Du oder die große Liebe - Simone Elkeles - E-Book

Du oder die große Liebe E-Book

Simone Elkeles

4,8
7,99 €

Beschreibung

Der krönende Abschluss der süchtig machenden Bestellertrilogie!

Eigentlich wollte Luis Fuentes sich auf der Hochzeit von seinem Bruder Alex mit dessen Freundin Brittany nur mit den Mädchen amüsieren – aber dann trifft er Nikki und verliebt sich postwendend in sie. Doch das Letzte, was Nikki will, ist, sich nach dem Fiasko mit Marco auf einen weiteren Latino-Macho einzulassen – und so gibt sie Luis einen Korb. Blöd nur, dass der überaus attraktive Luis ihr seit ihrem ersten Treffen partout nicht mehr aus dem Kopf geht! Noch blöder allerdings, dass Luis gerade, als die Sache zwischen ihm und Nikki ernst wird, in die Fänge der gefährlichen Latino Blood Gang gerät ...

Romantisch, sexy, voll emotionaler Wucht erzählt garantiert Simone Elkeles absolute Suchtgefahr - wer einmal anfängt, hört unter Garantie nicht mehr auf!

Alle Bände der "Du oder…"-Trilogie:
Du oder das ganze Leben (Band 1)
Du oder der Rest der Welt (Band 2)
Du oder die große Liebe (Band 3)

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Seitenzahl: 438

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Simone Elkeles

Du oder die große Liebe

Aus dem amerikanischen Englisch von Katrin Weingran

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Chain Reaction« bei Walker Publishing Company, New York

Deutsche Erstausgabe Mai 2012

© 2011 für den Originaltext Simone Elkeles

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe cbt,in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Übersetzung: Katrin Weingran

Lektorat: Kerstin Kipker

Covergestaltung: Kopp

st · Herstellung: AnG

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-07710-5V003

www.cbt-jugendbuch.de

Für meine Agentin Kristin Nelson und meine Lektorin Emily Easton – weil ihr an mich glaubt und mich unendlich unterstützt habt.

1

Luis

Der jüngste von dreien zu sein, hat zweifellos seine Vorteile. Ich habe hautnah miterlebt, wie meine Brüder sich während ihrer Highschool-Zeit die Sorte Schwierigkeiten eingehandelt haben, die einen Kopf und Kragen kosten können. Was mich angeht, rechnet niemand damit, dass ich jemals in ihre Fußstapfen trete. Ich bin in der Schule top, prügle mich nicht rum und weiß, seit ich elf bin, was ich mal werden will. Jeder kennt mich als den guten Jungen in mi familia – keiner würde erwarten, dass ich je vom rechten Weg abkomme.

Meine Freunde wissen, was meine Familie nicht ahnt: dass auch ich eine verrückte, rebellische Ader in mir habe. Ich kann nichts dagegen machen. Ich bin ein Fuentes, und ein Rebell zu sein, ist tief in meinen Genen verwurzelt. Der Junge, der ich in den Augen meiner Familie bin, ist nicht zwingend identisch mit dem, der wirklich in mir steckt – aber ich habe vor, das für mich zu behalten. Ich habe mir geschworen, mich durch nichts von meinem größten Ziel abbringen zu lassen, aufs College zu gehen und Raumfahrt zu studieren, aber ab und zu ein kleines sportliches Risiko einzugehen, verschafft mir den Adrenalinrausch, nach dem ich süchtig bin.

Ich stehe mit vier meiner Freunde am Fuße einer Steinformation im Boulder Canyon. Jack Reyerson hat die Kletterausrüstung mitgebracht, aber ich will keinen Gurt anziehen. Ich nehme eines der Seile und befestige es mit einem Karabiner an meiner Gürtelschlaufe, damit ich es für den Rest der Gruppe im Fels verankern kann, wenn ich den Gipfel erreicht habe.

»Es ist nicht sicher, ohne Ausrüstung zu klettern, Luis«, sagt Brooke. »Aber das weißt du eh, oder?«

»Yep«, sage ich.

Ich starte einen ungesicherten Alleinaufstieg und bewege mich Stück für Stück die Felsformation hoch. Das hier ist nicht der erste Alleingang, den ich im Boulder Canyon unternehme, und ich habe genug Erfahrung, um zu wissen, was zum Teufel ich hier tue. Ich sage nicht, dass es kein Risiko ist – nur dass es ein kalkulierbares ist.

»Du bist verrückt, Luis«, ruft Jamie Bloomfield von unten, als ich noch höher klettere. »Wenn du abstürzt, bist du tot!«

»Ich möchte, dass alle hier wissen, dass keinesfalls ich die Verantwortung dafür übernehme, wenn du dir die Knochen brichst«, sagt Jack. »Ich hätte dich einen Haftungsverzicht unterschreiben lassen sollen.«

Jacks Vater ist Anwalt, daher hat er die nervige Angewohnheit, bei so ziemlich allem, was wir tun, die Verantwortung weit von sich zu weisen.

Ich sage ihnen nicht, dass Klettern ohne Sicherheitsgeschirr der reinste Adrenalinkick ist. Es löst in mir das Verlangen aus, mich noch härter zu pushen und bis an meine Grenzen zu gehen. Jamie hat mich einen Adrenalinjunkie genannt, nachdem ich im Winterurlaub in Vail letztes Jahr mit dem Snowboard die schwarze Piste runter bin. Ich habe ihr nicht erzählt, dass es mir ebenfalls einen Kick verpasst hat, mit dem Mädchen rumzumachen, das ich am selben Abend in der Lobby kennengelernt hatte. Macht mich das zum Junkie?

Als ich auf halber Höhe zum Gipfel bin, halte ich inne – meinen Fuß habe ich in eine schmale Felsspalte geschoben und auch meine Hand hat einen festen Halt. Es ist hoch genug, um einen Blick nach unten zu riskieren, damit ich sehe, worauf ich vielleicht krache, wenn ich abrutsche.

»Guck nicht nach unten!«, ruft Jack panisch. »Dir wird sonst noch schwindelig und du stürzt ab.«

»… und stirbst!«, fügt Jamie hinzu.

Dios mío. Meine Freunde sollten echt mal chillen. Sie sind weiß, und ich bin von einer mexikanischen Familie mit lauter Kerlen großgezogen worden, die Herausforderungen lieben und ein Leben auf der Überholspur führen. Und auch wenn von mir erwartet wird, der eine Fuentes-Bruder zu sein, der klug genug ist, keinerlei Risiken einzugehen, fühle ich mich am lebendigsten, wenn ich genau das tue.

Der Gipfel ist zum Greifen nah. Ich richte den Blick in die Ferne und betrachte die Landschaft aus der Vogelperspektive. Es ist verflucht atemberaubend. Früher habe ich in Illinois gelebt, wo die Landschaft, mal abgesehen von den Wolkenkratzern, komplett flach war. Der Blick über die Colorado Berge weckt in mir Ehrfurcht für die Natur. Mit dem Wind im Rücken und der Sonne hoch am Himmel, fühle ich mich unbesiegbar.

Ich greife mit meiner linken Hand nach oben und klammere mich an einem Vorsprung fest, der ungefähr drei Meter vom Gipfel entfernt ist. Ich habe es fast geschafft. Als ich den Fels nach einer Stelle absuche, wohin ich meinen Fuß setzen kann, fühle ich, wie sich etwas Scharfes in meine Hand bohrt.

Oh, verdammt. Gar nicht gut.

Ich bin gerade von etwas gebissen worden.

Instinktiv platziere ich meinen Fuß, während ich blitzschnell die Hand zurückziehe und einen Blick darauf werfe. Auf dem Handrücken sind zwei kleine runde Bissmale zu sehen, aus denen Blut strömt.

»Hör auf, dir die Eier zu kraulen, damit wir es noch vor Sonnenuntergang bis nach oben schaffen, Luis!«, brüllt Eli Movitz von unten.

»Ich habe keine guten Nachrichten, Leute«, rufe ich zu ihnen runter, als über mir eine Schlange ganz kurz ihren Kopf vorstreckt und schnell wieder zurückzieht, »aber ich bin gerade von einer Schlange gebissen worden.«

Ich habe keinen genauen Blick auf das Miststück werfen können, das offensichtlich wieder Schutz in einer Felsspalte gesucht hat, daher habe ich keine Ahnung, ob sie giftig ist oder nicht. Scheiße. Ich gucke nach unten zu meinen Freunden und die Höhe lässt mich fast augenblicklich schwindeln. So war das nicht geplant. Mein Herz rast wie verrückt, und ich kneife die Augen zu, weil ich hoffe, dass ich die Erde so dazu bringen kann, sich nicht länger zu drehen.

