Dunmor Castle - Das Licht im Dunkeln - Kathryn Taylor - E-Book

Dunmor Castle - Das Licht im Dunkeln E-Book

Kathryn Taylor

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Beschreibung

Kennt sie diesen Ort? Im Auftrag ihres Chefs fährt die junge Designerin Lexie in Irlands sturmumtosten Norden: Sie soll Dunmor Castle zum Renovieren vorbereiten. Das einst hochherrschaftliche Anwesen und seine Umgebung kommen ihr seltsam vertraut vor.War sie als kleines Kind bereits hier? Schon lange sucht Vollwaise Lexie nach Hinweisen auf ihre Vergangenheit. Als die Erinnerungen Stück für Stück zurückkehren, muss sie bald gegen quälende Albträume kämpfen. Trost und Hilfe findet sie ausgerechnet bei Grayson, Sohn des Hauses und ihr beruflicher Gegenspieler. Kann sie ihm wirklich trauen?

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Seitenzahl: 424

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmung123456789101112131415161718192021222324252627

Über das Buch

Kennt sie diesen Ort? Im Auftrag ihres Chefs fährt die junge Designerin Lexie in Irlands sturmumtosten Norden: Sie soll Dunmor Castle zum Renovieren vorbereiten. Das einst hochherrschaftliche Anwesen und seine Umgebung kommen ihr seltsam vertraut vor.War sie als kleines Kind bereits hier? Schon lange sucht Vollwaise Lexie nach Hinweisen auf ihre Vergangenheit. Als die Erinnerungen Stück für Stück zurückkehren, muss sie bald gegen quälende Albträume kämpfen. Trost und Hilfe findet sie ausgerechnet bei Grayson, Sohn des Hauses und ihr beruflicher Gegenspieler. Kann sie ihm wirklich trauen?

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End ging ihr Traum in Erfüllung: Bereits mit ihrem zweiten Roman hatte sie nicht nur viele begeisterte Leser im In- und Ausland gewonnen, sie eroberte auch prompt Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit Daringham Hall – Das Erbe startet sie eine neue Trilogie über große Gefühle und lang verborgene Geheimnisse auf einem englischen Landgut.

Kathryn Taylor

DUNMOR CASTLE

Das Licht im Dunkeln

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

  

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

  

Textredaktion: Ann-Kathrin Schwarz, Berlin

Titelillustration: © Irene Lamprakou/Arcangel Images, © www.buersosued.de

Umschlaggestaltung: © www.buersosued.de

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

  

ISBN 978-3-7325-7193-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

 

Für meine Kinder

1

Lexie rannte, so schnell sie konnte, aber ihre Füße fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Jeder Schritt fiel ihr schwer. Panisch blickte sie über ihre Schulter zurück und sah, dass der Schatten näher kam. Gleich würde er sie einholen.

Ich tue dir nichts.

Die Stimme klang freundlich. Lockend. Aber das ließ ihre Angst nur größer werden.

Bleib hier. Lauf nicht weg.

Sie rannte noch schneller, auch wenn sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Er würde sie gleich erreicht haben. Und dann …

Ein metallisches Kreischen drang in ihr Bewusstsein, laut und so bedrohlich, dass sie erschrocken stehen blieb und in die grellen Lichter blickte, die sie plötzlich blendeten. Instinktiv hob sie den Arm, um ihre Augen zu schützen. Das Geräusch schwoll an, wurde fast unerträglich und ließ ihr Herz vor Angst rasen. Etwas schoss an ihr vorbei, so dicht, dass sie den Luftzug deutlich spürte. Dann herrschte wieder Stille. Nur das Licht war noch da und blendete sie jetzt von der anderen Seite.

Eine Autotür klappte, dann packte sie jemand an den Armen.

»Verdammt, sind Sie wahnsinnig?« In der tiefen Stimme, die zu ihr sprach, schwang Wut mit. »Ich hätte Sie fast überfahren!«

Eine Windböe erfasste sie, zerrte an dem dünnen Stoff ihres Nachthemds und nahm ihr für einen Moment den Atem. Unter ihren bloßen Füßen spürte sie den harten Asphalt und plötzlich auch die Kälte.

»Miss, können Sie mich hören?«

Die letzten Nebel des Traums lösten sich auf, und sie sah den Mann, dem die Stimme gehörte. Er hatte schwarze Haare und sehr blaue Augen und trug eine dunkle Lederjacke. Es waren seine Hände, die ihre Oberarme umfasst hielten.

»Wissen Sie, wo Sie sind?«

Beklommen blickte Lexie sich um, nahm zum ersten Mal die Umgebung wahr. Sie stand auf einer Straße, irgendwo draußen im Mondlicht in einer ziemlich einsamen Gegend. Hügel hoben sich dunkel vor dem nachtblauen Himmel ab, aber es gab keine Häuser. Die Luft roch salzig, so als wäre das Meer in der Nähe, und der Wind blies kräftig, ließ den Stoff ihres Nachthemdes erneut flattern.

Nachthemd, dachte sie und blickte erschrocken an sich herunter. Sie trug nur das. Keine Schuhe. Keinen Mantel.

Und dann war da noch das Auto. Ein großer schwarzer BMW. Er stand ein paar Meter weiter schräg auf der Straße, mit der Motorhaube in ihre Richtung. Die Scheinwerfer, die immer noch brannten, beleuchteten die Reifenspuren, die sich in mehreren Bögen über den Asphalt zogen. Einer dieser Bögen führte genau um die Stelle herum, an der sie stand.

Sie dachte an das laute Geräusch, das sie gerade so erschreckt hatte, und begriff, was es gewesen war: kreischende Bremsen. Deswegen stand der Wagen dort so komisch. Er hatte aus voller Fahrt angehalten und war ins Schlingern geraten bei dem Versuch, ihr auszuweichen. Weil sie im Nachthemd irgendwo draußen auf der Landstraße herumgelaufen war.

Was nur eins bedeuten konnte …

Ein Zittern durchlief sie.

»Sie frieren ja!« Der Mann zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Dann schob er sie zu seinem Auto. »Kommen Sie, setzen Sie sich.«

Sie wehrte sich nicht, als er ihr auf den Beifahrersitz half. Die Lederpolster waren weich, und das Wageninnere wirkte edel, mit dem glänzend lackierten Holz und dem vielen Chrom. Genau wie in Andrews Auto, dachte sie und schmiegte sich noch ein bisschen tiefer in die viel zu große Jacke, die sie in eine angenehme Wärme hüllte. Das Aftershave des Mannes hing darin, fremd und männlich, und auch wenn es gut roch, erinnerte es sie daran, dass es noch keinen Grund gab, sich zu entspannen.

Es war wieder passiert, und sie fühlte sich genauso hilflos und verwirrt wie sonst auch. Nur dass sie es diesmal auch noch dem fremden Mann erklären musste, der gerade auf der Fahrerseite einstieg.

Er trug zu seiner dunklen Jeans und den schicken schwarzen Schuhen jetzt nur noch ein hellgraues Hemd. Und obwohl er nicht zu frieren schien, hatte Lexie ein schrecklich schlechtes Gewissen, nicht nur wegen der Jacke. Sie hatte ihn in Gefahr gebracht.

»Es tut mir leid.« Ihre Stimme klang belegt, und sie versuchte entschuldigend zu lächeln. Was keinen großen Eindruck auf ihn zu machen schien, denn er blieb ernst.

»Wie heißen Sie? Wissen Sie das?«

Er blickte auf ihr Nachthemd, das unter der Jacke herausschaute, und sie spürte, wie ihr Röte in die Wangen schoss. Offenbar glaubte er, dass sie nicht ganz bei Trost war. Was ja irgendwie auch stimmte.

