Du sollst nicht lieben - Ali Knight - E-Book

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Ali Knight

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Beschreibung

Gregs Frauen scheint kein langes Leben vergönnt zu sein: Seine Ehefrau Grace wurde während eines gemeinsamen Urlaubs mit ihrer Freundin Nicky brutal ermordet. In ihrer Trauer finden Greg und Nicky zusammen und heiraten. Doch kurz nach der Hochzeit verändert sich Greg: Er ist verschlossen und ständig unterwegs – so tröstet sich Nicky durch einen heißen Flirt. Und befindet sich plötzlich in tödlicher Gefahr …

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ähnliche


Ali Knight

Du sollst nicht lieben

Roman

Aus dem Englischen von Susanne Wallbaum

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Gregs Frauen scheint kein langes Leben vergönnt zu sein: Seine Ehefrau Grace wurde während eines gemeinsamen Urlaubs mit ihrer Freundin Nicky brutal ermordet. In ihrer Trauer finden Greg und Nicky zusammen und heiraten. Doch kurz nach der Hochzeit verändert sich Greg: Er ist verschlossen und ständig unterwegs – so tröstet sich Nicky durch einen heißen Flirt. Und befindet sich plötzlich in tödlicher Gefahr …

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

Danksagung

 

 

 

Für Stephen, meinen Komplizen, in Liebe

Prolog

Nicky kreischte, als der Liegestuhl am Pool einen Tick zu weit nach hinten kippte und sie, die Füße himmelwärts, auf dem Rücken landete.

»Achtung, Rotwein-Schwemme«, rief Grace lachend im Liegestuhl daneben.

Nicky stöhnte und angelte sich ein Handtuch, um ihr T-Shirt abzutupfen. »Mist, das Zeug ist überall.«

»Wo habt ihr den Flaschenöffner?«, rief Sam hinter ihnen im Patio. »Scheiße!«

Etwas klatschte auf den gefliesten Boden und zerschellte in tausend Stücke. Wildes Fluchen ertönte.

»Von der Kaution sehen wir nichts wieder«, sagte Nicky und schaute hinüber zu dem großen Haus, das sich steinern und grau gegen den tintenblauen Himmel abzeichnete.

»Und wennschon«, murmelte Grace. »Wir haben hier doch einen Heidenspaß.«

Nicky lächelte. Grace hatte recht, wie immer. Für alle war es einer der lustigsten Urlaube seit ewigen Zeiten. Grace hatte das Haus im Netz gefunden, und mehrere Freunde hatten sich an den Kosten beteiligt, damit sie es zur Feier ihres dreißigsten Geburtstages mieten konnte. Es stand unweit von Oxford an einer kleinen Landstraße und bot Swimmingpool, Pizza-Ofen, Tischtennisplatte und sogar einen See. Es war viel größer, als sie erwartet hatten, und nun, da sie hier residierten, erschien ihnen ihr Leben gleich glamouröser. Ihre Urlaubswoche im August fiel mit einer Hitzewelle zusammen, was ihnen zuweilen das Gefühl gab, weit weg zu sein, in einem wunderbaren Land, in dem immer die Sonne schien und alle Abende mild waren.

Grace seufzte. »Es ist wirklich ein Jammer, dass Greg nicht hier ist. Diese blöden Kameraleute.«

Nicky fing den Blick ihrer Freundin auf, und sie kicherten beide. Grace hatte als Erste aus ihrem Freundeskreis geheiratet. Nicky hatte sich darauf eingestellt, nicht mehr so viel von ihrer Freundin zu haben, doch Greg war durch seinen Job ständig unterwegs, und Nicky sah Grace jetzt sogar häufiger als während der Zeit, als die beiden frisch verliebt gewesen waren.

»Ich bin so was von blau«, verkündete Nicky und musste sich anstrengen, das Geschrei zu übertönen, das von der anderen Seite des Rasens herübertönte, wo jemand einen spritzenden Gartenschlauch schwenkte.

»Ich brauch einen Schluck Wasser.« Grace stand auf, streckte sich und schlenderte hinüber zum Patio, wo sie am frühen Abend gegessen hatten. Das schwarze Kleid bauschte sich hinter ihr im Wind.

»Bringst du mir meine Kippen mit? Die Schachtel liegt auf dem Tisch.«

Grace drehte sich um und lächelte. Ihr blondes Haar war von Sonne und Chlorwasser noch weiter ausgebleicht. Greg kann sich glücklich schätzen, dachte Nicky. Allerdings hätte sie das bei jedem Mann gedacht. Grace war ihre älteste, engste Freundin. Sie waren gleich alt und waren in der Schule im selben Jahrgang gewesen. Grace hatte jedoch immer die Rolle der älteren Schwester eingenommen, der Vernünftigen, der Klügeren. Der Erfolgreichen und Schönen, um genau zu sein. Gedankenverloren verwuschelte Nicky ihr kurzes Haar zu einem Igel. Ihr war das egal. Sie hörte die leisen Stimmen von Grace und Sam. Wasser, das in ein Glas gegossen wurde. So war Grace eben: Nach jedem Glas Wein kam ein Glas Wasser. Sie war so vorsichtig und bedacht, so ganz anders als sie selbst. Sie rülpste und beobachtete die Luftmatratze, die sich im Pool langsam um sich selbst drehte. Sobald sie die tausendste Zigarette an diesem Tag geraucht hatte, würde sie baden gehen.

Irgendwo draußen vorm Haus heulte eine Auto-Alarmanlage auf und brachte sie auf andere Gedanken.

Sam warf entnervt die Arme hoch, als wollte sie sagen: Diese blöde Karre!

»Wer ist das?«, rief Grace.

»Ich wahrscheinlich«, stöhnte Sam. »Herrgott, wo ist der Schlüssel?« Halbherzig sah sie sich um.

Das Heulen wurde stetig lauter und hallte von den umliegenden Häusern und gepflasterten Wegen wider. Nicky sah schemenhafte Gestalten durch den dunklen Garten in Richtung Kieseinfahrt laufen und hörte vereinzelte Rufe, die in dem Getöse fast untergingen.

»Mein Schlüssel. Wo ist der blöde Schlüssel …«

»Schau du in der Küche nach«, sagte Grace. »Ich glaube, ich habe meine Tasche auf dem Rasen stehen lassen.« Sie ging hinüber zum anderen Ende des Pools.

Nicky blieb, wo sie war. Grace hatte sie im Auto mit hierhergenommen – was konnte sie schon tun? Erst ein paar Augenblicke später erhob sie sich leise schwankend. Von dieser verdammten Sirene bekam sie Kopfschmerzen. Jetzt gesellte sich auch noch eine zweite, etwas tiefer klingende dazu – ein wahnwitziger elektronischer Chor. Sie ging hinüber zum Tisch, wo sie ihre Kippen fand, aber kein Feuerzeug. Das weinbekleckerte T-Shirt klebte an der Haut, sie fühlte sich überhaupt nicht wohl. Sie schaute zum Pool: Die Unterwasserbeleuchtung färbte das Wasser blässlich grün. Da kam ihr eine viel bessere Idee. Sie überquerte den Rasen, hockte sich hinter die Büsche, die Grundstück und See voneinander trennten, und erleichterte sich in der freien Natur – okay, in der getrimmten, manikürten Natur. Dann ging sie weiter in Richtung See. Das Heulen der Sirenen war hier nicht mehr ganz so schrill.

Auf dem kleinen Holzsteg angelangt, zog sie sich bis auf den Bikini aus, setzte sich und tauchte vorsichtig die Füße ins Kalte. Hier draußen war es viel dunkler, die Lichter vom Haus und aus dem Garten reichten nicht so weit. Leise schwappte schwarzes Wasser gegen das Holz, als sie sich hineingleiten ließ und, keinen Grund unter den Füßen, in Richtung Seemitte kraulte.

Nicky fand es herrlich, spätabends schwimmen zu gehen. Sie liebte die weiche Berührung des Wassers, und es faszinierte sie, dass Geräusche über eine Wasserfläche hinweg weiter trugen und länger nachhallten. Dass ein See einen schlammigen Grund hatte, machte ihr, anders als Sam, nichts aus. Im Gegenteil, sie mochte es, wenn der Matsch zwischen ihren Zehen hervorquoll. Sie senkte den Kopf und schwamm ein paar Züge Brust, dann tauchte sie wieder auf und drehte sich auf den Rücken, so dass sie nur die Beine leicht bewegen musste.

Die Sirenen verstummten, und Stille senkte sich über sie wie ein schwerer Vorhang. Dann hörte sie Wasser spritzen.

»Hallo?«, rief sie unwillkürlich, doch es kam keine Antwort.

Es war so dunkel, dass die Sicht nicht bis zum Ufer reichte. Sie musste ein paar Züge schwimmen, bis sie Ufer und Steg vage erkennen konnte. »Seid ihr drin? Es ist herrlich!«, rief sie.

