einen Diskurs führen zu können. Seine Lungen saugten eine große Portion Luft ein, aber er wusste, mehr als ein Schlagabtausch würde es nicht werden. Trotzdem sagte er:

„Nennen Sie mir den Straftäter, der sich im Gefängnis zu etwas Besserem gewandelt hätte.“ Klaus spürte die Resignation in seiner Stimme. Es war doch müßig, mit dem Kerl diskutieren zu wollen. Es gab Gesetze, es gab Strafrahmen für alles Mögliche. Blieb er tatsächlich immer am unteren Ende der Skala? Konnte schon sein.

„Sie verwechseln einen Strafprozess mit einer Psychotherapiesitzung“, belehrte ihn Krampitz.

Ist er auch, dachte Klaus, aber er sagte es vorsichtshalber nicht.

Er linste auf Krampitz’ Hand, die immer noch auf seiner Schulter ruhte. „Sie kennen meine Meinung. Lassen Sie mich los.“

„Wollte sie nur nochmal hören, damit ich weiß, was ich nach der Wahl zu tun habe.“ Krampitz lächelte gönnerhaft. Seine Stimme veränderte sich, jede Jovialität wich aus ihr, sie klang jetzt fast lauernd. Klaus lächelte zurück. An sich musste man Mitleid mit dem Mann haben. So etwas Schönes wie ihm mit Diana würde Krampitz niemals widerfahren. Soweit man wusste, war Krampitz sein Leben lang Junggeselle gewesen. Incel sagte man heute zu so einem, unfreiwillig zölibatär. Aus diesen Kreisen kamen sie, die Hater und Beleidiger, mit denen er so oft zu tun hatte. Klaus trat einen Schritt zur Seite, so dass Krampitz ihn loslassen musste.

„Wollen Sie hier amerikanische Verhältnisse“, fragte Klaus, „jeden Dealer hinter Gitter? Hat aus denen keine bessere Gesellschaft gemacht. Ihr Traum von einem gnadenlosen Recht schafft am Ende bloß neue Opfer, Unschuldige, die wir hinter Gitter bringen, damit das Rachebedürfnis der Leute befriedigt wird.“

Krampitz grinste ihn jetzt unverhohlen an. Was freute der sich so? Dass sie beide niemals auf einen Nenner kommen würden, war seit dem ersten Prozess klar, in dem Krampitz die Anklage vertreten hatte. Fünfzehn oder zwanzig Jahre musste das jetzt her sein. Jeder Richter hatte gestöhnt, wenn er hörte, dass er es mit Krampitz als Staatsanwalt zu tun bekam. Er war ein Eiferer gewesen.

„Sie sind als Richter fehl am Platze“, stellte Krampitz fest. „An Ihnen werde ich ein Exempel statuieren. Aber vielleicht können Sie noch umschulen … zum Therapeuten.“

„So wie Sie Politiker geworden sind, weil Sie als Staatsanwalt nichts getaugt haben?“

Klaus drehte sich um und ging. Hätte er sich bloß nicht darauf eingelassen! Außer dass Krampitz eloquenter geworden war, hatte sich der Blödmann nicht geändert.

„Ich bin Politiker geworden, weil man als Staatsanwalt gegen solche linksliberalen Spinner wie Sie nichts ausrichten kann“, hörte Klaus ihn hinter sich herrufen.

Grimmig stapfte er um die Ecke.

Die Verhandlung gegen den Geisterbeschwörer ging mit Zeugenvernehmungen dahin.

Klaus betrachtete den adipösen Angeklagten, wie er sich immer wieder mit einem schon völlig schweißgetränkten Tuch über Stirn und Nacken fuhr. Dem ging die Muffe, das war unübersehbar. Eine Gefängnisdiät würde ihm wahrscheinlich guttun. Aber war er schuldig?

Die Zeugin, seine Assistentin, hielt ihn für absolut unschuldig. Sie sah wie sein Gegenteil aus, knochig, mit Ketten, Ringen und Armreifen geschmückt, die bei jeder ihrer Bewegungen leise rasselnde Geräusche von sich gaben, insbesondere, wenn sie sich vorwurfsvoll zu den Nebenklägerinnen umdrehte. Und die Nebenklägerinnen, zwei Berliner Vorortfrauen, wohlgenährt und mit aufwendigen Frisuren, tuschelten miteinander, warfen sich bedeutungsvolle, mal amüsierte, mal empörte Blicke zu, alles knapp unter der Ermahnungsgrenze.

Klaus beschäftigte die Frage, ob die Zeugin und der Angeklagte wirklich daran glaubten, Geister beschwören zu können. Er wusste nur nicht so recht, wie er darüber Gewissheit erlangen sollte. Immerhin spielte die tatsächliche Intention bei einer Tat eine Rolle für die Größe der Schuld und die Höhe der Strafe.

„Würden Sie mir verraten, wie Sie das machen, dass der Tisch oder die Gläser sich bewegen?“, fragte er.

„Des spielt doch ka Roll net“, belehrte ihn die Zeugin in bemühtem Hochdeutsch. „Des ist doch bloß für die, die ka Kanal sein können.“

„Was meinen Sie mit Kanal.“

„Es gibt immer bloß e poar, mit denen ma wirklich einen Geist beschwören kann. Und dafür muss sich e Kanal öffnen. Und des hat halt scho damit zu tun, dass mer sich entspannt, lockerlässt, sonst funktioniert des net. Verstehns? Un da darf mer dann a net so gschamig sein.“

„Sie wissen, dass es um den Vorwurf der Vergewaltigung geht?“

„Ach, des ham sich die zwa Schnepfen dahinten doch ausgedacht! Die sind als Medium total ungeeignet gewesen. Aber sie hatten was gehört und wollten des erlehm. Na hammer des halt gemacht, net woar. Hat natürlich nix gebracht. Schaun se sich die zwoa doch oa. Der ganze Prozess hier ist doch für die bloß ein Teil ihrer Langeweilebekämpfungsstrategie.“

Klaus unterdrückte ein Lachen. So ein phantasievolles Wortungetüm konnte nur einer Bayerin einfallen.

„Aber Sie haben schon Medien erlebt, mit denen Sie Geister beschwören konnten?“

„Selbstverständlich. Wozu macht man sonst eine Séance? Aber von den paaren, mit denen das funktioniert, könnens halt net lehm. Also … hat der liebe Gott des Tische Rücken erfunden.“

Klaus ging mit ihr noch die Details durch. Was sich in der Anklage wie mehrfache brutale Vergewaltigung ausnahm, hörte sich aus dem Munde der Zeugin nach Atemunterstützung und Beckenbodengymnastik an. An sich würde er keinen Gedanken daran verschwenden, und die Zeugin als befangen, schlimmstenfalls als Mittäterin einstufen. Was ihn in Zweifel stürzte, war das eigenartige Gebaren der zwei Frauen im Hintergrund. Traumatisierte Opfer verhielten sich sonst anders, wenn es in die Details der Tat ging.

