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Ein Gestüt in altem Glanz, die Familie im Zwist Ein Gestüt in altem Glanz, die Familie im Zwist Nach einem rätselhaften Reitunfall liegt der Gutsherr eines renommierten Gestüts im Koma. Seine Familie zerbricht daraufhin vor Hass und Gier auf das beträchtliche Erbe. Für das Vermächtnis würden sie alles tun – doch wer würde sogar einen Mord begehen? Das versucht Hauptkommissar Bodo Völxen herauszufinden, als die unbeliebte zweite Ehefrau des Gutsherrn mit einem Schürhaken erschlagen im Kaminzimmer vorgefunden wird. Völxen gerät in ein Netz aus alten Feindschaften und erkennt bald: In dieser Familie könnte jeder der Mörder sein. Aber auch andere Leute hätten Grund, auf Rache zu sinnen … In diesem fesselnden Hannover-Krimi von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Susanne Mischke ermittelt der beliebte Kommissar Bodo Völxen gemeinsam mit seinem Team in der ländlichen High-Society. Wer lügt hier, wer tötet – und warum? Spannung pur bis zur letzten Seite!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© Piper Verlag GmbH, München 2026
Redaktion: Kerstin von Dobschütz
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Covermotiv: Maximilian Müller / Getty Images; Terrence Drysdale / Trevillion Images und Shutterstock.com
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Cover & Impressum
Kapitel 1 – Das Fest
Kapitel 2 – Das fiese Pony
Kapitel 3 – Landleben am Sonntag
Kapitel 4 – Landleben, die Zweite
Kapitel 5 – Der Tatort
Kapitel 6 – Hofgespräche
Kapitel 7 – Die Künstlerin
Kapitel 8 – Die Profis übernehmen
Kapitel 9 – Montag, die Klientin
Kapitel 10 – Montag, die ersten Zeugen trudeln ein
Kapitel 11 – Grenzüberschreitungen
Kapitel 12 – Klatsch und Tratsch
Kapitel 13 – Motive und Alibis
Kapitel 14 – Teatime auf Sieben Eichen
Kapitel 15 – Besuch zur Unzeit
Kapitel 16 – Männergespräche an der Schafweide
Kapitel 17 – Dienstag, Therapie trifft Fantasie
Kapitel 18 – Berufsethos
Kapitel 19 – Mittwoch, Schreck am Morgen
Kapitel 20 – Klärende Gespräche
Kapitel 21 – Geisteraustreibung
Kapitel 22 – Alte Freunde
Kapitel 23 – Eine Dame verschwindet, und eine taucht auf
Kapitel 24 – Taddens Geheimwaffe
Kapitel 25 – Samstagmorgen
Kapitel 26 – Das Geständnis
Kapitel 27 – November, Niederlagen
Was ich noch zu sagen hätte …
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Nähert man sich dem Gestüt Sieben Eichen aus südlicher Richtung, bilden Gutshaus und Stallungen mit etwas Fantasie ein symbolträchtiges Hufeisen. Es fügt sich harmonisch ein in die von Heckengehölzen eingerahmten Weiden und Ackerflächen, die von Weitem aussehen, als hätte ein Kind Briefmarken auf ein Blatt Papier geklebt. Den Hintergrund bildet das grüne Dunkel des Fuhrberger Waldes. Das Gesamtbild dieses Idylls wirkt verträumt und ein wenig aus der Zeit gefallen wie ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert.
Tatsächlich wird das einstöckige Herrenhaus mit den zurückgesetzten Seitenflügeln in diesem Jahr zweihundert Jahre alt. Die Stallgebäude zu beiden Seiten des Gutshauses dürften kaum jünger sein, denn das Gut Sieben Eichen war von Anfang an auch ein Gestüt. Das Anwesen ist zu alt, um protzig zu wirken, doch seine Tradition und der Wohlstand seiner Besitzer kriechen dem Betrachter aus jeder Ritze des Fachwerks entgegen. Dank stetiger behutsamer Renovierungsmaßnahmen hat sich das betagte Gemäuer bis ins 21. Jahrhundert gerettet, ohne dabei seinen Charakter zu verlieren. Es ist in Würde gealtert, und Ähnliches lässt sich auch über die Gutsherrin sagen. Greta von Rath, die vor dem Schminktisch ihres Ankleidezimmers sitzt und ihr Make-up und die Frisur überprüft, muss bei diesem Gedanken wehmütig lächeln. Ihre neunundvierzig Jahre sieht man ihr nicht an, obwohl sie sich bisweilen ebenfalls wie zweihundert fühlt. Sie blickt in den Spiegel und probt ihr Lächeln so lange, bis sie aus jeder Pore einen gepflegten Charme ausstrahlt. Für die nächsten Stunden wird sie es sich ins Gesicht meißeln. Niemand soll behaupten können, sie sei nicht die perfekte Gastgeberin.
An diesem sonnigen Sonntag im September hat Greta von Rath zum Tag der offenen Tür auf Sieben Eichen geladen. Seit zehn Uhr strömen die Besucher aus den umliegenden Ortschaften Fuhrberg, Burgwedel, Kleinburgwedel, Thönse, Ramlingen, den diversen Dörfern des benachbarten Bezirks Wedemark sowie aus Burgdorf heran. Es sind viel mehr gekommen, als sie erwartet hat. Kein Wunder, denn es ist die erste derartige Veranstaltung seit Jahrzehnten, und Sieben Eichen ist ein Anwesen, das seinesgleichen sucht.
Das erkannte Greta von Rath schon, als sie noch Greta Nolte hieß und die ganze Pracht zum ersten Mal sah. Über zwanzig Jahre ist das her, und sie ist stolz darauf, ihren Anteil dazu beigetragen zu haben.
Es geht das Gerücht, Greta hätte Gustav von Rath hauptsächlich wegen des Herrenhauses, wie sie den Gutshof zu nennen pflegt, und des klangvollen Namens geheiratet. Eine boshafte Unterstellung. Aber natürlich stand dies der Eheschließung auch nicht gerade im Wege.
Als Tochter eines Metzgermeisters, der mit Hundefutter zu Reichtum gekommen war, entwickelte Greta schon früh ein Faible für altes Geld. Sie hatte Ambitionen und eine Strategie. Sie besuchte ein renommiertes Mädchengymnasium, machte den Reitsport zu ihrem Hobby und spielte Golf. Letzteres fand sie zwar langweilig, aber was tut man nicht alles, um den Stallgeruch der Metzgerstochter loszuwerden und »interessante Leute« kennenzulernen. Sprich, einen Mann mit Vermögen, das nicht mit Schlachtabfällen in Dosen verdient wurde. Doch die Hundefuttergeschichte war nicht auszurotten und klebte an ihr. Immer wieder kam es vor, dass jemand ein boshaftes Wuff-wuff hinter ihr her zischte. Es verletzte sie und spornte sie gleichzeitig an, das Geld ihres Vaters klug zu nutzen.
Greta war neunundzwanzig, als sie Gustav von Rath bei einem Reitturnier kennenlernte. Er war seit drei Monaten verwitwet und sechzehn Jahre älter als sie. Doch das störte von Anfang an nur die Kleingeister.
War der Mann an sich schon ein guter Fang, so bekam Greta beim Anblick von Sieben Eichen Schnappatmung. Das Haupthaus mit den zwei Seitenflügeln erinnerte sie an ein englisches Herrenhaus aus einem Pilcher-Film, dem lediglich das Fachwerk eine bescheidene Note verlieh. Niedersächsisches Understatement in seiner schönsten Form. Sogar die sieben Eichen gab es, und es gibt sie noch. Je drei mächtige Exemplare stehen vor den Stallgebäuden, die das Wohngebäude auf der Ost- und Westseite flankieren, die siebte befindet sich mitten im Hof. Sie ist kleiner und weniger knorrig als die anderen, denn vor fünfzig Jahren wurde ihre Vorgängerin vom Blitz getroffen und musste gefällt werden.
