Dunkelhaft - Claudia Puhlfürst - E-Book
Beschreibung

In einem lichtlosen Verlies erwacht die sechzehnjährige Helene aus tiefer Bewusstlosigkeit. Im ersten Moment glaubt sie an einen Alptraum. Der Alptraum erweist sich jedoch viel zu schnell als entsetzliche Realität: Sie ist in einem fensterlosen Keller gefangen, sie kann sich nicht erinnern, wie sie dorthin gekommen ist und sie hat keine Ahnung, warum sie hier eingesperrt wurde ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:478

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Titel

Claudia Puhlfürst

Dunkelhaft

Thriller

Impressum

Alle Personen und Namen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig

und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2006 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2006

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Unter Verwendung eines Fotos von sxc.hu

Gesetzt aus der 9,5/13 Punkt GV Garamond

ISBN 13:978-3-8392-3238-5

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1

Das Mädchen versuchte, die Augen zu öffnen, aber die Lider waren schwer wie Blei. Ihre Zunge fühlte sich pelzig an. Im Kopf hämmerte und pochte es. Das Mädchen kannte diese Anzeichen. Sie hatte Fieber. Vielleicht eine Grippe. Mama würde kommen und ihr heißen Tee ans Bett bringen. Und sie konnte zu Hause bleiben und brauchte morgen nicht in die Schule zu gehen. Aber um Mama mit dem Tee erscheinen zu lassen, musste sie zuerst einmal die müden Augen aufkriegen. Also, auf jetzt, ihr schlappen Dinger! Im Zeitlupentempo klappte das rechte Lid hoch. Das linke folgte.

Schwärze.

Das Mädchen machte mühsam die Augen noch einmal zu und öffnete sie vorsichtig erneut.

Nichts zu sehen. Kein Lichtstrahl drang in ihr Zimmer. Es war pechrabenschwarze Nacht überall.

Sie ließ ihre Augen hin- und herrollen. Die Bewegung der Muskeln war deutlich zu spüren, aber diese blöden Glotzen sahen trotzdem nichts. Noch einmal klappten die Lider herunter und wieder herauf, wie bei einer Puppe.

Da war nichts. Allmählich schmerzten die Augäpfel vom angestrengten Starren.

Vielleicht träumte sie nur, dass sie die Augen geöffnet hatte, und in Wirklichkeit waren sie noch immer fest geschlossen. Das war schon vorgekommen. Sie hatte auch schon geträumt, fliegen zu können. Oder auf einem Pferd dahinzugaloppieren. Oder sich mit Tobey Maguire besser gesagt mit Tobias Vincent Maguire zu treffen. Wunderbare Erlebnisse. Beim Erwachen waren die Abenteuer verblichen und hatten sich zurückgezogen.

Manchmal wurde das Mädchen auch von schlechten Träumen geplagt. Teuflische Gestalten aus Horrorfilmen, Untote, Axtmörder oder Freddy Kruger verfolgten sie im Schlaf. Dann war sie froh, aufzuwachen.

Man konnte nie ganz sicher sein, ob man tatsächlich träumte. Vielleicht wussten Erwachsene, wie man das machte. Sie jedenfalls kannte keine Möglichkeit, es zu überprüfen.

Sie versuchte, die Zehen zu krümmen. Die waren schläfrig und wollten nicht. Ihre Gedanken wanderten weiter. Der rechte Arm lag halb unter dem Körper, der linke über der Hüfte. Und die Oberfläche des Kopfkissens kratzte ein bisschen an ihrer Wange.

Sie war so unendlich müde.

Das hier war bestimmt einer von diesen furchtbaren Alpträumen. Sie würde noch ein bisschen weiterschlafen und wenn sie erwachte, wäre alles wie immer.

Das Mädchen ließ die müden Lider wieder nach unten sinken, zog die Decke über die Schultern und rollte sich zusammen.

2

»Ich hole mir noch ein Glas Saft.« Seine Frau drückte sich mit beiden Armen aus dem Sessel hoch und zog die Falten ihrer lilafarbenen Jogginghose glatt. »Soll ich dir noch ein Bier mitbringen?« Sie griff nach der leeren Flasche vor ihm.

»Ja, aus dem Kühlschrank bitte.« Auf der Marmorplatte des niedrigen Couchtisches war ein Ring aus Wasser zurückgeblieben. Er beugte sich vor und griff nach der Fernbedienung. Nachrichten im Ersten. Zuerst kam – wie immer – Politik. Politik interessierte ihn nicht. Diese Schauspieler steckten doch alle unter einer Decke.

Regina kam zurück. Mit der Linken balancierte sie ihr Saftglas, seine Bierflasche hing zwischen Zeige- und Mittelfinger der Rechten. Unter dem Arm klemmte eine angefangene Rolle Küchenkrepp.

Sie saugte den Wasserfleck vor ihm auf, polierte dann die Oberfläche und stierte eine Sekunde lang den glatten Marmor an, bevor sie ein weiteres Küchentuch abriss und fein säuberlich faltete, um die mitgebrachte Flasche darauf zu stellen.

Manfred legte seine Hand um den Flaschenhals. Feuchte Kälte drang durch die Finger. Die Biertulpe links von ihm wartete nun schon das zweite Mal vergebens darauf, benutzt zu werden. Er trank lieber aus der Flasche. Es schmeckte echter. Echte Kerle waren nicht etepetete. Sie brauchten kein Glas.

Seine Frau nippte an ihrem Saft und lehnte sich zurück. Steuern, Krankenversicherung, Arbeitslosenverwaltung. Bla, bla, bla.

»Mach mal lauter.« Regina setzte sich aufrecht hin und nickte mit dem Kinn in Richtung Bildschirm. »Ich möchte das hören.«

»... Prozess gegen Marc Dutroux begonnen.« Ein Reporter stand in einer unscheinbaren Straße vor einem unscheinbaren Gebäude und referierte mit betroffenem Gesichtsausdruck über den Ablauf der Taten dieses Ungeheuers.

Jetzt wendete er sich einem bärtigen Mann mittleren Alters zu. »... Paul Marchal, der Vater von An, eines der ermordeten Mädchen.« Der Reporter schob dem Bärtigen das Mikro unter die Nase und ließ diesen vom Verschwinden seiner Tochter erzählen.

Manfred legte die Fernbedienung auf den Tisch und beobachtete seine Frau. Regina starrte mit nach vorn geschobenem Unterkiefer auf den Bildschirm. Ihr Gesichtsausdruck wechselte ständig von fasziniert zu angeekelt und wieder zu fasziniert.

»... 1996 wurde Dutroux schließlich gefasst. Und nun wird ihm hier –« der Reporter zeigte mit der Rechten auf das Gebäude hinter sich »– in Arlon der Prozess gemacht. Wir werden weiter über den Fall berichten.« Schnitt. Nächste Nachricht.

Er nahm einen Schluck und ließ den Mund ein wenig offen, um das bittere Prickeln an den Innenseiten der Wangen besser schmecken zu können.

»Ich glaube das alles nicht.« Seine Frau ließ zischend die angehaltene Luft entweichen und schüttelte den Kopf. »Was ist das bloß für ein Monster.« Sie nahm einen Schluck Orangensaft und drehte den Ton leiser. »Und wieso klagen die ihn jetzt erst an, fast zehn Jahre später? Der Reporter hat gesagt, man hätte ihn 1996 gefasst. Was haben die in der Zwischenzeit gemacht?«

»Keine Ahnung. Es interessiert mich auch nicht.« Manfred wandte seinen Blick ab. Er hatte keine Lust, sich mit seiner Frau über belgische Verhältnisse zu unterhalten. Er hatte überhaupt keine Lust, sich zu unterhalten. Er musste nachdenken.

Dieser Dutroux hatte mehrere Mädchen gefangen gehalten. In einem Keller. Es wurde spekuliert, ob eine Bande von Kinderschändern dahinter steckte. Die belgische Justiz schien wenig Interesse daran zu haben, den Fall aufzuklären. Wieso hatte es sonst acht Jahre bis zum Prozessbeginn dauern können? Aber das war gar nicht die entscheidende Frage. Der Mann auf dem Sofa streichelte mit dem Daumen über das feuchte Etikett der Bierflasche. Viel interessanter war: Was hatte dieser Dutroux mit den Mädchen gemacht? Wozu wurden sie dort in diesem Kellerverlies gefangen gehalten?

›Und nun zum Wetter.‹ Regina streckte eilig ihre Hand nach der Fernbedienung aus und erhöhte die Lautstärke. Der Wetterbericht war das Wichtigste.

Manfred nahm einen großen Schluck. Das Bier wurde allmählich warm. Die Medien hatten nichts darüber gebracht, was mit diesen Mädchen dort geschehen war. Über den Ort, in dem Dutroux jahrelang gewohnt hatte, die Nachbarn, seine Familie, vermeintliche Komplizen, das Verlies und seine Ergreifung war ausführlich berichtet worden. Aber das eigentlich Interessante verschwieg man. Oder wussten sie es nicht? Nach acht Jahren? Zwei hatten doch überlebt. Sie konnten erzählen, was Dutroux mit ihnen angestellt hatte. Vielleicht wollte man die beiden schützen.