Um zwölf verfügte er eine Pause bis 15 Uhr.

Im Richterzimmer hängte Klaus die Robe in den Spind und betrachtete sein Spiegelbild. Ein ruhiger, friedlicher Mitfünfziger mit fast schwarzem, wallendem Haar, einem d’Artagnan-Bart, der wieder mal gestutzt werden musste und der unvermeidlich auf die Nasenspitze geschobenen Brille schaute ihn freundlich an. Er wusste schon um seine beruhigende Wirkung auf einen Saal voller aufgebrachter Besucher.

Warum beschlichen ihn ausgerechnet jetzt Zweifel?

Das ist völlig normal, mein Lieber, sagte er sich. Der große Moment steht unmittelbar bevor, in dem du vor ihr auf die Knie fällst, bildlich gesprochen, denn natürlich würde er niemals vor Diana auf die Knie gehen. Sie würde sich totlachen oder ihn fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf sei.

Klaus klappte den Spind wieder zu. Das war nur Krampitz’ Drohung, die ihm noch in den Knochen steckte.

Du wirst den Geisterbeschwörer mangels Beweisen freisprechen, und es wird in der Zeitung stehen, und dann lauern dir ganz andere Leute vor dem Gericht auf.

Klaus schüttelte sich, wie um diese Gedanken loszuwerden. Es gab immer wieder Prozesse, die große Wellen der öffentlichen Erregung erzeugten. Man durfte sich davon nicht beeindrucken lassen. Er hatte jetzt mit Hin- und Rückweg zweieinhalb Stunden. Er nahm sich vor, auch seine Gedanken in dieser Zeit ganz auf Diana zu konzentrieren.

Draußen auf den weitläufigen Fluren des Gerichts sah er schon von weitem Günther, seinen Schwiegervater, zielstrebig auf sich zukommen. Du lieber Gott, was war denn heute los? Hatte sich Carmen schon bei ihren Eltern ausgeheult? Wie immer trug Günther einen Maßanzug und schritt trotz seines hohen Alters forsch, als wäre er immer noch Gerichtspräsident, auf ihn zu.

Klaus spürte eine leichte Panik aufsteigen. Um eins waren sie verabredet. Diana war keine Frau, die man warten ließ.

„Günther“, begrüßte er Carmens Vater, „ich habe jetzt wirklich keine Zeit für ein Schwätzchen.“

„Ich will nichts weiter“, beruhigte ihn der Angesprochene, „nur schauen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast.“

Bei den letzten Worten war Günther laut geworden.

Klaus durchfuhr es heiß und kalt, obwohl ja klar war, dass er sich mit seinen Schwiegereltern würde auseinandersetzen müssen. Aber so schnell? Hatte Carmen ihr Meeting sausen lassen?

„Als Richter bist du zur Neutralität verpflichtet.“

Was redete er da? Wollte er ihm sagen, dass er eine Freundin haben, aber seine Frau nicht verlassen dürfe?

„Und es ist auf alle Fälle keine gute Idee, in der Öffentlichkeit sich zum Sinn oder Unsinn des Strafens auszulassen, noch dazu so knapp vor den Wahlen. Ist dir nicht klar, dass du deine Karriere aufs Spiel setzt? Und sag mir nicht, du würdest das nicht verstehen.“

„Wovon redest du?“

Statt einer Antwort zerrte Günther sein Smartphone mit einer hilflosen Heftigkeit aus dem Sakko, als wollte er es wegwerfen, aber er drückte und wischte darauf herum und hielt es schließlich Klaus vor die Nase.

„Wozu?“, fragte er.

Klaus sah sich neben Krampitz an dem Wahlkampfstand und hörte, wie er sagte: Was wollen Sie, Krampitz?

Er ließ das Handy sinken und überlegte, was er Dummes gesagt haben könnte.

So eine Ratte! Die ganze Begegnung war inszeniert gewesen.

Wieso war er nicht misstrauisch geworden, als Krampitz sich so komisch neben ihn gestellt hatte?

Eine Sekunde dachte er, dass er den Tag abbrechen müsse, einfach irgendwohin gehen, sich an einem Kanal ins Restaurant setzen und Wein trinken, ein Buch lesen oder noch besser in die Luft starren, bis es Schlafenszeit war.

„Du weißt ganz genau, dass er dich fertigmachen will, und gibst ihm ein Interview?“

„Er hat mich reingelegt.“

„Ach komm, du bist doch kein Kind mehr.“

Hast du eine Ahnung, dachte Klaus und schüttelte den Kopf. Er hatte nirgendwo eine Kamera gesehen.

„Und wo hast du das her?“

„Mein Nachfolger hat mich angerufen. Ich solle mal mit dir reden.“

Klaus nahm das Telefon hoch und ließ den Film laufen. Sie hatten es auf YouTube gestellt. An sich war an seinem Auftritt nichts auszusetzen. Einzig seine abwartende Haltung wegen Krampitz’ Hand auf seiner Schulter erschien ihm zu ängstlich und unterwürfig. Ansonsten hatte er sich nicht an die Wand spielen lassen.

„Es wird gut sein“, sagte sein Schwiegervater, „wenn du den Fall mit dem Vergewaltiger mal ein bisschen strenger behandelst.“

„Mutmaßlicher Vergewaltiger, wenn schon“, sagte Klaus.

„Natürlich.“

„Und ich werde ganz sicher nichts entscheiden, nur damit Krampitz und sein Nazihaufen nichts zu meckern haben.“

„Klaus …“

„Ich werde vor diesen Affen nicht kuschen. Im Zweifel zugunsten des Angeklagten! Ich weiß nicht, ob er die Séancen veranstaltet, nur um mal eine Frau anfassen zu können, kann sein, kann nicht sein. Aber nimm an, ich verurteile ihn. Bei der Beweislage kann es nur Bewährung sein. Und was sind die Bewährungsauflagen? Ich sollte ihn verdonnern, seine Ernährung umzustellen, Sport zu treiben und wenigstens vierzig Kilo abzuspecken. Das würde ihm helfen.“

„Klaus, ein Gerichtsverfahren ist keine Therapie.“

„Da scheinst du ja mit Krampitz einer Meinung zu sein.“ Klaus ließ seinen Schwiegervater stehen und lief zornig davon.