Gutsherrin auf Sieben Eichen! Es war, als hätte Greta ihr Leben lang darauf hingearbeitet. Ein Wermutstropfen waren lediglich Gustavs Kinder aus seiner ersten Ehe. Theo und Melissa, damals zehn und sieben Jahre alt. Hartgesottene kleine Biester, die keine neue Mutter wollten. Auch Greta hätte auf diesen Anhang gut verzichten können. Aber es gab sie nun einmal. Sie waren die Kröten, die Greta schlucken musste, der Preis für all das andere. Dass alles im Leben einen Preis hat, das wusste Greta damals schon.
Altehrwürdig ist das Wort, das in der Gegend häufig fällt, wenn von Sieben Eichen die Rede ist. Der Begriff umfasst sowohl das Gut als auch die weithin bekannte Zucht von Hannoveranern sowie die Familie selbst. Alt – unbestritten. Der Stammbaum der von Raths reicht zurück bis ins Mittelalter. Ehrwürdig? Das war einmal. Zumindest was die Familie angeht. Der Streit um den Tod beziehungsweise Nichttod ihres Ehemanns, der seit einem Jahr zwischen Greta und ihren Stiefkindern tobt, hat ein paar dicke Kratzer am Renommee der von Raths hinterlassen.
Umso wichtiger ist es jetzt, sich der Öffentlichkeit als Familie zu präsentieren und der Pferdewelt das Gestüt, das bereits den einen oder anderen Olympiasieger hervorbrachte, wieder in Erinnerung zu bringen. Der zweihundertste Geburtstag des Gutshauses bietet sich hierfür an.
Die Besucherschar besteht nicht nur aus neugierigen Dörflern. Diese waren nur die Ersten. Zum Glück trafen gegen Mittag auch etliche illustre Menschen aus der Pferdeszene ein. Sie wurden von Greta und Theo besonders herzlich begrüßt und intensiv betreut. Um zwölf Uhr hielten zuerst Theo und dann Greta kleine Willkommensansprachen.
Das Gut und das Gestüt, referierte Theo, seien Teil einer Gemeinschaft, die über zwei Jahrhunderte gewachsen sei. Danach rühmte er die Errungenschaften der Pferde, die aus der Zucht hervorgegangen waren, so lange und ausführlich, dass die Zuhörerschaft selbst mit den Hufen zu scharren begann. Um die Leute nicht über Gebühr zu strapazieren, musste Greta sich notgedrungen kurzfassen. Man habe sich in den vergangenen Jahren rargemacht, gestand sie freimütig ein. Doch das solle sich in Zukunft ändern. Es sei ihr ein Herzensanliegen, wieder häufiger in Kontakt mit ihrer Umgebung zu treten. In diesem Sinne hoffe sie, dass die Besucher den Tag für Begegnungen und Gespräche nutzen würden.
Und dass Theo das eine oder andere Pferd verkauft! Das hat sie selbstverständlich nicht laut ausgesprochen, nur gedacht. Danach ließ sie sich ein Sektglas reichen und sonnte sich im wohlwollenden Applaus.
Melissa hatte für die Webseite des Gestüts gefilmt – wahrscheinlich nur die Rede ihres Bruders. Danach posierten Greta und ihr Stiefsohn Theo einträchtig vor dem mit wildem Wein umrankten zweiflügeligen Portal des Herrenhauses, über dem das Familienwappen der von Raths prangt: ein Pferdekopf, darüber zwei gekreuzte Schwerter und obenauf eine Krone, das Ganze umrahmt von Getreideähren. Die Leute fotografierten, auch die Handvoll Pressevertreter, leider nur freie Mitarbeiter der Lokalausgaben oder Anzeigenblättchen.
Nun ja. Aller Anfang ist schwer.
Eigentlich hätte auch Melissa auf die Fotos gehört, aber sie war plötzlich verschwunden. Wahrscheinlich wollte sie nicht mit Greta zusammen in der Lokalpresse erscheinen. Das galt auch umgekehrt und war kein großer Schaden. Melissa ist ein hoffnungsloser Fall. Das Leben der verwöhnten Göre, die immerhin auch schon auf die dreißig zugeht, war bisher ein einziges lasches Sich-treiben-Lassen, dem zuzusehen Greta ein Übermaß an Geduld abverlangte. Melissa ist das Gegenteil dessen, was Greta in ihrem Alter war. Kein Ehrgeiz, keine Ziele, kein Durchhaltevermögen. Sie wechselte bestimmt schon siebenmal ihre Weltanschauung und ihren Berufswunsch. Geblieben ist nur ihre Dummheit.
Vom ersten Stock aus hat Greta einen guten Blick auf das Geschehen im Hof, das sich zu einem kleinen Volksfest entwickelt hat. Vom Bratwurststand zieht eine Wolke von Qualm in Richtung der Koppeln. Daneben steht der Bierausschank mit dem Craftbeer, das Viktor und Theo seit ein paar Monaten gemeinsam zusammenpanschen. Es gibt Crêpes und Kaffee, die Landfrauen verkaufen Kuchen, Marmelade, Biolimonade und Obstwein. Nicht allein dank dieses Gebräus ist die Stimmung recht fröhlich. Von einem Reiterhof bei Burgwedel wurden zwei Ponys ausgeliehen, die nun mit Kleinkindern beladen und von deren Eltern herumgeführt werden. Denn mit Ponys hat sich das Gestüt Sieben Eichen noch nie abgegeben.
Eine Keramikerin aus Fuhrberg verkauft neben Geschirr auch Pferdeköpfe, die man auf Zaunpfähle stecken kann und die sie eigens zu diesem Anlass kreiert hat. Der Hufschmied, der in seiner Werkstatt auch eiserne Gartenskulpturen anfertigt, konnte schlecht abgewiesen werden, ebenso wie die Ehefrau von Stallmeister Eckedahl, die ihre selbst gemachten Seifen feilbietet. Dasselbe gilt für den ortsansässigen Imker mit seinem Honig, den Kerzen und dem Met. Der Stand mit dem Reiterzubehör ist in Gretas Augen die einzige sinnvolle Bereicherung der Veranstaltung. Es gab noch mehr Anfragen von Kunstgewerbeschaffenden und Künstlern der Umgebung. Greta hat sie mit dem Hinweis auf das begrenzte Platzangebot abgewiesen.
Um die hauseigene Künstlerin kam man leider nicht herum. Melissa von Rath stellt in ihrem Atelier, das sie sich im hinteren Teil des östlichen Stallgebäudes eingerichtet hat, ihre Bilder aus: großflächige abstrakte Gemälde, verwaschene Aquarelle und tönerne Skulpturen, die aussehen, als hätte sich eine Grundschulklasse mit Knetmasse ausgetobt. Die Möglichkeit, ihre Werke einem breiteren Publikum zu präsentieren, war für Melissa, die sonst aus Prinzip alles ablehnt, was von ihrer Stiefmutter kommt, der Hauptgrund, diesem Tag der offenen Tür zuzustimmen. In den Mitteilungen an die Presse und in den diversen Internetforen legte Melissa großen Wert auf die Erwähnung ihrer Ausstellung. Melissas Freund Viktor war ebenfalls sofort angetan von der Idee, den zweihundertjährigen Geburtstag des Gutshofs öffentlich zu feiern. Nicht dass seine Stimme groß zählte, auch wenn er und Melissa neuerdings angeblich verlobt sein sollen. Ein Hochzeitstermin steht allerdings noch nicht fest, und falls es eine Verlobungsfeier gab, war Greta nicht dazu eingeladen. Viktor lebt mehr oder weniger mietfrei auf dem Gut. Der gelernte Schreiner und Zimmermann macht sich in Haus und Hof nützlich. Bei einem zweihundert Jahre alten Gebäude gibt es immer etwas zu tun, das Arrangement spart viel Geld für Handwerkerrechnungen. Ein Tag der offenen Tür, meinte er, sei die Gelegenheit, das von ihm und Theo gebraute Craftbeer unters durstige Volk zu bringen. Danach musste nur noch Theo überzeugt werden.
Überraschenderweise verzichtete der auf seine sonst übliche Fundamentalopposition. Launig meinte er, es sei kein Schaden, wenn das Gestüt Sieben Eichen aus dem Schatten der vergangenen Ereignisse heraustreten und wieder einmal für positive Presse sorgen würde.
