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Dieser hochaktuelle Bestseller und Insider-Thriller aus Dänemark zeigt Geheimdienstarbeit, wie sie wirklich ist: Autor Lars Findsen war jahrelang Chef des dänischen Nachrichtendienstes Kurz bevor eine chinesische Delegation in Kopenhagen eintrifft, entdeckt Daniel Hartmann, ein Analyst des dänischen Geheimdienstes, etwas Beunruhigendes: Ein Mitglied der Delegation möchte mit einer falschen Identität einreisen. Was hat der chinesische Delegierte zu verbergen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, wird die junge Agentin Maja Birk, die sich gerade erst von einem gefährlichen Einsatz erholt hat, auf den Fall angesetzt. Nach und nach verdichten sich die Hinweise, dass die Abordnung besonders an einem Forschungsprojekt zum Nordpolarmeer vor Grönland interessiert ist. Doch warum? Und wie hängt das Ganze mit Majas letztem Auslandseinsatz zusammen? Maja Birk und Daniel Hartmann ermitteln in ihrem ersten Fall
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Seitenzahl: 555
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lars Findsen | Jacob Weinreich
Ein Fall für Birk und Hartmann
Triller
Kurz bevor eine chinesische Delegation in Kopenhagen eintrifft, entdeckt Daniel Hartmann, ein erfahrener Analyst des dänischen Geheimdienstes, etwas Beunruhigendes: Ein Mitglied der Delegation möchte mit einer falschen Identität einreisen. Was hat der chinesische Delegierte zu verbergen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, wird die junge Agentin Maja Birk, die sich gerade erst von einem gefährlichen Einsatz erholt hat, auf den Fall angesetzt. Nach und nach verdichten sich die Hinweise, dass die Abordnung besonders an einem Forschungsprojekt zum Nordpolarmeer vor Grönland interessiert ist. Doch warum? Und wie hängt das Ganze mit Majas letztem Auslandseinsatz zusammen?
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Lars Findsen war viele Jahre Chef des dänischen Geheimdienstes. 2021 wurde er weltweit bekannt, als er unter dem Vorwurf der Weitergabe von Staatsgeheimnissen festgenommen wurde. Nach mehreren Monaten in Haft wurde die Anklage gegen ihn schließlich fallengelassen. 2024 veröffentlichte er gemeinsam mit Jacob Weinreich seinen ersten Thriller.
Jacob Weinreich hat unter anderem als Teil eines Autorenduos unter den Pseudonymen A. J. Kazinski und Anna Ekberg eine Reihe von Bestsellern veröffentlicht. Außerdem verfasste er Drehbücher für mehrere international erfolgreiche Filme.
Friederike Buchinger übersetzt Belletristik für Erwachsene und Jugendliche sowie Sachbücher aus dem Dänischen, Norwegischen und Schwedischen ins Deutsche. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet.
Die Autoren weisen darauf hin, dass dieser Roman reine Fiktion ist. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Skygger på Silkevejen« bei Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen
© Lars Findsen & Jacob Weinreich & JP/Politikens Hus A/S, 2024
Published in Agreement with Politiken Literary Agency 2024
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Redaktion: Maria Poets
Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign
Coverabbildung: Johannes Wiebel unter Verwendung von Motiven von AdobeStock
ISBN 978-3-10-492189-1
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[Motto]
Prolog
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Zweiter Teil
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
Dritter Teil
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
Dank
»Steady reductions in sea ice are opening new passageways and new opportunities for trade … Arctic sea lanes could become the 21st century Suez and Panama Canals.«
»Dank der ständigen Rückbildung der Eisdecke öffnen sich neue Seepassagen und neue Chancen für den Handel. […] Die arktischen Seerouten könnten zum Suez- und Panamakanal des 21. Jahrhunderts werden.«
Mike Pompeo, früherer CIA-Direktor und Außenminister der USA, bei einem Treffen des Arktischen Rates 2019 in Rovaniemi, Finnland
»Sonst sind es immer Drachen«, denkt Yang Lee beim Blick auf die beiden Elefanten aus hellgrauem Plastik, die vor dem Eingang des Restaurants China House an der Amagerbrogade stehen. Er steigt aus dem Auto aus.
Es ist ein schöner Tag. Keine einzige Wolke hat sich an den eisblauen Himmel verirrt, lediglich ein Flugzeug, das eine dünne weiße Spur hinter sich herzieht, stört das Bild. Er schaut nach oben. In den USA gibt es genug Idioten, die Kondensstreifen als Chemtrails bezeichnen und ernsthaft glauben, darin wären chemische Stoffe enthalten, mit deren Hilfe man die Bevölkerung in willenlose Zombies verwandelt.
Yang Lee steckt seine Hand in die Tasche und tastet nach der Pistole. Eine alte Angewohnheit. Dann drückt er die Tür auf und stößt fast gegen ein großes Aquarium, das direkt neben der Tür steht. Dicke Goldfische schwimmen träge zwischen grünen Wasserpflanzen herum. Yang Lee reißt sich von dem Anblick los und betritt das Restaurant. Eine Familie hat sich gerade an einen der Tische gesetzt. Die junge Mutter mustert Yang Lee neugierig, vielleicht wegen seiner bläulichen Haare, aber dann widmet sie ihre Aufmerksamkeit wieder den beiden Söhnen, die schon in Richtung Selbstbedienungs-Buffet stürmen.
»Willkommen im China House.« Ein lächelnder Kellner nimmt Yang Lee freundlich in Empfang.
»Wo ist Gao Li?«
»Ich glaube, er ist in der Küche. Oder im Büro. Soll ich ihn holen?«
»Nicht nötig, ich finde ihn schon«, sagt Yang Lee und geht direkt weiter durch den Gastraum. Im Vorbeigehen schnappt er sich eine Mini-Frühlingsrolle vom Buffet und steckt sie sich in den Mund.
Es war eine gute Entscheidung, sich nicht zu maskieren, denkt er. Auf diese Weise kann er seelenruhig und ungehindert durch das Restaurant spazieren.
Er öffnet eine Tür, die zu einem langen, schmalen Gang mit weiteren Türen führt. Yang Lee stößt die erste auf und blickt in ein verwaistes Büro. Ein Schreibtisch, ein Stapel Papiere, ein alter Computer und zu seiner Verblüffung ein Paar Skier, das an der Wand lehnt. Er zieht die Tür wieder zu und versucht es mit dem nächsten Raum auf der anderen Seite. Abgeschlossen.
Yang Lee starrt auf die letzte Tür, am Ende des Gangs. Sie steht offen, dahinter befindet sich die Küche. Er kann einen Rollwagen erkennen, auf dem sich Töpfe und Pfannen stapeln, und eine große Industriespülmaschine. Dampf steigt auf.
Eine junge Frau kommt durch die offene Tür und geht eilig an ihm vorbei. Yang Lee spricht sie an.
»Wo ist Gao Li?«
»Der Chef ist hinten.« Ohne stehen zu bleiben, deutet sie mit dem Kopf zur Küche.
Yang Lee wartet einen Moment. Er atmet einmal tief durch, aber nervös ist er eigentlich nie. Genau genommen empfindet er gar nichts, wenn er einen Job erledigt. Er kennt diesen Gao Li nicht, also warum sollte er nervös sein? Yang Lee geht den Flur hinunter und betritt die Küche. Er erkennt den Mann sofort. Gao Li steht am Herd und redet aufgeregt auf einen der Köche ein.
»Gao Li?«
Der Mann am Herd dreht den Kopf. »Ja?«
»Ich habe etwas für Sie. Einen Gruß.«
»Einen Gruß? Von wem?«
»Von Zhou Jinping«, sagt Yang Lee.
»Zhou Jinping? Ich kenne keinen Zhou Jinping.«
»Denken Sie nach«, sagt Yang Lee.
»Tut mir leid, aber der Name sagt mir nichts«, antwortet Gao Li nach einer kurzen Pause, und hebt bedauernd die Hände. Man merkt ihm an, dass er langsam unruhig wird.
»Schade«, sagt Yang Lee. »Aber den Gruß überbringe ich trotzdem.«
Er zieht die Pistole aus der Tasche. Gao Li bleibt nicht einmal Zeit, um Angst zu bekommen. Er sieht eher überrascht aus. Ohne groß zu zielen, drückt Yang Lee dreimal ab. Zwei Schüsse in den Brustkorb, einen ins Gesicht. Als Gao Li fällt, reißt er einen Topf vom Herd, mehrere Liter Nudelsuppe ergießen sich über den Fliesenboden. Auch Yang Lees Hose bekommt einige Spritzer ab. Dann fängt plötzlich jemand an zu schreien. Vielleicht ist es der Koch, der neben Gao Li steht, oder die junge Frau, die gerade in die Küche zurückkommt. Yang Lee steckt seine Waffe ein. Er schiebt sich an der Frau vorbei, geht den Gang hinunter, verlässt das Restaurant und steigt in sein Auto, das halb auf dem Bürgersteig parkt. Er ist zufrieden und hat es nicht eilig.
