11,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 11,99 €
Im Sandkasten eines Ferienhauses, inmitten der weitläufigen, idyllischen Landschaft von Småland, entdecken Kinder beim Spielen einen menschlichen Knochen. Sonderbare Schnitt- und deutliche Schabespuren deuten darauf hin, dass er für ein Ritual verwendet wurde. Kannibalismus in der Ferienregion? Die Kommissare Luna Bofink und Alban Larsson aus Kalmar übernehmen die Ermittlungen. Schnell geraten sie in Kontakt zu einer Gruppierung, die sich »Echte Werwölfe« nennt. Ist es möglich, dass diese bei ihren Zusammenkünften eine Grenze überschritten haben?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2025
Agneta Sjöberg
Dunkle Schatten über Småland
Kriminalroman
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2025 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © JohannesBluemel Photography / iStock.com
ISBN978-3-7349-3284-7
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Nach dem Widerstand kam die Stille.
Wunderbar und einzigartig.
Ein hochgradig befriedigendes Ergebnis.
Gut, Zwischenergebnis. Erste Etappe.
Schon lange erhofft.
Das heftige Zucken war in ruhigere Bewegungen übergegangen, hatte das Verlöschen der Seele in einer Streckung vollendet.
Danach war der Wind wieder zu hören, das Prasseln des Regens gegen die Scheibe, das Rauschen des Meeres, das Rufen der Rehe.
Doch wie nun weiter?
Der Tod war nur ein Schritt der Problemlösungsstrategie.
Hierbleiben konnte der Körper nicht, er sollte unauffindbar sein, am besten dauerhaft.
Musste unsichtbar werden, vollkommen aus dieser Welt verschwinden.
Welche Optionen gab es?
Bisher war für Gedanken an das Danach kein Platz gewesen, aber jetzt stellte sich diese Frage mit Macht.
Schließlich war dies nur der Erste, weitere Todesfälle womöglich unausweichlich, das Problem der Entsorgung würde sich ab sofort häufiger stellen.
Also?
Ein Spaziergang würde den Kopf frei machen, die Lösung käme dann ganz von selbst, so wie bei den meisten unerwarteten Schwierigkeiten. Im Moment lag er hier ganz gut, eine Plane konnte neugierige Blicke abwehren, kein Grund zur Sorge.
Weder für ihn noch für die, die folgen könnten.
Als sie das Auto auf dem Parkplatz stehen sah, wusste sie, dass es zu spät war.
Die Gestalt versuchte, ihr Erschrecken zu verbergen.
Musste nicht jedem auffallen, dass etwas nicht stimmte.
Gleichzeitig überschlugen sich ihre Gedanken, taumelten um die Frage herum, wie dieses neue Problem zu lösen sei.
Und um die Verärgerung darüber, dass Ronald nicht über die neuen Mieter informiert hatte.
Sicher, dazu war er natürlich nicht verpflichtet, es war nicht sein Haus, er konnte es im Auge behalten, wie er das nannte, wann und wie er wollte. Allerdings war er schwatzhaft, erzählte sonst auch, wann Mieter kommen würden, woher sie anreisten, ob es Pärchen oder Familien waren, wie lange sie vorhatten zu bleiben, er war der Bewahrer des Schlüssels. Aber ausgerechnet dieses Mal: kein Wort davon.
Als die Gestalt, einen Spaziergang vortäuschend, am Haus vorbeischlenderte, erkannte sie, dass dieses Problem zum einen ein großes und zum zweiten ein drängendes war. Zwei Autos in der Einfahrt. Kindergezänk. Vielstimmig, laut, bis auf den Weg durch die Siedlung deutlich zu hören. Offensichtlich also mehrere. In Gedanken überschlug sie, was aus den Stimmen zu entnehmen war: mindestens zwei bis drei Kinder und möglicherweise vier Erwachsene.
Das erschwerte ein unbemerktes Betreten des Grundstücks, machte jede Aktion zu einem hohen Risiko. Selbst wenn beide Autos unterwegs waren, konnte das nicht als Garantie dafür gelten, dass Haus und Grundstück unbewacht waren. Pubertäre Kinder blieben bei solchen Reisegruppen auch gern mal trotzig im Haus zurück, während alle anderen zu einem Abenteuer aufbrachen.
Der Gestalt wurde klar, dass sie genau checken musste, wie viele Gäste eingezogen waren, ob wirklich alle zusammen in diesem Haus wohnten oder sich vielleicht auf zwei verteilt hatten.
Zur Tatenlosigkeit verdammt, zum schieren Abwarten verurteilt, bog die Gestalt in eine Nebenstraße ab und wandte sich Richtung See.
Ronald betrieb dort einen kleinen Laden, der alles bot, was der schusselige Tourist beim Einpacken vergessen hatte oder zum Überleben der ersten Tage brauchen würde.
Das schöne Wetter hatte einige Familien hierhergelockt.
Kinder saßen auf oder lehnten an großen Findlingen in der Sonne und genossen ihr Eis.
Die Eltern standen unweit der Kinderhorde und hatten eher Lust auf Kaffee denn Süßes gehabt.
Die Gestalt wusste schon, wie sie das Gespräch eröffnen konnte, ohne in den Verdacht zu geraten, allzu neugierig zu sein. Das war wichtig, denn Ronald konnte neugierige Fragerei nicht ausstehen.
Sie betrat den vollgestellten Laden, entschied sich für ein Sandwich-Eis.
»Hej. Na, schon so früh unterwegs?«, begann der Ladenbesitzer den Dialog, wie von der Gestalt beabsichtigt.
»Nun, das Wetter verspricht wunderbar zu werden. Ich dachte, ich drehe eine gemütliche Runde durch die Siedlung, bevor ich mich der Wochenendfaulheit hingebe!«, lachte sie unbeschwert, machte eine raumgreifende, vage Geste: »Dein Laden ist ja bei dem Sonnenschein der Hit. Alle haben Lust auf Eis.«
»Jaha!«, lachte der Ladenbesitzer bester Laune. »Die ersten Feriengäste sind schon da. Manche haben sich sehr kurzfristig entschieden. Nach Wetterbericht. Kann man nur hoffen, dass der auch wirklich stimmt.«
»Habe ich auch gesehen. Sonne pur für die nächsten Tage.« Die Gestalt versuchte, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. Noch hatte Ronald keine Informationen zu seinen Gästen gegeben. Also ein zweiter Versuch. »Beim Spaziergang habe ich gesehen, dass viele Häuser vermietet werden konnten. Wird ein gutes Ferienjahr, hoffe ich.«
»Klar. Oben wohnen zwei Familien. Junge Eltern, insgesamt zwei Kinder. Wohl von jedem Paar eines. Wenn das Wetter mitspielt, können das für Familien schöne, entspannte Ferien werden. Sogar bei mir ist belegt, obwohl ich ja bei keinem der großen Anbieter geführt werde. Vier Familien, die eigentlich noch gar nicht Urlaub machen wollten. Kurzfristig wurde umdisponiert. Nun bleiben sie alle für zehn Tage hier, genießen Schwedens Sonne und Strand plus ein bisschen Kultur. Stockholm steht auf dem Ausflugsplan auf Platz zwei nach Schloss Kalmar. Bloß gut, dass in den großen Nachbarländern noch keine Sommerferien sind. Da dauert es noch vier Wochen bis zur Hauptreisezeit. Der Urlaub im Herbst, haben meine Gäste schon signalisiert, werde trotzdem stattfinden. Raues Klima, haben sie erzählt. Kontrastprogramm. Den haben sie in Wales gebucht.« Ronald, der bei so viel Text kurzatmig geworden war, hustete leise.
Die Gestalt verabschiedete sich freundschaftlich, wünschte weiterhin ein gutes Geschäft und verwies auf das Eis, das sie nun draußen genießen würde.
