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Angst verfolgt Marc-Édouard seit seiner Jugend. Wie ein dunkler Schatten hat sie sich auf die Seele des scheuen Geschichtsprofessors aus Toulouse gelegt. Seit jenem Sonntagmorgen vor dreißig Jahren, als seine Welt jäh aus den Fugen geriet. Damals wurden die Leichen von drei Jugendlichen an einem See gefunden. Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sand, der Mörder wurde nie gefunden. Marc-Édouard kannte die Opfer, hatte mit ihnen dieselbe Privatschule besucht. Nun kehrt er zurück an den Ort seiner Kindheit, in die verträumte Kleinstadt im Südwesten Frankreichs. Er will verstehen, was in jener Nacht wirklich geschehen ist, um sich endlich von den Geistern der Vergangenheit zu befreien.
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Seitenzahl: 741
Veröffentlichungsjahr: 2017
Zum Buch
Angst verfolgt Marc-Édouard seit seiner Jugend. Wie ein dunkler Schatten hat sie sich auf die Seele des scheuen Geschichtsprofessors aus Toulouse gelegt. Seit jenem Sonntagmorgen vor dreißig Jahren, als seine Welt jäh aus den Fugen geriet. Damals wurden die Leichen von drei Jugendlichen an einem See gefunden. Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sand, der Mörder wurde nie gefunden. Marc-Édouard kannte die Opfer, hatte mit ihnen dieselbe Privatschule besucht. Nun kehrt er zurück an den Ort seiner Kindheit, in die verträumte Kleinstadt im Südwesten Frankreichs. Er will verstehen, was in jener Nacht wirklich geschehen ist, um sich endlich von den Geistern der Vergangenheit zu befreien.
Ein raffinierter Kriminalroman über ein Verbrechen, das nie gelöst wurde. Und über die Last der Geheimnisse.
»Spannend, atmosphärisch dicht und meisterhaft geschrieben.«
Paris Match
Zum Autor
CHRISTIAN CARAYON, 1969 geboren, ist Kriminalautor und Lehrer. Sein Debüt »Le Diable sur les épaules« war 2012 Finalist für den französischen Krimipreis. Er stammt aus dem Südwesten Frankreichs lebt heute im Department Sarthe, wo er an einem Gymnasium Geschichte und Geografie unterrichtet.
Christian Carayon
DUNKLER SEE DER ANGST
Kriminalroman
Deutsch von Carina von Enzenberg
»Stets auf der Wacht mit Aug und Nase.Ein Hauch, ein Schatten lässt Gefahr ihn wittern,Ein Nichts macht ihn erzittern.«
Jean de La FontaineDer Hase und die Frösche
Prolog
Es ist dunkel. Ich sehe die Nacht, den sternklaren Himmel, das Licht des Halbmonds, das sie weniger finster macht. Ich rieche die Feuchtigkeit. Höre die Stille.
Ich weiß, wo ich bin. Die Nacht kann nicht alles verbergen. Was sie einhüllt, gerinnt zu einer dunklen Masse. Sie zeichnet lediglich die Konturen des Waldes nach, der dem Auf und Ab des Geländes folgt. Ich liege auf dem Boden eines Kahns. Allein die gegen den Rumpf schwappenden Wellen stören die Stille. Nach einer Weile werden die Ruder eingeholt. Das Boot gleitet noch etwas dahin, dann wird es langsamer und kommt zum Stehen. Als man mich hochzieht, bleibt es erstaunlich unbewegt.
Mitten im Wald liegt, vom Mond leicht versilbert, der See. Er windet sich wie eine große Schlange. Ich werde lange in der aufrechten Position gehalten, als sollte ich dieses Bild in mich aufnehmen. In ein paar Stunden wird am Ende der Schlucht die Sonne aufgehen. Mir ist jetzt klar, dass ich sie nicht mehr sehen werde.
Eigentlich müsste ich Angst haben, und zwar schreckliche Angst. Aber ich habe keine. Vielleicht zum allerersten Mal in meinem Leben. Dennoch weiß ich, dass die Angst kommen wird, dass sie auf mich wartet, da unten.
Man hebt mich hoch, leicht wie eine Feder, und lässt mich ins Wasser gleiten, lautlos, langsam, ohne Spritzer – ein Sinnbild meines Lebens. Erst als ich bis zu den Schultern eingetaucht bin, lässt man mich los. Ich beginne zu treiben, wegzuschwimmen. Ich entferne mich vom Boot, ohne mich zu bewegen, weil ich dazu nicht in der Lage bin. Ich spüre keinen einzigen Teil meines Körpers. Er ist nur mehr eine Hülle, die ich kaum noch wahrnehme. Meine Arme werden vom Wasser angehoben, bis sie ausgestreckt auf der Oberfläche liegen. Der See trägt mich, er wiegt mich. Er ist wie ein Ungeheuer aus dem Märchen: Er versucht mich einzulullen, bevor er mich verschlingt.
Mein Lumpenleib wird plötzlich schwerer. Ein Gewicht zieht mich in die Tiefe. Das Wasser steigt über mein Kinn, meinen Mund, meine Nase. Bevor es meine Augen bedeckt, sehe ich ein letztes Mal das Boot, die Gestalten an Bord, den Himmel.
Ich gehe unter. Meine Arme heben sich über den Kopf. Es wird dunkler, immer dunkler. Um mich herrscht Finsternis, und ich tauche in sie ein. Ich halte die Luft an. Zögere den Moment, da ich das schwarze Wasser in meine Kehle, meine Lungen, meinen Bauch lassen muss, so lang wie möglich hinaus. Ich weiß, der Schmerz wird schrecklich sein. Und plötzlich ist die Angst wieder da. Ich kann sie nicht verscheuchen. Sie ist eine alte Gefährtin. Sie wacht, nachdem sie mein ganzes Leben im Griff gehabt hat, auch über meinen Tod. Zeigt mir zum Schluss noch einmal ihre Fratze, ihre scheußlichste, widerlichste. Mir wird klar, dass ich mich nie richtig auf sie eingelassen, mich nie wirklich mit ihr auseinandergesetzt habe.
Der Schrecken fährt mir in die Glieder. Leider zu spät. Ich sehe nicht einmal mehr die silbernen Streifen an der Wasseroberfläche. Stattdessen sinke ich tiefer und tiefer, als hätte der See keinen Grund.
Meine Sauerstoffreserven sind aufgebraucht. Ich werde einatmen müssen. Man wird von mir nichts weiter finden als ein ganz in der Nähe geparktes Auto, eine abgebrochene Karriere, ein altes, am Ende eines Feldwegs gelegenes Haus und in seinem Innern mehrere Dutzend Seiten voller Blut und Tränen sowie Fotos von Toten. Sicherlich wird man daraus schließen, dass ich von der Geschichte besessen war; eine wohlfeile Erklärung für das, was man als Selbstmord interpretieren wird – sofern der See eines Tages bereit ist, meine sterbliche Hülle herauszurücken. Niemand wird begreifen, was mir das alles bedeutet und dass es sich nicht um etwas Krankhaftes, sondern um eine Art Heilung gehandelt hat. Und niemand wird erfahren, dass ich die Sache zu Ende gebracht und die Wahrheit herausgefunden habe, die ganze Wahrheit.
Ich werde sterben. Ich habe mir meinen Tod nie ausgemalt. Eigentlich paradox für jemanden, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, das Schlimmste zu befürchten. Sterben. Allein und in einer Finsternis, wie ich sie noch nie erlebt habe: ein logisches Ende.
Ich atme ein. Ich will Luft, aber da ist nur Wasser. Es ist ein grauenhaftes Gefühl. Ich spüre, wie meine Brust anschwillt, als wollte sie platzen. Meine Augen quellen hervor und werden bald aus ihren Höhlen treten. Meine Haut fühlt sich an, als würde sie reißen. Meine Knochen brechen unter dem Druck wie Glas. Ich ersticke. Ich unternehme eine letzte Anstrengung, biete meine letzten Kräfte auf in der Hoffnung, dass es so schneller vorbeigeht. Ich heule. Ich brülle. Ich will mit Getöse abtreten. Und ich höre mich schreien.
ERSTER TEIL
»… wie Ihr Trauerkleid mit seiner Schleppe die toten Blätter mit sich fortzieht …«
1
Angst beherrscht mein Leben. Mir kommt es so vor, als sei sie schon immer da gewesen, seit meinen ersten bewusst erlebten Stunden. Das mag falsch sein, aber selbst wenn ich gründlich nachdenke, fallen mir aus meinen frühen Jahren nur wenige wirklich unbeschwerte Momente ein. Sie wurden ausgelöscht durch einen Schatten, der sich über mich schob und immer schwärzer wurde.
Trotzdem weiß ich, dass es ein Leben davor gab. Ich weiß es, weil ich den Augenblick kenne, in dem meine Welt aus den Fugen geriet: Es war am Sonntag, dem 24. August 1980, kurz vor zehn Uhr am Morgen, als mehrere Männer, vorwiegend Familienväter, dreißig Meter durch das noch nachtkühle Wasser schwammen, die Îlot des Bois-Obscurs erreichten und entdeckten, was ein ganzes Tal, ja ein ganzes Land erschütterte.