Die Pforte
Türkei – August 2023
Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod. Maja Birk kann sich nicht mehr erinnern, woher sie das alte türkische Sprichwort kennt, aber sie hat das Gefühl, die Botschaft hinter diesen düsteren Worten zu verstehen: Es gibt nichts Gefährlicheres, als am Ziel zu sein. Das Wichtigste ist, immer weiterzumachen, in Bewegung zu bleiben, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Steht sie deshalb auf dieser maroden Straße am Rand von Antalya, im Südwesten der Türkei? Weil sie sich nichts anderes vorstellen kann? Schon gar nicht, mit Jonas und Emma zu Hause in der kleinen Dreizimmerwohnung in Vesterbro auf dem Sofa zu sitzen und zu warten, dass der Tag herumgeht?
Mit sechzehn hatte Maja zum ersten Mal Urlaub in der Türkei gemacht. Eine Woche Istanbul mit ihren Eltern. Es war die längste und anstrengendste Autofahrt ihres Lebens gewesen. Bis heute kann sie sich nicht erklären, warum ihre Eltern die gesamten dreitausend Kilometer unbedingt mit dem Auto zurücklegen mussten. Maja hatte sich in dieser einen Woche fast durchgehend mit ihrer Mutter gestritten. An einem Abend war es mitten im Gedränge des Grand Bazaar sogar so eskaliert, dass sich ein älterer Mann eingemischt hatte. Als sie später in dieser Nacht wieder in dem kleinen Hotel am Taksim-Platz waren und Maja in ihrem unbequemen Bett lag, hatte sie sich vor Sehnsucht nach ihrer großen Jugendliebe Rasmus in den Schlaf geweint.
Aber weder der Herzschmerz noch ihre nervige Mutter hatten Maja daran gehindert, sich Hals über Kopf in dieses riesige, chaotische, laute und oft unmögliche Land zu verlieben, das sich nie so richtig entscheiden konnte, ob es nun zu Europa, dem Nahen Osten oder einer ganz anderen Region gehörte. Ein Land, das wie ein enfant terrible mit seiner Position am Rande der westlichen Zivilisation regelrecht prahlte. Schon damals, als sie auf den Bosporus und das tiefblaue Meer blickte, spürte sie diese ganz besondere Magie, die von Istanbul ausging.
Mittlerweile beschränken sich Majas Begegnungen mit der Türkei auf Gülsüms hervorragenden Bulgursalat mit Chili, Rohrzucker und Unmengen von Knoblauch. Emmas türkische Mathelehrerin hat bei Klassenfesten schon öfter spannende Gerichte aus ihrer Heimat zum Buffet beigesteuert.
Eigentlich sollte Maja beim Gedanken an Dänemark, Jonas und die kleine Emma wenigstens einen kleinen Stich Heimweh verspüren, aber sie ist viel zu konzentriert, um sich davon ablenken zu lassen.
Das Rumpeln des Busses, der sich langsam wieder in Bewegung setzt, nachdem sie ausgestiegen ist, holt die vierunddreißigjährige Maja in die Realität zurück – und die Realität ist eine staubige Straße im Süden der Türkei, eine Durchschnittstemperatur von knapp vierzig Grad, eine umgekippte Mülltonne, Coladosen und Plastikabfälle, die am Straßenrand herumliegen, und ein alter, humpelnder Hund, der sich in Richtung ihres Etappenziels schleppt: das Excellence Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Mit echter Exzellenz ist angesichts der Lage des Hotels allerdings nicht zu rechnen. Es steht eingezwängt zwischen einer heruntergekommenen Tankstelle und einer halb verfallenen Bauruine, bei der die Stäbe aus Armierungsstahl aus dem Beton ragen. Für einen kurzen Moment stellt Maja sich vor, wie es wäre, einfach hierzubleiben. Sich heimlich abzusetzen, das Telefon auszuschalten und alles hinter sich zu lassen. Kein Mensch würde sie hier finden. Reiß dich zusammen, ermahnt sie sich selbst. In einer Woche bist du wieder zu Hause. Dann überquert sie mit schnellen Schritten die Straße.
Sie bleibt noch einmal kurz stehen, wirft einen prüfenden Blick in die spiegelnde Glastür, dann betritt sie das Hotel und geht an die Rezeption. Ein Bild des türkischen Präsidenten in kitschigem Goldrahmen nimmt einen Großteil der Wand ein, daneben steht ein Metallständer mit Touristenbroschüren, die mit Ausflügen zum Hadrianstor, zur Yivli-Minare-Moschee und dem Wasserpark Water-Paradise locken. Im Hinterzimmer dudelt leise orientalische Popmusik. Die Temperatur im Foyer ist dank des Marmorbodens deutlich erträglicher, vielleicht trägt auch der simple Ventilator dazu bei, der hinter der jungen, perfekt geschminkten Rezeptionistin im Regal steht.
»Für mich müsste ein Zimmer reserviert sein.«
»Auf welchen Namen, bitte?«
»Laura Hansen«, sagt Maja. Sie schiebt ihren Reisepass über den Tresen, den die junge Frau sich ohne großes Interesse ansieht, bis sie von einer Benachrichtigung auf ihrem Handy unterbrochen wird. Mit klappernden Nägeln tippt sie rasch eine Antwort, dann wendet sie sich wieder Maja zu.
»Zimmer 44. Vierter Stock. Sie müssen die Treppe nehmen, der Aufzug ist kaputt. Das Passwort für das WLAN ist Ihre Zimmernummer, damit können Sie sich einfach einloggen.«
Die junge Frau gibt Maja die Schlüsselkarte und einen Flyer, der zehn Prozent Rabatt in den umliegenden Restaurants verspricht.
Maja bedankt sich lächelnd.
Sie geht mit dem guten Gefühl zur Treppe, die erste Etappe geschafft zu haben. Um kurz vor sieben ist sie an diesem Morgen zusammen mit dreihundert Mitpassagieren und einer Handvoll uniformierter Gästebetreuer des Charteranbieters von Billund nach Antalya geflogen. Maja hatte den Flug zum Glück ohne Hotel gebucht und war sehr dankbar gewesen, als sie dem Touristenpulk zwischen Gate und Zollabfertigung endlich entkommen konnte.
Ähnlich erleichtert fühlt sie sich auch jetzt, als sie den Flur im vierten Stock betritt.
Sie bleibt kurz stehen, um sich zu orientieren. Zimmer 44 liegt am Ende des langen, schmalen Gangs. Mit einem leisen Klicken des Schlosses öffnet sich die Tür zu einem Hotelzimmer, das auf Tripadvisor einen oder höchstens zwei müde Sterne bekommen würde. Die Mittagssonne fällt durch die verkratzte Balkontür. Irgendwo hinter den weißen Hotelbauten, die entlang der Küste aufragen, kann man das azurblaue Mittelmeer erahnen.
Maja setzt sich aufs Bett, und wieder stellt sie sich vor, hier in dieser heruntergekommenen Gegend unterzutauchen und für niemanden mehr erreichbar zu sein. Sie schüttelt den Gedanken ab, zieht sich bis auf die Unterwäsche aus, und beginnt ihr tägliches Workout, zwölf Minuten für Ausdauer und Muskulatur. Fünfzig Squats, vierzig Liegestütze in mehreren Variationen, sechzig Sit-ups, drei Minuten Plank und verschiedene Dehn- und Beweglichkeitsübungen. Danach stellt sie ihren Handytimer auf fünf Minuten und legt sich mit geschlossenen Augen auf den kühlen Steinboden, bevor eine kurze, eiskalte Dusche sie wieder in Schwung bringt. Anschließend durchsucht sie routiniert und lautlos das Zimmer und kommt schnell zu dem Ergebnis, dass niemand sie hier stören wird. Am Ende zieht sie sich wieder an. Die Shorts aus dem Armyshop, schwarze Trekkingstiefel und ein verwaschenes T-Shirt. Sie schnappt sich ein Tuch, knotet es an ihre Bauchtasche, schließt die Zimmertür hinter sich ab und geht nach unten an die Rezeption.
Die Rezeptionistin von vorhin ist immer noch mit ihrem Handy beschäftigt. Maja spricht sie an und erklärt der jungen Türkin, dass sie später aufbrechen und für einige Tage fortbleiben werde. Sie gibt vor, eine Freundin besuchen zu wollen, die ein Haus in den Bergen gemietet hat. Daher müsse der Zimmerservice auch frühestens Ende der Woche nach dem Rechten sehen, wenn sie wieder zurück sei, um vor der Heimreise nach Dänemark noch ein paar entspannte Tage am Meer zu verbringen. »Ach, und noch eine Frage …«, sagt Maja. »Können Sie mir sagen, wie ich zum Busbahnhof komme?«
Die Sonnenbrille dämpft das grelle Licht, als Maja aus dem Hotel kommt, aber die heiße Luft verschlägt ihr fast den Atem. Sie folgt der Wegbeschreibung der Rezeptionistin ein paar Straßen weit, dann macht sie kehrt und schlendert auf gut Glück in die entgegengesetzte Richtung. Sie überquert einen kleinen Parkplatz, geht an einem lärmenden Müllauto vorbei und weiter die staubige Straße hinunter. Um ihre blonden Haare zu verdecken, bindet sie sich das Tuch um den Kopf, das sie extra zu diesem Zweck mitgenommen hat. Dann betritt sie die lokale Markthalle, ein großes Labyrinth aus Buden und Ständen. Maja schlendert durch die engen Arkaden, bleibt hier und da stehen und macht ein paar Selfies. Nachdem sie eine gute Stunde scheinbar planlos herumgewandert ist, verlässt sie die Markthalle wieder und geht durch die schmalen Gassen bis zu einem kleinen Platz. Dort setzt sie sich mit Blick auf die gegenüberliegende Autowerkstatt in eines der vielen Teehäuser der Stadt und bestellt sich den stark gesüßten türkischen Tee, der wie üblich in einem tulpenförmigen Glas serviert wird. Sie schaut sich die Selfies auf ihrem Handy an, die sie in der Markthalle aufgenommen hat. Auf den Bildern ist nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Etwa nach einer halben Stunde verlässt ein Mann mittleren Alters die Werkstatt gegenüber.