Also machte Greta sich ans Organisieren. Einen kleinen Nadelstich musste Theo seiner Stiefmutter dann doch noch versetzen, indem er Stefanie Besler anheuerte. Die Steffi kenne sich im Haushalt gut aus, argumentierte Theo, und für die bescheidene Summe von zweihundert Euro sei sie bereit, ihre Ressentiments kurzzeitig über Bord zu werfen und für den Tag der offenen Tür als Mädchen für alles zur Verfügung zu stehen.
Das Mädchen ist Mitte sechzig und diente der Familie von Rath schon unter Gustavs erster Frau Anna als Haushaltshilfe. Obendrein war sie eine Vertraute der Kinder, und genau wie diese hat sie Greta nie respektiert. Sie leistete sich diese aufsässige Haltung im Bewusstsein, dass Gustav von Rath seine schützende Hand über sie hielt.
Nur Tage nach Gustavs Unfall, als abzusehen war, dass die schwere Verletzung ihres Mannes zu dessen längerem Ausfall und in der Folge zu finanziellen Engpässen führen könnte, beendete Greta das Dienstverhältnis. Eine Feindin weniger im Haus.
Neben Essen, Trinken und Zerstreuung muss an so einem Tag vor allem dem fachkundigen Publikum etwas geboten werden. Das möchte in erster Linie eines sehen: die Pferde. Der Star ist Amaro, der vielfach preisgekrönte Zuchthengst, der mit seinen vierzehn Jahren nach wie vor erstklassige Fohlen zeugt. Theo von Rath, der sich in der Rolle des Gutsherrn gefällt, lässt Amaro zu jeder vollen Stunde auf dem Sandplatz oder in der Reithalle ein paar Runden drehen, damit die Fachwelt den Hengst in Aktion sehen und seinen eleganten, leichtfüßigen Gang, seine edle Haltung und seinen harmonischen Körperbau bewundern kann. Herbert Eckedahl, der Zucht- und Stallmeister des Gestüts, stellt die Zuchtstuten mit ihren Stammbäumen und Verdiensten vor sowie die Fohlen und Jungpferde, die auf der Weide stehen. Seine Tochter Julia, mit sechzehn Jahren bereits eine erfolgreiche Turnierreiterin, lässt eine Auswahl der besten Dreijährigen über einen Parcours springen. Eigentlich sollte sich Melissa an dieser Aufgabe beteiligen, aber Melissa wollte sich einzig und allein ihrer Kunstausstellung widmen. »Reite doch selbst über den Parcours«, schlug sie Greta vor. »Oder bist du schon zu alt dafür?«
Greta streicht sich noch einmal mit dem Puderpinsel über Stirn und Nase. Das Wetter hat es mit dreißig Grad an einem Septembertag fast ein bisschen zu gut gemeint. Um etwaige Hitzeschäden an ihrem Make-up in Ordnung zu bringen, kam sie kurz herauf in ihr kühles Refugium. Nun ist alles wieder perfekt. Gleich wird sie hinabgehen, sich sehen lassen, Small Talk betreiben, Leute einander vorstellen, Kontakte knüpfen. Es gibt zwei Interessentinnen, die ihre Pferde auf Sieben Eichen einstellen möchten, und Greta hat versprochen, ihnen die Boxen zu zeigen. Einstellpferde wären ein Novum, welches sie Theo erst noch schmackhaft machen muss. Andererseits kann er nicht die Augen davor verschließen, dass die Geschäfte ohne seinen Vater Gustav nicht mehr so gut wie früher laufen. Es reicht nicht, erstklassiges Material im Stall stehen zu haben, man muss es auch verkaufen können. Darin war ihr Ehemann ein Ass. Sein Wort und sein Ruf galten in der Pferdeszene, er war eine Respektsperson. Er kam klar mit den Sturköpfen und Wichtigtuern der Zuchtverbände und verfügte über das nötige Charisma und die Geschmeidigkeit, um Geschäfte mit arabischen Scheichs zu tätigen. Seinem Sohn Theo bringen die Leute längst nicht so viel Vertrauen entgegen. Theo hat das gute Aussehen seines Vaters und ist ehrgeizig, doch ihm fehlt die Klasse. Vielleicht wird er sie eines Tages haben, aber bis dahin könnte es für das Gestüt zu spät sein.
Sie steht auf, geht zum Fenster und lässt den Blick über den Hof schweifen. Eine fröhliche, bunte Szene. Ihr Werk. Was wohl Gustav dazu sagen würde?
Er würde es hassen, und für einen kleinen panischen Moment muss sie ihm recht geben. All diese normalen Menschen, die lärmend und lachend eindringen in die abgeschiedene, entrückte Welt von Sieben Eichen, in der sie nichts zu suchen haben.
Das nennt man Realität, sagt sich Greta.
Einen unerträglichen Rummel würde Gustav es nennen und seinen schönen starken Mund verächtlich verziehen. Noch nie gab es etwas Vergleichbares auf Sieben Eichen. Weil man es zu seinen Lebzeiten nicht nötig hatte.
Seine Lebzeiten … Genau das ist der strittige Punkt.
Bei ihrer Vermählung vor zwanzig Jahren bestand Greta auf Anraten ihres Vaters – danke, Papa! – auf ein Berliner Testament, das sie zur Alleinerbin macht. Erst nach Gretas Tod erben Theo und Melissa. Stürbe Gustav von Rath in absehbarer Zeit, wäre Greta die Herrin im Haus. Dann würde sich hier einiges ändern! Theo wäre gezwungen, sich mit ihr in geschäftlichen Dingen zu arrangieren, und Melissa müsste endlich lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.
Greta holt tief Atem. Sie ist ein wenig erschöpft. Die Hitze macht ihr zu schaffen, und sie ist es nicht mehr gewohnt, unter vielen Menschen zu sein. Ehe sie geht, bleibt ihr Blick an der Frau hängen, die sich mit festen Schritten zielstrebig dem Eingangsportal nähert. Das darf nicht wahr sein. Dass diese Person sich hierherwagt, ausgerechnet heute! Nein, das ist kein Zufall. Heute kann Greta sich schlecht verleugnen lassen. Wie schlau und unverschämt. Diese Frau ist wie eine Ranke giftigen Efeus, die sich immer wieder in Gretas Leben krallt und die man einfach nicht loswird.
Sie wird sich auch heute nicht abweisen lassen. Nicht, ohne eine Szene zu machen. Vielleicht legt sie es sogar darauf an. Was tun? Am besten weist man solche Leute energisch und kompromisslos in die Schranken. Nur nicht zurückweichen! Gustav hätte kurzen Prozess gemacht.
Ach, Gustav!
»Wanda, möchtest du auch einen Crêpe?«
»Sonst gibt es ja wenig Vegetarisches.«
»Kuchen von den Landfrauen.« Christoph zuckt mit den Schultern.
»Immer dasselbe auf dem Land«, mault Wanda, die zwar ländlich aufgewachsen, aber inzwischen ganz in Hannover-Linden verwurzelt ist. »Gut, dann eben Crêpes.«
Christoph reiht sich ein in die kleine Schlange, die sich vor dem Stand gebildet hat. Wanda ergattert einen Platz an einem der Stehtische unter einem Sonnenschirm. Ohne den würde man es in der Mittagssonne kaum aushalten. Als Kind stand ein Pony ganz oben auf ihrer Wunschliste. Was sie bekam, waren Schafe. Pferde sind in Wandas Augen wunderbare Geschöpfe, und die von Sieben Eichen sind wirklich eine Klasse für sich.
»Was züchten sie dort eigentlich?«, fragte sie Christoph auf dem Weg hierher. »Nur damit ich mich nicht blamiere. Rennpferde?«
»Nein. Wettbewerbspferde. Hannoveraner. Sie haben verschiedene Zuchtlinien. Springpferde, Pferde für die Dressur und eine Linie, die Reitpferde für den Hausgebrauch hervorbringt. Sie haben Kunden aus aller Welt.«
Gerade sind sie zurückgekommen von einem Rundgang über das Gelände und einer Besichtigung der Stallungen. Christoph, der in seiner Funktion als Tierarzt regelmäßig auf dem Gestüt verkehrt, zeigte Wanda die geräumigen Boxen und die Sattelkammer, die weniger eine Kammer ist, sondern so groß wie ihre Wohnung und – anders als ihre Wohnung – ein leuchtendes Beispiel für Sauberkeit und Ordnung. Blitzende Steigbügel hängen aufgereiht an Haken, daneben das Zaumzeug, die Pferdedecken, und es gibt mindestens ein Dutzend Sättel in verschiedenen Größen und Ausführungen, alle auf Hochglanz poliert.