Glatt schmiegte sich der Flaschenhals an seine Unterlippe. Der letzte Rest Bier gluckerte aus der Flasche. Er stellte sie zurück. Fein säuberlich auf den gefalteten Küchenkrepp.

»Was willst du sehen?« Regina wartete seine Antwort nicht ab, sondern setzte gleich fort. »Im Ersten kommt ein Tatort.«

»Von mir aus.« Manfred erhob sich, steckte den Zeigefinger in die leere Flasche und hob sie an. Der Krepp klebte an der Unterseite und fiel dann ab. »Ich hole mir noch ein Bier.«

In der Küche war es still. Er öffnete das Fenster und schaute über den Hügel hinab zur Straße. Die Katze des Nachbarn saß am gegenüberliegenden Gartenzaun und hielt den Kopf schräg, so als lausche sie einer fernen Melodie. Im Kühlschrank lagen noch drei Pils. Sehr gut. Regina hatte vorgesorgt. Sie gab sich Mühe. Jedenfalls in dieser Beziehung. Was man von anderen Dingen leider nicht behaupten konnte.

Was das Äußere seiner Frau anging, konnte man von Bemühungen nichts erkennen. Sie ließ sich gehen. Ausgeleierte Jogginghosen, schlabbrige Pullover, keine Schminke. Die Hüften gingen mehr und mehr in die Breite. Und der gelegentliche Sex mit ihr war sterbenslangweilig. Immer das Gleiche. Immer die Missionarsstellung. Manchmal schob sie Kopfschmerzen vor, um ihre Ruhe zu haben. Das alles war Gift für die Potenz.

In seinen Fantasien war sie ein sechzehnjähriges Mädchen, das er in die Kunst der Liebe einführte. Willig und gelehrig. Manfred drückte mit der Linken das Fenster an den Rahmen und kippte es an.

Willig und gelehrig. Das führte ihn wieder zu der Frage von vorhin zurück. Was hatte dieser Dutroux mit den gefangenen Mädchen gemacht? Er nahm ein Pils aus dem Kühlschrank.

Eine reizvolle Vorstellung. Ein gefügiges Mädchen in einem sicher verschlossenen Raum, immer bereit, wenn ihr Gebieter Lust auf sie hatte. So ein junges, knackiges Ding würde sich seinen Forderungen nach einer kurzen Zeit der Eingewöhnung ohne Widerstand fügen und nicht jeden zweiten Abend Kopfschmerzen vortäuschen wie seine Angetraute. Deren Fleisch im Übrigen auch allmählich schlaff und wabbelig wurde.

Das Wabbelfleisch hockte in seinem angestammten Sessel und blickte nicht einmal auf, als er zur Tür hereinkam. Sie war gefesselt von realitätsfremden Verbrechen, die sich ein überbezahlter Drehbuchautor ausgedacht hatte. Er ließ den Daumen aus der Flasche ploppen und nahm einen langen Zug.

Dutrouxs Mädchen waren in einem Keller eingesperrt gewesen. Manfred schloss die Augen und spürte den Samt des Sofas an der Rückseite der Oberschenkel. Das Bier machte die Beine schwer. Und die Frau von diesem Dutroux hatte scheinbar über all das Bescheid gewusst. Die Frau und noch ein paar andere Komplizen. Nicht besonders intelligent. Schon das sprach dafür, dass dieser Schwachkopf die Kleinen nicht für sich allein gefangen hielt. Warum hätte er sonst andere einweihen sollen? War doch logisch, dass die dann auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollten. Und die Gefahr der Entdeckung wuchs mit jedem Mitwisser. Dieser Dutroux war ein hirnloser Dummkopf. Und das hatte er nun davon. Sie waren ihm auf die Schliche gekommen.

Er jedenfalls würde nicht so gedankenlos vorgehen. Wenn man so eine Entführung richtig plante und vorbereitete, würde nie im Leben jemand es herausfinden. Komplizen waren ganz schlecht. Und warum die süße Frucht mit jemandem teilen? Nein, man musste allein dafür schuften und konnte dann den Lohn der Mühen auch allein genießen. Und das eigene Haus war auch nicht besonders geeignet, um dort eine süße kleine Sklavin zu halten. Nicht, wenn man eine putzsüchtige Frau hatte, die auch den Keller regelmäßig aufräumte.

Seine Blase drückte. Das war der einzige Nachteil von Bier. Er sah das gerötete Gesicht seines Kumpels Ralf vor sich. ›Weißt du, warum Bier so schnell durchläuft?‹ Ralf hatte in Erwartung seiner Antwort gegrinst. ›Weil es nicht erst die Farbe wechseln muss.‹ Gemeinsam mit den anderen hatte Manfred losgegrölt und mit der flachen Hand auf den glatt polierten Eichentisch der Dorfkneipe gehauen. Ralf war ein Spaßvogel.

Er erhob sich. Regina schaute ihm mit gleichgültigem Gesicht nach und wandte sich dann wieder ihrem Tatort zu.

Das Neonlicht im Bad flackerte zuerst ein bisschen und beruhigte sich dann. Die Klobrille war auch an der Unterseite makellos weiß. Keine Urinflecken, keine verdächtigen braunen Spritzer. Da kannte seine Frau nichts. Sauberkeit musste sein. Regina putzte täglich. Manfred zielte in die Mitte des Beckens und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Dieser Dutroux hatte so durchschnittlich ausgesehen. Nichtssagend. Der nette Nachbar von nebenan.

Der Mann in dem dreiteiligen Spiegel des Kosmetikschränkchens kniff das rechte Auge zu und beobachtete, wie gleichzeitig der rechte Mundwinkel nach oben wanderte.

Ein Allerweltsgesicht. Genau wie Manfred Rabicht eins hatte. Der Durchschnittsmann schüttelte den letzten Tropfen ab, verstaute sein bestes Stück wieder in der Hose und drückte auf den Spülknopf. Vom Klostein blau gefärbtes Wasser strudelte ins Becken. Es roch schwach nach Chlor.

Im Hinausgehen wischte er mit der Linken über den Lichtschalter und ließ die Tür einen Spalt offen, damit der Raum durchlüften konnte. Das Bad hatte kein Fenster. Es war nachträglich eingebaut worden. Nicht besonders geschickt, ein Badezimmer ohne Fenster, aber es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Nun war es eine Dunkelkammer. Eine Dunkelkammer ohne Tageslicht. Dunkelzelle.

Manfred rieb sich mit den Fingern über die Stirn und stieß die Wohnzimmertür auf. Regina saß nach vorn gebeugt in ihrem Sessel, das halbvolle Saftglas in ihrer Rechten nach links gekippt.

»Pass auf, dass du nichts verschüttest.« Er deutete auf ihre Hand.

»Oh.« Regina sah hoch. »Ich war in Gedanken. Ein spannender Film ist das. Es geht um eine Autoschieberbande.« Sie nahm einen Schluck und stellte den Orangensaft auf den Couchtisch.

Manfred Rabicht lächelte und strich seiner Frau im Vorübergehen über die Schulter. Eine Autoschieberbande! Direkt aus dem Leben gegriffen! Ganz toll. Er ließ sich auf die Couch plumpsen und griff nach dem Bier. Amüsier dich nur, mein Täubchen. Dann hast du wenigstens nachher keine Kopfschmerzen. Nachher, wenn dein lieber Ehemann ein bisschen Spaß mit dir haben möchte. Der Mann auf der Couch hatte den Gesichtsausdruck einer Katze, die gerade dabei ist, den Sahnetopf auszuschlecken. Er würde sich im Dunkeln über Regina hermachen und sich dabei vorstellen, sie sei eine knackige fünfzehnjährige Jungfrau, die er in die Kunst der Liebe einführte.

3

Das Mädchen rannte über eine Blumenwiese und ließ die Arme wirbeln. Samtige Schmetterlinge gaukelten vor ihr her. Es duftete nach frisch gemähtem Gras. Vom Apfelbaum schneiten zartrosa Blütenblätter herab.

Nur die Stille war seltsam. Kein Vogel zwitscherte, keine Grille zirpte. Das Laub bewegte sich lautlos an den Ästen. Nichts war zu hören.

Das Mädchen blieb stehen, sah sich um und versuchte, probehalber in die Hände zu klatschen. Hölzern bewegten ihre Arme sich aufeinander zu und verharrten, bevor die Handflächen sich berühren konnten. Sie wollte weiterlaufen, aber die Luft schien sich in Sirup verwandelt zu haben. Nur mühsam lösten sich die Füße ein paar Zentimeter vom Boden und schoben sich schwerfällig nach vorn. Der Erdboden erzitterte leicht. Irgendetwas Massiges war hinter ihr und kam geräuschlos stampfend näher. Das Mädchen konnte den heißen Pestatem des Wesens im Nacken spüren.

Lauf, Helene, lauf! Schnell. Rette dich!

Ihr Kopf wollte losrennen, wollte mit aller Macht davonrasen, aber die störrischen Beine verhakten sich ineinander und als sie sich endlich mühsam entwirrt hatten, kamen sie keinen Zentimeter voran. Helene trat auf der Stelle und stürzte zu Boden.

Bebend lag sie auf der taufeuchten Wiese und versuchte, ihren keuchenden Atem unter Kontrolle zu bekommen, damit das Monster sie nicht hören konnte. Vielleicht übersah das Ungeheuer ja das zitternde Mädchen und trampelte von dannen.