Alles Notwendige hatte sie erfahren, nun musste nur noch ein guter Plan her.
Und natürlich war es notwendig zu sondieren – auch in der Nachbarschaft. Für die Aktion, die anstand, waren zufällig vorbeischlendernde Zuschauer eher unerwünscht.
»Mor! Ich will nicht, dass Frederic meine Puppe badet«, schluchzte Irma und die Mutter stutzte.
»Wie? Er badet sie?«, fragte sie alarmiert nach.
»Ja«, nickte die Kleine heftig.
»Wo?«
»Erst hat er sie in die Tonne mit Wasser geworfen – und nun liegt sie im Sandkasten. Er sagt, seine Mor macht das auch so: Erst schwimmt sie, dann schläft sie bis zum Hals eingebuddelt am Strand. Wasserbad und Sandbad, Frederic findet das toll. Aber ich will das nicht. Nun ist Lilli ganz sandig – und nass. So kann ich sie doch nicht mit ins Bett nehmen!«, quengelte die Tochter, und einige Tränen rollten bereits über die Wangen, tropften auf das T-Shirt.
Die Mutter ging in die Hocke, nahm die Kleine in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir gehen jetzt deine Lilli holen und sehen, wie wir sie schnell wieder trocken und sauber bekommen«, versprach sie, richtete sich auf und griff nach der Hand ihrer Tochter. Seufzte tief. Sie hatte geahnt, dass die Kinder sich erst würden zusammenraufen müssen, aber dass der Ärger unmittelbar nach dem Aussteigen aus dem Auto losgehen musste, überraschte sie schon.
»Frederic!«, rief sie über den leicht verwilderten Gartenbereich. »Frederic!«
Keine Antwort.
Offensichtlich war dem Jungen sehr bewusst, dass das Eingraben der Puppe keine seiner besten Ideen war, und zog es vor, erst einmal unsichtbar zu werden.
Irma zerrte energisch an der Hand ihrer Mutter, führte sie direkt zum Sandkasten.
Dort lag tatsächlich ihre Lieblingspuppe Lilli mitten im Sand, eingegraben bis zur Nasenspitze.
Die Mutter seufzte tief.
»Siehst du. Er hat behauptet, sie wolle das so. Alle würden sich am Strand in Sand vergraben lassen, das sei toll«, schluchzte Irma. »Und wenn ich es wage, sie rauszuziehen, würde er mich verhauen.«
»Okay. Aber wenn ich sie jetzt raushole, passiert dir nichts. Ich werde mit Frederic sprechen und ihm erklären, dass er so etwas nicht machen darf.«
Die Mutter stieg über die hölzerne Einfassung und bückte sich, um die Puppe aus dem Sand zu ziehen, da sah sie …
»Was ist denn das, Irma?«, fragte sie und hob das Fundstück hoch. »Wo habt ihr den denn gefunden?« Irritiert drehte sie den langen Knochen in der Hand, musterte jede Stelle, kämpfte gegen ein mulmiges Gefühl an, das sich in ihr breitmachte.
»Das lag im Sand. Tief versteckt. Frederic hat es gefunden. Er sagt, das hat sicher ein wildes Tier hier vergraben. Es wird später zurückkommen und es suchen.«
»Möglich ist das schon. Aber an diesem Knochen ist kein Fleisch mehr dran, das man fressen könnte.«
Irma flüsterte: »Ich glaube, Frederic hat meine Lilli dort vergraben, damit der Wolf sie findet und frisst, weil an dem Knochen nichts mehr dran ist. Er hat erzählt, es gibt hier riesige Wölfe, die auch gern Kinder fressen. Und meine Lilli liegt dann hier ganz allein und hat Angst, hört den Wolf knurren, wenn er kommt, und kann sich nicht befreien.« Und wieder rollten die Tränen über Irmas Wange, der Körper der Kleinen bebte heftig.
»Deine Lilli war nie in Gefahr.«
Entschlossen stieg die Mutter mit der Puppe in der einen und dem Knochen in der anderen Hand aus dem Sandkasten, ging in die Hocke und nahm ihre Tochter erneut in den Arm. Hielt dabei die beiden Fundstücke hinter Irmas Rücken so weit von der Kleinen entfernt wie nur möglich. »Sieh mal, nun haben wir deine Lilli gerettet. Als Nächstes müssen wir sie säubern. Das wird gar nicht so einfach sein. Aber wir kriegen das gemeinsam hin, du wirst schon sehen. Mit ein bisschen Glück kann die Sonne sie trocknen, sodass ihr heute Nacht zusammen schlafen könnt.«
Auf dem Weg ins Haus erklärte sie: »Wir werden Far fragen, ob er weiß, was das für ein Knochen ist. Er kennt sich damit gut aus. Huhn oder Gans ist es nicht, deren Knochen sind viel zarter und kürzer. Es muss ein ziemlich großes Tier gewesen sein.«
»Meinst du, ein gefährliches Tier? Ein Bär?«, fragte Irma mit angstvoll geweiteten Augen. »Oder ein riesiger Dinosaurier, wie der, den Papa mit seinem Freund im Museum zusammengesetzt hat?«
»Nein. Eher nicht. Wenn ein Wolf das Tier erlegen konnte, war es eher ein Reh.«
Damit war das Thema zunächst beendet, und die beiden versuchten im Bad, Lilli wieder »bettfein« zu bekommen.
Frederic musste eine Klarstellung der Regeln für diesen Urlaub über sich ergehen lassen, wirkte allerdings nicht beeindruckt. Immerhin bot er seine Hilfe beim Reinigen von Lilli an.
Mit der Ruhe war es allerdings schnell wieder vorbei, als Irmas Far den großen Knochen gründlich in Augenschein nahm.
Der Vater räusperte sich, sah Frederic und Irma überrascht an.
»Menschlich. Femur links. Habt ihr noch mehr davon gefunden?«
Luna Bofink, Kommissarin in Kalmar, saß über dem Abschlussbericht des letzten Falls.
Sie stöhnte genervt.
»Berichte zu schreiben ist nun nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung«, knurrte sie vor sich hin und warf dem Kollegen Alban Larsson einen bitterbösen Blick zu.
»Du brauchst mich gar nicht so anzufunkeln. Ist schließlich nicht meine Schuld. Die Asservatenliste ist auch nicht gerade eine spannende Herausforderung.«
Das Telefon auf Lunas Schreibtisch klingelte.
Beinahe erleichtert über die Unterbrechung, meldete sie sich.
»Luna? Carsten, Nybro Polisen. Ich habe einen Anruf bekommen von Ronald. Ronald Asmus. Der betreibt den kleinen Laden außerhalb von Nybro. Kennt ihr bestimmt, liegt auf der Strecke von Kalmar nach Nybro, ein bisschen abseits im Wald. Bei ihm kaufen viele der Feriengäste ein. Der Mieter eines Ferienhauses, das nur wenige Autominuten entfernt liegt, hat ihn angesprochen, weil die Kinder im Sandkasten einen sauberen Knochen ausgebuddelt haben. Der Vater ist Paläoanthropologe, kennt sich mit Skeletten aus. Er hält ihn für einen menschlichen Oberschenkelknochen.«
»Aha.« Luna warf Alban einen kurzen Blick zu, schaltete den Lautsprecher frei. »Hat er auch eine Vorstellung davon, wie lange der Knochen dort schon liegen könnte?«
Alban sah überrascht auf.
»Nein. Aber natürlich sind jetzt alle aufgeregt und beunruhigt, er hat Ronald gebeten, die Polizei zu verständigen – ich denke, das zeigt schon, wie besorgt er wegen des Fundes ist. Am besten, ihr fahrt vorbei und seht euch die Sache an. Immerhin ist der Knochen im Sandkasten aufgetaucht. Und beim Buddeln kann er nun mal nicht von einem der Vormieter aus Versehen verloren worden sein. Polizeipräsenz ist gefragt. Kommissare machen Eindruck. Wir wollen doch keine verängstigten Touristen.« Luna hatte deutlich den Eindruck, der Kollege grinse beim letzten Satz. Sicher war er ganz froh, diesen Fund an ein anderes Team verweisen zu können.