Keine Antwort.

Idioten, dachte sie, mittlerweile nüchtern, und beschloss rauszugehen. Mist, sie hatte kein Handtuch. Typisch Nicky, hätte Grace gesagt, einfach drauflos. Ihr würde kalt sein auf dem Weg zurück zum Haus. Sie schwamm aufs Ufer zu. Plötzlich sah sie etwas im Wasser treiben. Im ersten Moment dachte sie, es sei ein Baumstamm, doch dann musste sie lachen. Es war das riesige aufblasbare Krokodil aus dem Pool. Super. Sie streckte die Hand danach aus und wollte sich draufschwingen, wollte es – wie dieser Outback-Abenteurer, der mit seinem Kanu in Arnhemland verschollen war – in einem Kampf auf Leben und Tod niederringen …

Es war zu hart. Und es rollte unter ihr weg.

Ihr eigenes Gewicht zog Nicky mitsamt dem Objekt unter Wasser. Eine Sekunde lang hatte sie nicht aufgepasst – jetzt musste sie strampeln, um wieder nach oben zu kommen. Grashalme schlangen sich um ihren Hals, wuschen unangenehm über ihre Arme und ihr Gesicht. Mit einem erstickten Stöhnen durchbrach sie schließlich die Oberfläche, während das Objekt sich infolge ihrer heftigen Bewegungen mal hierhin, mal dorthin drehte. Es war so dunkel, dass sie das Ding, das da direkt vor ihr schwamm, nicht sehen konnte. Panik erfasste sie. Die Alarmanlage ging wieder los, heulte und heulte. Sie ärgerte sich darüber, dass sie so ein Nervenbündel war, und zwang sich, die Hand auszustrecken und das Ding zu befühlen, damit es real wurde und nicht mehr so unheimlich war. Wieder streiften Grashalme ihre Hand.

Diesmal wusste sie mit Sicherheit, dass das Haare waren.

Als der Mond hinter einer Wolke hervorkam und alles in blass schimmerndes Licht tauchte, schrie Nicky auf. Die Haare waren lang, der Körper, der da bäuchlings im Wasser trieb, in ein schwarzes Kleid gehüllt. Sie schrie lauter. Fast ging sie unter, sie hatte hier noch keinen Grund. Pausenlos rufend und schreiend, packte sie Grace und versuchte, sie umzudrehen. Sie wusste, es war ein aussichtsloser Wettlauf mit der Zeit. Jede Sekunde, die sie länger im Wasser lag, würde Grace weiter vom Leben wegtreiben. Mit schwerfälligen Schwimmzügen kämpfte Nicky sich in Richtung Ufer, bis ihre Füße endlich den weichen Boden des Sees berührten. Daraus gewann sie zusätzliche Kraft. Sie zog und zerrte Grace, deren Gesicht immer noch im Wasser lag, weiter, wollte sie aufrichten, um das Ertrinken zu verhindern, doch der leblose Körper war einfach zu schwer.

Nicky rief um Hilfe, schrie, die starken Männer sollten endlich kommen und mit anpacken. Dann stand sie im Schilf und schlug mit beiden Armen eine Art Schneise. Die Alarmanlage heulte wieder, gnadenlos, übertönte die verzweifelten Rufe. Als sie endlich unter beiden Füßen festen Uferboden hatte, schob Nicky ihre Arme unter die der Freundin und zerrte sie Stück für Stück aus dem Wasser, wobei Grace halb über ihr hing wie ein volltrunkener Liebhaber. Ein Paar Zentimeter konnte sie sie weiterschleifen, ins Seichte. Dort legte sie sie ab, kniete sich neben sie und stieß so lange gegen ihre Schulter, bis sie sich schließlich drehte. Das blonde Haar lag wie ein dunkler Heiligenschein um ihren Kopf. Alle Farben wurden im Mondlicht zu Schwarz oder Blau. Nur der Ehering an ihrem leblosen Finger glitzerte schwach. Nicky beugte sich über sie, legte eine Hand auf Grace’ Brust und wollte es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versuchen, doch dann sah sie – schwarz im Mondlicht – die Blutspur. Unaufhörlich floss Grace Blut über die Brust. Ihre Kehle war aufgeschnitten, von einem Ohr zum anderen.

 

Irgendwann hatte Sam den Schlüssel gefunden – in ihrer Handtasche, die umgekippt neben dem Herd lag – und war unter Schmerzen barfuß und auf Zehenspitzen über den spitzen Kies der Einfahrt getänzelt. Unter lautem Fluchen und wildem Gestocher mit dem Autoschlüssel hatte sie den abartigen Lärm endlich abgestellt und machte kehrt, um zum Pool und ihrer Bierflasche zurückzukehren. Das Geräusch aber, das jetzt an ihr Ohr drang und weit durch die ländliche Stille hallte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Diese Schreie konnten nicht von einem menschlichen Wesen kommen. Unmöglich, dass jemand solche Qualen litt.

1

Fünf Jahre später

Nicky versuchte zu ignorieren, dass der Mann hinter ihr seine Tasche permanent in ihren Hintern bohrte, während die Frau vor ihr sich abmühte, eine Reisetasche von der Größe eines Kühlschranks in das Gepäckschließfach über den Sitzen zu stopfen. Wieso hießen die Dinger überhaupt Schließfächer? Die sprangen doch beim kleinsten Ruckeln auf. Und bei dem Regen – von dem sie nach ihrem unbeholfenen Sprint über das Rollfeld alle noch trieften – war damit zu rechnen, dass es auf dem Heimflug einige Turbulenzen geben würde.

»Gehen Sie bitte weiter, und nehmen Sie Ihre Plätze ein«, sagte die Flugbegleiterin mit einem schwer zuzuordnenden Akzent. Moldawierin? Lettin? Der Mann hinter ihr schnaubte. Nicky wartete ergeben darauf, dass die Frau vor ihr mit dem Schieben und Stopfen fertig wurde. Sie kamen keinen Millimeter voran. An der hinteren Kabinentür stiegen immer neue Passagiere ein, das Flugzeug füllte sich. Sie sah Leute auf die Fensterplätze drängen, von denen sie selbst gern einen gehabt hätte. Endlich drehte die Frau vor ihr sich mit dem Rücken zur Sitzreihe und machte das Bauch-rein-Rücken-rund-Manöver, um sie vorbeizulassen, und Nicky, die Reihe fest im Blick, an der sie ihrerseits Verrenkungen machen würde, um sich in einen der Miniatursitze zu quetschen, schob sich weiter. Billigflüge waren die Pest.

»Da können Sie nicht sitzen«, sagte eine strenge Frau in Airline-Uniform und fuchtelte mit einem blutrot lackierten Fingernagel in Richtung der Sitzreihe, die Nicky im Visier hatte.

»Tragflächenausgang?«, fragte Nicky.

»Da können Sie nicht sitzen«, lautete die Antwort. Nicky würde nicht diskutieren. Kurz überlegte sie, ob diese Stewardess ein Roboter war, der nur drei Sätze im Programm hatte: »Da können Sie nicht sitzen« – kannte sie schon. »Nein«, und: »Das macht zehn Euro.« (Ohne »bitte«.) Sie ging weiter, rammte mit ihrer Tasche jede am Gang befindliche Kopfstütze und machte sich schließlich selbst daran, ihre gigantische Reisetasche in eines der Gepäckfächer zu stopfen.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Eine große, unbehaarte Hand streckte sich nach der Tasche und versetzte ihr den ultimativen Stoß. Mit vereinten Kräften drückten die fremde und ihre eigene Hand die Tasche in das kleine Fach und schlugen die Klappe zu, als komme damit ein fieses Geheimnis unter Verschluss, das sie schnell vergessen wollten.

»Nach Ihnen«, hörte sie den Mann sagen. Er stand dicht hinter ihr.

Sie zögerte nicht, sondern schob sich in Richtung Fensterplatz, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Zum Teufel mit den Manieren. Hier war sich jeder selbst der Nächste. Der Kunststoff quietschte unter ihren Oberschenkeln.

»Danke«, sagte sie zu der schematischen Darstellung einer Frau, die sich durch eine rauchgefüllte Flugzeugkabine kämpfte. Das Bild klebte an der Lehne des Sitzes vor ihr. Die Tasche, die üblicherweise eine abgegriffene Zeitschrift, Spucktüten und verdorrte Orangenschale enthielt, hatten sie entfernt. Verstohlen blickte Nicky hinüber zu dem Mann, der sich inzwischen in dem Sitz am Gang niedergelassen hatte.

»Wir sind ausgebucht, deshalb müssen wir Sie bitten, alle Plätze zu nutzen«, schnarrte der Bordlautsprecher.