Die Vertreter der »Alten Schule« behaupten, Geschichte sei eine Wissenschaft, die keinerlei Raum für Phantasie lassen dürfe. Das sehe ich anders. Ich glaube, dass es ohne Phantasie keine Geschichte gibt. Die Vergangenheit existiert allein deshalb, weil jeder Einzelne sich in sie zurückversetzen kann, und zwar in eine Vergangenheit, wie er sie sieht, empfindet und in seiner Erinnerung wahrnimmt. Wissenschaftliche Erkenntnisse legen zweifellos das Fundament, aber wir sorgen als Architekten für den Rest. Ich habe über Monate hinweg Nachforschungen zu der Tragödie angestellt, doch am Ende hat meine Erfindungsgabe die Lücken geschlossen. Ich habe ihr freien Lauf gelassen, bis jene dunkle Zeit nach mehr als dreißig Jahren in meinem Geist Form annahm. Und mit ihr die Menschen, die sie bevölkerten.
Was ich von jenem sonnigen Sonntagvormittag weiß: Die Sonne schien, und die Morgenluft war erstaunlich mild. Es verhieß ein heißer Tag zu werden. Solche Tage waren seit Jahren eine Seltenheit. Es war, als hätten die Hundstage von 1976 sämtliche Hitzereserven der folgenden Jahre aufgebraucht. Der Sommer 1980 war bislang genauso lausig wie die drei davor. Ende August jedoch hatte er sich entschieden, ein freundlicheres Gesicht zu zeigen und mit richtiger Sonne, einem wolkenlosen Himmel und höheren Temperaturen aufzuwarten, ohne dass sich am späten Nachmittag gleich ein Gewitter entladen hätte.
Der Lac de Basse-Misère heißt heute nur noch in einigen topographischen Karten so und in Fernsehsendungen, die sich auf grausam-düstere Kriminalfälle spezialisiert haben. Man hat den See mittlerweile umbenannt. Fragt man, wo er liegt, tun die Leute so, als wüssten sie nicht, wovon die Rede ist. Der Name ist zu einem Tabu geworden. Er lässt das Blut gefrieren und die Blicke starr, wenn nicht gar böse werden. Der See wurde 1936 zwischen den Ausläufern des Massif Central angestaut, um für das Tal Strom zu erzeugen, und füllt die Schluchten von Font d’Issalès über eine Länge von zehn Kilometern. Heute nennen die Leute ihn Lac de Saint-Pierre oder Lac de Sagne-Claire, je nachdem, von welcher Seite sie kommen.
Saint-Pierre-d’Issalès ist ein kleines Dorf am nördlichen Seeufer. Die wenigen, wie aus dem Nichts kommenden Straßen, die die umliegenden Berge zerfurchen, kreuzen sich dort. Seit den 1960er Jahren hat das Dorf das touristische Potenzial, das sich ihm nunmehr bot, zu nutzen verstanden und ist, zumindest in der schönen Jahreszeit, zu neuem Leben erwacht. Das Seeufer wurde umgestaltet. Gras- und Sandstrände, Picknickplätze, ein großer schattiger Campingplatz sowie ein Ferienlager wurden angelegt. Entfernt man sich jedoch ein wenig von Saint-Pierre, wird der See wieder ursprünglich. Der Wald scheint sich bis ins Wasser zu ergießen und lässt nur einen schmalen Saum aus Felsen und staubiger Erde als Strand übrig. Hier und da finden sich in einer kleinen Bucht oder auf einem Felsvorsprung einladende Plätzchen. Die Wege durch den Wald enden stets unvermittelt am See, den man vorher nicht sehen, ja, nicht einmal erahnen kann. Er schlängelt sich zwischen den dicht bewachsenen Bergkuppen hindurch und bildet die Form der Schluchten nach, die er sich einverleibt hat. Nähert man sich der Talsperre von Süden her, trifft man auf etwas mehr Leben. Dort erhebt sich auf einer der üppig grünen Wiesenflächen das Dörfchen Bouscadié mit seinen renovierten Häusern, die zu Zweitwohnsitzen umgebaut wurden, einige davon sogar mit Seeblick.
Ein Stück weiter liegt der Club Nautique des Crozes, von dem aus man direkten Zugang zum Wasser hat. Er ist nur über eine enge Straße erreichbar, die kurvenreich aus dem Tal von Valdérieu heraufführt, und wurde von ein paar reichen Familien zu einer Zeit gegründet, als die Industrie in der Gegend noch florierte. Er ist ein Privatclub, in den man nur durch Zahlung eines stattlichen Jahresbeitrags und ausschließlich durch Hinzuwahl aufgenommen wird. Echtes Interesse am Wassersport und nachweisliche Kenntnisse auf diesem Gebiet sind dabei von Vorteil. Die meisten Clubmitglieder besaßen damals Boote am Meer, in den Badeorten des Languedoc, die gar nicht so weit entfernt sind. Dort gingen sie segeln, tauchen oder Hochsee angeln. Der See war ihnen wohl zu klein. Trotzdem fühlten sie sich dem Club sehr verbunden. Hier traf man sich, um sich über bereits vollbrachte oder bevorstehende maritime Großtaten auszutauschen, hier kamen Familien zusammen, auch außerhalb der schönen Jahreszeit, wenn der Badespaß durch Pilzsuche, Jagd, Angeln, Fahrradausflüge oder Wanderungen abgelöst wurde.
Drei mit weiß gestrichenem Holz verkleidete Gebäude gehörten zum Club. Das erste und zugleich imposanteste war das eigentliche Clubhaus mit einer Bar, die zu einer schönen Terrasse führte, einer geräumigen, voll ausgestatteten Küche und einem großen Saal, den die Mitglieder für private Anlässe nutzen konnten. Unten am Strand mit dem kurz geschorenen weichen Gras stand ein weiteres Haus, in dem die Umkleiden und Duschen untergebracht waren. Und ein Stück weiter entfernt lag in einer schattigen kleinen Bucht, die im Sommer als Ankerplatz diente, das Bootshaus. Das Prunkstück des Clubs befand sich allerdings noch etwas weiter weg, nämlich auf dem Wasser. Dort hatte man eine Badeinsel festgemacht, die von morgens bis abends von der Sonne erwärmt wurde und den Neid der anderen Badegäste aus der Umgebung weckte. Dieser gediegene, durch eine Reihe alter Bäume klar abgeschirmte Club war eine Welt für sich.
Mehrmals im Jahr wurde gefeiert, um die kleine Gemeinschaft zusammenzuschweißen: im Januar das Fest des ersten Bades; im März, oft noch im Schnee, die Eröffnung der Angelsaison; der Ostermontag mit einem über Holzfeuer gebackenen Riesenomelette; der Johannistag, der die Tore zum Sommer aufstieß; im Oktober wurden die Champignons gefeiert, und am letzten Sonntag im November gab es ein Wildschweinessen. Das wichtigste Fest war jedoch das am vorletzten Augustwochenende; es wurde von allen »Das Fest von Les Crozes« genannt. Von Samstagmorgen bis Sonntagabend feierten die Clubmitglieder noch einmal den zu Ende gehenden Sommer und die Ferien. Man amüsierte sich ausgiebig, bevor wenig später die Schule wieder begann und die Tage kürzer und grauer wurden. Der Club hatte vor allem einen Zweck: den Sommer über am See die Familien zusammenzubringen, die das restliche Jahr über verstreut lebten. Kinder, Enkel, Cousins und Cousinen, all jene, die in den übrigen Monaten anderswo lebten, trafen sich hier mit ihren Eltern und Großeltern, Onkeln und Tanten, mit denen also, die den Club gegründet hatten und ihn am Leben erhielten, damit sie hier zusammenkommen konnten. Die Erwachsenen schwelgten in Kindheitserinnerungen, die Jüngeren schienen diese Abfolge gemeinsam verbrachter Tage nie sattzubekommen, und die Familien waren wieder Familien.
Sie wollten mit dem »Fest von Les Crozes«ein Zeichen setzen und der vergehenden Zeit beweisen, dass sie sich nicht alles wegnehmen ließen. Ab dem frühen Samstagmorgen wurden die Wasserski herausgeholt, Grillfleisch und gekühlte Getränke besorgt sowie Spiele und Wettkämpfe vorbereitet, darunter das beliebte Wettschwimmen durch den See. Den Abschluss des Tages bildete der Ball, der erst spät nachts endete; gefolgt vom Frühstück, bei dem sich unter den Bergen von Wurstwaren und Gebäck die Tische bogen und der Duft von gerösteten Brotscheiben einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ; es gab Hängematten und Decken zum Sternegucken, und auf der Wiese hinter dem Club hatte man Zelte aufgestellt, in denen die Kinder zu ihrer großen Freude übernachten durften. Am Sonntagvormittag schließlich wurde auf einer schönen Lichtung zwischen dem Club und Bouscadié eine Messe abgehalten. Viele Bewohner des Dörfchens waren ohnehin Clubmitglieder. Die Übrigen wurden nicht nur zur Messe, sondern auch zum Abendessen und zum Ball am Samstagabend eingeladen.
Im August 1980 war das Fest nicht wie in den beiden Vorjahren abgesagt worden. Hätte sich der Sommer nicht entschlossen, seine Nasenspitze zu zeigen, wäre nichts passiert. So konnte das Fest jedoch stattfinden. Zum letzten Mal.