Er überquert den Platz und verschwindet in einer Seitenstraße, aber Maja kann gerade noch sehen, wie er in ein altes Auto steigt. Dort bleibt er einige Minuten sitzen, ohne den Motor anzulassen. Maja hat den Platz die ganze Zeit im Auge behalten. Niemand hat hochgeschaut, zum Handy gegriffen oder Anstalten gemacht aufzustehen. Schließlich fährt der Mann los. Maja bemerkt weiterhin keine Reaktion in ihrem Blickfeld. Sie bleibt noch kurz sitzen, dann bezahlt sie und schlendert auf verschlungenen Wegen durch die staubige Vorstadt weiter ans Wasser.
Auf dem großen Parkplatz vor einem Maxi-Supermarkt wartet das Auto unter einem baufälligen Vordach. Als der Mann am Steuer Blickkontakt zu Maja hat, fährt er ihr entgegen und hält gerade lange genug an, damit sie auf der Beifahrerseite einsteigen kann.
Wortlos überreicht er ihr einen dicken, braunen Umschlag, dann fährt er zur nächsten Tankstelle, steigt aus und verschwindet im Tankshop. Während er weg ist, öffnet Maja den versiegelten Umschlag, nimmt den Inhalt heraus und legt alles auf ihren Schoß. Pass, Krankenversicherung, Führerschein, Kreditkarte und türkische Lira im Wert von zwanzigtausend dänischen Kronen, verteilt auf zwei dicke Bündel Geldscheine. »Mach’s gut, Laura Hansen«, flüstert Maja leise vor sich hin. »Und freut mich, dich kennenzulernen, Signe Merete Lund, Archäologin, im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Kopenhagen unterwegs zu den Ausgrabungsstätten im Osten.«
Im Umschlag befinden sich außerdem sämtliche Reiseunterlagen für den Flug von Dänemark in die Türkei, inklusive einer benutzten Bordkarte, mit dem Datum der Einreise vor drei Tagen, ein paar Landkarten der östlichen Türkei, auf denen verschiedene Ausgrabungsstellen markiert sind, sowie Hintergrundinformationen über ihr archäologisches Aufgabenfeld.
Maja steckt eins der Geldbündel ein und tauscht Laura Hansens Papiere in ihrer Bauchtasche gegen die von Signe Merete Lund aus. Danach lässt sie Laura Hansen in dem Umschlag verschwinden, den sie anschließend ins Handschuhfach legt. Dann schaut sie sich im Auto um. Es ist ein kleiner, weißer Nissan. Wie abgesprochen verfügt der Wagen über keinerlei unerwünschte Elektronik. Als der Mann, der sie eingesammelt hat, aus dem Tankstellen-Shop kommt, wechselt sie auf die Fahrerseite.
Maja mustert ihn, als er auf den kleinen Nissan zugeht. Um die fünfzig, korpulent, ein Schnäuzer, der fast den ganzen Mund verdeckt, und eine qualmende Zigarette in der Hand.
»Danke, Mohammed«, sagt Maja, als er sich auf den Beifahrersitz fallen lässt.
»Ist alles so, wie es sein soll?«, fragt er mit charmantem Akzent. »Sie haben sich einen ziemlich heißen Tag für Ihre Ankunft ausgesucht. Und morgen soll es sogar noch wärmer werden. Ich muss nach Alanya. Meine Kinder sind Fußballfans, unser Verein ist Alanyspor. Wir wollen morgen das Spiel gegen Trabzonspor sehen«, sagt Mohammed. »Antalya ist mir zu groß. Viel zu groß. Zu viele Autos, zu viel Lärm. Die Leute sind fucking crazy. Und alle rauchen.« Lächelnd hebt Mohammed seine Zigarette.
Maja nimmt das zweite Bündel Geldscheine und reicht es Mohammed.
»Sie sind ein guter Mensch, möge Allah Sie beschützen«, sagt er und steckt das Geld in seinen Hosenbund. »Das Auto fährt sich ganz passabel, ich habe vorhin noch vollgetankt, aber die Klimaanlage ist ein bisschen … so lala. Und mir wäre der Wagen ja zu klein, aber ich brauche natürlich auch mehr Platz als Sie. Wann kommen Sie von Ihrer Ausgrabung zurück?«
»In zwei, drei Tagen, nehme ich an«, sagt Maja.
»Gut. Ich werde in zwei Tagen um dieselbe Uhrzeit wieder hier sein, am Tag danach ebenfalls und zur Sicherheit einen weiteren Tag später auch noch mal. Sie können sich auf mich verlassen.«
Sobald Mohammed ausgestiegen ist, schließt Maja für einen Moment die Augen. Ihr steht eine lange Fahrt bevor. Eintausendsechshundert Kilometer. Eintausendsechshundert Kilometer in einem klapprigen Nissan mit wenig Fußraum und einer Klimaanlage, die so lala funktioniert. Eintausendsechshundert Kilometer mit einem weiteren falschen Pass, auf einer Mission unter fremdem Himmel.
Warum eigentlich?, fragt sich Maja auf dem Weg zurück ins Excellence Hotel. Warum habe ich es nicht einfach wie Jonas gemacht? Vier Jahre an der Pädagogischen Hochschule und dann eine solide Festanstellung in der integrativen Tagesstätte Löwenzahn in Vesterbro. Siebenunddreißig-Stunden-Woche, höchstens. Dazu richtig lange Ferien und die Möglichkeit, sich auch mal krankzumelden, wenn man sich mies fühlt. Und Jonas hat Feierabend, sobald die letzte Windel gewechselt ist und er durch das kupferfarbene Tor auf die Knud Lavards Gade hinaustritt. Weil es nun mal so ist, beantwortet Maja sich ihre Frage mit derselben Begründung, auf die sie auch ein bisschen zu oft zurückgreift, wenn Emma etwas wissen will. Warum darf ich nicht länger aufbleiben? Warum darf ich nicht mehr Süßigkeiten essen? Weil es nun mal so ist.
Maja parkt den Wagen etwas entfernt vom Hotel in einer menschenleeren Seitenstraße. Sie nimmt das Tuch vom Kopf und geht das letzte Stück zu Fuß. Als sie ins Foyer kommt, steht immer noch dieselbe junge Frau an der Rezeption. Maja eilt durch die kleine Hotelhalle und nimmt die Treppe nach oben. Sie schließt sich in ihr Zimmer ein, geht ins Badezimmer und steigt auf die Toilette. Dann lockert sie vorsichtig eine der vergilbten Platten, mit denen die Decke verkleidet ist, und lässt den Umschlag mit Laura Hansens Papieren in dem entstandenen Spalt verschwinden. »Bis bald, Laura.«
Türkei
Die Straßen in der südöstlichen Türkei sind besser, als Maja befürchtet hat. Über Stunden hinweg sind der endlose Asphalt, leuchtend blaue Seen, staubige Dörfer und die majestätisch kreisenden Raubvögel über den schroffen Berghängen ihre einzigen Begleiter. Hier und da blitzt zwischen den Felsen das Meer auf, und immer wieder wird die breite Küstenstraße von staubigen Pisten abgelöst, die durch hügeligeres Gelände, enge Kurven, tiefe Schluchten, fruchtbare Täler führen. Grüne Olivenhaine baden im letzten Tageslicht. Und dann, ganz plötzlich und unerwartet, senkt sich der schwarze Himmelsvorhang, und es ist dunkel.
Gegen 20.00 Uhr hält Maja an einer Tankstelle an und kauft sich ein Sandwich, Snacks und etwas zu trinken für die Nacht. Das Sandwich isst sie sofort, den Becher mit trübem Kaffee klemmt sie zwischen Windschutzscheibe und die Ablagefläche des Armaturenbretts. Er schwappt ein wenig über, als sie sich wieder auf die Straße einfädelt. Aus den scheppernden Lautsprechern des Autoradios dudelt türkische Popmusik, gelegentlich unterbrochen von ein paar amerikanischen Hits. Maja versucht, so wenig wie möglich nachzudenken. Sie fährt einfach und lässt gar nicht erst zu, dass sich irgendein Gedanke in ihrem Kopf festsetzt. Die Strecke, die noch vor ihr liegt, übersteigt ihre Vorstellungskraft, ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich Stunde um Stunde vorzuarbeiten. Aber sie ist darauf trainiert, ihre Gedanken zu kontrollieren. Sie ist darauf trainiert, Auto zu fahren, sich in fremden Ländern zu bewegen, negative Gefühle auszublenden und sich ganz auf ihr Ziel zu konzentrieren, in diesem Fall ist es Uludere im Osten der Türkei, nahe der irakischen Grenze. Die kleine Stadt liegt in einer Region, die aus kurdischer Sicht zu Kurdistan gehört, dessen Gebiet sich über mehrere Landesgrenzen erstreckt. Maja war noch nie dort, aber sie hat sich bei ihren Vorbereitungen sowohl mit Uludere als auch mit der Gegend vertraut gemacht.
