Du bist das Gegenteil von allem - Carmen Rodrigues - E-Book

Du bist das Gegenteil von allem E-Book

Carmen Rodrigues

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Beschreibung

Und ich lag da, erdrückt vom Gewicht meiner Angst

Die 16-jährige Ellie hatte etwas Besonderes an sich. Etwas Dunkles, Charismatisches, Gebrochenes … Jetzt ist sie tot. Gestorben an einer Überdosis Tabletten. Zurück bleiben ihr Bruder Jake, ihre beste Freundin Sarah und deren jüngere Schwester Jess – und vierunddreißig Zettel von Ellie in einem Schuhkarton. Vierunddreißig Hinweise, die Ellie hinterlassen hat. Vierunddreißig Geheimnisse eines viel zu kurzen Lebens voller Schmerz. Auf der Suche nach dem Warum müssen sich Jake, Sarah und Jess nicht nur ihren eigenen Abgründen stellen, sondern auch dem, was Ellie so lange vor ihnen verborgen hat …

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EPUB
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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Carmen Rodrigues

Du bist das Gegenteil von allem

aus dem Englischen vonKatarina Ganslandt

Kinder- und Jugendbuchverlagin der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage 2015

© 2012 by Carmen Rodrigues

All rights reserved

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »34 Pieces of You« bei Simon Pulse, an imprint of Simon & Schuster Children’ s Publishing Division, New York.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt

Lektorat: Stefanie Rahnfeld

Umschlaggestaltung und -motiv: © Suse Kopp, Motive plainpicture/Andrea Schoenrock und Suse Kopp

jb · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-08926-9V002www.cbt-buecher.de

Für Snowy

Der Beweis dafür, dassGebete erhört werdenund der Glaubeden Weg weist.

JessieNovember

An dem Samstag schreckte ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf, weil draußen Krankenwagensirenen heulten, unten jemand an der Tür klingelte und Mattie weinte. Ich setzte mich auf und sah zu Sarahs Bett rüber. Es war leer. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und ich sah Meg in ihrem gepunkteten Schlafanzug und den Flauschpantoffeln im hell erleuchteten Flur stehen.

»Was ist los?«, murmelte ich.

»Ich weiß nicht. Die sagen es mir nicht.« Sie knipste mein Deckenlicht an.

»Gott, Meg!« Ich hielt mir die Hand vor die Augen. »Mach das aus!«

»’tschuldigung.« Im Zimmer wurde es wieder dunkel.

»Ist irgendwas mit der alten Mrs Sawyer?«

»Weiß ich nicht.«

Ich tastete nach meinem Bademantel, der über dem Bettpfosten hing, und zog ihn an. Das Haus war ausgekühlt und ich war todmüde. Am liebsten hätte ich mich wieder hingelegt und weitergeschlafen, aber Meg stand immer noch abwartend im Türrahmen. Unten hörte ich jetzt die Stimmen meiner Eltern. Die Haustür schlug zu und dann heulten wieder die Sirenen. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah gerade noch, wie der Krankenwagen davonfuhr.

Es war hell auf der Straße, weil auf vielen Veranden Licht brannte. Ein kleines Grüppchen aufgeregter Nachbarn hatte sich vor Mr Lumpnicks Haus versammelt. Ich hielt nach Sarah und ihrer besten Freundin Ellie Ausschau, war aber nicht überrascht, als ich sie nirgends entdeckte. Dass ich mich gestern schon am frühen Abend zum Heulen ins Bett verzogen hatte, bedeutete nicht, dass die beiden nicht trotzdem Party gemacht hatten. Wahrscheinlich hatten sie sich so zugedröhnt, dass sie irgendwo eingeschlafen waren.

Meg spähte über meine Schulter nach draußen. »Mom hat gesagt, dass ich dich holen soll.«

Während ich hinter ihr die Treppe runterging, überlegte ich, was passiert sein könnte. Da die Nachbarn vor Mr Lumpnicks Haus standen, war ich mir ziemlich sicher, dass wieder irgendetwas mit der alten Mrs Sawyer war. Vielleicht war sie beim Duschen ausgerutscht und hatte sich verletzt.