Am späten Samstagnachmittag verließen vier Kinder – zwei Jungen und zwei Mädchen – den Club an Bord von zwei Kanus. Drei von ihnen wohnten in Valdérieu und besuchten dieselbe Privatschule. Guillaume und Justine waren vierzehn und gingen seit der Sechsten in dieselbe Klasse, Emmanuel war ein Jahr jünger. Das vierte Kind hieß Florie und war deutlich jünger, noch nicht einmal zehn. Florie lebte in der Normandie und kam nur im Sommer und zu Silvester hierher. In den Ferien wich sie ihrer Cousine nicht von der Seite.
Gemeinsam hatten die Kinder den Plan ausgeheckt, ein wenig gegen das Reglement des Festes zu verstoßen und sich für eine Nacht abzusetzen. Man hatte ihnen erlaubt, fern von den anderen zu zelten. Da man sie für vernünftig und vertrauenswürdig hielt, hatte man ihnen dieses kleine Abenteuer gestattet, zumal es nicht wirklich gefährlich war. Sie wollten zu einer kleinen Insel, die keine dreihundert Meter vom Clubstrand entfernt liegt, nur durch eine knapp dreißig Meter breite Wasserrinne vom Ufer getrennt. Die Insel heißt Îlot des Bois-Obscurs, obwohl der Name überhaupt nicht zu ihr passt, denn bis auf ein paar Tannen, die sich in der Mitte an ihren Grat klammern, ist sie völlig kahl. Die Kinder hatten vor, ein kleines Lagerfeuer zu machen, um die Sachen, die sie im Club abgezweigt hatten, zu grillen und gemeinsam nach Sternschnuppen Ausschau zu halten. Da ihre Schlafsäcke gegen die Feuchtigkeit und Kälte der Nacht nicht genügend Schutz boten, nahmen sie zwei kleine Zelte mit. Sie versprachen, am nächsten Morgen bis zehn Uhr zurück zu sein, damit sie die Messe nicht versäumten.
Ich habe ein Foto vergrößern lassen, auf dem ihre Abreise festgehalten ist. Sie sehen glücklich aus. Justine, die die drei anderen zu dem Ausflug überredet hat, strahlt über das ganze Gesicht. Sie ist ein bildhübsches Mädchen, scheint sich aber nichts darauf einzubilden. Sie legt es nicht darauf an, die Blicke auf sich zu ziehen, sie bleiben von ganz allein an ihr haften. Ihr Lächeln ist unwiderstehlich. Es verengt die meerblauen Augen und hebt die rundlichen Wangen, sodass ein paar vorwitzige Strähnen sie berühren. Die beiden Jungen sehen aus, als wunderten sie sich darüber, sich in so charmanter Gesellschaft zu befinden. Guillaume ist etwas pummelig, hat kurz geschnittenes blondes Haar und ein noch pausbäckiges Gesicht; man sieht ihm sein dürftiges Selbstbewusstsein an, auch wenn er es zu überspielen versucht. Er macht in jeder Hinsicht einen »runden« Eindruck und scheint zu allem bereit, um Ärger oder Streitigkeiten zu vermeiden. Emmanuel besitzt trotz der krankhaften Schüchternheit, die ihm zu schaffen macht, das offenere Lachen. Er hat hervortretende Augen, schwere Lider, eine spitze Nase, abstehende Ohren, eingefallene Wangen und wulstige Lippen. Sein schwarzes Haar mit Topffrisur macht die Sache nicht besser, denn es betont seinen Eierkopf noch. Emmanuel ist ausgesprochen hässlich.
Die kleine Florie hält sich etwas im Hintergrund. Nichts scheint sie zum Lächeln bewegen zu können. Sie hat ein Puppengesicht mit vermutlich sehr hellen Augen, die allerdings hinter dem Pony versteckt sind. Dieser ist zu lang und wird früher oder später auch den Rest ihres Gesichts verdecken, worauf sie es offenbar angelegt hat.
Das Licht der Sonne, die in ihrem Rücken bereits untergeht, fällt schräg ein. Bald wird sie hinter dem Dörfchen Bouscadié, von dem man am oberen Feldrand die ersten Häuser erkennt, verschwinden. Auch die kleine Insel, die auf die Kinder wartet, ist zu sehen. Alles wirkt friedlich, am richtigen Platz. Man spürt den Sommer auf diesem Bild: Er ist allgegenwärtig, sogar in ihren Blicken.
Am Sonntagmorgen ließen Justine und ihre Kameraden auf sich warten. Bei den Eltern machte sich erst Ungeduld, dann Enttäuschung breit. Enttäuschung, die in Wut umschlug, als sich die vier trotz fortgeschrittener Stunde nicht blicken ließen und auch auf Rufe nicht reagierten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass etwas passiert sein könnte. Später gaben alle zu: Sie hatten sich einfach nur geärgert.
Guillaumes Vater, der sich am meisten aufregte, schwamm als Erster hinüber. Schließlich war sein ältester Sohn als erfahrener Pfadfinder gewissermaßen zum Anführer der kleinen Gruppe bestimmt worden. Im ersten Moment raubte das kalte Wasser ihm den Atem. Drüben angekommen, ging er an den beiden ordentlich nebeneinandergelegten Kanus vorbei und bahnte sich zwischen scharfkantigen Felsen und Gestrüpp seinen Weg, immer im Zickzack, um sich die Fußsohlen nicht aufzureißen. Er passierte das Tannenwäldchen auf der Kuppe und stolperte auf der anderen Seite nach unten. Und dort erwartete ihn die Hölle.
Zuerst entdeckte er die eingestürzten Zelte, zwei Haufen aus Planen und verhedderten Schnüren, doch er verlor rasch das Interesse an ihnen. Ein Stück weiter vorn sah er nämlich eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Er erkannte seinen Sohn. Er ging so nah heran, wie es ihm möglich war. Das Erste, was ihm auffiel, bevor die Beine unter ihm nachgaben, war, dass eine von Guillaumes Sandalen ein Stück weiter weg lag und ein Fuß nackt war. Dann starrte er nur noch auf das blonde Haar seines Sohnes, das sich rot verfärbt hatte. Es war blutverkrustet, und am Hinterkopf klaffte ein Loch. Weiter heran ging er nicht. Er sackte zusammen und brachte es nicht einmal fertig, seinen Sohn zu berühren. Zwei Stunden sollte es später dauern, ihn zum Aufstehen zu bewegen.
Mittlerweile waren auch die anderen eingetroffen. Sie waren losgeschwommen, nachdem sie nichts mehr gehört und ihn nicht hatten zurückkommen sehen. Sie gingen an ihm vorbei auf das felsige Ufer zu, von dem aus Guillaume allem Anschein nach hatte fliehen wollen. Dort fanden sie den anderen Jungen, Emmanuel. Er war splitternackt. Nicht einmal die Schuhe hatte er noch an. Seine zerquetschten Genitalien waren blutüberströmt. Man hatte seinen Oberkörper untergetaucht. Die geronnenen roten Kringel im Wasser ließen daran keinen Zweifel. Sie zogen ihn aus dem See. Sein Kopf war nicht mehr als solcher zu bezeichnen. Vom Gesicht war nur noch die eine Hälfte zu erkennen, die andere war weg. Nur zwei der fünf Männer, die zu der kleinen Insel geschwommen waren, konnten klar genug denken, um sich um die Mädchen zu sorgen. Sie machten sich auf die Suche, liefen die Insel einmal längs und einmal quer ab. In der Nähe der Felsen entdeckten sie Justines Schuhe und Kleider. Als sie schließlich auf die Idee kamen, in den Zelten nachzuschauen, fanden sie die kleine Florie. Sie lebte. Allerdings atmete sie kaum noch, und es gelang ihnen nicht, sie wach zu bekommen. Sie vermuteten, dass der Sauerstoffmangel ihr Gehirn beschädigt hatte, obwohl derjenige, der sie hochhob, an ihrer Stirn einen Bluterguss bemerkte. Justine war nicht bei den Zelten. Auch wenn sie nicht so recht daran glaubten, hofften sie, dass sie hatte fliehen können, dass sie von der Insel weggeschwommen war und sich in den Wald geflüchtet hatte. Sie riefen nach ihr, durchkämmten das Gehölz. Holten schließlich das Motorboot aus dem Club, um den See zu überqueren und das gegenüberliegende Ufer abzusuchen. Dort trieb Justines Leiche vollkommen nackt im Wasser. Die Strömung hatte sie in Richtung Staumauer gezogen, doch sie hatte sich an einem Baumstumpf verfangen. Ihr Schädel war unversehrt, ihr Gesicht ebenfalls, aber die aufgedunsenen Züge sprachen eine klare Sprache: Sie war ertrunken.
Dies war der Moment, der alles veränderte. Dies war der Fall von Basse-Misère: drei Tote und eine Kaum-noch-Lebende; ein verfluchter See, der einen anderen Namen brauchte; eine katastrophale Ermittlung, die unentwegt in die Irre lief; ein Monster, das sich irgendwo verkrochen hatte und vielleicht erneut zuschlagen würde; und Angst. Die Angst, die an jenem Sonntagvormittag über die Stadt hereinbrach, ihr langsam die Kraft raubte und meine Welt verdüsterte.
2
Was sich in Basse-Misère ereignet hat, ist mehr als eine Tragödie: Es ist eine Katastrophe, ein kleiner Weltuntergang. Wir gehören zu den Überlebenden. Das erlegt uns die Pflicht auf, die Erinnerung wachzuhalten. Niemand soll je in Versuchung geraten, dies zu vergessen.