Sie spürte, dass sie röchelte und jetzt konnte sie auch etwas hören. Rasselndes Ein- und wieder Ausatmen. Die taufeuchten Grashalme direkt vor ihren Augen verblassten und die Wiese verschwand.

Und sie lag auch nicht zusammengekrümmt auf der Seite, sondern auf dem Rücken, die Beine ganz gerade, die Arme seitlich neben dem Körper. Ihr Kopf war nach hinten überstreckt und der Mund stand ein wenig offen.

Es gab kein Ungeheuer hinter ihr. Es gab keine Blumenwiese und keinen Blütenschnee vom Apfelbaum. Das alles war nicht wirklich. Ein schlechter Traum.

Sie hatte

schon wieder

einen dieser Alpträume.

Helene hob den kraftlosen Arm und fuhr sich mit der Handfläche über das Gesicht. Ihre Wangen waren feucht. Sie musste im Traum geweint haben.

Sie würde jetzt gleich die Augen öffnen und sehen, dass sie in ihrem Bett lag. In ihrem nachtdunklen Teenagerzimmer, beschützt von all den Plüschtieren aus Kindertagen, dem alten Fusselteddy Freddy und der dicken Babypuppe Leila. An den Wänden die Poster ihrer Lieblingsgruppen. Im Hintergrund würde der runde Mond gemütlich zum Fenster hereinblinzeln und die Blätter des Kirschbaumes würden sanft hin und herschaukeln.

Bei drei. Eins, zwei ...

Helenes Augen blieben geschlossen. Nur noch ein paar Sekunden. Sie hatte Angst. Was, wenn das hier nicht ihr weiches Kuschelbett war? Was, wenn rings um sie wieder diese tintenschwarze Nacht waberte, in der man überhaupt nichts sehen konnte? So, wie in dem schlimmen Alptraum gestern? Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, wie es ausgegangen war.

Aber, was soll es denn sonst sein, du dumme Trine. Dumachst jetzt sofort die Augen auf und vergewisserst dich. Sei kein Feigling. Du bist ein starkes Mädchen. Also los.

Das Mädchen kniff die Lider einen Moment lang fester zu und öffnete sie dann einen Spalt, um die Umgebung erst einmal vorsichtig zu testen.

Finsternis.

Jetzt riss sie die Augen weit auf.

Nichts. Schwarze, schwarze Nacht.

Kein Mond, kein Kirschbaum, keine dicke Leila, keine Poster.

Absolute Lichtlosigkeit.

4

»Take good care of my baby ... never let her go ...«

Leise dudelte die softe Männerstimme aus dem Radio-wecker durch das dunkle Schlafzimmer. Regina seufzte, drehte sich um und zog das Kissen über den Kopf. Sie würde ganz sicher nicht mit ihrem Mann aufstehen. Manfred schob das Deckbett beiseite. Die Morgenluft berührte mit kalten Fingern zuerst seine Füße und tastete sich dann an den nackten Beinen nach oben.

Er konnte spüren, wie sich die Härchen an den Schenkeln aufrichteten. Es wurde allmählich Zeit, zu langen Schlafanzügen überzugehen. Wie ein Turner am Pferd schwang er die Beine nach links und setzte sich gleichzeitig auf. Seine Zehen krümmten sich für eine Sekunde, als die Fußsohlen die Bodenfliesen berührten. Manfred drückte auf den Aus-Knopf und machte dem Gejaule den Garaus.

5:38 zwinkerten die grünleuchtenden Ziffern ihm zu. Zeit, aufzustehen, Herr Rabicht.

Das Bett knarrte, als er in seine Hausschlappen schlüpfte, sich erhob und zum Fenster schlurfte. Gerade erst Anfang September und die Tage wurden schon wieder merklich kürzer. Er legte die Hand auf den kalten Metallriegel und sah zum Nachbargrundstück hinüber. Man konnte förmlich zusehen, wie der Garten verwilderte, seitdem sich niemand mehr darum kümmerte. Der alte Bochmann war im Juli gestorben. Einfach so. Herzinfarkt hatten die Ärzte diagnostiziert. Ein schöner Tod. Mit einundachtzig war es auch nicht zu früh. Manfred drückte das Fenster an den Rahmen, riegelte es zu und tapste ins Bad.

Die Neonröhre klickte erst ein paar Mal, ehe sie ansprang. Das viel zu helle Licht ließ ihn älter aussehen. Er wandte den Blick von seinem müden Spiegelgesicht ab und griff nach der Zahnbürste mit den verbogenen Borsten. Karl war ein guter Nachbar gewesen. Hielt Haus und Garten in Schuss. Auch nachdem seine Erna das Zeitliche gesegnet hatte, brachte er ab und zu Tomaten oder eine Gurke aus dem kleinen Gewächshaus herüber. Von Zeit zu Zeit war Manfred auch bei ihm drüben gewesen und sie hatten ein kühles Bier zusammen gezischt. Er spülte mit Mundwasser nach. Es roch nach grüner Minze.

Und nun war der Alte tot. Und schon ein paar Wochen später vergammelte da drüben alles. Wer weiß, wie es erst im Haus aussah. So weit er wusste, gab es keine direkten Erben. Erna und Karl hatten keine Kinder gehabt. Was geschah mit Haus und Hof, wenn der Eigentümer verstarb und keine Erben da waren? Legte der unersättliche Staat seine habgierigen Hände darauf?

Er stieg aus der Dusche und zog das Badetuch von links nach rechts über die Schultern und den Rücken. Vielleicht sollte man sich einmal danach erkundigen. Nicht, dass durch den allmählich verwildernden Garten noch Einbrecher angelockt wurden. Man konnte nie wissen. Manfred Rabicht warf das Handtuch über die Chromstange und richtete die Kanten gerade aus. Sein Spiegelgesicht blickte jetzt fröhlicher drein. Bereit, den Tag zu beginnen. Er griff nach den Boxershorts und schlüpfte dann in die rote Arbeitshose mit dem Brustlatz. Schwarze Socken, dunkelbraunes Hemd. Ein Hausmeister sollte nicht schick, sondern funktional gekleidet sein. Die Badezimmertür fiel mit einem Schmatzen ins Schloss und er drückte sie wieder auf, damit der feuchte Dunst abziehen konnte.

Der Nachthimmel hinter dem Küchenfenster begann, sich dunkelgrün zu färben. Das Haus des Nachbarn duckte sich schwarz und klein unter die riesigen Fichten. Es schien zu trauern.

Manfred Rabicht besaß noch immer Karl Bochmanns Schlüssel. Niemand hatte ihn nach dem Tod seines Nachbarn danach gefragt. Karl hatte einen Schlüssel von ihnen, sie hatten einen Schlüssel von Karl. Das war so üblich. Und warum hätte er ihn freiwillig abgeben sollen? So konnte man wenigstens ab und zu nach dem Rechten sehen.

Und vielleicht sollte er genau das in den nächsten Tagen einmal tun. Nach dem Rechten sehen. Den Rasen mähen. Regina konnte indessen in der Nachbarschaft herumfragen, warum noch keine Erben aufgetaucht waren. Schließlich hatten sie das Recht, zu erfahren, wie es weitergehen würde.

Er öffnete den Klappverschluss der Kaffeedose und schaute auf die letzten Krümel am Boden. Regina hatte mal wieder nicht nachgefüllt. Und wie immer war nicht sie diejenige, die am frühen Morgen nach unten stapfen und Nachschub holen musste. Auf dem Weg dorthin nahm er die Klappkiste mit den leeren Flaschen mit.

Der Keller war ein Labyrinth, typisch für alte Häuser. Es gab etliche Kammern. Für Kohlen, für Vorräte, für Werkzeug. In den meisten lagerte ein Berg unsortierten Zeugs. Das war seine Schuld. Er fand nie Zeit, dort mal gründlich aufzuräumen. Den Vorratskeller hielt Regina in Schuss. Manfred schnüffelte. Es roch nach alten Kartoffeln und feuchter Erde. Er mochte den Kellergeruch schon seit seiner Kindheit. Er versprach Kühle und Dunkelheit. Und leckere Vorräte. Kompott und Marmelade.

Die Kaffeepackungen standen genau in Augenhöhe, in Reih und Glied auf den Brettern. Prodomo von Dallmayer. Regina kaufte nur diese Sorte. Er war teuer, aber sie behauptete, das sei der einzig wahre Kaffee. Kopfschüttelnd betrachtete Manfred das Etikett, stolperte im gleichen Augenblick über eine Kante im Betonboden und fing sich mit dem linken Arm an der Wand ab.

In Karls Keller gab es keinen Betonboden. Das Haus nebenan besaß noch den festgestampften, unverwüstlichen Lehmboden von früher. ›Geh mir weg mit diesem neumodischen Schnickschnack.‹ hatte Karl gesagt. ›Ein richtiger Keller braucht keinen Betonboden. Siehst du irgendwelche Unebenheiten hier? Ist es irgendwo feucht?‹ Dann hatte der Alte sich ächzend nach dem Bierkasten gebückt und im Aufrichten mit dem Kopf geschüttelt. ›Nichts da! Solange ich lebe, kommt hier kein Betonboden hin. Ein Kohlenkeller braucht kein Fenster, ein Kellerfußboden keinen Beton. Das war so und das bleibt so.‹ Dann war er, sich den krummen Rücken haltend, nach oben geschlurft und Manfred war ihm gefolgt wie ein Hündchen seinem Herrn.