»Verfluchte Scheiße, Mann!«, schreit Eli zu mir rauf. »War es eine Klapperschlange?«

»Ich hab keine Ahnung.«

»Wie hat sie ausgesehen?«, ruft Jamie mir zu. »War sie gestreift?«

»Ich habe nur kurz ihren Kopf gesehen und werde ganz bestimmt nicht weiter raufklettern, um sie mir genauer anzugucken«, entgegne ich und überlege, ob ich mich besser seitlich bewege und die letzten drei Meter des Anstiegs hinter mich bringe oder den Abstieg wagen soll.

Ich bin ein Zahlentyp, also grüble ich sofort darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, diese Aktion zu überleben. Meine Hand pocht wie die Hölle, aber sie ist nicht taub. Wenn ich gerade eine Riesenladung Gift abbekommen hätte, wäre mein Körper inzwischen bestimmt komplett taub und steif.

»Ich hab genau gewusst, dass Luis kein Free Solo hätte hinlegen dürfen«, tönt Jacks Stimme von unten. »Ich hab’s gewusst! Keiner hat auf mich gehört, und jetzt hängt er da oben fest, während sich das Gift wahrscheinlich gerade in seinem ganzen Körper ausbreitet.«

»Halt das Maul, Jack!«, brülle ich. »Schlangen haben keine beschissenen Beine, also woher hätte ich wissen sollen, dass sich eine drei Meter unterhalb des Gipfels in dem verdammten Fels versteckt?«

»Fühlst du dich, äh, normal?«, fragt Brooke.

»Eine Schlange hat gerade mit ihren Fängen meine Haut durchbohrt, Brooke«, sage ich, während ich mir langsam einen Weg nach unten suche. Kann sein, dass ich mir das einbilde, aber ich glaube, ich verliere allmählich das Gefühl in meiner Hand. »Natürlich fühle ich mich nicht normal.«

»Holt einen Ranger mit dem Antiserum!«, ruft Jack dem Rest zu. Wir bräuchten ein Auto, um einen aufzutreiben. Da von uns noch keiner den Führerschein hat, sind wir im Arsch. Oder doch nicht, in Wahrheit bin ich der Einzige hier, der im Arsch ist.

Das ganze Geblubber von Antiserum und Klapperschlangen vernebelt mir das Hirn und ich verliere den Halt.

Mein Fuß rutscht ab. Dann beginnt meine Hand, diejenige ohne die Bissmale, plötzlich zu schwitzen, und ich kann mich nicht länger halten. Ich rutsche an der Oberfläche des Felsens entlang und höre das entsetzte Keuchen und die Schreie meiner Freunde unter mir, während ich verzweifelt versuche, einen festen Halt für Füße oder Hände zu finden. Doch es gelingt mir nicht.

Als ich zu Boden krache, ist mein einziger Gedanke: Ich bin noch nicht bereit zu sterben.

2

Nikki

»Ich liebe dich, Marco.«

Da! Ich hab es gesagt. Aber ich habe meinem Freund dabei nicht in die tiefbraunen Augen sehen können, weil es nicht die komplette Wahrheit ist. Ich hatte gehofft, es wäre einfacher, ein Gespräch mit den Worten Ich liebe dich zu beginnen als mit dem Satz Ich bin vielleicht schwanger. Es war feige, ihm nicht in die Augen zu sehen und gleich alles zu erzählen, aber diese drei Worte sind ein Anfang. Ich fühle mich verwundbarer, als ich mich je im Leben gefühlt habe.

Verwundbar liegt mir nicht besonders.

Ich atme langsam aus und fasse den Mut, dem Jungen in die Augen zu schauen, mit dem ich seit einem Jahr zusammen bin. Wir haben vor einem Monat unsere Jungfräulichkeit aneinander verloren, als seine Eltern seine Großmutter in Mexiko besucht haben.

Ich schiebe den Gedanken beiseite und konzentriere mich ganz auf Marco. Okay, ich habe dir gesagt, dass ich dich liebe. Jetzt bist du dran, es zu erwidern, so wie du es mir ins Ohr geflüstert hast, als wir uns das erste Mal liebten. Dann werde ich dir erzählen, dass meine Periode diesen Monat überfällig ist und ich dabei bin, den Verstand zu verlieren. Und dann wirst du mir sagen, dass alles gut wird und wir das gemeinsam durchstehen werden.

Er lächelt. Mehr oder weniger. Ein Mundwinkel ist nach oben gezogen, als sei er amüsiert. Ich hatte nicht auf amüsiert abgezielt. Ich hatte mir eher tiefe Zuneigung und Hingabe erhofft – Zeichen dafür, dass es richtig ist, ihm mein Geheimnis anzuvertrauen. Ich blicke auf den Michigan See hinaus und wünsche mir, wir wären nicht hier draußen, und ich bete, dass nicht plötzlich jemand von unserer Schule auftaucht. Ich schlinge die Arme um den Oberkörper. Noch ist es nicht besonders warm in Illinois, und der Wind, der vom See her weht, lässt mich zittern. Oder vielleicht ist es auch die Aufregung.

»Ich erwarte nicht, dass du es auch sagst«, behaupte ich, um das Schweigen zu brechen, selbst wenn es eine fette Lüge ist. Natürlich erwarte ich von Marco, dass er die Worte erwidert. Ich möchte sie nicht bloß zu besonderen Gelegenheiten hören oder wenn wir miteinander schlafen.

Das erste Mal hat er sie nach dem Homecoming-Ball letzten September gesagt. Dann an Silvester. Und am Valentinstag. Und an meinem Geburtstag. Ich liege so oft nachts allein in meinem Bett und stelle mir vor, dass unsere Liebe ewig währen wird.

Wir haben nicht dieselben Freunde, weil wir in unterschiedlichen Gegenden von Fairfield leben, aber das hat noch nie eine Rolle gespielt. Wir haben dafür gesorgt, dass es funktioniert. Nach der Schule gehen wir normalerweise zu mir und … sind einfach zusammen.

Und jetzt bekommen wir vielleicht ein Baby. Wie wird er auf die Neuigkeit reagieren?

Heute ist der letzte Tag unseres ersten Highschool-Jahres, der letzte Schultag vor den Sommerferien. Marco hat vorgeschlagen, zum Strand zu gehen, als ich ihm sagte, dass wir reden müssten.

Ich hielt das für eine gute Idee. Der Strand ist unser besonderer Ort.

Hier am Strand haben wir uns letzten Sommer zum ersten Mal geküsst. Er hat mich hier in der zweiten Schulwoche gefragt, ob ich seine feste Freundin sein will. Im Januar haben wir an diesem Strand an einem verschneiten Tag Schneeengel gemacht. Wir kommen hierher, um unsere Geheimnisse miteinander zu teilen, so wie einmal, als er mir erzählt hat, wo Gangmitglieder über die ganze Stadt verteilt ihre Waffen verstecken, damit die Polizei sie nicht damit erwischt. Marco hat sein Leben lang Typen gekannt, die bis zum Hals drin-stecken.

Er weicht einen Schritt von mir zurück, und ich bekomme auf der Stelle Gänsehaut, als wüsste mein Körper, dass außer dem Wind, der vom See her weht, noch etwas anderes im Anflug ist. Er fährt mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar. Dann seufzt er. Zweimal.

»Ich finde, wir sollten uns auch wieder mit anderen treffen«, murmelt er.

Ich neige meinen Kopf zur Seite. Offensichtlich habe ich ihn nicht richtig verstanden.

Es gibt ein paar Sätze, die ein Mädchen zu hören erwartet, nachdem sie ihrem Freund ihre Liebe erklärt hat. Mir fallen auf Anhieb etliche ein, aber Ich finde, wir sollten uns auch wieder mit anderen treffen gehört nicht dazu.

Ich bin sprachlos. Und ich kann nicht aufhören zu zittern, weil mir durch den Kopf schießt, wie es sein wird, ohne ihn an meiner Seite schwanger zu sein, ohne dass er lächelt und sagt, dass alles gut werden wird.

»W-w-warum?«

»Du hast immer gesagt, du würdest nicht mit einem Gangmitglied gehen – und ich werde bald eins sein.«

»Na klar würde ich nicht mit einem Gangmitglied gehen«, platze ich heraus. »Vor zwei Tagen erst hast du mir gesagt, du würdest niemals in die Gang einsteigen, Marco. Es war kurz bevor wir uns geliebt haben, erinnerst du dich?«

Er zuckt zusammen. »Ich habe viele Dinge gesagt, die ich wahrscheinlich besser nicht gesagt hätte. Und könntest du bitte aufhören, von Liebe machen zu reden … jedes Mal wenn du es so nennst, komme ich mir vor wie ein Stück Scheiße.«

»Wie soll ich es denn sonst nennen?«

»Sex.«

»Einfach nur Sex, hm?«

Er verdreht die Augen, und ich spüre, wie sich als Antwort mein Magen hebt. »Siehst du, jetzt sorgst du mit Absicht dafür, dass ich mir wie ein Stück Scheiße vorkomme.«

»Ich mache es nicht mit Absicht.«

Er öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, besinnt sich aber anscheinend eines Besseren, weil er ihn wieder schließt.

