Dunmor Castle - Der Halt im Sturm - Kathryn Taylor - E-Book

Dunmor Castle - Der Halt im Sturm E-Book

Kathryn Taylor

0,0
8,99 €

Beschreibung

Kann sie Grayson wirklich trauen? Lexie Cavendish hat sich trotz aller Bedenken leidenschaftlich in den gutaussehenden Iren verliebt. Denn auf Dunmor Castle, dem Sitz seiner Familie, muss sie um ihre Sicherheit fürchten. Offenbar will jemand mit allen Mitteln verhindern, dass sie das Schicksal ihrer Mutter aufklärt, die vor zwanzig Jahren spurlos aus der Burg verschwand. Ist Grayson Teil dieser Intrige? Als er ihr vorwirft, sein Vertrauen zu missbrauchen, fasst sie einen folgenschweren Entschluss: Sie wird sich allein den Dämonen der Vergangenheit stellen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 460




Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmung12345678910111213141516171819202122232425262728293031

Über das Buch

Kann sie Grayson wirklich trauen? Lexie Cavendish hat sich trotz aller Bedenken leidenschaftlich in den gutaussehenden Iren verliebt. Denn auf Dunmor Castle, dem Sitz seiner Familie, muss sie um ihre Sicherheit fürchten. Offenbar will jemand mit allen Mitteln verhindern, dass sie das Schicksal ihrer Mutter aufklärt, die vor zwanzig Jahren spurlos aus der Burg verschwand. Ist Grayson Teil dieser Intrige? Als er ihr vorwirft, sein Vertrauen zu missbrauchen, fasst sie einen folgenschweren Entschluss: Sie wird sich allein den Dämonen der Vergangenheit stellen …

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End ging ihr Traum in Erfüllung: Bereits mit ihrem zweiten Roman hatte sie nicht nur viele begeisterte Leser im In- und Ausland gewonnen, sie eroberte auch prompt Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit Daringham Hall – Das Erbe startet sie eine neue Trilogie über große Gefühle und lang verborgene Geheimnisse auf einem englischen Landgut.

Kathryn Taylor

DUNMOR CASTLE

Der Halt im Sturm

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

  

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

  

Textredaktion: Ann-Kathrin Schwarz, Berlin

Titelillustration: © Irene Lamprakou | Arcangel Images; © www.buersosued.de

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

  

ISBN 978-3-7325-7255-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

 

Für meine Kinder

1

Lexie hing in der Luft. Schwebte zwischen Leben und Tod. Sie konnte den Boden unter sich nicht sehen, aber sie wusste, dass die Steinplatten, die das Erdgeschoss des Wehrturms bedeckten, unerbittlich sein würden. Wenn sie da runterfiel …

»Zieh mich rauf!«, flehte sie voller Angst und blickte zu Grayson hoch, der sich über den Rand des Lochs beugte, das im Holzboden des ersten Stocks klaffte und durch das sie gefallen war. Er hatte sie gerade noch zu fassen bekommen, bevor sie abgestürzt war, und sie hing jetzt an seiner Hand. Aber für wie lange noch? Sie hatte das Gefühl, dass ihre Finger mit jeder Sekunde weiter aus seiner Umklammerung glitten.

»Grayson, bitte!«

Der Schein der Taschenlampe, die neben ihm am Rand des Lochs lag, erhellte sein Gesicht, und Lexie erkannte die Anstrengung, die darin lag. Dann, endlich, streckte er ihr auch den linken Arm entgegen.

»Gib mir deine andere Hand«, wies er sie an und griff danach, als Lexie den Arm hochstreckte, schloss die Finger fest um ihre. Er holte tief Luft und stieß einen fast unmenschlichen Laut aus, während er Lexie mit aller Kraft hochzog.

Sie hatte keine Ahnung, wie er es fertigbrachte, aber er schaffte es, ihren Oberkörper wieder auf die Holzbohlen zu hieven. Für einen Moment hielt er inne, um zu Atem zu kommen, dann zerrte er sie weiter über die Kante. Der Stoff ihres dünnen Nachthemds blieb an dem rauen Holz hängen und riss. Ihre Haut schürfte auf, aber das war Lexie egal. Sie wollte nur weg von diesem Loch, das für sie fast zu einer tödlichen Falle geworden wäre. Sobald ihre Füße wieder Halt fanden, half sie mit, schob sich über den Boden, bis sie das Gefühl hatte, dass der Abstand groß genug war. Erst dann entspannte sie sich wieder, und auch Grayson ließ sich erschöpft nach hinten sinken und blieb schwer atmend liegen.

Lexie lag halb auf ihm. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust, und sie hörte seinen schnellen Herzschlag, spürte, wie seine Rippen sich hoben und senkten. Erleichterung durchflutete sie, gefolgt von der Erkenntnis, wie unglaublich knapp das gewesen war. Ich könnte jetzt tot sein, dachte sie und krallte die Hände in Graysons Hemd.

Für einen lagen Moment lagen sie einfach nur da und versuchten, sich zu beruhigen. Dann löste Grayson sich von Lexie, richtete den Oberkörper auf und zog sie mit sich, bis sie beide saßen. Im Halbdunkeln erkannte sie, dass seine Augen zornig funkelten.

»Was zur Hölle machst du hier?« Seine Hände schlossen sich schmerzhaft um ihre Oberarme, und sie hatte das Gefühl, dass er sich nur mühsam davon abhalten konnte, sie zu schütteln. »Ich dachte, du liegst im Bett und schläfst. Spionierst du mir etwa nach?«

»Was? Nein!« Verwirrt starrte sie ihn an.

Sie war davon ausgegangen, dass er hier war, weil er gemerkt hatte, dass sie nicht mehr neben ihm lag. Er musste jedoch schon vor ihr das Zimmer verlassen haben. Aber wo war er gewesen? Und was hatte er zu verbergen, wenn er glaubte, dass sie ihm nachspionierte?

Graysons Finger schlossen sich noch enger um ihre Arme. »Antworte mir, Lexie. Was hast du hier im Wehrturm zu suchen?«

»Ich hatte einen Alptraum. Denselben, den ich immer habe. Ich laufe darin vor einem Schatten weg. Und dabei … ist es wieder passiert.« Sie senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. »Du weißt schon.«

Grayson ließ sie los. »Das Schlafwandeln?«

Sie nickte, ohne den Kopf zu heben. »Als ich aufgewacht bin, war ich unten im Festsaal. Aber das habe ich nur herausgefunden, weil ich eine der Ritterrüstungen umgerissen habe. Es war stockdunkel, und ich konnte mich zuerst nicht orientieren.«

Ein Zittern durchlief sie, als sie den furchtbaren Moment noch einmal durchlebte. Jeder Mensch hatte vor irgendetwas besonders Angst, und für sie gab es nichts Schlimmeres, als im Dunkeln allein zu sein. Sie war aus einem Alptraum erwacht und hatte sich direkt in einem noch schlimmeren wiedergefunden.

Grayson legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Dann ließ er den Arm wieder sinken. »Und was dann?«

»Ich wollte Licht machen, aber die Lampen ließen sich nicht einschalten. Und dann war da plötzlich jemand am anderen Ende des Saals und hat mit einer Taschenlampe geleuchtet.« Lexie schluckte bei der Erinnerung an die unheimliche Begegnung. »Ich konnte nicht erkennen, wer es war, aber als ich gerufen habe, ist derjenige vor mir weggelaufen. Ich war in Panik und bin ihm einfach gefolgt, bis hierher in den Wehrturm. Dann war das Licht plötzlich weg, und ich hörte einen Schmerzensschrei, der von oben kam.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich … bin die Treppe raufgegangen. Warum weiß ich gar nicht mehr. Es war wie ein Zwang. Ich wollte nachsehen, wer sich dort versteckt. Erkennen konnte ich nichts, weil es so dunkel war, und es schien niemand da zu sein. Aber dann war da plötzlich doch jemand hinter mir. Ich habe mich furchtbar erschrocken und bin zurückgewichen. An das Loch im Boden habe ich nicht mehr gedacht. Ich dachte wirklich, dass ich abstürze. Wenn du nicht gekommen wärst …« Sie hielt inne und starrte ihn an. »Wieso bist du eigentlich hier?« Ein Schauer rann ihr über den Rücken, während sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. »Warst du das etwa im Saal? Bist du vor mir weggelaufen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Aber …«

Ein leises Wimmern drang aus der Dunkelheit hinter ihnen und ließ Lexie erstarren.