Gegen Mitternacht entdeckt sie einen kleinen Feldweg, der auf ihrer rechten Seite ins Tal hinunterführt. Sie legt den Rückwärtsgang ein, setzt den Wagen zurück und nach etwa hundert Metern lenkt sie den Nissan so zwischen ein paar Bäume, dass die Front zur Landstraße zeigt. Sie verriegelt die Türen, kippt die Rückenlehne ein wenig nach hinten, aber nur so weit, dass sie notfalls immer noch fahren könnte. Dann stellt sie ihren Handywecker auf fünfzehn Minuten ein, macht die Augen zu – und wacht eine Minute, bevor der Wecker klingelt, mit einem Ruck auf. Sie steigt aus und macht in der lauen Nachtluft ein paar Dehnübungen, lässt die Arme kreisen. Als sie wieder im Auto sitzt, isst sie einen Schokoriegel und spült ihn mit warmer Cola herunter. Sie muss weiter.
Die langen Nachtstunden verbringt sie unter anderem damit, möglichst wenig an Jonas zu denken. Sie hat plötzlich das Bedürfnis, ihn anzurufen. Es ist einfach falsch, dass er nicht weiß, was sie gerade macht und wo sie ist. Aber auf dieser Welt ist so vieles falsch. Genau deshalb macht sie ja diesen Job. Um Dänemark und Dänemarks Interessen zu schützen.
Nur auf welche Weise sie das tut, das kann Maja ihrem Lebensgefährten nicht erklären. Genau genommen kann sie es niemandem erklären, der nicht ebenfalls für den Nachrichtendienst arbeitet, denn ihr Job verlangt absolutes Stillschweigen, auch gegenüber den engsten Angehörigen. Wenn Informationen in die falschen Hände geraten, kann das für Maja und ihre Kollegen im schlimmsten Fall sogar den Tod bedeuten.
Maja nähert sich der Zeit, in der die Nacht am schwersten zu ertragen ist, wenn die Dunkelheit allmählich in den Morgen übergeht. Um sich wach zu halten, wendet sie den alten Trick an, den sie von Gregers Schmidt, dem operativen Leiter des militärischen Nachrichtendienstes, gelernt hat. Ohne das Auto anzuhalten und mit dem linken Fuß auf dem Gaspedal, zieht sie sich den rechten Stiefel und Socken aus. Dann schaltet sie die Klimaanlage ein und stellt die Lüftung auf Fußraum um. Der kalte Luftstrom ist genau auf ihre nackten Zehen gerichtet und hält sie wach.
Langsam nimmt der Verkehr auf den Straßen zu, und die ersten Sonnenstrahlen lassen die glitzernden Berge im Rückspiegel flimmern. Nach mehr als fünfzehn Stunden unterwegs hat Maja es fast geschafft. Durch die staubige Windschutzscheibe sieht sie einen kleinen Militärkonvoi, eingehüllt in eine rote Staubwolke. Die gepanzerten Fahrzeuge mit Soldaten auf der Ladefläche fahren auf einer nahe gelegenen Landstraße vorbei. Die PKK, der politische wie auch militärische Arm der Kurden, hat ihren Hauptsitz unmittelbar jenseits der Grenze im Irak. Aus diesem Grund wird das ganze Gebiet rund um die Uhr von Patrouillen der türkischen Armee überwacht, ab und zu hallen vereinzelte Maschinengewehrsalven zwischen den Berghängen wider. Das felsige Areal zwischen der Türkei, dem Irak, Syrien und Iran wirkt wie ein Magnet auf alle Unruhestifter der Welt. Stammeskrieger, Schmuggler, Terroristen, Extremisten, kriminelle Banden – diese Region hat alles zu bieten. Und nicht weit von hier operieren kleine, ausgesprochen widerstandsfähige Zellen des Islamischen Staats, die unverändert von einem neuen Kalifat träumen.
Der Militärkonvoi ist nicht mehr zu sehen, aber der nächste wird nicht lange auf sich warten lassen, und Maja ist absolut nicht scharf darauf, angehalten zu werden. Signe Merete Lund ist Archäologin. Ihr Fachgebiet ist die Ur- und Frühgeschichte des Nahen Ostens, ihr aktuelles Forschungsprojekt befasst sich mit assyrischen Schriften aus der Bronzezeit. Sie ist hier, um ihren Assistenten abzuholen. All das können ihre Papiere belegen. Ganz egal, was überprüft wird, die Geschichte ist wasserdicht. Maja war selbst an der Gestaltung ihrer Legende beteiligt, deshalb macht sie sich darüber gar keine Sorgen. Aber es gibt keinen Grund, ein unnötiges Risiko einzugehen. Das Kopftuch verdeckt zwar ihre blonden Haare, aber ihre hellblauen Augen sind natürlich trotzdem zu sehen. Maja kann ihre dänische Herkunft nun mal nicht leugnen, und eine Skandinavierin, die sich so weit im Osten des Landes aufhält, würde unweigerlich Fragen aufwerfen und Misstrauen wecken.
Ein alter Hirte blockiert mit seiner Ziegenherde minutenlang die Straße und zwingt sie, zu warten. Wenig später weiter muss sie ein paar tiefen Kratern im Asphalt ausweichen, wahrscheinlich Granateneinschläge. Aber als schließlich ein durchlöchertes Schild den Weg nach Uludere anzeigt, lächelt Maja. Sie ist fast da.
Als Treffpunkt ist eine kleine Straßenkreuzung am westlichen Stadtrand vereinbart. Wie geplant kommt Maja etwas früher als ausgemacht an. An der Kreuzung gibt es ein einfaches, kleines Café, von dort aus hat sie freie Sicht auf die nahe gelegene Bushaltestelle. Sie parkt den Wagen, setzt sich ins Café und bestellt einen türkischen Kaffee mit reichlich Zucker. Dann wartet sie. Rund um das Café, die Kreuzung oder die Bushaltestelle ist kein Mensch zu sehen, bis nach ein paar Minuten ein schrottreifer Bus anhält und eine bunte Mischung an Fahrgästen aussteigt. Majas Blick fällt sofort auf den jungen, schlaksigen Mann, der sich kurz umschaut und dann langsam in die andere Richtung geht, weg vom Café und der Kreuzung. Maja wartet geduldig, bis sie sicher ist, dass auch wirklich keine ungewöhnliche Aktivität im Gange ist. Dann legt sie ein paar Lira-Scheine auf den Tisch, geht zum Auto zurück und fährt dem jungen Mann nach. Als sie ihn einholt, bleibt er mit verschränkten Armen am Straßenrand stehen. Die schwarzen Locken sind staubig, der Bart länger als bei ihrer letzten Begegnung, aber seine Grübchen sind trotzdem noch erkennbar. Maja hält an, steigt aus und geht auf ihn zu.
»Das geht so nicht weiter mit uns«, sagt sie lächelnd und umarmt ihn.
»Stinke ich?«
»Ja, schon. Ein bisschen.« Maja lacht.
»Ich habe seit drei Tagen nicht mehr geduscht.«
»Aber jetzt bist du hier. Das ist die Hauptsache.«
»Wir waren ja auch verabredet«, sagt Ramin. Er sieht jünger aus als einunddreißig. Vor allem wegen seiner Augen, das hat Maja schon oft gedacht. Dieser neugierige, fast kindliche Blick auf die Welt, ohne Vorbehalte oder Skepsis, was angesichts seiner Vergangenheit wirklich überraschend ist. Ramin wuchs in einer Flüchtlingsfamilie auf. Die Eltern kamen 1987 nach Dänemark, auf der Flucht vor dem Grauen des ersten Golfkriegs. Die beiden Brüder seines Vaters waren bereits in diesem Krieg zwischen Iran und Irak gefallen, der insgesamt fast ein ganzes Jahrzehnt tobte und rund eineinhalb Millionen Menschenleben forderte, während die Welt mit großen Augen zusah. Als Ramins Vater eines frühen Morgens den Entschluss traf, zu desertieren, begann die dramatische Flucht der Familie, die einige Monate später in einem kleinen Dorf bei Roskilde endete, weit weg von den Repressalien des Gottesstaates und Saddam Husseins regionalem Imperialismus.
Wenige Jahre danach kam Ramin zur Welt. Mit iranischen Eltern in Dänemark aufzuwachsen, war damals nicht einfach. Viele begegneten Ramins muslimischem Hintergrund mit Misstrauen. Bei einem ihrer ersten Treffen erzählte er Maja, wie er als Achtjähriger in den örtlichen Sportverein eingetreten war, um Handball zu spielen, woraufhin ein paar Eltern damit gedroht hatten, ihre Kinder abzumelden, weil sie keine Fehlfarben in der Mannschaft haben wollten. Aber Ramin hatte sich nicht unterkriegen lassen und war nicht nur gut durch die Volksschule gekommen, sondern hatte auch das Gymnasium und ein anspruchsvolles Informatikstudium an der Universität Kopenhagen abgeschlossen.