2

ARIANE

Dienstagnachmittag

Sie trug ihre Langhaarperücke, dazu eine orangefarbene Sonnenbrille und einen Strohhut, der ihr Gesicht im Schatten hielt. In ihre weißen, dreieckigen Plasteohrtunnel, die so etwas wie ihr Markenzeichen geworden waren, hatte sie Broschen gesetzt, damit sie wie Ohrringe aussahen. In Kombination mit ihrem weiten grünen Umhang, der hinter ihr die Straße fegte und einer bunten Umhängetasche zog sie die Blicke der Passanten auf sich, und hoffte, gerade so unerkannt zu bleiben.

Sie hatte sich ein Taxi nehmen wollen, aber dann hörte sie im Radio, dass die Innenstadt wegen einer Demonstration und mehrerer Hundertschaften Polizei für ein Auto unpassierbar geworden war und stieg auf die S-Bahn um.

Am Ostkreuz rutschte ihr das Herz in die Hose. Eine Bande von Demokratiedurchsetzern hielt den oberen Bahnsteig besetzt und sie verfluchte sich wegen ihres schrillen Outfits.

Es war nur so, dass sie mit Jeans und Jacke unmöglich ihr Gesicht so wirksam verbergen konnte, weil dazu der Strohhut nicht gepasst hätte.

Und Burka war bei dem Mob auch keine Option. Das würde sie Krampitz fragen, ob er als Law-and-order-Mann solche Aufläufe guthieß, aber sie konnte sich schon ausrechnen, was als Antwort kam.

Die Männer hatten keinerlei Plakate oder Spruchbänder bei sich, was dafür sprach, dass sie zu seiner Ordnungsgruppe gehörten, ein Begriff – und auch das würde sie ihn fragen – der aus DDR-Zeiten stammte, wo die FDJ für ihre Großveranstaltungen Ordnungsgruppen unterhalten hatte, was sie von ihrem Vater wusste.

Am S-Bahnhof Friedrichstraße stieg sie aus. Hier war erstaunlicherweise alles ruhig. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, kurz vor zwei.

Nachrichten von Bernd, ihrem Aufnahmeleiter.

„Wieso gehst du nicht an dein Telefon. Krampitz dreht am Rad, will spätestens halb vier abhauen. Wenn du das Ding durchziehen willst, schwing deinen Arsch hierher!“

Halb vier? Das Interview sollte um drei Uhr beginnen. Zwei Stunden waren vereinbart. Was war das schon wieder für eine linke Nummer?

Sie beschleunigte ihren Schritt.

Das sollte heute ihr Durchbruch werden. Ihr Standing war nicht schlecht, aber bis zu diesem Tag hatte sie nur als Außenreporterin gearbeitet. Vor drei Jahren war sie noch Volontärin gewesen. Wegen ihrer klaren Artikulation, ihrem strahlenden Optimismus in der Stimme, ihrem Lächeln und den leuchtenden Augen hatte man sie in den Außendienst geschickt. Man betraute sie mit den unbeliebten Landausflügen, Berichten von Kinderfesten auf Bauernhöfen, von Künstlern, die im Oderbruch einen neuen Anfang wagten und Büffel züchteten, die sie dann von Jägern schießen ließen, damit die Tiere keinen Schlachtstress entwickelten, alles in allem Belanglosigkeiten für das Vorabendprogramm. Damals war sie auch zu einem Country-Festival an der Brandenburger Landesgrenze zu Mecklenburg gefahren. Sie kam mit eigenem Auto von der Ostsee dahin, und das Team lud sie in einem nahegelegenen Ort in den Sendewagen.

Schon als sie sich der Festwiese näherten, hatte sie gespürt, dass etwas nicht stimmte. Statt der Erdfarben, die sie bei einem Country-Festival erwartet hatte, herrschten schwarze Töne und die altdeutschen Druckbuchstaben vor. Als die Besucher des RBB-Sendewagens ansichtig wurden, gab es erst Gelächter, aber bald donnerten die ersten Schläge gegen das Blech. Der Fahrer tat das einzig Richtige, wendete in einer zügigen Schleife und fuhr denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.

Das Festival war gekapert worden, und man forderte die anreisenden Country-Fans unverblümt auf, sich entweder umzuziehen oder sich zu verpissen. Es hatte ein paar Prügeleien gegeben.

Ariane überredete den Kameramann mit Vornamen Lukas, der ein abenteuerlustiger Typ war, bis zum Kinn tätowiert mit martialischen Symbolen, früher selber Hooligan und nicht fein, wenn er einen anfasste, mit Kamera und Mikro zu ihr in ihr eigenes Auto zu steigen. Das Senderlogo auf der Kamera überklebten sie mit einem Drachen, der sehr furchterregend aussah. Den hatte der Fahrer im Handschuhfach gefunden. Eigentlich wollte er ihn seinem Neffen schenken. Ein neutraler Windschutz für das Mikro fand sich ebenfalls.

Sie hielten sich am Rand der Veranstaltung und interviewten nur Besucher, gaben sich als Betreiber einer Website mit dem sinnigen Namen thedragondoesnotsleep.com aus, die sie neu eröffnen wollten. Ariane glaubte bis heute, dass das Ganze nur funktioniert hatte, weil Lukas wie der leibhaftige Thor daherkam. Seine Tätowierungen – soweit sie auf den Armen und am Hals zu sehen waren (später lernte sie die übrigen auch noch kennen) – stellten Schlangen und Drachen dar. Und um den Hals stand ein lateinischer Spruch Argumentum Baculinum. Niemand verstand den, aber er war in Fraktur geschrieben. Später erklärte er ihr, dass das Argument mit dem Knüppel heiße, was also auch inhaltlich gepasst hätte. Er trug Stahlkappenschuhe, ein neutrales schwarzes T-Shirt und militärisch aussehende Hosen, weil er jederzeit auf alles vorbereitet sein wollte. Im Gürtel steckte ein taktisches Militärmesser. Dabei war er ein Bubi, wenn man nach dem Gesicht ging, weiche Züge und sanfte Augen.

Für die Reportage, die sie zusammen aus den Interviews zauberten, gewannen sie den Grimme-Preis. Ariane musste immer wieder lächeln, wenn sie daran dachte. Fühlte sich jetzt schon an wie eine gute alte Zeit.

Aber nichts war so vergänglich wie der Ruhm von gestern. Sie war zur Spezialistin für die rechte Szene aufgestiegen, wie das im öffentlich-rechtlichen Rundfunk so funktionierte. All diese Studioreporter waren froh, wenn sie eine Spezialistin vorweisen konnten, gerade in solchen Zeiten. Das enthob sie der Notwendigkeit, selber die Drecksarbeit zu machen. Und vor allem enthob es sie der Notwendigkeit Farbe zu bekennen. Man konnte nie wissen, wie es lief und ob nicht Krampitz der nächste deutsche Bundeskanzler werden würde. Ariane hatte ein paar Kandidaten im Verdacht, die froh waren, sie vorschicken zu können. Das ist so ein kleiner Gedanke im Hinterkopf, dass sie dich verschonen, wenn du unauffällig bleibst, ein kleiner feiger Gedanke.