Ein Kohlenkeller braucht kein Fenster.

Seit mindestens zehn Jahren hatten Karl und Erna eine Ölheizung. Gegen diesen Luxus hatte sich der alte Griesgram nicht gewehrt. Aber seinen guten alten Kohlenkeller wollte er auch nicht einfach so aufgeben. Also blieb der Raum, wie er war. Ein finsteres Loch von drei mal vier Metern. Zu nichts nütze.

Zu nichts nütze.

Manfred stach mit der Schere ein Loch in die fest verschweißte Tüte, damit sie sich entspannen konnte, schüttelte das Pulver nach unten und schnitt den oberen Falz ab. Kaffeeduft stieg ihm in die Nase.

Er schaltete die Maschine ein und suchte im Kühlschrank nach den belegten Broten, die seine Frau schon am Vorabend vorbereitet hatte. Im Küchenradio gab Opa Unger von ›Radio PSR‹ altbackene Witze zum Besten. Manfred kontrollierte die Uhrzeit. Zehn nach sechs. Er hatte genau noch zehn Minuten, um zu frühstücken.

Manfred Rabicht kam ungern zu spät. Er nahm seine Arbeit ernst. Der Besuch im Keller hatte ihn vier Minuten gekostet, die jetzt fehlten.

Im Schritttempo, um nicht anzuecken, fuhr er das Auto aus der Garage. Jetzt war es schon fast hell. In der Luft lag ein Geruch von fernem Kartoffelfeuer.

Manfred Rabicht bog auf die Straße ein und betrachtete im Vorüberfahren nachdenklich das geduckte Haus seines Nachbarn. Es schien auf etwas zu warten.

Er hielt vor dem großen Tor, stieg aus, schob den Schlüssel in das verrostete Schloss und nahm sich zum hundertsten Mal vor, es zu ölen. Hinter den Eisenstangen wartete der Schulhof auf das allmorgendliche Getümmel.

Der Hausmeister fuhr in die hinterste Ecke, stellte das Auto vor der Werkstatt ab, stieg aus und sah sich um. Auf dem Abfallcontainer stritten sich zwei Krähen um undefinierbare Reste. Hinter ihm knirschte der Kies. Die Sekretärin bugsierte ihr Auto auf ihren Stellplatz, schachtelte sich hinter dem Lenkrad hervor, winkte ihm zu und schloss den Hintereingang auf. Der Tag konnte beginnen.

5

Der Hausmeister legte die große Rohrzange neben ihre kleineren Gefährten und schob die beiden oberen Hälften des Werkzeugkastens zusammen, bis das Schloss einrastete. Fünfzehn Uhr. Für heute reichte es mit der Arbeit. Schließlich war morgen auch noch ein Tag.

Natürlich könnte Manfred Rabicht etwas Besseres sein, als gerade Hausmeister. Er war intelligent, kein Zweifel. Aber ihm genügte das hier, ihm fehlte der Ehrgeiz.

Klar, hätte er damals Abi machen und studieren können. Die Voraussetzungen dazu waren da gewesen, aber er hatte Geld verdienen und nicht noch jahrelang die Schulbank drücken wollen. Abitur und Studium, das hieß: Mindestens sechs Jahre keine Knete. Nichts für ihn.

Manfred Rabicht presste einen Zentimeter der körnigen Waschpaste heraus und rieb dann die Handflächen aneinander. Grauer Schaum strudelte ins Waschbecken. Er würde jetzt bei Helga im Sekretariat noch einen Kaffee trinken und dann nach Hause verschwinden.

Nach der Klempnerlehre hatte er zuerst ein paar Jahre bei seinem Meister gearbeitet. Handwerker verdienten im Osten gutes Geld. Und nach der Wende, als leider Schluss mit der schönen Westknete und der Sonderbehandlung gewesen war, hatte sich durch einen glücklichen Zufall dieser Job hier ergeben. Ihm gefiel es, Hausmeister zu sein. Keiner konnte so richtig nachprüfen, was er arbeitete und ob er arbeitete.

Auf dem Weg nach oben betrachtete er die rissigen Kellerwände des alten Gebäudes und klimperte dabei mit dem riesigen Schlüsselbund in seiner Kitteltasche. Ein bisschen neue Tünche würde dem ehrwürdigen Gemäuer nicht schaden, aber es war kein Geld da.

Neben einer massiven Eisentür konnte man noch die Abkürzung ›LSR‹ erkennen. Seit übersechzig Jahren prangten die Buchstaben dort. Die ehemals rote Farbe war zu einem bräunlichen Rosa verblichen, aber man konnte es noch immer lesen. Der Raum dahinter war ein fensterloses Loch. Zu DDR-Zeiten hatte man hier die Ausrüstung für den Unterricht in Zivilverteidigung gelagert. Gasmasken, Schutzanzüge, Krankentragen, Sani-Taschen. Manfred Rabicht war sich heute, nach all den Jahren, noch immer nicht im Klaren darüber, ob die senilen Bonzen in Berlin tatsächlich geglaubt hatten, mit diesen Mitteln einen Krieg gewinnen zu können.

Er stieg die Steinstufen nach oben und versuchte sich zu erinnern, wann er den Raum hinter der Tresortür zum letzten Mal betreten hatte. Es musste Jahre her sein.

Vielleicht sollte man den Luftschutzraum mal wieder inspizieren. Aber nicht mehr heute. Heute musste Manfred Rabicht erst einmal das Haus seines lieben Ex-Nachbarn Karl abchecken. Er klopfte dreimal kurz, einmal lang an die Tür des Sekretariats und trat, ohne auf ein »Herein« zu warten, ein.

Regina war nicht zu Hause. Am Flurspiegel klebte in Augenhöhe eine Haftnotiz. Manfred trat dichter heran und las. ›Bin bei Margot.‹ Der Zettel verdeckte seine Augen. Es sah aus, wie der Balken, der bei Zeitungsfotos zum Unkenntlichmachen von Gesichtern verwendet wurde. Nur dass er nicht schwarz, sondern gelb war. Er riss die Notiz ab und zerknüllte das Papier. Frau Rabicht war also bei ihrer Busenfreundin zum Kaffeeklatsch. Das konnte dauern. Gelegenheit für ihn, seine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen und im Haus nebenan nach dem Rechten zu sehen.

Er zog die Haustür hinter sich zu und sah sich um. Die Dahlien ließen ihre schweren Köpfe nach unten hängen. Rot und orange loderten Farbfetzen durch das Bohnenspalier. Der eindringliche Duft nach Dillblüten weckte Erinnerungen an eingeweckte Gurken.

Vom Komposthaufen erhob sich ein Schwarm grünschwarz schillernder Fliegen und brummte missbilligend über den näher kommenden Störenfried. Kaum war er vorbei, ließen sich die Aasfresser wieder auf den ausgekochten Knochen nieder, die Regina dort achtlos hingeworfen hatte. Manfred nahm sich vor, sie daran zu erinnern, dass Fleischreste nicht auf den Kompost gehörten. Das lockte nicht nur widerliche Schmeißfliegen, sondern auch Marder und andere Raubtiere an.

Im hinteren Bereich des Gartens machte der Zaun einen Knick. Er blieb stehen und drehte sich um. Die Fichten, die noch vor zehn Jahren so hübsch wie kleine dunkelgrüne Pyramiden ausgesehen hatten, verdeckten nun fast ihr gesamtes Haus. Nur oben links lugte noch ein Eckchen des Schlafzimmerfensters heraus. Die niedrige Pforte zwischen den Brombeersträuchern kreischte beim Aufstoßen entrüstet und er nahm sich vor, sie demnächst mit etwas Kriechöl zum Schweigen zu bringen.

»Da bin ich, Karl. Will mal nach dem Rechten gucken. Das ist doch auch in deinem Sinne, nicht wahr?« Manfred Rabicht sah nach oben in den glatt blauen Himmel und hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, der Alte schaue mit prüfendem Blick auf ihn herab.

Die Ähren der Grashalme reichten ihm bis zu den Knien und benetzten den Saum seiner Hose mit Wassertröpfchen. Wie schnell entwickelte sich aus einer gepflegten Wiese eine Wildnis, wenn sich keiner darum kümmerte. Vereinzelt schimmerten noch ein paar übrig gebliebene dunkelrote Brombeeren zwischen den Blättern der wuchernden Sträucher hervor. Es sah aus wie eine Illustration in einem alten Kinderbuch.

Er stieg die drei Stufen zur Hintertür hinauf. Lautlos drehte sich der große Schlüssel im Schloss. Mit einem kleinen Quieken schwang die weiß lackierte Tür auf und gab den Blick auf die Küche frei. Manfred trat ein, zog die Tür hinter sich zu und sah sich um.