Der Mann schaute sie verlegen an. Als er aufstand, um sich direkt neben sie zu setzen, konnte sie sich ein albernes Grinsen gerade noch verkneifen. So was passierte ihr immer wieder: Wenn sie am wenigsten damit rechnete, hielt das Leben eine Überraschung für sie bereit, wenn auch nicht immer von so angenehmer Art. Der Mann, der sich da auf ihre Armlehne stützte, sah phantastisch aus, einfach toll. Sein dunkles Haar glänzte wie Seehundfell, er hatte ein markiges Profil und braune Augen, deren Blick Humor verriet und zugleich etwas Gefährliches hatte. Und er war jung. Nicky sah ein geflochtenes Band um sein Handgelenk und fühlte sich plötzlich zurückversetzt nach Santorin, wo sie mit Grace Ferien gemacht hatte – ein ganzes Leben war das her. Er musste Anfang zwanzig sein.

»Tut mir leid«, sagte er, setzte sich achselzuckend zurecht und schaute sie wieder an, wobei er eine dunkle Braue hochzog. Er wirkte aberwitzig groß in dem Sitz, seine Schulter ragte weit in ihren Raum hinein.

»Ich glaube, der Eigentümer dieser Fluglinie ist ein Zwerg.«

Jetzt drehte er sich ganz zu ihr um. »Er hat Freude daran, alle zu bestrafen, die größer sind als eins siebzig.«

»Zu selektiv. Alle, die einen Magen haben. Haben Sie hier mal was gegessen?«

»Natürlich. Zehn Euro hat mich der Burger gekostet.«

Nicky versuchte, sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal ein solches Lächeln gesehen hatte. Seit ihrer Hochzeit bestimmt nicht mehr. Hör auf, befahl sie sich. Die schlechte Ehefrau in ihr meldete sich. Sie sah zu, wie er seine Rückenlehne etwas nach hinten stellte.

»Da wird gleich jemand kommen und sagen, dass Sie sich gerade hinsetzen sollen.«

Er lehnte sich verschwörerisch zu ihr herüber. »Ich verstoße gern gegen die Regeln.«

Sie spürte ein kurzes Flattern im Bauch. Er war ziemlich direkt, und Nicky stellte fest, dass sie nichts dagegen hätte, wenn dieses Wochenende, das dazu hatte dienen sollen, einer verkümmernden Freundschaft neues Leben einzuhauchen, ihr auf der Heimreise einen kleinen Flirt bescherte. Was war am Ende schon dabei?

Umständlich suchte er nach den beiden Enden seines Sicherheitsgurts. »Das gehört wohl Ihnen.« Er hielt ein Stück Gurt mit Metallschnalle hoch. Die Geste schien mit allem Möglichen aufgeladen. Ob sie wollte oder nicht, sie grinste.

Unvermittelt prasselte ein Regenschauer gegen das Plastikfenster, und einen Moment lang starrten sie beide hinaus. »Typisch. Ich fliege nach Spanien, und es kommt das heftigste Unwetter seit zwei Jahren.«

Er plusterte die Wangen und atmete geräuschvoll aus. »War’s schön?«

Über diese Frage dachte Nicky ernsthaft nach. »Nein.« Dann lachte sie leise. »Wirklich schön war’s nicht.«

Nun schossen beide dunkle Brauen in die Höhe.

»Tut mir leid, ich …«

Er fiel ihr ins Wort. »Entschuldigen Sie, mein Name ist Adam.« Er streckte ihr eine Hand hin, die sie ergriff und schüttelte.

»Nicky. Wofür entschuldigen Sie sich?«

»Dafür, dass ich Sie ausfrage und Sie noch nicht einmal wissen, wie ich heiße.«

Er wurde unterbrochen, als ein Mann sich in den Sitz am Gang fallen ließ. Alle drei rückten sie sich neu zurecht. Adams Ellbogen glitt über die Armlehne weit zu ihr herüber.

»Was ist denn schiefgelaufen in Spanien?«

Sie hätte gern gewusst, woher er seine Manieren hatte. Und dieses Selbstbewusstsein. Privatschule, vielleicht sogar ein Internat? Dann machte sie sich klar, dass er dieser Institution – welche auch immer es gewesen sein mochte – noch nicht lange entwachsen war.

Sie winkte ab und dachte: Beklag dich nicht, mäkel nicht an allem herum! Denk positiv. Am Ende ist jeder Tag kostbar. Das hatte sie auf die denkbar schmerzlichste Art gelernt. Sie hatte ein Zählwerk im Kopf, das ihr jederzeit sagte, wie viele Tage sie nun schon ohne Grace lebte. Es konnten Wochen vergehen, ohne dass sie daran dachte, aber sie konnte die Zahl jederzeit abrufen. Wann würde diese innere Uhr aufhören, sie an den Tod ihrer besten Freundin zu erinnern?

Nicky spielte mit einer Strähne ihres schulterlangen Haars. »Ich musste einsehen, dass ich mich von jemandem, dem ich mal sehr nahestand, innerlich weit entfernt habe.«

Die Flugbegleiterin knallte die Tür zu und klebte einen orangefarbenen Streifen über das Fenster. Nicky bezweifelte, dass dieser Fetzen im Notfall irgendetwas bewirkte. Sie merkte, dass Adams dunkle Augen sie die ganze Zeit eindringlich ansahen. Ihn schien tatsächlich zu interessieren, was sie erzählte. Wehmütig fragte sie sich, ob sie früher auch so gewesen war – so neugierig, so begeistert von allem Unbekannten.

»Erzählen Sie.«

Sie holte tief Luft. »Ich war zu Besuch bei einer alten Freundin. Nur übers Wochenende. Sie ist inzwischen verheiratet und lebt mit Mann und zwei Kindern in Bilbao. Es gab überhaupt keine Gemeinsamkeit mehr zwischen uns. Sie hat nur von ihren Kindern geredet, ich habe andere Interessen. Und das war’s im Prinzip.«

Auf welche einfachen Begriffe sich unsere komplizierten Geschichten bringen lassen, dachte sie. Sam. Das berüchtigte Party-Girl – bis zu dem Abend. Ihre Freundschaft hatte den Tod von Grace nicht überlebt. Die Tragödie hatte sie alle verändert, jeden auf seine Weise. Sam war nach Spanien geflüchtet, hatte einen Arzt geheiratet und war komplett abstinent geworden. Nicky beneidete sie um diese Fähigkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich eine neue Identität zuzulegen. Für sie selbst war das undenkbar.

Grace war die Schwester gewesen, die sie nie gehabt hatte. Ihre Freundschaft hatte die Teenie-Jahre ebenso überdauert wie die Zeit, als sie an unterschiedlichen Unis studierten, eine Reihe wechselnder Freunde ebenso wie Phasen, während derer die eine oder die andere im Ausland arbeitete. Sie hatte sogar gehalten, als Grace Greg heiratete – und darüber hinaus. Ihnen war das Glück einer unauflöslichen Bindung beschert gewesen, und sie hatten leichtfertig angenommen, dass diese ewig bestehen würde und sie sich im Altenheim – wenn ihre Männer längst tot waren und ihre Kinder erwachsen – wiedertreffen und schnattern und tratschen und lachen würden, Freundinnen wie eh und je.

Wie hatten sie sich getäuscht.

Grace hatte nie weiter in die Zukunft geschaut als bis zu ihrem Dreißigsten. Nicky spürte die vertraute Wut in sich aufsteigen und stemmte die Knie gegen die Lehne des Sitzes vor ihr. Dann wandte sie sich wieder an Adam, der sie immer noch erwartungsvoll anschaute. »Und was haben Sie in Spanien gemacht?«

»Meinen Freund Davide getroffen.« Er schwieg einen Moment und fragte dann: »Womit verdienen Sie Ihr Geld?«

»Ich schreibe Nachrufe. Für meine Sünden.«

»Wow! Das klingt toll.«

Nicky konnte nicht anders als lächeln. Er war so jung! So enthusiastisch! So vollkommen anders als sie selbst, die sie zur saturierten Zynikerin geworden war. Die Trauer und die vielen Fragen, auf die es nie eine Antwort geben würde, hatten ihr Herz verhärtet.

»Es macht mir Spaß – zum Glück, denn es ist mein täglich Brot. Ich nehme an, für die meisten Leute spielt es am Ende, wenn sie zurückschauen, eine große Rolle, ob sie das, was sie getan haben, gern getan haben.«

Adam lehnte sich zurück. »Schon komisch, dass die Leute immer erst am Ende des Lebens Bilanz ziehen. Dass sie erst Ballast abwerfen, wenn das Ende in Sicht ist. Meine Tante liegt gerade im Sterben.«

»Oh, das tut mir leid.« Das meinte sie ehrlich. Sie wusste, dass sie kein Monopol auf Leid und Trauer hatte, auch wenn es sich manchmal so anfühlte.