Ich halte den Blick forschend auf sein Gesicht gerichtet, hoffe, dass er sagen wird: Ich habe nur Spaß gemacht! Natürlich würde ich mich immer für dich entscheiden und nicht für die Latino Blood. Aber das tut er nicht. Mein Herz fühlt sich an, als würde es jemand mit einem Meißel bearbeiten und Stück für Stück zertrümmern.

»Wir sind einfach … so verschieden.«

»Nein, sind wir nicht. Wir passen perfekt zusammen. Wir gehen auf dieselbe Schule, haben jede Menge Spaß zusammen … wir sind beide Mexikaner.«

Er lacht. »Du sprichst nicht ein Wort Spanisch, Nikki. Meine Eltern und Freunde reden über dich, während du im selben Raum bist, und du hast keinen Schimmer. Du bist alles, aber keine echte Mexikanerin.«

Will er mich verarschen?

Meine Eltern sind in Mexiko geboren, genau wie der Rest meiner Vorfahren. Niemand würde sie für etwas anderes als Latinos halten. Spanisch ist ihre Muttersprache. Meine Eltern sind nach ihrer Heirat in die USA gekommen. Danach hat mein Dad Medizin studiert und seinen Facharzt am Chicago Memorial gemacht.

»Die Gang macht aus dir keinen besseren Mexikaner, Marco. Lass nicht zu, dass dir die Gang wichtiger ist als deine Beziehung.«

Er peitscht mit dem Fuß Sand in die Luft. »No hablas pinche espanol.«

»Ich hab nicht verstanden, was du gesagt hast. Könntest du es bitte übersetzen?«

Er wirft genervt die Hände in die Luft. »Das ist genau, was ich meine. Um ehrlich zu sein, ich hänge jetzt schon seit einer Weile mit der Latino Blood ab.«

Wie kann er so etwas sagen? In dem schwachen Versuch, das Baby, das vielleicht in mir wächst, zu schützen, lege ich eine Hand auf meinen Bauch. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen sich mit Tränen füllen. Ich weiß, ich sehe verzweifelt und mitleiderregend aus, während sie meine Wangen hinunterströmen. Alles, was ich – wie ich dachte – mit Marco hatte, löst sich in diesem Moment vor meinen Augen in Nichts auf. Ich fühle mich einsamer als je zuvor.

»Ich kann das einfach nicht glauben«, flüstere ich.

Ich sollte ihm mein Geheimnis erzählen. Vielleicht würde er seine Meinung ändern, wenn er wüsste, dass wir womöglich ein Baby bekommen. Aber was ist, wenn ich nicht schwanger bin und das Unvermeidliche damit nur hinauszögere?

»Ich will nur nicht, dass du mich blöd anmachst, weil ich ein Blood bin«, stößt er hervor. »Alle meine Freunde sind dabei.«

Mein Blick fällt auf meine Fingernägel. Ich habe sie gestern Abend lackiert und mitten auf jeden Nagel ein rotes Herz gemalt. Auf die Daumennägel habe ich die Initialen MD in die kleinen Herzen geschrieben – Marco Delgado. Ich dachte, er würde sich darüber freuen. Offenbar hatte ich Wahnvorstellungen. Ich verberge meine Daumen schnell in meinen Fäusten.

»Es tut mir leid«, sagt er und reibt meine Schulter wie Eltern, die ihr Kind trösten. »Weine nicht. Wir können doch Freunde bleiben … sogar Freunde mit gewissen Vorzügen.«

»Ich will nicht mit dir befreundet sein und ab und zu mit dir in die Kiste hüpfen, Marco. Ich will deine feste Freundin sein.« Mein gesamtes Mittagessen droht mir hochzukommen.

Was gibt die Gang ihm, das ich ihm nicht geben kann?

Er schweigt und verpasst dem Sand einen weiteren Tritt.

Meine Hände fallen kraftlos herunter, als mir klar wird, dass ich das hier nicht in Ordnung bringen kann. Er sieht mich anders an, so als wäre ich irgendeins der vielen Mädchen auf unserer Schule und nicht das Mädchen seiner Träume oder die zukünftige Mutter seiner Kinder.

Im nächsten Moment zieht er sein Handy aus der Hosentasche und wirft einen Blick auf die Zeit. »Ähm … wegen heute Abend.«

»Die Party im Malnatti’s?« Es ist die offiziell inoffizielle Pizzaparty für die Schüler der Fairfield High zum Schuljahresabschluss. Sie stellen vor dem Restaurant ein großes Zelt auf und haben einen DJ und eine All-you-can-eat-Pizzaparty von sechs bis elf. Im Anschluss hängen die meisten Schüler auf der Wiese hinter dem Footballfeld der Schule rum, bis die Polizei kommt und die Party auflöst.

»Genau«, sagt er. »Falls du jemanden kennst, der sich mit Stoff eindecken will, sag mir Bescheid.«

»Du verkaufst Drogen?«, frage ich ihn.

Er zuckt mit den Achseln. »Es bringt Geld.«

»Dreckiges Geld, Marco. Und es ist illegal. Du könntest verhaftet werden und im Gefängnis landen.«

»Ich brauche keine verdammte Moralpredigt von dir.«

Er guckt wieder auf sein Handy. Wartet er darauf, dass jemand ihn anruft oder ihm simst? Ich habe das Gefühl, als hätte ich bereits alles verloren, was wir je hatten.

Die lautlosen Tränen, die mein Gesicht hinunterlaufen, sind ein Hinweis darauf, dass mit mir keineswegs alles okay ist, aber das scheint ihn nicht zu kümmern. Ich wische sie ab und verfluche mich dafür, so schwach zu sein.

Ich kann damit umgehen. Ich bin ein großes Mädchen, das keinen Typen braucht, der ihm sagt, was es zu tun hat. Offensichtlich ist das hier mein Problem, und zwar mein Problem allein. Falls ich schwanger sein sollte, wird er draufkommen, wenn er meinen Bauch zu einem Ballon anschwellen sieht. Er wird wissen, dass es seins ist. Wenn er dann beschließt, zu uns zu stehen und sein Leben in Ordnung zu bringen, können wir reden.

Ich hebe den Blick und schenke Marco ein kleines Lächeln. »Ich will dich nicht kontrollieren. Ich wollte nie das Mädchen sein, das dich von etwas abhält.«

»Aber das hast du … das hast du wirklich. Ich kann so nicht weitermachen.«

Ich schätze, in Wahrheit bin ich gar nicht so stark. Unsere Beziehung hat tatsächlich definiert, wer ich bin, und mir hat das gefallen. Ich kann nicht glauben, dass er mich nicht mehr in seinem Leben haben will. Es ergibt keinen Sinn.

Er bekommt eine SMS, aber ich kann nicht erkennen, von wem. Er antwortet sofort. »Kommst du allein nach Haus?«, fragt er mich. Seine Finger fliegen ohne innezuhalten über die Tasten.

»Ich schätze schon.«

»Cool.« Er beugt sich runter und küsst mich auf die Wange. »Meine Freunde dachten, du würdest komplett loco werden und mich fertigmachen. Sie dachten, du schlägst mich oder so.«

Gar keine schlechte Idee. Aber nein, ich könnte ihn nicht schlagen.

Bevor ich meinen Mund öffnen kann, um ihn zu bitten, zu mir zurückzukommen, und damit womöglich auch noch mein letztes bisschen Würde verliere, dreht er sich um und geht. Und dann ist er einfach weg. Aus den Augen, aber ganz sicher nicht aus dem Sinn.

Er hat die Gang mir vorgezogen.

Mein Atem kommt stoßweise. Ich gucke auf den See hinaus und möchte hineinspringen – weit weg schwimmen und so tun, als sei das gerade nicht passiert. Verzweiflung bricht über mich herein wie die Wellen, die die Fußabdrücke vom Strand spülen, und ich beginne, unkontrolliert zu zittern. Meine Knie knicken unter mir weg, ich falle in den Sand und spüre, wie meine heißen Tränen aufs Neue zu fließen beginnen. Dieses Mal wische ich sie nicht ab. Ich breche zusammen und weine, während ich mir jeden einzelnen Moment ins Gedächtnis rufe, den Marco und ich zusammen erlebt haben, und ich bete, dass meine Periode einfach nur überfällig ist und ich nicht wirklich schwanger bin.