»Gut, wir fahren hin. Adresse auf mein Handy.« Luna gab die Mobilfunknummer durch, seufzte leise.
Als sie den Hörer auflegte, meinte sie: »Okay. Ein menschlicher Oberschenkelknochen im Sandkasten eines Ferienhauses. Wir sehen uns dort um.«
»Was für ein spektakulärer Fund.« Alban sprang auf. »Und das mit dem menschlichen Ursprung ist sicher?«
»Ja. Der Mieter ist wohl Spezialist auf diesem Gebiet. Der hat sich eher nicht getäuscht. Paläoanthropologe. Der kennt sich mit solchen Funden aus.«
»Paläo—was? Das Wort habe ich noch nie gehört.«
»Paläoanthropologe. Gehört zur Archäologie. Sie suchen nach Funden, die zur Evolution des Menschen gehören, werden bei Gräberfunden hinzugezogen, erforschen Bestattungsriten und interpretieren die Bedeutung von Grabbeigaben – solche Dinge eben.«
»Aha.«
»Er kann uns vielleicht gleich ein paar wichtige Hinweise geben«, meinte Luna hoffnungsvoll.
»Okay. Die Kinder der Mieter haben den Knochen gefunden – also ist nun die Aufregung groß. Sie haben im Sand gespielt – spricht nicht für pubertäre Jugendliche. Wer will schon, dass die Kleinen mit so etwas konfrontiert werden. Oder es gar in ihre Spiele einbauen«, meinte Alban nachdenklich, murmelte dann: »Paläoanthropologe! Was es nicht alles gibt!«
Er stürmte entschlossen der Kollegin nach, die bereits aus dem Büro gelaufen war.
Als er außer Atem auf den Beifahrersitz plumpste, meinte er verständnisvoll: »Ist eine unangenehme Situation: Die Kinder fragen, woher der Knochen kommt. Was antwortest du darauf, wenn auch den Kleinsten schon klar ist, dass man den eigenen Knochen nicht nach dem Spielen im Sand vergessen kann? Mann! Da möchtest du nur einfach mal in Ruhe deine Auszeit genießen und musst plötzlich Fragen zu existenziellen Themen beantworten.«
»Ja, das wird unter Umständen anstrengend«, brummte Luna und schaltete Blaulicht ein. »Sondersignal ist wohl nicht berechtigt. Lebensgefahr besteht eher nicht mehr.« Sie übernahm die Adresse vom Handy ins Navigationssystem und ermunterte den Bordcomputer: »Na, denn, los geht’s.«
Etwa 20 Minuten später stellte Luna den Wagen vor Ronalds kleinem Laden ab.
Sie wurde bereits erwartet.
Der Ladenbesitzer schob den Familienvater vor sich her, stellte dann vor: »Das ist der Mieter, Jost Heidelmann. Er wohnt mit seiner und einer befreundeten Familie in einem der Ferienhäuser in Richtung Kalmar. Ist ein bisschen versteckt im Wald. Ihr könnt direkt hinfahren, Jost weist euch den Weg, schließlich kennt er ihn schon«, keuchte der Ladenbesitzer.
Alban räumte den Beifahrersitz.
In der Nähe startete ein weiteres Auto. »Das ist mein Kollege und Freund. Hinnerk Blander.«
Jost leitete das Team zum Haus, erklärte während der kurzen Fahrt, wie es zu dem Fund im Sandkasten gekommen war und warum er so genau wusste, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte. »Wir sind zwei befreundete Familien. Ist nicht unser erster gemeinsamer Urlaub. Vier Erwachsene und zwei Kinder. Läuft eigentlich gut mit den beiden, sie streiten sich nicht häufiger oder gar heftiger als Geschwister. Frederic, der Sohn meines Freundes, stieß zufällig auf den Knochen.«
Sie erreichten eine lichte Stelle im Wald.
Die Bäume am Waldrand gaben überraschend den Blick auf eine Lichtung frei, die in sattem Grün leuchtete. Darauf stand ein großes Holzhaus im typisch skandinavischen Stil. Breite, überlappende Holzlatten, kirunarot gestrichen, weiße Fensterrahmen, weiße Hauskanten, ein Giebel mit Fenster, mittig über einem kleinen Vorbau, der es ermöglichte, schmutzige, nasse Schuhe und Kleidung vor dem Haus auszuziehen, wo sie trocknen und aufs Geputzwerden warten konnten, einige niedrige Büsche, ein weißer Zaun aus langen Querlatten, der das Anwesen begrenzte.
»Idyllisches Plätzchen«, meinte Alban anerkennend. »Für Familien mit Kindern echt ideal.«
Luna zuckte leicht zusammen.
Der Kollege sah sie fragend an.
»Nun, wenn die Kleinen das Grundstück verlassen und unbemerkt im Wald verschwinden, um einem echten Abenteuer begegnen zu können, wird es schwierig, sie wiederzufinden«, gab sie zu bedenken. »Dieser Zaun wird aktive Nachkommen nie und nimmer aufhalten.«
Irmas Vater führte die Ermittler direkt zum Sandkasten.
»Hier. Die beiden haben gespielt. Der Sohn meines Freundes wollte ein tieferes Loch ausheben, eine Puppe sollte eingegraben werden, wie man das gegenseitig am Strand macht. Dabei tauchte dieses Fundstück auf – Oberschenkel, menschlich –, ganz eindeutig und ebenso eindeutig nicht prähistorisch.« Er grinste unsicher. »Frederic hatte ihn einfach beiseitegelegt, war daran nicht interessiert. Meine Frau entdeckte ihn etwas später, hat ihn ins Haus mitgenommen, um mir den Fund zu zeigen. Wegen meiner Expertise.«
Luna und Alban warfen sich einen kurzen Blick zu.
»Haben die Kinder den gesamten Sand umgegraben? Oder nur diesen aufgewühlten Bereich hier?«, hakte Luna nach.
»Frederic behauptet klar, er habe nur dort gegraben. Aber die beiden haben im Sand gesessen, dabei haben sie natürlich die gesamte Fläche ein wenig aufgewühlt. Die Vermietungsfirma, die wir schon kontaktiert haben, hat angegeben, man habe in Vorbereitung unseres Einzugs den Sandkasten umgegraben und den Sand durch ein Gitter gesiebt, um sicher zu sein, dass alles sauber ist. Soll wohl heißen: um sicher zu sein, dass weder Katzen oder andere tierische Besucher ihn als Toilette benutzt haben. Offenbar legt der Ladenbesitzer zwischen den Vermietungen immer eine Abdeckung auf den Kasten, er hat das der Besitzerin versprochen. Nötig sei es nicht wirklich. Aber er meinte, sicher sei sicher. Deshalb achtet er auch auf die Leute von der Vermietungsfirma, die das Umgraben zu Beginn der Saison übernehmen.«
»Du hast den Fund als menschlich beurteilt, weil du dir in diesem Punkt sicher bist?« Alban sah den Vater kritisch an. »Woran kannst du das sehen?«
»Mein Kollege und ich reisen seit etwa 15 Jahren zu Ausgrabungsorten. Natürlich müssen wir relativ schnell eine zeitliche Einschätzung abgeben, denn das ist wichtig für die Beurteilung des Fundes. Unter anderem untersuchen wir die Knochen, wissen genau, welcher von einem Menschen stammt oder Teil einer Grabbeigabe ist. Und wir bewerten das Alter. Bei diesem Knochen kann ich ganz klar sagen, dass der erst seit wenigen Wochen Teil eines Leichnams ist.«
»Nun, wir haben es in der Regel mit frischen Leichen zu tun. Seltener mit Körpern, die vergraben waren. Klar, kommt auch vor, aber es handelt sich meist um Menschen, die vermisst gemeldet wurden. Unsere Kollegen finden dann in der Regel zügig heraus, um wen es sich handelt, seit wann man nach ihm sucht und dergleichen Informationen. Manchmal gelingt es sogar, die Fingerabdrücke zu sichern, obgleich der Körper im Wasser lag. Aber in diesem Fall …« Luna zuckte mit den Schultern.
