E-Book 1788 - 1797 - Susanne Svanberg - E-Book
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Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. E-Book 1788: Immer Ärger mit den Nachbarn E-Book 1789: Entscheidung einer Mutter E-Book 1790: Drei kleine Herzen in großer Not E-Book 1791: Liebe Schwester Barbara E-Book 1792: Carolina kehrt heim E-Book 1793: Vermißtes Mutterglück E-Book 1794: Robin, ein Kind zwischen zwei Müttern E-Book 1795: Spurlos verschwunden... E-Book 1796: Im Zweifel für mein Kind E-Book 1797: Meine Freundin Taiga E-Book 1: Immer Ärger mit den Nachbarn E-Book 2: Entscheidung einer Mutter E-Book 3: Drei kleine Herzen in großer Not E-Book 4: Liebe Schwester Barbara E-Book 5: Carolina kehrt heim E-Book 6: Vermißtes Mutterglück E-Book 7: Robin, ein Kind zwischen zwei Müttern E-Book 8: Spurlos verschwunden... E-Book 9: Im Zweifel für mein Kind E-Book 10: Meine Freundin Taiga

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Seitenzahl: 1195

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Immer Ärger mit den Nachbarn

Entscheidung einer Mutter

Drei kleine Herzen in großer Not

Liebe Schwester Barbara

Carolina kehrt heim

Vermißtes Mutterglück

Robin, ein Kind zwischen zwei Müttern

Spurlos verschwunden...

Im Zweifel für mein Kind

Meine Freundin Taiga

Mami – Staffel 7–

E-Book 1788 - 1797

Susanne Svanberg Mier Edna Lisa Simon Diana Laurent Eva-Maria Horn Beate May Bentlage Felicitias Myra Myrenburg Annette Mansdorf

Immer Ärger mit den Nachbarn

  Ein warmer Wind wirbelte den Sand auf, so daß ein geheimnisvolles Rascheln in der Luft schwebte, das vom Strandhafer herrührte, dessen Halme aneinanderrieben.

  Die kleine Truppe stapfte tapfer den Weg zwischen den Dünen entlang. Roberta kam sich vor wie eine Entenmutter, die ihre Jungen ausführte. Nur, daß eine Entenmama nicht so beladen war wie sie. Angefangen von der Liegedecke, Sonnenschirm und Sandspielzeug hatte sie sich alles aufgeladen, während ihr die Zwillinge Willy und Julchen mit hängenden Armen folgten.

  Die beiden waren hundemüde. Auch die Schäferhündin, die hinter ihnen her trabte, ließ die Ohren hängen.

  Kein Wunder, den ganzen Tag über hatten die drei am Strand und im Wasser herumgetobt. Anni, die Hündin, war so richtig in ihrem Element gewesen. Immer hinein ins Wasser, Bällchen holen und wieder raus. Momentan sah sie aus wie ein paniertes Kotelett, naß bis auf die Haut und sand-salzverkrustetem Fell

  »Tante Robbi, trägst du mich?« Julchen war stehengeblieben und schickte einen bittenden Blick zu ihrer Tante. »Meine Füße mögen überhaupt nicht mehr laufen.«

  »Meine auch nich’«, schloß sich ihr Bruder sofort an. »Guck mal, sie sind schon ganz flach vom vielen Laufen.«

  Roberta stieß einen resignierten Seufzer aus.

  »Wie soll ich euch denn tragen?« fragte sie gutmütig. »Ich habe doch schon die Hände voll. Nun kommt, es ist ja nicht mehr weit. Ich sehe schon das Dach von unserem Häus-chen.«

  »Siehste gar nich’«, murrte Wil-ly, setzte sich aber wieder in Be-

wegung. »Es dauert bestimmt

noch Stunden, bis wir zu Hause sind.«

  »Es dauert höchstens noch fünf Minuten, und das weißt du auch«, erwiderte Roberta geduldig. »Wißt ihr was? Morgen besorge ich uns einen von diesen Bollerwagen, ja? Dann könnt ihr euch hineinsetzen, und ich ziehe euch. Würde euch das Spaß machen?«

  »Kannst du nicht schon heute so einen Wagen besorgen?« erkundigte sich Julchen hoffnungsvoll. »Wir warten hier auf dich.«

  Sie machte Anstalten, sich im warmen Sand niederzulassen, aber Roberta schüttelte rasch den

Kopf.