Diese Erinnerungskaskade lief in ihr auf dem kurzen Stück zwischen Haus der Schweiz und dem nächsten Touristenladen ab, der nur ein paar Meter entfernt lag. Sie war so versunken, dass sie zu Tode erschrak, als jemand sie am Ärmel zerrte. Sie versuchte sich loszumachen und dachte, das kann doch nicht wahr sein, dass am helllichten Tage jemand versucht mich zu beklauen.

„Ari, Ari, ich bin’s.“

Die Stimme holte sie aus ihrer Abwehrhaltung.

„Nob!“, rief sie erleichtert und spürte im Ausruf ihre Anspannung, in der sie schon den ganzen Tag lebte.

„Was machst du denn hier?“

„Ari!“, rief er erneut und bewegte hektisch zuckend den Kopf hin und her wie ein Vogel, der schon genetisch jederzeit mit einem Angriff rechnet.

„Geht’s noch lauter?“, zischte sie verärgert. Fehlte nur noch, dass er ihren vollen Namen rief. Sie schaute sich um, aber niemand interessierte sich für die Szene. Ein Radkurier telefonierte anbei lautstark mit seinem Auftraggeber und durch den Andenkenladen tingelten desinteressierte Besucher, die ihre Zeit totschlugen.

Nob beugte sich zu ihr herunter, den Kopf, den er größer war als sie.

„Du musst mir helfen.“

Ariane, die ihre Sicherheit zurückgewonnen hatte, schaute ihn jetzt amüsiert an. Es war eine Attitüde. Sie war nicht amüsiert, aber sie glaubte, das Problem so besser im Griff zu haben, und das war Nob: ein Problem.

„Hast du keine neue Freundin?“

Sie wusste genau, dass er keine hatte, weil er – seitdem sie sich von Lukas getrennt hatte – wieder hoffte. Das schrieb er ihr in regelmäßigen Emails, die sie sofort löschte, … nachdem sie sie gelesen hatte.

Nob lief für sie unter der Kategorie lieber Kerl, aber auch unter peinliche Nervensäge. Sie war auf ihn hereingefallen, weil sie seine ausführlichen Vorträge zu jedweden Themen interessant fand und sein detailliertes Wissen sie begeisterte: zu nine eleven und warum das ein Insiderjob war oder zu dem Thema wie tötet uns die Impfindustrie oder die Leute sterben nicht an AIDS, sondern an den Folgen der Behandlung. Er hatte sich schön gequatscht, denn im klassischen Sinne schön war er nicht. Aber irgendwann war es ihr auf die Nerven gegangen, dass er, wenn sie ein Gegenargument brachte, enttäuscht das Gespräch abbrach, als wäre sie seine große Hoffnung gewesen, und nun war sie auch nur eine von denen, die nachplapperten, was in der Zeitung stand, Teil des Systems, korrumpiert von dem Geld, das sie ihr nachwarfen, mindestens seit der Sache mit dem Grimme-Preis.

„Vergiss das Interview!“, sagte er.

„Wie bitte? Woher weißt du …?“

„Ich habe meine Quellen. Weißt du doch. Das Interview ist langweilig.“

„Nob, das ist meine große Chance.“

„Wofür denn?“, zischte er und zog sie an den Zaun einer Straßenbaustelle, weil eine Horde handyschwingender Asiaten vorbeizog. „Dass du auch so eine wirst, die uns jeden Abend vorerzählen, was wir zu denken haben?“

Ariane kaute auf einer Erwiderung. Immer noch besser, als ewig in einer Studentenbude hocken und Blogs schreiben, die keiner liest, dachte sie. Nob hatte ein paar hundert Follower, aber unter diesen Blogschreibern lief das nach dem Motto: folgst du mir, folge ich dir. Gripsvsrechts.com hieß sein Blog. Vs stand für versus. Immer ein bisschen unverständlich bleiben.

„Pass auf“, redete Nob unterdessen weiter, der ihr Schweigen dafür nahm, dass er sie überzeugt hatte, „heute passiert es. Krampitz wird wieder der alte. Irgendwie hat er es vermasselt. Er hat keine Zeit mehr.“

Ariane vermied es, die Augen zu verdrehen. Noch zwei Sätze, nahm sie sich vor, dann musste sie gehen.

„Achte auf einen dunklen Peugeot 508 mit Angermünder Kennzeichen“, sagte Nob. „Der holt ihn ab.“

„Ja. Das ist seine Mutter, Nob. Er ist ein Muttersöhnchen, wissen wir. Schadet ihm aber nicht, wie ihm offenbar alles, worüber wir uns lustig machen, nicht schadet.“

Nob packte sie am Arm.

„Ari, du willst ihn doch auch erledigen.“

Ariane machte sich los.

„Werde ich auch. Das kannst du mir glauben. Tschüss, ich muss los.“

Sie ging weiter Richtung Brandenburger Tor. Nob tippelte eine halbe Schrittlänge hinterher.

„Frag ihn nach seiner Stimme. Was mit seiner Stimme passiert ist. Spiel ihm das hier vor.“

Sie spürte eine Berührung an der Hand und blieb stehen. Nob hielt ihr einen USB-Stick hin, sie nahm ihn in die Hand. Es war eine Reflexhandlung.

„Was ist das?“

„Sprachaufnahmen von früher.“

„Komm doch nicht immer mit so ausgelutschten Kamellen. Er hat zu sich gefunden. Es gibt Logopäden, die bestätigt haben, dass eine Stimmänderung im Falle einer Charakterfestigung möglich ist. Was soll ich also damit?“

„Und du glaubst diesen Scheiß. Ari, es ist die letzte Chance. Lass das Interview sausen.“

„Norbert, wann wirst du endlich erwachsen? Bring mir eine vernünftig recherchierte Story oder irgendwas Handfestes und wir kommen ins Geschäft. Alles klar? Bis dann.“

Sie legte ihm abschließend kurz die Hand auf die Schulter, dann ging sie. Sie wollte sich nicht umdrehen und nochmal winken oder so. Den USB-Stick hielt sie wie absichtslos in der Hand, als hätte sie ihn vergessen.

„Du wirst mit ihm reden“, hörte sie Norbert verärgert rufen, „aber ich! Ich werde ihn nageln!“

Sie hob die Hand und bewegte die Finger vor und zurück. Er wusste schon, was das bedeutete, aber er rief nicht Halt!, damit sie den Mittelfinger stehenlassen konnte, und im Grunde erwartete sie das auch nicht.

Hier ging es nicht ums Nageln, dachte sie, hier ging es ums Festnageln. Und das wollte sie heute besorgen.