Doch, ja, muss Wanda zugeben, nicht nur die Menschen auf Sieben Eichen, auch die Pferde haben es sehr gut getroffen. Allerdings werden die meisten nicht bleiben, denn schließlich besteht der Zweck eines Gestüts darin, Fohlen und Jungtiere zu verkaufen. An Menschen, die mit ihnen Reitsport betreiben. Etwas, das Wanda als Tierschützerin und ehemalige Tierschutzaktivistin kategorisch ablehnt.
Christoph kennt ihre Meinung zu diesem Thema, und er stimmt ihr in weiten Teilen zu. Doch Niedersachsen ist nun einmal Pferdeland und er ist Tierarzt. Er studierte an der TiHo, der Tierärztlichen Hochschule, in Hannover und hat sich schon ab dem fünften Semester auf Großtiere, insbesondere Pferde, spezialisiert. Die Praxis in Isernhagen, in der er im Frühjahr seine erste feste Stelle antrat, hat eine hervorragende Ausstattung zur Behandlung von Pferden und obendrein einen guten Ruf. Das Gestüt Sieben Eichen zählt seit vielen Jahren zu den Klienten, sein Chef hat Christoph dort eingeführt. Seitdem kümmert Christoph sich mindestens einen Tag in der Woche um den Bestand von derzeit sechsundvierzig Tieren. Deshalb konnte er die Einladung zu diesem Tag der offenen Tür unmöglich ausschlagen.
Wandas Angebot, ihn zu begleiten, rief bei ihm ein besorgtes Stirnrunzeln hervor.
»Ich werde mich zurückhalten«, hat sie ihm hoch und heilig versprochen und machte sich vorsichtshalber auf der Fahrt im Kleinwagen von Stadtmobil schon mal Luft: »Das Ganze ist eine einzige Tierquälerei und gehört verboten. Pferdesport! Wenn ich das schon höre! Welches Tier würde freiwillig Leistungssport betreiben? Denkst du, Pferde lieben es, in einem Transporter durch die Gegend gekarrt und mit Sporen und Gerte über Hindernisse gejagt zu werden? Und bestimmt genießt es kein Pferd, mit gekrümmtem Hals zur Nussknacker-Suite in völlig unnatürlicher Fortbewegungsart herumzutänzeln. Was stimmt nicht mit den Menschen, dass sie so etwas schön finden? Für mich ist es unerträglich zu sehen, wie diese armen Kreaturen leiden.«
Auf dem Gestüt angekommen, riss Wanda sich wie versprochen zusammen. Sie sprang sogar über ihren Schatten und lobte gegenüber Theo von Rath die großzügigen Boxen und die weitläufigen Weideflächen und natürlich auch das prächtige Anwesen. Ebenso haben Christoph und Wanda bereits die Kunstwerke von Melissa von Rath bewundert. Besonders gut scheinen die Geschäfte in der Kunstgalerie jedoch nicht zu laufen, denn die Tochter des Hauses taucht immer wieder mit einer Videokamera an verschiedenen Orten des weitläufigen Geländes auf. Mal sieht man sie im Hof, mal beim Hindernisparcours, auf dem Sandplatz oder in der Reithalle. Die Aufnahmen seien für die Website von Sieben Eichen, erklärte sie Christoph, der auch schon für einen kurzen Clip posieren musste.
Eine rundliche Frau mit rosigen Wangen, spitzem Kinn und roter Nase nähert sich dem Stehtisch. Die knielange weinrote Schürze spannt sich über ihre dralle Figur und lässt sie aussehen wie eine Rote Bete. Sie zieht eine kleine Karre mit einer Plastikkiste hinter sich her. »Kann ich die mitnehmen?« Sie deutet auf die zwei leeren Teller, die auf dem Tisch zurückgelassen wurden.
»Ja, die sind nicht von uns.« Wanda reicht ihr die Teller mit den Resten von Schokoladensoße. »Ich finde es gut, dass es hier kein Plastikgeschirr und keine Pappbecher gibt.«
»Dann hätte ich ja nichts zu tun.« Sie stellt die Teller in die Kiste, in der schon mehr benutztes Geschirr steht.
Christoph kommt mit den Crêpes an den Tisch und wird von der Helferin ungeniert gemustert. »Sie sind der neue Tierarzt, oder?«
»Der bin ich.«
»Wo wohnen Sie?«
»Hannover-Linden.«
Die Antwort ruft ein Kräuseln ihrer von Falten umkränzten Lippen hervor. »Na dann. Einen guten Appetit, die Herrschaften.«
Sie wischt mit energischen Bewegungen den Tisch sauber. Unter der Schürze trägt sie ein weinrotes Polohemd mit dem Wappen von Sieben Eichen am Kragen und über der Brust. Das gleiche Hemd tragen der Stallmeister, der Typ am Bierstand und Melissa von Rath. Lediglich Theo und Greta von Rath haben sich über den Dresscode hinweggesetzt.
»Sind Sie eine Verwandte, oder arbeiten Sie auf dem Gut?«, fragt Wanda.
Ein bitteres Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht. »Ich war fünfundzwanzig Jahre lang für den Haushalt zuständig. Und für die Kinder. Seit dem Unfall des Herrn von Rath bin ich in Rente. Heute helfe ich nur aus. Damit die Gnädige sich um ihre Gäste kümmern kann, ohne sich zwischendurch die Hände schmutzig zu machen.«
Die Gnädige. Das lässt Raum für Spekulationen über das einstige Arbeitsverhältnis.
»Dann sehen Sie mal zu, dass Sie auch Ihr Honorar kriegen, Herr Tierarzt«, bemerkt sie, ehe sie sich wieder ihren Pflichten widmet.
»Was sollte denn das?« Wanda sieht ihren Freund fragend an.
Christoph zuckt mit den Achseln. »Keine Ahnung.«
Nachdem sie die Crêpes probiert und für okay befunden haben, sagt er: »Wir hätten deine Eltern fragen können, ob sie mitkommen wollen.«
»Die hätten bestimmt keine Zeit gehabt. Meine Mutter erwähnte etwas von Heckenschneiden, und mein Vater will den Schafstall winterfest machen.«
»Was hat er vor? Der Stall ist doch top.«
»Was weiß ich? Seit der Ostfriese sein Tiny House nebenan beim Hühnerbaron aufgestellt hat, basteln sie dauernd an irgendwas herum. Wahrscheinlich kriegen die Biester eine Fußbodenheizung mit angeschlossener Wärmepumpe.«
Beide genießen ihre Mahlzeit, und als sie fertig sind, besorgt Wanda Kaffee am Stand der Landfrauen.
Ein Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, nähert sich auf einem Pony, das in einem flotten Trab unterwegs ist. Das Kind wird im Sattel unsanft hin und her geworfen. Mit verkrampftem Gesichtsausdruck hält die Kleine sich fest und versucht tapfer die Tortur durchzustehen. Lange wird das nicht mehr gut gehen, schätzt Wanda.
»Emma! Emma, nicht so schnell!« Ein junger Mann sprintet Tochter und Pony hinterher, seine Partnerin, die Kaffee trinkend an einem der Nachbartische steht, scheint noch abzuwarten, wie sich die Sache entwickelt.
»Wer von den beiden wohl Emma ist?«, flüstert Wanda.
»Das Kind. Das Pony ist ein Wallach.«
Die Mutter des Mädchens hat nun ebenfalls erkannt, dass es ernst ist. Sie knallt ihren Kaffeebecher auf den Tisch und setzt sich in Bewegung. Die Ersten zücken bereits ihre Handys, andere Besucher nehmen die Verfolgung des übermütigen Ponys auf. Ihre Versuche, sich dem Tier und seiner hilflosen Reiterin in den Weg zu stellen, bewirken, dass das Pony das Fangspiel erst recht zu genießen scheint. Angestachelt von so viel Aufmerksamkeit, trabt es im Zickzack über den Hof. Immer wieder gelingt es ihm, seine Verfolger mit geschickten Ausweichmanövern abzuschütteln. Das Biest amüsiert sich offenbar, während Emma zu weinen begonnen hat. Immerhin kann sie sich nach wie vor im Sattel halten.
