Durch die Wüste - Karl May - E-Book

Durch die Wüste E-Book

Karl May

4,4

Beschreibung

Durch die Wüste reiten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, sein treuer Gefährte. Der Fund einer Leiche bei den Salzseen Nordafrikas löst ein faszinierendes Abenteuer aus, dessen Folgen den Leser sechs Bände lang in Atem halten. Schon zu Beginn erschließt sich die ganze Buntheit der orientalischen Welt. Die vorliegende Erzählung spielt in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts. "Durch die Wüste" gehört als Band 1 zum sechsteiligen "Orientzyklus". Weitere Bände: "Durchs wilde Kurdistan" (Band 2) "Von Bagdad nach Stambul" (Band 3) "In den Schluchten des Balkan" (Band 4) "Durch das Land der Skipetaren" (Band 5) "Der Schut" (Band 6)

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KARL MAY’s

GESAMMELTE WERKE

BAND 1

DURCH DIE WÜSTE

REISEERZÄHLUNG

VON

KARL MAY

Nach der Fassung von 1962 neu herausgegeben

von Lothar und Bernhard Schmid

© 2003 Karl-May-Verlag

ISBN 978-3-7802-1501-7

1. Der Tote im Wadi Tarfaui

„Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], dass du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, der verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frisst?“

„Ja.“

„Sihdi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, dass sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, das dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrâr bi’l-lisân, zum heiligen Zeugnis, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als die Herren, denen ich früher gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.“

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach dem Dra el Hauna hinuntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von wo aus ein Weg über den berüchtigten Schott el Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.

Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, dass er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, dass man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein Burnus war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, sodass er ihn, sobald er vom Pferd gestiegen war und nun gehen wollte, empor nehmen musste. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit musste man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine Ausdauer, die ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, die zwischen dem Wohnsitz der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, dass er meine volle Zufriedenheit besaß und dass ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte.

Eine Eigenschaft hatte er allerdings, die mir zuweilen recht unbequem werden konnte: Er war ein fanatischer Muselman und hatte aus Liebe zu mir den Entschluss gefasst, mich zum Islam zu bekehren.

Eben jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.

Ich ritt einen kleinen, halbwilden Berberhengst und meine Füße schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschan-Stute ausgewählt und saß nun so hoch, dass er auf mich herabblicken konnte. Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu geben, dass ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:

„Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?“

„Nun?“

„Nach dem Tod kommen alle Menschen, sie mögen Moslemin, Christen, Juden oder etwas anderes sein, in den Barasch.“

„Das ist der Zustand zwischen dem Tod und der Auferstehung?“

„Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, denn el Jôm el achir, der Jüngste Tag, und el Achiret, das Ende, sind gekommen. Dann geht alles zu Grunde, außer el Kurs, dem Sessel Gottes, er Ruh, dem heiligen Geist, el Lauh el mafus und el Kalâm, der Tafel und der Feder der göttlichen Vorherbestimmung.“

„Weiter wird nichts mehr bestehen?“

„Nein.“

„Aber das Paradies und die Hölle?“

„Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es jammerschade, dass du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Bart, dass ich dich bekehren werde, du magst wollen oder nicht!“

Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, alles in allem Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien anderen Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.

Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich stolz in seinen Gleichmut zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort:

„Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssiret, die über el Halâk, den Abgrund des Verderbens, führt und so schmal und scharf ist wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.“

„Du hast noch etwas vergessen.“

„Was?“

„Das Erscheinen des Deddschâl.“

„Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Korân und alle heiligen Bücher und willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge: Ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also, vor dem Gericht wird sich der Deddschâl zeigen, den die Giaur den Antichrist nennen, nicht wahr, Sihdi?“

„Ja.“

„Dann wird über jeden el Kitâb, das Buch, aufgeschlagen, in dem seine guten und bösen Taten verzeichnet stehen, und el Hisâb gehalten, die Musterung seiner Handlungen, die über fünfzigtausend Jahre währt, eine Zeit, die den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist el Hukum, das Abwiegen aller menschlichen Taten.“

„Und nachher?“

„Nachher folgt das Urteil. Die Menschen mit überwiegend guten Werken kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, während die sündigen Moslemin nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse Taten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht!“

Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den Beinen, dass die alte Hassi-Ferdschan-Stute ganz verwundert nach ihm zu schielen suchte.

„Und was harrt meiner in eurer Hölle?“, fragte ich ihn.

„In der Dschehenna brennt en Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, die so sehr stinken, dass der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Sakkum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen.“

„Brrrrr!“

„Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Tore führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften Moslemin büßen, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakâr, die fünfte, für die Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, die Götzen oder Fetische verehren. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, die auch Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei müssen sie vom Baum Sakkum die Teufelsköpfe essen, die dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O Sihdi, bekehre dich zum Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken brauchst!“

Ich schüttelte den Kopf und sagte:

„Dann komme ich in unsere Hölle, die ebenso entsetzlich ist wie die eurige.“

„Glaube das nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und bei allen Kalifen, dass du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir beschreiben?“

„Tu es!“

„El Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Tore. Zuerst kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus dem hunderttausend Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha und an seinem Rand stehen Millionen goldener Trinkschalen, die mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen und ewig jungen Huri köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, die ein vom Thron Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und immerfort genau dreiunddreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor et Tuba, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palast des großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes Tuba entspringen alle Flüsse des Paradieses, in denen Milch, Wein, Honig und Kaffee strömen.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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