2

Da ist jemand!« Instinktiv schob Lexie sich näher an Grayson heran, suchte Schutz bei ihm.

»Ja, das ist …« Grayson hielt inne, weil in diesem Moment Schritte und aufgeregte Stimmen durch den Turm hallten. Taschenlampenlicht drang durch das Loch im Boden und ließ helle Kreise über die Holzdecke des nächsten Stocks über ihnen tanzen.

»Grayson? Wo bist du?«

»Hast du sie gefunden?«

Lexie erkannte, dass es zwei Stimmen waren, die da riefen. Eine gehörte Graysons Großmutter Agatha O’Donnell, die andere dem alten Arzt Doktor Turner.

»Wir sind hier oben!«, rief Grayson. Er schob sich ein Stück in Richtung Loch, beugte sich vor und streckte den Arm aus, sodass er an die eingeschaltete Taschenlampe herankam, die immer noch am Rand des Lochs lag.

Die Schritte kamen näher, erklangen jetzt auf der schmalen, geländerlosen Treppe, die an der Wand des runden Turms nach oben führte. Sie endete an einer Luke, auf die Grayson die Taschenlampe richtete. Dann ließ er den Lichtkegel an der Wand entlangwandern, bis dieser eine zusammengekauerte Gestalt erfasste.

Lexie sog schockiert die Luft ein, als sie die alte Frau erkannte. Es war Fanny O’Donnell, Graysons Großtante.

Sie hatte genau wie Lexie nur ein Nachthemd an. Ihres war jedoch knöchellang und aus einem festen Flanellstoff, darüber trug sie eine Wollstrickjacke. Sie hatte die Arme um ihre angezogenen Knie geschlungen und wippte unruhig vor und zurück, während sie mit weit aufgerissenen Augen zu Lexie und Grayson hinübersah. Ihr graues Haar, das sonst zu einem strengen Dutt zusammengefasst war, fiel ihr wirr über die Schultern.

»Es war Fanny?«, fragte Lexie entsetzt. »Sie hat mich so erschreckt, dass ich abgestürzt bin?«

Grayson nickte. »Ich fürchte, ja. Sie saß schon da, als ich hier ankam. Aber ich musste zuerst dir helfen.«

Er wollte aufstehen und zu Fanny gehen, doch in diesem Moment öffnete sich die Luke, und Agatha und Doktor Turner kletterten hindurch. Das Licht ihrer Taschenlampen huschte durch den Raum.

Außer der am Boden kauernden Fanny gab es jedoch nichts zu sehen. Der erste Stock des Wehrturms von Dunmor Castle, der nur aus einem einzigen runden Raum bestand, war noch genauso leer wie vor ein paar Tagen, als Lexie ihn zum ersten Mal besichtigt hatte.

»Gott sei Dank! Da ist sie ja!« Doktor Turner sank neben Graysons Großtante auf die Knie, ohne auf Lexie und Grayson zu achten.

Agatha hingegen blieb stehen und starrte Lexie überrascht an. »Miss Cavendish, um Himmels willen! Was machen Sie denn mitten in der Nacht hier oben?«

»Ich …« Lexie stockte und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Ihr Schlafwandeln war eine Schwäche, die sie nur sehr ungern zugab. Es war schlimm genug, dass Grayson davon wusste.

»Sie hat das Licht von Fannys Taschenlampe gesehen und dachte, es wäre ein Einbrecher«, sagte Grayson an ihrer Stelle. »Deshalb ist sie Fanny bis hierher gefolgt und wäre im Dunkeln beinahe durch das Loch gefallen.« Er stand auf und half Lexie hoch, während er in kurzen Worten schilderte, wie es ihm gelungen war, sie zu retten.

»O mein Gott! Ein Glück, dass du rechtzeitig da warst.« Agatha blickte zu ihrer Schwägerin hinüber, der Doktor Turner ebenfalls gerade beim Aufstehen half. »Und was ist mit Fanny?«

»Sie hat sich den Knöchel verstaucht«, sagte der alte Arzt. »Am besten bringen wir sie runter in ihr Zimmer.« Er wandte sich an Lexie. »Wie steht es mit Ihnen? Alles in Ordnung? Haben Sie sich verletzt?«

Lexie schüttelte den Kopf. Abgesehen von den Abschürfungen an ihrem Bauch und ihren Knien und dem dumpfen Schmerz in ihrer Schulter, in der ihre Muskeln offensichtlich überdehnt waren, ging es ihr körperlich gut. Aber die Erinnerung daran, was gerade fast passiert wäre, brachte den Schrecken der letzten Minuten zurück und ließen sie auf einmal unkontrolliert zittern.

»Ich … bin okay«, versicherte sie mit klappernden Zähnen, aber es klang auch in ihren eigenen Ohren nicht sehr überzeugend.

»Der Doc sollte dich lieber auch untersuchen«, sagte Grayson auf diese entschiedene Art, die keinen Widerspruch duldete.

Und Lexie musste zugeben, dass sie im Grunde dankbar war, sich um nichts kümmern zu müssen. Sie fühlte sich schwach und lehnte sich an ihn, als er den Arm um sie legte und sie zur Luke führte. Er half ihr die Treppe hinunter, und sie folgten Agatha und den beiden anderen zurück in den Wohntrakt der Burg.

Die Lampen in den Fluren brannten wieder, wie Lexie registrierte. Doch ansonsten nahm sie nur wie durch einen Nebel wahr, dass Grayson sie in das Wohnzimmer von Agatha und Fanny brachte, wo Doktor Turner sich ihre Abschürfungen ansah und ihren Puls und ihre Reflexe kontrollierte.

Erst als sie schließlich allein und in Decken gewickelt auf dem zierlichen Sofa saß, gelang es ihr, die merkwürdige Erstarrung abzuschütteln. Sie ließ den Blick durch den Raum gleiten, den sie mit Graysons Hilfe umdekoriert hatte. Das war erst vorgestern gewesen, aber in der Zwischenzeit war so viel passiert, dass es ihr vorkam, als wäre seitdem eine Ewigkeit vergangen.

»Hier.« Grayson kam wieder ins Zimmer, reichte ihr einen Becher Tee und setzte sich ihr gegenüber auf einen der Sessel. Agatha und Doktor Turner kümmerten sich immer noch um Fanny, man hörte ihre Stimmen gedämpft durch die geschlossene Tür aus dem Zimmer nebenan dringen.

Der Sessel, in dem Grayson saß, war viel zu filigran für ihn und betonte seine Größe und seine breiten Schultern. Er sah müde aus, und auf seinen Wangen lag ein dunkler Bartschatten. Aber das macht ihn nicht weniger attraktiv, dachte Lexie und versuchte, das Ziehen in ihrer Herzgegend zu ignorieren. Sie hätte gerne seine Nähe gesucht, so wie vorhin, als sie zusammen in seinem Bett gelegen hatten. Aber er wirkte jetzt so distanziert und ernst, dass sie den Mut dazu nicht aufbrachte.

»Wo ist eigentlich dein Vater?«, fragte sie, um ihre Unsicherheit zu überspielen, aber auch, weil es sie wunderte, dass Duncan O’Donnell noch nicht zu ihnen gestoßen war. Seine beiden Zimmer lagen nur über den Flur, deshalb hätte er eigentlich etwas von dieser ganzen Aufregung mitbekommen müssen.

»Ich glaube, er ist nicht da. Sein Auto steht jedenfalls nicht im Hof.« Grayson verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. »Man könnte den Eindruck bekommen, dass er von hier flieht, wann immer er kann, so selten, wie er in den letzten Tagen hier war. Kein Wunder, dass er die Burg unbedingt loswerden will.«

In seiner Stimme schwang ein gereizter Unterton mit, wie immer, wenn es um seinen Vater ging. Das Verhältnis der beiden war extrem angespannt, und alles, was Duncan tat, schien Grayson aufzuregen. Deshalb bereute Lexie ihre Frage. Sie schmiegte sich noch ein bisschen enger in die Decke, die um ihre Schultern lag. Was Grayson nicht entging, denn er musterte sie aufmerksam.