Wenn ich mich recht entsinne, waren dies die Worte, die der Direktor desLycée Saint-Jacques 1980 am ersten Schultag nach den Ferien an die im Pausenhof versammelte Schülerschaft richtete. Im Lauf jenes Tages wiederholte er sie noch einmal vor jeder einzelnen Klasse. Aus Bequemlichkeit sagten alle »Lycée«, dabei lautete die korrekte Bezeichnung der Schule »Collège et lycée privé Saint-Jacques«. Von der Sechsten bis zur Abschlussklasse waren wir mehr als achthundert Schüler, die eine Gemeinschaft, ja gewissermaßen eine Familie bilden sollten. Auf diese Formulierung legte der Direktor großen Wert. Ich hörte sie meine gesamte Schulzeit über. Und diese Familie hatte soeben drei ihrer Kinder verloren.
In den folgenden Wochen wurden an jedem Samstagvormittag ein paar Unterrichtsstunden »zweckentfremdet«, um über das Drama zu sprechen. Bei den ersten Sitzungen erhielten die Klassenleiter Unterstützung durch Psychologen. Die Schüler wurden ermuntert, frei von der Leber weg zu reden. Parallel dazu richteten die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die den Religionsunterricht erteilten, eine »permanente Zuhörstation« ein. Alle wurden aufgefordert, eine Trauerphase von unbestimmter Dauer einzuhalten. Sie war erdrückend: In den Pausen herrschte eine geradezu anormale Artigkeit, sogar in den Ecken, die sich den wachsamen Blicken der Aufsichtspersonen entzogen. Die Spiele der Jüngsten wurden geduldet, solange sie ruhig verliefen, aber wehe, jemand erhob die Stimme oder lachte laut! Dann hagelte es augenblicklich Zurechtweisungen von Lehrern, Aufsichtskräften oder auch älteren Schülern: »Ihr solltet euch schämen! Nach allem, was uns passiert ist!«
Ich war einer von diesen Jüngsten, ein Sechstklässler, der gerade erst in dieser riesigen, kalten, grauen Einrichtung gelandet war und seine Grundschule vermisste. Auch ich kassierte wiederholt einen Tadel, und hätte ich nicht Angst vor einer vermutlich geharnischten Strafe gehabt, hätte ich wohl die Antwort riskiert, die mir auf der Zunge lag: »Mir ist doch gar nichts passiert!«
Von Basse-Misère hörte ich zum ersten Mal durch meine Eltern. Ich meine sogar, das Massaker war über Wochen hinweg bei Tisch das alles beherrschende Thema. Auch erinnere ich mich an den Medienansturm, der über unsere Stadt hereinbrach, allerdings mehr an sein Ausmaß als an das, was berichtet wurde. Es wimmelte von Reportern und Fahrzeugen mit dem Logo von Fernsehsendern oder Radiostationen, die wir nicht einmal empfangen konnten. Vor allem aber von Kameras, die hinter der Sicherheitsabsperrung auf dem gegenüberliegenden Gehsteig oder sogar direkt vor der Schule aufgebaut waren.
Da ich zum Mittagessen immer nach Hause ging, konnte ich in den 13-Uhr-Nachrichten auf die Bilder lauern, und mich erfüllte dabei ein Stolz, den ich nur schlecht verbergen konnte, für den ich mich aber auch ein wenig schämte. Normalerweise interessierte sich nämlich kein Mensch für unser Tal. Es gab ein Anderswo, dem anscheinend mehr Aufmerksamkeit gebührte und wo sich jede Menge Dinge ereigneten. Und trotzdem wurden wir für ein paar Wochen, wenn nicht gar Monate zum Mittelpunkt des Landes. Ich träumte davon, irgendwann ins Fernsehen zu kommen. Morgens drückten meine Freunde und ich uns vor dem Schulgebäude herum und spazierten mit unbeteiligter Miene vor den Kameras auf und ab in der Hoffnung, gefilmt oder, noch besser, interviewt zu werden. Am Tag des Schweigemarschs, als auf ein Signal sämtlicher Glocken im Tal das Leben in Valdérieu vier Minuten lang stillstand, dachte ich schon, es hätte geklappt, weil wir als Schüler des Lycée Saint-Jacques an der Spitze des Zuges gingen. Aber ich wurde erneut enttäuscht. Im Fernsehen waren nur Autos zu sehen, die mitten auf der Straße stehen geblieben waren, reglose Fußgänger wie Statuen und diese Stille, die die Stadt niederdrückte und noch heute vielen in Erinnerung ist. Damit konnte der aus der Ferne gefilmte Trauerzug nicht mithalten, und so wurde nur wenige Sekunden über ihn berichtet.
Ich begriff nicht allzu viel von dem, was geredet wurde. Ich bekam mit, dass man in alle Richtungen ermittelte und dass der zuständige Richter den Hass von immer mehr Menschen auf sich zog. Namen von Verdächtigen tauchten auf, aber die Gründe für die Verdächtigungen versuchte man vor mir geheim zu halten. Allerdings ahnte ich, dass sie fleischlicher Natur sein mussten. Als im Fernsehen erwähnt wurde, dass zweien der Opfer, nämlich Justine und Emmanuel, sexuelle Gewalt angetan worden war, verweigerte man mir eine Antwort: Man beschied mir, das sei nichts für mein Alter, das würde ich noch früh genug verstehen. Ich erlebte, wie meine Eltern neue Wendungen mit ernster, manchmal sogar bestürzter Miene kommentierten. Was am Ende bei mir hängen blieb, war, dass sich in unserer Gegend ein Monster herumtrieb; dass es sich an Kindern verging; dass ich mich in Acht nehmen musste; dass es nicht infrage kam, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, wie ich es in der Grundschule getan hatte. Sie gaben Acht, dass ich nie allein war, nicht einmal in unserem Haus, denn sogar die Erwachsenen schienen Angst vor dem Monster zu haben.
Mehr noch als an die Hintergründe des Falls erinnere ich mich an die Atmosphäre, die nicht nur in jenen ersten Monaten, sondern über Jahre hinweg herrschte. In Valdérieu hatte sich Verunsicherung breitgemacht. Die Stadt hielt den Atem an, war ständig auf der Hut und davon überzeugt, dass sich bald eine weitere Tragödie ereignen würde. Ein bedrohlicher Schatten schwebte über uns. Ich spürte ihn auf Schritt und Tritt, bei allen Menschen, und es war, als verfolge er mich bis in den Schlaf.
Wie dem auch sei, der Herbst ging ins Land und nahm einen Hauch von dieser bleiernen Decke mit. Die umgewidmeten Samstagsstunden wurden seltener. Die »Zuhörstation« wurde abgeschafft, weil nicht mehr genügend Schüler sie in Anspruch nahmen. Der Fall hielt noch immer ganz Frankreich in Atem, aber er gehörte uns nicht mehr. Er löste sich von unserer Wirklichkeit, schien fast irreal. Dagegen konnte unser Direktor nichts ausrichten. Ihm blieb nur festzustellen, dass die angeordnete Trauerphase nun zu Ende gehe und die Zeit des Gedenkens beginne.
Gleich zu Anfang war schriftlich festgehalten worden, dass eine Gedenktafel am Schulgebäude angebracht werden sollte. Als Datum ihrer Einweihung war der Tag vor den Weihnachtsferien bestimmt worden, an dem alljährlich die große, für sämtliche Schüler verpflichtende Messe stattfand. Bereits im September hatte man einen ersten Wettbewerb ausgelobt, damit dem Gedenken eine würdige Form gegeben werden konnte. Ein Bildhauer aus der Gegend hatte den Auftrag ergattert. Sein Entwurf: eine rechteckige, aus dem Granit unserer Berge gehauene Platte, die auf ganzer Breite über der zweiflügeligen Kapellentür thronen sollte. Auf der linken Seite waren von hinten vier Figuren zu erkennen. Vor ihnen eine unermessliche graue Weite, von der Riffelung des Steins kaum wahrnehmbar durchzogen. Und oben, in der gegenüberliegenden Ecke, gleichsam als Horizont der Satz: »Im Gedenken an die Opfer von Basse-Misère.«
Für viele symbolisierte die graue Fläche den See. Für andere, vor allem die Erwachsenen, eine Leere, die verstörend, weil ohne jede Hoffnung war, weshalb sie so gar nicht zum katholischen Glauben passte, der doch der Zement unserer »Familie« sein sollte. Auf Letztere hörte man schließlich. Da die Arbeit bereits weit vorangeschritten war, weigerte sich der Bildhauer, etwas an seiner »Inszenierung« zu ändern. Immerhin ließ er sich überreden, sie noch etwas auszuschmücken.
Auf die Schnelle wurde ein zweiter Wettbewerb organisiert. Jedes Mitglied der Schulgemeinschaft, Eltern ebenso wie Schüler, war aufgerufen, einen Satz vorzuschlagen, der in den Granit gemeißelt werden sollte, damit die Leere weniger leer war. Im Eingangsbereich wurde eine Urne aufgestellt, in die man die Vorschläge werfen konnte. Zu Eigenkreationen wurde nur halbherzig ermutigt, Zitate schienen für einen Ort des Lernens passender. Die große Mehrheit der gesichteten Zettel enthielt Zeilen aus dem Neuen Testament, weil viele der Ansicht waren, dass nur die Bibel der Sache gerecht werde. Es gab aber auch Ungläubige, die Verse von Victor Hugo, Baudelaire oder Saint-Exupéry vorschlugen.