»Bist du hungrig?«, fragt Maja.
Ramin nickt, und sie setzen sich ins Auto. Maja kramt eine Tüte aus dem Handschuhfach. Cashewnüsse, Cola, Wasser und Schokolade.
»Und wo ist mein Big Mac?«, fragt Ramin feixend. »In meinem Vertrag steht, dass ich einen Burger mit Pommes bekomme, wenn ich von der Archäologin abgeholt werde. Und zum Nachtisch ein Bananensplit.«
»Kein Mensch bestellt heutzutage noch Bananensplit.«
»Doch, ich.«
Maja zeigt auf einen der Schokoriegel. »Die Dinger schmecken ganz okay. So ähnlich wie Snickers, nur türkisch.«
»Gib her, ich bin gerade nicht wählerisch.«
»Sonst alles in Ordnung?«
»Ja. Aber ich bin viel gelaufen und Bus gefahren. Also eigentlich bin ich fast nur gelaufen. Du solltest die Blasen an meinem linken Fuß sehen. Die tun scheiße weh.«
»Danke, nicht nötig.«
Sie sind etwa seit einer halben Stunde unterwegs, als Maja kurz entschlossen an einer kleinen Cafeteria anhält.
»Bleib sitzen, Ramin, ich hole uns etwas Richtiges zu essen.«
Sie kontrolliert, ob ihr Kopftuch alle Haare verdeckt, steigt aus und wirft einen raschen Blick in beide Fahrrichtungen der Landstraße. Warum ist sie plötzlich nervös? Maja nimmt sich ein paar Sekunden Zeit, um dem Gefühl nachzugehen. Normalerweise kann sie sich auf ihren Instinkt verlassen, aber es ist nichts Ungewöhnliches zu sehen. Auch als sie mit Dürüm und Cola aus der Cafeteria kommt, ist die Unruhe immer noch da.
Selbst einige Kilometer später, nachdem sie erst schnell, und dann so langsam gefahren ist, dass sie nur noch im Schneckentempo vorangekommen sind, kann sie das ungute Gefühl nicht abschütteln. Dabei ist immer noch niemand zu sehen, weder vor ihnen noch hinter ihnen auf der Straße. In regelmäßigen Abständen späht Maja nach oben und sucht den Himmel nach Drohnen ab, aber auch da ist alles ruhig. An einem hochgelegenen Aussichtspunkt, direkt neben einer Haarnadelkurve, die freien Blick in beide Richtungen bietet, hält Maja an.
Sie steigen aus und setzen sich unterhalb des Aussichtspunkts auf eine Steinmauer, weit genug vom Auto entfernt, um ungestört reden zu können, falls der Nissan wider Erwarten abgehört wird.
»Hier können wir essen«, sagt Maja.
»Aber vorher habe ich noch etwas für dich.« Ramin übergibt Maja einen kleinen USB-Stick, dann macht er sich über die Dürümrolle her.
Maja betrachtet das winzige Ding in ihrer Hand. So viel wurde dafür in Bewegung gesetzt. Ein halbes Jahr Vorarbeit. Genau genommen sogar noch mehr, wenn man alles andere mit berücksichtigt: die langwierigen Vorbereitungen, die minutiöse Planung, Meetings und vorgegebene Abläufe, mögliche und unmögliche Situationen, die es zu berücksichtigen galt, Dinge, die schiefgehen konnten, bevor die ganze riskante Operation überhaupt angefangen hatte.
Und das ist es nun also – das Ergebnis all dieser Mühen. Auf einem verschlüsselten USB-Stick in Majas Hand. Im besten Fall liefert er ihnen neue Erkenntnisse darüber, warum die Iraner und Chinesen so viel miteinander zu besprechen haben.
Maja kann nur hoffen, dass es auch wirklich auf diesem Stick ist – das Gespräch zwischen einem hochrangigen iranischen Staatsvertreter und seinem chinesischen Kollegen, aufgenommen vor sechs Tagen, im Konferenzraum eines Hotels in Teheran. Sie steckt den kleinen Datenträger in die Hosentasche. So achtlos, als wäre er ganz unbedeutend.
»Bist du so weit, Ramin? Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen.« Die beiden gehen rasch zurück zum Auto, steigen ein, und Maja gibt Gas. »Und ja, mir ist bewusst, dass du müde bist, aber irgendwann wirst du mich trotzdem am Steuer ablösen müssen.«
Türkei
Im Kopf ist Maja die Strecke schon unzählige Male gefahren. Sie kennt sie in- und auswendig, hat sich mit der Route vertraut gemacht und sich jedes Detail eingeprägt.
Jetzt sind sie auf dem Rückweg, allerdings nicht direkt nach Antalya. Zuerst müssen sie nach Incirlik, zum Luftwaffenstützpunkt der NATO, der im Syrienkrieg von zentraler Bedeutung für die Angriffsflüge der Amerikaner gegen IS-Stellungen gewesen war. Ihr Plan sieht vor, dass Ramin von dort nach Dänemark ausgeflogen wird, während Maja nach Antalya zurückfährt und noch ein paar Strandtage einlegt, bevor sie in den Flieger nach Billund steigt. Oder, wie Gregers es kurz vor ihrer Abreise mit einem Lächeln ausgedrückt hatte: »Eigentlich musst du ja nur Urlaub machen, Maja. Okay, und einen kleinen Ausflug zwischendurch. Aber trotzdem. Vielleicht sollten wir dir die Zeit vom Jahresurlaub abziehen.«
Kleiner Ausflug, denkt Maja kopfschüttelnd. Ein kleiner Ausflug in Form einer knapp vierzigstündigen, risikoreichen Autofahrt durch ein extrem angespanntes Konfliktgebiet. Mit falschen Papieren in der Tasche.
Nach ein paar Stunden übernimmt Ramin das Steuer, und Maja darf schlafen. So geht die Fahrt weiter, sie schlafen und fahren immer im Wechsel.
Der Verkehr nimmt allmählich zu, je weiter sie nach Westen kommen. Die Straßen werden breiter, die Autos moderner, die Häuser größer.
Ramin erzählt nichts über seinen Aufenthalt im Iran. Bald ist er zurück in Dänemark und wird die nächsten Tage oder vielleicht auch Wochen nach seiner Ankunft damit verbringen, jedes noch so kleine Detail seiner Reise zu schildern und auszuwerten. Es kommt nicht oft vor, dass der Dienst die Möglichkeit hat, im Iran Leute vor Ort zu platzieren, deshalb wird man versuchen, alles aus Ramins Einsatz herauszuholen, was nur geht. Ganz konkret will man so viel wie möglich darüber erfahren, welche Rolle Iran für die sogenannte Belt-and-Road-Route spielt, einer interkontinentalen Netzwerkinfrastruktur zwischen Asien, Europa, Afrika und China, auch »neue Seidenstraße« genannt, deren Aufbau die Chinesen mit Nachdruck verfolgen. Aber das alles ist nicht Majas Baustelle. Sie ist eher der Typ für die praktischen Aufgaben.
Kurz bevor sie die Großstadt Adana erreichen, machen sie Pause. Sie steigen aus, gehen ein paar Meter vom Auto weg, strecken sich, atmen durch.
»Unser iranischer Freund ist übrigens eine Stunde zu spät gekommen«, sagt Ramin. »Ich hatte wirklich Sorge, er hätte kalte Füße bekommen.«
»Wie war er drauf?«
»Nervös. Oder viel mehr ängstlich. Er stand fast durchgehend am Fenster und hat die Straße beobachtet. Und er hat die ganze Zeit seine Hände geknetet.«
»Ich finde das ziemlich verständlich«, sagt Maja und denkt daran, dass Landesverrat im Iran mit dem Galgen bestraft wird.
»Ansonsten ist er genau der Richtige für uns«, sagt Ramin. »Einflussreiche Stellung im iranischen Staatsapparat mit Kontakten in alle Richtungen. Erst letzte Woche hat er mit dem Außenminister gefrühstückt. Er ist bei nahezu allen wichtigen Treffen dabei. Und er ist bereit, noch einmal mit mir zu sprechen. Obwohl er Panik davor hat, aufzufliegen.«
»Der Arme«, sagt Maja.
»Kein Grund, seinetwegen in Tränen auszubrechen«, sagt Ramin. »Aber ich ziehe den Hut vor ihm.«
»Und ich vor dir, Ramin«, sagt Maja und meint es wirklich ernst. »Du bist wahnsinnig gut.«
»Und gutaussehend.« Ramin grinst.
»Das auch«, erwidert sie lachend. »Aber ich habe schon einen Freund …«
Als sie sich wieder ins Auto setzen, übernimmt Maja das Steuer.