Das Rosenmuster von Ernas selbst gehäkelten Gardinen zeichnete sich lichtdurchbrochen auf dem dunkelgrünen Linoleum ab. Auf den Schränken lag eine graue Staubschicht. Und es roch ungewaschen und schweißig. In der Spüle lagen zwei verkrümmte Wespen. Seine Finger griffen wie von selbst nach dem Wasserhahn. Zuerst röchelte es in der Leitung, dann spuckte das Metallrohr einen halben Liter braune Brühe in das runde Becken, zischte und fauchte zwischendurch wie eine gereizte Katze, bis der Strahl sich schließlich beruhigte und allmählich klarer wurde.

Die Wespen wirbelten davon und Manfred Rabicht überlegte, wie lange Wasser, Strom und Gas nach dem Tod des Wohnungsinhabers noch bereitgestellt wurden. Gab es in Karls Haus überhaupt noch Strom? Er ging in den dämmrigen Flur und betätigte den Lichtschalter. Es funktionierte.

Die Tür zur Kellertreppe war mit einer Ölfarbe lackiert, die ihn an Kürbissuppe erinnerte. Sie war nicht verschlossen. Man konnte mit der Inspektion genauso gut im unteren Geschoss anfangen. Es war egal. Zuerst die Unterwelt, dann die oberen Stockwerke.

Manfred trat auf die erste Stufe und sah nach unten. Ein finsteres, schwarzes Loch. Er drückte auf den Knopf rechts neben sich und am Fuß der Treppe leuchtete eine trübe Glühbirne auf.

Mit eingezogenem Kopf stieg der Mann Stufe für Stufe hinab.

Unten angekommen blieb Manfred Rabicht stehen und sah sich um. Das Licht der 40-Watt-Birne reichte nicht bis in die Ecken.

Geradeaus ging es in einen Raum mit Vorräten. Die Tür klemmte.

Er zerrte an dem eisernen Riegel und stolperte, als sie plötzlich nachgab. Eine müde nackte Glühbirne an einem dicken Kabel warf einen gelben Lichtkreis auf den Lehmboden. Sie flackerte widerwillig, beruhigte sich dann aber. An den Wänden standen gut gefüllte Metallregale.

Während Manfreds Blick über soldatisch aufgereihte Gläser mit Ernas Marmelade, eingekochten Früchten, Schnippelbohnen, Birnenkompott und vermutlich süß-sauer eingelegtem Kürbis glitt, dachte er darüber nach, was mit all diesen Dingen geschehen würde. Das Ganze würde am Ende wahrscheinlich im Müll landen.

Auf dem Boden standen drei Bierkästen. Hier hatten sie sich ab und zu ein Fläschchen geholt, um es in der Abendsonne auf der Terrasse zu trinken. Im obersten Kasten waren sogar noch volle Flaschen. Manfred Rabicht griff sich eine davon und betrachtete das grüngoldene Etikett, ehe er sie am eisernen Rand eines der Regale entkorkte. Es schmeckte würzig bitter.

Nachdenklich betrachtete er das kleine Klappfenster an der hinteren Wand. Es war fast undurchsichtig. An den Rändern hingen dick eingestaubte Spinnweben.

Wo war eigentlich der Kohlenkeller?

Neben dem Vorratskeller befand sich Karls ›Werkstatt‹. Ein mit rostigen Gerätschaften voll gestopfter Raum von ähnlicher Größe und mit dem gleichen wackligen Klappfenster. Und weiter war Manfred Rabicht bisher nicht gekommen. Es ging ihn ja auch nichts an, wieviele Winkel und Verschläge sich in diesem Labyrinth noch verbargen.

Er nahm noch einen Schluck Bier.

Heute aber würde er sich den gesamten Keller anschauen, Raum für Raum. Schließlich ging es um Ordnung und Sicherheit. Er nahm die Flasche in die Linke und streckte die rechte nach dem Schloss der nächsten Tür aus. Wozu eigentlich diese ganzen wuchtigen Riegel? Sie hätten einen Bären zurückhalten können. Erna und Karl hatten allein gewohnt. Wozu brauchte man da schwere Eisenriegel an den Kellertüren? Aber vielleicht war das früher so üblich gewesen.

Die ›Werkstatt‹ bot, wie erwartet, ein Durcheinander von Handwerkszeug, Material und nutzlosem Zubehör. Er ging drei Schritte Richtung Fenster, vergewisserte sich, dass es fest verschlossen war, löschte die Tranfunzel und zog die Tür wieder zu. Alles in Ordnung hier drin.

Und nun weiter zu unerforschten Gestaden!

Manfred Rabicht begann, im Kopf einen Plan des Untergeschosses zu skizzieren. Von der Kellertreppe drei Meter geradeaus, Vorratskeller, links abbiegen, Werkstattkeller. Dann ging es wieder um die Ecke. Direkt im rechten Winkel, an der rückwärtigen Wand, befand sich noch eine Tür.

Auch hier ein mächtiger Riegel. Das Vorhängeschloss, das in der in der verrosteten Schlaufe hing, war offen. Er öffnete die Tür langsam, machte einen Schritt vorwärts und spähte in die Finsternis. Undurchdringliche Schwärze. Kein Klappfenster mit trüber Scheibe. Seine Handfläche glitt über die raue Feuchtigkeit der linken Seitenwand, bis die Finger das glatte Bakelit des Lichtschalters ertasteten und das Knöpfchen eindrückten.

Da hätten wir ja den Kohlenkeller. Wahrhaftig, ein finsteres Loch.

Ein Kohlenkeller braucht kein Fenster. Schwarze Kohlen, dunkle Umgebung.

Was eigentlich dumm war. Wie oft hatte früher der Händler die Briketts einfach vor dem Haus auf den Gehweg gekippt? Wohl dem, der ein Kellerfenster besaß, durch das man die schwarzen Klumpen schaufeln konnte. Denen, die nicht damit gesegnet waren, blieb nichts anderes übrig, als entweder die ganze Ladung mühselig selbst nach unten zu schleppen, oder den Lieferanten zu bestechen, damit er seine Männer die Säcke in den Keller tragen ließ. Letztendlich spielte es keine Rolle mehr. Dieser Kohlenkeller von Karl Bochmann hatte jedenfalls kein Fenster.

Die glatten dunklen Härchen an seinen Armen richteten sich auf. Es war kühl in dieser Unterwelt.

Manfred Rabicht machte noch einen Schritt in den Raum hinein und sah sich um. Die niedrige Decke wölbte sich dicht über ihm. Man wollte unwillkürlich den Kopf einziehen, obwohl noch mindestens zwanzig Zentimeter Platz waren. An der hinteren Wand lag noch ein bescheidenes Häufchen Eierbriketts. Wahrscheinlich für kalte Wintertage. Karl und Erna hatten trotz der Ölheizung ihren alten Kachelofen im Wohnzimmer behalten. Ansonsten war der Keller leer.

Seine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Sechs Schritte bis zum Kohlenhaufen. Das waren ungefähr vier Meter. Vier Schritte in der Breite. Etwa drei Meter. Links und hinten die nackte Hauswand, bestimmt einen halben Meter dick. Rechts vom Kohlenkeller befand sich Karls ›Werkstatt‹. Er nahm die halbvolle Bierflasche in die linke Hand, machte mit der rechten eine Faust und schlug sie einmal fest an die Mauer. Massives Ziegelwerk. Gute alte Wertarbeit.

Der Mann im Keller drehte sich um und blickte zur halb offenen Tür in Richtung Kellergang. Holzbretter. Nicht besonders stabil. Da nützte auch der große Eisenriegel nichts. Und sie öffnete sich nach außen. Man müsste nur von innen dagegen rennen und das morsche Ding würde aus den Angeln fallen.

Aber ein geschickter Handwerker konnte vieles umbauen. Manfred Rabicht betrachtete die Angel gedankenverloren, löschte dann das Licht, drückte die Tür an den Rahmen und hängte das Vorhängeschloss zurück in die Öse.

Es wurde Zeit, die Inspektion hier unten zu beenden.

Neben dem Kohlenkeller machte der Gang noch einmal einen rechtwinkligen Knick. Hinter der nächsten Tür befand sich die Elektrik. Schaltkästen, Stromzähler, Gerümpel. Dann kam ein Verschlag mit der Ölheizung. Dahinter war Schluss.

Auf halber Treppe blieb er stehen, trank die Flasche leer und stellte sie neben sich auf eine Stufe. Die konnte man beim nächsten Mal zurück in den Kasten stellen. Oben angekommen machte er das Licht aus und schloss die Kellertür.

Der nette Nachbar würde nun noch schnell die oberen Zimmer durchsehen und dann verschwinden. Es war Zeit für Feierabend.

6

»Hallo Schatz! Bin wieder da!« Aufgeräumt trompetete Reginas Stimme vom Flur aus ins Wohnzimmer. Manfred antwortete nicht.

Regina erwartete das auch gar nicht. »Ich ziehe mich schnell um!« Ihr Kopf lugte kurz um die Ecke und verschwand wieder. »Dann mache ich uns Abendbrot.« Die letzten Worte wurden leiser, während sie die Treppe in den ersten Stock hinaufpolterte.

Er nahm die Fernbedienung vom Tisch und begann, durch die Programme zu zappen.

»... das Wetter. Der Spätsommer bleibt uns die nächsten Tage erhalten.« Dieser Kachelmann hatte zu lange, fettige Haare. Und sein Doppelkinn wurde von einem Dreitagebart nicht wirklich verdeckt. Zapp.