Erst an der Neustädtischen Kirchstraße, als sie die Linden überqueren wollte und an der Ampel stand, suchten ihre Augen wieder nach Nob, aber der war verschwunden.

Irgendwie tat er ihr leid, sagte sie sich. Sie hatte ihn gar nicht gefragt, wie es ihm ging, womit er aktuell seine Brötchen verdiente, oder ob er immer noch von Hartz IV und von seiner Oma lebte, die froh war, dass er den Opa ständig mit neuen Stories von der Verderbtheit und vom baldigen Untergang des Systems erfreute. Es war schon rührend, aber auch ein bisschen deprimierend anzuschauen, wie er unermüdlich ein Thema nach dem anderen auskramte, um endlich den großen Treffer zu landen.

(Krampitz hat das Interview vorverlegt. Er hat es vermasselt, hat keine Zeit mehr.)

Sie schob den Gedanken beiseite, sie musste fokussiert bleiben. Das fehlte noch, dass sie ausgerechnet jetzt einem von Norberts Hirngespinsten nachjagte. Schlimm genug, dass sie plötzlich wieder dieses Gefühl von Unsicherheit spürte. Bis hierher war sie heute davon verschont geblieben. Und gerade eben konnte sie es am wenigsten gebrauchen.

Sie wusste schon, dass es nicht wenige im Sender gab, die hinter ihrem Rücken tuschelten, dass sie es eigentlich nicht draufhatte, dass sie ihren ganzen Erfolg diesem Zufallstreffer (und ihren strahlenden Augen über einem verführerischen Balkon) verdankte. Sie hatte sich auf das Interview akribisch vorbereitet. Alles, was man über Krampitz und seine Partei wissen konnte, hatte sie recherchiert. Sie würde ihn auseinandernehmen wie eine Weihnachtsgans, wie ihr Vater zu sagen pflegte. Konzentriere dich, Ariane, ermahnte sie sich. Du schaffst das.

In der Lobby wartete Bernd, er lief nervös auf und ab, erzählte ihr, was er ihr geschrieben hatte. Es war fünf nach zwei, zwei Uhr war vereinbart gewesen, nichts, worüber man sich aufregen müsste. Sie schickte Bernd zu Krampitz, um ihm zu sagen, dass sie in zehn Minuten loslegen konnten, dann blieben ihr statt der vereinbarten zwei Stunden eine Stunde und zwanzig Minuten. Aber Bernd wich nicht von ihrer Seite.

„Was läufst du mir nach?“, fuhr sie ihn an, „wenn er eher losmuss, wird er wohl früher anfangen können.“

„Der Chef hat einen neuen Opener angeordnet.“ Er reichte ihr sein iPad. „Schau es dir an, wenn du in der Maske sitzt.“

Ariane hob die Hände, als fürchtete sie, sich an dem Ding anzustecken.

„In der Maske will ich meine Karten nochmal durchgehen. Erzähl mir einfach, was drauf ist.“

„Krampitz ist vorhin ausgerastet. Ohne Anlass ist er aus dem Hotel geschossen, verfolgt von seinem Gorilla und der grauen Eminenz, hat sich vor den Alliierten-Attrappen aufgebaut …“

„Vor wem?“

„Na vor den Touristenfängern, mit denen sich die Touristen fotografieren lassen können, einem Soldaten der rumreichen Sowjetarmee oder mit einem waschechten GI. Manchmal sind auch welche von der NVA …“

„Okay“, unterbrach ihn Ariane, „und weiter?“

„Ist schon auf YouTube. Ob sie als junge Männer, die in ihrer Mannesblüte stünden, nichts Besseres zu tun hätten, als sich zum Affen zu machen, noch dazu in der Uniform des Feindes, hat er sie angeschnauzt. Ein paar Umstehende haben applaudiert.“

Ariane seufzte, allerdings nur innerlich.

„Wie soll ich mit jemandem ein Interview führen, den wir im Opener als Witzfigur darstellen?“

„Er ist eine Witzfigur.“

„Du hast gut reden, du musst nur dafür sorgen, dass alles perfekt im Kasten ist, wenn ich mich blamiere. Außerdem ist das doch nichts Neues.“

Die Zahl der peinlichen Auftritte von Krampitz war Legion. Letzte Woche hatte er in Neukölln eine Altberliner Bierstube wiedereröffnet, die vorher ein Dönerladen gewesen war. Es gab Krautwickel mit Kartoffeln und Soße und dazu ein Berliner Pilsner. Er schwafelte was von der Rückeroberung verlorengegangenen Terrains.

Er hatte den Krieg zwischen billigem Durchgedrehtem im Kohlblatt oder im Fladenbrot eröffnet. Sie könnte sich darüber totlachen, wenn es nicht so traurig wäre. Das Filmchen hatte die Millionen-Klick-Marke locker geknackt und hatte mehr als fünfhunderttausend Daumen hoch bekommen. Vielleicht gab es für diese Militärnummer nicht so viele Daumen hoch, aber die Klickzahlen würden schon stimmen. Es brachte nichts, ihn bei denen der Lächerlichkeit preiszugeben, die ihn lächerlich fanden.

Als sie aus dem Fahrstuhl stiegen, rannte Bernd los, um alle in Bereitschaft zu versetzen. Vor der Tür zur Maske bemerkte Ariane den USB-Stick, den sie immer noch in der Hand hielt. Sie zögerte einen Moment, dann warf sie ihn in ihren Jutebeutel.

3

KLAUS

Dienstagnachmittag

Der Flur war leer. Klaus lugte nach rechts ins Bad, da war sie nicht, was sollte sie auch da. Irgendwas war anders. … Das Licht! Es war voll aufgedreht. Sonst waren die Strahler, die, an der Decke befestigt ihr Panoptikum erhellten, so gedimmt, dass es wie eine Notbeleuchtung wirkte. Jetzt war das Deckenlicht eingeschaltet, und die Strahler ließen ihre Marionettenwand aussehen wie einen Theaterfundus, aus dem er sich was Passendes aussuchen konnte. Er lauschte, doch er hörte nichts.

Vorsichtig schloss er die Tür, als wäre da jemand, den er nicht wecken sollte. Kurz stand er vor dem innen angeklebten Spiegel, in dem sich die Marionettenwand nochmal verdoppelte. Den Kopf hatte er leicht nach vorne geschoben, als wollte er wie eine Katze erstmal schnuppern. Als es ihm auffiel, schob er die Schultern nach hinten, straffte sich im Nacken. Da sah er sie hinten an der Küchentür stehen. Er drehte sich um.

„Was ist“, fragte sie, „kommst du?“

Er lief zum wohl hundertsten Mal die Reihe der Marionetten ab.