»Aus ihr wird sicher einmal eine hervorragende Reiterin«, meint Wanda.
»Falls sie dieses Trauma überwindet und sich jemals in ihrem Leben wieder auf ein Pferd setzt«, ergänzt Christoph.
Ein breitschultriger Riese mit grauem Stoppelhaar in Reitstiefeln und einer Wildlederweste, die ihm einen Cowboytouch verleiht, tritt aus der Sattelkammer ins Freie. Es ist Herbert Eckedahl, der Stallmeister, der sie vorhin herumgeführt hat.
Er erfasst die Situation mit einem Blick, eilt herbei und stellt sich dem Pony entschlossen in den Weg. Dieses will ausweichen, doch mit einem beherzten Griff bekommt er es an der Mähne zu fassen, was das Pony ruckartig ausbremst. Schon hat er es am Zügel. Das Tier ist nicht dumm, es begreift, dass das Spiel vorbei ist und dieser Typ keinen Spaß versteht. Schnaubend hält es an. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung geht durch die Menge der Besucher. Manche applaudieren. Die Mutter reißt Klein Emma aus dem Sattel und beginnt sie zu trösten. Das Pony schüttelt seine Mähne.
Eckedahl schmunzelt und reicht die Zügel an eine Jugendliche in Reiterkluft weiter, die bis eben noch für Crêpes angestanden hat. »Julia, bring den Franz in eine leere Box. Ich kümmere mich um unser Essen.«
»Mir scheint, das Pony hat für heute Feierabend«, grinst Wanda.
»Der Lohn der bösen Tat.«
»Ponys sind nicht ohne. Mich hat mal eines gebissen, da war ich acht. Ich wollte es bloß streicheln, da hat es …«
Ein Schrei gellt über den Hof. Er kommt von der Frau in der Schürze, die vorhin das Geschirr einsammelte. Nun stürzt sie aus dem Eingang des Gutshauses ins Freie und brüllt aus Leibeskräften: »Hilfe! Ein Arzt! Wir brauchen einen Arzt! Schnell! Im Kaminzimmer!«
Sämtliche Unterhaltungen verstummen. Die Leute sehen einander an in der Hoffnung, dass sich jemand als Mediziner zu erkennen gibt. Als sich nichts tut, setzt sich Christoph in Bewegung, wobei er klarstellt, dass er lediglich Veterinär sei. Wanda folgt ihm, doch vor der Haustür, deren linker Flügel offen steht, wird sie langsamer. Der Stallmeister drängt sich an ihr vorbei, gefolgt von einem Pulk an Leuten. Wanda entschließt sich, lieber draußen zu bleiben. Schließlich wurde nach einem Arzt verlangt. Ihre Kenntnisse als Mathematikerin und Informatikerin dürften kaum gefragt sein. Sie gehört nicht zu den Leuten, die sich an Unfällen und dergleichen ergötzen, im Gegenteil. Als Tochter eines Kriminalhauptkommissars hat sie zu Hause genug true crime mitbekommen, dass es fürs Leben reicht. (Obwohl ihre Eltern fest daran glauben, ihre Tochter stets vor den Grausamkeiten, mit denen ihr Vater es im Dienst zu tun bekam, abgeschirmt zu haben.) Außerdem weiß sie, was ihr Vater von nutzlosen Gaffern hält.
Damit ist er nicht der Einzige. »Alle, die hier nichts verloren haben – RAUS!«, dringt die voluminöse Stimme von Stallmeister Eckedahl aus den Tiefen des Gebäudes bis nach draußen. Die Hilfsbereiten und Neugierigen machen prompt kehrt und strömen wieder ins Freie. Sie wirken schockiert. Christoph ist nicht unter ihnen. Rufe nach der Polizei werden laut, wahrscheinlich wählen sie nun alle gleichzeitig den Notruf.
Die Polizei? Also gibt es ein Verbrechen?
Eine Dame im bunten Sommerkleid presst ihre Hand auf den Mund und eilt in Richtung der drei Dixi-Toiletten, die dezent hinter dem Stall aufgestellt wurden. Um ein Haar rempelt sie dabei einen Mann an, der ein Bierfass heranschleppt. Es ist der Typ vom Stand mit dem Craftbeer. Wanda und Christoph haben es noch nicht gekostet, beide stehen nicht sonderlich auf Bier. Die Traube von Menschen, die sich vor dem Eingang zusammengerottet hat, scheint ihm zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt. Er stellt das Fass auf den Boden, streift sich die Arbeitshandschuhe ab und nähert sich. »Was ist denn passiert?«
»Sie ist tot!«, antwortet ein älterer Herr mit grauem Bart. Er ist einer von denen, die gerade wieder hinausgeschickt wurden. Leise fügt er hinzu: »Jemand hat sie erschlagen. Mit dem Schürhaken.«
Der junge Mann stolpert ins Haus. Anscheinend gehört er zur Familie, denn er wird nicht gleich wieder vom Stallmeister weggeschickt.
Dafür kommt nun Christoph heraus. Er ist blass und wirkt so verstört wie seine Vorgänger.
»Ich … ich konnte nichts tun«, stammelt er.
»Von wem redest du?«
»Ich muss Theo suchen.« Er macht ein paar Schritte, bleibt dann aber kurz stehen und ruft Wanda zu: »Geh auf keinen Fall da rein! Am besten, du rufst deinen Vater an.«
Anders als ihre Tochter vermutet hat, verbringen Sabine und Bodo Völxen den Sonntag nicht mit Arbeiten im Garten oder am Schafstall. Dies verdanken sie Völxens ehemaliger Mitarbeiterin Oda Kristensen. Sabine hat ihr – und noch etlichen anderen Leuten – angeboten, sich eine Kiste Äpfel der diesjährigen Ernte abzuholen.
»Passt es euch am Sonntag?«, fragte Oda nicht ganz ohne Hintergedanken.
Natürlich passe es, versicherte Sabine. Oda sei außerdem herzlich zum Mittagessen eingeladen. »Es gibt Huhn vom örtlichen Biobauern.«
Schlag zwölf erschien Oda auf dem Landsitz ihres ehemaligen Vorgesetzten. Nun sitzen sie entspannt auf der Terrasse, und Oda bewundert zum wiederholten Mal den Garten, der Sabine Völxens ganzer Stolz ist. Er sei lebendig und romantisch und nicht so fürchterlich aufgeräumt, wie die deutschen Gärten üblicherweise sind.
Sabine strahlt und verrät: »In der Nachbarschaft wird gelästert, wir hätten den unordentlichsten Garten im ganzen Dorf. Dabei steckt in dem Durcheinander System. Es nennt sich Permakultur. Der Einzige, der durch sein ständiges Buddeln alles sabotiert, ist Oscar.«
Der Terriermischling bekommt von der Anklage nichts mit. Er ist gerade dabei, sein Leben aufs Spiel zu setzen und einen liegen gebliebenen Apfel von der Schafweide zu stibitzen, misstrauisch beäugt von Amadeus, dem alten, aber durchaus wehrhaften Schafbock.
Wenig später wird das Huhn mit Kartoffeln und Pflaumen serviert, das Sabine mit einer Mischung aus Olivenöl, Honig und Kräutern aus dem Garten bepinselt hat. Die Duftwolke aus dem Bräter erreicht schließlich auch die Schafweide. Oscar bricht das Unternehmen Apfelklau augenblicklich ab und bezieht stattdessen sabbernd Stellung unter dem Tisch.
Während des Essens herrscht andächtiges Schweigen, denn das köstliche Essen verdient nichts anderes.
»Das hätten die Franzosen auch nicht besser hingekriegt«, urteilt Völxen satt und zufrieden, nachdem er zwei ordentliche Portionen zu sich genommen hat.
»Das war absolut perfekt.« Oda war nie eine talentierte Köchin, aber von gutem Essen versteht sie einiges. Ihr Ehemann Tian Tang ist ein ambitionierter Hobbykoch.
Beim Kaffee erkundigt Völxen sich bei seiner ehemaligen Kollegin, ob »der Laden« denn inzwischen gut angelaufen sei.