»Lexie«, sagte sie heiser. »Lexie Cavendish.«

»Und was machen Sie hier draußen?« Die Strenge war zurück in seiner Stimme, wenn auch inzwischen gepaart mit Sorge.

Sie zog die Jacke noch enger um sich.

»Ich … hatte einen Alptraum.«

Sofort kamen die Bilder zurück, so deutlich, dass die Erinnerung sie schaudern ließ. Es war immer der gleiche Traum. Er verfolgte sie schon seit vielen Jahren, und sie rannte darin immer, floh vor einer namenlosen Bedrohung, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Aber es war kein Monster, das sie verfolgte. Es war nicht mal eine konkrete Gestalt. Nur ein dunkler, gesichtsloser Schatten. Er würde ihr wehtun, wenn sie stehen blieb, auch wenn er stets flüsternd das Gegenteil behauptete. Er log, das wusste sie instinktiv, deshalb lief sie um ihr Leben. Rannte und rannte, bis sie … aufwachte. Im besten Fall in ihrem Bett. Aber manchmal eben auch nicht.

»Einen Alptraum?« Der Mann hob die Augenbrauen. »Hat man so etwas nicht, wenn man schläft?«

»Ich habe geschlafen«, sagte sie. »Ich … stehe dabei nur manchmal auf.«

Jetzt schien ihm zu dämmern, was das Problem war. »Sie schlafwandeln?«

Lexie nickte. »Manchmal.«

»Das ist gefährlich.«

Wieder nickte sie. Als ob sie das nicht wüsste!

Sie konnte die Male nicht mehr zählen, in denen sie sich in ähnlich brenzlige Situationen gebracht hatte. Einmal war sie aus einem Fenster gefallen und hatte sich den Arm gebrochen, ein anderes Mal hatte sie sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen, weil sie gegen einen Baum gelaufen war. Diesmal hätte es allerdings tödlich enden können …

Dieser Gedanke schien auch den Mann zu beschäftigen.

»Wissen Sie eigentlich, wie knapp das war?« Er stieß die Luft aus, und sie sah ihm an, wie sehr ihn die Erinnerung an das, was gerade fast passiert wäre, immer noch schockierte. »Sie standen ganz plötzlich auf der Straße. Zum Glück hatte ich das Fernlicht an und konnte Sie früh genug sehen. Ich habe sofort gebremst und gehofft, dass Sie zur Seite springen. Aber Sie standen einfach da und haben sich nicht bewegt.« Er schüttelte den Kopf. »Das waren wirklich nur Sekundenbruchteile. Wenn ich nicht mehr hätte ausweichen können …«

Das mochte sie sich genauso wenig ausmalen wie er.

»Es tut mir leid, wirklich«, versicherte sie ihm. »Ich kann das nicht kontrollieren. Manchmal gehe ich nur im Raum auf und ab, aber wenn es ganz schlimm kommt, dann laufe ich richtig weit, ohne dass es mir bewusst ist.«

Der Mann runzelte die Stirn. »Gibt es denn niemanden, der dafür sorgen kann, dass Sie sich nicht in Gefahr bringen?«

Vermutlich zielte die Frage darauf ab, ob sie einen Mann hatte. Oder überhaupt Familie. Menschen, die sich um sie kümmerten. Doch davon gab es in ihrem Leben nicht viele.

»Nein. Ich … bin nicht von hier. Außerdem ist es lange nicht mehr vorgekommen.«

Tatsächlich hatte sie schon geglaubt, dass es vorbei wäre mit dem Schlafwandeln. Die letzten zwei Jahre waren ruhig gewesen. Keine Alpträume, keine nächtlichen Wanderungen mehr. Was sicher auch damit zusammenhing, dass sie ihren Traumjob gefunden hatte und dass ihre Arbeit sie glücklich machte. Sie war fest entschlossen gewesen, nur noch nach vorn zu blicken, nicht mehr zurück. Und es hatte funktioniert – bis jetzt.

Dass der Schattentraum sie mit einem Mal wieder so heftig verfolgte, musste an dieser Gegend liegen. In Donegal, der nördlichsten Provinz Irlands, war sie noch nie gewesen. Doch seit sie vor ein paar Stunden nach mehrstündiger Fahrt in dem kleinen Städtchen Cerigh nahe der Küste angekommen war, ließ sie das Gefühl nicht los, dass sie diesen Ort kannte.

Die Häuser mit den meist weiß getünchten Fassaden und die schmalen Straßen wirkten auf eine seltsame Weise vertraut. Nicht wegen der Ähnlichkeit zu anderen Orten, an denen sie schon gewesen war. Diese Vertrautheit ging tiefer.

Sie kannte sich hier aus.

Als sie auf den Dorfplatz zugefahren war, hatte sie schon, eine Sekunde bevor sie um die Ecke gebogen war, gewusst, dass links hinten am Ende des Platzes eine von einer Steinmauer eingerahmte kleine Kirche stehen würde. Es hatte sie richtig erschreckt, dass es diese Kirche wirklich gab. Und genauso war es ihr mit dem Castle Inn gegangen, dem Pub, in dem sie sich ein Zimmer genommen hatte. Noch bevor sie den großen Gastraum im Erdgeschoss betreten hatte, war sie sicher gewesen, dass er langgezogen sein würde, mit einer niedrigen Decke und zwei großen Kutschenrädern an der Wand rechts und links von der Bar. Was ebenfalls gestimmt hatte.

War es da ein Wunder, dass sie keine Ruhe hatte finden können, als sie nach einem Teller Irish Stew, den die Wirtin ihr mit ernster Miene serviert hatte, auf ihr Zimmer gegangen war, um sich für ihren Termin am nächsten Morgen auszuruhen? Das ergab einfach keinen Sinn. Sie konnte diesen Ort nicht kennen, denn sie war in England geboren und in Amerika aufgewachsen. Zuletzt hatte sie in New York gelebt, bevor sie dann vor zwei Jahren nach Dublin gezogen war, um dort eine neue Stelle anzutreten. Sicher, in letzter Zeit war sie öfter mit ihrem Boss Andrew auf Geschäftsreise gegangen, aber nicht nach Donegal. Und die Ausflüge mit ihrer Freundin Betty hatten sie immer nur nach Kerry im Süden der Insel geführt, weil dort die Eltern von Bettys Verlobten Ken wohnten. Im Norden war sie definitiv noch nie gewesen, und ganz sicher noch nicht in Cerigh …

»Geht es Ihnen wirklich gut?«

Die Frage des Mannes riss sie aus ihren Gedanken.

»Was? Ja, es … geht.« Sie lächelte erneut zaghaft. »Danke, dass Sie mich nicht überfahren haben.«

»Das war durchaus auch in meinem Interesse«, meinte er und erwiderte diesmal ihr Lächeln.

Wenn er nicht so ernst guckt, sieht er richtig gut aus, dachte sie und betrachtete ihn zum ersten Mal genauer, nahm sein klassisches Profil und das kantige Kinn wahr – aber auch die dunklen Schatten unter seinen ungewöhnlich blauen Augen und die Bartstoppeln auf seinen Wangen. Er schien schon länger unterwegs zu sein und wirkte müde. Außerdem war er zwar eindeutig älter als sie, aber jünger, als sie anfangs geglaubt hatte. Höchstens Mitte dreißig.

»Kann ich Sie irgendwo hinfahren?«, erkundigte er sich, und ihr wurde erschrocken bewusst, dass sie ihn viel zu lange angestarrt hatte.

Sie zögerte kurz, weil sie ihm nicht weiter zur Last fallen wollte. Aber sie hatte keine Ahnung, wie weit sie im Schlaf gelaufen war, deshalb war sie auf seine Hilfe angewiesen.