Eine zwanzigköpfige Jury tagte im Beisein des Direktors und seines Stellvertreters. Sie bestand aus Lehrern und Eltern, deren Beirat das Werk zur Hälfte finanzierte. Unser Französischlehrer gehörte auch dazu. Er erzählte uns, dass sich die Debatten bis spätabends hingezogen hätten und der Ton mitunter sogar scharf gewesen sei. Die Abstimmung war ziemlich hektisch verlaufen, und es waren nicht weniger als neun Durchgänge nötig gewesen, um den geeigneten Satz zu küren. Zur allgemeinen Überraschung hatte ein Vers von Edmond Rostand das Rennen gemacht, eine Zeile aus dem Cyrano de Bergerac: »… wie Ihr Trauerkleid mit seiner Schleppe die toten Blätter mit sich fortzieht …«
Zwei Argumente hatten die Mehrheit der Stimmberechtigten schließlich überzeugt: das lange Plädoyer des Philosophielehrers, der in dem Satz zahlreiche Deutungsmöglichkeiten zu sehen schien, was für eine Gedenktafel perfekt war, und die Tatsache, dass der Vorschlag von einem Schüler stammte, noch dazu von einem Sechstklässler. Und dieser Schüler war ich.
Ein paar Tage vor Auslobung des Wettbewerbs war ich im Rahmen der neuen Vorsichtsmaßnahmen gezwungen worden, meine Eltern zu einem Abendessen bei Leuten zu begleiten, die ich nicht kannte. Ich war dort das einzige Kind, und als die Gastgeberin sah, wie sehr ich mich langweilte, schlug sie vor, mich im Wohnzimmer vor den Fernseher zu setzen. Allerdings wurde mir untersagt, das Programm zu wechseln oder den Ton lauter zu stellen. So kam ich in den Genuss einer Verfilmung des Cyrano de Bergerac. Anfangs schaute ich nur widerstrebend zu, aber nach einer Weile wurde ich mitgerissen von der Geschichte, die alles übertraf, was ich kannte. Gleich am Montag rannte ich in die Schulbibliothek, um mir ein Exemplar des Stücks auszuleihen, das von da an meine Abende mit Leben erfüllte.
Als der Wettbewerb ausgeschrieben wurde, wollte ich unbedingt mitmachen, weil ich nach Ruhm und Anerkennung gierte und immer noch frustriert war darüber, dass ich das Auge der Kameras, die in unseren Straßen im Übrigen immer seltener wurden, nicht hatte auf mich ziehen können. Um mir gute Chancen zu sichern, stöberte ich zunächst lange in der Bibel, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine ersten Anläufe allesamt zum Scheitern verurteilt waren. Da konnte ich der Versuchung, in meinem geliebten Cyrano zu wildern, nicht länger widerstehen. Natürlich schlug ich zuerst an der Stelle seines Todes nach – »Ich fechte, fechte, fechte …« –, aber als ich da nichts Passendes fand, ging ich die Seiten rückwärts durch, bis ich auf die Tirade des Herzogs stieß, der sich über die nicht enden wollende Trauer Roxanes beklagt. Letztlich ist mir dieser Vers ins Auge gesprungen, weil »Trauer« darin vorkommt. Ich machte nicht einmal den Versuch, ihn zu verstehen.
Er brachte mir an jenem Donnerstag im Dezember 1980, wenige Tage, nachdem wir meinen elften Geburtstag gefeiert hatten, einen vergänglichen und im Grunde eher beschämenden Ruhm ein. Trotz allem war ich nach wie vor überzeugt, dass mir in Basse-Misère nichts passiert war. Ich irrte mich.
ZWEITER TEIL
»Ewige Hatz«
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Mein Leben ist von Stillstand geprägt. Ich bewege mich nur vorwärts, wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Ansonsten stehe ich nach Möglichkeit auf der Bremse, notfalls laviere ich. Ich sehe auf meinem Weg so viele Hürden, Fallstricke und Gefahren. Sich immerzu verwundbar zu fühlen, kostet Kraft. Man trägt schwer am Gewicht der Feigheit.
Dabei gelte ich nicht als ängstlich, eher im Gegenteil. Ich habe keine Angst im Leben, ich habe Angst vor dem Leben, das ist etwas anderes. Ich meine, den Dingen nicht gewachsen zu sein, und halte mich für minderwertig. In Auseinandersetzungen gebe ich, sofern ich sie nicht vermeiden kann, schnell nach – nicht zuletzt wegen der Unwägbarkeiten des Lebens, die ich nicht unter Kontrolle habe. Ich unterwerfe mich, kusche, mache mich klein und trolle mich. Wer mich für standhaft und einigermaßen selbstbewusst hält, täuscht sich. Ich bin ein falscher Koloss, ein Hochstapler, einer von denen, die man genüsslich vom Sockel stoßen kann, weil sie etwas zu sein vorgeben, das sie nicht sind. Meine Autorität ist nur Fassade und bröckelt bei Gegenwind, meine Leichtigkeit ist aufgesetzt. An die Spitze eines Rudels gelange ich nur, wenn es sich unterworfen hat. Ich lenke ab, um nicht zeigen zu müssen, wie ich bin: erfüllt von innerer Unruhe, die mein Leben beherrscht, und Wut, die damit einhergeht, einem Groll gegen mich selbst, der manchmal beängstigend ist, aber immer erst nach der Konfrontation hervorbricht, nach dem Augenblick, in dem die Maske gefallen ist. Wenn ich wieder allein bin und mir schwöre, dass ich nie mehr einknicken werde. Bis zum nächsten Mal.
Irgendwann haben diese Selbstverleugnungen sich derart gehäuft, dass ich anfing, mich zu hassen. Sicher, man kann mit der ständigen inneren Unruhe leben und auch damit, kein Licht am Horizont zu sehen. Schwieriger wird es, wenn man dabei ein schlechtes Gewissen hat. Meine Feigheit hat mir regelrechte Wunden geschlagen, Wunden, die immer wieder aufbrechen und mir grausame Qualen bereiten.
So auch im Dezember 2013 bei der traditionellen Weihnachtsfeier der Universität von Toulouse, an der ich lehre. Es handelt sich um ein prunkvolles Fest, organisiert vom Präsidenten der Universität, ein unabänderliches Ritual am Abend vor den Ferien, das den Mitarbeitern sämtlicher Fakultäten geboten wird. Schauplatz ist das Schloss, das oberhalb unseres Campus thront – letztes Überbleibsel des ehemaligen Besitzes, auf dessen Grund die Universität erbaut wurde. Es wird erwartet, dass wir bei diesem Anlass Präsenz zeigen. Ein paarmal habe ich sogar bis spät in die Nacht durchgehalten und es mir am Buffet, an der Bar und in den verschiedenen Salons gut gehen lassen. Das war zu der Zeit, als ich geselliger war und mich noch imstande fühlte, den anderen etwas vorzumachen. Bevor ich mich einigelte und nicht mehr viel zu sagen hatte.
Inzwischen waren diese Feiern für mich zu einer Tortur geworden, und ich hatte beschlossen, diesmal nicht hinzugehen. Andererseits war mir klar, dass mich an der Uni etliche Leute auf dem Kieker hatten. Mein Stern als Historiker war im Sinken begriffen und mein Spielraum für Forschungsprojekte langfristig gefährdet, sollte ich weiterhin nichts veröffentlichen. Außerdem war die Tatsache, dass ich etwas mit einer Studentin angefangen hatte, meinem Ruf nicht unbedingt zuträglich gewesen. Zumal die junge Amerikanerin nach dem Ende unserer Liaison durchgedreht war, was sich rasch herumgesprochen hatte. Ich war also auf dem besten Weg, zum schwarzen Schaf zu werden, und brauchte Unterstützung, musste Teamfähigkeit beweisen. Musste versuchen, neue Kontakte zu knüpfen, und verhindern, dass die wenigen mir verbliebenen auch noch verschüttgingen. Das veranlasste mich letztlich, zur Weihnachtsfeier zu gehen, in deren Verlauf ich das ganze Ausmaß meines Scheiterns vorgeführt bekam und begriff, dass mein Leben unerträglich geworden war.
Besonders, weil sich meine Exfrau unter den Gästen befand. Ich erblickte sie auf der anderen Seite des großen Salons, als ich, ein Glas schlechten Champagners in der Hand, von einem Raum in den anderen zog. Marielle hatte mich offenbar nicht bemerkt. Sie sah umwerfend aus in ihrem edlen schwarzen Abendkleid. Sie hatte ihre Schönheit, die an meiner Seite verblasst war, wiedergefunden. Und sie strahlte viel mehr als früher. Nach unserer Trennung war sie eine Beziehung mit einem Professor der philosophischen Fakultät eingegangen. Ich weiß nicht, wie die beiden einander kennengelernt haben, denn Marielle arbeitet nicht auf dem Campus. Seither hatte ich sie ein- oder zweimal zusammen gesehen, immer nur aus der Ferne und jedes Mal mit einem Reißen irgendwo zwischen Kehle und Brust. Aber ich war nicht darauf gefasst gewesen, dass sie an diesem Abend beide zugegen sein würden, dass Marielle ihn begleiten und ihr Baby mitbringen und dass sich eine verzückte Runde um den Kinderwagen drängen würde, über den sie voller Stolz wachte.