Schwanger mit fünfzehn war nie der Plan.

3

Luis

Ich schätze, mein Geheimnis ist keins mehr. Wenn die verdammte Schlange nicht gewesen wäre, wäre ich auch nicht von dem Felsen gefallen, und mi’amá säße nicht in diesem Krankenhauszimmer und würde mir nicht immer wieder drohende Blicke zuwerfen, die sich in etwa mit Was hast du größenwahnsinniger Idiot dir nur dabei gedacht? übersetzen lassen.

Wie sich herausstellte, habe ich doch kein Gift in meinem Körper. Einer der Fangzähne der Schlange hat einen Nerv in meiner Hand getroffen und sie ist deswegen taub geworden. Nachdem ich abgestürzt war, hat Brooke in Panik ihren Vater angerufen. Er hat uns abgeholt und mich ins Krankenhaus gebracht. Den Schlangenbiss zu überleben, war der leichte Teil. Wieder und wieder von mi’amá zusammengestaucht zu werden, ist dagegen die reinste Folter.

Während meines Absturzes habe ich mir die Beine übel am Felsen zerschrammt. Ich sollte dankbar sein, dass ich es irgendwann geschafft habe, mich mit meiner guten Hand an einem hervorstehenden Felsstück festzuklammern, auch wenn ich mir dabei die Haut vom Handgelenk bis zur Handfläche aufgerissen habe und beinah hätte genäht werden müssen. Am Ende hat der Arzt entschieden, dass die Schnitte nicht tief genug seien, und stattdessen eine Krankenschwester angewiesen, mich zu bandagieren.

Mi’amá verschränkt die Arme vor der Brust und beobachtet, wie ich mein Krankenhausbett so einstelle, dass ich nicht mehr flach auf dem Rücken liegen muss. »Du hast mich halb zu Tode erschreckt, Luis. Wer hat dich auf die Idee gebracht, einen Berg ohne Sicherheitsausrüstung zu besteigen?«

»Niemand.«

»Das war ausgesprochen dumm«, sagt sie und stellt damit das Offensichtliche fest, während sie zusieht, wie die Schwester meine Hand bandagiert.

»Ich weiß.«

Ich werfe einen Blick zu meinem Bruder Alex, der am Fenster lehnt und mich mustert. Er schüttelt den Kopf. Wahrscheinlich fragt er sich, womit er zwei jüngere Brüder verdient hat, denen es in die Wiege gelegt wurde, waghalsige, bescheuerte Dinge zu tun. Papá starb, bevor ich geboren wurde, deswegen ist Alex seit seinem sechsten Lebensjahr der älteste Mann in unserer kleinen Familie. Inzwischen ist er zweiundzwanzig.

Alex hat meinen Respekt. Immer hat er versucht, uns aus allem Ärger rauszuhalten. Carlos war von Anfang an ein hoffnungsloser Fall. Mi’amá meint, er sei schon schreiend und um sich tretend auf die Welt gekommen und habe nicht damit aufgehört, bis er ein Teenager war. Dann hat er die ganze aufgestaute Energie benutzt, um sich mit jedem zu prügeln, der dumm genug war, sich mit ihm anzulegen.

Alex war zwanzig, als mi’amá Carlos zu ihm geschickt hat, damit sein großer Bruder ihm die Flausen austreiben konnte.

Jetzt ist Carlos beim Militär, und Alex steht kurz davor, Brittany Ellis zu heiraten, das Mädchen, mit dem er seit der Highschool zusammen ist.

Eine Krankenschwester steckt ihren Kopf ins Zimmer. »Mrs Fuentes, wir bräuchten ein paar Unterschriften von Ihnen.«

Kaum hat mi’amá den Raum verlassen, schlendert Alex zu mir rüber. »Du hast verfluchtes Glück gehabt. Falls ich je herausfinden sollte, dass du wieder ein Free Solo hingelegt hast, werde ich dir höchstpersönlich den Arsch versohlen. Hast du mich verstanden?«

»Ich konnte nichts dafür, Alex.«

»Verflucht«, sagt er und legt die Hand über die Augen, als hätte er mörderische Kopfschmerzen. »Du klingst genau wie Carlos.«

»Ich bin nicht Carlos«, entgegne ich.

»Dann verhalt dich auch nicht so wie er. Ich heirate in zwei Wochen. In zwei Wochen, Luis. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist, dass einer meiner Brüder von einer verdammten Klippe stürzt und sich umbringt.«

»Technisch gesehen war es keine Klippe«, erläutere ich ihm. »Und die Wahrscheinlichkeit, bei einem Aufstieg von einer Schlange gebissen zu werden …«

»Jetzt mach mal halblang«, sagt er und schneidet mir das Wort ab. »Ich brauch keine Statistiken, Luis. Ich brauche meinen Bruder auf meiner Hochzeit.«

Fünf Mädchen – Brooke, Jamie und drei ihrer Freundinnen – erscheinen im Türrahmen. Sie haben alle Ballons dabei, auf denen Gute Besserung! steht. Ich lache kurz auf, als mein Bruder der Mädchenparade einen schockierten Blick zuwirft. Doch die Mädels binden davon unbeeindruckt ihre Ballons an den Handlauf meines Bettes.

»Wie fühlst du dich?«, fragt Brooke.

»Beschissen«, sage ich und hebe meine zwei bandagierten Hände – die eine mit dem Schlangenbiss und die andere, die vom Fels aufgerissen wurde.

»Wir sind gekommen, um dafür zu sorgen, dass du dich wieder besser fühlst«, sagt Jamie.

Ich grinse breit und fühle mich auf der Stelle besser. Jetzt da ich weiß, dass ich nicht sterben werde, ist alles gut. »Was hattet ihr Mädels euch da so vorgestellt?«

Ich glaube, ich höre meinen Bruder schnauben, als er zurücktritt und die Mädchen mein Bett umringen.

»Möchtest du eine Rückenmassage?«, fragt Angelica Muŋoz mit einem flirtenden Trällern in der Stimme.

»Ich habe ein paar Plätzchen aus der Pearl Street Mall Bäckerei besorgt«, sagt Brooke. »Ich kann dich füttern, du kannst ja deine Hände nicht benutzen.«

»Das soll ja wohl ein Scherz sein«, brummt Alex hinter ihr.

Angelica stellt sich hinter mich und beginnt, meinen Rücken zu massieren, während Brooke mir eins der Plätzchen mit Schokoladenstückchen, die sie mitgebracht hat, in den Mund schiebt.

Meine zukünftige Schwägerin kommt ins Zimmer. Ihre hochhackigen Stiefel klackern auf dem Krankenhausboden, und ihr langer blonder Pferdeschwanz, der ihr bis auf den Rücken fällt, wippt dazu im Takt. Sie wirft einen Blick auf meinen Fanclub und schüttelt verwirrt den Kopf.

»Was ist hier los?«, sagt sie zu Alex.

»Frag nicht«, erwidert Alex und geht ihr entgegen.

Sie wendet sich mir zu: »Alex hat mich voller Panik angerufen und erzählt, du hättest einen Unfall gehabt.«

Ich halte wieder meine zwei bandagierten Hände hoch. »Hatte ich ja auch. Es tut höllisch weh, aber der Doc sagt, ich werd’s überleben.«

»Zweifellos«, sagt sie. »Aber ich glaube nicht, dass es ein glückliches Ende nehmen wird, wenn deine Mutter ins Zimmer kommt und ihren fünfzehnjährigen Sohn, umringt von seinem persönlichen Harem, vorfindet. Du kennst ihren Beschützerinstinkt, Luis.«

»Wenn sie wie meine Mom ist, wird sie ausflippen«, sagt Angelica und fügt, an die anderen Mädchen gewandt, hinzu: »Vielleicht sollten wir lieber gehen.«

Mit Angelica habe ich ein paar Mal auf Partys rumgeknutscht. Sie hat auch mexikanische Eltern, daher weiß sie, wovon Brittany spricht. Die anderen Mädchen dagegen haben keine Ahnung, wie gluckenhaft mexikanische Mütter sein können.

Ich verspreche den Mädchen, ihnen zu simsen, wenn ich meine Hände wieder gebrauchen kann, und sie gehen, kurz bevor mi’amá zurück ins Zimmer kommt.

»Von wem sind die Ballons?«, fragt sie. »Von diesen Mädchen, denen ich im Flur begegnet bin?«

»Ja«, sage ich. »Nur ein paar Freundinnen aus der Schule.« Es gibt keinen Grund, ins Detail zu gehen und ihr zu erzählen, dass ich mit drei von den fünfen an irgendeinem Punkt schon was laufen hatte. Damit würde ich mir bloß eine weitere Moralpredigt einhandeln, was ich unter allen Umständen vermeiden will.