Mattie lag in eine Decke gekuschelt im Wohnzimmer auf der Couch, lutschte am Daumen und schaute ihre Dora-die-Entdeckerin-DVD. Vom Flur aus sah ich Mom in der Küche stehen. Sie kehrte uns den Rücken zu und telefonierte in gedämpftem Tonfall mit jemandem. Ich lächelte Meg aufmunternd an.

»Es ist bestimmt nichts Schlimmes passiert. Hörst du? Mom klingt ganz normal.«

Meg legte den Kopf schräg und lauschte. Dafür dass draußen solche Aufregung herrschte, klang Moms Stimme tatsächlich ruhig. »Na los.« Ich gab Meg einen sanften Schubs Richtung Wohnzimmer, wo sie sich auf die Couch setzte und die Füße unter Matties Decke steckte.

Als ich in die Küche kam, hatte Mom gerade aufgelegt. Ihre Hand lag noch auf dem Telefon. Irgendetwas an ihrer Haltung ließ alle Müdigkeit schlagartig von mir abfallen. »Alles okay?«

Sie drehte sich zu mir um. Ihr Gesicht war rot und verweint.

»Mom?«

»Jess.« Sie kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und zog mich an sich. »Es ist wegen Sarah …«, flüsterte sie. »Sie hatte einen Unfall, und ich muss gleich zu ihr und Dad ins Krankenhaus fahren. Es ist nichts Schlimmes, okay? Ich will nur nicht, dass deine Schwestern Angst bekommen.«

Sie griff nach meinen Händen, schaute mich prüfend an und versuchte zu lächeln, aber ich sah, dass in ihren Augen Tränen standen.

In meiner Kehle bildete sich ein Kloß. Statt der alten Mrs Sawyer sah ich jetzt Sarah vor mir, wie sie in der Dusche ausrutschte, sich das Schlüsselbein oder etwas anderes brach und wie der Krankenwagen sie und Dad mit heulenden Sirenen ins Krankenhaus fuhr. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Schwester und Ellie betrunken gewesen waren.

»Ist Sarah wirklich okay?«, fragte ich. Ich wusste, dass Eltern in solchen Momenten manchmal lügen, damit man nicht ausflippt, aber ich musste die Wahrheit wissen. »Bitte, Mom, sag es mir.«

Meine Mutter nickte, ließ meine Hände los und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ja, wir glauben schon. Sie war noch ansprechbar, als Tommy sie gefunden hat … sie und …« Ihre Hand flog zum Mund, und sie drehte sich zum Küchenfenster, von dem aus man direkt zu den Meyers rüberschauen konnte. Ich folgte ihrem Blick. Das Haus war hell erleuchtet, aber es stand kein Wagen in der Einfahrt.

»Wie? Tommy war auch dabei?« Das Szenario in meinem Kopf veränderte sich: Sarah saß immer noch betrunken und verletzt unter der Dusche, aber jetzt sah ich auch Ellie und Tommy vor mir und Tommys Hände, die über ihren Körper glitten. »Was hat Ellie denn genau gesagt, was passiert ist?« Der Verdacht, der mir plötzlich kam, war so übermächtig, dass mir schauderte und meine Stimme einen scharfen Unterton bekam. »Ist sie drüben? Kann ich schnell noch mal rüber und mit ihr reden, bevor du ins Krankenhaus fährst?« Ich brauchte Antworten, die nur Ellie mir geben konnte, und ich wollte ihr sagen, dass ich es total grausam fand, wie sie mit mir gespielt hatte und dass sie Sarah so hinterging. Ich wollte ihr sagen, dass wir ihr das nie verzeihen würden.

Mom stand am Fenster.

»Mom?«

Auf einmal sank sie in die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Mom?«

»Nein, Tommy ist anscheinend nicht … nicht die ganze Zeit dabei gewesen. Er hat sie bloß gefunden, Jess. Sarah war … aber Ellie …«

Sie sah zu mir auf und jetzt liefen ihr die Tränen übers Gesicht.