»Die Kilikische Pforte«, platzt Ramin plötzlich heraus. »Ist das hier?«
»Noch nicht ganz. Vor einer halben Stunde sind wir an einem Hinweisschild vorbeigekommen«, sagt Maja. Die sagenumwobene Pforte bildet den Hauptpass durch das Taurusgebirge und verbindet das Mittelmeer mit dem anatolischen Hochland. Vor zweitausendfünfhundert Jahren ist Alexander der Große über den Pass gekommen und später dann Paulus, mit seinem Wunsch, die christliche Botschaft zu verkünden, genau wie die Kreuzritter und noch etliche andere Heere im Laufe der Geschichte. Alle haben sich ihren Weg über die damals ziemlich strapaziöse Passage in tausend Metern Höhe erkämpft.
Der Wagen hinter ihnen holt Maja in die Gegenwart zurück.
Ein schwarzer Transporter mit getönten Scheiben.
Er fährt ziemlich dicht auf – zu dicht. Die Sonne spiegelt sich in der Windschutzscheibe.
»Was zur Hölle hat der vor?«, fragt Maja.
»Wer?«
Sie antwortet nicht. Stattdessen versucht sie, auf ihre innere Stimme zu hören, die sie dazu ermahnt, weniger paranoid zu sein. Herrgott nochmal, es ist nun wirklich nicht der erste lausige Autofahrer, dem Maja begegnet. Und ganz bestimmt auch nicht der letzte.
Trotzdem strahlt dieser schwarze Lieferwagen etwas Beunruhigendes aus. Irgendetwas, das Maja nur schwer erklären kann, was sie aber instinktiv als Gefahr wahrnimmt.
Ist sie übermüdet? Die Kopfschmerzen, die sich über den ganzen Tag hinweg angebahnt haben, sind durch den fehlenden Schlaf noch schlimmer geworden. Aber nach den vielen Stunden in dem unbequemen Nissan tut ihr inzwischen eigentlich alles weh. Es kommt Maja vor, als wären sie im kleinsten Auto der ganzen Türkei unterwegs.
Warum fährt dieser Transporter so dicht auf?
Okay, mein Freund, denkt Maja, dann gebe ich dir jetzt die Gelegenheit zu überholen. Sie wechselt die Spur, aber der schwarze Lieferwagen folgt ihnen auf die rechte Seite und bleibt hinter ihnen.
»Vielleicht hat er es einfach nicht eilig?«, schlägt Ramin vor.
»Das sah gerade eben aber noch ganz anders aus«, entgegnet Maja. Sie gibt den Versuch auf, Ramin in ihre Überlegungen einzuweihen und gibt stattdessen Gas. Wird der Transporter mitziehen?
In den nächsten Minuten unternimmt Maja mehrere Manöver, um den Verfolger abzuschütteln. Sie ist eine gute Fahrerin, sie ist darauf trainiert, mit schwierigen Bedingungen klarzukommen, egal ob Glätte, Gebirgsstraßen oder dichter Stadtverkehr. Immer wieder wechselt sie die Fahrbahn, verringert das Tempo, beschleunigt wieder – und die ganze Zeit klebt der Transporter förmlich an ihnen dran. Als die Tachonadel die Hundertsechzig überschreitet und die Karosserie des kleinen Nissans schon heftig vibriert, geht Maja im Kopf noch einmal den Ablauf des gesamten letzten Tages durch. Sind sie beschattet worden? Hat sie einen Fehler gemacht? Oder Ramin? Oder liegt das Problem weiter oben im System? Gibt es irgendwo eine undichte Stelle? Wurden sie verraten? Oder war jemand unvorsichtig? Maja versucht, sich die Reisegesellschaft ins Gedächtnis zu rufen, mit der sie in der Türkei gelandet ist. Überlegt, ob sie etwas übersehen hat. Ein auffälliges Verhalten. Oder hat sie jemand angesprochen, Interesse für sie gezeigt? Am Gate hatte ein älterer Mann, der seine Sonnenbrille mit einer hässlichen orangefarbenen Kordel um den Hals trug, gefragt, ob das ihr erster Türkeibesuch sei. Warum wollte er das wissen? Um ein Gespräch in Gang zu bringen, das sie enttarnen sollte?
Ihr fällt ein, dass sie auch mit dem jungen Tourguide ein paar Worte gewechselt hatte, als sie gestern aus dem Flughafen gekommen war. Oder war das vorgestern gewesen? Sie hatte aber nur ein paar praktische Dinge mit ihm geklärt, und außerdem hatte sie ihn angesprochen, nicht umgekehrt. Maja konzentriert sich auf den schwarzen Lieferwagen, der wie ein Blutegel an ihrem Nissan klebt. Die steilen Felswände links und rechts der Straße geben ihr fast das Gefühl, durch einen Tunnel zu fahren. Eine Pforte zwischen Ost und West. Oder zwischen Leben und Tod, denkt Maja, und schiebt das dramatische Bild sofort wieder weg.
»Er wechselt die Spur«, sagt Ramin plötzlich. »Ich glaube, er überholt uns.«
Maja hat das Gefühl, ihre Erleichterung förmlich mit Händen greifen zu können. Sie dreht sich zu Ramin und sieht ihn an.
»Tut mir leid«, sagt sie. »Ich bin einfach ziemlich übermüdet und sehe offenbar Gespenster. Aber das war wirklich ein …«
»Achtung!«
Bei Ramins Schrei richtet Maja den Blick sofort wieder auf die Straße. Im selben Moment kracht der schwarze Transporter seitlich in ihren Wagen und drängt sie ab. Der kleine Nissan schlingert gegen die Felswand. Irgendein Karosserieteil reißt ab, landet klappernd auf der Straße und verschwindet hinter ihnen im Rückspiegel.
Maja tritt voll auf die Bremse. Lässt sich von ihrem Instinkt leiten. Schaltet auf Überlebensmodus. Aber die Räder des Kleinwagens finden keinen Halt. Sie verabschieden sich einfach vom Asphalt und heben ab. Für einen Moment scheint es, als hätten die Gesetze der Schwerkraft keine Gültigkeit mehr – bis der Transporter sie erneut rammt und gegen die Felsen drückt.
»Festhalten!«, ruft Maja und versucht, das Tempo noch weiter zu drosseln. Aber es ist unmöglich, der Transporter schleift sie mit, schiebt sie vor sich her. Maja hat keine Kontrolle mehr über das Auto.
Es kracht und scheppert. Mehrmals prallt der Nissan gegen die Felswand. Es riecht nach Rauch und verbranntem Gummi.
Dann erschüttert ein weiterer Stoß den Wagen, diesmal noch heftiger als zuvor.
Ramin schreit auf.
Glas zersplittert.
Ein heftiger Ruck in Schultern und Nacken, es fühlt sich an, als würde ihr Körper zerreißen.
Der Himmel ist unten. Auf einmal schieben sich die Felsen ins Auto. Das Dach ist verschwunden, heruntergerissen. Blut auf dem Asphalt, zerfetzte Haut, ein Knochen ragt heraus.
Maja hört Geräusche. Autotüren, die geöffnet werden. Stimmen. Schritte. Sie kann sich nicht bewegen. Sie ist in einem Hohlraum gefangen. Eingequetscht zwischen Straße, Felsen und dem Klumpen Blech, der mal ein Kleinwagen war. Die Klaustrophobie, mit der sie schon als Kind zu kämpfen hatte, meldet sich zurück. Maja versucht, sich zu befreien. Aber es geht nicht, sie steckt fest.
Mehr Stimmen. Eine unverständliche Sprache. Maja würde gern schauen, was mit Ramin ist, aber sie kann den Kopf nicht drehen. Sie will mit ihm reden, will wissen, ob er noch lebt. Aber sie bringt kein Wort heraus. Dafür werden die Stimmen lauter. Sprechen sie Türkisch? Persisch? Maja kann es nicht erkennen. Es fällt ihr schwer, die Augen offenzuhalten, alles dreht sich. Sie unternimmt einen erneuten Versuch, sich zu befreien, aber sie weiß nicht mal, wo oben und wo unten ist. Oder woher die Hand kommt, die nach ihr greift. Ist es Ramin? Nein, er muss irgendwo auf ihrer anderen Seite sein.
»Lass mich!«, wimmert sie, als sich die Hand in ihre schmerzende Schulter bohrt, obwohl sie weiß, dass es sinnlos ist. »Lass mich los!«
Sie kann den Mann, der sie festhält, jetzt sehen, wenn auch nur sein undeutliches Bild im zersplitterten Spiegel. Ein Schatten, der sie aus dem Autowrack ziehen will. Die Stimmen sind jetzt laut. Maja ist bewusst, dass sie vielleicht nicht gekommen sind, um ihr zu helfen, sondern um sie zu durchsuchen. Sie tastet nach der fremden Hand, will ihre Schulter aus dem Griff befreien. Endlich bekommt sie etwas zu fassen. Einen Finger. Ohne zu zögern, biegt sie den Finger mit einer kräftigen Drehung nach hinten, bis es leise knackt. Der Mann schreit auf.