»Wie fühlst du dich?«

»Besser«, erwiderte Lexie und verlor sich für einen Moment in seinen blauen Augen. Sofort kehrten andere, angenehmere Erinnerung zurück. Daran, wie Graysons Lippen sich auf ihren angefühlt hatten. Oder sein Körper an ihrem. Seine warme Haut mit den kräftigen Muskeln darunter. Wie es gewesen war, ihn in sich zu spüren …

Hastig wandte Lexie den Kopf ab und starrte auf die kleine Lampe, die auf dem Beistelltisch neben dem Sofa stand.

Wie hatte sie sich nur so weit vergessen können, dass sie mit Grayson im Bett gelandet war? Sie hätte Abstand zu ihm wahren müssen, weil er der Konkurrent ihres Chefs war. Doch anstatt darauf zu achten, dass ihr Verhältnis rein beruflich blieb, war sie schwach geworden. Was leichtsinnig gewesen war und fahrlässig und absolut unvernünftig.

Aber schon seit ihrer ersten Begegnung fühlte sie sich gegen ihren Willen zu ihm hingezogen, und als sie gestern Abend in sein Zimmer gelaufen war, um ihm zu sagen, dass sie jemanden in den Turm hatte schleichen sehen, war es einfach passiert, ohne dass sie es hätte aufhalten können. Und es war eine ganz neue Erfahrung für sie gewesen, so sinnlich und berauschend, dass es sie zutiefst erschüttert hatte. So etwas hatte sie mit einem Mann noch nie erlebt, und jetzt wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie wusste nicht mal, ob sie es wirklich bereute …

Unsicher richtete sie den Blick wieder auf Grayson und stellte fest, dass er sie immer noch ansah. Sie hatte so viele Fragen, aber die erste, die sie ihm stellte, war die profanste davon.

»Wieso geht das Licht wieder?« Sie deutete auf die Lampe. »Ich dachte, der Strom wäre ausgefallen.«

»Das war er auch«, bestätigte Grayson. »Ich habe es gemerkt, als du schon geschlafen hast, und bin aufgestanden, um das zu beheben. Ich wollte nicht, dass du aufwachst und dich erschreckst, weil die Nachttischlampe nicht brennt.«

Überrascht sah Lexie ihn an. Sie ließ tatsächlich nachts immer ein Licht an, und obwohl sie sich noch nicht lange kannten, schien Grayson begriffen zu haben, wie wichtig das für sie war.

»Das … war nett von dir.«

Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Es wäre nett gewesen, wenn ich es geschafft hätte. Aber die Elektrik der Burg ist viel maroder, als ich dachte. Jedenfalls ließ sich die verdammte Sicherung nicht wieder reindrehen.«

»Und wieso geht der Strom dann trotzdem wieder?«

Er zuckte mit den Schultern. »Grandma muss es irgendwie geschafft haben, zumindest für diesen Teil der Burg. Sie kennt sich mit der Anlage besser aus als ich und kam kurz nach mir zum Sicherungskasten. Sie wollte sich darum kümmern, was sie offenbar getan hat.«

»Und wieso hast du ihr nicht geholfen?«, fragte Lexie.

»Weil Fanny nicht mehr in ihrem Zimmer war und ich sie suchen musste.« Grayson seufzte. »Sie ist nämlich in letzter Zeit ein bisschen wie du.«

»Wie ich?« Irritiert runzelte Lexie die Stirn. »Dann schlafwandelt sie auch?«

»Nein, das nicht. Aber sie geistert nachts durch die Burg. Dabei ist sie schon mal gefallen und hat sich verletzt, deshalb sind wir lieber vorsichtig und haben ein Auge auf sie. Manchmal findet sie sich dann nämlich nicht zurecht.«

Lexie dachte an Fannys bandagierte Hand. Agatha hatte ihr gesagt, dass Fanny gestürzt war, aber nicht erwähnt, dass es bei einem nächtlichen Ausflug durch die Burg passiert war. Außerdem konnte das doch alles nicht stimmen.

»Deine Großtante verläuft sich in der Burg? Wieso sollte sie das tun? Sie lebt doch schon ihr ganzes Leben hier.« Misstrauisch sah sie ihn an. »Machst du dich über mein Schlafwandeln lustig? Wenn ja, dann finde ich das …«

»Nein, verdammt!«, unterbrach Grayson sie. »Es stimmt. Fanny ist in letzter Zeit ziemlich oft verwirrt. Vor allem nachts. Wir haben einfach Angst, dass ihr etwas passieren könnte, wenn wir nicht auf sie aufpassen.«

Dann ist sie tatsächlich ein bisschen wie ich, dachte Lexie. Mit dem Unterschied, dass nach ihr selbst keiner suchte, wenn sie nachts umherirrte. Es war reiner Zufall gewesen, dass Grayson rechtzeitig im Wehrturm angekommen war, um sie zu retten. Eigentlich hatte er sich Sorgen um seine Großtante gemacht. Fanny hatte er finden wollen, nicht sie.

Aber wenigstens wusste sie jetzt, wem sie im Dunkeln gefolgt war. »Und warum ist Fanny vor mir weggelaufen? Sie kennt mich doch.«

»Das stimmt«, sagte Grayson. »Aber in diesen Momenten scheint etwas bei ihr auszusetzen. Sie reagiert dann einfach nicht mehr normal.«

»Hat sie mir deshalb nicht geholfen, als ich abgestürzt bin?«

»Ich fürchte, ja.« Grayson stieß die Luft aus. »Sie meint das nicht so, Lexie. Sie ist ein herzensguter Mensch, wirklich. Nur nicht, wenn sie in diesem Zustand ist.«

Lexie runzelte die Stirn, als ihr plötzlich etwas klar wurde. »Du wusstest das die ganze Zeit, oder? Das Licht, das ich mehrfach im Wehrturm gesehen habe – dir war klar, wer das ist. Und du wusstest auch, dass ich Doktor Turner wirklich gestern Abend auf dem Hof gesehen habe. Aber du hast gesagt, da wäre niemand, und so getan, als würde ich mir das alles einbilden.« Sie schluckte und spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen, als ihr ein scheußlicher Gedanke kam. »Hast du deshalb mit mir geschlafen? Wolltest du mich nur ablenken?«

Mein Gott, dachte sie, völlig entsetzt. Grayson hatte ihr das Gefühl gegeben, eine begehrenswerte Frau zu sein. Aber stimmte das überhaupt? Oder hatte er ihr nur etwas vorgespielt, damit sie nicht merkte, was auf der Burg vor sich ging? Vielleicht hatte er sich überwinden müssen, sie zu küssen, und fand sie in Wirklichkeit gar nicht attraktiv. Vielleicht …

»Nein.« Grayson schüttelte vehement den Kopf. »Das mit uns, das war … nicht geplant.«

Für einen Moment schwiegen sie beide, und Lexie versuchte, in seinen Augen zu lesen, ob das stimmte. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm glaubte. Tatsächlich war sie sich gar nicht mehr sicher wegen irgendetwas.

»Und warum hast du mir das mit Fanny dann nicht gesagt?«

Graysons Gesicht verschloss sich. »Weil es niemand wissen darf.«

»Und warum nicht?«

»Herrgott, weil …« Er hielt inne und machte eine hilflose Geste mit der Hand. »Weil es Fanny peinlich ist, okay? Sie will nicht, dass die Leute über sie reden.«

Lexie fiel ein, dass Doktor Turner vor ein paar Tagen ganz ähnlich reagiert hatte, als sie ihn auf einen seiner nächtlichen Hausbesuche angesprochen hatte. Er war sehr erpicht darauf gewesen, dass niemand sonst davon erfuhr. Und er hatte genau wie Agatha und Grayson behauptet, dass Fanny an »Kreislaufproblemen« litt, was offensichtlich nicht stimmte. Also zogen alle drei an einem Strang, um Fannys merkwürdiges Verhalten zu verschleiern. Und Lexie verstand das durchaus, schließlich hatte sie schon mitbekommen, wie schnell sich Dinge unten in Cerigh herumsprachen. Aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es hier nicht nur um Fannys guten Ruf ging. Sie hatte schon länger den Verdacht, dass Grayson ihr nicht die ganze Wahrheit sagte.

Sie musterte ihn und wartete, bis er sie wieder ansah. Dann holte sie tief Luft.