Die Szene in meinem Kopf änderte sich zum dritten Mal, und plötzlich ahnte ich, was passiert war. Ich bekam keine Luft mehr und klammerte mich an der Tischkante fest, bis der Raum aufhörte, sich zu drehen, und ich wieder atmen konnte.

»Es ist furchtbar, Jess.« Meine Mutter schluchzte. »Ellie … Es ist furchtbar.«

In dem Moment sprang das Gebläse der Heizung an und warme Luft strömte an meinen Waden entlang. Der Raum drehte sich immer schneller um mich, Farbblitze flammten auf und erloschen, als ich die Augen schloss.

Jedes Geräusch auf der Welt war verstummt.

Und dann schob sich eine kleine, kalte Hand in meine und eine leise Stimme wisperte meinen Namen. Ich öffnete die Augen. Mattie stand neben mir. In ihrem Blick lag nur Neugier, keine Angst.

1

»Glaub mir, Ellie«, hast du gesagt. »Alle verlassen einen. Alle.«

Ich war erst sieben, und als ich die Arme nach dir ausstreckte, warst du an dem Ort, wo man ist, wenn der Tod kommt, wenn man allein gelassen wird oder jemanden furchtbar vermisst. An dem Ort, wo die Männer sind, die einfach so ihre Familie verlassen. »Das ist so«, hast du geflüstert. »Da kannst du jeden fragen.«

2

In dem Jahr, in dem Dad uns verlassen hat, habe ich oft mein Ohr an die Wand zwischen unseren Zimmern gepresst und dich leise weinen gehört.

JakeDanach. November

Mom sagt: »Du konntest es ja nicht ahnen.«

Nachdem ich aus New York nach Hause gekommen und mit ihr zum Bestattungsinstitut gefahren bin, wo sie mir ihre manikürten Nägel in die Handfläche gegraben hat, nachdem wir alles für die Beisetzung organisiert und die Aufbahrung meiner Schwester durchgestanden haben, sieht meine Mutter mich endlich an.

»Jake …« Sie hämmert nervös mit der Ferse gegen das Unterteil des Sofas und schaut wieder weg.

Ihre Augen sind rot unterlaufen, aber sie ist ausnahmsweise nüchtern. Deswegen und weil sie vor Trauer völlig am Ende ist, zittert ihre rechte Hand so sehr, dass sie überall Zigarettenasche verstreut und den beigen Teppich mit einer dünnen Schicht Grau überzieht. »Du konntest es unmöglich ahnen.«

Ich wende den Blick ab und sehe in die Richtung, in der Ellies Zimmer liegt. Die Tür ist abgeschlossen, als würde meine Mutter glauben, so auch die Erinnerung an die Nacht wegschließen zu können, in der Tommy sie dort reglos auf dem Boden fand. Obwohl ich irgendwie erleichtert bin, dass der Raum verschlossen ist, spüre ich gleichzeitig den Drang, mich gegen die Tür zu werfen, bis sie aufspringt, und mich in den Überresten ihres verwaisten Lebens zu verkriechen.

Mom rutscht auf der Couch näher und legt ihre klamme Hand auf meine. Wie immer versuche ich, nicht zurückzuzucken. Ich beichte nichts. Sage nicht: Ich wusste aber, dass irgendetwas los war. Oder: Es war meine Schuld. Stattdessen beobachte ich stumm, wie ihr Blick auf der Suche nach etwas, an dem sie sich festhalten kann, durchs Zimmer schweift.

»Am liebsten würde ich schreien«, sagt sie leise, und ihre Stimme zittert. Ich weiß, dass sie das nicht tun wird. Dazu ist sie gar nicht fähig. Sie ist Ärztin, Mutter und Alkoholikerin, aber erstaunlicherweise hat diese Dreifachbelastung sie niemals so weit gebracht, dass sie die Stimme erhoben hätte, weder gegen mich noch gegen meine Schwester oder gegen einen ihrer drei beschissenen Ehemänner. Meine Mutter frisst alles in sich hinein. Ich stelle mir vor, dass es in ihrem Inneren so faulig und schwarz aussieht wie auf einer Müllkippe.