Dann verschwinden die Stimmen, und jemand rennt. Die Motorengeräusche eines Lieferwagens werden von neuen Schritten und Stimmen abgelöst. Vielleicht sind es dieselben wie eben, aber vielleicht ist auch Hilfe gekommen. Das Einzige, woran Maja denken kann, ist ihr Telefon. Es steckt zusammen mit dem USB-Stick in ihrer Tasche. Sie schafft es, das Handy zu greifen und herauszuziehen. Mit purer Willenskraft. Auf dem Display klebt Blut. Das Glas ist gesprungen. Majas Finger finden Google Maps fast von allein. Die Koordinaten. Längengrad, Breitengrad. Ein Screenshot. Aber etwas fehlt noch. Das Codewort. Kaktus. Das Codewort, das bedeutet, dass die Operation gescheitert ist.
Dann schickt sie die Nachricht ab.
Kastell, Kopenhagen
Warum kann es nicht einfach mal rundlaufen?, denkt Daniel Hartmann und ärgert sich darüber, dass er den Regenschirm im Auto gelassen hat. Isabella ist unerträglich. Munk ist noch viel unerträglicher. Fucking alle sind unerträglich. Es ist nur ein kurzer Weg vom Auto zum Kastell, aber aus dem leichten Nieseln ist ein handfester Regen geworden, und Daniel muss aufpassen, um nicht in eine der Pfützen zu treten, die sich überall auf dem Kopfsteinpflaster bilden, nur um ihn zu provozieren.
Heute gelingt es dem Kastell nicht, die Erwartungen zu erfüllen, die Daniel an einen der schönsten Arbeitsplätze des Landes hat. Natürlich überrascht es niemanden, dass die Ausstattung in der über dreihundert Jahre alten Festung zum Teil hoffnungslos veraltet ist, und es ist auch kein Geheimnis, dass es beim FE, dem dänischen Militärnachrichtendienst, ein paar ziemlich unangenehme Führungskräfte gibt, aber normalerweise strahlt Daniels Arbeitsplatz zumindest diese ganz eigene Ästhetik aus, eine fast schon überhebliche Schönheit. Eine sternförmige Oase, die sich über die unaufhaltbare Forderung der Zeit nach Veränderung hinwegsetzt.
»Guten Morgen«, sagt Daniel, als er den bewachten Eingangsbereich betritt.
»Richtiges Dreckswetter heute«, begrüßt ihn der bewaffnete Wachmann. »Eigentlich hatten sie im Fernsehen gesagt, vormittags würde es trocken bleiben.«
»Das machen die mit Absicht. Um uns zu ärgern«, sagt Daniel und wendet sich dem üblichen Prozedere an der Sicherheitsschleuse zu.
Er kann sich noch gut an seinen ersten Tag beim FE erinnern, dem »Forsvarets Efterretningstjenste«, der in den ehemaligen Kasernen der Festungsanlage untergebracht ist. Diesen Sommer ist das unglaubliche vierzehn Jahre her. Seitdem hat sich viel verändert, aber unter den älteren Kollegen gibt es noch ein paar, die jeden Tag einen anderen Weg zur Arbeit nehmen. Daniel dagegen fährt immer dieselbe Strecke in seinem alten Saab von Hareskoven zum Kastell nach Østerbro.
Lea wartet schon vor seinem Büro auf ihn. Ihre kurzen roten Haare sind noch nass vom Regen, in der sommersprossigen Hand hält sie eine dampfende Kaffeetasse.
»Hans Henrik Munk will dich sprechen«, sagt sie.
»Was für ein Empfang … Guten Morgen.«
»Ach ja – guten Morgen«, sagt sie, und vielleicht lächelt sie sogar.
»Muss ich mir Sorgen machen?«
»Schwer zu sagen. Bei ihm weiß man ja nie.« Die junge Kollegin zuckt unbeeindruckt die Schultern. »Seine Sekretärin hat mich nur gebeten, dir auszurichten, dass er dich in zehn Minuten in seinem Büro erwartet.«
Daniel nickt und betritt sein kleines Büro mit der niedrigen Decke.
Morgens als Erstes zum Chef zitiert zu werden, ist selten ein gutes Zeichen. Tatsächlich fällt Daniel nicht viel ein, womit er die Woche noch weniger gern starten würde. Hans Henrik Munk sollte eigentlich nur vorübergehend die erkrankte FE-Chefin Louise Rex vertreten, aber was zunächst als Übergangslösung für einen kurzen Zeitraum gedacht war, zieht sich mittlerweile schon ziemlich lange hin.
Daniels Blick fällt auf Isabellas Foto, das auf der Fensterbank steht, zusammen mit der gerahmten Fotocollage ihres gemeinsamen Sohns Benjamin, einem kleinen Holzkrokodil, das Daniel vor einigen Jahren aus Gründen, die er nicht mehr nachvollziehen kann, aus Uganda mitgebracht hat, und der fast leeren Pralinenschachtel, die ihm die Kollegen letzte Woche zum Geburtstag geschenkt haben.
Er erkennt seine Frau auf dem Foto kaum wieder. Wenn er es nicht ganz genau wüsste, hätte er niemals geglaubt, dass die lächelnde Schönheit auf dem Bild – das er damals selbst aufgenommen hatte, in den Sommerferien am Strand auf Møn – und die manipulative, fast schon aggressive Isabella, mit der er vor einer Stunde noch am Frühstückstisch gesessen hat, ein und dieselbe Person waren. Was zur Hölle war bloß schiefgelaufen?
Er hängt seine Jacke an den Garderobenständer hinter der Tür, fährt den Computer hoch und setzt sich.
Fünf Minuten hat er noch für sich.
Vom Flur dringen vereinzelte Stimmen in sein Büro. Daniel erkennt die des operativen Leiters, Gregers Schmidt. Dann werden sie leiser und verschwinden, lassen ihn allein in seinem kleinen Büro in der Abteilung für Operationen und Analyse, oder kurz OA, wie es unter den Angestellten heißt. Die Abteilung befindet sich in einem der sechs langgestreckten Häuser, die zusammen mit der Kirche, der Kommandantur, ein paar großen Wirtschaftsgebäuden, einem Wachhaus, dem Gefängnis und der letzten Windmühle in Kopenhagen die historische Festungsanlage bilden.
In der Anfangszeit beim FE fand Daniel es interessant, mehr über die bewegte Vergangenheit der Zitadelle zu erfahren. Es reizte ihn irgendwie, den Flügelschlag der Geschichte zu spüren. Er mochte das Gefühl, selbst ein Teil dieses bedeutenden, jahrhundertealten Orts zu sein, an dem es heute wie damals darum ging, das Land vor Feinden zu schützen.
Und dieses Gefühl hat er immer noch – zumindest flackert es ab und zu auf. Heute allerdings nicht.
Im Inneren des Gebäudes reihen sich kleine, klaustrophobisch enge Büros aneinander, in denen ein erwachsener Mann nur mit Mühe aufrecht stehen kann, es gibt enge, lange Flure, und das Mobiliar sieht mit seinen Laminattischen, den roten Metallfüßen und grünen Sitzgruppen aus, als gehörte es eigentlich in den benachbarten Kindergarten. Nur im Erdgeschoss sind Wasserleitungen verlegt, und da die ganze Herrlichkeit unter Denkmalschutz steht, ist es auch nicht zu erwarten, dass sich daran jemals etwas ändern wird. Aber wie Gregers einmal zu einem jungen Kollegen sagte, der sich über die unglaublich veraltete Ausstattung aufregte: Wenn man den Geruch in der Backstube nicht leiden kann, muss man sich entweder die Nase zuhalten oder man muss ihn lieben lernen.
Noch zwei Minuten, denkt Daniel und steht auf.
Tief Luft holen. Man kann wirklich viel über Munk sagen, aber eins ist sicher: Er kann es nicht leiden, wenn jemand zu spät kommt.
Kastell, Kopenhagen
»Daniel«, sagt Hans Henrik Munk und schaut vom Bildschirm auf. »Setz dich. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.«
Was für eine Überraschung, denkt Daniel und lässt sich auf den unbequemen Besucherstuhl fallen.
»Wenn wir Glück haben, ist der Kaffee schon unterwegs.« Munk rollt auf seinem Stuhl nach rechts, weg vom Bildschirm, dann faltet er geradezu feierlich seine Hände und sieht Daniel forschend an. Hinter ihm an der Wand hängt eine Landkarte, sein Gesicht wird von der australischen Westküste auf der einen und der Ostküste Afrikas auf der anderen Seite eingerahmt. »Du kannst dir ja sicher denken, worum es geht.«
Daniels Erfahrung mit Munk sagt ihm, dass es meistens besser ist, selbst möglichst wenig zu sagen, also bleibt er stumm und wartet erst einmal ab. Die hohe Kunst der Gesprächsführung ist noch nie Munks Stärke gewesen. Allerdings fallen Daniel auf die Schnelle auch keine anderen, erwähnenswerten Stärken des stellvertretenden FE-Chefs ein. Es ist ihm in jeder Hinsicht ein Rätsel, wie die Wahl der politischen Reihen auf den fast Sechzigjährigen fallen konnte. Dabei gibt es an Munks Intelligenz gar nichts auszusetzen, angeblich hat der Mann sogar einen ziemlich beeindruckenden IQ – aber leider weder ein Gefühl für zwischenmenschliche Beziehungen noch Ahnung vom praktischen Teil der Geheimdiensttätigkeit.