»Das ist nicht der wahre Grund, oder?«, sagte sie und hielt seinen Blick fest. »Was ist hier los, Grayson? Was verschweigt ihr?«

3

In Graysons blauen Augen flackerte kurz etwas auf, aber sein Gesicht blieb unbewegt.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte er.

Lexie ließ sich nicht beirren. »Das passt doch alles nicht, Grayson. Dass es deiner Großtante schlecht geht, ist furchtbar, und ich verstehe, dass ihr sie schützen wollt. Aber deswegen haltet ihr es nicht geheim. Es geht um mehr.«

Graysons Augen wurden schmal. »Und um was, deiner Meinung nach?«

»Das weiß ich nicht. Aber es hat etwas mit der Burg zu tun.« Sie hielt inne und versuchte in Worte zu fassen, was ihr seltsam vorkam. »Seit meiner Ankunft versuchst du ständig, mich von meiner Arbeit abzuhalten. Weil du nicht willst, dass ich Pläne für die Renovierung der Burg mache. Das ist das eigentliche Problem, oder? Deshalb ist es dir so wichtig, dass dein Vater Dunmor an dich verkauft und nicht an meinen Boss. Nicht weil Andrew dein Konkurrent ist und du gegen ihn gewinnen willst. Oder um deiner Großmutter und deiner Großtante ihr Wohnrecht zu sichern. Das dachte ich zuerst, aber das ist nicht der Grund. Du willst einfach nur verhindern, dass hier irgendetwas verändert wird. Warum, Grayson? Wieso muss alles so bleiben, wie es ist?«

Er schwieg einen langen Moment, und der überraschte Ausdruck in seinen Augen sagte ihr, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

»Das liegt doch auf der Hand. Fanny ist verwirrt. Jede Veränderung würde ihren Zustand verschlimmern.«

Lexie schüttelte den Kopf. »Ja, ich weiß. Aber es wäre keine Katastrophe. Genau das hast du aber gesagt. Du meintest, dass Andrew die Burg nicht bekommen darf, weil er dann alles ›auf den Kopf stellt‹. Die Vorstellung hat dir Angst gemacht.«

Grayson stand auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Natürlich macht mir diese Vorstellung Angst. Dein Boss ist ein windiger Betrüger, der mir schon mehrfach bewiesen hat, zu welchen miesen Tricks er fähig ist. Wenn er Dunmor in die Finger bekommt, dann lässt er keinen Stein auf dem anderen. Er wird keine Rücksicht auf meine Großmutter und meine Großtante nehmen, egal, was er jetzt behauptet. Lebenslanges Wohnrecht, pah! Er wird sie rausschmeißen, und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei leben sie hier schon fast ihr ganzes Leben lang. Dunmor ist der Stammsitz meiner Familie, Lexie. Ist es wirklich so unverständlich, dass ich den Verkauf der Burg verhindern will?«

Nein, dachte Lexie und seufzte innerlich. Das verstand sie sehr gut. Und genau das brachte sie immer mehr in Bedrängnis.

Als sie nach Donegal gekommen war, um im Auftrag von Howard Enterprises ein Konzept zur Umgestaltung von Dunmor Castle zu erarbeiten, hatte sie noch nicht geahnt, dass es kein normaler Job werden würde. Ihr Boss Andrew, der mit Immobilien handelte und die Burg in ein Luxushotel verwandeln wollte, hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass sein schärfster Konkurrent und persönlicher Intimfeind Grayson Fitzgerald sich in dieses Geschäft einmischen würde. Insgeheim wunderte Lexie sich ziemlich über diese Fehleinschätzung, denn Grayson hatte als unehelicher Sohn des Besitzers natürlich auch ein persönliches Interesse an Dunmor Castle. Die familiäre Verbindung brachte Grayson bisher jedoch keine Vorteile, denn Duncan O’Donnell weigerte sich, das Kaufangebot seines Sohnes auch nur in Erwägung zu ziehen – eine Tatsache, über die Lexie eigentlich froh hätte sein müssen. Andrew brauchte dieses Geschäft nämlich dringend, um die Firma finanziell über Wasser zu halten, und das würde auch ihren Job als Innenarchitektin sichern, den sie gerne machte und auf keinen Fall verlieren wollte.

Tatsächlich freute sie sich aber überhaupt nicht. Es fühlte sich falsch an, dass Grayson die Burg nicht übernehmen konnte, auch wenn sie sich das selbst nicht gern eingestand.

»Andrew ist kein windiger Betrüger«, sagte sie. »Und er wendet auch keine miesen Tricks an.«

»Doch, er …«

»Und im Übrigen liegt es einzig und allein an deinem Vater«, unterbrach sie ihn, bevor er in eine erneute Schimpftirade ausbrechen konnte. »Er entscheidet, wem er die Burg verkauft. Und wenn er Andrew vorzieht, ist er wahrscheinlich nicht der Meinung, dass deiner Großtante die anstehenden Veränderungen schaden würden.«

»Er weiß es doch gar nicht«, sagte Grayson hitzig, schien seine Worte jedoch sofort zu bereuen.

»Er weiß nicht, wie schlecht es Fanny geht?« Überrascht sah Lexie ihn an. »Dann sag es ihm.«

»Das geht nicht. Fanny will nicht, dass Dad etwas davon mitbekommt.«

»Was?« Lexie stieg langsam nicht mehr durch. »Warum nicht?«

Grayson fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Sie hat ihre Gründe, okay? Und die muss ich respektieren. Im Übrigen glaube ich nicht, dass Dad seine Meinung ändert. Er sagt, er muss an Andrew verkaufen. Das waren seine Worte. Dass er es tun muss. Offenbar fühlt er sich dazu gezwungen, weil dein Boss ihn mit irgendetwas in der Hand hat.«

Deshalb versucht er so verzweifelt, Andrew unlautere Methoden zu unterstellen, dachte Lexie. Weil er das Gefühl hat, dass es seine einzige Chance ist, den Verkauf an Howard Enterprises zu verhindern.

»Das ist doch Unsinn«, widersprach sie. »Du musst deinem Vater einfach die Wahrheit sagen. Wenn du mit offenen Karten spielst, dann …«

»Auf deine Ratschläge kann ich verzichten«, fuhr Grayson sie an. »Es ist nicht deine Angelegenheit, Lexie. Du hast es selbst gesagt: Du machst hier nur deinen Job. Also halt dich aus unseren Familienangelegenheiten raus. Das geht dich nichts an.«

Sein Blick war jetzt eisig, und Lexie hatte das Gefühl, dass die Kälte darin bis in ihr Herz vordrang. Natürlich, dachte sie, was hast du denn erwartet? Dass er dich ins Vertrauen zieht, nur weil du mit ihm geschlafen hast? Ihm hatte das offenbar nicht viel bedeutet, und sie war selbst schuld, wenn sie etwas in ihre gemeinsame Nacht hineininterpretierte.

»Okay.« Sie musste den Blick senken, weil sie nicht wollte, dass er ihr ansah, wie sehr seine Worte sie getroffen hatten. »Wenn das so ist.«

Er stieß die Luft aus. »Verdammt, Lexie, ich …«

Die Tür zu Fannys Zimmer öffnete sich, und Doktor Turner kam mit seiner Arzttasche herein, deren dunkelbraunes Leder schon so abgenutzt war, dass es an vielen Stellen heller schimmerte. Er stellte die Tasche neben einem der Sessel ab und seufzte. »Sie hat sich wieder beruhigt«, sagte er mit erschöpfter Stimme. »Aber wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass sie …«

Er hielt inne, als sein Blick auf Lexie fiel. Offenbar war ihm kurzfristig entfallen, dass sie ebenfalls hier war. Und er schien auch jetzt erst die angespannte Stimmung zwischen Lexie und Grayson wahrzunehmen.

»Ähm … alles in Ordnung?«, fragte er zögernd. »Geht es Ihnen besser?«

»Ja.« Lexie schälte sich aus den Decken. »Vielen Dank für den Tee. Ich denke, ich werde versuchen, noch ein bisschen zu schlafen.«

Sie stand auf und wollte gehen, aber sie kam nur bis zur Tür. Dann war Grayson bei ihr und umfasste ihren Arm.