Sie räuspert sich. »Dein Vater hat angerufen. Er kommt morgen zur Trauerfeier. Wir haben besprochen, dass wir ihre Asche unter einem der Bäume an dem kleinen Bach verstreuen wollen, an dem sie als Kind so gerne gespielt hat.« Ihre Stimme klingt gepresst wie von einer Lage modernden Laubs bedeckt. Sie holt zitternd Luft, aber ich sehe sie nicht an. »Am Falling Creek, weißt du?«

Ich drücke ihre Hand. »Das ist eine schöne Stelle, Mom. Wirklich schön.« Jetzt weint sie. Sie lässt sich gegen meine Schulter sinken, ihre Tränen tropfen auf meinen Hemdkragen, und ein unterdrücktes Schluchzen dringt aus ihrer Kehle. Ich warte darauf, dass es anschwillt, bis es den ganzen Raum ausfüllt und schwer wie ein Leichentuch auf uns lastet, doch es bleibt gedämpft, als würde es aus einem leise gestellten Radio kommen. Das Schluchzen ebbt schließlich ab, nicht aber das Weinen. Das hält an.

Davor. Juni

Die heißen Abgasschwaden aus dem Auspuff des Transporters verbrannten mir die Waden, und Ellie stand da, schwang ihre mageren Arme hin und her und kratzte sich an der Nase. Sie war sauer, weil ich sie allein ließ, um an der NYU zu studieren. Ihre Zigarette war fast aufgeraucht. Sie warf sie auf den Boden, zerrieb sie unter der Sohle ihres Flip-Flops und sagte: »Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht hier studieren kannst. Warum musst du so weit wegziehen? Warum muss es unbedingt New York sein?«

»Ellie, bitte.«

»Und ich versteh nicht, warum du jetzt schon fahren musst. Hättest du nicht bis August warten können wie alle anderen?«

»Ich fahre jetzt schon«, sagte ich, »weil ich am Sommerkurs teilnehmen muss. Du weißt genau, dass das die Bedingung war. Sonst hätten die mich gar nicht genommen.«

Darauf sagte sie nichts, weil sie wusste, dass es stimmte. Mein fast perfektes Abschneiden im Uni-Einstufungstest und mein guter Bewerbungsessay hatten mir den Platz an der NYU gesichert, aber der nicht gerade glänzende Notendurchschnitt meines Abschlusszeugnisses hatte die Zulassungsstelle nicht völlig überzeugt. Deshalb hatte man mir dringend nahegelegt, den Sommerkurs zu belegen, um meine »Chancen zu erhöhen, zu Semesterbeginn auf universitärem Niveau mithalten zu können«.

Allerdings wusste Ellie nicht, wie froh ich war, schon früher von hier wegzukommen.

Unser Onkel, der am Steuer des Transporters saß, hupte und streckte seinen frisch geschorenen Kopf ungeduldig zum Fenster raus. Sein klarer Blick erinnerte mich daran, wie oft ich ihn früher morgens nach irgendwelchen Feiern vornübergebeugt schlafend an unserem Küchentisch gefunden hatte, immer noch zu besoffen, um nach Hause zu fahren, das verglühte Gerippe einer selbst gedrehten Kippe zwischen den Fingern.

Weil er betrunken zum Arschloch mutierte, nutzte ich seinen wehrlosen Zustand gern, um mich an ihm zu rächen. Ich stellte zum Beispiel den Fuß auf den Tisch, schob ihn gefährlich nah an seine gequetschten Lippen und stieß mit der Schuhspitze leicht gegen das rosige, feuchte Fleisch. Keine Reaktion. Also steckte ich eine Hand in seine Jeans, zog die Scheine raus, die ich darin fand, fuhr mit dem Rad in die Stadt und kaufte mir Comics oder eine CD davon. Wenn ich zurückkam, hing er immer noch genauso da wie vorher, den Zigarettenstummel zwischen den Fingern.