»Nein, lass mich woanders anfangen.« Munk richtet diskret den Hemdkragen unter seinem Sakko und nimmt einen neuen Anlauf. »Zu Hause.«
»Bei mir?«
»Komm schon, Daniel. Du verstehst ganz genau, was ich meine. Und du weißt, dass ich es weiß. Ich kenne deine Frau zwar nicht, aber sie ist bestimmt lieb und nett«, sagt er und macht eine Pause, die Daniel genug Zeit gibt, um in Gedanken zu Isabella und der frostigen Stimmung zurückzukehren, die sich in ihrem Blockhaus in Hareskovby eingeschlichen hat.
Seit vierundzwanzig Jahren sind sie jetzt schon zusammen. Ohne Unterbrechung und ohne nennenswerte Krisen, obwohl irgendwann auch in ihrer Beziehung der Alltag Einzug gehalten hat. Ein wenig fernsehen unter der Woche, freitags eine Flasche Rotwein und viele gute, aber harmlose Gespräche über alles Mögliche. Allerdings so gut wie nie über die Arbeit.
Doch jetzt hat sich etwas verändert. Etwas, das seit einiger Zeit in Isabella rumort. Daniel kann es nicht richtig greifen, wahrscheinlich, weil es vor allem ein Gefühl ist. Oder, wie Daniel es im Stillen formuliert: Sie hat sich verändert.
»Deine Frau arbeitet als Journalistin bei Danmarks Radio, Daniel«, sagt Munk und reißt ihn aus seinen Gedanken. Im selben Moment werden sie von seiner Sekretärin unterbrochen, die vorsichtig anklopft und ihnen Kaffee bringt. »Danke, Hanne«, sagt Munk und schenkt ihnen beiden ein. »War sie nicht auch mal bei TV2?«, fragt er, als sie wieder allein sind.
»Nein«, antwortet Daniel. »Aber sie war bei verschiedenen großen Zeitungen.«
»Und jetzt also bei DR. Wofür sie allen Respekt verdient hat«, sagt Munk in einem Ton, der wohl vertrauenserweckend klingen soll. »Das will ich hier noch einmal ausdrücklich betonen. Journalisten machen einen verdammt wichtigen Job, gar keine Frage. Die Wachhunde der Demokratie und so.«
In Gedanken sucht Daniel fieberhaft nach einer Möglichkeit, um diesem Gespräch zu entkommen.
»Mich dagegen hat es hierher verschlagen. Erst Polizei, jetzt der FE. Wer hätte das damals von dem schmächtigen Jungen aus dem Kopenhagener Umland gedacht?«, fährt Munk mit einer Bescheidenheit fort, die Daniel ihm nicht eine Sekunde lang abkauft. »Auch wenn meine Aufgabe hier natürlich nur vorübergehend ist«, schiebt er abschließend hinterher.
Daniel muss sich auf die Zunge beißen, um nicht laut loszulachen. Ein einziger Blick in Munks Gesicht genügt, um zu bestätigen, was den meisten Mitarbeitern des FE schon lange klar ist: Hans Henrik Munk hält sich selbst für die perfekte Wahl, wenn es darum geht, den Chefposten langfristig neu zu besetzen.
»Journalisten«, sagt Munk dann, um das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zu lenken, »haben natürlich, sagen wir … etwas andere Prioritäten.«
»Reden wir hier über den Podcast?«
»Gut, dass du es ansprichst. Hast du ihn dir schon angehört?«
»Nur die erste Folge«, sagt Daniel.
»Die zweite Folge ist gestern veröffentlicht worden. Und es sollen noch mehr kommen. Eine ganze Staffel – ich glaube, so nennt man das, oder?«
»Ich weiß jetzt nicht, was ich damit zu tun habe …?«
»Hast du es denn schon versucht?«, fragt Munk.
»Fragst du mich gerade, ob ich versucht habe, den Podcast zu verhindern?«
»Hör zu, Daniel«, sagt Munk und steht auf. Er geht um den Schreibtisch herum, an Daniel vorbei, und stellt sich ans Fenster. Er öffnet es und lässt einen Schwall dringend benötigter Luft in das Büro im zweiten Stock. Der stellvertretende FE-Chef bleibt lange dort stehen und blickt nach draußen auf die Wallanlage. Eine milde, diesige Augustsonne hat inzwischen die Regenwolken vertrieben.
»Ich kann den Sender nicht davon abhalten, das zu tun, was sie für nötig halten. Das ist ganz klar. Und solange es sich irgendwie vermeiden lässt, würde ich auch gern darauf verzichten, höhere Stellen in die Angelegenheit hineinzuziehen. Deshalb wäre es sicher am besten, das Ganze direkt im Keim zu ersticken. Und immerhin ist sie ja deine Frau. Ihr teilt das Bett miteinander, und …«
Eine kurze Pause schleicht sich ein. Vielleicht ist es die Überschreitung einer privaten Grenze, seine unbedachte Anspielung auf das Ehebett, die Munk zögern lässt. Aber Daniel hat längst begriffen, worauf sein Chef hinauswill. Eigentlich könnten sie das Gespräch jetzt beenden. Daniel weiß ohnehin schon, was als Nächstes kommen wird.
»… einen gemeinsamen Alltag«, fährt Munk schließlich fort. »Und in einer Ehe geht es doch darum, sich und die Grenzen des Partners wechselseitig zu respektieren.«
»Die Grenzen?«
»Du weißt, was ich meine.« Munk dreht sich zu ihm um. »Du kennst doch das Spiel, Daniel. Du weißt genauso gut wie ich, dass ein Nachrichtendienst anderen Regeln folgt als die übrigen staatlichen Behörden. Wir sind nicht die Volksschule in Hørsholm, die mit ihren Finanzen schummelt. Oder irgendein Kommunalpolitiker, der den Unterschied zwischen Steuergeldern und Privatvermögen nicht kennt. Natürlich sollen Journalisten diese Skandale öffentlich machen, das bezweifelt ja keiner. Aber wir Nachrichtendienste tragen nun mal Verantwortung für die Sicherheit des Landes. Und diese Sicherheit ist nur dann gewährleistet, wenn wir unbehelligt unserer Arbeit nachgehen können.«
Daniel lässt ihn einfach reden. Diese Diskussion ist ein alter Hut, er hat sie schon tausendmal in den unterschiedlichsten Varianten gehört: Wie transparent müssen die beiden Nachrichtendienste des Landes sein? Natürlich beruht ein Großteil ihrer Arbeit auf Geheimnissen. Aber im selben Maß, in dem die Ausgaben für den Militärgeheimdienst FE und den polizeilichen Nachrichtendienst PET seit dem Anschlag auf das World Trade Center gestiegen sind, ist auch die Arbeit beider Geheimdienste zunehmend in den Fokus der Medien gerückt. Das Konzept eines hermetisch geschlossenen Systems lässt sich schlecht mit einem demokratischen Dänemark vereinbaren, in dem Vertrauen, Transparenz und Meinungsfreiheit wichtige Schlüsselwörter sind. Es ist ein ewiges Dilemma, ein Balanceakt, wenn es darum geht, den Diensten weiterhin zu ermöglichen, unbeobachtet von der Öffentlichkeit zu agieren, während sie gleichzeitig Einblick in ihre Arbeit geben und alles offen kommunizieren sollen, was kommuniziert werden kann, ohne den Erfolg der jeweiligen Mission zu gefährden. Das ist wichtig, damit die Bevölkerung den beiden Diensten vertrauen kann.
Vor mittlerweile sechs Tagen wurde die erste Folge der Podcast-Serie Kammer des Schreckens veröffentlicht. Der Name war Isabellas Idee. Es ist der Titel eines Harry-Potter-Bands, den sie Benjamin vorgelesen hatte, als er kleiner war. Obwohl Daniel den Namen ziemlich albern fand, hat er weder versucht, Isabella die Idee auszureden, noch, sie vom Podcast-Projekt selbst abzuhalten. In erster Linie, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass daraus tatsächlich etwas werden würde. Aber auch, weil sie es zu Hause schon lange nicht mehr schaffen, vernünftig über solche Dinge zu reden. Nachgiebigkeit und Flexibilität gehören nicht gerade zu Isabellas hervorstechenden Eigenschaften. Und genau wie in Daniels Job gibt es auch in ihrem Beruf Dinge, über die sie nicht sprechen darf.
Acht Monate lang haben Isabella und ihr kleines Investigativ-Team von Danmarks Radio rund um die Uhr an ihren Recherchen über den polizeilichen Nachrichtendienst PET gearbeitet. Über die ersten zaghaften Schritte, wie alles damals begonnen hatte. Es ist ein Stück dänische Geschichte, das noch nie wirklich für ein breites Publikum aufbereitet worden war. Auch mehrere bekannte Historiker sind daran beteiligt. Aufgelockert wird das Ganze durch Einspieler über konkrete Ereignisse, in denen der PET eine zentrale Rolle gespielt hat. Der Kalte Krieg ist ein großes Thema, und auch aktuelle Konflikte kommen zur Sprache. Aber bis auf die wenigen, harmlosen Informationen, die durch Isabellas Panzer gedrungen waren – wie etwa der abenteuerliche Titel des Podcasts –, weiß Daniel auch nur das, was im Programmtext steht.
Und natürlich ist ihm bewusst, dass der Podcast nicht erscheint, weil der PET