»Ich kann euch gern ein paar Hinweise geben. Der Knochen wurde bereits asserviert – aber dennoch: Es gibt sonderbare Bearbeitungsspuren daran. Das wird der Rechtsmediziner auch feststellen. Ältere Knochen unterliegen je nach Umgebungsmilieu einem Prozess der Verwitterung, werden entmineralisiert, lösen sich langsam auf. Das kann man deutlich sehen. Je nach Liegeumfeld finden sich besondere Spuren. Sie werden bleich, die Struktur wird brüchig, es gibt Absplitterungen. Von solchen Spuren war an dem Oberschenkel nichts zu sehen. Das Hüftgelenk wies weder arthrotische noch andere Spuren eines biologischen Alterungsprozesses auf – es handelt sich um ein Teil des Skeletts eines Mannes zwischen 20 und 30 Jahre alt, schätze ich. Meiner Meinung nach näher bei 20 Jahren.«
Hinnerk nickte zustimmend. »Sehe ich auch so. Gehört zu einem jungen Mann, vielleicht einem, der sportaffin war. Der kann unmöglich schon länger hier liegen.« Er runzelte die Stirn. »Bei Grabfunden entdecken wir gelegentlich bearbeitete Knochen von Tieren, zum Beispiel Vögeln oder Raubkatzen. Begleiter auf der letzten Reise. In unseren neuzeitlichen Bestattungsriten ist so etwas nicht vorgesehen.«
»Vielen Dank. Das engt die Suche in den Dateien ein. Vielleicht finden wir schnell heraus, wessen Knochen das ist.« Alban runzelte die Stirn, beschloss, in einer Ermittlungspause im Internet nach archäologischen Berichten zu suchen.
Luna erklärte: »Vielen Dank, dass ihr euch sofort gemeldet habt. Können wir bei weiteren Fragen noch einmal auf dich zukommen?« Sie wartete das Nicken von Jost gar nicht erst ab. »Gut, dann gehst du mit Hinnerk am besten ins Haus zurück. Wir sehen uns um. Eventuell fordern wir ein Forensik-Team an. Besser, ihr erfindet eine großartige Geschichte für die Kids und plant für heute noch einen Besuch in einer Glashütte, das ist für Kinder faszinierend, und für morgen einen aufregenden Ausflug. Alle miteinander. Hast du eine Karte mit deiner Telefonnummer für mich?«
Jost zog eine grüne Karte aus der Brusttasche, reichte sie an Luna weiter.
»Prima, danke. Hier ist unsere Telefonnummer.« Die Karte der Polizei Kalmar wanderte im Austausch in die Hand des Mieters. Luna nickte Jost zu. »Kommissare Luna Bofink und Alban Larsson. So bleiben wir in Kontakt, falls ihr noch etwas Verdächtiges entdeckt. Der Fund der Kinder wurde von den Kollegen schon an die Forensik weitergeleitet. Natürlich melden wir uns bei euch, wenn wir weitere Fragen haben.«
Jost verabschiedete sich, kehrte zu den anderen im Haus zurück, schloss die Haustür von innen ab.
»Oh, der kennt sich mit den Kindern aus.« Luna kicherte leise. »Aber die Fenster kann er nicht abschließen. Man wird uns interessiert beobachten. Wir sollten gleich Spürhunde anfordern. Vielleicht könnten zwei Hund-Polizist-Teams sofort kommen, dann haben wir Klarheit.« Sie rief direkt bei den Kollegen an. »Hej, Jannis. Wir stehen hier …« Damit entfernte sie sich etwas vom Haus, damit man drinnen nicht hören konnte, was sie plante.
Kehrte zügig zu Alban zurück und nickte kurz.
Die beiden begannen, das Gelände systematisch abzugehen.
Die Gruppe Riktige Varulvar war zu einem Treffen bei Rakel im Garten ihrer Familie verabredet.
Die Eltern waren noch für zwei Wochen verreist, hatten die Zwillinge bei den Großeltern geparkt und ihrer ältesten Tochter die Aufsicht über Besitz und Haustiere übertragen.
Rakel hatte es kaum glauben können: mehrere Wochen sturmfrei!
Aufgeregt lief sie durch den Garten.
Eine Party zum Start in die neue Freiheit wollte gut vorbereitet sein.
Kritisch wanderte ihr Blick über das gesamte Areal.
Decken lagen ausgebreitet auf dem Rasen, weitere türmten sich zu einem hohen Stapel unter der Birke. Sie würden für Behaglichkeit sorgen, wärmen und zum Kuscheln einladen. Vielleicht wollte auch der eine oder andere direkt im Garten übernachten, weil er seinen hohen Alkoholpegel bei einer Heimfahrt per Rad oder gar Auto nicht mehr würde verbergen können.
Manche Gäste spendeten gern gehaltvolle Getränke für den Abend, die direkt neben der Terrassentür auf einem kleinen Tisch abgestellt werden konnten.
Teller, Tassen, Besteck, Gläser, Wasser standen schon parat, Kerzen in Glaszylindern würden den Garten diffus erleuchten.
Der Grill wartete neben einem wackligen Klapp-Tisch auf Bjarne, der Koch werden wollte und deshalb diese Rolle als »Master of Fire« gern übernommen hatte. Natürlich sollte er gelegentlich abgelöst werden, damit auch er die Partystimmung genießen konnte.
Eine Musikbox wartete in einer Gartennische auf Input.
Rakel checkte den Stapel CDs, die dort bereitlagen.
Alles werwolfstypische Musik. Perfekt.
Klar, die Nachbarn waren über die bevorstehende Party informiert, natürlich gäbe es dennoch Ärger. Die Musik war düster. Die heiser vorgetragenen Texte über Vergängnis, Qual, Tod und Sterben, eventuell über Gewalt, Sex und Kannibalismus konnten durchaus zu Verärgerung führen und Proteste heraufbeschwören. Denn seltsam: Waren die älteren Nachbarn durchaus bei Begegnungen oft schwerhörig oder gar völlig ertaubt, hörten sie die Texte der bei den Varulvar beliebten Musik sehr genau und konnten sie sogar bei einer Anzeige wegen Ruhestörung auswendig aufsagen.
Aber, dachte Rakel pädagogisch, da mussten sie eben durch. Das Leben war kein Ponyhof!
Sie kicherte bei dieser Formulierung. Typische Worte ihrer Eltern.
Sie sah sich schon in Gedanken dabei zu, wie sie diesen Satz den ersten Beschwerdeführern am Zaun entgegenschleudern würde.
Es war eine Revanche.
Schließlich musste sie das Gesülze der chemieblonden Schlagerengelchen oder der lackierten Liebesschwärmer aus den Musikanlagen der Nachbarschaft auch ertragen. Liebesschwulst- und Schmachtsongs – Softsongs mit Texten ohne Tiefgang, ohne Bedeutung, ohne Belang. Selbst die Musik unter den Texten war banal.
Ihre Musik dagegen war nicht ignorierbar.
Sie, die Riktigen Varulvar, waren eine Gruppe, die so einiges abkonnte.
Rakel kehrte mit schnellen Schritten ins Haus zurück.