Der Doc entlässt mich eine halbe Stunde später, nachdem er mi’amá Anweisungen gegeben hat, wie meine Wunden zu Hause zu versorgen sind.

»Du bist nicht unbesiegbar«, sagt Alex zu mir, als Brittany und mi’amá das Zimmer verlassen haben. »Niemand von uns ist das. Denk daran.«

»Schon klar.«

Er bohrt einen Finger in meine Brust und stellt sich mir in den Weg. »Hör mir zu, Luis, weil ich nur zu gut weiß, was in deinem Kopf vorgegangen ist, als du beschlossen hast, diesen Felsen zu besteigen, ohne gesichert zu sein. Du brauchst den Kick und willst dir und allen beweisen, dass du auf die Gefahr scheißt. Ich habe einen Bruder beim Militär, einen besten Freund, der seit über vier Jahren tot und begraben ist, und ich werde mich nicht entspannt zurücklehnen, während mein kleiner Bruder la tengo dura davon bekommt, mit der Gefahr zu flirten.«

»Du nimmst das Leben viel zu ernst«, sage ich und schiebe mich an ihm vorbei. »Ich bin nicht mehr dein kleines Brüderchen, Alex. Ich bin nicht mehr so unschuldig, wie du glaubst. Ich bin fast sechzehn. Und weißt du was? Brooke, das Mädchen, das mir vorhin die Plätzchen mitgebracht hat, ist ebenfalls nicht die Unschuld in Person. Willst du wissen, wie ich das rausgekriegt habe?«

Ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen, als Alex sich die Hände auf die Ohren presst, als wären es Ohrenschützer.

»Sag’s mir nicht«, meint er. »Du bist verdammt noch mal zu jung dafür, Brüderchen. Und ich schwöre dir: Falls du ein Mädchen schwängerst, wirst du mehr als nur zwei bandagierte Hände haben, um die du dich kümmern musst.«

4

Nikki

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Jedes Mal wenn mein Telefon klingelt und ich sehe, dass es nicht Marco ist, drücke ich das Gespräch weg. Jedes Mal wenn ich eine SMS von einem meiner Freunde bekomme, ignoriere ich sie.

Ich weiß nicht, wie lang ich schon weinend am Strand sitze, aber das ist mir egal. Ich bitte mein Baby, mir Kraft zu geben, aber ich fühle mich schwächer als je zuvor.

Bis ich eine vertraute Stimme höre. »Nik!«

Ich hebe den Kopf. Es ist Kendall. Kendall und ich sind beste Freundinnen, seit wir am Fototag im Kindergarten das gleiche Kleid anhatten und allen erzählten, wir wären Zwillinge. Wir blieben dabei, selbst als Miss Trudy sagte, dass Lügen den wesentlichen Grundsätzen der Einrichtung widerspräche. Damals, als wir vier waren, verstanden wir nicht, was sie mit wesentlichen Grundsätzen meinte, aber da Miss Trudy ihre strengste Stimme benutzte, wussten wir, dass wir in Schwierigkeiten steckten.

Bevor ich etwas sagen kann, kniet sie vor mir. »Ich hab’s gehört.«

Sie hat vielleicht von der Trennung gehört, aber sie hat keinen Schimmer, dass ich schwanger sein könnte. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. »Ich kann es einfach nicht glauben.«

»Ich weiß.« Sie setzt sich neben mich.

»Die Gang war ihm wichtiger als ich.« Ich sehe meine beste Freundin an, die helles Haar und haselnussbraune Augen hat – das genaue Gegenteil von mir. »Er hat gesagt, ich wäre ihm nicht mexikanisch genug.«

Kendall schüttelt den Kopf und schnaubt. »Er ist ein Idiot.«

Ich schniefe ein paar Mal, dann mache ich den Versuch, mir die Tränen abzuwischen. »Wie hast du mich gefunden?«

Sie windet sich. »Ich habe versucht, dich anzurufen und per SMS zu erreichen, aber du hast nicht geantwortet. Deswegen habe ich Marco geschrieben und ihn gefragt, wo du bist. Er hat es mir verraten.«

»Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe. Darauf hat er gemeint, er will auch wieder andere treffen. Dann hat er gesagt, er hänge schon die ganze Zeit mit den Blood-Leuten rum und dass wir Freunde bleiben könnten. Freunde mit gewissen Vorzügen, Kendall. Kannst du das glauben? Als könnte ich meine Gefühle einfach abdrehen wie einen Wasserhahn.«

Allein die Worte Freunde und Vorzüge in einem Satz auszusprechen, lässt mich zusammenzucken.

Kendall seufzt. »Ich weiß, im Moment scheint es dir undenkbar, aber du wirst jemand anderen kennenlernen.«

»Ich packe das nicht ohne ihn.«

»Was packen?«, fragt sie verwirrt.

Ich blicke zu ihr hoch, zu der einen Freundin, der ich mehr vertraue als irgendjemand sonst. »Ich bin vielleicht … schwanger.«

Ihr schockierter Blick, in den sich eine überwältigende Menge Mitgefühl mischt, reicht aus, dass ich schon wieder losheule.

Sie legt ihre Hände rechts und links an mein Gesicht und zwingt mich, sie anzusehen. »Es wird alles gut werden, Nikki. Ich bin für dich da. Das weißt du, oder?«

Ich nicke. Ich wünschte nur, diese Worte wären aus Marcos Mund gekommen.

»Wie überfällig bist du?«, fragt sie.

»Anderthalb Wochen.«

»Hast du schon einen Schwangerschaftstest gemacht?«

Ich schüttle den Kopf. Ich war davon ausgegangen, Marco und ich würden zusammen einen besorgen, sobald ich es ihm erzählt hätte. Ein paar Vororte weiter, wo niemand uns kennt.

Kendall drängt mich aufzustehen. »Zuerst besorge ich dir einen Test. Dann finden wir es raus. Hör zu, es ist, wie es ist, und du kannst nichts daran ändern. Lass es uns rausfinden, damit wir es mit Sicherheit wissen. Okay?«

Ich bin mir im Moment gar nicht sicher, ob ich es wissen will. Unwissenheit ist ein Segen, oder?

Ich sage kein Wort, während Kendall mit mir zu einem Drogeriemarkt fährt und mich dann zu sich nach Hause mitnimmt. Ich sitze auf dem Badewannenrand und kaue nervös an meinen Fingernägeln, als sie mir die Anweisungen vorliest und mir den Stab reicht, auf den ich pinkeln soll, um herauszufinden, ob ich Marcos Baby in mir trage.

Ich gucke den Stab an. »Ich kann nicht«, eröffne ich Kendall. »Es ist nur … ich muss Marco unbedingt noch mal sehen. Ich muss von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden, bevor ich das hier tun kann. Er wird im Malnatti’s sein. Wenn ich es schaffe, ihn von der Party loszueisen und mit ihm zu reden, finden wir vielleicht eine Lösung.«

»Ich … ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«

»Ich muss ihn heute Abend sehen, Kendall.« Ich gucke auf den Schwangerschaftstest in meiner Hand. »Ich kann das hier nicht ohne ihn tun.«

Ich weiß, ich klinge verzweifelt. Ich muss einfach herausfinden, ob es in meiner Macht steht, seine Meinung über die Latino Blood … und mich … und das Drogendealen zu ändern.

Kendall steht auf. »Bist du sicher, dass du heute Abend mit ihm reden willst?«

»Ja.« Ich habe ihm so viel zu sagen und war vorhin zu überrumpelt, um es zu tun. Wenn er erfährt, wie viel er mir wahrhaft bedeutet, muss er einfach seine Meinung ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mädchen ihn mehr lieben könnte als ich. Ich stecke den Schwangerschaftstest zurück in die Schachtel und stopfe ihn in meine Handtasche.

»Also schön, dann wollen wir dich mal zurechtmachen«, sagt Kendall, bringt mich in ihr Zimmer und durchforstet ihren Kleiderschrank nach etwas zum Anziehen für mich. »Ich denke zwar, Marco jetzt treffen zu wollen, ist eine abartige Idee, aber wenn du fest entschlossen bist, werde ich dich nicht davon abhalten. Als Erstes sorge ich dafür, dass du so heiß aussiehst, dass Marco sich bei deinem Anblick in die Hose macht.«

Schließlich entscheidet sich Kendall für eine hautenge Jeans und ein Designertop, das ihre Mom ausrangiert und ihr geschenkt hat. Auf der Party angekommen, hole ich tief Luft und stolziere mit Kendall an meiner Seite erhobenen Hauptes durch das große weiße Zelt vor dem Malnatti’s.