»Kennen Sie das Castle Inn in Cerigh?«

Er nickte und startete den Motor, setzte den Wagen zurück und lenkte ihn über die kurvige Landstraße. Sie bogen zwei Mal ab und erreichten kurze Zeit später den kleinen Ort, der jetzt zur Ruhe gekommen war. Am Nachmittag hatte das noch ganz anders ausgesehen, da waren die schmalen Straßen voller Menschen gewesen, und es hatte ein buntes Treiben geherrscht. Unzählige Fahnen und Wimpelketten schmückten die Gebäude, denn Cerigh würde in den kommenden Tagen sein fünfhundertjähriges Jubiläum feiern. Dafür war offenbar die ganze Woche über ein Rahmenprogramm mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen geplant. Außerdem kündigten diverse Plakate für das Wochenende ein Folkfestival an, für das bereits eine große Bühne auf einem Feld außerhalb des Ortes aufgebaut worden war. Spielen würden dabei laut Ankündigung auch die Irish Badgers. Es wunderte Lexie zwar, wieso eine der bekanntesten Folkbands Irlands ausgerechnet in diesem Kaff auftrat, aber es erklärte vermutlich, wieso jetzt schon ein solcher Trubel herrschte.

Die meisten Leute schienen inzwischen allerdings zu schlafen, denn in den Häusern, die sie passierten, brannten nur noch sehr wenige Lichter. Lexies Blick fiel auf die Anzeige vorne im Bordcomputer des BMW, und sie sah, dass es kurz vor zwei Uhr morgens war. Die Wahrscheinlichkeit, um diese Zeit auf einer einsamen Landstraße angefahren zu werden, war normalerweise eher gering.

»Wieso sind Sie eigentlich so spät noch unterwegs?«

Der Mann sah sie überrascht an, und Lexie wurde bewusst, wie misstrauisch ihre Frage geklungen hatte.

»Tut mir leid«, fügte sie hastig hinzu. »Das geht mich natürlich nichts an. Ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich dachte nur …«

»Dass ich längst schlafen müsste?« Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Das würde ich gerne, glauben Sie mir. Aber mein Flieger aus New York hatte sechs Stunden Verspätung, und dann gab es Schwierigkeiten am Schalter der Autovermietung. Deshalb habe ich das Ziel meiner Reise leider immer noch nicht erreicht.«

»Oh.« Er kam aus Amerika? Lexie war davon ausgegangen, dass er ein Einheimischer war, weil er Englisch mit irischem Akzent sprach. Aber vielleicht war er ja auch einfach auf dem Heimweg? Sie wollte ihn fragen, wo genau er wohnte, doch bevor sie dazu kam, hielt er den Wagen an.

»Wir sind da.«

Der Eingang des Pubs lag im Dunkeln, wie fast der ganze Rest des Hauses. Nur ein Fenster im ersten Stock war schwach erleuchtet.

»Es scheint noch jemand wach zu sein.« Der Mann blickte durch die Scheibe nach oben zu dem erhellten Fenster.

Unglücklich schüttelte Lexie den Kopf. »Das da oben ist mein Zimmer«, erklärte sie. »Wahrscheinlich habe ich die Nachttischlampe angelassen.«

Das hatte sie nicht nur wahrscheinlich, sondern ganz sicher. Sie ließ nachts grundsätzlich ein Licht im Schlafzimmer brennen. Das war nur einer ihrer vielen Spleens, aber da der Mann sie bestimmt schon für merkwürdig genug hielt, erwähnte sie es lieber nicht. Außerdem war ihr gerade eingefallen, dass es ein viel drängenderes Problem gab.

»Ich habe gar keinen Schlüssel dabei!«

Sie wusste nicht, wie sie das Haus verlassen hatte, und erst recht nicht, wie sie jetzt wieder hineingelangen sollte. Eine neue Welle der Verzweiflung überkam sie, weil ihr die Situation so schrecklich unangenehm war. Nicht nur, dass sie im Nachthemd im Auto eines Fremden saß, dem sie unnötig Umstände machte. Jetzt musste sie auch noch die Wirtin herausklingeln und ihr erklären, wieso sie …

»Die Tür ist nicht abgeschlossen.« Die Bemerkung des Mannes unterbrach ihre düsteren Gedanken.

»Sind Sie sicher?«

Er nickte. »Würde mich jedenfalls wundern. Sheila und Fred lassen sie eigentlich offen, damit die Gäste kommen und gehen können, wie sie wollen.« Er grinste, als sie ihn überrascht anstarrte. »Sie sind nicht vom Land, oder?«

»Nein«, sagte sie. Aber er stammte offenbar tatsächlich aus dieser Gegend, wenn er wusste, dass die Wirtsleute Sheila und Fred hießen. Und wenn es stimmte, was er sagte, und die Tür wirklich nicht abgeschlossen war, kam sie nicht nur ohne Probleme wieder ins Haus, es erklärte auch, wie sie es überhaupt hatte verlassen können.

»Na los! Sehen wir mal nach, ob ich recht habe.«

Der Mann stieg aus, aber Lexie brauchte einen Moment, um zu reagieren. Als sie endlich nach dem Griff tastete, war er schon auf ihrer Seite und öffnete die Tür für sie. Er streckte ihr die Hand hin, und sie ergriff sie dankbar, ließ sich von ihm aus dem Wagen helfen.

Als sie neben dem Auto stand, spürte sie trotz der Jacke die Kälte des frühen Aprilmorgens. Das Kopfsteinpflaster unter ihren nackten Füßen und die Atemwolke vor ihrem Mund machten ihr schlagartig bewusst, wie geborgen sie sich im Inneren des Wagens gefühlt hatte. Hier draußen schienen die Schatten des Alptraums wieder nach ihr zu greifen, und einen Moment lang fürchtete sie sich davor, allein ins Haus zu gehen.

Sie wollte sich bei dem Mann bedanken und sich verabschieden, doch in diesem Moment drangen Stimmen zu ihnen. Kurz darauf bogen fünf junge Männer um die Hausecke und kamen auf sie zu. Sie mussten noch Teenager sein und waren eindeutig alkoholisiert, denn sie konnten kaum gerade gehen. Außerdem redeten sie zu laut und lachten albern, während sie sich aneinander festhielten, um das Gleichgewicht zu halten.

Einer der Jugendlichen hielt inne, als er Lexie und den Mann bemerkte. Trotz seines offensichtlich benebelten Gehirns schien er wahrzunehmen, dass Lexies Aufzug ungewöhnlich war, denn er musterte sie von Kopf bis Fuß. Auch die anderen blieben stehen und starrten zu ihnen herüber.

Sofort trat der Mann dichter an Lexie heran und stellte sich so, dass sein Rücken und seine breiten Schultern sie gegen die Blicke abschirmten.

»Was gibt es denn da zu glotzen?«, rief er und legte einen Arm um Lexie. »Geht weiter, na los!«

Die Warnung in seiner Stimme war nicht zu überhören und entging auch den Jugendlichen nicht, die kurz miteinander redeten und dann genauso laut wie vorher weiterzogen.

Als sie um die nächste Ecke verschwunden waren, ließ der Mann Lexie wieder los und trat einen Schritt zurück, was sie fast ein bisschen bedauerte.

Wow, dachte sie, immer noch ganz überwältigt davon, wie selbstverständlich er sie gerade beschützt hatte. Und es war nicht unangenehm gewesen, dass er ihr dabei so nah gekommen war. Im Gegenteil …

»Ich bringe Sie lieber noch rein«, erklärte der Mann, und Lexie überlegte kurz, ob sie das ablehnen sollte. Aber der Gedanke an den dunklen Gastraum und die Flure im Pub, die sie gleich durchqueren musste, machte ihr immer noch Angst. Die Aussicht, es nicht allein tun zu müssen, war einfach zu verführerisch.