»... die neue Fit-Diät ...« Das wäre etwas für Herrn Kachelmann gewesen! Und für Frau Rabicht auch. Aber bei Berichten über Dicke und ihre meist ergebnislosen Versuche, abzunehmen, schaltete sein Weib sofort um. Das hätte womöglich zu unschönen Vergleichen geführt. Manfred zog den rechten Mundwinkel hoch, streifte die Hausschlappen von den Füßen und legte die Fersen auf den Couchtisch. Zapp.

»... zweiten Tag im Prozess gegen Marc Dutroux ...«

Marc Dutroux. Der stümperhafte Kinderentführer. Manfred drehte den Ton lauter. Regina kam die Treppe heruntergetrampelt. Er gab noch ein paar Dezibel zu.

»Willst du ein Bier?« Sie erschien in der Wohnzimmertür, wartete auf sein Nicken und verschwand in Richtung Küche.

Er betrachtete den Reporter, welcher hastig in das wulstige orangefarbene Mikrofon näselte. Es sei nun fast auf den Tag genau neun Jahre her, dass die beiden Mädchen Julie Lejeune und Melissa Russo in der Nähe von Lüttich verschleppt worden waren. Die genauen Umstände ihrer Entführung seien nie völlig geklärt worden. Ein Bild der beiden Kinder wurde eingeblendet. Hübsch sahen sie aus.

Manfred Rabicht nahm den rechten Fuß vom Linken und wechselte die Position der Beine. Wo blieb eigentlich Regina mit dem kalten Bier?

Das zerknirschte Gesicht des Berichterstatters erschien wieder auf der Bildfläche. Er sah aus wie ein trauriger Berner Sennhund. Die Kinder seien im Winter 1995/96 im Keller des Täters verdurstet, als er in Haft saß. Julie und Melissa wurden gerade mal acht Jahre alt. Die Stimme des Reporters schwankte kurz.

Der Mann auf der Couch wackelte mit dem Kopf. Zwei Achtjährige! Wie konnte ein erwachsener Mann Gefallen an achtjährigen Kindern finden? Dieser Dutroux war wirklich ein Perverser.

Die Wohnzimmertür schwang auf und prallte auf die Metallscheibe des Türstoppers auf dem Fußboden. Regina tapste herein, eine mit Bier gefüllte Tulpe in der einen, die dazugehörige halb volle Flasche in der anderen Hand und stellte beides vor ihm auf den Tisch. Manfred nickte ihr zu und lächelte dann. Schlaues Weib. So war er gezwungen, aus dem Glas zu trinken.

»Essen gibt es in zehn Minuten.« Sie drehte sich um, als der deprimierte Bernhardiner gerade sagte, dass das Gericht sich durch mehr als 400 000 Seiten Akten und 470 Zeugenaussagen würde quälen müssen.

Manfred nahm einen Schluck. In Karls Keller hatte es ihm besser geschmeckt.

In der Küche klirrte und schepperte es. Was machte seine Frau da drüben bloß? Er stellte das Glas zurück und erhob sich, um nachzusehen.

»Sieh dir nur mal diese Schweinerei an!« Regina kniete auf dem Boden und tupfte mit ihrer Allzweckwaffe Küchenkrepp in einem Gemenge aus roter Soße und Glasscherben herum. »Rutscht mir doch diese blöde Ketchupflasche aus der Hand und klatscht auf die Fliesen!« Sie fuhr mit kreisenden Bewegungen über die tomatenrote Schmiere und warf die Tücher in eine Mülltüte. »So eine Sauerei!«

»Pass bloß auf, dass dich du nicht schneidest!«

»Zusammenkehren kann ich die Suppe ja leider schlecht. Warst du heute auf Karls Grundstück?« Ihr Kopf war weiter über den Fliesenboden geneigt, so dass sie seinen verblüfften Gesichtsausdruck nicht sah.

»Wie kommst du denn darauf?« Konnte Regina jetzt schon hellsehen?

»Als ich vorhin oben aus dem Schlafzimmerfenster geschaut habe, ist mir aufgefallen, dass das Gras hinter der Pforte zertrampelt war.«

»Ja, ich war drüben. Habe mal nach dem Rechten geschaut. So ein leer stehendes Haus lockt schnell Einbrecher an. Man muss das ja nicht noch forcieren. Ich dachte, guckst mal nach, ob alles in Ordnung ist.« Was schwafelte er da? Manfred gab sich ein inneres Stoppzeichen. Es gab überhaupt keine Veranlassung, sich so wortreich zu rechtfertigen.

»Und?« Regina beugte sich wieder über die Fliesen.

»Was und?«

»Na – ist nun alles in Ordnung?« War der Alte heute schwer von Begriff?

»Ach so, ja natürlich. Hast du eine Ahnung, wer eigentlich jetzt Karls Stromrechnung bezahlt?«

»Nein.« Das letzte zerknüllte Küchentuch wanderte in die grüne Plastiktüte. »Solange noch Geld auf dem Konto ist, wird es sicher einfach weiter abgebucht, denke ich.« Jetzt wischte Regina den Fußboden mit dem Abwaschlappen feucht nach. Mit demselben Lappen wusch sie dann anschließend wieder sein Glas ab. Manfred ekelte sich ein wenig. Es gab handfeste Gründe, das Bier aus der Flasche zu trinken.

»Ich möchte gern mal wissen, was aus Karls Haus und Grundstück wird? Erbt das der Staat?« Er beobachtete, wie sich seine Frau aufrichtete, dabei die rechte Hand in die Taille stützte und leise ächzte. Ein bisschen Sport könnte dir nichts schaden, meine Liebe.

»Was weiß denn ich.« Regina verstaute die Mülltüte im Schrank unter der Spüle. »Interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht.« Sie ordnete Teller, Besteck, eine Flasche Saft, ein Glas für sich und ein weiteres Bier für ihren Mann auf dem Tablett an und nahm eine neue Ketchupflasche aus dem Vorratsschrank.

»Ich hätte schon gern gewusst, ob und wann wir neue Nachbarn kriegen. Aber egal.« Manfred hob die Schultern. Seine Frau war wirklich keine Hilfe. Ihr fehlte in manchen Dingen der Forscherdrang. Würde er sich eben allein darum kümmern müssen, was aus dem Nachbargrundstück wurde. Im erleuchteten Fenster des Backofens zerlief der Käse auf der Pizza-Hawaii.

Der Kurzzeitwecker trillerte. Regina band ihre Schürze ab, hängte sie neben die Geschirrtücher an die Tür und öffnete die Klappe des Backofens. Duft nach gebräuntem Käse breitete sich in der Küche aus. Sie griff nach den Topflappen und betrachtete ihren Mann, der mitten in der Küche stand und angestrengt nachzudenken schien. Irgendetwas beschäftigte ihn. »Nimmst du bitte das Geschirr? Ich bringe die Pizza.«

Manfred erwachte aus der Erstarrung, schob je drei Finger durch die Henkel des Tabletts und setzte sich vorsichtig in Bewegung.

»So. Hat gut geschmeckt.« Manfred Rabicht wischte sich die Ketchupreste aus den Mundwinkeln, spülte mit Bier nach und lehnte sich zurück.

Im Fernsehen beschimpften sich Politiker unterschiedlicher Parteien. Dann erschien hinter dem Nachrichtensprecher das Gerichtsgebäude von Arlon. Dutruox hatte nicht nur die beiden Achtjährigen gekidnappt, sondern auch weit ältere Mädchen. Ann und Efje oder Efche. Komische Namen. Ann war schon achtzehn gewesen. Sie und ihre Freundin waren genauso tot wie die beiden Kleinen. Und dann gab es noch Lätizia und Sabine. Verwischte Bilder der beiden Überlebenden huschten über den Fernsehschirm. Sie waren gerettet worden. Sie würden gegen Dutroux aussagen.

Manfred leerte das Bierglas, stellte es zurück und griff dann zur Flasche. War es nicht so, dass Kinderschänder immer Kinder gleichen Alters bevorzugten? Einer, der auf Achtjährige stand, würde doch sicher keinen Gefallen an einer Achtzehnjährigen finden, oder? Nicht, dass er sich mit solchen Perversen auskannte, aber es war zumindest komisch. Schon das sprach eigentlich dafür, dass dieser Typ die Mädchen nicht für sich ›besorgt‹ hatte. Er war und blieb ein stumpfsinniger Handlanger.

Der Bericht war zu Ende. »Unglaublich, nicht?« Regina rutschte im Sessel nach vorn, schob sich nach oben und begann, den Tisch abzuräumen. Seine Biertulpe ließ sie demonstrativ stehen.

Der Reporter hatte gesagt, Marc Dutruox hätte seine Opfer mit Medikamenten willenlos gemacht. Was ja eigentlich auch ganz logisch war. Eine Achtzehnjährige würde sich nicht ohne Gegenwehr in ihr Schicksal fügen. Also musste man sie ein bisschen ruhigstellen. Zumindest anfangs. Sie hatten nicht darüber berichtet, was das für Medikamente gewesen waren.

Aus der Küche drang das leise Klappern von Geschirr herein. Nahm Regina nicht manchmal Schlaftabletten?