»Ich bringe dich rauf.«

»Nicht nötig.« Sie machte sich von ihm los. »Ich komme zurecht.«

»Dann nimm dir wenigstens eine Decke mit. Du frierst doch«, beharrte er, und da hatte er recht. Der wärmende Wollstoff fehlte ihr, vor allem weil durch die geöffnete Tür kühle Luft hereinzog. Aber Lexie schüttelte trotzdem den Kopf.

»Es ist ja nicht weit.«

Sie nickte Doktor Turner zu und trat in den Flur. Als sie ein paar Schritte gegangen war, blieb sie stehen und wandte sich noch einmal zu Grayson um.

»Danke, dass du mir das Leben gerettet hast. Ich hoffe, ich muss deine Hilfe nie wieder in Anspruch nehmen.«

Hastig drehte sie sich wieder um und lief den Korridor entlang, während sie verzweifelt gegen die Tränen kämpfte, die ihr schon wieder in den Augen brannten.

*****

Graysons erster Impuls war, Lexie zu folgen. Er tat es nicht, aber die Vorstellung, sie allein rauf in ihr Zimmer gehen zu lassen, löste ein Ziehen in seinem Magen aus. Er wollte bei ihr sein und sich persönlich davon überzeugen, dass sie heil dort ankam. Was absolut lächerlich war, wenn man bedachte, dass er ihr gerade noch gesagt hatte, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollte.

Das mussten die Nachwirkungen des Schocks sein. Er war einfach noch nicht fertig damit, dass sie vorhin beinahe abgestürzt wäre. Das Bild, wie sie am Rand des Lochs hing, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt und verfolgte ihn auch jetzt noch. Er hatte zwar sofort reagiert und war die Treppe hochgehechtet, und er hatte sie zum Glück auch noch rechtzeitig zu fassen bekommen. Aber als Lexie dann an seiner Hand gehangen hatte, war er für einen Moment wie erstarrt gewesen. Die Angst, dass er es vielleicht nicht schaffen würde, sie zu retten, hatte ihn gelähmt, und es hatte endlose Sekunden gedauert, bis er wieder handeln konnte. Wie es ihm gelungen war, sie wieder hochzuziehen, wusste er selbst nicht, aber anstatt erleichtert zu sein, war er furchtbar wütend auf sie gewesen. Weil sie es immer wieder schaffte, sich in Gefahr zu bringen, und weil seine Sorge um sie mit jedem Mal wuchs.

Verdammt, er wollte so etwas nicht empfinden. Ganz abgesehen davon, dass er sich damit lächerlich machte. Lexie war eine erwachsene Frau und in der Lage, allein in ihr Zimmer zu gehen. Und sie hatte außerdem mehr als deutlich gemacht, dass sie auf seine Begleitung keinen Wert legte. Es war also ziemlich müßig, hier zu stehen und ihr hinterherzustarren. Deshalb wandte er sich abrupt ab und ging zurück ins Wohnzimmer.

Clark musterte ihn prüfend.

»Hast du es ihr gesagt?«

»Nein, natürlich nicht. Aber sie ahnt etwas.« Grayson ließ sich wieder in den zierlichen Sessel sinken, auf dem er vorhin schon gesessen hatte. Nachdenklich starrte er zu dem Sofa hinüber, auf dem die Decken noch so lagen, wie Lexie sie zurückgelassen hatte. »Ich hätte vorsichtiger sein müssen.«

Und zwar von Anfang an, dachte er. Er hatte keine Ahnung, wieso er immer wieder vergaß, dass Lexie eine enge Mitarbeiterin seines Rivalen war. Oder warum er es, verdammt noch mal, nicht schaffte, Distanz zu ihr zu wahren.

»Es darf nicht herauskommen«, mahnte ihn der alte Arzt. »Du weißt, was dann passiert.«

Grayson sprang wieder auf und begann, im Raum auf und ab zu laufen. »Herrgott, ja, das weiß ich. Aber was, wenn wir es nicht verhindern können? Wenn Dad die Burg wirklich an Andrew Howard verkauft?« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Vielleicht hat Lexie recht, und ich sollte noch mal mit ihm reden. Wenn er die Wahrheit wüsste, dann …«

»Nein!« Clark war blass geworden. »Duncan darf es nicht erfahren. Du weißt, wie wichtig das für Fanny ist.«

»Wenn ich den Verkauf nicht auf andere Weise verhindern kann, dann wird mir aber nichts anders übrig bleiben«, erinnerte ihn Grayson.

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Du hast versprochen, dass du es schaffst. Wir zählen auf dich!«

Grayson erwiderte nichts darauf und wünschte sich insgeheim, er wäre nicht ganz so selbstsicher gewesen, was diese Angelegenheit anging. Als Firmenchef war er Herausforderungen gewohnt. Aber bei seinen Geschäften ging es um Risiken, die er einschätzen und kontrollieren konnte. Das hier war etwas anderes. Ihm waren die Hände gebunden – etwas, das er nur schwer ertrug. Außerdem gab es da noch etwas anderes, etwas, mit dem er schon sehr lange nicht mehr konfrontiert worden war. Er hatte Angst. Um Fanny und Agatha. Davor, dass ihm diese Sache entglitt. Und zwar in jeder Hinsicht, dachte er und sah Lexies Gesicht vor seinem inneren Auge auftauchen.

»Fanny schläft jetzt.« Agatha trat aus dem Schlafzimmer und schloss leise die Tür. Ihr Gesicht wirkte grau, und man sah ihr an, wie sehr die letzten Stunden sie mitgenommen hatten. Mit einem resignierten Seufzen ließ sie sich in einen der Sessel sinken. »Was sollen wir denn bloß machen? So geht es doch nicht weiter.«

Nein, dachte Grayson. Aber eine Antwort hatte er genauso wenig wie Clark.

Für einen Moment schwiegen sie alle drei betroffen.

»Was ist mit Miss Cavendish?«, fragte Agatha dann. »Was hast du ihr gesagt?«

»Dass Fanny verwirrt ist und dass wir sie schützen wollen.« Grayson zuckte mit den Schultern. »Was ja irgendwie auch stimmt.«

Agatha schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das als Erklärung reicht. Das Mädchen ist clever und wird dahinterkommen, wenn wir nicht aufpassen.«

»Ich fürchte, damit hat sie schon angefangen.«

Grayson dachte an die Tränen, die in Lexies Augen geschimmert hatten, als er ihr gesagt hatte, dass sie das alles nichts anging. Und an den verletzten Ausdruck in ihrem Gesicht, bevor sie sich umgedreht hatte und gegangen war. Sie hasste ihn jetzt vermutlich, und das war gut so, denn dann bohrte sie vielleicht nicht weiter nach. Dass er ihr mit seinen Worten wehgetan hatte, fühlte sich allerdings nicht gut an. Gar nicht gut sogar.

»Und was jetzt?«, fragte Agatha.

Er stieß die Luft aus. »Ich werde sie im Auge behalten. Dann kann nichts passieren.« Jedenfalls nicht im Hinblick auf Fanny, fügte er in Gedanken hinzu. Was ihn und Lexie anging, war er da nicht so sicher. »Soll ich dich zurück ins Dorf fahren?«, fragte er Clark.

»Ich weiß nicht.« Der alte Mann trat zu Agatha und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Vielleicht sollte ich bleiben. Nur für den Fall.«

»Nein, nein, fahr ruhig. Du hast schon genug für uns getan«, sagte sie und blickte mit einem traurigen Lächeln zu ihm auf.

Grayson beobachtete die beiden. Clark liebt Grandma, dachte er, überrascht von dieser plötzlichen Erkenntnis. Aber das Leuchten in den Augen des alten Arztes sprach Bände.

Wie lange das wohl schon so war? Grayson versuchte, sich an früher zu erinnern, aber abgesehen von Clarks regelmäßigen Besuchen auf Dunmor war ihm vorher nie etwas aufgefallen. Ob Agatha wusste, wie es um den Doktor stand? Es erklärte jedenfalls, wieso er zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stand, wenn die O’Donnell-Frauen ihn brauchten.

»Wie du meinst«, sagte Clark mit einem Seufzen und folgte Grayson in den Flur und von dort in den Innenhof der Burg.

Grayson blickte an der Mauer hinauf zu Lexies Zimmerfenster, hinter dem Licht brannte. Was sie wohl gerade tat? Ob sie schon schlief?

»Können wir dann?« Clarks Stimme ließ ihn herumfahren, und er sah, dass der alte Mann bereits neben dem schwarzen BMW stand und darauf wartete, dass er einsteigen konnte. Hastig ging Grayson zu ihm.