»Danke«, sagte sie und verdrängte den Gedanken, dass er eigentlich schon genug für sie getan hatte: Er war ihr geistesgegenwärtig ausgewichen und hatte sie nicht überfahren. Hatte sie hergebracht. Und ihr seine Jacke überlassen, ohne deren Wärme sie den Schock des Erlebten vielleicht nicht so schnell überwunden hätte. Daran, was passiert wäre, wenn sie allein irgendwo in der Dunkelheit aufgewacht wäre, wollte sie lieber nicht denken. Sie stand wirklich in seiner Schuld – und kannte nicht mal seinen Namen.

»Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, wie Sie heißen.«

Der Mann lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

»Tut mir leid, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Ich bin Grayson Fitzgerald.«

Oh mein Gott, dachte Lexie entsetzt und spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

2

Miss Cavendish?« Grayson Fitzgerald schloss erneut die Hände um ihre Oberarme und musterte sie skeptisch. »Ist alles in Ordnung? Sie sind plötzlich ganz blass!«

»Ich …« Sie machte sich von ihm los und trat instinktiv einen Schritt zurück. »Ich glaube, ich sollte mich hinlegen.«

Das war sogar dringend nötig, denn ihre Beine waren plötzlich ganz wackelig, und ihre Gedanken überschlugen sich, während sie den Mann anstarrte.

Grayson Fitzgerald. Natürlich. Sie hätte ihn erkennen müssen, schließlich hatte sie schon Fotos von ihm in einschlägigen Wirtschaftsmagazinen gesehen. Aber darauf hatte er Anzüge getragen und unnahbar gewirkt. Und seine Augen waren auch nicht so blau gewesen. Außerdem konnte sie doch nicht ahnen, dass er hier auftauchen würde. Was zur Hölle tat er in Cerigh? Oh nein, was wenn …

»Miss Cavendish?« Grayson Fitzgerald betrachtete sie mit einem Stirnrunzeln, und ihr wurde klar, dass sie ihn anstarrte. »Kommen Sie.«

Er hakte sie unter und führte sie die letzten Schritte zum Pub, bis zur Eingangstür, die tatsächlich nicht verschlossen war.

»Sie müssen nicht mitkommen«, protestierte sie, weil sie plötzlich doch nicht mehr fand, dass das eine gute Idee war. »Ich schaffe das alleine.«

»Welche Zimmernummer?«, erkundigte er sich, ohne auf ihren Einwand einzugehen, und schob sie durch die Tür.

»Fünf.« Lexie schluckte, als sie in den Gastraum blickte, der vom Mondlicht nur sehr schwach erleuchtet wurde. Der hintere Teil lag völlig im Dunkeln, und die Schwärze schien nur darauf zu warten, sie zu verschlingen …

Erschrocken blinzelte sie in das Licht, das plötzlich aufflammte. Als sie sich zu Grayson Fitzgerald umdrehte, sah sie, wie er die Hand hinter dem Vorhang direkt neben der Tür hervorzog. Offenbar hatte er gewusst, dass sich dort der Schalter für die Deckenlampen befand – und ahnte nicht mal, welch großen Gefallen er ihr damit getan hatte, ihn zu betätigen.

»Wir wollen ja nicht gegen irgendein Möbelstück laufen«, sagte er und führte sie zielstrebig auf die Tür neben der Bar am anderen Ende des Raumes zu, hinter der eine Treppe hinauf zu den Gästezimmern führte. Er ließ Lexie den Vortritt und folgte ihr nach oben in den schmalen, von ausgetretenem Teppichboden bedeckten Flur.

Lexie drückte auf den Lichtschalter an der Wand und atmete auf, als auch hier die Lampen aufflammten und die Dunkelheit verschwand. Ihr Herz raste trotzdem, aber das lag eher an Grayson Fitzgerald, der dicht hinter ihr ging.

Wie konnte das Schicksal nur so gemein sein? Um das Projekt in Cerigh hätte sich eigentlich ihr Kollege Ryan Monsworth kümmern sollen. Erst in letzter Minute hatte Andrew sich entschieden, stattdessen Lexie zu schicken, und sie fühlte sich sehr geschmeichelt, dass er offenbar lieber ihr die Innenausstattung bei diesem Umbau überlassen wollte. Sonst begleitete Andrew sie oft bei Projekten, doch diesmal ließ er ihr völlig freie Hand, was sie nicht nur als großen Vertrauensbeweis empfand, sondern auch als Chance sah, sich zu bewähren. Deshalb wollte sie es besonders gut machen. Doch anstatt sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren, war sie fahrig und abgelenkt, weil dieser Ort sie vollkommen durcheinanderbrachte. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, war sie jetzt ausgerechnet Andrews schärfstem Konkurrenten vors Auto gelaufen. Im Nachthemd.

Sie stöhnte innerlich bei dem Gedanken, wie es sein würde, Grayson Fitzgerald nach dieser Nacht erneut zu begegnen. Was in den nächsten Tagen durchaus der Fall sein konnte, denn offenbar hatte er in der Gegend zu tun. Aber was? Wieso kam der erfolgreiche New Yorker Immobilienspekulant und Chef der von ihm gegründeten Fitzgerald Holding persönlich an diesen kleinen, abgelegenen Ort? Es mussten private Gründe sein, die ihn herführten, denn es gab hier weit und breit nur ein Gebäude, das für ihn geschäftlich von Interesse sein konnte, und das war Dunmor Castle. Aber der Verkauf der Burg, die hier ganz in der Nähe oben auf den Klippen direkt am Atlantik lag, war laut Andrew schon so gut wie abgeschlossen. Howard Enterprises würde das teilweise renovierungsbedürftige Gemäuer übernehmen und in ein nobles Luxushotel verwandeln, bevor es dann mit Gewinn weiterverkauft wurde. Deshalb war Lexie hier: Sie würde sich die Räumlichkeiten vor Ort ansehen und ein Konzept für die Innenausstattung entwickeln, das den potentiellen Käufern präsentiert werden sollte. Tatsächlich gab es auch schon einen Interessenten, eine Investorengruppe aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es schien also alles unter Dach und Fach zu sein. Doch war es wirklich Zufall, dass Grayson Fitzgerald ausgerechnet jetzt hier auftauchte?

Andrew würde darüber jedenfalls alles andere als begeistert sein. Er hasste Fitzgerald, weil der sich häufig für dieselben Objekte interessierte und ihn gerade in der letzten Zeit mehrfach ausgebootet hatte. Das durfte diesmal auf keinen Fall wieder passieren, dafür war der Deal für Howard Enterprises zu wichtig. Und deshalb tat Lexie gut daran, möglichst viel Abstand zu Grayson Fitzgerald zu wahren.

Abrupt blieb sie stehen und fuhr herum.

»Ich glaube, ich …« Sie hielt inne und blickte zu ihm auf, erschrocken darüber, wie dicht er vor ihr stand. »Ich … komme jetzt zurecht«, beendete sie ihren Satz und schlüpfte aus der Jacke, um sie ihm zurückzugeben.

Ohne die Wärme und das Gewicht des fremden Kleidungsstücks auf ihren Schultern fühlte sie sich unangenehm schutzlos. Und das Interesse, das jetzt in Grayson Fitzgeralds forschendem Blick lag, machte es nicht besser.