Ich war unfähig gewesen, ihr ein Kind zu machen. Die Ärzte, zu denen wir nach langem Hin und Her gegangen waren, hatten behauptet, das Problem sei psychischer Natur, es gebe da eine Blockade, und die liege bei Marielle. Wir lebten seit mittlerweile sechs Jahren zusammen, als sie ernsthaft begann, eine Adoption in Betracht zu ziehen, weil sie irgendwo gelesen hatte, dass sich ihr Problem dadurch von allein lösen könnte: Die Zahl der Frauen, die kurz nach einer Adoption schwanger werden, ist offenbar ziemlich hoch. Für mich kam das nicht infrage. Ich verweigerte ihr das Recht, Mutter zu werden, weil ich nicht zum Vater tauge. Ich hatte schon so genug Sorgen. Ein Kind zu haben, erschien mir wie eine nicht zu bewältigende Herausforderung. Es hätte meine Verwundbarkeit potenziert und die Quintessenz all dessen bedeutet, wovor ich mein Leben lang Angst gehabt hatte. Das Problem lag also bei mir. Ich hatte es immer gewusst. Trotzdem hatte ich Marielle in dem Glauben gelassen, dass ich mich genauso danach sehnte, eine Familie zu gründen, wie sie.
Unsere Beziehung war an diesem Thema zugrunde gegangen. Sie hatte sich ohne Eklat aufgelöst, so wie eine überreife Frucht irgendwann schlaff vom Baum fällt.
Gelegentlich träumte ich von der Zeit, als wir noch zusammen waren. In diesen Träumen redete ich viel mit ihr, und sie lächelte mich die ganze Zeit an. Sie musste nicht ständig weinen. In ihrem Blick lag Bewunderung, und ich war glücklich und fühlte mich endlich stark. Bei dieser Weihnachtsfeier nun erlebte ich sie so, wie sie mir in meinen Träumen erschienen war. Und ich hatte nichts zu ihrem Glück beigetragen.
Nachdem sie sich mit dem Philosophieprofessor eingelassen hatte, war sie schnell schwanger geworden. Ich hatte erfahren, dass sie zu Beginn des Herbstes einen kleinen Jungen zur Welt gebracht hatte. Das war ein harter Schlag gewesen, aber sie zusammen zu sehen, sie und dieses Baby, das nicht von mir war, traf mich noch mehr.
Eilig schickte ich mich an, das Schloss zu verlassen. Allerdings nicht eilig genug, um Jean-Henri und seiner Familie zu entgehen, denen ich an der Garderobe in die Arme lief.
Jean-Henri Olivier war einmal mein bester Freund gewesen, mein »Beinahe-Bruder«. Wir hatten zusammen studiert, an der Universität, an der wir heute beide unterrichten. Während wir uns aufs Staatsexamen in Geschichte vorbereiteten, hatten wir uns geschworen, als Professoren hierher zurückzukommen und gemeinsam die Vorlesung zur Zeitgeschichte zu übernehmen. Jean-Henri hatte die Idee, dass jede unserer Veranstaltungen mit einem Zitat beginnen und enden sollte, was dem Ganzen, wie er meinte, eine gewisse Emphase verleihen und unser Markenzeichen sein würde, eine Art Code. Wir sind der Einlösung dieses Versprechens sehr nahe gekommen.
Jean-Henri ist ein brillanter, kultivierter, warmherziger und großzügiger Mann, ein Ausbund an Intelligenz und Liebenswürdigkeit. Durch ihn hatte ich erfahren, was Freundschaft bedeutet. Mein Erweckungserlebnis hatte ich in dem Jahr, in dem wir uns auf die Prüfung vorbereiteten. Eines Morgens hatte mich in der Universitätsbibliothek die Bemerkung eines Mädchens aus unserer Arbeitsgruppe aus der Fassung gebracht. Ich hatte gespürt, wie ich rot wurde, und war vor Scham fast im Boden versunken. Jean-Henri war damals meist erst mittags in Form und noch nicht da. Wie üblich hatte ich mich entschieden, die Flucht zu ergreifen, und die Bibliothek unter dem Vorwand, dass mir unwohl sei, verlassen. Ich zog mich in mein kleines Studio zurück, um mit der Demütigung allein zu sein, und beschloss, mich künftig von meinen Kommilitonen, die mir plötzlich als Bedrohung erschienen, fernzuhalten, vor allem von diesem Mädchen, in das ich heimlich verliebt war. Zwei Stunden später klingelte Jean-Henri an meiner Tür. Er hatte mitbekommen, dass es mir nicht gut ging. Er wollte sich vergewissern, dass es nicht allzu schlimm war, und bot an, ein Weilchen bei mir zu bleiben. Es war das erste Mal, dass mir außer meinen Eltern jemand diese Art von Zuwendung schenkte: da zu sein, wenn es mir schlecht ging, und mir das Gefühl zu geben, dass ich wichtig und keinesfalls allein sei. Ich beruhigte mich augenblicklich. Von jenem Nachmittag an wurde das Band zwischen uns immer stärker, und wir bildeten uns ein, es würde nie zerreißen.
Trotz seiner zahlreichen Qualitäten pflegte Jean-Henri lange Zeit auch seine dunkle Seite. Ich erlebte mit, wie sich bei ihm die Exzesse häuften: wie er allabendlich einen über den Durst trank; zum Frühstück Gras rauchte, weil er nur so die Kraft fand, den Tag in Angriff zu nehmen; wie er dieses Gras in Präservativen, die er schluckte, aus Amsterdam mitbrachte. Ich sah, wie er sich in einem Bistro splitterfasernackt auf den Tresen stellte; wie er sich auf die Wette einließ, zwölf Gläser Pastis kippen zu können, noch bevor die Uhr zwölf Mal geschlagen hatte. Ich war dabei, als er die Streifenpolizisten auf dem Pont Saint-Michel beschimpfte, was uns eine Nacht auf dem Revier einbrachte. Sah ihn am Silvesterabend seine traditionelle Linie Koks reinziehen. Wurde Zeuge, wie er sich ans Dachsims eines achtstöckigen Hauses klammerte und über dem Abgrund baumelte, nur um herauszufinden, was für ein Gefühl das war. Er erzählte mir von seinen Spritztouren zu Sexpartys in Cap d’Agde oder Nuttenbars in Katalonien, wo er sich an der Theke einen blasen ließ. Er schlief mit unmöglichen Mädchen und, wie er zugab, auch mit Kerlen. Ließ sich mit Randfiguren jeglicher Couleur ein, gewährte ihnen sogar Kost und Logis. Das und noch viel Schlimmeres sah ich mit eigenen Augen. Ich gehörte später auch zu den wenigen Menschen, die sich zusammentaten, um ihn rauszuholen, als er ganz unten war und man an der Universität anfing, ihm mit seiner zunehmend verruchten, versoffenen Reputation zu misstrauen. Ich fuhr ihn höchstpersönlich zu einer Klinik in der Nähe von Annecy, nachdem er sich bereit erklärt hatte, sich dort behandeln zu lassen.
Er kehrte mit dem festen Vorsatz zurück, seine dunkle Seite brachliegen zu lassen. Noch heute behauptet er, seit der Entziehungskur keinen Tropfen Alkohol und auch keine Drogen mehr angerührt zu haben. Im Übrigen war er von der Kur nicht allein zurückgekehrt. Während des Klinikaufenthalts hatte er seine zukünftige Ehefrau und Mutter seiner beiden Töchter kennengelernt. Leider hielt die Ehe nicht. Sie flog genauso unvermittelt auseinander, wie sie zustande gekommen war. Die Scheidung war aufwühlend. Seine Frau wollte ihm alles nehmen, einschließlich der noch kleinen Mädchen. Sie beschuldigte ihn, wieder zu trinken und Drogen zu nehmen, sie regelmäßig zu schlagen, sogar vor den Kindern, und diese aufgrund seines Zustands mehr als einmal in Gefahr gebracht zu haben. Bedrückt bat Jean-Henri mich um Hilfe. Er brauchte zu seiner Verteidigung meine Aussage. Ich sollte schwören, dass ich ihn nie gewalttätig erlebt hatte, was stimmte. Ich sollte schwören, dass er ein treuer Ehemann und vor allem seinen Töchtern, die mich »Onkelchen« nannten, ein liebevoller Vater war. Ich sollte schwören, dass er nicht trank und keine Drogen nahm, wessen ich mir nicht so sicher war. Ich zögerte. Nur einen Augenblick lang, um abzuschätzen, welche Konsequenzen es hätte, falls seine Frau doch die Wahrheit sagte. Dieses kurze Zögern entging ihm nicht. Er begriff, dass ich ihn für einen Moment, wenn auch nur für einen kurzen, für schuldig gehalten hatte.
Ich musste keine Aussage machen. Er fragte mich nie wieder danach. Von jenem Tag an sprach er kein Wort mehr mit mir und wollte von meiner Freundschaft nichts mehr wissen. Mit tatkräftiger Unterstützung seines Anwalts gewann er vor Gericht. Es wurde bewiesen, dass seine Frau alles erfunden hatte. Er bekam das alleinige Sorgerecht für seine Töchter zugesprochen, wohingegen ihre Mutter, die selbst rückfällig geworden war, die Auflage erhielt, sich von ihnen fernzuhalten. Jean-Henri trat aus der schwierigsten Prüfung seines Lebens erhobenen Hauptes hervor, und seitdem ging es mit ihm beständig aufwärts.