Der Flaschenhals in seiner Hand war warm geworden. Manfred stellte das Bier auf die Marmorplatte und begab sich in Richtung Küche. Im Türrahmen blieb er kurz stehen. »Ich geh kurz nach oben. Bin gleich wieder da. Such dir inzwischen aus, was du heute Abend sehen möchtest.« Das würde sie beschäftigen, bis er zurückkam. Regina stand neben der Spüle und wischte die grau gemusterte Arbeitsplatte ab. Sie nickte, ohne sich umzudrehen.

Im Schlafzimmer war es warm und still. Die Fensterfläche rahmte ein Bild aus schwarz-grünen Fichten vor einem blauvioletten Abendhimmel ein. Er drehte den Riegel nach rechts, öffnete es und stützte die Handflächen auf den Sims. Unten summten noch ein paar eifrige Hummeln zwischen den Dahlien. In Karls Garten waren die Spuren seiner nachmittäglichen Stippvisite noch immer zu sehen. Auf einem ordentlich gemähten Rasen wäre sein Besuch gar nicht aufgefallen.

Manfred drehte sich um und betrachtete das Doppelbett mit der karierten Tagesdecke. Auf dem Nachttisch seiner Frau wartete ein aufgeschlagenes Buch mit dem Gesicht nach unten darauf, gelesen zu werden. Es lag schon seit mindestens vier Wochen so dort. Er hörte einen Moment lang den leisen Geräuschen aus der Küche zu, ging dann um das Bett herum und zog den Kasten ihres Nachtschränkchens auf.

Radedorm 5. Schwarze Buchstaben auf weißem Grund, darunter ein hell- und ein mittelblauer Balken. Manfred nahm die kleine Schachtel in die Hand, betrachte sie von allen Seiten und las das Kleingedruckte. ›Wirkstoff: Nitrazepam.‹ Was auch immer das war. Von draußen drang das Brummen eines entfernten Motorflugzeugs herein. Es wurde leiser und verklang.

›Zur symptomatischen Behandlung von Durchschlafstörungen. Durchschlafstörungen‹ – das klang irgendwie komisch. Es ging doch eher darum, jemanden zur Ruhe zu bringen, oder?

Er öffnete das Schächtelchen vorsichtig und lugte hinein. Zweimal zehn Tabletten. Nahm Regina eigentlich regelmäßig Schlaftabletten? Das würde sich ganz einfach feststellen lassen, wenn man täglich den Inhalt der Schachtel kontrollierte. Und den Beipackzettel würde sie auf keinen Fall vermissen. Manfred zog das zusammengefaltete Blättchen aus der Packung und schob es in die rechte hintere Hosentasche. Es konnte nichts schaden, sich morgen, während der Arbeitszeit, das Ganze in Ruhe durchzulesen. Er schob die Tabletten zurück, deponierte alles wieder an Ort und Stelle und drückte den Kasten des Nachtschränkchens zu. Das Tagwerk war vollbracht. Abschied nehmend warf er einen Blick aus dem weit offenen Fenster. Die Abenddämmerung kam näher und verdunkelte die Farben des Tages. Morgen würde er da drüben erst mal den Rasen mähen.

7

»Guten Morgen, Herr Rabicht!« Das Kind stand auf dem Schulhof, dicht bei der Wand und hielt einen langen Zweig in der rechten Hand. Eben hatte es damit noch wie mit einer Peitsche geknallt.

»Morgen.« Der Angesprochene schälte sich aus dem Sitz seines Autos und betrachtete das Kind genauer. Von weitem hatte es wie ein Junge ausgesehen. Jetzt erkannte er, dass es ein Mädchen war. Ein stoppelhaariges, sommersprossiges Ding mit einer Fantasiepeitsche.

»Was machst du denn um diese Zeit schon hier?«

»Ich bin zu früh losgegangen.« Der Mund des jungenhaften Mädchens blieb nach der Antwort ein wenig offen. Dadurch bekam ihr Gesicht den dümmlich glotzenden Ausdruck eines Karpfens. Sie ergriff ihren Rucksack, der an die Kellerwand gelehnt war, schnappte nach den Trägern und rannte dann davon, so, als sei ihr der Hausmeister auf einmal unheimlich geworden.

Komisches kleines Ding! Er nahm die Aktentasche vom Beifahrersitz und schloss das Auto ab.

Jetzt war es aber wirklich an der Zeit, an die Arbeit zu gehen. Wenn man sich etwas vorgenommen hatte, durfte man nicht ewig zögern, sonst blieb es für immer ein Wunschtraum. Man musste einfach beginnen, dann lief es schon ganz von selbst weiter.

Seine Schritte hallten auf dem Steinfußboden der Kellergänge. Blass rotbraun grüßten die Buchstaben LSR. Der Hausmeister blieb stehen und betrachtete das Türschloss. Massives Eisen. Der imponierend große Ring mit den Schulschlüsseln klimperte leise in seiner Rechten. Ein Bunker für den Atomkrieg. Der Raum war jahrelang nicht überprüft worden. Er probierte den ersten Schlüssel.

Nach dem achten Versuch knirschte das Schloss. Die Tür erinnerte den Hausmeister an Filme mit Egon Olsen. ›Franz Jäger, Berlin.‹ Langsam schwang die massive Metallkonstruktion herum. Drei Neonröhren an der Decke beleuchteten die Szenerie mit staubgefiltertem Licht.

Er setzte den rechten Fuß in den Raum hinein, hielt inne und sah sich nach einem Keil für die Tür um. Was, wenn sie unerwartet zufiel? Wer weiß, ob man den Bunker überhaupt von innen öffnen konnte! Er hatte keine Lust, in diesem fensterlosen Raum ohne Luftzufuhr gefangen zu sein. Auch nicht für fünf Minuten.

Manfred Rabicht sah zur Uhr. Mittlerweile würde oben regsame Betriebsamkeit herrschen. In den unterirdischen Katakomben hörte man davon fast nichts. Man konnte sich einbilden, im Keller einer abgelegenen Burg zu sein, von Grabesstille umgeben. Die ›Bewohner‹ der Oberwelt verirrten sich fast nie hierher. Das hier war sein Reich. Sie konnten ihn über die Wechselsprechanlage erreichen, wenn etwas Eiliges zu erledigen war. Ansonsten ließ man ihn in Ruhe. Er zeigte sich ab und zu im Schulhaus, immer in Eile, immer mit etwas in den Händen, das allen bewies, dass der Hausmeister beschäftigt war.

Auf dem Gang vor der ›Tresortür‹ lagen mehrere Metallstangen. Er quetschte zwei von ihnen in den Spalt zwischen Tür und Angel. Der Rückzug war gesichert. Nun konnte man den Raum inspizieren.

In der Ecke rechts lagerten Zeltbahnen. Für das Feldlager der Zivilverteidigung. Das letzte dieser Camps war nun auch schon fünfzehn Jahre her. Daneben befand sich ein Stapel braunroter Umhängetaschen. Vorn prangte ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Taschen für Sanitäter. Uralter Mist. Hinten an der Wand hockte ein unförmiger Haufen wie der bucklige Rücken eines Wals. Mindestens dreißig Gasmasken türmten sich dort und warteten geduldig auf den nächsten Giftkrieg. Die trüben Glas-Augenscheiben schienen ihm im schmutzigen Neonlicht zuzuzwinkern.

Er ging zu dem Berg, nahm sich eine Gasmaske und drehte sie in den Händen.

Larven aus Gummi, mit einem löchrigen Schweinerüssel aus Blech. Es war lange her, dass er solch ein Ding aufgehabt hatte. Wäre ein hübscher Gag zum nächsten Radebeuler Fasching. Man müsste sie nur richtig reinigen und innen neu einpudern. Keiner würde ihn erkennen. Und atmen konnte man damit auch, man musste nur den Aktivkohlefilter herausschrauben.

Manfred Rabicht merkte nicht, wie seine Mundwinkel nach oben wanderten, während er sich nach vorn beugte und die grauen Gummilarven aus der Nähe betrachtete. Die obersten waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Wie ferngesteuert begann seine Rechte, in dem Stapel zu wühlen. Die zuunterst liegenden Masken sahen aus wie neu. Der Giftgasangriff konnte beginnen. Der Hausmeister nahm eine der Tarnkappen und suchte nach der eingestanzten Nummer. Es gab unterschiedliche Größen. Für große, mittlere und kleine Köpfe. Kurze Bildfragmente seiner Armeezeit blitzten vor ihm auf, während er zwei auswählte. Mit den beiden Beutestücken in der Linken machte sich Manfred Rabicht auf den Rückzug. Die beiden Metallstangen aus dem Türspalt brachte er zurück auf den Gang. Er zückte den Kerkermeister-Schlüsselbund und musterte die Tür des Luftschutzraumes. Auch an der Innenseite befand sich eine majestätische Klinke. Aber gewiss doch. Schließlich war das hier kein Gefängnis. Die Blockade mit den Eisenstangen hätte er sich sparen können. Aber sicher war sicher. Ein bisschen Paranoia hatte noch keinem geschadet.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die beiden Gummilarven verschwanden in der Aktentasche. Der Hausmeister machte sich beschwingt auf den Weg in seine Werkstatt.