Wann immer ein Mann sie so ansah, war das normalerweise der Moment, in dem sie sich zurückzog. Sie konnte nicht gut flirten, und für alles andere eignete sie sich erst recht nicht, wie ihre kurze Ehe mit ihrem Collegefreund eindrucksvoll bewiesen hatte. Von Matt Cavendish war ihr nur der Name geblieben – und die Erkenntnis, dass sie sehr kompliziert war. Und selbst wenn sie auf einen Flirt aus gewesen wäre, war Grayson Fitzgerald ganz bestimmt der letzte Mann auf der Welt, dem sie zu tief in die Augen schauen durfte. Was sie jedoch leider nicht davon abhielt, es trotzdem zu tun. Es war, als würde er ihren Blick magisch anziehen …

Entsetzt über sich selbst und die Richtung, die ihre Gedanken unfreiwillig genommen hatten, wich Lexie ein Stück zurück.

»Ich denke, ich sollte jetzt wirklich noch ein bisschen schlafen.« Sie wandte sich um und ging die wenigen Schritte bis zu ihrer Zimmertür. Erst von dort blickte sie zurück. »Noch mal vielen Dank – für alles.«

Er hob einen Mundwinkel zu einem Lächeln, das ihren Herzschlag nicht beruhigte.

»Schließen Sie besser die Tür ab.« Er nickte ihr noch mal zu, bevor er sich umdrehte und den Flur wieder hinunterging. Kurz darauf war er verschwunden, und sie hörte unten die Tür zum Schankraum klappen.

Immer noch zittrig schloss Lexie die Zimmertür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Herrgott, was war denn los mit ihr? Das da draußen war Grayson Fitzgerald. Der Mann, dessen Erwähnung ausreichte, um ihrem Boss den Tag zu verderben. Und sie starrte ihn an und fand, dass er schöne Augen hatte? Selbst ihr verwirrter Zustand nach dem Schlafwandeln konnte das nicht entschuldigen. Wo war die kühle Geschäftsfrau hin, die alles bestens im Griff hatte? Sie ließ sich doch sonst nicht so schnell verunsichern!

Ganz ruhig, dachte sie und tat das, was sie immer tat, wenn eine Situation sie zu überfordern drohte: Sie konzentrierte sich auf etwas Positives, etwas, das sie stark machte. Und in diesem Fall war das nicht mal schwer, denn sie brauchte sich nur in dem kleinen Zimmer umzusehen, das sie für die nächsten Tage angemietet hatte. Mit den alten Holzmöbeln und der schon leicht verblichenen Blumentapete wirkte es ziemlich altmodisch. Aber es gefiel ihr, weil es sie an ihr Zimmer bei den Petersons erinnerte – der einzigen Pflegefamilie, bei der sie sich wirklich wohlgefühlt hatte.

Sie richtete sich auf und schloss die Tür ab, so wie Grayson Fitzgerald es ihr geraten hatte, dann zog sie den Schlüssel ab und legte ihn auf die Kommode neben der Tür zum Bad, hinter eine kleine Schale, damit sie ihn nicht fand, falls sie noch einmal schlafwandelte. Sie wusste natürlich, dass das eine wichtige Vorsichtsmaßnahme war, dafür hätte sie seinen Ratschlag nicht gebraucht. Ihre Nächte waren nur schon so lange ruhig gewesen, dass sie einfach nicht mehr daran gedacht hatte.

Dass sie in den nächsten Stunden noch mal auf unfreiwillige Wanderschaft gehen würde, war allerdings eher unwahrscheinlich. Es passierte eigentlich nicht zwei Mal in einer Nacht. Und außerdem glaubte sie nicht, dass sie nach allem, was gerade passiert war, überhaupt noch würde schlafen können.

Doch als sie wenige Augenblicke später wieder in dem schmalen Bett lag und im Schein der Nachttischlampe an die niedrige Decke starrte, spürte Lexie, wie die Aufregungen der vergangenen Stunde ihren Tribut forderten. In ihrem Nachthemd hing noch etwas von dem Duft der Jacke, und wider Erwarten entspannte sie sich, als sie ihn einatmete. Plötzlich bleiern müde schloss sie die Augen und glitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

*****

Grayson ließ die Eingangstür des Castle Inn hinter sich zufallen und sog die kühle Nachtluft in seine Lungen. Sein Blick wanderte an der Fassade nach oben und blieb an dem einzigen erleuchteten Fenster hängen. Für einen Moment starrte er auf das Licht und wartete darauf, dass es ausging. Aber das geschah nicht, und irgendwann wandte er sich mit einem Seufzen ab.

Es war fast schade, dass der Pub längst geschlossen hatte. Für einen Whiskey hätte er jetzt viel gegeben, denn dass seine Hände zitterten, lag nicht an der kalten Aprilnacht.

Verdammt, das hätte schiefgehen können vorhin auf der Landstraße. Aber das war es nicht allein, was ihn so aufwühlte. Es lag auch an der jungen Frau.

Lexie Cavendish.

Ihrem Akzent nach musste sie Amerikanerin sein. Und sie war jung, allerhöchstens Mitte zwanzig. Sehr viel mehr wusste er nicht über sie, und plötzlich ärgerte er sich, dass er ihr keine Fragen gestellt hatte. Aber sie hatte so verschreckt gewirkt, dass er sie lieber in Ruhe gelassen hatte. Außerdem konnte er nach der langen Reise und dem Schock des beinahe geschehenen Unfalls nicht mehr wirklich klar denken. Dabei hätte er gerne mehr über sie erfahren. Was wollte sie allein hier in Cerigh? Und was brachte sie dazu, nachts zu schlafwandeln?

Das geht dich nichts an, erinnerte er sich und zog sich die Jacke über.

Ihr Duft hing noch daran, schwach nur, aber verführerisch süß und blumig. Sofort sah er sie wieder vor sich. Wie eine Erscheinung hatte sie ausgesehen in ihrem dünnen Nachthemd, unter dem sich ihre Kurven deutlich abgezeichnet hatten, und mit den offenen goldblonden Haaren, die sich, vom Wind zerzaust, bis über ihre Schultern gewellt hatten. Und diese großen grüngrauen Augen! Die Angst, die anfangs darin gelegen hatte, war ihm nahegegangen und hatte einen ungewohnten Beschützerinstinkt in ihm geweckt. Und da war noch etwas, das er darin gesehen hatte und das ihm keine Ruhe ließ. Etwas … Vertrautes.

Er schüttelte den Kopf. Konnte er ihr schon mal irgendwo begegnet sein? Aber das wüsste ich doch, dachte er. Lexie Cavendish unterschied sich mit ihrer zierlichen Figur und ihren höchstens ein Meter siebzig deutlich von den langbeinigen, glamourösen Topmodels, mit denen er normalerweise ausging, und war auch sonst überhaupt nicht sein Typ. Trotzdem war er sicher, dass er sich an sie erinnern würde, wenn sie sich schon begegnet wären. Er musste sich das einbilden. Wahrscheinlich hatte er einfach zu viel gearbeitet, und der Schlafmangel der letzten Tage spielte ihm einen Streich.

Und überhaupt hatte er im Moment Wichtigeres zu tun, als sich Gedanken über eine junge Frau zu machen, die er nicht kannte und sehr wahrscheinlich nicht wiedersehen würde. Ihr war nichts zugestoßen, und sie befand sich jetzt in Sicherheit. Mehr brauchte ihn nicht zu interessieren, denn wie es aussah, würde er die nächsten Tage sehr beschäftigt sein.

Mit wenigen Schritten war er beim Wagen und riss die Tür auf, setzte sich hinter das Steuer. Noch einmal blickte er zu dem erleuchteten Fenster hoch, dann startete er den Motor und fuhr davon.