»Du magst sie, oder? Diese Miss Cavendish?«, fragte Clark, als sie wenig später in die Nacht hinausfuhren.

»Sie arbeitet für Andrew Howard«, erwiderte Grayson, so als wäre das die Antwort auf die Frage, und war froh, dass der Doc nicht nachhakte.

4

Als Lexie die Küchentür erreichte, blieb sie stehen, die Hand schon auf der breiten, gusseisernen Klinke. Es war gut möglich, dass sie Grayson jeden Moment wieder gegenüberstand, und der Gedanke löste ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend aus. Aber sie würde ihm ohnehin nicht ewig aus dem Weg gehen können. Deshalb atmete sie noch einmal tief durch, öffnete die Tür und betrat den Raum.

Die Küche, die eher an eine kleine Halle erinnerte, war beeindruckend wie sonst auch, aber heute richtete Lexie ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf Grayson, der mit dem Rücken zu ihr vor dem riesigen alten Aga-Ofen stand und an einer großen Pfanne rüttelte, deren Inhalt bedrohlich zischte.

Er trug Jeans, so wie meistens, aber heute kein Hemd, sondern nur ein dunkles T-Shirt und Sneakers. Je länger er hier war, desto legerer kleidete er sich. Aber Lexie konnte nicht sagen, dass es ihm weniger gut stand. Er sah auch in Freizeitklamotten unverschämt attraktiv aus.

»Guten Morgen«, sagte sie und schluckte, als er überrascht zu ihr herumfuhr. Offenbar war er so mit dem Kochen beschäftigt gewesen, dass er sie nicht hatte hereinkommen hören. Als ihre Blicke sich trafen, beschleunigte sich Lexies Herzschlag, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können. Doch dann wandte Grayson sich abrupt ab und fluchte unterdrückt, weil die Pfanne zu qualmen begann. Er hob sie hoch und stellte sie auf der rechten der beiden überdimensional großen Platten des Aga-Herds ab. Dann starrte er ratlos darauf, während Lexie der beißende Geruch nach Angebranntem in die Nase stieg.

»Kann ich helfen?« Sie trat zu ihm und sah, dass der Schinkenspeck in der Pfanne viel zu schwarz geworden war, um noch genießbar zu sein. »Nein, ich fürchte, da ist nichts mehr zu machen«, stellte sie trocken fest.

Er stöhnte auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Dieser verdammte Herd! Mit so etwas Altmodischem kann man doch nicht vernünftig kochen! Man kann an dem blöden Ding nicht mal die Temperatur regeln! Die linke Platte wird viel zu heiß und die andere nicht heiß genug!«

»Aber das ist doch das Prinzip eines Aga-Herds«, erklärte Lexie. »Die linke ist die Kochplatte und die rechte die Warmhalteplatte. Beide sind immer an und halten konstante Temperaturen, und man setzt die Pfanne entsprechend um. Wenn sie zu heiß wird, kommt sie nach rechts, wenn sie dort zu kalt wird, wieder nach links.« Sie zuckte mit den Schultern, als er sie skeptisch ansah. »Eine Kollegin von mir hat einen Aga in ihrer Küche. Sie hat mir mal erklärt, wie er funktioniert.«

»Und was mache ich jetzt?« Er deutete auf die Pfanne mit dem angebrannten Speck. »Ich habe meiner Großmutter angeboten, dass ich dir das Frühstück mache, damit sie nach den Aufregungen letzte Nacht ein bisschen länger schlafen kann. Aber da ahnte ich noch nicht, dass man für dieses dämliche Ding eine spezielle Schulung braucht.«

Er wirkte ernsthaft verzweifelt, und Lexie musste gegen ihren Willen lächeln.

»Ich kann mir mein Frühstück auch selbst machen«, sagte sie, erstaunt darüber, dass er sich überhaupt genötigt fühlte, für seine Großmutter einzuspringen.

»Das musst du nicht«, beharrte er. »Du bist hier schließlich Gast.«

Aber auch nicht mehr als das, dachte Lexie und versuchte, nicht enttäuscht darüber zu sein. »Wenn ich das Frühstück mache, kann man es wenigstens essen.«

Sie entsorgte die verbrannten Essensreste und säuberte die Pfanne, dann wandte sie sich wieder dem Herd zu, um frischen Speck zu braten. Grayson sah ihr dabei zu.

»Willst du auch was?«, fragte sie, um das Schweigen zwischen ihnen zu brechen.

»Gerne. Wenn es dir nichts ausmacht«, erwiderte er, für seine Verhältnisse erstaunlich kleinlaut.

»Und was ist mit deinem Vater? Soll ich ihm auch eine Portion machen?«

»Der ist immer noch nicht zurück.« Grayson zuckte mit den Schultern, und Lexie konnte ihm ansehen, wie sehr ihn diese Tatsache verärgerte. »Keine Ahnung, wann er kommt.«

Ob Duncan so viel unterwegs war, um seinem Sohn aus dem Weg zu gehen? Lexie dachte über diese Möglichkeit nach, während sie Speck und Eier zubereitete. Oder hatte er andere Gründe dafür, möglichst wenig Zeit auf Dunmor zu verbringen?

Das geht dich nichts an, erinnerte sie sich und spürte einen Stich in der Brust, als sie zu Grayson hinübersah, der Tee gekocht hatte und die Kanne gerade zusammen mit zwei Bechern auf den Tisch stellte. Es dauerte nicht lange, bis die beiden Portionen fertig waren. Sie füllte zwei Teller und trug sie zum Tisch, reichte Grayson seinen, bevor sie ihm gegenüber Platz nahm.

»Danke.« Er stellte den Teller vor sich ab und betrachtete das Essen darauf. »Sieht deutlich genießbarer aus als mein Versuch.«

»Das war ja auch nicht so schwer.«

»Touché.« Er lächelte leicht, und sie hatte Mühe, es nicht zu erwidern.

Während sie aßen, betrachtete sie ihn genauer. Seine Haare schimmerten noch feucht von der Dusche, und seine Wangen waren glatt rasiert. Doch sein Gesicht wirkte blasser als sonst, und er hatte dunkle Schatten unter den Augen.

Offenbar hatte er nach ihrer nächtlichen Begegnung nicht mehr viel geschlafen, was Lexie eine gewisse Genugtuung verschaffte. Sie selbst hatte nämlich auch noch ewig wach gelegen und gegrübelt. Irgendwann im Verlauf dieser endlos langen Stunden hatte sie sich sogar vorgenommen, ihn zu hassen. Aber so recht wollte sich dieses Gefühl heute früh nicht einstellen.

»Wie geht es deiner Großtante?« Die Frage rutschte ihr heraus, ohne dass sie wirklich darüber nachgedacht hatte. Erschrocken sah sie ihn an und rechnete damit, dass er sie wieder zurechtweisen würde. Er seufzte jedoch nur tief.

»Wenn du Fanny fragst, dann geht es ihr gut. Sie versteht nicht, warum wir uns Sorgen um sie machen. Clark … ich meine, Doktor Turner, sagt, das gehört zu ihrem Krankheitsbild.«

»Was genau hat sie denn eigentlich?« Lexie bereute ihre Nachfrage, als sie sah, wie seine Miene sich verschloss.

»Reden wir lieber über deinen Boss«, sagte er. »Hast du ihn inzwischen erreicht? Konntest du ihn fragen, warum in dem Vertragsentwurf nichts über das Wohnrecht meiner Familie steht?«

»Nein. Andrew steckt gerade in schwierigen Verhandlungen. Er hat viel zu tun. Aber er meldet sich bestimmt bald und klärt die Sache auf.«

Lexie erhob sich und räumte ihren Teller in die Spüle. Seine Worte waren wie eine kalte Dusche gewesen und hatten sie schmerzhaft daran erinnert, dass sie nach wie vor auf verschiedenen Seiten standen. Und sie tat gut daran, das nicht wieder zu vergessen.

Als sie sich wieder umdrehte, stand er mit seinem Teller in der Hand vor ihr. So dicht, dass sie zu ihm aufschauen musste.

»Wieso arbeitest du ausgerechnet für Andrew Howard?«

Sie schluckte, weil in seiner Stimme Bedauern mitschwang.