Die Nachmittagssonne flirrte durch das Blätterdach der Buchen und malte zitternde Sonnenkringel auf das Dach des dunkelgrünen Skodas. Manfred Rabicht gab der Tür zu seinem Reich einen Stoß. Klackend fiel sie ins Schloss. Warme Luft fächelte um sein Gesicht. In den Katakomben war es während der Sommermonate kühl und im Winter angenehm warm. Man spürte nichts vom Wetter draußen. Der Arbeitstag war beendet. Das Privatleben begann. Halb vier am Nachmittag. Man konnte noch viel erledigen.

Während er sich anschnallte und den Motor anließ, dachte Manfred Rabicht über seine Trittspuren im wuchernden Gras von Karl Bochmanns Garten nach. Es würde mindestens zwei Stunden dauern, auch wenn man nur die großen Flächen mähte.

Er gab Gas und fuhr über die Kreuzung, als die Ampel von Gelb auf Rot umschaltete. »Hat keiner gesehen.« Manfred Rabicht schob den Unterkiefer vor. Ein Mann der es eilig hatte, ließ sich nicht von Ampeln mit zu kurzer Grünphase aufhalten.

In der Meißner Straße war Rushhour, jedermann wollte nach Hause. Früh fuhren sie alle nach Dresden zur Arbeit, nachmittags wieder in ihre Vororte. Es hatte keinen Sinn, zu drängeln. Langsam tuckerte der Skoda durch Radebeul.

Regina hatte schon das Tor für ihn geöffnet. Er fuhr ins Grundstück, stellte den Wagen ab und betrachtete die Aktentasche auf dem Beifahrersitz nachdenklich, bevor er ausstieg. Regina schnüffelte nicht in seinen Sachen herum, aber manchmal stießen Menschen auch zufällig auf etwas. Und man musste dem Schicksal nicht provokant den Mittelfinger zeigen. Vielleicht war es besser, sich zuerst ein nettes kleines Versteck für seine Karnevalsmasken zu überlegen.

Die Haustür war nicht abgeschlossen. Wie leichtsinnig von seiner Frau! Vorsichtig ließ er sie hinter sich ins Schloss gleiten und stand einen Moment lang unbeweglich im Flur. Im oberen Stockwerk raschelte es.

»Regina?« Das Rascheln hörte auf. Schritte tapsten über das Laminat. Der Kopf seiner Frau erschien über dem Geländer.

»Da bist du ja!« Sie lächelte. »Möchtest du Kaffee?«

»Nein, danke. Ich habe schon zwei Tassen getrunken, bevor ich losgefahren bin.« Er öffnete den kleinen Holzschrank neben dem Flurspiegel und griff nach dem Schlüssel des Nachbarn. »Ich gehe rüber zu Karl und mähe den Rasen. Wer weiß, wie lange das schöne Wetter anhält. Dann sieht es wenigstens etwas ordentlicher aus.«

»Gibt es da drüben noch Strom?« Reginas Gesicht leuchtete wie ein großer weißer Mond über ihm.

»Ja. Strom ist da, Wasser ist da. Ich geh jetzt rüber, kann zwei Stunden dauern.«

»Von mir aus.«

Aus dem Schlafzimmerfenster sah Regina ihren Mann durch den hinteren Teil des Gartens stiefeln. Es wirkte ein wenig lächerlich. Manfred schritt in seiner Arbeitskluft, die Aktentasche in der Linken, gemessen dahin.

Regina betrachtete das zerkratzte Fensterbrett. Ein neuer Anstrich könnte nichts schaden. Aber der Hausherr hatte seinen eigenen Kopf. Statt hier etwas zu erledigen, mähte er lieber da drüben den Rasen. Als ob das irgendeine Rolle spielte. Karl war tot, irgendwelche Erben nicht in Sicht. Die Bürokraten würden Monate brauchen, um zu entscheiden, was mit dem Häuschen des Nachbarn geschehen sollte. Aber der übereifrige Herr Rabicht musste jetzt dort für Ordnung sorgen. Davon abgesehen, war Rasenmähen eine frustrierende Angelegenheit. Kaum hatte man sich durch den gesamten Garten gekämpft, wucherte das Gras aufs Neue. Sie kippte das Schlafzimmerfenster an. Manfred blieb einen Augenblick lang vor den Brombeersträuchern stehen, öffnete die Pforte und verschwand zwischen den Fichten. Regina betrachtete das Stückchen Trampelpfad im Nachbargarten und drehte sich dann um, das Bild ihres Mannes mit der Aktentasche in der linken Hand noch immer vor Augen. Wozu brauchte er eigentlich da drüben seine Tasche?

Der warme, staubig-abgestandene Geruch des Vortages empfing Manfred Rabicht. Er stellte die Tasche auf den Eichentisch, ging zu den beiden Küchenfenstern und schob sein Gesicht dicht an die gehäkelte Gardine. Zwischen einigen der kleinen Karos zitterten hauchzarte Spinnweben. Die Vorhänge waren seit Jahren nicht in der Waschmaschine gewesen. Manfred entriegelte das Fenster, öffnete beide Flügel und klemmte die hellgrüne Plastikgießkanne dazwischen, damit sie offen blieben. Dies war ein offizieller Besuch. Da konnte man auch die Fenster öffnen und Durchzug machen.

Er kehrte zum Tisch zurück und streckte die Hand nach der Aktentasche aus. Wo bewahrte Karl eigentlich seinen Rasenmäher auf? Der Mann in der Küche ließ den Arm sinken und schloss die Augen. Hinter den zusammengekniffenen Lidern rollten die Augen von links nach rechts, während er in Gedanken die Räume durchstreifte. Vorratskeller. Konserven, Bierkästen, spinnwebverwobene Regale. Kein Rasenmäher.

Nächster Raum. Werkstattkeller. Manfred Rabicht kniff die Augen noch ein wenig fester zusammen und ließ seinen imaginären Blick von links nach rechts schwenken. Wenn das da hinten in der Ecke nicht Karls alter Benzinrasenmäher war, wollte er einen Besen fressen.

»Das wäre geklärt. Dann mal los, holen wir uns das Teil.« Er zog das unhandliche Ding hinter sich her in den Gang bis vor die Tür zum Vorratskeller. Das Monstrum schien aus reinem Blei zu bestehen. Eine kleine Stärkung war durchaus angemessen, bevor man den Rasenmäher die Treppen hinaufwuchtete.

Er tapste im Halbdunkel über den Lehmboden, griff nach einem der Flaschenhälse und öffnete sie am Rand des Metallregals. Der erste Schluck prickelte bitter im Mund. Die Glühbirne im Gang zwinkerte ihm zu. Der Mann wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn, ging ein paar Schritte in Richtung Kohlenkeller und betrachtete das gewaltige Vorhängeschloss und die Scharniere, bevor er einen weiteren Schluck nahm.

Aus der Sicht des Kohlenhaufens betrachtet war es einleuchtend, dass die Tür nach außen aufschwang. Falls die Briketts irgendwann einmal den Wunsch verspüren sollten, aus ihrer Dunkelzelle auszubrechen, würde es leichter für sie sein. Aber seit wann führten Kohlen ein Eigenleben?

Er drehte sich um und kehrte zum Rasenmäher zurück. »Auf geht’s. Du kommst an die frische Luft, mein Freund.« Jetzt kam der unangenehme Teil. Das Monstrum musste nach oben.

Wieso hatte Karl das Ding eigentlich nicht in der Garage aufbewahrt? Man hätte es einfach rausrollen und nach getaner Arbeit wieder hineinrollen können. Stattdessen schleppte der Alte das Gerät die Treppen hoch und runter.

Er stellte seine Bierflasche an den Fuß der Treppe und packte die blatternarbige Maschine. Sein Keuchen prallte auf die in Babyscheißefarbe gestrichenen Wände.

Oben angekommen, stellte Manfred Rabicht das Folterinstrument ab und streckte vorsichtig den gebeugten Rücken. Das war Schwerstarbeit. Kaum zu glauben, dass Karl diese Sisyphusarbeit alle zwei Wochen auf sich genommen hatte. Er jedenfalls würde den Rasenmäher nachher bestimmt nicht wieder hinunterbringen. Die Räder klackerten über das Linoleum. Manfred war an der Vordertür angekommen und fummelte in der rechten Hosentasche nach dem Schlüssel.

Die Garage hatte er gestern bei seinem Inspektionsrundgang ausgelassen. Karl und Erna hatten kein Auto besessen. Sicherlich lagerte dort nur Gerümpel. Er trug den Rasenmäher die drei Stufen zum Garten hinunter. Eigentlich konnte man auch sofort einen Blick in die Garage werfen und nach einem Reservekanister mit Benzin Ausschau halten.

Das graue Garagentor quietschte und kreischte beim Hochziehen erbärmlich. Lichtfinger der tief stehenden Sonne tasteten sich von außen herein, bahnten sich ihren Weg durch schwebende Staubwölkchen und zeigten flirrend auf einen nagelneuen Elektro-Rasenmäher an der hinteren Wand.

Manfred Rabicht schloss den Mund mit einem schnappenden Geräusch und atmete kopfschüttelnd aus. Da hätte man mit ein bisschen Nachdenken auch gleich drauf kommen können, dass ein klappriger alter Mann einen tonnenschweren Rasenmäher nicht jede zweite Woche die Kellertreppe hinauf- und wieder herunterwuchtete. Das alte Benzinmonstrum war schon längst ausgemustert.