Füllte die scharfen Soßen in kleine Behältnisse um, ein locker hineingesteckter Löffel lud zur Selbstbedienung ein. Danach stellte sie die Schälchen mit den Dips auf ein Tablett, einen Teller mit besonderem Grillgut daneben.
Heuschrecken.
Die knackten und krachten auf dem Grill, hatte ihr der lustige Mann auf dem Wochenmarkt erzählt, der viele exotische Leckerbissen im Sortiment führte. Ein beeindruckendes Schauspiel und eine neue Erfahrung für sie und ihre Gäste sei das, hatte er versichert.
Natürlich wich das Sonnenlicht des Tages in den Sommerwochen erst spät vor der Dunkelheit der Nacht zurück – von Schwärze der Nacht konnte ohnehin keine Rede sein. Und sollten Wolken aufziehen, es wirklich mehr als dämmrig werden, würden die Kerzen für angenehme Stimmung sorgen, das prickelnde Gefühl zulassen, hinter jedem der bizarren Büsche könne sich das Böse verbergen.
Als sie wenig später ihr komplett schwarzes Outfit im Spiegel überprüfte, war sie mehr als zufrieden.
Sie war die perfekte Königin der Nacht.
Zum Ende der Vorbereitungen zog sie den Schminkspiegel näher heran und überprüfte mit kritischem Blick das Make-up.
Dann griff sie entschlossen nach dem schwarzen Kajal und erneuerte die breite Umrandung der Augen, ließ sie in den äußeren Augenwinkeln dramatisch auslaufen. Auf der weißen Grundierung ihres Gesichts erzielte sie auf diese Weise einen dramatischen Effekt. Mit dem schwarzen Augenbrauenstift zog sie breite Striche über den Augen und legte beim dunkelvioletten Lidschatten noch einmal nach. Betonte dann die Augenwinkel mit einem hellroten Puder. Danach schob sie die blonden Haare unter eine Perücke mit dichten schwarzen Locken.
Die Fingernägel trug sie ohnehin immer schwarz lackiert.
Ein flüchtiger Blick bestätigte, dass der Nagellack perfekt aussah.
Schwarzer Lippenstift und ein bisschen Glitzer sorgten für weitere Effekte.
Eine letzte Drehung vor dem Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
Sie beugte sich nach links und rechts, genoss selbstverliebt den Anblick ihres geschmeidigen Körpers, musste aber doch widerwillig einräumen, dass sie, selbst so gestylt, nicht unbedingt teuflisch oder gemeingefährlich wirkte.
Aber als Verehrerin des Werwolfs war sie immerhin eine unübersehbare Schönheit.
Die natürlich ebenfalls schwarzen Spitzenhandschuhe, die vom Mittelgelenk der Finger bis zum halben Oberarm reichten, piksten ein bisschen. Sie strich energisch über die Spitzen, wusste, das unangenehme Gefühl würde sich schnell legen.
Perfekt.
Sie zwinkerte ihrem Spiegelbild zu.
Die Gäste konnten kommen.
Rakel schob nach einem nervösen Blick auf die Uhr die Baguettes in den Backofen.
Kräuterbutter fand den Weg in ein Extraschälchen, Knoblauch verbat sich von selbst.
Werwölfe mochten den Gestank nicht – und wollten sich bei der Jagd auf warme, blutige Beute nicht durch eine Knoblauchduftnote verraten.
Wenig später informierte der Klang der großen Schiffsglocke neben dem Gartentor darüber, dass der erste Gast eingetroffen war.
»Hast du schon von dem Fund in Nybro gehört?«, erkundigte sich Hella bei ihrer Nachbarin Caja. »Stell dir nur vor: Kleine Kinder spielen in einem Sandkasten voller menschlicher Gebeine! Ist das nicht schrecklich?«
»Nun, wenn die Kinder noch sehr klein waren, wissen sie wohl nicht, womit sie gerade gespielt haben, oder?« Caja zuckte gelangweilt mit den Schultern. »Und größere Kinder finden es sicher ausgesprochen spannend, im Sandkasten ein solches Geheimnis entdeckt zu haben. Sie entwickeln Geschichten, die erklären, wie Knochen an diesen Ort gekommen sein können. Aufregend. Und wenn sie nach Hause kommen, haben sie jede Menge zu erzählen! Werden zu den Stars ihrer Klasse oder Gruppe.«
Hella war entsetzt. »Das kannst du doch nicht im Ernst glauben! Sobald die Eltern ihnen erklären, dass dieser Mensch qualvoll um sein Leben gekämpft – und am Ende verloren hat –, werden sie sich seine letzten Minuten ausmalen. Und dann kommen das Grauen und die Albträume.«
»Wie kommst du auf Qual und Kampf? Ich glaube, du guckst zu viele Krimis. Ich habe nur von einem Knochen gehört – und der kann ja weiß Gott wie dort gelandet sein.«
»So?« Nun war die Stimme der Nachbarin spitz. »Wenn du meinst! Du müsstest dann nur noch erklären, wie das Ding von ganz allein in den Sandkasten gekommen ist.«
Caja runzelte die Stirn. »Okay, das ist ein unklarer Punkt. Aber selbst dafür würde mir etwas einfallen. Ein schwerer Unfall, und ein ›Stück‹ des Opfers blieb am Ort zurück, wurde später von Tieren gefunden und verschleppt. Das Ganze ist ein Scherz von Studenten, die zum Saisonstart ein bisschen Unruhe verbreiten wollen. Vielleicht ist es sogar ein psychologisches Experiment – zum Beispiel für eine Doktorarbeit. Was passiert, wenn …?«
»Echt? Denkst du, das wäre möglich?«
»Ja. Noch ist alles denkbar. Am unwahrscheinlichsten ist die These, es habe ein Verbrechen stattgefunden. Schließlich besteht der menschliche Körper aus vielen Knochen – und gefunden wurde nur der eine.«
»Nein, ich glaube, das stimmt nicht. Meine Schwester wohnt in der Nähe des Fundorts. Sie hat mir eine Nachricht geschickt. In der ist von mehreren die Rede – aber eben von kleineren Knochen.«
»Wahrscheinlich sind diese ersten Berichte nicht mehr als Gerüchte. Wir werden abwarten müssen, was die Ermittler herausfinden können. Wilde Spekulationen führen niemanden weiter.« Caja signalisierte, dass für sie an diesem Punkt das Gespräch enden sollte.
Die Nachbarin war aber noch nicht fertig.
»Heute Abend will die kleine Göre von Hilmarsson wieder eine ihrer Gruselpartys feiern. Passt. Kaum findet man … na ja, schon gibt es ein konspiratives Treffen der Riktige Varulvar. Unglaublich. Ich werde auf jeden Fall heute Abend alle Türen verriegeln!«
»Tu das, meine Liebe.« Caja kämpfte entschlossen ein kehliges Lachen nieder, räusperte sich und versuchte, ihre Mimik unter Kontrolle zu halten. Du liebe Güte, dachte sie, nachdem man sich voneinander verabschiedet hatte, wie kann jemand nur so hysterisch sein.
Als sie sich noch einmal umdrehte, beobachtete sie, dass die Nachbarin eine neue Gesprächspartnerin gefunden hatte, der sie vom Grauen aus dem Sandkasten berichten konnte. An der Reaktion der anderen erkannte sie, dass Hella diesmal mehr Erfolg bei dem Versuch hatte, die andere zu entsetzen.
Caja grinste, zog die Haustür zu und freute sich auf einen ruhigen, sonnigen Nachmittag.
Wenn die echten Werwölfe sich trafen, würde es eine unruhige Nacht werden.
Als er langsam aus dem Dämmerschlaf in die Wirklichkeit fand, erkannte er, es wäre besser gewesen, in den Armen der Bewusstlosigkeit weiter zu träumen. Wo zum Teufel war er hier? Ein kahler Raum, der Boden aus Lehm und Sand. Offensichtlich hatte ihn jemand mit einem Rechen bearbeitet.