»Wenn ich nicht für ihn arbeiten würde, wärst du dann ehrlich zu mir? Würdest du mir dann sagen, was hier los ist?«

Sein Schweigen bohrte sich in ihr Herz.

»Dachte ich mir.«

Sie nahm ihm den Teller ab und stellte ihn scheppernd auf ihren eigenen. Erneut schlich sich der unangenehme Gedanke in ihren Kopf, dass er vielleicht mit ihr geschlafen hatte, weil sie Andrews Angestellte war. Hatte er sie auf seine Seite ziehen wollen – und machte jetzt einen Rückzieher, weil ihm ihre Fragen unangenehm geworden waren?

Grayson trat dicht hinter sie. »Lexie, du verstehst das nicht. Es tut mir leid. Wirklich. Aber es ist besser, wenn du nicht …«

»Schon gut.« Sie fuhr zu ihm herum. »Vielleicht ist es wirklich besser, wenn du es mir nicht erklärst. Du hast recht: Ich bin Andrews Angestellte. Ich arbeite hier nur. Deshalb geht es mich nichts an. Und deshalb sollten wir auch auf keinen Fall wiederholen, was gestern Nacht passiert ist. Das war ein Fehler. Ein …« Sie schluckte. »Ein großer sogar.«

Der Ausdruck in seinen Augen wechselte. Wurde dunkler.

»Findest du?« Seine Stimme klang rau, und für einen langen Moment schaffte Lexie es nicht, den Blickkontakt zu unterbrechen. Dann trat sie zögernd einen Schritt zurück – und zuckte zusammen, als es draußen plötzlich knallte. Doch eine Sekunde später begriff sie, was das für ein Geräusch gewesen war.

»Das muss Aidan sein.« Sie ging zum Fenster, und tatsächlich bog gerade der betagte kleine Hyundai des Doktoranden aus Dublin in den Innenhof. Das alte Auto hatte noch eine Fehlzündung, dann kam es neben Graysons BMW zum Stehen.

»Er sollte dringend seinen Wagen checken lassen, sonst bleibt er damit demnächst noch liegen«, sagte sie, während sie beobachtete, wie Aidan ausstieg und auf den Eingang zukam.

Grayson erwiderte nichts, und als sie ihn wieder ansah, war seine Miene grimmig. »Du machst dir ganz schön viele Gedanken über diesen Studenten.«

»Er ist kein Student mehr, er schreibt an seiner Doktorarbeit«, sagte sie, heftiger als beabsichtigt. »Und im Gegensatz zu dir hat er nichts dagegen, wenn ich mir Gedanken über ihn mache.«

Grayson ging auf sie zu und umfasste ihren Arm. Es tat nicht weh, aber die Berührung nahm ihr kurz den Atem.

»Kein Wort zu ihm über heute Nacht, okay? Kein Wort zu niemandem. Bitte, Lexie, versprich mir das.«

Der Ausdruck in seinen Augen war so flehend, dass Lexie gar nicht anders konnte, als zu nicken. Aber er ließ sie trotzdem erst los, als draußen im Flur Schritte zu hören waren.

Einen Augenblick später öffnete sich die Tür, und Aidan betrat die Küche. Er trug auch heute wieder das anscheinend unvermeidliche Badgers-Fan-T-Shirt, und seine blonden, leicht gelockten Haare waren wie immer ein bisschen verstrubbelt. Aber er lächelte nicht wie sonst, sondern wirkte ernst.

Als er Grayson und Lexie vor dem Herd stehen sah, stutzte er. »Oh … Guten Morgen. Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Natürlich nicht«, versicherte Lexie ihm und brachte Abstand zwischen sich und Grayson.

»Ich wollte auch nur Bescheid sagen, dass ich jetzt da bin und mich in der Bibliothek wieder an meine Recherche mache.« Er lächelte schief. »Okay, und ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass ich bei Mrs O’Donnell einen Tee schnorren kann. Aber da habe ich heute wohl Pech.«

Er wollte wieder gehen und die Tür schließen, doch Lexie rief ihn zurück.

»Warte! Wir haben gerade Tee gekocht. Du kannst gerne eine Tasse davon haben.« Sie blickte sich zu Grayson um, der mit vor der Brust verschränkten Armen dastand und Aidan mit immer noch grimmiger Miene fixierte. »Das ist doch okay, oder?«

»Sicher.« Grayson löste sich aus seiner Haltung und verließ das Zimmer, ohne Aidan noch eines Blickes zu würdigen.

Aidan blickte ihm überrascht nach. »Meine Güte, der hat ja eine Laune. Habe ich was falsch gemacht?«

»Eher ich«, murmelte Lexie, dann lächelte sie Aidan an. »Und? Willst du einen Tee?«

»Sehr gerne.« Er ließ sich mit einem tiefen Seufzen auf einen der Stühle am Esstisch sinken. Das blaue Auge, das ihm der Wirt aus dem Castle Inn vor ein paar Tagen verpasst hatte, war inzwischen blasser geworden und schillerte jetzt leicht grün-gelblich.

Sie holte noch einen Becher und goss ihm Tee ein.

»Hast du Betty heute schon gesehen? Hat sie gesagt, wie ihr Gespräch mit Ken war?«, wollte sie wissen.

»Nein. Sie ist gestern erst sehr spät zurückgekommen. Da lag ich schon im Bett. Und als ich heute Morgen gefahren bin, schlief sie noch.« Er zuckte mit den Schultern. »Ist vielleicht auch besser so. Ich glaube, ich will gar nicht wissen, was passiert ist mit ihrem Ex.«

Lexie ahnte, wie es ihm ging. Er mochte Betty sehr, das war schon offensichtlich gewesen, als die beiden sich vor ein paar Tagen hier in Cerigh das erste Mal begegnet waren. Und Betty schien es ähnlich zu gehen. Sie war eigentlich gekommen, weil sie Abstand brauchte, um über die Trennung von ihrem Verlobten Ken hinwegzukommen. Aber tatsächlich war Ken kaum noch Thema bei ihr, seit sie Aidan kannte, denn zwischen den beiden schien sich etwas anzubahnen.

Dann war Ken gestern Abend plötzlich in Cerigh aufgetaucht und hatte Betty überredet, noch einmal mit ihm zu reden. Er wollte sie zurück, und beim letzten Mal, als Betty ihn nach einem Seitensprung rausgeschmissen hatte, war es ihm auch gelungen, sie umzustimmen. Deshalb verstand Lexie Aidans Sorge nur zu gut. Aber sie war eigentlich sicher, dass es dafür keinen Grund gab.

»Ich glaube nicht, dass Betty wieder mit Ken zusammen ist.« Sie zückte ihr Handy, rief den Messenger auf und zeigte Aidan die Nachricht, die Betty ihr geschickt hatte.

Alles in Ordnung. Melde mich morgen.

»Das hat sie mir gestern Nacht geschrieben«, erklärte sie, doch Aidan sah sie nur verständnislos an.

»Aber das bestätigt es doch. Wenn alles in Ordnung ist, dann hat sie sich mit dem Kerl wieder vertragen.«

»Nein, eben nicht«, beruhigte ihn Lexie. »Betty weiß, dass ich Ken nicht leiden kann. Wenn sie mir schreibt, dass alles in Ordnung ist, dann meint sie damit garantiert nicht, dass sie sich wieder mit ihm versöhnt hat. Eher das Gegenteil. Es klingt, als hätte sie endgültig mit ihm Schluss gemacht.«

Aidan sah sie mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung an. »Wirklich?«

Sie nickte. »Ich kenne Betty. Und sie kennt mich. So fröhlich wäre sie nicht, wenn sie mir mitteilen müsste, dass Ken sie wieder rumgekriegt hat.«

Ein letzter, winziger Zweifel blieb ihr zwar auch, denn ihre Freundin war leider nie ganz zurechnungsfähig gewesen, wenn es um Ken ging. Aber das wollte sie Aidan lieber nicht sagen, der jetzt endlich wieder lächelte.

»Du magst sie sehr, oder?«

Aidan verzog das Gesicht. »Merkt man das?«

»Wenn man Augen im Kopf hat«, erwiderte sie lachend.