  »Bis ich in die Stadt komme, haben die meisten Geschäfte zu. Es ist ja schon gleich acht Uhr, wißt ihr? Aber ich verspreche euch, daß wir gleich morgen früh nach dem Frühstück in den ›Windjammer‹ gehen und nach einem Bollerwagen schauen. Ihr dürft euch auch den schönsten aussuchen.«

  »Ich will einen mit roten Rädern!« verkündete Julchen freudig. Die Aussicht auf das praktische Strandgefährt, mit dem hier viele Eltern ihre Kinder und deren Spielzeug durch die Gegend transportierten, ließ Julia ihre Müdigkeit vergessen. »Mit roten Rädern und einem roten Griff. Das sieht so

hübsch aus.«

  »Und er muß so groß sein, daß wir beide reinpassen«, orderte Willy, der praktische Teil des Zwillingspärchens. »Julchen, ich und Anni…«

  »Und Herr Schröder!« krähte Julchen dazwischen, worauf Willy taldend den Kopf schüttelte.

  »Herr Schröder geht doch nicht an den Strand«, wies er seine Schwester zurecht. »Der bleibt zu Hause und paßt auf den Garten auf.«

  »Aber vielleicht möchte er mal das Meer sehen?« Julchen gab nicht so schnell auf. »Vielleicht gefällt es ihm, und er geht auch schwimmen.«

  Willy schüttelte nur den Kopf und warf seiner Tante einen Blick zu, der soviel sagen sollte, tut mir leid, meine Schwester ist zwar niedlich aber leider ein bißchen dumm.

  Roberta verkniff sich ein belustigtes Lächeln, weil sie wußte, daß es Kinder sehr verletzte, wenn man sie nicht ernst nahm.

  »Ich glaube nicht, daß Herr Schröder unbedingt schwimmen gehen möchte«, sagte sie deshalb ernsthaft. »Aber das Meer können wir ihm irgendwann ruhig mal zeigen. Ich meine, wer weiß, ob er noch einmal an die Nordsee kommt.«

  »Und auf eine Insel!« bemerkte Julchen wichtig.

  Die Tatsache, daß sie auf einer Insel wohnten, war für die Zwillinge immer noch die Sensation. Zuerst hatten sie sich überhaupt nicht vorstellen können, wie das funktionierte. Willy hatte geglaubt, eine Insel schwimme wie ein Boot auf dem Wasser und liege mal vor Bremen, mal vor New York. Und Julchen war felsenfest davon überzeugt gewesen, daß irgend jemand die Inseln mit einem ganz dicken Seil auf dem Grund des Meeres festgebunden hatte und fürchtete, daß das Seil reißen und sie alle mitsamt der Insel davontreiben könnten.

  Daß auf Noderney richtige Häuser standen, es Straßen, Parks und sogar kleine Teiche gab, war für die Kinder eine riesige Überraschung. Die Zwillinge waren tagelang nicht aus dem Staunen herausgekommen. Selbst jetzt, nach immerhin einer ganzen Woche Inselleben, erschien ihnen dieser Urlaub irgendwie noch wie ein schöner, ungewöhnlicher Traum.

  Alles war neu für die beiden. Zu Hause in Frankfurt mußten sie meistens in der Wohnung spielen. Die Familie lebte mitten im Herzen der Stadt an einer belebten Hauptverkehrsstraße, wo Tag und Nacht Busse, Straßenbahnen und Autos am Haus vorbeifuhren.

  Da war es für die Kinder viel zu gefährlich, draußen zu spielen. Wenn es Cynthia, ihre Mutter,

einrichten konnte, ging sie mit

den Kindern in den Stadtwald, wo sie wenigstens ein bißchen her-

umtoben konnten, aber das war nichts im Vergleich zu der Frei-

heit, die sie auf Noderney genossen.

  Schon morgens, gleich nach dem Frühstück, packten sie ihre Bade-sachen. Dann ging es an den Strand, an dem sie den ganzen Tag herumtoben durften. Manchmal radelten sie auch zu dritt in die Stadt, um Einkäufe zu ledigen. Daß auf der gesamten Insel kaum Autos fuhren und sie nicht auf den Verkehr achten mußten, war für die Zwillinge ebenso aufregend wie die Tatsache, daß der größte Teil der Insel den Pflanzen und Tieren vorbehalten war.