3

Oh, das ist nett von dir, Sheila.« Der weißhaarige alte Mann am Nebentisch blickte lächelnd zu der Wirtin auf, die mit einer Teekanne in der Hand neben ihm stand und seine Tasse noch einmal auffüllte.

»Für besondere Gäste gibt es den Service auch direkt am Tisch«, erklärte die Wirtin mit einem breiten Grinsen. »Kann ich dir sonst noch was bringen, Clark?«

Der Mann schüttelte den Kopf, und die Wirtin wandte sich wieder ab und kehrte hinter die Theke zurück, ohne auf Lexie zu achten, die ihr ein Zeichen zu geben versuchte.

Na toll, dachte Lexie frustriert. Sie saß jetzt schon seit über zwanzig Minuten hier und wartete darauf, dass die Wirtin ihr das Frühstück brachte, das sie bestellt hatte. Offenbar hatte die Frau sie vergessen. Oder ignorierte sie absichtlich, aber das konnte Lexie sich nicht vorstellen. Nein, es lag bestimmt daran, dass es so voll war. Alle Tische im Gastraum waren besetzt, und auch an der Bar stand ein halbes Dutzend Männer. Sie redeten und scherzten mit dem Wirt, einem breitschultrigen rothaarigen Mann mit deutlichem Bauchansatz, der hinter der Theke das Bier zapfte, während die Wirtin und zwei Aushilfen zwischen den Tischen hin und her liefen und den Gästen, die im Haus wohnten, das Frühstück servierten, das Lexie auch gerne gehabt hätte. Die übrigen Anwesenden schienen Dorfbewohner zu sein, die vermutlich alle etwas mit der Organisation der 500-Jahr-Feier zu tun hatten, denn Lexie schnappte hier und da Gesprächsfetzen auf, in denen es um Stände und Ablaufpläne für Veranstaltungen ging.

Mit einem Seufzen sah sie auf die Uhr. Es war schon kurz nach neun, also blieb ihr nur noch eine Stunde, bis sie in Dunmor Castle sein musste. Langsam wurde es knapp, deshalb stand sie auf und bahnte sich den Weg zwischen den Tischen hindurch bis zur Theke.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie zu dem Wirt, der gerade ein Glas abtrocknete. »Ich hatte schon vor einiger Zeit ein Frühstück bestellt. Könnte ich das wohl bekommen? Ich habe nämlich gleich einen Termin und bin ein bisschen in Eile.«

Der Mann, der etwas über fünfzig sein musste, grinste, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen. »Na, aber sicher! Wir wollen ja nicht, dass so eine hübsche junge Frau Hunger leidet.« Er lachte und sah zu seinen Kumpanen, die neben Lexie an der Theke standen und sie neugierig betrachteten. Dann drehte er den Kopf und blickte über seine Schulter zurück in Richtung Küche. »Sheila? Kommst du mal?«

Die Wirtin erschien fast sofort wieder im Gastraum. Sie war ungefähr so alt wie der Wirt, hatte dunkles Haar und ein rundliches Gesicht, das zu ihrer fülligen Figur passte. Sie lächelte, aber als sie Lexie an der Theke stehen sah, runzelte sie die Stirn.

»Das junge Fräulein möchte frühstücken«, erklärte der Wirt.

»Ich weiß.« Sie musterte Lexie mit einem abschätzigen, fast feindseligen Blick. »Ich komme gleich.«

Sie wollte sich abwenden und in die Küche zurückkehren, hielt jedoch inne, als Lexie sie ansprach.

»Könnte ich dazu vielleicht einen Cappuccino bekommen?«

Die Wirtin schnaubte. »Wir sind hier nicht im Starbucks, Schätzchen. Einen Tee können Sie kriegen oder einen Kaffee.«

Lexie starrte sie perplex an. Wieso war die Frau so unfreundlich zu ihr? Bei dem alten Herrn hatte sie sich vorhin sehr viel mehr Mühe gegeben. Also muss es wohl an mir liegen, dachte sie und spürte das altbekannte Ziehen in ihrer Brust, das sich immer einstellte, wenn sie merkte, dass sie jemand ablehnte. Es tat jedoch schon lange nicht mehr so weh wie früher. Tatsächlich brachte sie sogar ein Lächeln zustande, denn für eine Auseinandersetzung hatte sie jetzt einfach nicht die Nerven. »Dann einen Kaffee, bitte.«

Die Wirtin nickte und verschwand wieder in der Küche.

»Machen Sie sich nichts draus«, meinte der Wirt. »Sheila hat heute einen schlechten Tag. Weil es so voll ist.« Er zwinkerte ihr zu, und Lexie hatte das unangenehme Gefühl, dass er mit ihr flirten wollte, obwohl er locker ihr Vater hätte sein können.

»Hey, Fred, zapf mir noch eins, ja?«, rief einer der Männer an der Bar, und Lexie nutzte die Tatsache, dass der Wirt abgelenkt war, um rasch an ihren Tisch zurückzukehren.

Sheila und Fred, dachte sie, während sie sich setzte und zurück zur Bar blickte. Die Wirtsleute hießen also tatsächlich so, wie Grayson Fitzgerald behauptet hatte, und das machte die Ereignisse der vergangenen Nacht real. Leider, denn als Lexie vorhin aufgewacht war, hatte sie für einen Moment gehofft, dass die ganze Geschichte vielleicht nur ihrer Fantasie entsprungen war. Aber selbst in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich eine solche Begegnung nicht ausgedacht. Nein, es war wirklich passiert, und es verwirrte sie immer noch sehr. Was gar nicht gut war, denn wenn sie gleich Duncan O’Donnell gegenübertrat, brauchte sie ihre volle Konzentration.

Ihr Handy klingelte in ihrer Tasche. Hastig kramte sie es heraus und nahm das Gespräch entgegen.

»Hey, Süße!« Bettys vertraute Stimme erklang dicht an ihrem Ohr. »Na, alles gut bei dir?«

Lexie schluckte. »Nein. Nicht wirklich.«

Manchmal schien es, als hätte ihre Freundin einen sechsten Sinn dafür, wann es Lexie schlecht ging. Und vielleicht war das ja auch so, schließlich stand ihr niemand auf der Welt so nah wie Betty Michaels. Sie hatten sich im Heim kennengelernt, als sie noch Kinder gewesen waren, und daraus hatte sich über die Jahre eine sehr enge Freundschaft entwickelt. Betty war die Schwester, die Lexie nie gehabt hatte, und wenn jemand nach ihrer Familie fragte, dann dachte sie ganz automatisch an die rothaarige junge Frau mit den zahllosen Sommersprossen und dem lauten, herzlichen Lachen. Betty war der einzige Mensch, dem Lexie blind vertraute, deshalb war sie untröstlich gewesen, als Betty vor zweieinhalb Jahren – der Liebe wegen – nach Dublin gezogen war. Und sie hatte keine Sekunde gezögert, ihrer Freundin zu folgen, als Betty ihr ein halbes Jahr später einen Job als Innenarchitektin bei dem Immobilienspekulanten Andrew Howard besorgt hatte, in dessen Firma sie selbst als Buchhalterin arbeitete. Was ideal war, denn dadurch sahen sie sich auch im Büro häufig und wussten über den Arbeitsalltag der anderen Bescheid.

»Was ist los?« In Bettys Stimme schwang Sorge mit. »Gibt es Ärger mit O’Donnell?«

»Nein, bei dem war ich noch gar nicht. Es geht um letzte Nacht.« In knappen Worten schilderte Lexie ihrer Freundin die Begegnung auf der Landstraße.

»Oh nein! Ich dachte, das hättest du endlich hinter dir mit dem Schlafwandeln!«, sagte Betty besorgt.