Mein Blick gleitet suchend über den Hauptbereich. Es scheint, als wäre die gesamte Schule hier, um den Beginn der Sommerferien zu feiern.

Musik läuft.

Ein paar Leute essen.

Ein paar Leute tanzen.

Ich suche das Zelt nach dem vertrauten Gesicht ab, das mein Herz jedes Mal rasen lässt, wenn mein Blick darauf fällt.

Endlich entdecke ich ihn … wie er in einer Ecke mit Mariana Castillo rumknutscht. Sie ist eine von den toughen, hübschen Latino-Blood-Mädels, von denen sich die meisten anderen Mädchen an der Fairfield fernhalten. Er küsst sie auf die vertraute Art, die ich nur zu gut kenne. Und erforscht ihren Hintern mit den Händen, die vor zwei Tagen noch meinen nackten Körper berührt haben.

Nein.

Ich schließe die Augen und wünsche mir, das Bild möge sich in Luft auflösen. Aber das tut es nicht.

Ich öffne die Augen, und jetzt bemerke ich, dass die meisten Freshmen und Sophomores mich anstarren. Ich bekomme mitleidige Blicke von den Northside-Mädchen, aber mir fällt auf, dass die meisten Latina-Mädchen von der Southside miteinander flüstern und lachen. Sie freuen sich diebisch, weil Marco seine reiche Freundin von der Northside abserviert hat.

Ich mache Kendall ein Zeichen, mir nicht zu folgen, drehe mich um und renne aus dem Zelt. Ich bleibe nicht stehen, bis ich zwanzig Minuten später zu Hause ankomme. Keuchend flitze ich die Treppe hinauf und schließe mich in meinem Zimmer ein. Ich komme mir wie eine Vollidiotin vor.

Ich ziehe den Schwangerschaftstest aus dem Reißverschlussfach meiner Handtasche und packe das Stäbchen aus. Dann atme ich tief durch. Jetzt ist er da. Der Moment der Wahrheit.

Ich schleiche mich ins Badezimmer, dankbar dafür, dass der Rest der Familie im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt.

Nachdem ich den Anweisungen gefolgt bin, halte ich das Stäbchen in meiner Hand und warte ungeduldig auf das Testergebnis. Während ich das kleine Plastikfenster anstarre, das mir mein Schicksal offenbaren wird, schießen mir drei Dinge durch den Kopf, die Marco mich heute gelehrt hat: Jungs lügen dir mitten ins Gesicht, nur um dich ins Bett zu kriegen; du kannst keinem Jungen vertrauen, der dir ich liebe dich sagt; und geh niemals mit einem Jungen von der Southside.

5

Luis

Zwei Wochen nach meinem Showdown mit der Schlange stehe ich in einem Smoking auf der Hochzeit meines Bruders. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal erlebe, wie Alex heiratet. Aber andererseits hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal nach Illinois zurückkehren würde. Dieses Mal jedoch wohnen wir in einem gemieteten Haus auf der Sheridan Road in Winnetka. Es ist weniger als eine Viertelstunde von der Southside von Fairfield entfernt, wo wir früher gewohnt haben, aber es kommt mir wie eine völlig andere Welt vor.

»¿Estás nervioso?«, frage ich Alex, während ich zusehe, wie er versucht, seine Fliege zu richten.

»Estoy bien, Luis. Nur dieses verdammte Ding will einfach nicht richtig sitzen«, knurrt Alex. Dann zieht er die Stoffbänder unter seinem knisternden weißen Hemdkragen hervor, pfeffert sie auf den Boden und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Er seufzt schwer und wirft mir einen Blick zu. »Wie zum Teufel hast du es geschafft, deine zu binden, ohne dass es aussieht, als hätte ein kleines Kind es gemacht?«

Ich ziehe ein gefaltetes Papier aus der hinteren Hosentasche meiner geliehenen Smokinghose, wobei ich den Schmerz in meiner immer noch wunden Hand ignoriere. »Ich habe mir die Anleitung aus dem Internet geholt und ausgedruckt«, verkünde ich stolz und halte ihm das Blatt Papier hin.

»Du bist so ein Streber, Luis«, mischt mein anderer Bruder Carlos sich ein, während er mit großen Schritten quer durch das Zimmer auf mich zukommt und mir das Blatt aus der Hand reißt.

Carlos musste sich keine Gedanken darum machen, einen Smoking zu leihen, weil er seine Ausgehuniform von der Armee trägt. So gerade und aufrecht wie er in der Uniform dasteht, weiß ich, dass er stolz darauf ist, zu dienen anstatt noch in der Gang zu sein, in der er war, als er mit mir und Mamá in Mexiko gelebt hat.

»Hier«, sagt Carlos, hebt die Fliege auf und drückt sie und die Anleitung in Alex’ leere Hand. »Du solltest deine Braut besser nicht vor dem Altar warten lassen. Sie könnte sich sonst überlegen, dich sitzen zu lassen, um lieber einen Typen mit viel Aktienkapital zu heiraten.«

»Machst du dich über mich lustig?«, sagt Alex und schubst Carlos weg, als der über den durchsichtigen Plastikbehälter mit der ordentlich darin verpackten roten Rose zum Anstecken lacht.

Carlos nickt. »Estoy tratando. Seit ich vor neun Monaten eingezogen worden bin, hatte ich keine Gelegenheit mehr, dich so richtig zu verarschen, Alex. No puedo parar.«

Gerade als ich Alex anbieten will, seine Fliege für ihn zu binden, betritt mi’amá das Zimmer.

»Was macht ihr Jungs da?«, fragt sie, als wären wir noch immer kleine Kinder, die Unfug treiben.

»Streiten«, sagt Carlos nüchtern.

»Dafür ist jetzt keine Zeit.«

Carlos küsst sie auf die Wange. »Zum Streiten ist immer genug Zeit, wenn man ein Fuentes ist.«

Sie funkelt ihn aufgebracht an, dann wirft sie einen Blick zur Decke. »Dios mío ayúdame.«

Sie schnappt sich Alex’ Fliege und schlingt sie um seinen Hals. Als sei sie ein Profi, hat sie die Fliege in weniger als dreißig Sekunden gebunden.

»Danke, Ma«, sagt Alex.

Als sie fertig ist, hebt sie den Blick zu Alex und umfängt sein Gesicht mit ihren Händen. »Mein ältester hijo heiratet. Dein Vater wäre so stolz auf dich, Alejandro. Erst der Collegeabschluss und jetzt die Hochzeit. Nur … vergiss niemals, wo du herkommst. ¿Me entiendes?«

»Das werd ich nicht«, versichert er ihr.

Mi’amá steckt ihm seine Knopflochblume ans Revers, dann tritt sie einen Schritt zurück und sieht uns alle drei an. Sie presst die Hand auf ihr Herz und ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Meine Jungs sind so erwachsen geworden.«

»Nicht weinen, Ma«, sagt Alex zu ihr.

»Mach ich nicht«, lügt sie, während ihr eine Träne aus dem Augenwinkel rinnt und ihre Wange hinunterkullert. Sie wischt sie schnell ab, dann nimmt sie sich zusammen und eilt auf die Tür zu. »Carlos und Luis, es ist Zeit, sich aufzustellen.« Sie wirft Alex einen Blick zu. »Zieh dich fertig an, Alejandro. Gleich ist es so weit.«

Sie schließt die Tür und lässt uns allein.

Ich beobachte, wie Alex zum Fenster hinübergeht, von dem aus man auf den Lake Michigan blickt. Die am Privatstrand aufgereihten Stühle sind alle schon besetzt und die Gäste erwarten den großen Auftritt von ihm und seiner Braut.

»Ich kann das nicht«, sagt er.

Ich mache einen Schritt auf ihn zu, weil ich hoffe, irgendeinen Hinweis darauf zu entdecken, dass er scherzt.

Tut er nicht.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Wand. »Ähm, Alex, dir ist schon klar, dass die Hochzeit in zehn Minuten stattfindet, oder?«, frage ich.

»Ich regle das«, sagt Carlos und übernimmt das Ruder. Er legt seine Hände auf Alex’ Schultern. »Hast du Brittany betrogen?«

Alex schüttelt den Kopf.

»Liebst du eine andere?«

Erneutes Kopfschütteln.

Carlos kreuzt die Arme vor der Brust. »Dann wirst du es durchziehen. Ich habe nicht Ausgang bekommen und bin den ganzen Weg nach Chicago geflogen, nur damit du jetzt alles abbläst. Und außerdem liebst du die gringa und hast ihr dein Wort gegeben, sie zu heiraten, sobald ihr beide den Collegeabschluss in der Tasche habt. Es ist beschlossene Sache. Kneifen kommt nicht infrage.«

»Was hast du getan, Alex?«, frage ich vollkommen verwirrt.