  Die beiden fühlten sich hier also rundherum wohl. Wenn Roberta in ihre sonnengebräunten glücklichen Gesichter blickte, freute sie sich jedesmal, daß sie sich zu dieser Reie entschlossen hatte.

  Am Anfang hatte sie sich ein bißchen vor dieser Aufgabe gefürchtet. Ja, sie liebte ihre Nichte und ihren Neffen, aber sie hatte bisher nie mehr als ein paar Stunden mit ihnen verbracht. Die beiden ganze sechs Wochen um sich zu haben, für sie verantwortlich zu sein, diese Aussicht hatte ihr schon ein wenig Angst gemacht.

  Aber es waren unnötige Sorgen gewesen. Die Zwillinge waren äu-ßerst umgängliche, vor allem aber freundliche und fröhliche Kinder, die sich jeden Tag von neuem über diese Reise freuten und es ihrer Tante leicht machten, sie zu mögen.

  Jetzt waren sie allerdings müde und daher ein bißchen quengelig. Aber das hielt sich in Grenzen. Die Aussicht auf den Erwerb eines Bollerwagens regte die Phantasie der beiden an und ließ sie die Müdigkeit beinahe vergessen.

  Endlich tauchte tatsächlich das niedrige Fischerhäuschen auf, das Roberta für sie alle gemietet hatte. Es lag außerhalb der Stadtgrenze, fast schon in den Dünen, die sich teilweise in beachtlichem Ausmaß dahinter erhoben.

  Der Besitzer hatte mit viel Mühe einen mageren Rasen drumherum gezüchtet, der jedoch regelmäßig von den Schafen abgefressen wurde, wenn der Schäfer sie vom Nord- zum Süddeich trieb. Vor den kleinen Sprossenfenstern blühten Geranien, und neben der grünlackierten Holztür stand eine Palme, die so gar nicht in die Umgebung passen wollte.

  Ein Stück entfernt stand ein weiteres Haus, etwas größer als das, in dem Roberta mit den Zwillingen lebte. Seine roten Fensterläden waren schon bei ihrer Ankunft fest verschlossen gewesen und seitdem nicht ein einziges Mal geöffnet worden. Daher fiel Roberta sofort die Veränderung auf, als sie die nunmehr weit geöffneten Fenster sah.

  Vor dem Grundstück parkte eine Luxuskarosse, deren Kofferraumdeckel aufgeklappt gen Himmel deutete. Keine Frage, da waren Urlauber eingezogen!

  »Eh, da sind ja Leute!« schrie Willy, der das Auto inzwischen ebenfalls entdeckt hatte. »Du, Tante Robbi, meinst du, die haben Kinder?«

  »Woher soll ich das denn wissen?« seufzte Roberta lächelnd. »Ich bin doch keine Hellseherin. Aber wir werden es sicher erfahren, wenn wir nach Hause kommen.«

  Anni, die Schäferhündin, konnte ihre Neugierde nicht länger bezähmen. Sie preschte los und sauste durch die Dünen auf die Limousine zu, um sie ausgiebig zu beschnuppern.

  Jetzt vergaßen auch die Kinder ihre Müdigkeit. Mit lautem India-nergeheul rannten sie der Hündin hinterher und trafen beinahe gleichzeitig mit Anni bei dem schicken Luxuswagen ein.

  Neugierig beäugten sie zu dritt den Inhalt des Kofferraums.

  »Du, die ziehen hier bestimmt für immer ein«, vermutete Julchen, angesichts der vielen Koffer und Taschen, die sich im Wagen türmten.

  »Oder die haben ganz viele Kinder«, überlegte Willy, während er die Blicke intensiv über die Ge-päckstücke schweifen ließ. Nichts deutete auf die Anwesenheit von Kindern hin. Sein Interesse sank etwas, ebenso wie Annis, die nichts Eßbares erschnuppern konnte.

  Nur der Duft eines süßlichen Parfüms stieg ihr in die empfindliche Nase. Pfui, daß sich die Menschen immer mit so einem Stinkzeug einreiben mußten! Ein angegammelter Knochen roch doch zehnmal besser.

  Enttäuscht setzte sich die Hündin neben die Beifahrertür und sah zum Haus, in der Hoffnung, daß ein interessanter Mensch dort herauskommen würde. Obwohl – wenn sie ihrer Nase trauen konnte, dann waren diese neuen Nachbarn ziemliche Langweiler. Aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.