»Sehr gut. Bald werde ich Klienten ablehnen müssen. Ich will mich schließlich nicht überarbeiten.«
»Bloß nicht!«
»Ich bin mir meiner Privilegien sehr wohl bewusst«, räumt Oda ein.
Letztes Jahr ist Oda überraschend aus Frankreich zurückgekommen, wo sie sich eigentlich zusammen mit ihrem Ehemann in einem von ihnen aufwendig renovierten Landhaus zur Ruhe setzen wollte. Dies war auch der Grund, warum sie den Dienst in Hauptkommissar Völxens Kommissariat nach einem – wohl nie ganz ernst gemeinten – Sabbatjahr endgültig quittierte. Doch irgendwann waren die Arbeiten am Haus beendet, der Reiz des Neuen vorüber, und Oda begann sich zusehends zu langweilen. Als dann noch ihr Vater starb, ein gebürtiger Franzose, der in der Nähe ihres Landsitzes wohnte, hielt Oda nicht mehr viel in der südfranzösischen Provinz. Sie zog die Konsequenzen und kehrte zurück nach Hannover. Sie, die einst Psychologie studierte, ehe sie Polizistin wurde, eröffnete in der Südstadt eine Praxis für Psychotherapie. Das Landhaus nutzt jetzt noch Tian als festen Wohnsitz. Wenn er nicht gerade in Peking weilt, bei seiner schwerreichen Familie, oder Oda in der Südstadt besucht. Die beiden hatten immer schon ihre eigenen Vorstellungen von einer Ehe. Überhaupt ist Odas Einstellung in Liebesdingen eine sehr französische. In jüngeren Jahren war ihr Männerverschleiß legendär. Wobei Völxen wahrscheinlich nur einen Bruchteil davon mitbekam. Warum sie ausgerechnet an Tian Tang, dem chinesischen Wunderheiler, wie Völxen den Naturheilkundler im Geheimen nennt, hängen blieb, ist Völxen bis heute ein Rätsel. Vor dem Frankreich-Projekt lebte das Ehepaar auch schon in getrennten Wohnungen, aber wenigstens in derselben Stadt. Jetzt treffen sie sich in den Ferien und an langen Wochenenden. Dieses Arrangement, so Oda, würde ihrer Ehe besser bekommen als das ständige Aufeinanderhocken.
Oda hat für den Nachtisch eine Auswahl an Petit Fours mitgebracht. Die drei sind dabei, sie zu kosten und zu bewerten.
»Ich muss noch mal eines von diesen Pistaziendingern versuchen, ehe ich mir ein finales Urteil bilden kann«, erklärt der Hausherr.
Sabine hebt mahnend eine Augenbraue, doch ehe sie etwas über Kalorien, Fett und Zucker äußern kann, klingelt Völxens Handy in der Küche.
»Oje!«, stöhnt Sabine.
Seufzend wuchtet sich der Hauptkommissar in die Höhe und bewegt sich widerstrebend dem Geräusch entgegen.
»Entwarnung, es ist nur Wanda!«, ruft er nach einem Blick auf das Display den Damen auf der Terrasse zu. Mit dem Telefon am Ohr kommt er zurück an den Tisch.
Zu früh gefreut. Während er seiner Tochter zuhört, nimmt sein Gesicht einen besorgten Ausdruck an.
Sabine und Oda lauschen ungeniert und bekommen Bedenkliches zu hören.
»Mit einem Schürhaken? – Ist die Polizei schon verständigt? – Die sollen niemanden weglassen und sämtliche Personalien festhalten. – Ja, ich weiß, wo das Gut Sieben Eichen liegt. Ach, Wanda! – Du und Christoph, ihr könnt mir einen Gefallen tun. Filmt ein bisschen … – Was? Nein, natürlich nicht die Leiche! Die Besucher und die, die dort arbeiten. Es kann hilfreich sein, zu sehen, wer da war und wer wen kennt. Ich verlasse mich auf dich und deinen Kerl.«
Kaum hat er aufgelegt, fallen die beiden über ihn her.
»Gibt es einen Mord?«
»Was ist mit Wanda? Geht es ihr gut?«
»Sagtest du Schürhaken? Das wäre aber très brut.«
»Was macht unsere Tochter an einem Tatort?«
»Wer ist das Opfer, hat sie das gesagt?«
»Wo ist sie überhaupt?«
»Sagtest du eben Sieben Eichen?«
»Bodo! Nun rede endlich!« Sabine vollführt eine Geste, als würde sie sich anschicken, ihren Gatten zu würgen.
»Soll ich meine Tochter anrufen, damit sie auch dort hinkommt?«, fragt Oda.
Völxen hebt abwehrend die Hände. »Wanda geht es gut. Auf dem Gestüt Sieben Eichen ist heute Tag der offenen Tür, sie ist mit Christoph dort, er betreut deren Pferde. Es gab einen … Vorfall. Ich muss jetzt los. Und danke, Oda, aber falls es nötig sein sollte, verständige ich die Rechtsmedizin selbst.« Er verschwindet nach drinnen, nur um kurz darauf zu rufen: »Sabine! Wo ist der Autoschlüssel?«
»Was weiß denn ich? Mach die Augen auf!«
Oda ist ihm gefolgt. »Kann ich mitkommen?«
»Nein«, entgegnet Völxen. »Du bist keine Polizistin mehr.«
Oda lässt nicht locker: »Ich frage nicht nur aus kriminalistischer Neugierde …«
»Hab ihn gefunden! Er lag auf dem Brotkasten.« Sabine hält ihrem Mann den Autoschlüssel hin, aber als er danach greifen will, zieht sie ihre Hand zurück und schaut ihn eindringlich an: »Du solltest Oda lieber mitnehmen. Sie kann sich um Wanda kümmern, du wirst ja doch keine Zeit dafür haben.«
Völxen verdreht die Augen. »Wanda ist über dreißig und Polizistentochter. Sie braucht bestimmt keine ambulante psychologische Betreuung.«
»Rohling!«
»Fahr doch selbst mit«, bricht es unüberlegt aus Völxen heraus.
Das gehe leider nicht, bedauert seine Frau. Am späten Nachmittag gäben drei ihrer privaten Klarinettenschülerinnen ein Konzert in der Kirche in Wennigsen. Ohne ihre Lehrerin würden die lieben Kleinen am Ende kläglich versagen oder noch vor ihrem Auftritt die Flucht antreten.
»Rabenmutter!«
In Wirklichkeit ist er erleichtert. »Ich nehme lieber Tadden mit. Einen richtigen Polizisten«, fügt er mit einem Seitenblick auf Oda hinzu.
»Das kannst du vergessen«, sagt Sabine. »Der Friesenjunge macht eine Radtour durch den Harz.«
Seit sein Mitarbeiter Joris Tadden dieses alberne Tiny House, in dem er wie ein Einsiedlerkrebs in seiner Schale lebt, ausgerechnet auf das Grundstück des Hühnerbarons gestellt hat, ist Sabine erstaunlich gut im Bilde über dessen Freizeitaktivitäten. Völxen greift erneut zu seinem Telefon und verschickt eine Nachricht an seine Mitarbeiter. Er hofft, dass, wer kann, auch kommen wird. Wenn sie nicht gerade in der Wildnis herumradeln, so wie Tadden.
»Ich fahre mit und kümmere mich um Wanda, versprochen, Sabine«, verkündet Oda, die lachende Dritte der Auseinandersetzung.
»Danke.« Sabine reicht ihr demonstrativ die Autoschlüssel.
»Und unterwegs sammeln wir noch den Pfarrer auf«, lästert Völxen. »Deine Tricks waren auch schon mal subtiler, Oda.«
Sie hebt die Hände. »Wozu sich unnötig anstrengen?«
Eigentlich, realisiert der Hauptkommissar, war von vornherein klar, wie die Sache ausgehen würde. Es ist schon eine Herausforderung, es auch nur mit einer von ihnen aufzunehmen. Wenn sie sich zusammenrotten, hat man keine Chance.
»Kann es sein, Völxen, dass tief in deinem schwarzen Herzen noch immer ein versteckter Groll über meine Kündigung vor sich hin schwelt?«, fragt Oda, die auf dem Beifahrersitz des betagten VW-Golf Platz genommen hat.