Warum sollte man das tun?
Schmutz musste entfernt werden?
Warum lag er hier allein? Und wo war dieses Hier überhaupt?
Als er seinen Körper abtasten wollte, entdeckte er noch etwas anderes: Seine Arme waren über Metallmanschetten mit einer langen Kette verbunden, die in einem Betonklotz endete.
Wahrscheinlich war er gar nicht aufgewacht!
Die ganze Situation war nur ein Albtraum.
Das Beste wäre, sich wieder einzurollen, um später tatsächlich in der Wirklichkeit aufzuwachen!
Lunas Seufzen lag irgendwo zwischen frustriert und erleichtert.
»Okay, auf den ersten Blick ist nichts weiter zu entdecken. Ich bin gespannt, ob die Hunde noch etwas finden.«
Alban nickte und murmelte dann: »Wenn hier nichts zu erschnüffeln ist, könnte es bedeuten, dass die Kinder ein Einzelstück entdeckt haben. Für uns würde sich nicht viel ändern. Ein menschlicher Knochen gehört nicht in den Sandkasten eines Ferienhauses. Wir müssen auf jeden Fall klären, woher er stammt und warum er an dieser Stelle gefunden wurde. Die These, ein Hund oder Fuchs habe ihn versteckt, ändert auch nichts an der Tatsache, dass er dort nicht hingehört.«
»Möglicherweise bedeutet es, dass wir im größeren Umkreis weitere Knochen finden. Die können in dieser weitläufigen Landschaft im Irgendwo liegen!«, bestätigte Luna und machte eine raumgreifende Bewegung mit beiden Armen. »Im gesamten Ferienhausgebiet. Wird schwierig.«
»Nun«, gab Alban zu bedenken, »es liegen immerhin viele Kilometer zwischen den Häusern. Ist ja nicht wie in Dänemark, wo sie auf überschaubaren Arealen zu finden sind. Zwischen manchen ist nur Wald und Weite. Wir können also auch nicht hoffen, dass ein Zeuge sich meldet, weil er etwas bemerkt hat.«
»Friedhof? Grabschändung?«
»Okay, ist ein Ansatz. Wir fahren zum nächstgelegenen und erkundigen uns dort, ob es in letzter Zeit Auffälligkeiten oder Grabespuren gab. Vielleicht kann sogar Ronald aus dem kleinen Laden etwas dazu wissen. Bei ihm laufen die Informationen aus den verstreuten Häusern zusammen. Es hat ihm möglicherweise ein Kunde von solch einem Vorkommnis erzählt. Wäre schon spektakulär genug für einen Tratsch beim Einkauf.«
»Wenn wir so nicht weiterkommen, bleiben die Vermisstenanzeigen und die Hoffnung darauf, dass Gullbrand rasch handfeste Ergebnisse für uns hat. Die Unruhe bei den Urlaubern ist sicher groß.«
»Isotopenanalyse? Dann können wir zumindest eingrenzen, wo der Mensch gelebt hat.«
»Klar, veranlassen wir. Auch die DNA-Analyse.«
Hundegebell verriet die Ankunft der trainierten Spürnasen und ihrer Begleiter.
»Hej. Wir suchen nur auf diesem Gelände?«, erkundigte sich der Hundeführer, auf dessen Shirt »Mick« zu lesen war.
Offen blieb, ob es sich dabei um den Namen des Hundes oder den des Menschen handelte.
Luna entschloss sich zu einer neutralen Antwort ohne direkte Anrede. »Hej. Ja, erst mal nur auf dem Gelände. Wenn die Hunde aber nichts finden, sollten wir den Radius erweitern. Tatsächlich wissen wir weder, woher der eine Knochen kam, noch ob es überhaupt weitere gibt. Nach Angaben der Vermietungsfirma wurde der Sand kurz vor Ankunft der Familien gründlich gesiebt. Das bedeutet, der Knochen kann noch nicht lange dort gelegen haben. Offensichtlich waren die Kinder nicht sehr interessiert, haben mit dem Fund nicht gespielt, sondern ihn zur Seite gelegt.«
»Alles klar. Hey Felton, komm mal rüber«, rief er dann einem der Kollegen zu. »Wir planen kurz, wie wir das Gelände abgehen.« Dann wandte er sich zu Alban um. »Habt ihr den Knochen hier?«
Der Vater hatte den Knochen in eine Papiertüte gesteckt und auf einem Regal zwischengelagert, damit die Kinder ihn vergessen würden. Diese Tüte würden sie jetzt brauchen.
Die Hunde waren sehr interessiert.
»Okay, scheint den beiden als Basis für ihre Arbeit zu reichen«, lachte der Hundeführer. »Such!«
Wenig später beobachteten die beiden Kommissare aus Kalmar, wie die Hunde schnüffelnd über das Gelände gingen und dabei aufgeregt mit den Ruten wedelten, als mache ihnen die Lösung der neuen Aufgabe Spaß.
Lunas Gedanken wanderten zu den Familien im Ferienhaus.
Würden sie mit den Kindern trotz des Fundes hierbleiben und den kaum begonnenen Urlaub fortsetzen?
Planten sie vielleicht schon die Abreise?
Als sie den Kopf umwandte, begegnete ihr Blick den wachen Augen Albans, der sie amüsiert beobachtete und dabei schmunzelte.
Luna zuckte zusammen, überlegte nervös, ob der Kollege von ihrem Geheimnis wusste. Hatte etwa Jarl ihm neulich erzählt, er wolle nun den Traum von einer großen Familie endlich umsetzen?
»Ich kann sehen, was du denkst«, behauptete der Kollege und erklärte dann: »Die Kinder haben mit dem Knochen nicht gespielt. Er hat sie schlicht nicht interessiert – ihre Papas arbeiten ständig mit solchen Dingen, gehen mit dem Thema emotionslos um, es gehört zu ihrem Beruf. Eine Abreise wäre verständlich, wenn die beiden eine komplette frische Leiche gefunden hätten.«
Luna nickte zögernd. »Vielleicht hast du recht. Tod und Knochenfunde haben für sie nicht die Bedeutung, die sie für uns Ermittler haben.«
»Sehe ich auch so. Du hast doch gehört: Paläoanthropologen suchen nach der möglichen Todesursache nur neben anderen wichtigen Dingen wie Grabbeigaben und deren Bedeutung, Bestattungsriten und versuchen, den Fund zeitlich einzuordnen. Vielleicht stellen sie sogar in einzelnen Fällen fest, dass sie ein Mordopfer entdeckt haben. Aber eine Mordermittlung mit überführtem Täter ergibt sich wohl eher nicht«, meinte Alban augenzwinkernd.
Der Hundeführer, dessen Name vielleicht Mick war, gab unerwartet ein Handzeichen.
Der tierische Kollege saß aufrecht neben ihm, fixierte unbewegt einen Punkt auf dem Boden unter einem mickrigen Busch.
»Wir haben da was!«
Die beiden Ermittler liefen eilig hinzu, starrten ebenso gebannt wie der Hund auf die Erde unter den dürren Zweigen, konnten aber nichts Auffälliges entdecken.
»Und was genau habt ihr gefunden?«, fragte Luna und kontrollierte ihren Tonfall konzentriert, damit sich nicht etwa ein spöttischer Unterton wahrnehmbar machte.
Alban sah den Hund fragend an. »Hast du an dieser Stelle etwas entdeckt?«, erkundigte er sich freundlich, doch das Tier ließ sich nicht von seiner Aufgabe ablenken.