Mittlerweile war er trocken. Seit er seine zweite Frau Matilda kennengelernt hatte, trank er nicht mehr. Er drückte wieder auf die Hupe. Dann beugte er sich aus dem Fenster und rief: »Jetzt mach mal hin, Jake!«

»Du weißt genau, dass ich keine andere Wahl hab.« Ich sah an Ellies traurigen Augen vorbei zu Sarah und Tommy, die händchenhaltend ein paar Meter hinter ihr standen. Noch ein Stück von den beiden entfernt wartete meine Mutter mit ihrem Mann, unserem neuesten – und hoffentlich letzten – Stiefvater.

Eigentlich hätte der Anblick von Sarah mit Tommy oder meiner Mutter mit dem Idioten reichen müssen, um mich schnellstmöglich in den Wagen steigen zu lassen, aber der Abschied fiel mir schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte. Trotzdem änderte das nichts daran, dass ich wegwollte von alldem. Von der merkwürdigen Beziehung zwischen mir und Sarah, in der es immer wieder Momente gab, in denen ich mir einbildete, da wäre etwas zwischen uns, das in der Erinnerung aber zu nichts verpuffte. Von dem Dauerdrama um Ellie, ihren Launen und selbstzerstörerischen Anfällen. Von Tommy, mit dem ich immer weniger klarkam, seit er und Sarah vor ein paar Monaten zusammengekommen waren.

»Ich muss hier weg, Ellie.« Ich schloss die Finger um ihr Handgelenk und schwang ihren Arm hin und her, wie ich es früher oft gemacht hatte, als wir jünger gewesen waren und uns noch unbefangen angefasst hatten.

Mein Onkel schlug mit der geballten Faust aufs Lenkrad. »Hey, Alter«, sagte Tommy. »Dein Fahrer verliert langsam die Geduld, glaub ich.«

»Jake?« Mom kam ein paar Schritte auf mich zu, blieb dann aber stehen. Unter ihren Augen hingen dunkle Gewitterwolken. Anzeichen dafür, dass ihr letzter Kater nicht lange her war. Ich sah Sarah an. Unsere Blicke trafen sich, und ich fühlte mich wieder an den gestrigen Abend zurückversetzt, als sie plötzlich bei mir im Zimmer gestanden und gesagt hatte, sie wolle reden, die Hände in den Taschen ihrer abgeschnittenen Jeans vergraben. Wie ihre nackten, schlanken Oberschenkel in mir das Verlangen geweckt hatten, sie zu berühren, ich aber nicht nachgegeben hatte, noch nicht einmal als sie mir eine Hand auf den Rücken gelegt hatte, genau zwischen die Schulterblätter.

Sarah war so eine Art menschliche Achterbahn. Immer wenn man gerade dachte, die Fahrt sei zu Ende, wurde man wieder in die Höhe gerissen, und vor dem sich verdunkelnden blauen Himmel zeichnete sich die nächste Steigung ab. Und sie war jedes Mal höher als die letzte und jagte einem noch mehr Angst ein. Trotzdem gab es Tage, an denen ich mich nach der schwerelosen Berührung ihrer Finger sehnte und mir wünschte, sie würde die Stelle zwischen meinen Schultern massieren. Ich wusste so gut, wie es sich anfühlte, wenn sie mir ihre Hand in den Nacken legte und mit kreisenden Bewegungen leichten Druck ausübte, bis ich den Kopf nach vorne fallen ließ und mich ihr – nur für diesen Moment – hingab.

Vielleicht war das der Grund, warum ich gestern, als sie mir die Hand auf den Rücken gelegt hatte, die ersten Wellen ihrer Berührung zugelassen hatte. Aber sobald ich gespürt hatte, wie ihr Selbstvertrauen wuchs, hatte ich mich ihr entzogen. Ich traute Sarah einfach nicht. Wie auch? Selbst jetzt – nach allem, was in den vergangenen fünf Jahren immer wieder zwischen uns gewesen war – stand sie vor mir und hielt die Hand meines besten Freundes.

Ellie versetzte mir einen leichten Stoß mit der Fußspitze und zwang mich, sie anzusehen. Schlafmangel ließ die dünne Haut unter ihren Augen bläulich schimmern. Sie machte sich von mir los.

»Sag mir, dass du das nicht getan hast, Jake. Du hast mir versprochen, dass du es nicht tun würdest.«

»Dass ich was nicht tun würde?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass sie von Sarah sprach.