Ein Zyklop drohte ihm mit hoch erhobener Keule. Von dem hatte sie nie etwas erzählt. Der Ballhaussänger mit der Melone auf dem Kopf, der für einen Jazzpianisten stand, strahlte ihn an. Paolo, der Maler vom Leuchtenden Pfad, dem sie die abgebrochene Nase wieder angeklebt hatte, starrte erschrocken in das grelle Licht. Osarobo, der wie ein Südstaatensklave aussah, bleckte seine Zähne. Ein Adliger saß stolz auf seinem Pferd; der gehörte zu einem Mann, der angeblich ausschließlich im KdW einkaufen gegangen war. Diana hatte ihn für schwul gehalten. Zu den meisten wusste er irgendwas.

Am Ende der Reihe ging es links in das Zimmer, in dem ihr Bett stand und geradezu in die Küche.

An dem kurzen Stück Wand zwischen Schlafzimmer und Küche hingen noch zwei Puppen.

Klaus hielt inne.

Die mussten neu sein, die hatte er noch nie gesehen. Es handelte sich um zwei Frauenfiguren, was ihn wunderte, vorne hingen schließlich nur Männer, aber sie hatte ihm erzählt, dass sie sich keiner Erfahrung verschloss.

Die Linke hatte einen großen Kopf, volle Lippen, große Augen und lächelte sehr sinnlich, ihr Gesicht war mit Gaze beklebt, die wirr abstand und der ganzen Erscheinung etwas Flatterhaftes, Unwirkliches verlieh, eine freundliche Hexe.

Rechts von ihr hing das komplette Gegenteil, eine verhärmte Alte, halb so groß, als wäre sie eingegangen, mit einer Haube, die ihre Haare verbarg, einer grauschwarzen Jacke und einem bodenlangen, abgetragenen Rock, so dass wirklich nur Hände und Gesicht zu sehen waren. Alte Frauen waren früher so herumgelaufen, hatte Klaus das Gefühl einer Erinnerung, wie die alten Türkenweiber heute in der Nähe des Gerichtsgebäudes.

Er ging vorsichtig an ihnen vorbei und trat in die Küche, die sich nach rechts erstreckte, gleich vornean der Tisch für zwei Personen, an dem sie so oft gesessen hatten, dann die Küchenzeile und am Ende Diana mit dem Rücken zum Fenster. Ihr Gesicht lag im Schatten. Er blieb stehen, lehnte sich leicht gegen den Türrahmen, stieß sich wieder ab, weil ihre stolze Haltung ihm die Erlaubnis für diese Lässigkeit raubte.

Ihre Haare hatte sie zu einer Turmfrisur gesteckt, darein waren dunkle Bänder geflochten, und er erinnerte sich an den Lehrgang, auf dem er sie das erste Mal gesehen hatte, da waren die Bänder pastellfarben gewesen.

Er erkannte im Gegenlicht den Stehkragen aus Spitze und einen langen weiten Umhang, schwarz mit Streifen. Was sollte diese Maskerade?

„Und?“, fragte sie schließlich.

„Du hast da zwei neue Figuren, zwei Frauen hängen“, sagte er, als gäbe es nichts Wichtigeres.

„Die hängen da schon seit Jahren“, beschied sie ihn kühl, „tröste dich, ist allen so gegangen. In die dunklen Winkel schaut niemand.“

„Wer sind sie?“, fragte Klaus, weil sich in ihm etwas sträubte zur Sache zu kommen.

„Die Große ist meine Mutter, Mama Ute. Die andere soll meine Großmutter darstellen.“

„Hast du nicht gesagt, deine Mutter wäre eine Waise gewesen?“

„Trotzdem muss sie ja eine Mutter gehabt haben.“

Ja, natürlich, was redete er auch über die zwei Puppen als wäre das jetzt von Bedeutung. Er wollte sie auftauen, aber wozu? Er hatte doch eine frohe Nachricht zu verkünden. Er wollte bei ihr einziehen.

Aber irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Ihr Outfit war völlig übertrieben.

Sie rechnete damit, dass er Schluss machen wollte.

Seine Gedanken kreisten immer noch um diese zwei Puppen. Die Mutterpuppe sah so lebenslustig aus. Dianas Beschreibungen ihrer Mutter waren dagegen immer die einer verbitterten, vom Leben und den Männern enttäuschten Frau gewesen. Sie war im Waisenhaus aufgewachsen, sie mussten ihr sogar einen Nachnamen erfinden, weil niemand wusste, wo sie herkam, und vor zwanzig Jahren war sie elendiglich an Lungenkrebs verreckt. Das waren Dianas Worte gewesen, die einen harten Zug um den Mund bekam und sehr drastische Ausdrücke gebrauchte, wenn sie von ihren Eltern sprach.

„Diana“, setzte er an, aber weiter kam er nicht.

„Kannst dir deine Rede sparen. Ich weiß, was du sagen willst. Du hast lange und ausführlich nachgedacht, es war nicht einfach für dich, konntest vor Aufregung kaum schlafen, aber du glaubst, wir passen nicht zusammen.“

Während sie sprach, war sie auf ihn zugekommen, er war bis an die Wand zurückgewichen, aber sie blieb nur kurz vor ihm stehen, schaute ihn mit einem Blick an, der ihn noch weiter in die Wand gedrückt hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Jetzt sah er auch, dass sie ihre Augen dunkel umschminkt hatte, der Lippenstift fast schwarz. Sie sah aus, als hätte ein Maskenbildner sie für die dreizehnte Fee hergerichtet.

„Du hast keine Ahnung, wie oft ich den Scheiß schon gehört habe.“

Klaus öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schließlich wollte er etwas ganz anderes sagen. Sie jedoch drehte sich weg, bevor er ein Wort hervorbringen konnte, ging in den Flur bis vor zur Wohnungstür. Der Umhang bauschte sich. Dann hörte er ein Geräusch, das ihm die Haare aufrichtete. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Sie wendete sich wieder um und starrte ihn über die zehn Meter, die ihr Flur lang war, an.

Sie hatte die Tür abgeschlossen und den Schlüssel eingesteckt, damit er nicht weglaufen konnte. Das war ja lachhaft. Was hatte sie vor? Klaus’ Blick irrte zum Küchenfenster, aber da war nichts außer dem Grün einer Linde, die gerade blühte.

Diana kam langsam wieder zurück und strich dabei wie beiläufig über ihre Marionetten. Klaus öffnete schon den Mund, aber was er sagen wollte, schien ihm plötzlich zur ganzen Stimmung nicht zu passen. Stattdessen fragte sie:

„Hast du dir alle Namen ordentlich gemerkt? Ich hoffe doch. Man sollte etwas von den Leuten wissen, mit denen man den Rest seines Lebens verbringt.“

„Ja natürlich, wie sollte ich nicht.“ Erleichterung machte sich in ihm breit. Sie hatte nur gescherzt. Sie ging auch davon aus, dass er hier einzog. Er hatte zwar vorgehabt sie zu überreden, die Marionetten zu entsorgen, aber das musste er ja nicht forcieren.