*

  »Stephan!« Melinda Bornemann blieb abrupt unter der Tür stehen und starrte zu dem Schäferhund hinüber, der mit gespitzten Ohren neben dem Auto saß. »Stephan, würdest du bitte sofort zu mir kommen!«

  Stephan Hollrieder, ein schlanker, hochgewachsener Endzwanziger runzelte beim Klang ihrer Stimme unwillkürlich die Stirn. Da war etwas in Melindas Ton, das keinen Widerspruch duldete.

  Er kannte diesen Ton. Befand sich Mel in dieser Gemütslage, war sie absolut kompromißlos. Dann tat man besser umgehend, was sie von einem verlangte.

  Er ließ den Koffer, den er gerade mühsam die steile Stiege in den oberen Stock hinaufhievte, einfach auf der Treppenstufe stehen und machte kehrt.

  »Ja, Liebling, bin schon unterwegs!« rief er ins Erdgeschoß, wäh-rend er die Treppe hinuntereilte. »Was ist denn los? Liegt eine tote Möwe im Garten?«

  »Nein.« Melindas sorgfältig geschminktes Gesicht wirkte streng, während sie ihrem Verlobten entgegenblickte. »Ein Hund sitzt neben unserem Auto. Würdest du ihn bitte vertreiben?«

  Bin ich ein Dompteur? hätte Stephan beinahe gefragt, aber er schluckte die Worte hastig hinunter. Melinda war nicht in der Stimmung für Scherze.

  Mißtrauisch äugte Stephan zu dem Hund hinüber. Anni sah aufmerksam zurück.

  »Er ist recht groß«, stellte Ste-phan fest, nachdem er den Schäferhund eine Weile betrachtet hatte. »Aber gefährlich wirkt er eigentlich nicht.«

  »Schäferhunde sind neben diesen schrecklichen Kampfhunden die bissigsten Exemplare unter den Vierbeinern«, dozierte Melinda streng. »Ich traue ihnen nicht. Außerdem mag ich sie nicht. Würdest du jetzt bitte endlich etwas unternehmen?« Sie trat von der Tür zurück und sah ihren Verlobten auffordernd an. »Und vertreibe bitte auch gleich diese Gören, die in unserem Kofferram herumschnüffeln. Wenn ich gewußt hätte, daß es hier in der Nähe Kinder gibt, hätte ich das Haus niemals gemietet.«

  »Vielleicht sind sie ja nur zufällig vorbeigekommen«, murmelte Ste-phan leicht genervt. Er liebte Melinda und bewunderte ihr Durchsetzungsvermögen, aber manchmal ging ihm ihre Admiralsart auf die Nerven. Mußte sie alle Leute wie ihre Angestellten behandeln?

  »Das ist egal«, erwiderte sie kühl. »Sie sollen einfach verschwinden. Und vor allem sollen sie nichts anfassen. Die Koffer haben ein Vermögen gekostet. Ich möchte nicht, daß sie von schmierigen Patschfingern verdorben werden.«

  »Ich sehe, was sich machen läßt«, seufzte Stephan und setzte sich in Bewegung.

  Schon bei den ersten Schritten, die er aus dem Haus heraus in den Garten wagte, erhob sich die Hündin und sah neugierig zu ihm hin-über. Die Kinder hatten Stephan hingegen noch nicht entdeckt. Willy beugte sich gerade in den Kofferraum, um die Adreßschilder an den Gepäckstücken zu entziffern.

  Seine Schwester stand daneben und bewunderte das elegante Leder, aus dem die Koffer und Taschen gearbeitet waren.

  »Das sind bestimmt gaaanz furchtbar reiche Leute«, vermutete Julchen. »Wir haben bloß Koffer aus Plastik.«

  In diesem Moment ertönte ein schriller Pfiff, der Anni auf den Hinterpfoten kehrtmachen und aufmerksam die Ohren spitzen ließ.

  »Julchen, Willy, kommt sofort her!« Roberta hatte den Wagen fast erreicht. Sie kämpfte mit den Schwimmtieren, die sich irgendwie selbständig machen wollten und in den Badetüchern verheddert hatten. »Nehmt eure Nasen aus dem Gepäck der fremden Leute. Das gehört sich nicht.«

  Stephan atmete erleichtert auf, als er sah, daß der Schäferhund seinen Posten aufgab und zu der jungen Frau lief, die gerade des Weges kam. Auch die Kinder gehorchten und liefen zu ihr.