»Ich auch.« Lexie überlegte kurz, ob sie Betty von den merkwürdigen Déjà-vus erzählen sollte. Aber Betty sprach schon weiter.

»Und dann auch noch Grayson Fitzgerald!« Sie kannte den Namen so gut wie Lexie. »Was zur Hölle will der denn in Cerigh?«

»Genau das frage ich mich auch.« Lexie kaute auf ihrer Unterlippe. »Andrew hat nichts davon erwähnt, dass Fitzgerald sich auch für Dunmor Castle interessiert. Ich habe vor seinem Abflug nach Frankreich noch mit ihm gesprochen, und da war er sich ganz sicher, dass bei dem Geschäft mit Duncan O’Donnell nichts mehr schiefgehen kann.«

»Wie lange bleibt Andrew denn in Frankreich?«, wollte Betty wissen.

»Das konnte er noch nicht so genau sagen. Aber er kommt her, sobald er kann.«

Lexie seufzte innerlich und wünschte, ihr Boss wäre so wie sonst an ihrer Seite. Sie war so stolz darauf gewesen, dass Andrew ihr die alleinige Verantwortung für den Auftrag übertragen hatte. Aber jetzt hatte sie das Gefühl, dass ihr die Sache über den Kopf wuchs. Dieser verdammte Ort machte sie nervös. Genau wie Grayson Fitzgerald …

»Und wann triffst du dich mit O’Donnell?« Bettys Frage riss sie aus ihren Gedanken.

»In einer knappen Stunde«, erwiderte Lexie und stellte erleichtert fest, dass die Wirtin endlich mit einem gefüllten Tablett auf sie zukam. »Ich muss jetzt Schluss machen, Betty, sonst schaffe ich es nicht.«

»Okay. Schade, ich … Ach, nicht so wichtig.«

Besorgt runzelte Lexie die Stirn. »Alles in Ordnung?«

»Ja, ja, schon gut«, versicherte Betty ihr etwas zu hastig. »Halt mich einfach weiter auf dem Laufenden, ja?«

Lexie beschloss schon beim Auflegen, dass sie beim nächsten Gespräch mit ihrer Freundin noch einmal nachhaken würde. Sie kannte Betty, und da war gerade etwas in ihrer Stimme gewesen, das sie beunruhigte. Am liebsten hätte sie sogar gleich noch einmal zurückgerufen, aber die Wirtin erreichte in diesem Moment ihren Tisch, deshalb steckte sie das Handy zurück in ihre Handtasche.

»Ihr Frühstück«, sagte die Frau ohne ein Lächeln und servierte ihr wie bestellt Rührei mit Toast. Als sie die bis zum Rand gefüllte Kaffeetasse ebenfalls vom Tablett hob, zitterte ihre Hand. Lexie bemerkte es und versuchte, ihr die Tasse abzunehmen, doch die Wirtin wich ihr fast trotzig aus und stellte die Tasse selbst auf den Tisch. Wobei knallen es besser beschrieb. Die Tasse, die vorher schon bedenklich auf der Untertasse gewackelt hatte, kippte dabei um und ergoss ihren heißen Inhalt über Lexies Hand und den Tisch.

»Au!« Erschrocken zog Lexie ihre Hand zurück und sprang auf, doch es war zu spät. Die Flüssigkeit hatte den Rand des Tisches bereits erreicht und war auf Lexies grauen Rock gelaufen, wo sich mehrere hässliche braune Kaffeeflecken bildeten. »Verdammt!«

»Tut mir leid.« Betroffen sah die Frau sie an und wirkte für einen Moment wie erstarrt. Offenbar hatte sie nicht erwartet, dass ihre Aktion so viel Schaden anrichten würde. »Ich … hole etwas zum Aufwischen.«

Sie lief zur Theke, und als Lexie ihr nachsah, bemerkte sie, dass die meisten Gäste ihre Unterhaltungen unterbrochen hatten und sie anstarrten. Ihre Wangen wurden heiß, und sie war froh, als die Wirtin mit einem feuchten Lappen und einem Stapel Servietten zurückkehrte. Letzteres reichte sie Lexie, die verzweifelt an den Flecken rieb. Es half jedoch nichts.

»Den Rock kann ich heute nicht mehr anziehen«, sagte sie unglücklich und auch ein bisschen vorwurfsvoll, aber die Wirtin zuckte nur mit den Schultern.

»Tut mir leid«, wiederholte sie und wischte den Tisch ab.

Lexie kämpfte mit den Tränen, während sie ihr dabei zusah. War diese Frau wirklich so gefühllos, dass sie sich nicht mal aufrichtig entschuldigen konnte? Oder lag es an ihr? Was konnte sie denn nur getan haben, um die Wirtin derart gegen sich aufzubringen?

Und das ist noch nicht mal das Schlimmste, dachte sie und blickte auf ihren fleckigen Rock.

Sicher, es war nicht wirklich ein Problem, dass sie sich jetzt umziehen musste, schließlich hatte sie genügend Sachen zum Wechseln mitgebracht. Aber der Rock war mit der schwarzen Bluse, die sie gerne dazu kombinierte, ihr Lieblingsoutfit für Geschäftstermine. Immer wenn sie beides getragen hatte, war sie erfolgreich gewesen, und gerade heute hatte sie auf diesen Glücksbringer gebaut.

Jetzt sei nicht albern, schalt sie sich selbst und setzte sich wieder, nachdem die Frau den Tisch und ihren Stuhl sauber gewischt hatte. Das Missgeschick war ärgerlich, aber nicht zu ändern – und ganz sicher kein Grund, die Fassung zu verlieren.

»Entschuldigung, darf ich mir das mal ansehen?«

Überrascht blickte Lexie auf und sah, dass der alte Mann vom Nebentisch sich erhoben hatte und zu ihr herübergekommen war. Ohne auf ihre Antwort zu warten, setzte er sich auf den freien Stuhl und griff nach ihrer linken Hand.

»Sie haben sich verbrüht«, sagte er, und Lexie stellte überrascht fest, dass ihr Handrücken tatsächlich stark gerötet war. Jetzt, wo sie darauf achtete, tat die Stelle sogar ziemlich weh. Auch das noch, dachte sie stöhnend und fragte sich, wieso im Moment eigentlich alles schieflief.

»Sie sollten das kühlen.« Der alte Mann ließ ihre Hand wieder los, griff in sein Jackett und holte eine Visitenkarte und einen Stift heraus. Er notierte etwas auf der Rückseite der Karte und reichte sie Lexie. »Diese Salbe bekommen Sie drüben in der Apotheke«, sagte er und deutete auf den Namen, den er aufgeschrieben hatte. »Wenn Sie die Stelle damit einreiben, heilt es schneller.«

Immer noch perplex drehte Lexie die Karte um. Dr. Clark Turner, stand dort in goldgeprägten Buchstaben und darunter eine Adresse in Cerigh.

»Sie sind Arzt?«, erkundigte sie sich und betrachtete ihn verwundert. Er musste mindestens siebzig sein, also weit jenseits des Pensionsalters.

»Ja, das bin ich. Und zwar einer, der es einfach nicht lassen kann.« Der alte Mann lächelte, weil er ihre Gedanken offenbar erraten hatte. »Ich praktiziere eigentlich nicht mehr, seit ich vor ein paar Jahren meine Praxis aufgegeben habe. Aber so ganz in Rente geht man in meiner Profession wohl nie.«

Er zwinkerte ihr zu, und seine Freundlichkeit tat Lexie gut. Vielleicht waren ja doch nicht alle Leute hier so abweisend wie diese Sheila, die gerade mit einer neuen Tasse Kaffee zum Tisch kam.