»Ach, Lexie, ich glaube, mich hat es ziemlich schlimm erwischt«, gestand er mit einem tiefen Seufzen. »Seit ich Betty getroffen habe, kann ich nur noch an sie denken. Es ist, als hätte der Blitz in mein Herz eingeschlagen. Ich weiß, das klingt total albern, schließlich kennen wir uns kaum, aber ich habe das Gefühl, dass wir wunderbar zusammenpassen. Es fühlt sich an, als wäre sie die Richtige für mich.« Er zuckte mit den Schultern. »So was ist mir noch nie passiert. Und es macht mir ein bisschen Angst.«

»Das kann ich verstehen.« Lexie dachte an Grayson. Es gab Momente, da fühlte es sich auch komplett richtig an, mit ihm zusammen zu sein, und das verwirrte sie. Weil es nicht sein konnte, dass er der Richtige für sie war.

Aber wie konnte er ihr Gefühlsleben dann in so kurzer Zeit derart auf den Kopf stellen? Wobei das nicht nur seine Schuld war. Seit sie Dunmor Castle das erste Mal betreten hatte, waren viele seltsame Dinge passiert. Dinge, die mit ihrer Vergangenheit zu tun hatten und die sie noch enträtseln musste. Aber das, was sie für ihn empfand, machte die Sache nicht unbedingt einfacher.

»Ich gehe jetzt rüber in die Bibliothek.« Aidan erhob sich und brachte seinen Becher zur Spüle. »Grüß Betty, wenn du sie siehst. Sag ihr, sie ist eine verdammt tolle Frau.«

Lexie lächelte. »Das kannst du ihr nachher selbst sagen. Ihr seht euch doch auf dem Badgers-Konzert.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht, ob ich hingehe.«

»Was?« Überrascht starrte Lexie ihn an. »Aber deswegen bist du doch hergekommen!«

Aidan hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er gerade jetzt auf Dunmor Castle für seine Doktorarbeit recherchierte, weil er das Folk-Festival besuchen wollte, das seit gestern in Cerigh stattfand. Der Höhepunkt würde heute Abend der Auftritt der Irish Badgers sein, einer sehr bekannten irischen Band, von der Aidan ein großer Fan war.

»Gehst du wegen Betty nicht hin? Ich dachte, ihr wärt verabredet.«

Er stieß die Luft aus. »Das stimmt. Und wegen ihr würde ich auch eigentlich gerne hingehen. Aber ich glaube, es ist besser, wenn ich mich da nicht sehen lasse.«

Sie runzelte die Stirn. »Hast du irgendwelchen Ärger, Aidan?«

Überrascht sah er sie an. »Wie kommst du denn darauf?«

»Du wolltest nicht zur Polizei und den Wirt vom Castle Inn anzeigen, obwohl er dich verprügelt hat. Und du wolltest auch nicht ins Krankenhaus«, sagte sie. »Ich weiß nicht, aber ich habe irgendwie den Eindruck, dass du in Schwierigkeiten steckst. Stimmt das?«

Er seufzte tief. »Könnte man so sagen. Aber es ist nicht das, was du denkst. Ich bin kein Verbrecher auf der Flucht oder so. Es ist eher was … Persönliches.«

Lexie zögerte. »Wird es Betty wehtun, wenn sie davon erfährt?«

»Was? Nein!« Entsetzt sah er sie an. »Nein, das hat überhaupt nichts mit ihr zu tun. Wirklich nicht.«

»Das hoffe ich für dich«, sagte sie warnend. »Sonst bekommst du es nämlich mit mir zu tun!«

»Keine Sorge. Es ist nichts Schlimmes.« Er sah aus, als wollte er noch etwas hinzufügen. Doch in diesem Moment ging die Tür auf, und Grayson betrat erneut die Küche.

»Die Werkstatt hat eben angerufen«, sagte er an Lexie gewandt. »Dein Wagen ist fertig. Du kannst ihn abholen, aber du musst dich beeilen, wenn du ihn heute noch zurückhaben willst. Samstags schließen die Wright-Brüder immer schon mittags.«

»Ich kann dich hinfahren, wenn du willst«, bot Aidan an. »Ich wollte zwar arbeiten, aber das kann ich auch später …«

»Das ist nicht nötig«, mischte Grayson sich ein und sah Lexie an. »Ich muss ohnehin unten im Dorf etwas erledigen. Ich kann dich bei der Werkstatt absetzen.«

Im ersten Moment wollte Lexie sein Angebot ablehnen. Aber das wäre kindisch gewesen, schließlich war es eine sehr praktische Lösung. »Dann gehe ich schnell meine Tasche holen.«

Sie verließ die Küche und machte sich auf den Weg nach oben in ihr Zimmer. Aidan, der zur Bibliothek wollte, begleitete sie ein Stück.

»Ziemlich herrischer Typ«, sagte er, als sie außer Hörweite der Küche waren. »Und wie grimmig der mich immer anguckt. Man könnte meinen, dass er dich unbedingt für sich allein haben möchte.«

»Unsinn«, erwiderte Lexie. »Er hat gerade auch Ärger, genau wie du. Das ist alles. Das hat nichts mit mir zu tun.«

Aidan blieb vor der Treppe stehen, an der ihre Wege sich trennten. »Sorry, Lexie, aber der Typ ist eifersüchtig. Und grundlos noch dazu, stimmt’s?«

Verständnislos sah Lexie ihn an. »Wie meinst du das?«

»Du magst ihn sehr, oder?« Er zwinkerte ihr zu. »Ich habe nämlich auch Augen im Kopf.«

Erschüttert sah Lexie ihm nach. Sie konnte wirklich nur hoffen, dass Grayson sie nicht so leicht durchschaute. Aber zum Glück hat er im Moment ja andere Sorgen, dachte sie, während sie über die Steintreppe in ihr Zimmer ging.

5

Lexie spürte, wie sie sich verkrampfte, als Grayson den BWM an der Stelle vorbeilenkte, an der sie mit ihrem Golf von der Straße runter auf die Wiese gefahren war und sich beinahe überschlagen hätte. Der Schreck saß immer noch tief, und bei der Erinnerung daran, wie sie vergeblich auf die Bremse getreten hatte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken.

»Alles in Ordnung?« Grayson drosselte das Tempo und fuhr langsamer durch die nächste Kurve.

Lexie seufzte. »Ja. Ich … bin nur immer noch nervös, wenn ich auf dieser Strecke unterwegs bin. Vor allem bergab.«

Grayson blickte sie kurz an, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.

»Vielleicht solltest du es dann nicht tun.«

»Was?«, fragte sie überrascht. »Auto fahren?«

»Selbst Auto fahren, ja«, bestätigte Grayson. »Du hast bei dem Unfall einen Schock erlitten. Es dauert, bis man so etwas wirklich überwunden hat. Und außerdem …«

»Und außerdem was?«, fragte Lexie, obwohl sie ziemlich sicher war, dass sie wusste, was er sagen wollte.

»Außerdem wissen wir noch nicht, wer deine Bremsschläuche manipuliert hat. Derjenige könnte es wieder versuchen.«

Er klang besorgt. Und er hatte »wir« gesagt, wie Lexie überrascht feststellte. Aber es gibt kein »Wir«, erinnerte sie sich. Sie musste allein mit der Tatsache fertigwerden, dass es da draußen jemanden gab, der ihr schaden wollte. Und sie würde auch allein den Grund dafür herausfinden müssen.

Durch die Ereignisse der vergangenen Stunden war sie so abgelenkt gewesen, dass sie kaum an die andere Sache gedacht hatte, der sie vor ihrer Rückkehr nach Dublin noch dringend auf den Grund gehen musste. Denn sie war inzwischen fast sicher, dass der Anschlag auf sie etwas mit ihrer Mutter zu tun hatte, die vor zwanzig Jahren spurlos aus Dunmor Castle verschwunden war.

Davon hatte Lexie bis vor ein paar Tagen allerdings noch nichts geahnt. Und ihr war auch nicht bewusst gewesen, dass sie als Kind eine Zeit lang in Cerigh gelebt hatte. Tatsächlich wusste sie nur sehr wenig über ihre Herkunft oder ihre Familie. Aber jetzt, wo sie endlich Anhaltspunkte hatte, würde sie nicht aufhören, nach Antworten zu suchen, nur weil irgendein Verrückter ihr die Bremsschläuche durchgeschnitten hatte.

»Dann werde ich eben immer gut aufpassen«, erklärte sie.

Grayson warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Hast du keine Angst?«