Er wischte ihr Mitgefühl beiseite. »Sie hatte ein interessantes Leben. Mehr können wir doch wahrscheinlich nicht verlangen, oder? Trotzdem verbringt sie, wenn sie klar ist, ihre Zeit damit, zurückzuschauen, und offenbar bereut sie vieles. Mir kommt es so vor, als würde sie von der Vergangenheit verfolgt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ist wichtig, dass man sein Leben lang unter jedes Kapitel einen Schlussstrich zieht, bevor man was Neues anfängt.«

Das gab Nicky zu denken. Es wäre ein Fehler gewesen, ihn für naiv zu halten, bloß weil er jung war. Sie legte die Hände im Schoß zusammen und schaute nach draußen. Schlussstrich. Das war ein hartes Wort, aber auch ein verlockendes. Der Ehering an ihrem Finger fühlte sich kalt an. Die Tatsache, dass sie keinen Schlussstrich unter den Tod von Grace zog, verursachte in ihrer Ehe große Probleme.

Als sie zum Anfang der Startbahn rollten, drehte sie sich zu Adam um. »Und was machen Sie?«

»Ach …« Er zögerte kurz. »Sie wissen ja, wie es mit den jungen Leuten ist heutzutage. Kein Ehrgeiz, keine Ausbildung.« Dazu schenkte er ihr ein umwerfendes Lächeln. »Ich war eine Weile an der Zirkusschule. Habe einiges am Trapez gelernt, Jonglieren, solche Sachen.«

Als es unter ihnen zu dröhnen begann und sie in ihre Sitze gedrückt wurden, endete das Gespräch vorläufig. Nicky fand, dass der Start immer ein Nervenkitzel war.

Sie hörte Adam »Mein Gott« murmeln. Und sie sah, wie seine Fingerknöchel sich weiß färbten, so fest umklammerte er die Armlehnen.

»Fliegen ist nicht so Ihr Ding?«

»Nein, nein, das ist es nicht. Ich bin klaustrophobisch. Gedränge ist nichts für mich. Ich mag es nicht, gegen andere Leute gestoßen und gedrückt zu werden.« Er erschauerte leicht.

Sie hoben ab, und die Maschine legte sich sanft in die Horizontale.

»Beim Start muss ich mir immer vorstellen, wie es wäre, im Falle einer Notlandung zwischen all diesen Leuten festzuhängen.« Er senkte den Kopf, nickte in alle Richtungen und lachte verlegen.

»Wenigstens würden Sie nicht allein sterben.«

»Nein, sondern auf Tuchfühlung mit den Mitreisenden.« Er stöhnte.

»Es heißt immer, Fliegen sei die sicherste Art zu reisen.«

»Das hilft mir leider nicht. Meine Angst ist nicht rational. Wie so vieles von dem, was wir tun, nicht gerade rational ist. Manchmal denke ich, ich kann es nicht ertragen, die Kontrolle abzugeben. Vielleicht bin ich ein Kontrollfreak.«

»Ihr Schicksal liegt jetzt in der Hand eines anderen.«

Wieder zog er eine Braue hoch. »Genau. In der Hand von einem, der mit fünf Thai-Prostituierten drei Tage auf Sauftour war und beschließt, den versäumten Schlaf während der Landung nachzuholen.«

»Ich habe mal einen Artikel über Flugzeugunglücke gelesen. Da stand, dass die meisten Leute sterben, weil sie annehmen, dass sie beim Aufprall umkommen, und deshalb gar nicht erst versuchen, aus der Maschine rauszukommen. Sie sitzen tatenlos da und fügen sich in ihr Schicksal.«

Er sah sie aufmerksam an und nickte. Sein dunkles Haar sträubte sich über der Stirn in einem hübschen Wirbel. Er machte ein Gesicht, als lausche er einem vertraulichen Scherz.

»Überleben tun diejenigen, die kämpfen.«

»Wären Sie so eine?«

»Darauf können Sie wetten. Ich schätze, in so einer Situation würden meine schlimmsten Charakterzüge ans Licht kommen. Ich würde über Leute drübersteigen, um rauszukommen. Ich würde Leuten Gliedmaßen abreißen.«

Er musste lachen. Sie sah strahlend weiße Zähne und in den Augenwinkeln nette Fältchen. Sowie er aufhörte zu lachen, verschwanden die Linien, die wunderbar straffe Haut glitt sofort zurück in die ursprüngliche Position.

»Erinnern Sie mich dran, dass ich bei der Eröffnung des Schlussverkaufs nicht vor Ihnen stehen will.«

Gutaussehend und witzig. Man lebt nur einmal, dachte Nicky. Gott, würde sie kämpfen, um jeden einzelnen Tag, der ihr beschieden war! Hatte Grace gekämpft? Sie schauderte. Man hatte ihr gesagt, der Tod sei schnell eingetreten, sie sei bereits tot gewesen, als sie ins Wasser fiel. Dennoch war so vieles noch unklar. Ewig würde Nicky gefangen sein im Fegefeuer des Was-wäre-gewesen-wenn und des Warum.

»So oder so können Sie sicher sein, dass ich schneller bei dem Flachbildschirmfernseher bin als Sie.« Sie flirtete und fand nichts dabei.

In einer charmant abwehrenden Geste hob er die Hände. »Er gehört Ihnen, Nicky, auf jeden Fall!« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Wenigstens sind Sie ehrlich. Ich dagegen stelle mir gern vor, dass ich der Held bin, dass ich mit Zwillingssäuglingen im Arm über das Rollfeld renne und sie vor der großen Explosion rette, die hinter mir gerade losgeht.«

Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen, und sie spürte die physische Anziehung fast schmerzhaft.

»Die Kluft zwischen dem, was wir uns erhoffen, und der Realität ist groß. Wahrscheinlich wären wir alle gern Helden, und am Ende retten wir doch nur die eigene Haut.« Er neigte sich zu ihr herüber. »Gott, ist das ein TSG!«

»Ein was?«

»Ein tiefschürfendes Gespräch.«

Nicky lachte.

»Wissen Sie was? Es heißt, dass zwanzig Prozent aller Paare einander im Flugzeug kennenlernen.«

Nicky riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf. »Ist nicht wahr.«

Adam fuhr fort: »Da sitzt man stundenlang nebeneinander, weit weg von zu Hause. Hat Gelegenheit, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben nachzudenken. Trinkt ein Glas …«

Sie schauten beide in Richtung Gang, wo eine Stewardess von ihrem Wagen Getränke ausgab. »Bier oder Wein? Gesalzene Nüsse oder natur?«

 

Als sie landeten, schien die Sonne, der bulgarische Roboter lächelte, und niemand rempelte sie an. Auf Wogen reinen Wohlgefühls schwebte sie die Flugzeugtreppe hinunter und ging leise schwankend über das Rollfeld. Der Flughafen Luton ist wunderschön, dachte sie. Ihr gemeinsamer Weg endete am Zoll, danach würde sie zum Parkhaus gehen und er zur Bahn. Sie lächelte leichthin, als sie einander förmlich die Hand gaben, dann ging sie durch die Flughafenhalle davon. Aber sie konnte nicht widerstehen und drehte sich noch einmal um. Da stand er und starrte ihr hinterher, genau so, wie sie es vermutet hatte. Sie lächelten einander zu, und für einen wunderbaren Augenblick sah sie ihr jüngeres, sorgloses Ich die harte Schale, die sie sich nach dem Tod von Grace zugelegt hatte, durchbrechen. Danke, Adam, dachte sie.

2

Warum ketten sie ausgerechnet die hässlichsten Teile an?«

Greg wollte sich eine Lederjacke mit langen Fransen an den Ärmeln anschauen und mühte sich vergebens, sie von dem Ständer zu holen, an dem sie hing. Nicky sah zu, wie seine Hand am weißen Absperrdraht entlangglitt, der sich irgendwo in den Tiefen der hängenden Kleidungsstücke verlor.

Sie lächelte und befühlte die Rüschen an einer Bluse. »Die Handtaschenabteilung müsstest du erst mal sehen.«

Sie gingen an der Attrappe eines dürren Baumes vorbei, auf der verschiedene Accessoires mit Animal Prints drapiert waren.

»Lass mich, du Bestie!«

Nicky fuhr herum und sah Greg mit einem Schal mit Leopardenmuster ringen.

Sie lachte. »Du hast mir gefehlt.«

Er kam zu ihr, schlang von hinten die Arme um ihre Taille und legte das Kinn an ihren Hals.

»Du mir auch.«

So standen sie eine ganze Weile, keiner von beiden wollte sich bewegen – bis er sich schließlich aufrichtete und sich umschaute.

»In welcher Etage sind wir eigentlich? Waren wir hier nicht schon mal?«

Sie liebte diese Stunden mit Greg, wenn sie – nur sie beide – in die Stadt gingen und sich einfach treiben ließen. Er war erst zwei Tage zuvor aus L.A. gekommen, wo er arbeitete, und sie gewöhnten sich gerade wieder aneinander, nachdem er so lange fort gewesen war. In ein paar Tagen würde er schon wieder zurückfliegen, um seine vielversprechende Karriere in den Staaten voranzutreiben, aber jetzt war er da, und sie genoss es, mit ihm zusammen zu sein.