  Melinda rümpfte angewidert die Nase, als sie sah, daß sich Roberta, in Begleitung des Hundes und der Kinder, ihrem Haus näherte.

  Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Eine komplette Familie mit Haustieren. Das bedeutete Unruhe ohne Ende.

  »Guten Tag!« Roberta setzte ein freundliches Lächeln auf, während sie auf Stephan zuging, der sich indessen zu seinem Wagen getraut hatte. »Ich bin Roberta Simonas, Ihre Nachbarin. Herzlich willkommen.«

  »Danke.« Stephan musterte sie interessiert. Was er sah, gefiel ihm. Schlanke, wohlproportionierte Figur, lange Beine, ein ausgesprochen hübsches Gesicht mit wunderschön vollen, geschwungenen Lippen, bernsteinfarbenen Augen und langes honigblondes Haar, das Ro-berta zu einem dicken Zopf geflochten und mit einem bunten Tuch verziert hatte.

  Schade, daß die Dame bereits in festen Händen zu sein schien. Aber er war ja auch nicht mehr frei…

  »Hollrieder mein Name«, stellte er sich vor. »Meine Verlobte und ich wollen die kommenden vier Wochen hier verbringen.«

  »Nun, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt.« Roberta packte die Gummiente fester und schenkte Stephan ein gewinnendes Lächeln. »Vor allem wünsche ich Ihnen, daß das Wetter hält. Momentan ist es jedenfalls bombastisch.«

  »Uns wäre schon sehr geholfen, wenn Sie einfach Ihre Kinder von unseren Sachen fernhalten könnten«, mischte sich Melinda ein, die unbemerkt nähergekommen war. Ihre kühlen blauen Augen musterten Roberta hochmütig.

  Frustrierte Hausfrau, die der Ehemann mitsamt Kindern und Haustier hier abgesetzt hat, urteilte sie dabei. Wahrscheinlich genießt er die Ruhe zu Hause, während sie sich hier mit ihrem Zoo abplagen kann.

  »Und wenn Sie die beiden auch noch halbwegs im Zaum halten könnten, damit sie einem nicht mit ihrem Geschrei und Getobe auf die Nerven gehen, wären wir Ihnen wirklich sehr verbunden«, fuhr Melinda mit befehlsgewohnter Stimme fort. »Stephan, können wir jetzt fertig auspacken? Ich möchte unter die Dusche und dann muß ich unbedingt ein paar Stündchen relaxen.« Sie schoß Roberta einen giftig-hochmütigen Blick zu. »Anders als andere Leute gehören wir nämlich zur arbeitenden Bevölkerung und sind hier, um uns zu erholen.«

  Damit schnappte sie sich die kleinste Tasche und stolzierte ins Haus.

  Blöde Ziege! dachte Roberta wütend. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich.

  »Na dann, viel Spaß«, warf sie Stephan zu, der ratlos neben dem Kofferraum stand. Dann deutete sie mit dem Kinn in Richtung Nachbarhaus, worauf sich die Kinder und der Hund artig in Bewegung setzten und Roberta zu ihrem Grundstück folgten.

  Seufzend belud Stephan sich mit dem Gepäck und schleppte alles ins Haus.

*

  »Die sind aber doof!« Julchen schob die Unterlippe vor und sah böse zum Nachbarhaus hinüber, in dem Stephan gerade, mit Koffer und Taschen beladen wie ein Pack-esel, verschwunden war. »Richtige Angeberleute sind das. Du, paß auf, Willy, die meckern bestimmt dauernd herum. Aber ich lasse mir das nicht gefallen.«

  »Nun wartet’s doch erst mal ab«, versuchte Roberta die Gemüter ihrer kleinen Verwandten zu besänftigen. »Wißt ihr, die beiden haben eine lange Fahrt hinter sich und sind müde. Da reagiert jeder Mensch anders als gewöhnlich. Morgen, wenn die beiden ausgeschlafen haben, sind sie vielleicht ganz nett.«

  Die Kinder blieben skeptisch und Roberta ebenfalls, was sie sich aber nicht anmerken ließ, denn sie wollte den Zwillingen nicht die Stimmung verderben.