»Würde dich das wundern?«
Immerhin war Oda zwanzig Jahre lang seine engste Vertraute unter den Mitarbeitern des Kommissariats für Tötungsdelikte. Sieht man von der Sekretärin Frau Cebulla einmal ab. Und ja, es ist, wie Oda es sagt. Tief im Innern ist er enttäuscht und auch ein wenig gekränkt. Inzwischen hat er sich mit den Tatsachen abgefunden und ist froh, dass sie ihre schicke Domaine verlassen hat und wieder in Hannover lebt. Nur ab und an schimmert der Frust, sie als Kollegin verloren zu haben, unterschwellig durch, so wie eben gerade. »Nenn mich einen Egoisten, aber ich finde, dass du dein kriminalistisches Talent vergeudest, indem du den Wehwehchen deiner Klientel nachspürst.«
»Autsch!«
»Ist doch wahr«, grummelt Völxen.
Danach herrscht für ein paar Minuten Schweigen.
»Woher kennst du das Gut Sieben Eichen?«, will Oda wissen, als sie sich der Landeshauptstadt nähern. An einem Sonntag kann man es wagen, den kürzesten Weg durch die Stadt zu nehmen, um in die nördliche Peripherie zu gelangen.
»Der Gutsherr Gustav von Rath hatte vor knapp einem Jahr einen schweren Unfall. An einem Nachmittag im Oktober ritt er aus wie üblich. Doch das Pferd kam ohne ihn nach Hause. Man fand ihn mit einer schweren Kopfverletzung auf einem Waldweg. Er trug – wie meistens – keinen Reithelm.«
»Was gab es dabei zu ermitteln?«
»Ob es tatsächlich ein Unfall war. Seine beiden erwachsenen Kinder aus erster Ehe meldeten Zweifel an. Sie sind nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen, aber es wurde doch ziemlich bald klar, dass sie ihre Stiefmutter Greta von Rath des Mordversuchs beschuldigten. Vielmehr hofften sie, dass wir das tun.«
»War sie bei dem Ausritt dabei?«
»Nein, und sie hatte ein hieb- und stichfestes Alibi.«
»Immer verdächtig, zu gute Alibis«, grinst Oda.
»Das dachten sich ihre Stiefkinder wohl auch, und nachdem sie auf die sanfte Tour nicht weiterkamen, beschuldigten sie Greta von Rath als Auftragsmörderin, Giftmischerin und was weiß ich noch alles. Wir haben seinerzeit gründlich ermittelt, doch es ergab sich beim besten Willen kein hinreichender Verdacht auf eine Straftat, von einem Beweis gar nicht erst zu reden.«
»Aber hundertprozentig ausschließen konntet ihr Fremdverschulden auch nicht?«
Völxen seufzt. Oda hat die Schwachstelle sofort erkannt.
»Natürlich könnte jemand im Gebüsch gelauert und das Pferd erschreckt haben. Es könnte ein Hund vor das Pferd gelaufen sein, und dessen Besitzer meldet sich nicht aus Furcht vor Regressforderungen. Vielleicht war es auch der böse Wolf! Im Fuhrberger Wald soll es ja einige geben. Tatsache ist: Niemand war in der Nähe, niemand hat etwas Auffälliges bemerkt. Es war ein Unfall. Das Tragische an dem Geschehen ist, dass Gustav von Rath noch immer nicht – wie soll ich sagen? – richtig tot ist.«
»Das habe ich mitbekommen.«
»Sieh an, die viel beschäftigte Therapeutin hat Zeit, die Klatschpresse zu lesen.«
»Hin und wieder beim Friseur.« Oda fährt durch ihr hellblondes Haar, das ihre eisblauen Gletscheraugen extragut zur Geltung bringt. Im Dienst trug sie es meistens zu einem strengen Knoten gebunden, heute darf es locker bis auf die Schultern hängen.
»Dann bist du ja im Bilde. Seine Kinder wollen ihn unbedingt künstlich am Leben erhalten, angeblich in der Hoffnung, er würde wieder erwachen und genesen. Seine Frau möchte, dass die Geräte abgestellt werden und ihr Mann endlich in Würde sterben darf. Darüber streiten sie mit Anwälten und Gutachtern. Offenbar ist es gar nicht so leicht festzustellen, wann ein Mensch endgültig tot ist.« Völxen zieht schaudernd die Schultern hoch. »Wenn du mich fragst, geht es bei alledem weder um Hoffnung noch um Würde, sondern einzig und allein ums Erbe.«
Oda schweigt und starrt aus dem Fenster.
Völxen kennt dieses Schweigen. »Was?«, fragt er schließlich.
»Vielleicht geht es auch um Trauer.«
Völxen wirft ihr einen fragenden Blick zu.
»Die Kinder waren noch jung, als ihre richtige Mutter starb. Ein Autounfall, nicht wahr?«
»Du bist wirklich gut informiert.« Völxen wirft ihr einen argwöhnischen Seitenblick zu.
»Familiendramen sind ein gefundenes Fressen für eine Psychologin.«
Völxen denkt nach. »Theo, dürfte neun oder zehn gewesen sein, als die leibliche Mutter starb. Seine Schwester Melissa ist drei Jahre jünger.«
»Wie viel Zeit verging zwischen dem Tod der ersten Frau und dem Beginn seines Techtelmechtels mit der Nachfolgerin?«, fragt Oda.
»Nicht viel. Bei der Eheschließung war das Trauerjahr gerade mal vorbei.«
»Ein schweres Erbe für die Nummer zwei. Vermutlich haben die Geschwister sich über die Jahre in ihrem gegenseitigen Destruktionstrieb bestärkt. Selbstverständlich gönnen sie der Person, die sich in ihr Leben drängte, als sie gerade einen verheerenden Verlust erleiden mussten, weder das Erbe noch sonst irgendetwas.«
»Du meinst, sie benutzen den Zustand ihres Vaters, um ihrer Stiefmutter eins auszuwischen.«
»Vielleicht ist auch alles ganz anders. Im Grunde versteht niemand eine Familie wirklich, außer den Mitgliedern selbst.«
Völxen antwortet auf diese Weisheit mit einem Grunzen.
»Und wer hat nun wen umgebracht?«, will Oda wissen.
»Du zuerst.«
»Zuerst was? Spielen wir Mordopfer raten? Sind wir im Kindergarten?«
Das war es nicht, worauf Völxen hinauswollte. »Du hast vorhin den Eindruck erweckt, als würde dir das Gut Sieben Eichen etwas sagen.«
»Ich beziehe mein Wissen lediglich aus den Klatschzeitungen.«
Völxen glaubt ihr kein Wort. Nach so vielen Dienstjahren hat er ein Gespür für Lügen und Ausflüchte. Seine grauen Borsten von Augenbrauen nähern sich einander gefährlich an. »Ich sollte anhalten und dich rauswerfen!«, knurrt er. »Ach was, wozu anhalten?«
»Erbarmen!«, fleht Oda theatralisch und fügt hinzu: »Außerdem habe ich Sabine versprochen, mich um euer traumatisiertes Töchterlein zu kümmern.«
Völxen winkt entnervt ab.
»Nimm es wie ein Mann, Völxen«, lacht Oda. »Sag mir lieber, wer das Mordopfer ist.«
»Tja, tut mir leid. Du weißt ja: Diskretion, Berufsethos …«
»Kindskopf!« Oda wird wieder ernst. »Es ist doch Greta, oder?«
In ihrer Stimme schwingt etwas mit. Verunsicherung? Besorgnis?
»Wer könnte es sonst sein?«, entgegnet Völxen.
»Keine Ahnung. Schließlich bin ich keine Polizistin mehr.«
»Du sagst es.«
Etwas treibt sie um. Völxen kennt Oda lange und gut genug, um zu wissen, wann sie nicht mit offenen Karten spielt. Er wird schon noch aus ihr herauskriegen, was sie vor ihm verbirgt.
Beide schweigen, während sie die Stadt hinter sich lassen und über plattes Land in Richtung Norden fahren. Oda vertreibt sich die Zeit, indem sie sich die Webseite des Guts betrachtet – nicht zum ersten Mal.