»Komm, ich möchte, dass du dir was Schönes kaufst. Vielleicht müssen wir nur bezahlen, damit wie durch Magie die ›Ausgang‹-Schilder wiederauftauchen.«

Sie gingen in eine Ecke, in der lauter Kleider hingen, und suchten ein paar Teile heraus.

»Kann ich vielleicht behilflich sein?« Die Verkäuferin strahlte, als hätten sie vor, ein Vermögen hierzulassen.

»Aber sicher«, sagte Greg und legte ihr ein ganzes Bündel Kleider über den Arm. »Sie muss in die Anprobe.«

Greg war blond, groß und laut. Im Grunde ein bisschen wie sie selbst, das wusste sie. Er hatte ein energisches Kinn und blaue Augen und war von einer physischen Präsenz, die weder von Frauen noch von Männern leicht ignoriert werden konnte. Mit ihm war es nie langweilig, alles schien intensiver, wenn er dabei war. Sie zog den Vorhang zu und schlüpfte versuchsweise in ein blaues Kleid.

Als sie aus der Kabine trat, lachte die Verkäuferin gerade über etwas, das Greg gesagt hatte. Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie erwartungsvoll. Sie schaute an sich hinunter, schüttelte den Kopf. Das Kleid war’s nicht. Es hatte etwas von einem Sack, sah irgendwie traurig aus. Schnell kehrte sie hinter den Vorhang zurück und zog etwas Rotgemustertes aus dem Stapel.

Ein halbes Jahr nach Grace’ Tod hatten Greg und sie angefangen, sich zu treffen. Schmerz verbindet, er kann Beziehungen vollkommen auf den Kopf stellen. Sie waren beide in Trauer gewesen und hatten sich aneinander angelehnt, und eines Tages war das Anlehnen deutlich körperlicher geworden. Ausgesprochen körperlich. Sie legte großen Wert darauf, allen zu versichern, dass sie das selbst nicht vorhergesehen und dass sie zu Grace’ Lebzeiten an so etwas nicht im Traum gedacht hatten. Als Nicky Greg kennenlernte, war er einfach der Mann, den Grace liebte, der Filmemacher, der die Hälfte der Zeit in London lebte und die andere Hälfte im Ausland, wo er seinen Träumen nachjagte. Er war begabt und ehrgeizig, und angesichts seines Selbstbewusstseins zweifelte niemand daran, dass er Erfolg haben würde. Grace besaß ein gutgehendes kleines Lokal. Das Startkapital hatte sie von ihrem Vater bekommen. Grace und Greg verliebten sich ineinander, er machte ihr einen Antrag, und sie sagte ja. Sie heirateten, und als ein paar Monate später Grace’ Dreißigster näher rückte, hatte Nicky angefangen, ihr zuzureden, dass sie die runde Zahl ordentlich feiern müsse. Sie würden Spaß haben, zusammen wegfahren und es sich, wenn Greg schon nicht dabei sein konnte, gutgehen lassen.

Nicky stand in der Kabine und starrte ihr Spiegelbild an. Zu keinem der Freunde von damals hatte sie noch Kontakt. Die wechselseitigen Beschuldigungen und Verdächtigungen hatten zerstört, was zwischen ihnen gewesen war. Die Medien hatten sich auf die Geschichte gestürzt, aber die Polizei hatte den Fall nicht aufklären können. Es war nie jemand angeklagt worden, ein Prozess hatte nie stattgefunden. Die Sache mochte undurchsichtig erscheinen, aber ein paar Tatsachen standen doch zweifelsfrei fest: Grace war getötet worden, bevor sie ins Wasser geworfen wurde, und sie hatten eine Blutspur gefunden, die vom See wegführte, vermutlich zu einem Auto. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der Mörder die Alarmanlage in Gang gesetzt, damit niemand hörte, wie er selbst wegfuhr.

Nicky erzählte gern, dass am Anfang alles ganz leicht gewesen sei mit ihr und Greg. Ihr war klar, dass das angesichts der Umstände absurd klang, andererseits waren sie durch eine Tragödie miteinander verbunden und verliebten sich wie von selbst ineinander. Das Leben erschien kostbar, das Schicksal war grausam, die Zeit knapp bemessen. Schnell und heftig war sie ihm verfallen, und ihm war es nicht anders gegangen. Es war, als könnten sie durch ihr Beisammensein Grace am Leben erhalten. Und das hatte anderthalb Jahre lang wunderbar funktioniert – bis zu dem Tag, an dem sie geheiratet hatten. Schwierig war es erst danach geworden. Mit der Hochzeit hatte sich alles verändert.

Greg schob seinen Kopf herein und musterte sie von oben bis unten. »Schön. In dem siehst du toll aus. Komm her.« Über den Kleiderhaufen am Boden hinweg zog er sie an sich und gab ihr einen Kuss. »Das kaufen wir, und dann gehen wir was essen, ja? Ich bin am Verhungern.«

Sie fuhren mit der Rolltreppe ins Erdgeschoss, gingen an den Hüten vorbei, und dann machte Greg am Blumenstand halt. »Ich hol mir schnell ein Notizbuch«, sagte Nicky. »Bin in einer Minute wieder da.«

Greg nickte, und sie lief hinüber in die Schreibwarenabteilung, wo sie einen Augenblick brauchte, um sich zwischen einem grünen und einem gelb gemusterten Heft zu entscheiden. Nachdem sie gezahlt hatte, kehrte sie zum Blumenstand zurück, konnte Greg jedoch nirgends entdecken. Eine Weile blieb sie einfach nur stehen und schaute sich nach allen Seiten um, dann begann sie, suchend Kreise zu ziehen. An Designer-Taschen vorbei kam sie zur Beauty-Abteilung, wo sie an einem der gläsernen Verkaufstresen sein breites Kreuz ausmachte. Hinter dem Tresen stand eine Frau, die fast noch wie ein Kind aussah. Nicky hielt sich versteckt, falls Greg etwas für sie kaufte – sie wollte die Überraschung nicht kaputt machen. Da beugte die Verkäuferin sich plötzlich vor und berührte Greg am Arm. Nicky sah zu, wie das Lipgloss-Lächeln erstarb und einer besorgten Miene wich.

»Geht’s Ihnen gut?«

Als ihrem Mann der Blumenstrauß aus der Hand fiel, rannte sie los. Die junge Frau war hinter ihrem Tresen hervorgekommen, blieb aber unsicher stehen. Nicky sah Greg vornüber auf den Tresen sacken. Sie streckte ihm eine Hand hin, wusste nicht, ob er in Ohnmacht fiel oder nicht. Sein Gesicht war kalkweiß, er hatte die Augen geschlossen.

»Greg, was ist los?«

Er antwortete nicht. Es schien, als habe er sie nicht gehört, als sei ihm nicht einmal bewusst, dass sie da war. Es dauerte einen Augenblick, bis sie mitbekam, dass seine Hand etwas umklammerte, das die Verkäuferin ihm abzunehmen versuchte. Eine Parfümflasche.

»Ich habe ihm die Neuauflage von einem Klassiker gezeigt. Er hat daran gerochen, und dann ist das passiert.« Sie hatte eine tiefe Stimme. Ihrer Aussprache nach war sie Australierin.

»Greg?«

Offenbar unter großer Anstrengung öffnete er die Augen und richtete sich auf. »Alles okay, mir geht’s gut.«

»Du siehst aber nicht gut aus.«

Die Verkäuferin lächelte. »Parfüm kann viel bewirken, es kann Gefühle und Erinnerungen heraufbeschwören. Viele Frauen benutzen jahrelang nichts anderes mehr, wenn sie einen Duft gefunden haben, den ihr Partner mag. Vielleicht wird dieser hier ja Ihr Erkennungsduft?« Sie war schon wieder im Verkaufsmodus und leierte den Dünnsinn herunter, den sie in ihrer Schulung gelernt hatte.

Nicky strich Greg über den Rücken. »Ist gut, ist alles gut«, sagte sie leise.

Erinnerungen. Beide waren sie das eine oder andere Mal hinterrücks von der Vergangenheit heimgesucht worden, wenn ihnen etwas in die Hände fiel, das Grace gehört hatte.

Ohne sie anzusehen, ging er hinüber zu den Regalen mit der Herrenwäsche.

Nicky bückte sich nach der Flasche. Sie fühlte sich kalt und schwer an in ihrer Hand. Sie nahm all ihren Mut zusammen, wusste sie doch, wo sie hinkatapultiert würde, sobald sie sie an die Nase hob. Doch als sie dann an dem kleinen dunklen Loch schnupperte, runzelte sie die Stirn. Es war ein feiner Zitrusduft, aber die Erinnerung an Grace wurde dadurch nicht lebendiger. So etwas hatte Grace nie benutzt, das war nicht ihr Parfüm.

»Greg?«

Als sie ihn fand, stand er an einen Auslagentisch gelehnt und rieb sich die Stirn.