Er seufzt schwer. »Ich habe ihr nicht erzählt, dass wir Ende des Sommers zurück nach Chicago ziehen.«

Unsere gesamte Familie lebt seit fast drei Jahren in Colorado. Hierher zurückzukehren wird Brittany ganz und gar nicht gefallen. »Was meinst du damit, ihr zieht zurück nach Chicago?«

»Es ist eine lange Geschichte. Brits Eltern übergeben dem Staat von Illinois das Sorgerecht für ihre Tochter Shelley. Sie ist einundzwanzig und der Staat wird ihre Pflegekosten übernehmen. Was heißt, dass Shelley Sunny Acres verlassen muss und hierher verpflanzt wird. Brit weiß das noch nicht. Sie weiß auch nicht, dass mir ein Postgraduiertenplatz an der Northwestern angeboten wurde. Und ich ihn angenommen habe.«

»Und du hast ihr nichts davon erzählt?«, fragt Carlos. »Oh, Mann, du bist so was von im Arsch.«

Alex reibt sich den Nacken und scheint immer kleiner in seinem Smoking zu werden. »Irgendwie habe ich ihr erst gar nicht erzählt, dass ich mich an der Northwestern beworben habe. Sie glaubt, wir bleiben nach der Hochzeit in Boulder.«

Ich weiß sehr genau, dass die Zukünftige meines Bruders nicht zurück nach Illinois will. Ich habe sie über ihre Angst sprechen hören, an den Ort zurückzukommen, wo Alex angeschossen und fast zu Tode geprügelt wurde, weil er aus der Latino Blood aussteigen wollte. Er hat ihr gesagt, es sei jetzt sicher in Chicago für ihn, weil die Gang sich in verschiedene Gruppen zersplittert hat und der neue Kopf der Gang, Chuy Soto, im Knast ist. Wir alle haben Brittany versichert, dass Alex keine Zielscheibe auf seinem Rücken trägt, aber sie ist nach wie vor skeptisch.

Ich weiß, es hat Alex viel Mühe gekostet, Brittany davon zu überzeugen, die Hochzeit hier zu feiern. Ich glaube, sie hat nur aus dem Grund zugestimmt, weil sie hoffte, ihre Eltern würden dann an der Zeremonie teilnehmen – auch wenn sie meinen Bruder hassen.

Sie hassen ihn, weil er Mexikaner ist.

Und arm.

Und weil er in einer Gang war.

Zwei von den drei Kriterien erfüllt er immer noch, was ihn zu einer inakzeptablen Partie für ihre Tochter macht. Sie kommt aus einer reichen, weißen und hochnäsigen Familie. Ich muss jedoch Mr Ellis, ihren Dad, etwas in Schutz nehmen. Er hat immerhin versucht, Alex kennenzulernen. Als er vor einiger Zeit in Boulder zu Besuch war, hat er Alex zum Golfspielen eingeladen. Das war eine dämliche Idee. Mein Bruder ist nicht der Golf-Typ. Ein Blick auf seine alten Gangtattoos hätte Mr Ellis das eigentlich verraten sollen.

Brittanys Eltern sind noch nicht aufgetaucht. Bis jetzt zumindest. Brittany hofft, ihre Eltern an ihrer Seite zu haben, wenn sie den Gang hinunterschreitet, aber Plan B ist, am Arm von Dr. Westford, dem Vater von Carlos’ Freundin, zum Altar zu schreiten. So oder so, mein Bruder wird am Ende des Ganges auf sie warten.

Alex geht Richtung Tür. »Versprecht mir nur eins. Falls sie mich heute Nacht aus dem Zimmer schmeißt, lasst mich bei einem von euch pennen.«

»Sorry«, sagt Carlos. »Ich habe Kiara seit neun Monaten nicht gesehen. Ich werde mein Hotelzimmer mit niemandem außer ihr teilen. Außerdem wird deine jungfräuliche Braut doch sicher wollen, dass du die Ehe vollziehst.«

Alex verdreht die Augen. Ich bin ziemlich sicher, dass sie ihre Beziehung schon vor Jahren vollzogen haben. Und genauso sicher bin ich, dass Carlos diese Tatsache bekannt ist.

»Du musst es ihr sagen«, ermahne ich ihn. »Und zwar vor der Hochzeit.«

»Dafür ist keine Zeit«, mischt Carlos sich ein. Die Sache scheint ihn prächtig zu amüsieren. »Echt schick, deine Ehe auf Lügen und Verrat aufzubauen. Du bist ein leuchtendes Vorbild, Brüderchen.« Er klopft Alex auf die Schulter.

»Cállate, Carlos. Ich werd’s ihr sagen.«

»Vor oder nach der Hochzeit?«, frage ich.

Durch das offene Fenster schweben Harfentöne in den Raum.

Wir drei sehen uns an.

Wir wissen, unsere Familie wird nie wieder dieselbe sein.

»Also schön, Jungs, es ist so weit«, sagt Alex und öffnet die Tür. Er hält plötzlich inne und senkt den Kopf. Seine Augenlider sind zusammengepresst. »Ich wünschte, Paco wäre hier«, murmelt er.

Paco war Alex’ bester Freund. Er ist gestorben, als Alex und er in der Highschool waren. Mein Bruder hat das nie verwunden.

»Ich auch«, sage ich und spüre, wie Wut in mir aufsteigt, während ich mich an diesen Menschen erinnere, den wir ehrenhalber wie einen Fuentes behandelt haben.

»Ja«, sagt Carlos. »Aber er ist hier. Du weißt, dass er zusieht.«

Alex nickt, dann richtet er sich zu voller Größe auf. Wenn Paco nicht gewesen wäre, stünde Alex heute nicht hier. Er läge ebenfalls in einem Sarg.

Meinen Brüdern ist nicht klar, dass ich weiß, wie Paco gestorben ist. Hector Martinez, der Kopf der Latino Blood, hat ihn erschossen. Hector hat auch meinen Vater getötet und Alex niedergeschossen. Hector war der Feind. Wenn er nicht tot wäre, wäre mein Leben komplett anders verlaufen, denn ich hätte es der Rache verschrieben.

Zum Zeitpunkt von Papás Tod war Alex sechs und mi’amá schwanger mit mir. Ich war elf, als ich herausfand, wer Papá erschossen hatte.

Allein der Gedanke an Hector Martinez kann mich völlig rasend machen. Ich hole tief Luft und folge Alex und Carlos an den Strand. Wir stehen in Gegenwart der übrigen Hochzeitsgesellschaft neben dem Priester und für einen Moment vergesse ich die Vergangenheit.

»Alex, hast du die arras?«, fragt Carlos ihn.

Die arras sind dreizehn Goldmünzen, die Alex Brittany als Zeichen dafür überreichen wird, dass er seinen Glauben und sein Vertrauen in sie setzt. Sie sind von meinen Großeltern an meine Eltern weitergegeben worden, was gut ist, weil mein Bruder sich die Münzen sonst auf keinen Fall hätte leisten können. Alex und Brittany feiern keine traditionelle mexikanische Hochzeit, weil Brittany keine mexicana ist, aber sie haben ein paar mexikanische Riten in die Zeremonie eingeflochten.

Alex klopft auf seine Hosentasche. »Mist. Ich habe die arras im Zimmer liegen lassen.«

»Ich lauf und hol sie«, sage ich und sause zurück zum improvisierten Ankleidezimmer.

»Beeil dich!«, höre ich Alex und Carlos hinter mir herrufen.

Ich stoße die Tür des Ankleidezimmers auf und sehe, dass ich nicht allein bin. Ein Mädchen, das ungefähr in meinem Alter ist, steht im Raum und guckt aus dem Fenster. Ihr weißes Kleid bildet einen wunderbaren Kontrast zu ihrer honigfarbenen Haut und ihr Anblick allein lässt mich auf der Stelle innehalten. Sie ist megaheiß, mit lockigem dunklen Haar, das ihr den Rücken hinunterfließt, und einem Gesicht, das mich an einen Engel denken lässt. Sie ist offenbar ein Hochzeitsgast, aber ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich würde mich auf jeden Fall daran erinnern, wenn es so wäre.

Ich lasse ein Lächeln aufblitzen. »¡Hola! Yo soy Luis. ¿Quieres charlar commigo?«

Sie sagt kein Wort.

Ich zeige auf die Tür. »Mm … la boda va a empezar«, berichte ich ihr, aber die Art, wie sie mit den Augen rollt, macht deutlich, dass ihr das völlig egal ist.