Trotzdem fühlte er sich eigenartig. Ihre Stimme, ihre Bewegungen waren die einer fest Entschlossenen. Klaus beschlich das Gefühl, dass ihr Entschluss nichts damit zu tun hatte, ob er hier einzog oder nicht.

Konnte es sein, dass mit ihrem Oberstübchen was nicht stimmte. Sie war eine Kollegin, Familienrichterin. Sie sollte klar im Kopf sein.

„Ich habe mir überlegt, dass ich dich vielleicht neben Osarobo hänge“, fuhr sie derweil fort und nahm eine der Puppen von der Wand, „der hat dich doch immer sehr beeindruckt.“

Sie hielt ihm die Marionette entgegen. Klaus glaubte sich verhört zu haben. Osarobo war der einzige Schwarze in der Reihe ihrer Liebhaber, und was für eine Puppe hatte sie für den gefunden: weit aufgerissene weiße Augen, so dass die Pupillen komplett zu sehen waren, was dem Gesicht etwas Wahnsinniges gab; die vollen Lippen leicht geöffnet, eine Reihe weit auseinander stehender Zähne. Wahrscheinlich hatte der Puppenschnitzer sich in den Proportionen vertan. Klaus hatte sich immer vorstellen müssen, dass Osarobo in dem Moment, in dem er sich zum Zeitpunkt seiner Materialisierung als Puppe befand, etwas Furchtbares hatte anschauen müssen, etwas so Grausames, dass es das Leben dieses Mannes messerscharf in ein Davor und ein Danach einteilte, etwa dass sein Besitzer seine Frau vergewaltigte oder sein Kind tötete, und die Vorstellung hatte ihn immer erregt, weswegen er sich gefragt hatte, ob mit ihm alles in Ordnung war.

Die Puppe trug ein weißes Hemd mit Rüschen über der Knopfleiste, eine altrosa Filzjacke, dazu passende Hosen und Schuhe und einen zerschlissenen Strohhut. Er sah aus wie ein Sklave, der von seinem Besitzer selber zum Sklaventreiber befördert worden war, bestochen durch ein paar alberne, ausrangierte Kleider.

Der lebendige, wirkliche Mann dazu hatte Osarobo geheißen. Den hatte Diana geheiratet, um ihm eine Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen, und mit dem war sie angeblich immer noch verheiratet, obwohl er sie kurz nach der Hochzeit verlassen hatte.

Den Tag würde er auch nie vergessen, als sie ihm von Osarobo erzählt hatte. Da war sie richtig ausgerastet. Diese Negerpaschas, hatte sie geschimpft, lassen einen rennen, rühren selber keinen Finger und sind weg, wenn man seine Schuldigkeit getan hat. Entsetzt hatte er sie bei ihrem Namen gerufen: Diana!

Zeig mich doch an wegen Volksverhetzung, du Richter!

Ausgespuckt hatte sie das letzte Wort. Es hatte geklungen wie Arschloch. An dem Tag hatte ihm das erste Mal gedämmert, wie sie eines Tages über ihn reden würde.

Bitterkeit war in ihrer Stimme gewesen. Mochte sein, dass sie sich von Osarobo etwas versprochen, ihn vielleicht geliebt hatte. Nun sollte seine Puppe neben der von Osarobo hängen. Aber das hieß doch, dass sie immer noch davon ausging, dass er heute Schluss machen wollte. Er musste sich endlich erklären.

„Kann ich meine Puppe sehen?“, fragte Klaus mit einem schrägen Lächeln im Gesicht stattdessen. Es war sein Versuch, die Schärfe aus dem Gespräch zu nehmen. Aber Diana war nicht in versöhnlicher Stimmung.

„Du hältst dich für besonders witzig, dabei bist du einfach nur blöd“, stellte sie fest und hängte Osarobo wieder an seinen Ort, „ein harmloser, kleiner Wichtigtuer, der glaubt, sich mal was getraut zu haben. Osarobo war ein Typ gewesen, weißt du, es hat mir leidgetan für ihn. Er konnte nicht mal was dafür, die Weiber haben ihn belagert. Habe ich verstanden, so ein Schwarzer auf einem weißen Laken, das macht schon was her. Ach, der Teufel soll ihn holen.“

Sie brüllte plötzlich, riss Osarobo erneut von der Wand, warf ihn heftig auf den Boden und trat ihm gegen den Kopf, dass er Klaus entgegenschlitterte, der erschrocken einen Satz zurück machte.

„Um dich dagegen ist es kaum schade“, leitete sie ohne weiteres mit wieder beiläufiger Stimme über und ging langsam auf ihn zu. Klaus stieß gegen den Stuhl, auf dem er ihr am Anfang so oft gegenübergesessen hatte. Diana hob Osarobo fast liebevoll wieder auf und hängte ihn an seinen Platz, bevor sie sich wieder Klaus zuwandte.

„Was bist du schon, ein Richter, hörst dir an, wie die Leute dich volllügen, lässt einsperren, wer sich am blödesten anstellt und tust noch, als ginge es um Gerechtigkeit.“

„Du bist auch Richterin“, versuchte er einen Einwand. Er kämpfte gegen ein Gefühl der Panik, was konnte sie ihm schließlich tun?

Sie lachte glockenhell auf.

„Ja“, rief sie mit glücklicher Euphorie, „Familiengericht, und du glaubst gar nicht, was es mir für eine Freude ist, den Typen einen reinzuwürgen, während sie glauben, sie kämen glimpflich davon, wenn sie mich anflirten.“

Diana passierte die Tür zu ihrem Schlaf- und Sportzimmer und nahm im Vorbeigehen die Puppe ihrer Mutter von der Wand. Klaus hatte sich nicht weiter zurückdrängen lassen wollen. Es war lächerlich, spätestens am Fenster war ja Schluss. Aber unwillkürlich schob er sich am Küchentisch vorbei, Richtung der Linde, derentwegen die Küche trotz so früher Stunde schon im Dämmerlicht lag.

„Sie war eine böse Hexe“, sagte sie und zupfte an der Puppe herum, „Mama Ute, was machen wir nur mit so einem Würstchen, der seine Frau betrügt und hofft, er käme davon, ohne dass sie es erfährt. Ja, genau“, tat sie, als hätte ihre Mutter etwas erwidert, „er ist Richter, er sollte ein Vorbild sein.“

„Du hast sie doch nicht mehr alle“, entfuhr es ihm. Zorn stieg in ihm auf.