»Was war denn das?«

Er lächelte, wollte weitergehen. »Nichts. Gar nichts.«

»Nichts?« Sie starrten einander schweigend an. »Lass mich teilhaben, Greg!«

Er lachte, doch es klang nicht überzeugend. »Es ist nichts, ehrlich. Jetlag, weiter nichts.« Damit setzte er sich in Bewegung, und es war klar, dass er kein weiteres Wort darüber verlieren würde.

Sie wollte ihn schon greifen und nicht lockerlassen, da ertönte die australische Stimme: »Hallo! Hallo, er hat die Blumen liegenlassen!«

Also ging Nicky noch einmal zurück zur Beauty-Abteilung, wo die Verkäuferin stand und den hübsch gebundenen Strauß hochhielt. Sie nahm ihn der Frau ab, aber er kam ihr vor wie ein Trostpreis.

3

Als es klingelte, goss Nicky gerade unter lautem Fluchen die Tomaten ab. Sie hatte sich entschlossen, Gregs Familie zu bekochen, und – Triumph der Hoffnung über die Erfahrung – ein raffiniertes Rezept herausgesucht, dessen Umsetzung sich langsam und schmerzhaft in Richtung Katastrophe entwickelte. Die einzelnen Schritte dauerten viel länger, als sie kalkuliert hatte, und die Folge war, dass sie immer mehr trank und sich immer weniger darum scherte, ob das Essen etwas wurde oder nicht.

»Kannst du hingehen, Greg?«

Schon näherte sich ein ganzer Chor von Stimmen der Küche. Als Gregs Mutter Margaret hereinschaute, um sie zu drücken und ihr einen Kuss zu geben, verbrühte sie sich die Finger an den Tomaten. Arthur kam, kniff sie in die Wange und verlangte übergangslos nach dem Korkenzieher. Liz, Gregs Schwester, bildete mit ihrem Sohn Dan, der als Letzter hereinschlurfte, die Nachhut. Dan hatte sich ordentlich Gel ins Haar geschmiert, so dass es in starren Zacken hochstand. Nicky schlug ein Duft entgegen, der, so vermutete sie, so etwas wie Bergfrische darstellen sollte, in Wahrheit aber schrie: »Vorsicht, Teenager!« Sie wollte schon die Hand ausstrecken, um Dan das Haar zu verwuscheln, da fiel ihr ein, dass an den Zacken dann auch noch Tomatenpüree kleben würde.

»Was machst du denn wieder?«, fragte Liz und schnupperte mit unverhohlener Missbilligung. Nicky gab das Abgießen auf und kippte die matschigen Tomaten in die Pfanne. Wie immer: Liz fing an zu stänkern, bevor sie sich auch nur hingesetzt hatte.

»Du brauchst dir doch wirklich nicht solche Mühe zu machen, Liebes«, fügte Margaret hinzu und warf einen skeptischen Blick in die Pfanne. Einem Herd näherte sie sich grundsätzlich wie einem unberechenbaren Fremdling, dem sie eher zutraute, sie zu attackieren, als Eier zu kochen. Seit Jahren beschränkte sie sich darauf, die Ofenklappe zu öffnen, irgendein Tiefkühlgericht hineinzupfeffern und sich, auf alles gefasst, ans andere Ende des Hauses zurückzuziehen. Sich wie Nicky über echte Gasflammen zu beugen, erschien ihr wie ein heidnisches Ritual.

»Ich mache mir gern Mühe …«, hob sie an, wurde aber von Gregs großer Hand zum Schweigen gebracht, die sich in ihren Nacken legte und ihn sanft knetete.

»Geht’s dir gut, Süße?«

Nein!, hätte sie am liebsten geschrien, doch sie bekam stattdessen ein dünnes Lächeln hin. Sie wünschte, er hätte die anderen nicht eingeladen. Die Petersons waren ein wüster Haufen. Wie eine Herde Gnus in der Savanne kamen sie angetrampelt und fielen in ihr Haus ein, sobald Greg auch nur für ein paar Tage auftauchte. Sein Aufenthalt war viel zu kurz, sie hatten kaum Zeit alleine, und in zwei Tagen musste er schon wieder los. Sie wollte ihn für sich haben und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen.

Arthur zog den Korken aus einer Flasche Rotwein und lachte.

Nicky zwang sich zu lächeln, als sie registrierte, dass Liz in der Sofaecke saß, in kleinen Schlucken Rotwein schlürfte und sie beide ungerührt beobachtete.

»Wie lang bleibst du, Greg?«

»Vier Tage. Ist eher eine Stippvisite.«

»Bist hoffentlich nicht zu einsam, Nics.«

Mit einem scharfen Messer durchtrennte Nicky die Folie, in die die Kabeljaufilets gewickelt waren. Sie antwortete nicht. Liz lehnte sich zurück. Ihr Haar war provokant grau. Sie weigerte sich standhaft, es zu färben, obwohl Margaret sie ständig deswegen bearbeitete. Nicky sah, wie sie mit zusammengekniffenen Augen in den Garten spähte, als nahe von dort in Gestalt von Bäumen und Sträuchern ein Feind. Ihre Küche war groß, ihr Haus stand an einer breiten Straße im Norden von London. Liz-die-Geschiedene musste von ihrem Reihenhaus im Süden der Stadt eine beschwerliche Reise auf sich nehmen, wenn sie sie besuchen wollte. Sie war Sozialarbeiterin im Schichtdienst und hatte zufällig an diesem Wochenende frei. Nicky hoffte, dass sie das Thema Kinder wenigstens dieses eine Mal ausließ.

»So ganz allein in dem schicken großen Haus.«

»Mein Gott, Liz, jetzt halt mal die Luft an!«, schnappte Greg.

Liz lächelte wissend und trank den nächsten Schluck Wein. Nicky nahm die Filets aus der Folie. Sofort verteilte sich Schleim über ihre Fingerspitzen. Liz liebte es, den Finger in Wunden zu legen, sie stocherte gern in alten Geschichten – und in gewisser Hinsicht gab es mehr als genug davon.

Nachdem sie Grace’ Tod überstanden hatte, dachte Nicky, dass sie nichts mehr umhauen würde, aber die Reaktionen auf ihre Beziehung zu Greg hatten sie doch hart getroffen. Liz zum Beispiel hatte einfach auf diese typische, gemeine Weise gelächelt – wie ein Hai auf Beutezug. Grace’ Bruder war direkter gewesen. Er war an ihrer Tür erschienen und hatte gedroht, Greg und ihr etwas anzutun. Grace’ Vater sprach nicht mehr mit ihnen. Das tat weh, war aber zu erwarten gewesen. Trauer zerstörte Beziehungen, das war ein letzter Triumph des Todes.

Dennoch hatte Nicky nie daran gezweifelt, dass Grace sich für sie beide gefreut hätte. Und sie hielt es für ihre Pflicht als beste Freundin, gegen die Gerüchte vorzugehen, gegen die bösartigen Verleumdungen und Unterstellungen, Greg sei verantwortlich für Grace’ Tod. Mochte er zum Zeitpunkt der Tat auch Tausende Kilometer entfernt gewesen sein – als Ehemann zählte er automatisch zu den Hauptverdächtigen. Wieder und wieder hatten die Polizisten ihm zugesetzt, nach seinem Verhältnis zu Grace gefragt und nach dem Geld. Grace’ Tod hatte einen reichen Mann aus ihm gemacht. Er hatte ihr Lokal verkauft – was hätte er auch sonst damit machen sollen? Sicher, sagte er, er habe vom Immobilienboom profitiert und bei der Transaktion viel Geld verdient, aber Grace sei nicht mehr da, und Gastronomie sei nun einmal nicht sein Gebiet.

Manchmal fragte Nicky sich, inwieweit der Erfolg, den er seither als Kameramann bei großen Filmproduktionen hatte, seine Ruhelosigkeit, sein Ehrgeiz, seine Tendenz zum Workaholic aus dem Bedürfnis resultierten, den Zweiflern zu beweisen, dass sie sich irrten, dass er keiner war, der sich mit dem Geld seiner toten Frau ein schönes Leben machte.

Die Launen des Schicksals waren grausam, fand Nicky – sie hatte nicht nur Grace verloren, sondern auch deren Familie. Für Greg hatte sie sie aufgegeben, und jetzt, nach fünf Jahren, kamen ihr manchmal Zweifel, ob er das wert war. Ihre Finger trommelten auf der Arbeitsplatte. Das altbekannte Verlangen nach einer Zigarette für die Nerven nagte an ihr. In dem Wunsch, sich von innen heraus zu reinigen und neu anzufangen, hatte sie nach Grace’ Tod mit dem Rauchen aufgehört, aber es war unendlich schwer, so alte Gewohnheiten tatsächlich zu überwinden.