»Sprich Englisch, Dude«, sagt sie. »Wir sind hier nicht in Mexiko.«

Oha. Chica mit feurigem Temperament in der Hütte. »Sorry«, sage ich. »Ich dachte, du bist vielleicht Mexikanerin.«

»Ich bin Amerikanerin«, betont sie, dann hält sie ein krass funkelndes Glitzerhandy hoch und wedelt damit in der Luft herum. »Und ich telefoniere gerade. Es ist ein vertrauliches Gespräch. Macht es dir was aus?«

Mein Mundwinkel verzieht sich nach oben. Sie mag ja behaupten, eine Vollblutamerikanerin zu sein, aber ich würde mein linkes Ei darauf verwetten, dass auch mexikanisches Blut in diesen kratzbürstigen Adern pulsiert.

Ich greife mir die arras und werfe ihr ein Lächeln zu. »Heb mir einen Tanz beim Empfang auf, mi chava.«

Sie beendet das Gespräch mit wem auch immer und verzieht verächtlich das Gesicht. »Oh, du bist einer von denen, die flirten und lächeln, um ein Mädchen zu erobern, und das arme Ding dann fallen lassen, wenn sie es am wenigsten erwartet.«

»Ach, du hast schon von mir gehört?«, sage ich und zwinkere ihr zu. Sie macht auf dem Absatz kehrt und will das Zimmer verlassen, aber ich strecke den Arm aus, um sie aufzuhalten. »Ich hab nur Spaß gemacht. Nimm das Leben nicht zu schwer, mi chava.«

Der Engel springt mir ins Gesicht. Sie tut es, um mich einzuschüchtern, aber es heizt mir nur ein. »Wie kannst du es wagen, mir zu sagen, ich solle das Leben nicht zu schwer nehmen? Du kennst mich nicht mal!«

Ich lasse normalerweise die Finger von Mädchen mit so viel Temperament. Ich bin genug von ihnen begegnet, um zu wissen, dass muy creídas mehr Ärger bedeuten, als sie wert sind. Aber sie haben mich immer fasziniert. Ich kann nichts dagegen machen. Ich schätze, es liegt den Fuentes im Blut, ausgerechnet den Mädchen den Kopf zu verdrehen, die sich auf gar keinen Fall den Kopf verdrehen lassen wollen.

»Luis, du hältst die Zeremonie auf«, ruft mi’amá lauthals vom Flur aus. Sie kommt ins Zimmer und hebt die Augenbraue bei dem Anblick, der sich ihr bietet. Ich stehe so dicht vor dem Engel, dass ich mich nur eine Idee vorbeugen müsste, um sie zu küssen. »Was geht hier drin vor?«, verlangt sie zu wissen, als wären wir im Begriff, uns die Kleider vom Leib zu reißen, und als sei sie gerade noch rechtzeitig erschienen, um das zu verhindern.

»Genau, was geht hier eigentlich vor?«, frage ich das Mädchen und bringe sie mit voller Absicht in Verlegenheit.

Das Mädchen hält sein Handy hoch. »Ich war mitten in einem Gespräch, als er reinkam und mich angebaggert hat.«

»Das ist mein Sohn. Und du bist …?«, fragt Mamá mit schmalen Augen. Oh, Mann. Sie ist im Verhörmodus. Mi’amá will man lieber nicht begegnen, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, Informationen aus einem rauszuquetschen.

»Nikki Cruz«, sagt das Mädchen selbstbewusst. »Mein Dad hat Alex operiert.«

Von wegen, keine Mexikanerin. Ich hatte recht. Dieser Engel hat mehr als ein bisschen rot, weiß und grünes Blut in seinen Adern. Dr. Cruz war derjenige, der im Krankenhaus die Kugel aus Alex’ Schulter geholt hat, als er damals angeschossen wurde. Der Arzt ist seitdem mit Alex in Kontakt geblieben und hat seinen Werdegang verfolgt.

Mamá nickt, dann mustert sie Nikki Cruz – die Tochter des Chirurgen – von Kopf bis Fuß. »Die Zeremonie beginnt jeden Moment. Ándale, Luis.«

Bevor ich mich umdrehe und aus dem Zimmer spaziere, werfe ich Nikki heimlich noch ein total arrogantes Zwinkern/Nicken zu, das ihr Latina-Temperament hundertpro wieder voll zum Brodeln bringen wird.

Sie zeigt mir den Finger. Es war wohl nicht ihre Absicht, mich zu amüsieren, aber genau das tut es.

Ich kann den Empfang kaum erwarten. Wie meine zwei älteren Brüder scheue ich keine Herausforderung, und Nikki Cruz ist definitiv niemand, der sich kampflos ergibt. Aber ich wette, bevor der Abend vorüber ist, habe ich sie überzeugt, meine neue Freundin zu sein – na ja, zumindest bis ich wieder nach Colorado zurückfliege.

6

Nikki

Ich beobachte, wie Luis seiner Mutter aus dem Raum folgt, das arrogante Haupt hoch erhoben. Ich wollte gerade das Gespräch mit Kendall beenden, als er ins Zimmer platzte und ich erstarrte. Eine Sekunde lang dachte ich, er sei Marco. Sie sind beide etwa gleich groß und alt und haben einen ähnlichen Körperbau.

Als Luis mich angelächelt hat und ich ein kurzes Aufflackern von Anziehung verspürte, bekam ich Panik. Ich muss wachsam sein – einer wie Luis ist genauso gefährlich wie Marco. Das verrät mir sein Lächeln. Er sieht zwar unschuldig aus, doch ich weiß es besser. Es gelingt ihm vielleicht, andere Mädchen zu täuschen, aber mich nicht.

Es ist zwei Wochen her, seit Marco sich von mir getrennt hat, und der Schmerz ist immer noch so frisch wie an dem Tag, als er mich am Strand zurückgelassen hat. Ich möchte nie wieder so verzweifelt und am Boden zerstört sein wie in jener Nacht. Wenn Hass und Hohn mich schützen, dann benutze ich sie eben.

Ich gehe erhobenen Hauptes zurück zur Zeremonie. Die Musik setzt ein und ich lasse mich schnell auf den leeren Platz zwischen meiner Mutter und meinem kleinen Bruder Ben fallen. Ben hängt wie ein nasser Sack auf seinem Stuhl. Er ist beleidigt, weil Mom und Dad ihn nicht mit seinem Gameboy spielen lassen. Also muss er hier sitzen wie all die anderen gelangweilten zwölfjährigen Jungs auf dieser Hochzeit.

Meine Eltern und Ben haben keine Ahnung, dass Marco und ich nicht mehr zusammen sind. Ich wollte nicht darüber reden. Ich wollte auch nicht, dass meine Eltern sich in die Brust werfen nach dem Motto: Wir haben es dir ja gleich gesagt. Ben wäre es völlig egal, da er die ganze Zeit, die ich mit Marco zusammen war, sowieso nicht mehr als zwei Worte mit Marco gewechselt hat.

Wenn es nach meinen Eltern ginge, würden sie wahrscheinlich am liebsten eine Ehe für mich arrangieren – mit einem netten Jungen aus einer guten Familie. Mir dagegen wird übel bei dem Gedanken, dass meine Eltern meinen Freund – oder der Himmel bewahre – meinen zukünftigen Ehemann für mich aussuchen.

Ben hatte bis jetzt noch keine Freundin. Ihm ist jede elterliche Einmischung in sein Liebesleben erspart geblieben, einfach deshalb, weil sein Liebesleben nicht existiert – außer es zählt seine Leidenschaft für Prinzessin Amotoka aus seinem geliebten Online-Spiel. Unnötig zu erwähnen, dass sie keine reale Person ist.

Mein Blick wandert nach vorn, wo Luis neben den anderen Trauzeugen steht. Als unsere Blicke sich für den Bruchteil einer Sekunde begegnen, blinzelt er mir zu und lässt ein Killerlächeln aufblitzen. Ich senke den Blick und gebe vor, plötzlich wahnsinnig an einem losen Faden am Saum meines Kleides interessiert zu sein. Mir ist schlecht.

Direkt hinter mir höre ich ein Mädchen laut flüstern: »Omeingott! Hast du den scharfen Typen mit den hochgegelten Haaren gesehen? Omeingott, wer ist das?«

Wenn sie noch einmal Omeingott sagt, drehe ich mich um und knall ihr eine.

»Das ist Alex’ Bruder Luis«, erklärt jemand der Omeingott-Tussi.

»Ich glaube, er hat mir gerade zugezwinkert«, höre ich sie quietschen.

Ich erwähne nicht, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass dieses Zwinkern für mich bestimmt war. Stattdessen zwinge ich mich, Luis zu ignorieren, und konzentriere mich auf die Braut und den Bräutigam. Je mehr ich mich bemühe, Luis nicht anzustarren, desto schwieriger wird es. Ich hasse das.