All jene, die auf ihn herabgesehen hatten, begannen ihn über den grünen Klee zu loben. Die Qualität seiner Arbeit wurde anerkannt, und seine Karriere entwickelte sich zum Höhenflug. Seine Texte, einer so brillant und geistreich wie der andere, wurden veröffentlicht. An der Fakultät für Geschichte galt er bald als die Kapazität und wurde schließlich zum Dekan ernannt. Er fand sogar wieder eine Frau zum Heiraten, diesmal eine normale; sie war die schönste Cellistin des Grand Orchestre du Capitole.
Ich war nicht mehr an seiner Seite, konnte mich nicht mit ihm zusammen über seine Wiedergeburt freuen. Ich habe mich nie dazu durchringen können, einen Schritt auf ihn zuzugehen, ihm zu sagen, wie leid es mir tue, nur damit er es mich sagen hörte, selbst wenn er meine Entschuldigung nicht annahm.
Auf der Weihnachtsfeier war er – in seinem tadellosen Dreiteiler, mit seiner strahlend schönen Frau am Arm und in Begleitung seiner bildhübschen Töchter – unübersehbar ein gefragter und geschätzter Gast. Man riss sich um ihn. Und als ich ihm unfreiwillig über den Weg lief, würdigte er mich wie in den zwei Jahren zuvor keines Blickes.
Die Einsamkeit, die ich spürte, obwohl ich mich unter all diesen Menschen befand, war schrecklich. Aber noch schlimmer war das Gefühl der Mittelmäßigkeit. Mit hängenden Schultern kehrte ich nach Hause zurück. Ich stellte mich im Dunkeln ans Wohnzimmerfenster und blickte hinunter auf die menschenleere Straße mit ihrer blinkenden Weihnachtsdekoration. Wie sehr hatte ich diese Jahreszeit als Kind geliebt! Und wie feindselig erschien sie mir jetzt!
Mir wurde klar, dass das alles unerträglich geworden war. Abhauen, so weit weg wie möglich … Das wenige, das mir geblieben war, zurücklassen … Verschwinden … Warum eigentlich nicht? Aber wer garantierte mir, dass die Angst nicht mitkam? Also spielte ich mit dem Gedanken, Schluss zu machen, allem ein Ende zu setzen. Es hätte genügt, das Fenster zu öffnen oder meine Rasierklinge zu benützen.
Ich tat nichts dergleichen. Weder ging ich fort, noch versuchte ich, mich umzubringen. Immerhin schwor ich mir, mir so einen Abend nicht noch einmal anzutun. Und ich fasste den Entschluss, einen Psychiater aufzusuchen, nämlich den, dessen Praxis in meinem Viertel lag und von dem ich nur das Beste gehört hatte.
Obwohl ich aus freien Stücken hinging, muss ich gestehen, dass ich, als ich mich drei Wochen später zu meinem ersten Termin einfand, vom Nutzen dieser Sitzungen nicht wirklich überzeugt war. Und so brach ich die Therapie ziemlich rasch wieder ab. Andererseits muss ich zugeben, dass das, was anschließend geschah, ohne diesen Mann nie passiert wäre. Dafür bin ich ihm dankbar.
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Ich wollte schnell eine Verbesserung sehen, deshalb sprach ich trotz meiner Vorbehalte sehr bald mit dem Therapeuten über die Verwundbarkeit, die ich immerzu spürte und die mir das Leben vergällte, weil sie mir jede Risikofreude nahm. Am Ende unserer Eingangssitzung bat er mich, für das nächste Mal all die Dinge aufzulisten, vor denen ich Angst hatte. Mir kam das so vor, als bekäme ich Hausaufgaben auf. Das fand ich zwar albern, aber ich fügte mich. Die Liste geriet lang, und als ich sie mit dem Therapeuten durchging, drängte er mich, künftig auf das Wort »Ängste« zu verzichten. »Angstzustände« sei passender. Diesen Begriff fand ich jedoch weit demütigender, weil ihm in meinen Augen etwas Pathologisches anhaftet. Wie gesagt: Ich war nicht wirklich überzeugt. Ich ging nur deshalb ein drittes Mal zu ihm, weil er mir einen kurzen Text zu lesen gegeben hatte, eine Fabel von La Fontaine, die ich nicht kannte: Der Hase und die Frösche. Die Geschichte selbst berührte mich nicht sonderlich. Eine Passage aber hatte es mir angetan, weshalb ich sie fein säuberlich auf eine Karte schrieb und diese hinter eine Ecke des Badezimmerspiegels schob: »Und sinnend sagte er zuletzt: ›Tiere, die furchtsam von Natur‹/Unselig sind sie, denn sie wissen/In Ruh zu essen keinen Bissen./Nie reine Freude, ewige Hatz –/So ist mein Leben. Bangigkeit/Treibt fort und fort/Von Platz zu Platz,/daß nicht einmal der Schlaf gedeiht:/Mit offnen Augen muß ich liegen.«
Ich erkannte mich darin wieder und offenbarte mich bei meinem nächsten Besuch dem Psychiater. Er fragte: Ewige Hatz? Bangigkeit? Wovor mir denn bange sei?
Die Antworten brachen ungeordnet aus mir hervor.
Bei jedem harmlosen Arztbesuch, jedem harmlosen Blutbild, jeder harmlosen Folgeuntersuchung, denen sich mir nahestehende Menschen unterziehen mussten, konnte doch nur eine schlimme Krankheit zutage gefördert werden.
Als Kind war ich, wenn meine Mutter sonntagmorgens länger im Bett liegen blieb, überzeugt, dass sie im Schlaf gestorben war. Dann schlich ich mit zugeschnürter Kehle zur angelehnten Schlafzimmertür, um auf ihren Atem zu horchen, und wenn ich ihn nicht hörte, musste ich sie unbedingt wecken.
Man hatte mir beigebracht, dass man jeden Abend zu beten hat. Jahrelang zwang ich mich dazu. Es war eine Pflichtübung, die ich absolvieren musste, damit uns kein Unglück widerfuhr. Eines Abends – ich ging schon aufs Gymnasium – schlief ich ein, bevor ich beten konnte. Danach glaubte ich tagelang, mein Leben sei verwüstet, und lauerte, von Schuldgefühlen zerfressen, auf die erste der verschiedenen Heimsuchungen, die ich heraufbeschworen hatte. Uns passierte in den folgenden Wochen jedoch nichts Schlimmes. Da hörte ich endgültig mit dem Beten auf und verbuchte das als Triumph.
Mit dem Tod wurde ich erst ziemlich spät konfrontiert. Dabei war er seit jeher mein Begleiter gewesen, seit dem Moment, da ich von seiner Existenz erfahren hatte. Ich begriff sehr früh, dass er mir all jene nehmen würde, die mir wichtig waren. Und ich stellte mir vor, ja, ich wünschte mir sogar, vor ihnen zu gehen, um mich diesem unüberwindbaren Schmerz nicht aussetzen zu müssen. Als meine Eltern mir eine Hündin schenkten, war ich glücklich und zugleich entsetzt, weil meiner ohnehin schon zu langen Liste ein weiteres Lebewesen hinzugefügt wurde. Ich brach in Tränen aus. Meine Eltern glaubten, der Jubel hätte mich überwältigt, und erzählten diese Anekdote noch viele Jahre später mit einer Mischung aus Belustigung und Nachsicht. Dabei hatte ich nicht vor Freude geweint. Vielmehr hatte ich schon damals die Trauer um dieses kleine Tier, in das ich mich auf den ersten Blick verliebt hatte, in mir getragen. Ich trug sie so lange mit mir herum, dass ich keinerlei Regung zeigte, als meine Hündin zwölf Jahre später an Altersschwäche starb und nicht etwa durch einen Schlangenbiss, ein Auto, eine Gewehrkugel oder Gift, wie ich befürchtet hatte. Wieder begriffen meine Eltern nichts. Meine Mutter hielt mir sogar vor, ich hätte mich verändert, und zwar nicht zum Guten. »Als kleines Kind warst du immer so gefühlvoll!« Ich hatte mich seit so vielen Jahren auf den Tod meiner Gefährtin vorbereitet und schon so oft um sie geweint …
Neben dem Tod gab es noch andere Dinge: die Geldsorgen, als der Betrieb meines Vaters in Turbulenzen geriet; die Augenblicke der Kälte zwischen meinen Eltern und natürlich die Schule. Ich erinnere mich an eine Schreibprobe in der ersten Klasse. Die Lehrerin hatte unsere Hefte nicht präpariert. Die Zeilen, in die wir schreiben sollten, waren nicht wie sonst durch einen dicken blauen Punkt gekennzeichnet. In der Woche zuvor war uns eingeschärft worden, uns die Muster noch einmal genau anzusehen. Am Tag der Probe schrieb ich den Text, der an der Tafel stand, peinlich genau ab. In meiner grenzenlosen Gutgläubigkeit dachte ich nicht mehr an irgendwelche Vorgaben. Ich versäumte es, nach jedem Satz eine Zeile frei zu lassen. Das ging mir aber erst am Dienstagabend nach Schulschluss auf, als ich mich mit meinen Freunden darüber unterhielt. Ich war der Einzige, der diesen unverzeihlichen Fehler begangen hatte. Den ganzen Mittwoch verbrachte ich in einem Zustand der Unruhe, der mir, obwohl ich damals noch so klein war, bis heute lebhaft in Erinnerung ist. Ich durchlebte eine der schlimmsten Phasen meines Lebens. Als am Spätnachmittag die Zorro-Folge endete und somit der Abend und der nächste Morgen näher rückten, brach ich aus lauter Angst vor dem, was mich erwartete, zusammen. Meine Mutter schrieb meine Verfassung dem Fernsehen zu, weshalb dieses an den folgenden Mittwochnachmittagen rationiert wurde. Ich glaube, ich war immer nur aus einem Grund ein guter Schüler: um so etwas nicht noch einmal durchmachen zu müssen. Das Schlimmste ist, dass ich mich überhaupt nicht an den Donnerstagmorgen erinnern kann; ich weiß nur, dass ich auf die Pause verzichten und die Seite noch einmal abschreiben musste, diesmal richtig.