Liz gähnte, kickte ihre Schuhe weg und legte ihre bestrumpften Beine hoch, machte es sich so richtig bequem auf dem Sofa und in dem Haus, das Greg von Grace’ Geld gekauft hatte.

Plötzlich verspürte Nicky den wilden Drang, Greg zu verteidigen, und Zorn auf jene, die an ihm gezweifelt, die ihm nicht geglaubt hatten. Sie war diejenige, die Nacht für Nacht aufwachte, wenn er sich, gebeutelt von schrecklichen Träumen, im Bett hin und her warf. Sie war diejenige, die die Tränen des trauernden Witwers getrocknet hatte.

»Mach keine Portion für Dan. Er würde sie eh nicht anrühren«, rief Liz, als Nicky anfing, den Fisch zu braten.

Margaret lud sie ein, mal wieder nach Essex zu kommen, und erzählte von ihrer neuen Gartenliege, die bei dem warmen Wetter optimal sei.

Nicky antwortete etwas abwesend, brachte keinen ihrer Sätze zu Ende. Die Fischhaut setzte an, es funktionierte nicht. Böse zischend lagen die Filets im spritzenden Bratfett.

»Musst du vielleicht die Hitze etwas reduzieren?«, fragte Greg und trat an den Herd. Sie spürte seine Hand auf dem Hintern. Keine Zeit, dachte sie und merkte, dass sie anfing, sich zu ärgern. Sie verstand Greg nicht. Manchmal liebte er sie mit unbändiger Heftigkeit, dann wieder war er kühl und abweisend, als hätte sie irgendetwas falsch gemacht – nur wusste sie nie, was. So ging es irgendwann vielleicht allen Paaren, die so lange Zeiten getrennt waren, aber wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie sich verlassen fühlte.

Margaret deckte umständlich und unter viel Gerede den Tisch, während Liz mit Dan meckerte, er solle endlich seinen DS weglegen.

Nicky schielte zu Greg, der jetzt mit einem völlig überdimensionierten Messer Petersilie hackte.

»Pass bloß mit dem Messer auf«, rief Margaret. »Das sieht so scharf aus.«

Das spornte Greg an, noch schneller zu hacken, und dann warf er das Messer in die Luft und fing es, als es Richtung Boden fiel, am Griff wieder auf.

Margaret stieß einen kleinen Schrei aus.

»In solchen Situationen frage ich mich immer: Was würde Bruce Willis tun?«

Liz verdrehte die Augen. »Ernsthaft jetzt.«

»Bruce Willis ist es immer bitterernst, wenn er für seine Familie kämpft.«

»Bist du Bruce Willis mal begegnet?«, fragte Dan hoffnungsvoll. Er war fasziniert vom Beruf seines Onkels.

Greg gab die Petersilie auf die Filets und wandte sich, während Nicky die Platte zum Tisch trug, mit verschwörerischer Miene dem Jungen zu.

»Für dich immer noch Mr. Willis. Ein paarmal hab ich ihn getroffen, ja. Weißt du was, Danno? Einmal hat er was echt Bedeutendes zu mir gesagt.« Er legte eine Pause ein, und Nicky sah, wie Dans Augen sich vor Spannung weiteten. »Er hat gesagt: ›Yippee-ki-yay, Yippee-ki-yay.‹«

»Du meinst ›Yippee-ki-yay, motherfucker‹!«, schrie Dan.

Liz bedachte ihren Sohn mit einem Blick, unter dem Blumenzwiebeln verschrumpelt wären.

»Hier, Danno, schlag ein!« Greg hielt seinem Neffen eine hochgestreckte Hand hin. »Irgendwann musst du mal mitkommen nach Hollywood. Das wird lustig.«

Der Vierzehnjährige sah seine Mutter an. »Kann ich?«

»Werden wir sehen.«

Liz taxierte ihren Bruder auf eine Weise, die Nicky nicht zu deuten vermochte. Oft genug stichelte sie gegen ihn, aber im Grunde bewunderte sie ihn, so viel war klar. Nicky wandte sich wieder den anderen zu.

Während sie sich setzten und über die Platten hermachten, war Margaret noch in voller Fahrt. »Ich bin ja nur deine Mutter, Junge, ich muss mich damit abfinden, dass ich dich praktisch nie sehe, aber mit Nicky ist es doch was anderes. Du musst dich um deine Frau kümmern, Greg. Du musst doch wissen, worauf es wirklich ankommt.« Dazu fuchtelte sie gefährlich mit ihrer Gabel.

»Bei allem Respekt, Mama, das ist eine Sache, die nur Nics und mich etwas angeht.«

Sie redeten über sie, als wäre sie gar nicht da. Das war so üblich bei den Petersons.

»Wenn du zu lange weg bist, gibt es nur Kämpfe …«

»Bruce Willis kämpft ständig gegen irgendwen«, warf Dan ein und aß einen großen Happen Fisch.

Voll kleinlicher Schadenfreude hoffte Nicky, dass Liz das sah.

»Nein, Danno. Er kämpft für irgendwen«, erwiderte Greg. »Meistens seine Familie.« Kurz schaute er Nicky an, dann senkte er den Blick.

Nicky legte die Hände in den Schoß, während die Petersons in Windeseile das Essen vertilgten, für dessen Zubereitung sie Stunden gebraucht hatte. Greg war nicht zu greifen. Wurde er direkt angesprochen, rettete er sich meist in Ironie und Witzeleien, um sich dem, was eigentlich von ihm erwartet wurde, nicht stellen zu müssen.

»Was würde Bruce Willis also jetzt tun? Wie verhält er sich in der Krisensituation?«

»Er bringt jemanden um!«, rief Dan.

Liz fiel die Gabel aus der Hand.

Nicky wollte den Kopf in die Hände stützen, zuckte aber vor dem Gestank ihrer Finger zurück. Sie würde endlos schrubben, und trotzdem würde im Haus noch tagelang eine Fischwolke hängen.

4

Nicky hätte den Tag freinehmen sollen. Am Abend musste Greg fahren, und er würde zehn Wochen wegbleiben. Aber es war einfach zu viel zu tun – Bobby war wegen Überarbeitung zu Hause, und Mike hatte erst eine Woche zuvor im Trauer-Ressort angefangen. Außerdem hatte sie sich mal wieder zeigen müssen. Sie wollte den Job nicht verlieren.

Ein Mann im blauen Overall trug eine tote Yucca aus dem Büro des Chefredakteurs. Eigentlich müsste ich einen Nachruf auf dieses ganze Geschäft schreiben, dachte Nicky, da erschien Maria und knallte ihr einen Cappuccino von »Costa Coffee« im Erdgeschoss hin.

»Bloß gut, dass wir den los sind«, murmelte sie, als die Kartons mit der Habe ihres Ex-Chefs auf eine Sackkarre gestapelt wurden.

»Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst«, sagte Nicky.

»Ich wünsche mir gar nichts mehr«, gab Maria zurück. »So werde ich nicht andauernd enttäuscht.«

»Man sollte doch eigentlich meinen, dass wir in diesem Job eine neue Perspektive aufs Leben gewinnen – und auf den Tod«, sagte Nicky.

»Perspektive ist was für Dumme«, erwiderte Maria und beugte sich zu ihr vor. »Und, wie war’s? Seid ihr auch mal aus dem Bett rausgekommen?«

Nicky verzog das Gesicht und merkte, dass Maria sie genau beobachtete.

»Jedes Mal, wenn ich nach Greg frage, setzt du diese tragische Miene auf.«

»Er fliegt heute Abend.«

»Das weiß ich doch.«

Maria war eine gute Journalistin: hartnäckig und aufmerksam. Ihr machte keiner was vor. Nicky wand sich. Sie spielte mit einer Ecke des Blattes, das vor ihr lag.

»Er ist so viel weg. Das nervt.«

»Dann zieh nach L.A., arbeite frei, lass dich schwängern – du hast doch Möglichkeiten.«

Nicky seufzte. Sie mochte Maria, sehr sogar. Sie war gnadenlos optimistisch, was die Aussichten anderer anging, und pessimistisch in Bezug auf ihre eigenen. Was Nicky ihr nicht erzählen konnte, war, dass sie in einer Art Starre verharrte. Sie vermutete, dass Greg, sobald sie ankündigte, sie werde nach Kalifornien ziehen, plötzlich einen Grund finden würde, in China zu arbeiten. Es ging nicht um die räumliche Distanz, es ging um das, was jeder von ihnen wollte. Nicht zum ersten Mal dachte sie darüber nach, ob ihre Liebe auf etwas basierte, das durch und durch verkehrt und daher auch nicht zu halten war.

Maria streckte den Arm aus, angelte einen gelben Post-it-Zettel von ihrem Bildschirm und legte ihn Nicky hin. »Der Typ hat heute Morgen schon zweimal angerufen.«

Nicky brauchte einen Moment, um den Namen zuzuordnen – Adam, aus dem Flugzeug. Sie hatte ihn komplett vergessen.