Sie hatte nie gewollt, dass ich ihr zu nahe kam. Hatte nicht gewollt, dass ich es verkacke. Und das nicht ganz zu Unrecht. Ich war nicht gerade bekannt dafür, nett zu Mädchen zu sein.

»Oh Mann, Jake.« Ellie guckte zu Boden und ihre langen blonden Haare fielen ihr ins Gesicht. Sie weinte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sie das letzte Mal weinen sehen hatte, aber es muss wohl in dem Sommer gewesen sein, als sie elf gewesen war und zu mir kam, ihre zitternde Hand in meine schob und mir erzählte, was Evan, unser erster Arschloch-Stiefvater, ihr angetan hatte.

»Oh Mann, Ellie.« Ich streckte die Hand aus, aber dieses Mal fasste ich sie nicht an. »Bitte nicht …«

Sie lachte und wischte sich mit dem Saum ihres Trägertops über die Augen. Die Wimperntusche hinterließ schwarze Schmierflecken auf dem dünnen Stoff. »Gott!«, schluchzte sie. Dann lauter: »Gott! Schaut mich an. Ich bin echt so eine verdammte Heulsuse.« Jetzt weinte sie richtig.

Ich zog sie zu mir und hielt sie fest, bis sie aufhörte, sich zu wehren. An meinem Hals spürte ich die Feuchtigkeit ihrer Tränen. »Kommst du zurück, wenn ich dich brauche?«, flüsterte sie.

»Ja, klar.« Ich drückte sie an mich, so fest ich konnte, und fragte mich, ob sie wusste, wie sehr ich in den zehn Jahren, seit unser Vater nicht mehr bei uns lebte, auf sie aufgepasst hatte. Dass ich in meinen Albträumen manchmal immer noch Evans Hände vor mir sah und wie er sie berührte … wie er ihr wehtat.

»Versprochen«, sagte sie. »Wenn ich dich brauche, kommst du zurück.«

»Immer, Ellie. Immer.«

Hinter ihr beobachtete Sarah uns. Als unsere Blicke sich erneut begegneten, spürte ich diesen Stich, den ich immer spürte, wenn sie in meiner Nähe war. Dieses schmerzhafte Wissen, dass das, was ich wollte, nicht das war, was mir guttat, und die Erkenntnis, dass ich es trotzdem nicht lassen konnte.

Mein Onkel hupte noch einmal und Ellie trat einen Schritt zurück. »Steig lieber ein«, sagte sie. Dann drehte sie den Kopf und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Ich gab ihr Feuer und sah zu, wie sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht schob. Ein paar Haare blieben an ihrer feuchten Wange kleben. Ohne mich anzusehen, sagte sie: »Ich liebe dich, Jake.«

Ich schaute zu Boden. »Das weiß ich, Ellie. Das weiß ich.«

3

Dieses Haus ist so trostlos.

Ich wünschte …

JessieDanach. Januar

Nach Sarahs Entlassung aus der Klinik hat Mom entschieden, dass sie ins Gästezimmer im Erdgeschoss ziehen soll, damit jede von uns ihr eigenes Zimmer hat. Seitdem sitze ich oft allein hier oben und mache mir Gedanken. Über Sarah, über Ellie, über mich, darüber, wer ich bin und wer ich eigentlich sein sollte.

Mom hat uns alle in bestimmte Schubladen gesteckt. Sarah ist die Impulsive. Meg der Wildfang. Mattie ist süß und knuffig. Und ich bin die Grüblerin. Zumindest sagt sie das immer: Jess, du bist so eine Grüblerin! Woher hast du das nur?

Dabei habe ich vor Ellies Tod nicht ständig über irgendwas nachgegrübelt, sondern eine Menge andere Dinge gemacht. Ich war viel draußen, bin ins Kino gegangen oder mit meiner besten Freundin Lola herumgezogen und hab irgendwelchen Blödsinn angestellt. Bevor Ellie gestorben ist, habe ich oft so getan, als wäre ich jemand anderes – jemand, der nicht so … grüblerisch veranlagt ist. Aber jetzt hat es keinen Sinn mehr, anderen und mir selbst etwas vorzumachen.