»Bitte sehr«, sagte die Wirtin, eine Nuance weniger kühl als eben, dann wandte sie sich an den Arzt.

»Noch einen Tee, Clark?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf und erhob sich mühsam wieder. »Danke, ich muss jetzt weiter. Schreib’s an wie immer, ja, Sheila? Ich komme heute Nachmittag noch mal vorbei.«

Die Wirtin nickte und verschwand wieder Richtung Theke.

»Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß.« Der Arzt ging zu seinem Tisch und griff nach dem Trenchcoat, der über der Stuhllehne hing. »Für mich ist das in den nächsten Tagen zu viel Trubel. Aber Ihnen wird die Musik sicher gefallen.«

Lexie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er von dem Folkfestival sprach, das den Höhepunkt der 500-Jahr-Feier bilden würde. Offenbar nahm er an, dass sie deswegen in Cerigh war.

Er nickte ihr zu und wollte gehen, doch im letzten Moment hielt er noch einmal inne.

»Sagen Sie, waren Sie schon mal hier?«

Lexie erstarrte und spürte, wie das beklemmende Gefühl zurückkehrte, das sie seit gestern verfolgte.

»Nein. Noch nie. Wieso?«

»Ach, nichts. Ich dachte nur.«

Er schüttelte den Kopf und verließ den Pub, während Lexie ihm mit klopfendem Herzen nachstarrte. Das ist nur Zufall, dachte sie. Vielleicht sah sie jemandem ähnlich.

Hastig trank sie ihren Kaffee und aß etwas von dem Rührei, dann ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Die Entscheidung, welches Outfit ihren Lieblingsrock ersetzen sollte, fiel ihr nicht leicht, aber schließlich entschied sie sich für ein schlichtes, aber sehr schickes dunkelblaues Hemdblusenkleid und einen beigefarbenen kurzen Cardigan. Ihre Haare steckte sie hoch, so wie sie es immer tat, wenn sie einen geschäftlichen Termin hatte. Es ließ sie seriöser und ein bisschen älter wirken als vierundzwanzig. Was, wie Lexie fand, gerade bei den etwas konservativeren Kunden nicht schaden konnte. Einmal war es nämlich vorgekommen, dass ihr ein älterer Mann aufgrund ihrer Jugend Unerfahrenheit vorgeworfen hatte. Seitdem ging sie lieber auf Nummer sicher und bändigte ihr langes Haar.

Als sie fertig war, betrachtete sie sich zufrieden im Spiegel. Dann machte sie sich auf den Weg nach draußen.

Vor dem Pub hatte sie bei ihrer Ankunft keinen Parkplatz gefunden, deshalb stand ihr Auto etwas weiter entfernt vor der Kirche. Es war ein älterer froschgrüner VW Golf, den sie sich bei ihrer Ankunft in Irland vor zwei Jahren gebraucht gekauft hatte und mit dem sie bis jetzt immer zuverlässig ans Ziel gelangt war. Ihr Boss Andrew hatte trotzdem kein Faible für das Auto und ihr schon zwei Mal angeboten, ihr einen Firmenwagen zur Verfügung zu stellen. Angeblich, weil bei Geschäftsterminen der erste Eindruck zählte und er einen Golf in einer so auffälligen Farbe nicht passend fand. Das Gleiche galt im Übrigen für Lexies in die Jahre gekommenes Handy, dessen Akku sich inzwischen so schnell leerte, dass er nur ein paar Stunden am Stück durchhielt. Auch das wollte Andrew gerne auf Firmenkosten gegen ein neues Modell austauschen, und Lexie hätte grundsätzlich gerne Ja gesagt. Das Problem war nur, dass er so etwas bei Weitem nicht jedem Mitarbeiter anbot. Zumindest nicht solchen, die erst seit so kurzer Zeit in der Firma arbeiteten wie sie selbst. Andrew schien einen regelrechten Narren an ihr gefressen zu haben, und natürlich war es schön, dass er sie förderte und ständig hervorhob, wie sehr er ihre Arbeit schätzte. Aber es war Lexie auch peinlich gegenüber den Kollegen, die schon länger dabei waren. Niemand sagte ihr das ins Gesicht, doch sie war sich sicher, dass man ihr hinter vorgehaltener Hand eine Affäre mit dem Boss unterstellte, der mit seinen fast vierzig Jahren immer noch Junggeselle war. Tatsächlich fragte Lexie sich manchmal selbst, ob Andrews Motive rein geschäftlicher Natur waren oder ob er andere Hoffnungen damit verband. Offen zeigte er sein Interesse allerdings nicht. Er war nett zu ihr, hatte jedoch nie irgendwelche Annäherungsversuche unternommen. Deshalb hoffte sie, dass er tatsächlich nur an ihrer Kreativität interessiert war. Falls er sich allerdings mehr erhoffte …

Lexie seufzte tief. Dann habe ich ein Problem, dachte sie und schloss den Golf auf.

Ein schwarz gekleideter Mann trat in diesem Moment aus dem Kirchenportal. An seinem Hemdkragen erkannte Lexie trotz der Entfernung, dass es sich um einen katholischen Priester handelte. Ihm folgte eine ganze Gruppe von Frauen unterschiedlichen Alters, denen er offenbar etwas erklärte. Wahrscheinlich eine Besuchergruppe, dachte Lexie, korrigierte ihren ersten Eindruck jedoch, als sie sah, dass einige der Frauen Klemmbretter in der Hand hielten und mitschrieben, während der Priester mit den Händen gestikulierte. Offenbar besprachen sie irgendetwas, das sie vorhatten, und Lexie hätte wetten mögen, dass es mit der großen Feier zu tun hatte. Alles in Cerigh schien sich derzeit nur darum zu drehen.

Der Priester wandte den Kopf in ihre Richtung und hielt plötzlich mitten im Satz inne. Auf die Distanz konnte Lexie den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht erkennen, aber sie hatte das Gefühl, dass er sie anstarrte.

Irritiert wandte sie sich ab und wollte in den Wagen steigen.

»Halt!«

Erschrocken fuhr sie herum, als sie den Ruf vernahm und sah, dass der Priester winkend und mit sehr ernster Miene auf sie zueilte.

4

Kurz vor der niedrigen Mauer, die das Kirchengelände umgab, blieb der Mann abrupt stehen und starrte Lexie erneut an.

»Was ist denn?«, fragte sie, einen Fuß schon im Auto.

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Er wirkte zerknirscht. »Ich habe Sie von Weitem verwechselt.« Seine Stimme klang angenehm, und er lächelte jetzt, aber Lexie wusste trotzdem nicht so recht, was sie von ihm halten sollte.

Aus der Nähe erkannte sie an den grauen Strähnen in seinem mittelblonden Haar und an den Linien in seinem Gesicht, dass er ungefähr Mitte fünfzig sein musste. Aus der Ferne hatte er jünger gewirkt, was sicher an seiner sportlichen Figur und seinem federnden Gang lag. Außerdem gehörte er zu den Männern, die auch im Alter noch eine jugendliche Ausstrahlung besaßen.

»Ich bin Father Flaherty«, sagte er und deutete auf die Kirche hinter ihm. »Der Pfarrer der St. Patrick’s Church. Sie sind nicht von hier, oder?«

Lexie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich komme aus Dublin.«

Sie hatte keine Ahnung, wieso sie sich genötigt fühlte, ihm das zu sagen. Die ganze Situation war ihr plötzlich unangenehm, deshalb sah sie demonstrativ auf die Uhr. »Entschuldigen Sie, aber ich habe jetzt gleich einen Termin.«

»Natürlich.« Der Priester nickte, doch bevor sie endgültig einsteigen konnte, hielt er sie erneut zurück. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«