Außerdem brauchte ich ewig zum Einschlafen. Ich hatte solche Angst, dass mir etwas Unvorhersehbares passieren könnte, dass ich versuchte, es vorwegzunehmen, indem ich mir die allerschlimmsten Szenarien ausmalte und mich darin übte, mit ihnen fertigzuwerden.
Die Angst – ich nenne sie immer noch so – steckte in mir. Sie war mir eingeimpft worden. Als Einzelkind hatte ich die Fähigkeit entwickelt, die Erwachsenen zu belauschen, ohne dass sie es merkten. Und ich hatte den Eindruck, dass es sich bei allem, was sie einander erzählten, um Horrorgeschichten und Dramen handelte. Bei meinen Eltern war das abends bei Tisch der Fall, mit einer deutlichen Zunahme an Montagen, bei meiner Großmutter nach den Mahlzeiten, wenn ich mich zum Spielen auf den Wohnzimmerteppich zurückzog. Auto- und Haushaltsunfälle, Überfälle, Krebs, missglückte Operationen … Das junge Mädchen, das man, von einer defekten Heizung vergiftet, tot in der Badewanne aufgefunden hatte; der Junge, der am Strand ein sehr tiefes Loch hatte graben wollen und vom Sand verschüttet worden war; der Mann, der von seinem umkippenden Traktor eingequetscht worden war und dem der Keilriemen des Motors den Bauch aufgeschlitzt hatte; die Familie, die bei einem schlimmen Unwetter in den Bergen unter einer Schlammlawine lebendig begraben worden war … Um uns herum hagelte es Katastrophen. Es grenzte an ein Wunder, dass es uns noch nicht erwischt hatte, aber ich ging davon aus, dass wir früher oder später auch an die Reihe kommen würden. Heute ist mir klar, dass diese Unterhaltungen den Zweck hatten, die eigenen Ängste zu verscheuchen. Nur haben die Erwachsenen nicht aufgepasst und mich mit ihnen angesteckt.
Und dann kam Basse-Misère mit den ermordeten Kindern, dem Killer, den zahllosen Gerüchten … Früher hatte ich nie Angst vor der Dunkelheit gehabt, doch nun fing ich an, mich davor zu fürchten. Ich ging nicht mehr allein in den Keller, obwohl ich als kleines Kind gerne im Kriechkeller gespielt hatte. Allein zu Hause zu bleiben war kein Vergnügen mehr, sondern eine Folter. Wenn ich im Garten spielte, blieb ich hinter dem Haus, damit man mich von der Straße aus nicht sah. Die kleinste Verspätung eines Elternteils versetzte mich in Panik … Alles erschien mir als Bedrohung. Die ersten Verdächtigen, die vorläufig festgenommen wurden, waren Männer, Familienväter im Alter meines eigenen. Es passierte das Unausweichliche: Ich fing an, meinem Vater zu misstrauen. Nicht offen, sondern unterschwellig, fast unbewusst. Ich war nicht mehr gern mit ihm allein; ging nicht mehr wie früher mit ihm zum Angeln; hing nicht mehr in seinem Büro herum. Ich begann sogar zu träumen, dass er mir wehtat. Speziell ein Albtraum hat mich nie losgelassen: Meine Hündin war in unserer Zufahrt angebunden, und mein Vater holte mit seinem Lieferwagen freudig Schwung, um sie zu überfahren. Ich schämte mich meiner Gedanken, denn mein Vater war ein anständiger, äußerst liebenswürdiger und mutiger Mensch. Bestimmt litt er unter der Zurückweisung und schob sie auf die Pubertät. Ich brauchte Jahre, um dieses Misstrauen abzuschütteln, verlorene Jahre, um die es mir heute furchtbar leidtut.
Dabei hatte ich mir den Mörder vom See ausgemalt und wusste, dass er nichts mit meinem Vater gemein hatte. Sicher, er war ein Mann, aber viel größer. Ich kannte nur seine Gestalt. Er trug einen Staubmantel, der ihm bis zu den Knöcheln reichte, und einen breitkrempigen Schlapphut. Er hielt sich im Schatten. Er war der Schatten. Insgeheim hatte ich ihm sogar einen Namen gegeben, der mir im Schlaf eingefallen war: Konitz. Sollte ich ihm eines Tages tatsächlich begegnen, würde ich ihn selbst in seiner Verkleidung erkennen, davon war ich überzeugt.
Einmal wurde ich spätabends von einem dringenden Bedürfnis geweckt. Ich stand auf, und sofort packte mich die Angst. Am Ende des dunklen Flurs drang Licht aus dem Schlafzimmer meiner Eltern, obwohl sie immer relativ zeitig zu Bett gingen. Und plötzlich erkannte ich Konitz’ Schatten, der durch den Lichtschein huschte. Ich war wie versteinert, nicht zur kleinsten Bewegung fähig. Ich wollte abhauen, mich irgendwo verstecken, aber gleichzeitig wollte ich meine Eltern nicht im Stich lassen, denn mir war klar, dass er sie niedergemetzelt hatte oder gerade dabei war und das Zimmer mit ihrem Blut besudelte. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich barfüßig da auf den Fliesen stand. Lange genug jedenfalls, denn meine Blase gab nach. In diesem Augenblick tauchte erneut der Schatten im Lichtschein auf, aber er verschwand nicht etwa, sondern kam auf mich zu. Als er auf den Lichtschalter drückte, sah ich das knallrote Gesicht meiner Mutter, die hastig ihren Morgenrock zuband, und kurz darauf ihre besorgte Miene, als sie die Urinlache bemerkte. Gleich am nächsten Morgen schleppte sie mich zum Arzt. Jahre später begriff ich, dass ich meine Eltern um ein Haar beim Sex ertappt hatte und sie wegen der Pipi-Pfütze annahmen, dass ich ihnen dabei zugesehen hatte. Dem Arzt erzählte ich nur, ich hätte mir eingebildet, in unserem Haus jemanden zu sehen oder zu hören. Konitz schlich um mich herum, aber das war eine Sache zwischen ihm und mir.
Noch nie hatte ich so viel über mich geredet wie beim Psychiater. Was ich ihm erzählte, erschien mir uninteressant, vollkommen zusammenhanglos, ja, vielleicht sogar albern. Trotzdem konnte ich nicht damit aufhören, weil ich dabei eine gewisse Erleichterung verspürte, die jedoch leider verflog, sobald ich seine Praxis verließ. Das bewog mich, meine Ungeduld zu bekunden und abermals eine Beendigung unserer Sitzungen zu erwägen.
Schließlich sah er sich genötigt, früher als beabsichtigt andere Maßnahmen zu ergreifen.
»Ich sehe mehrere Optionen, wobei ich einer den Vorzug geben würde. Ich muss Sie allerdings warnen: Diese Arbeit wird einen langen Atem erfordern, und Sie werden sie größtenteils allein erledigen müssen. Seit fünf Wochen höre ich Ihnen nun zu, wie Sie über Ihre Kindheit und Jugend reden. Alles kreist um diese Jahre. Ich denke, dass dieses Massaker, das Drama von Basse-Misère, Sie in eine Sackgasse gelenkt hat. Ihre kindlichen Ängste sind nicht etwa verflogen, sondern haben sich durch diese Geschichte in Ihnen festgesetzt. Sie müssen sich von ihnen freimachen, aus der Sackgasse herauskommen. Ihre Karriere an der Universität beweist doch, dass Sie sich ausgezeichnet darauf verstehen, die Vergangenheit zum Reden zu bringen. Also: Lassen Sie die Vergangenheit sprechen, Marc-Édouard! Geben Sie ihr eine Gestalt, Gerüche, ein Gesicht … Und dann sehen Sie ihr in dieses Gesicht, betrachten Sie sie mit Ihren Erwachsenenaugen und nicht durch die Brille eines Kindes. Ich glaube fest daran, dass Ihnen das helfen kann.«
»Und wie lauten die anderen Optionen?«
Kurz nach dieser Sitzung stellte ich meine Besuche bei ihm ein. Die Idee jedoch, mich mit dem Fall von Basse-Misère und seinen Auswirkungen auf meine Welt auseinanderzusetzen, arbeitete in mir weiter. Sie reifte und brach sich schließlich Bahn, wobei sie jeden Morgen und jeden Abend von dem Auszug aus der Fabel hinter meinem Badezimmerspiegel befeuert wurde. Bis ich von ihr besessen war.
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Wie so oft brauchte ich Rückenwind, um voranzukommen. Dieser Wind kam im Februar auf, wenige Tage nach meinem letzten Besuch beim Psychiater.
Ich bin Dozent für Zeitgeschichte. Ich habe an dieser Universität studiert und bin vor der Disputation meiner Doktorarbeit Die Auswirkung des Ersten Weltkriegs auf die Heimatregionen am Beispiel der Monts d’Autan