Ich glaube, dass sich etwas in einem verändert, wenn jemand stirbt, den man kennt – als würde ein übernatürliches Wesen kommen, mit seinen riesigen übernatürlichen Händen in einen hineingreifen und die gesamte DNA-Struktur neu anordnen.

Aber als ich versucht habe, mit Lola darüber zu reden, hat sie mich angeschaut, als würde ich spinnen, und mich dann gefragt, wie ich es geschafft hätte, plötzlich so dünn zu sein wie Kate Moss. Und dann hat sie allen Ernstes einen Stift gezückt und wollte mein Diätgeheimnis wissen, damit sie endlich in die 26er Jeans passt, von der sie so träumt. Denn egal wie oft sie auch joggt, ihre runden Hüften werden einfach nicht schmaler.

Ich habe darauf erst mal eine ganze Weile nichts gesagt und dann kurz entschlossen die Wahrheit: »Mein Diätgeheimnis ist ganz einfach, da gibt es nichts aufzuschreiben. Du musst bloß nach den Mahlzeiten öfter alles wieder auskotzen und zwischendurch auch einfach mal gar nichts essen.«

Das war das erste Mal, dass ich es laut ausgesprochen hatte, und ich dachte, sie bräuchte vielleicht ein bisschen Zeit, es zu verarbeiten, weil das ja schon ziemlich krass war. Aber Lola hat mir bloß mit ihrem blauen Puschel-Kuli auf den Kopf gehauen und gesagt: »Hey, das ist genial!« Danach hat sie das Thema nie wieder erwähnt, aber mir ist aufgefallen, dass sie im nächsten Monat bestimmt drei Kilo abgenommen hat.

Obwohl es bei mir insgesamt schon sieben Kilo sind, ist Lola die Einzige, die mich darauf angesprochen hat, dass ich allmählich immer weniger werde.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass sich Mom zu viele Sorgen um Sarah macht, Dad zu viele um Mom und Meg und Mattie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um es zu bemerken.

Aber es ist ja auch wirklich nicht so dramatisch. Es ist auch nicht so, als hätte ich eine Essstörung. Ich fand mich nie zu dick und gefalle mir so dünn nicht besser als vorher. Ich kann nur nichts dran ändern.

Ich schaffe es nicht, das Essen bei mir zu behalten – wenn ich überhaupt genug Appetit habe, etwas runterzubringen. Es fühlt sich an, als wäre einfach nicht genug Platz in mir. Vielleicht ist das so, wenn man ein Geheimnis mit sich herumträgt.

Seit Sarah aus der Klinik zurück ist, bewegen wir uns zu Hause nur noch auf Zehenspitzen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten vermeiden wir alle Gesprächsthemen, die irgendwie heikel sein könnten, und am Gästezimmer schleichen wir möglichst geräuschlos vorbei, damit Sarah uns nicht hört. So wie jetzt. Lola lacht hinter mir.

»Hey, was läufst du denn so langsam?« Sie gibt mir einen Schubs, sodass ich mit einem dumpfen Geräusch gegen das Tischchen in der Diele stoße. Ich zucke zusammen und habe das verrückte Bedürfnis, ihren Kopf gegen die Wand zu schlagen, aber dann sage ich mir, dass Lola eben so ist, wie sie ist.

Auf dem obersten Treppenabsatz halte ich kurz an, um Luft zu holen.

»Was ist denn jetzt los?«, fragt Lola. »Hast du vor, für immer hier stehen zu bleiben?«

Sie knufft mich in den Rücken, damit ich weitergehe. Ich bin versucht, sie anzufauchen, sage dann aber nur: »Du weißt doch, dass wir wegen Sarah leise sein müssen.«

»Ich verstehe aber nicht, was ihr das bringen soll«, antwortet Lola. Sie lässt sich auf mein Bett fallen und wirft als Erstes alle Stofftiere runter, die ich ihrer Meinung nach längst entsorgt haben sollte, weil Fünfzehnjährige keine Kuscheltiere mehr brauchen