»Dieser Busch mickert. Das ist für Sandro nicht von Bedeutung, er sucht nach Leichenduft. Und er hat etwas gewittert. Wenn ihr euch den Strauch anseht, stellt ihr fest, dass er leidend aussieht. Ganz anders als seine Nachbarn. Unter den Zweigen hat jemand gegraben. Wohl erst kürzlich. Das Erdreich wurde eindeutig bewegt. Der Pflanze hat das nicht gefallen, möglicherweise wurden auch Kapillarwurzeln beschädigt, er hat nun Schwierigkeiten beim Aufnehmen des Wassers. Der Täter hatte Reste des Skeletts versteckt und sie vor Kurzem abgeholt. Die Kollegen werden an dieser Stelle vorsichtig Erde abtragen.«
»Das habt ihr beide gut gemacht«, lobte Luna und sorgte dafür, dass der Hund wusste, er sei im Besonderen gemeint. »Ihr beide seid ein prima Team.«
Alban telefonierte mit dem Kollegen der Spurensicherung, der am Rand des Grundstücks auf seinen Einsatz gewartet hatte.
»Gut, nehmen wir erst mal an, der Knochen wurde hier vergraben – wie kam er dann in den Sandkasten, wer hat das Loch unter dem Busch wieder zugeschaufelt? Ein Hund oder Fuchs wird sich die Mühe nicht gemacht haben«, überlegte Luna halblaut.
»Diese Frage kann ich dir auch nicht beantworten. Ich war nicht dabei«, entschuldigte sich der Hundeführer und grinste breit.
»Wir graben nach. Vielleicht liegen noch kleine Teile in der Erde, zum Beispiel Handwurzelknochen oder Ähnliches«, entschied Luna.
»Oder möglicherweise ein Werkzeug, das der Typ verwendet hat. Du glaubst gar nicht, was manchmal leichtfertig zurückgelassen wird! Der Täter hat es plötzlich sehr eilig, oder er kann die Stelle nicht richtig ausleuchten, ohne aufzufallen, übersieht im Dunkeln ein Teil.« Damit machte der Kollege einem anderen ein Zeichen. »Spaten kommt. Sieb auch. Wenn unter diesem Busch etwas zu finden ist, entdecken wir es. Ich übernehme das gleich selbst. Mein Partner hat jetzt Pause. Mal sehen, manchmal möchte er mir beim Graben zusehen. Ich glaube, er hält meine Taktik für ineffizient – mit seinen Pfoten wäre er viel schneller am Ziel.« Der Hundeführer lachte wohlwollend.
Luna streichelte dem Tier über den Rücken. »Das hast du richtig gut gemacht«, flüsterte sie ihm ins Ohr, wandte sich dann zu Alban um. »Vielleicht kannst du die beiden Familien zu einem Spaziergang animieren? Die Kinder müssen nicht unbedingt Zeuge werden, wenn die Kollegen etwas finden.«
Alban nickte.
»Halt. Bevor ihr jetzt davonstürmt: Wie kann ich euch denn erreichen, falls wir wirklich weitere Artefakte finden?«
Die Karte mit den Telefonnummern wechselte von Luna zum Hundeführer.
»Wir besuchen jetzt die Eigentümerin dieses Ferienhauses.«
»Nun, die wird sicher wenig begeistert von dieser Neuigkeit sein«, mutmaßte der Kollege und stach den Spaten tief ins Erdreich.
Luna fuhr zügig.
Alban bemerkte eine unspezifische Unruhe, die von ihr ausging, wagte aber nicht nachzufragen.
Die Kollegin war im Umgang mit privaten Informationen sehr zurückhaltend, fühlte sich schnell bedrängt und reagierte dann gereizt.
Er startete stattdessen ein Ablenkungsmanöver. »Vielleicht haben die Kinder eine sehr unruhige Nacht – und wenn der Urlaub nicht mehr nach Erholung aussieht, reisen die Familien doch noch ab.«
»Wenn nicht noch mehr Funde gemacht werden, ist das Thema wohl für die sechs Urlauber erledigt.«
»Also ehrlich: Wenn mir so etwas … Bei mir käme keine Urlaubsstimmung mehr auf – und von Entspannung könnte auch keine Rede mehr sein.« Alban seufzte leise. »Täte mir für die Familien leid.«
»Bei uns ist es anders, weil wir solch einen Fund gleich mit einem Verbrechen assoziieren. Das ist aber nur unsere berufsbedingte Macke. Die Mutter hatte die Puppe gereinigt – und ich bin sicher, dass die Kleine sie mit in ihr Bett nehmen wird, egal ob sie noch feucht ist oder nicht. Die Mutter des Jungen saß mit ihm am Küchentisch über einem Mikadospiel. Mit aufgeregten Fingern kannst du das nicht spielen. Also auch hier keine Missstimmung. Alle bester Laune. Die Väter sprechen zu Hause über solche Funde, vielleicht zeigen sie sogar Fotos von Ausgrabungen.« Luna zuckte mit den Schultern. »In den beiden Familien reagiert keiner mehr ›allergisch‹ auf solch eine Entdeckung.«
»Ein bisschen so wie bei uns, man gewöhnt sich an solche Dinge«, kommentierte Alban trocken.
»Na ja, ist schon ähnlich. Sie finden Verstorbene, vielleicht auch Getötete. In Gräbern, Sarkophagen, Dolmen. Ganz ohne Blutbad am Fundort.«
»Die Knochen, die von ihnen untersucht werden, haben kein Gesicht. Macht einen großen Unterschied, meinst du nicht?«, flüsterte Alban.
Luna warf ihm einen verblüfften Blick zu. »Ja, die emotionale Distanz ist wohl größer.«
Sie starrten schweigend auf das hellgraue, leicht glitzernde Band Straße.
»Ganz ehrlich: Ich glaube nicht an einen Hund, der einen Fund neu vergraben hat. Dann müsste er den Femur irgendwo gefunden haben. Wo? Friedhof? Ist doch unwahrscheinlich. Außerdem hätten wir davon gehört, wenn Gräber geschändet worden wären.« Luna klang gereizt, ungeduldig. »Aus einem Museum gestohlen?«
»Eher Grabschändung. Diebstahl aus dem Museum halte ich für unwahrscheinlich. Ist ein großes Teil, das sich nicht einfach in der Hosentasche transportieren lässt, größere Taschen muss man in der Regel einschließen – und die Presse hätte über solch einen Raub bestimmt berichtet.«
»Bleibt die Frage: Woher stammt er also? Menschlich bedeutet, er fehlt jetzt jemandem. Wer ist dieser Jemand? Wo finden wir ihn? Eine Amputation, vielleicht nach einem Unfall. In welchem Krankenhaus könnte der Eingriff durchgeführt worden sein? Was passiert normalerweise mit den amputierten Gliedmaßen? Gibt man die den Patienten mit nach Hause? Falls er verstorben ist: Wo ist der Rest des Skeletts? Medizinische Fakultät der Universität? Gibt es irgendwo eine Ausstellung mit medizinischen Präparaten – eine Rechtsmedizinische Sammlung lädt zur Besichtigung ein und zeigt moderne forensische Methoden?« Luna schüttelte unzufrieden den Kopf.
»Hoffentlich kann Gullbrand einige Informationen beisteuern, die uns weiterhelfen.« Auch Alban wurde langsam nervös. »Bisher liegt eine dicke Nebelschicht über der Ermittlung«, knurrte er.
Luna lachte leise.
»Du meinst, der Klimawandel wird die Aufklärung erschweren?«, fragte sie. »Bleib entspannt. Gullbrand hat sicher einige wichtige Informationen für uns. Der Femur von Nybro – klingt wie ein Buchtitel. Gullbrand wird sich bald mit ersten Ergebnissen melden.«
Ein weiterer kritischer Blick Albans huschte über das Gesicht der Kollegin.
Sie hatte das offensichtlich bemerkt und fragte in einem für sie vollkommen untypischen, zickigen Ton: »Ist was?«
Der Rest der Fahrt war Schweigen.