»Hat er gesagt, worum es geht?«

»Nein.«

Als sie nach dem Telefon griff, fühlte sie sich unter scharfer Beobachtung, doch sie bekam ohnehin keine Verbindung zu dem Handy.

»Eine Affäre wäre natürlich auch eine Möglichkeit«, sagte Maria beiläufig.

Nicky antwortete nicht. Sie spürte die Röte in ihre Wangen steigen.

»Na, du bist mir ja eine«, sagte Maria leise zu ihrem Bildschirm, und Nicky warf den Plastikdeckel ihres Kaffeebechers nach ihr.

Als sie aufblickte, sah sie Bruton, den Nachrichtenredakteur, auf sich zurauschen. Rauschen trifft es genau, dachte sie. So wie im Frühjahr Eislawinen zu Tal gingen, brach er jetzt in ihr Büro. Sie hatte ihn noch nie hektisch werden sehen, nicht einmal, als die Twin Towers eingestürzt waren, aber er hatte einen scharfen Verstand und war wendig. Man machte einen Fehler, wenn man aus seiner körperlichen Schwerfälligkeit auf einen Mangel an geistiger Beweglichkeit schloss. Als er sich ihrem Schreibtisch näherte, verlangsamte er seinen Schritt und blieb schließlich stehen.

»Was haben wir heute?« Seine Stimme rasselte wie Kies.

»Einen früheren Kanzler der Unversität Durh…«

Er unterbrach Maria. »Langweilig. Damit macht bitte nicht auf.«

Jetzt übernahm Nicky. »Eine Schauspielerin aus den Ealing-Komödien, die eine Affäre mit einem ehemaligen Präsidenten …«

»Foto?«

»Sexy und von so guter Qualität, dass wir es groß bringen könnten.«

Er nickte. Dann zog er ein weißes Plastikröhrchen aus der Hosentasche, setzte es an die Lippen und saugte daran.

Nicky fuhr fort: »Da wäre noch ein Bergsteiger, der den Mount Everest erklommen und ein besonderes Steigeisen erfunden …«

»Nein. Der Chefredakteur ist gefeuert. Auf dessen Interessen müssen wir keine Rücksicht mehr nehmen.«

»Sieht aus, als würdest du einen Tampon-Applikator rauchen«, sagte Maria.

Bruton nahm das Plastikrohr aus dem Mund und starrte es abwesend an. Dann hustete er, und es klang, als würde ein Sack voller Steine geschüttelt. Enttäuscht musterte er seine Ersatzzigarette. Sie gab ihm nicht den Kick, den er brauchte. Er wies mit dem Tampon-Applikator auf das leere Büro des Chefredakteurs.

»Es wird gemunkelt, dass die Auflage abstürzt.«

Maria stieß einen zynischen Jubelruf aus. »Das heißt: mehr Affären, mehr Skandale, mehr tote Frauen.«

»Also nichts mehr über Beamte«, ergänzte Nicky, und darüber mussten sie alle drei lachen – bis Bruton von einem Hustenanfall heimgesucht wurde, den Nicky immerhin so besorgniserregend fand, dass sie aufstand und ihm auf den Rücken klopfte.

Nicky liebte ihren Job. Sie arbeitete hier schon seit Jahren, und es machte ihr Spaß. Ihr war klar, dass es Kollegen gab, die Nachrufe für unter ihrer Würde hielten, etwas, das die Leute schnell überblätterten, um zum Sportteil zu kommen. Zudem sah man in diesem Ressort nie seinen Namen gedruckt. Der Nachruf gehörte dem Dahingegangenen und niemandem sonst. »In einem Text, der von hier kommt, wird niemand je versteckte Werbung finden«, sagte Maria manchmal.

Von Nicky würde in nächster Zeit kein Porträt in der Zeitung erscheinen. Sie würde nicht einmal einen Hauch von Prominenz erlangen, und das war ihr nur recht. Trotzdem fragte sie sich hin und wieder – wo sie doch ständig vom Tod umgeben war –, was wohl in ihrem eigenen Nachruf stehen würde. Nicht viel. In der Hinsicht glich sie so vielen anderen, die planlos und unspektakulär vor sich hin lebten. Nur die wenigsten, das wusste sie, taten überhaupt je etwas Bedeutendes, etwas, das andere veranlasste, Einzelheiten zu ihrer Person in elektronischen Archiven zu sammeln und ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben, obwohl sie noch gar nicht gestorben waren. Die meisten gingen von einem Tag auf den anderen: Krebs oder ein Unfall oder schlicht das Alter. Wie der Tod auch kam, es gab davor immer ein Leben, das sich resümieren ließ. Sie trank einen Schluck Kaffee. Und dann war da Grace, von der nicht die gelebten Jahre in Erinnerung geblieben waren, sondern die Art ihres Todes, die Tatsache, dass die Justiz ihn nie aufgeklärt hatte.

»Du wirkst total abwesend«, sagte Maria, wickelte ihr Haar um einen Stift und steckte es zu einem wackligen Knoten.

Nicky lächelte. »Ich denke über den Tod nach«, sagte sie.

»Gib dich nicht zu lange damit ab. Ich stelle ihn mir wie die Grippe vor: Er erwischt dich einfach.«

Nicky verbrachte den Vormittag damit, die Nachrichtenticker nach neuen Todesmeldungen abzusuchen und mit ein paar freien Kollegen zu sprechen, und weil es draußen schön war, machte sie sich zeitig auf, etwas essen zu gehen. Auf dem Weg durch die Eingangshalle stockte sie. Auf dem Sofa neben dem Ausgang saß Adam.

Als er aufstand und mit den Händen in den Hosentaschen auf sie zukam, zog sich ihr Magen zusammen. Sie gaben einander die Hand. Weder entschuldigte er sich dafür, dass er so einfach bei ihrer Arbeit auftauchte, noch schien es ihm etwas auszumachen, dass er damit ziemliches Interesse demonstrierte.

»Das ist eine Überraschung«, sagte Nicky.

»Keine Sorge, ich bin nicht hier, weil ich einen Job brauche.«

Da war wieder dieses einzigartige Lächeln. Sie setzte eine erleichterte Miene auf.

»Bloß gut. Hier bringt es zurzeit nämlich nicht viel, nach einem Job zu fragen.«

»Es geht um meine Tante. Sie hat nicht mehr lange. Ich habe mich ein bisschen mit ihrem Leben beschäftigt und finde, das würde für einen Nachruf einiges hergeben.«

Wie süß, dachte Nicky. Sie war sicher, dass Adam sich in sie verguckt hatte. Ein bisschen wenigstens. Dass er wirklich etwas Brauchbares für sie hatte, bezweifelte sie allerdings – viele Leute hielten die Geschichten ihrer Angehörigen für weitaus interessanter, als sie tatsächlich waren. »Hast du deswegen angerufen?«

»Ja.«

Gemeinsam gingen sie durch die Drehtür hinaus in die Sommerhitze. Nicky sehnte sich danach, mit einem Sandwich und etwas zu trinken auf einer der Bänke in der winzigen Grünanlage um die Ecke zu sitzen.

»Und als du mich nicht erreicht hast, dachtest du, du kommst einfach her und erzählst es mir direkt.«

Er zuckte die Achseln. »Vielleicht bin ich ein bisschen nervös. Kann ich dich zum Essen einladen und dir dabei von ihr erzählen?«

Nicky protestierte gebührend. »Das wäre ja noch schöner. Du lädst mich überhaupt nicht ein. Aber du kannst mir bei einem Sandwich und einer Cola Gesellschaft leisten. Es gibt da ein ganz gutes Café …«

»Lass mich dich doch einladen, bitte. Es wäre mir eine Freude, wirklich.«

»Das kann ich nicht machen.« Aber sie lächelte trotzdem, sie konnte nicht anders.

»Bestimmt denkst du, meine Tante gibt nicht viel her, und bist nur zu höflich, das direkt zu sagen. Egal, ich lade dich auf jeden Fall zum Essen ein.«

Es war, als könnte die Sonne, die ihr den Rücken wärmte, den Stress im Büro und die Tristesse zu Hause einfach schmelzen lassen. Warum sollte sie sich nicht mit Adam unter einen Baum setzen? »Okay, du hast gewonnen.«

»Super.«

Sie wandte sich in Richtung Park, doch er zögerte. »Können wir woandershin gehen? Kann ich aussuchen?«

»Ich habe eine Stunde Zeit, länger nicht.«

»Ich möchte nicht im Freien bleiben, das ist mir zu einsehbar.«

»Wie bitte?«

Er schien verlegen. »Es tut mir leid, aber ich habe momentan ein bisschen mit Stalking zu tun und will dich da nicht mit reinziehen.«

»Stalking?«

Ihr wurde bewusst, dass sie wohl sehr ungläubig dreinschaute, aber Adam ging tatsächlich um das Verlagsgebäude herum und bog dort in eine im Schatten gelegene Gasse ein.