„Oh, da irrst du dich, ich habe sie noch alle. Alle 38 hängen sie da draußen, und du bist die Nummer 39.“

Mit einem Ruck hielt sie ihre Mutterpuppe neben ihr Gesicht, während ihre Füße noch zweimal klackten, als wäre sie ein Roboter, den plötzlich ein Magnet am Boden festsaugte.

Etwas veränderte sich.

Klaus konnte nicht sagen, was es war. Angst explodierte übergangslos gleichzeitig in jeder Zelle seines Körpers. Da er jetzt mit dem Rücken zum Fenster stand, konnte er Diana und ihre Mutterpuppe sehr klar sehen.

Dianas Füße schienen am Boden festgewachsen. Sie lief nicht mehr. Sie zuckte und zerrte, als wolle sie sich losreißen und verstehe selbst nicht ganz, dass der Küchenboden sie nicht losließ.

Ihr Oberkörper bewegte sich hin und her, sie warf den Kopf vor und zurück, als wollte sie einen Fremdkörper in ihrem Hals nach oben befördern und ausspucken.

Wie eine Katze, die gleich kotzen muss, dachte Klaus.

Im Gleichklang pendelte der riesige Kopf der Mutterpuppe neben ihr. Und dann öffnete Diana den Mund und eine brodelnde Stimme brach aus ihr heraus.

Schon nach dem ersten Satz hielt Klaus sich die Hand vor den Mund, weil es stank, als fegte ihre Atemluft von unten durch sie hindurch.

„Du bist wie alle Männer, ein Nichts“, röhrte sie mit der Stimme eines Monsters, „Abfall, Abschaum. Hältst dich für was Besonderes, dabei bist du so klein mit Hut!“, verstand er mühsam, während sie mit der freien Hand in Höhe ihrer Kniekehle zeigte, für wie klein sie ihn hielt.

„Ein Holzkopf“, schimpfte sie, „der gedacht hat, mich gäbe es umsonst …“

Sein ganzer Körper summte, als bestände er aus einem Schwarm nervöser Eintagsfliegen. Klaus verstand nicht, was sie weiter sagte. Er dachte noch: was für ein Missverständnis: ich wollte doch …, aber weiter kam er nicht. Ein Stechen fuhr ihm durch die Glieder, die Brust brannte wie Feuer.

War das ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt? Ihn durchzuckte der Gedanke, dass es für Carmen ein Schock sein würde, wenn er in der Küche dieser Frau krepierte.

Er wollte es Diana sagen, dass sie aufhören und den Notarzt rufen sollte. Er machte zwei Schritte auf sie zu, prallte aber zurück vor dem Gestank und ihren wedelnden Armen. Unverständliche Laute entrangen sich ihrer Kehle oder war er schon so kaputt, dass er Worte nicht mehr verstehen konnte. Nochmal ging er auf sie zu. Sie schlug mit ihrer Mutter nach ihm, ohne die Füße nur einen Millimeter zu bewegen, als wäre sie ein wütender Baum. Die Küche war einfach zu eng.

Klaus drehte sich um und riss das Fenster auf. Luft, er brauchte Luft. Das Flirren in seinen Zellen schien ihn zerreißen zu wollen. Er starrte auf die Linde, versuchte sie zu fokussieren. Solange er klar sehen konnte, lebte er noch, dachte er. Er schaute zurück zu Diana. In ihren Augen sah er jetzt das Weiße, die Pupillen flatterten am oberen Rand der Lider. Ihre Arme wedelten. Sie griff nach ihm, reichte aber nicht heran, weil sie … festgewachsen war, was für ein Irrsinn. Klaus kletterte auf das Fensterbrett. Die Krone der Linde war wirklich sehr nah.

4

ERIK

Dienstagnachmittag

„Wollen wir es nochmal durchgehen?“

Friedhelm setzte sich neben ihn, beugte sich herüber, ganz vertraulich mit leiser Stimme, so, wie er ihn seit Jahrzehnten kannte, nie im Vordergrund, immer der Strippenzieher. Aber ich bin nicht deine Marionette, auch wenn du das glaubst. Und bald wirst du das erfahren.

Erik schüttelte nur mit dem Kopf.

„Die Aktion auf dem Platz da unten …“

… hatte Kraft gekostet, er wusste das, war eine Eselei gewesen, wusste er auch.

So einfach, wie Friedhelm sich das vorstellte, war es aber nicht. Er sollte ihm dankbar sein, denn immerhin hatte er das Schlimmste verhindert. Er hatte nur eine Rede gehalten. Das schadete nicht, im Gegenteil. Er hatte niemanden am Kragen gepackt oder gar gewürgt. Und heute Morgen hatte er diesen Richter vorgeführt, dass es ein Spaß gewesen war. Da war noch alles in Ordnung gewesen.

„Regina ist unterwegs. Sie hat alles dabei.“

Friedhelm klopfte ihm begütigend auf den Arm, stand auf und ging hinüber zu Martin, der an der Tür stand mit vor dem Gemächt verschränkten Händen wie die Karikatur eines Türstehers und ihn nicht aus den Augen ließ.

Martin wurmte es, dass er ihn vorhin nicht hatte aufhalten können, als er aus dem Hotel gestürmt war, um diese Kasper zur Rede zu stellen, die sich auf dem Pariser Platz in GI- oder Russenuniformen mit Touristen fotografieren ließen. Wäre schließlich sein Job gewesen als Leibwächter.

Erik lächelte ihn an, aber Martin schaute durch ihn hindurch. Warte ab, mein Lieber. Du bist auch einer von Friedhelms Gnaden. Wirst auch springen müssen und nicht über ein Stöckchen.

Da wären sie also nachher alle versammelt, um ihn dahin zu geleiten, wohin er musste, um wieder Power auf den Akku zu kriegen: seine Mutter Regina, die einzig unverzichtbare; sein zum Stiefvater mutierter Stiefbruder Friedhelm Herold, den sie die graue Eminenz nannten und dessen Hündchen Martin, Eriks Leibwächter.

Gott, wie er die beiden hasste. Wann hatte das angefangen?

Was Friedhelm betraf, vor Jahrzehnten. Erik erinnerte sich wie gestern an den Augenblick, als er begriffen hatte, dass seine Mutter mit Friedhelm ein Verhältnis hatte. Da war er selber zwanzig gewesen und hatte nicht mehr zuhause gewohnt, sondern in Karl-Marx-Stadt, wo er nach seiner Armeezeit mit dem Jurastudium begonnen hatte.

1987 musste das gewesen sein, ein paar Monate nach dem Tod seines Vaters. Nicht dass er den bedauert hätte; mit seinem Vater, dem alten Krampitz, hatte er nie etwas anfangen können oder eher der nicht mit ihm.