Es klopfte.
Energisch.
Jeder der Nachbarn im Pepparplan wusste, dass man sie um diese Zeit nicht stören sollte, und auch heute konnte sie sich nicht vorstellen, was nun so wichtig sein konnte, dass es nicht bis nach ihrem Termin mit sich selbst Zeit gehabt hätte. Als der Störer zum dritten Mal klopfte, kam sie zu dem Ergebnis, es sei besser nachzusehen.
Vielleicht war irgendwo ein Brand ausgebrochen?
Besorgt öffnete Caja knapp vor dem vierten Klopfen.
Eine in der Luft schwebende Faust auf ihrer Augenhöhe!
Zwei unbekannte Personen.
Eine Frau und ein Mann.
Sie zuckte erschrocken zurück.
»Polizei Kalmar«, stellte sich die Frau mit dem blonden Zopf vor. »Kommissare Luna und Alban – wir haben ein paar Fragen an dich.«
»Polizei Kalmar? Was könnten zwei Kommissare von mir wollen?« Caja wunderte sich erkennbar, warf einen Blick auf die Ausweise und ließ die beiden eintreten.
»Was kann die Polizei von mir wollen?«, erkundigte sie sich im Gehen erneut, wies den beiden den Weg ins Wohnzimmer, deutete auf die Sportmatte. »Entschuldigt, aber ich war gerade mit meiner täglichen Trainingseinheit beschäftigt. Deshalb hat es auch ein bisschen gedauert. Alle Nachbarn wissen, dass man mich um diese Zeit nicht stören sollte. Achtsamkeitstraining und danach ein paar Yogaübungen.«
Alban warf Luna einen ratlosen Blick zu.
Seine Lippen formten tonlos »Was ist das?«. Und die Kollegin schüttelte den Kopf, wusste also auch nicht, wie sie diese Information einordnen sollte.
»Vor vielen Jahren war ich auf der Suche nach einer Entspannungsübung, die mir im Alltag helfen konnte, ohne zu viel Zeit und Raum in Anspruch zu nehmen: Ich fand Yoga und Achtsamkeitstraining. Wäre vielleicht auch etwas für Kommissare im Ermittlungsstress.« Caja blinzelte den beiden Besuchern zu. »Aber deshalb seid ihr wohl nicht gekommen.«
»Wir müssen dir mitteilen, dass im Sandkasten deines …«
»Och, das weiß ich schon! So was spricht sich schnell rum.« Sie überlegte kurz. »In meinem Sand? Ziemlich unglaublich, oder? Der Sand wird immer gereinigt. Besonders nach dem ruhigen Winter, bevor die ersten Gäste kommen. Also muss der seltsame Knochen vor Kurzem dort versteckt worden sein. Aber wieso kommt die Polizei zu mir?«, schloss sie die Erklärung ratlos ab. »Es wird ja wohl hoffentlich niemand annehmen, ich hätte versucht, die Gäste zu erschrecken! Das wäre ziemlich dumm von mir – meint ihr nicht?«
»Hat die Vermietungsfirma schon einmal im Sand oder anderswo im Garten einen solchen Fund gemacht?« Alban hatte sein Notizheft aufgeschlagen und ließ den Stift erwartungsvoll über der leeren Seite schweben, warf Caja einen auffordernden Blick zu.
»Aber nein!« Caja hob abwehrend beide Hände.
»Als du das letzte Mal bei deinem Haus warst, ist dir dort etwas aufgefallen? Ausgebuddelte Erde zum Beispiel?« Luna war sicher, die Antwort bereits zu kennen.
Das »Nein!«, kam für sie nicht überraschend.
»Ist es ungewöhnlich, dass Feriengäste Gebeine im Sand finden – oder kommt das gelegentlich vor, weil es vierbeinige Räuber in der Gegend gibt? Wölfe, Füchse?«, bohrte sie weiter. »Oder Raubvögel? Die könnten an solch einem Fund auch interessiert sein.«
»Es gibt ein paar Füchse im Wald. Hunde sind verpflichtend an der Leine zu führen. Vögel? Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall müsste es sich dabei um einen sehr großen Raubvogel gehandelt haben. Solche Fragen kann Ronald beantworten. Ein Strandbesuch würde bedeuten, dass sie das Ding von irgendwoher mitgenommen und dann im Sand versteckt hätten. Zum Strand ist es ziemlich weit. Und wozu? Erlauben Eltern heute ihren Kindern, so etwas vom Ausflug mitzunehmen? Als Spielzeug? Es ist noch sehr früh in der Saison, den Knochen hätte eine der anderen Familie ›vergessen‹ haben müssen. Die neuen Mieter sind praktisch gerade erst eingezogen.«
»Weißt du, wann und von wem dein Haus gemietet wurde?«
Caja wiegte den Kopf. »Nun, eigentlich informiert mich die Vermietungsfirma. Außerdem habe ich eine App, die mir anzeigt, ob das Haus frei ist oder eben nicht. Und Ronald gibt mir in der Regel Bescheid, wenn neue Leute eingezogen sind. Bei solchen Gesprächen erfahre ich immer ein bisschen mehr über Gäste. Diesmal sind es vier Erwachsene und zwei Kinder. Wahrscheinlich also zwei Elternpaare und je ein Nachkomme.« Die ältere Dame lachte leise. »Kinder können einen Urlaub zu einer echten Kraftanstrengung werden lassen. Vor ein paar Jahren waren Eltern mit fünf Kindern eingezogen. Das Wetter war eine echte Herausforderung in dem Jahr – und tatsächlich sind die sieben vorfristig abgereist. Kinder in unterschiedlichem Alter in den Ferien zu bespaßen, ist nicht nur Vergnügen.«
Luna erwischte ihre rechte Hand dabei, wie sie sich auf ihren Bauch legte.
Ertappt steckte sie sie rasch in die Hosentasche, als suche sie nach einem Taschentuch.
Benimm dich wie eine erwachsene Frau, rief sie sich in Gedanken zur Ordnung, du weißt ja noch nicht einmal, welches Ergebnis du bekommen wirst!
»Aber Ronald hält dich auf dem Laufenden?« Alban lächelte Caja aufmunternd an.
»Ja. Er weiß natürlich viel mehr über die Leute in meinem Haus, als ich je erfahren würde. Er unterhält sich gern, spricht sehr gut Englisch, die meisten Touristen auch, und so erzählen sie ihm beim Einkaufen gern, woher sie kommen, wie lange sie bleiben, warum sie in diese Gegend gekommen sind – und viele andere Dinge mehr. Er weiß, dass die Väter als Paläoanthropologen arbeiten. Das Wort musste ich erst mal nachschlagen. Sie fahren zu Ausgrabungsstätten und versuchen, bei Grabfunden mehr über den Bestatteten herauszufinden, wollen wissen, wie wir uns von der Linie der Affen trennen konnten, wie wir früher Gesellschaften gegründet haben. Und viele Dinge mehr. Spannende Arbeit, denke ich.«
»In deinem Sandkasten haben sie ja nun nicht direkt nach einem menschlichen Skelett gesucht. Und die Schlüsse, die sich ziehen lassen, müssen wir erarbeiten.« Lunas Ton war beinahe schon patzig.
»Hast du eine Liste mit Namen bekommen, die uns sagen, wer in der vergangenen Saison in deinem Haus war?«
»Ich fürchte, die habe ich nicht mehr.« Caja verzog bedauernd das Gesicht. »Aber die Vermietungsfirma weiß das sicher noch. Ich gehe davon aus, dass sie sich gut merken, wem sie für die neue Saison Werbung schicken sollten!«
»Zurück zu den Tieren, die in der Umgebung des Hauses wohnen. Wie ist das mit Hunden, Wölfen, Füchsen?« Alban wurde ungeduldig.