»Ein hübsches Geschöpf, diese Greta von Rath. Und sie sieht wirklich keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Wie alt ist sie im wahren Leben?«
Völxen schmollt und schweigt.
»Und erst der Patriarch hoch zu Ross! Hach, dieser strenge Blick, diese gebieterische Haltung! Ein wahrer Herrenreiter. Ich wette, ihm war nicht nur seine Gattin zu Willen, sondern auch die Dienstmägde, der Stallbursche und der Golden Retriever!«
Jetzt muss Völxen doch lachen. »Du bist unmöglich.«
Aber er registriert Odas innere Anspannung, die sich unter anderem darin äußert, dass sie schon mal vorsorglich ihren Tabak auspackt und sich eine Zigarette dreht.
Hauptkommissar Erwin Raukel lehnt sich zurück und atmet die klare, frische Landluft ein. Er befindet sich auf dem bescheidenen Landsitz von Charlotte Engelhorst in der Wedemark. Bis vor drei Jahren war seine Teilzeit-Lebensgefährtin noch eine umtriebige Gartenbloggerin mit bemerkenswerter Reichweite im Netz und häufiger Präsenz in den Medien. Da war hier alles tipptopp in Schuss und vorzeigbar. Widrige Umstände ließen diese Erwerbsquelle versiegen, was dem Garten nicht bekam. Raukel stört das kein bisschen, und selbst wenn – er wäre der Letzte, der Hand an einen Spaten legen würde. Er ist ein Stadtmensch durch und durch. Niemals würde er seine zentrumsnahe Wohnung in der Calenberger Neustadt aufgeben. Oder diese gar mit Charlotte teilen. No way! Die Wochenenden hingegen verbringt der Bonvivant inzwischen gern bei Charlotte im leicht verlotterten Grünen bei guter Küche und sonstigen Zuwendungen. Soeben haben die beiden ein sehr spätes Frühstück im schattigen Wintergarten genossen, denn im Freien ist es schon zu warm. Ohnehin gehört Raukel nicht zu den notorischen Frischluftfanatikern, und er hasst Insekten. Jetzt, im September, lauern da draußen Scharen von Wespen, die nur darauf warten, über ihn und sein Essen herzufallen.
Charlotte greift zu ihrem Handy und checkt ihre Nachrichten. Dem Ermittler an ihrer Seite ist nicht entgangen, dass sie das seit gestern häufiger als sonst tut. Er kennt auch den Grund dafür. Nachdem sie ihren gärtnerischen Videoblog aufgegeben hatte, musste etwas Neues her, um ihre überschüssigen Energien zu kanalisieren, denn ihr Tick mit Kräutern und gesunder Ernährung füllte sie auf die Dauer nicht aus. Irgendwer, wahrscheinlich sie selbst, flüsterte ihr ein, sie verfüge über ein gewisses Schreibtalent. Da Charlotte in ihrer Vergangenheit auch über eine gewisse kriminelle Energie verfügte, lag es nahe, diese Fähigkeiten zu bündeln. Sie werde einen Kriminalroman schreiben, verkündete sie vor einigen Monaten.
Raukel war skeptisch. Er hoffe nur, bemerkte er, dass der Roman nicht allzu autobiografisch ausfallen werde. Zudem sei das Schreiben eines Romans eine einsame Tätigkeit und damit nicht unbedingt geeignet für die extrovertierte Charlotte. Doch er musste sich eines Besseren belehren lassen. Heutzutage sei man als Autorin nicht mehr auf sich allein gestellt, klärte sie ihn auf. Es existierten Schreibgruppen, die einander ermutigten, bestärkten, in Krisen aufmunterten und das Schaffen durch konstruktive Kritik voranbrachten. Einer solchen schloss Charlotte sich an, noch ehe sie das erste Wort geschrieben hatte. Die sechs Teilnehmerinnen und der einzige Mann trafen sich alle zwei Wochen reihum bei einem der Gruppenmitglieder zu Hause. Raukel war gespannt, was passieren würde, sollte sich jemand aus der Deckung wagen und konstruktive Kritik an Charlottes Werk üben. Da wäre was los! Erstaunlicherweise kamen jedoch keine Klagen. Es schien recht harmonisch zuzugehen.
Bis jetzt.
Vor zwei Wochen hatte eine Frau ihr fertiges Manuskript Charlotte anvertraut. Sie sei ihre erste und bisher einzige Probeleserin, sagte sie und bat um ein aufrichtiges Feedback. Charlotte fühlte sich geschmeichelt und stürzte sich sogleich darauf. Sie hatte das Manuskript innerhalb weniger Tage durch. Mit ihrem Feedback ließ sie sich Zeit, denn was sie wirklich darüber dachte, konnte sie der Verfasserin unmöglich schreiben. Am Freitag verschickte sie schließlich eine E-Mail, in der sie das Manuskript als interessant und sehr berührend lobte. Sie habe nur wenige Anmerkungen, über die man am kommenden Montag sprechen könne, nach dem Treffen der Schreibgruppe. Es würde dieses Mal ohnehin bei Charlotte stattfinden. Es kam – nichts. Keine Antwort, keine Dankesworte für Charlottes Mühe. Nicht am Freitag, nicht gestern und heute …
»Immer noch nichts von deiner Autorenkollegin?«, fragt Raukel.
»Nein. Ich verstehe das nicht. Ein winziges Zeichen hätte sie doch wenigstens von sich geben können, und sei es nur anstandshalber.«
»Nicht jeder überprüft alle fünf Minuten seinen E-Mail-Posteingang.«
»Mag sein, doch innerhalb von zwei Tagen kann man eine Antwort erwarten, im digitalen Zeitalter. Das gehört sich einfach. Immerhin musste ich fast dreihundert Druckseiten durchackern.«
Raukel verdreht die Augen. »Warum rufst du sie nicht an oder schickst ihr eine Chatnachricht?«
»Ich?«, ruft Charlotte schrill. Sie streicht sich ihre blondierte Mähne aus dem Gesicht, und ihre blaugrünen Augen blitzen vor Entrüstung. »Warum soll ich ihr hinterherlaufen? Ich habe ihr einen Gefallen getan, und zwar einen großen.«
»Warum hast du dich überhaupt dazu bereit erklärt?«
»Weil ich viel zu gutmütig bin.«
Er verkneift sich einen Kommentar und fragt: »Und? Wie ist der Roman?«
»Grauenhaft!« Sie verzieht das Gesicht. »Eine düstere Geschichte der Sorte schlimme Frauenschicksale.«
»Du Tapfere!« Raukel setzt eine betroffene Miene auf und tätschelt ihr die Hand.
»Ich befürchte, dass die Geschichte in weiten Teilen wahr ist. Erste Romane enthalten meistens viel Autobiografisches«, doziert Charlotte.
»Vielleicht hat sie sich umgebracht, nun, da ihre düsteren Memoiren fertig sind.«
»O Gott!«, erschrickt Charlotte. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«
»Das war ein Witz«, stellt Raukel klar.
»Ein ausgesprochen geschmackloser! Aber du könntest recht haben.«
»Jetzt bleib mal auf dem Teppich! Es kann viele Gründe haben, warum sie nichts von sich hören lässt. Vielleicht ist mit der Mail etwas schiefgegangen. Manchmal landet etwas im Spam-Ordner. Oder es ist was mit ihrem Handy.«
»Kann sein.« Charlottes Stimmungslage pendelt zwischen Beleidigtsein und Besorgnis. »Morgen ist ja unser Treffen. Dann kann ich sie fragen.«
»Na also! Vielleicht kommt sie mit einem riesigen Blumenstrauß als Dankeschön und spart sich deshalb eine schnöde E-Mail.«
»Hm.«
Ein Handy piept. Charlotte schöpft Hoffnung, doch der Laut kam von Raukels Apparat. Dieser stöhnt auf. »Der Schafstrottel. Er ruft seine Meute zum Einsatz.«
»An einem Sonntagnachmittag?«
»Das Verbrechen schläft nie.«
Die Nachricht lässt einen gewissen Spielraum, sodass er auch eine Ausrede vorschieben könnte. Andererseits nervt ihn Charlotte mit ihrer gekränkten Warterei. Da ist es vielleicht gar nicht schlecht, etwas Diensteifer zu zeigen.
»Wo musst du denn hin?«