  Wahrscheinlich gehörten die neuen Nachbarn zu jenen Menschen, die mit nichts zufrieden sind. Sie kannte diese Typen. Karrieremenschen, die sich für ihren Job aufrieben und darüber das tatsächliche Leben vergaßen. In den Verlagen und Fernsehanstalten, mit denen Roberta tagtäglich zu tun hatte, wimmelte es von solchen »Yuppis«. Jungen, kreativen Menschen, die in ihrer künstlichen Welt agierten. Sie selbst versuchte stets, sich nicht davon anstecken zu lassen, denn es war ihr ein Greuel, alle Dinge nur noch nach ihrem materiellen Wert beurteilen zu müssen.

  Doch Roberta behielt ihre Gedanken und Erkenntnisse für sich. Sie hatte jetzt andere Sorgen. Die Zwillinge waren den ganzen Tag am Strand gewesen und ausgehungert wie zwei junge Löwen. Höchste Zeit, daß die beiden etwas zwischen die Zähne bekamen, bevor sie sie in die Wanne und anschlie-ßend ins Bett stecken konnte.

  Keine Frage, daß die Kinder sofort einschlafen würden, dann hatte Roberta endlich ein paar Stunden für sich.

  Sie beauftragte die beiden, sich um die Vierbeiner zu kümmern, während sie selbst den Salat zubereiten und das Fleisch auf den Grill legen wollte. Herr Schröder, das Kaninchen, besaß einen schönen Auslauf, den Roberta mit Erlaubnis des Hausbesitzers hinter dem Haus errichtet hatte.

  Die Kinder stürmten los, um dem Hasen frische Körner und Möhren zu geben und das Trinkwasser auszuwechseln. Anni beobachtete die Fütterung mit hängender Zunge. Sie wußte genau, daß anschließend ihr Menü zubereitet wurde. Hundeflocken mit Rinderbrühe, ihre Leib- und Magenspeise. Allerdings hätte sie auch nichts gegen die Bratwürstchen einzuwenden gehabt, die Roberta gerade auf das Rost legte.

  Anni fraß alles, was ihr zwischen die Fänge kam. Ob Obstsalat, Gurken oder Schokolade, sie war überhaupt nicht wählerisch. Deshalb mußte man sie, sobald irgendwo Lebensmittel herumlagen, gründlich im Auge behalten.

  In Windeseile leerte sie ihren Napf und kam dann zum Grill, um auf die Würstchen aufzupassen. Es könnte ja sein, daß eines herunterfiel…

  Die Kinder deckten unterdessen den Tisch auf der Terrasse. Roberta bewunderte wieder einmal, wie selbständig die beiden schon waren. Nein, sie bereute es nicht, sie zu sich genommen zu haben. So viel Spaß, wie in den vergangenen Tagen, hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.

  Julchen balancierte gerade die Salatschüssel aus dem Haus. Ihre kleine rote Zunge fuhr dabei unab-lässig über die Lippen. Eine unbewußte Reaktion, die der Konzentration entsprang, mit der sie diese Tätigkeit verrichtete. Willy verteilte indessen mit ernster Miene die Bestecke und faltete liebevoll die Servietten.

  »Also, das muß doch nun wirklich nicht sein!«

  Die helle, empört klingende Stimme schreckte Roberta aus ihren zärtlichen Beobachtungen. Sie fuhr herum und sah Melinda Bornemann am Zaun stehen.

  Alles an dieser Frau war von ausgesuchter Eleganz. Angefangen bei den teuren, handgearbeiteten Schuhen, bis zur sorgfältig geschnittenen Frisur, die die Hand eines exzellenten Friseurs verriet.

  Das Kostüm stammte gewiß nicht von der Stange. Und die Figur darunter hatte die Besitzerin bestimmt einiges an Schweiß, Disziplin und Geld gekostet. Kein Gramm Fett zuviel verunzierte die schmalen Hüften. Melinda Bornemann besaß genau diese »Dreiecksfigur«, die man nur nach hartem, täglichem Training im Sportstudio erlangt und die die erfolgreiche Managerin kennzeichnet.

  Selbst ihr Make-up war ein Wunder der Perfektion. Während Ro-berta ihr Gegenüber aufmerksam musterte, fragte sie sich wieder einmal, wie es diese Frauen fertigbrachten, in jeder Lebenslage derartig gestylt und unverwüstlich zu wirken.

  »Was geht nicht?« fragte sie, während sie Anni vom Grill verscheuchte. Die Hündin hatte sich einem der Würstchen zu sehr genähert.

  »Dieser Gestank.« Melinda rümpfte angewidert ihr gepudertes Näschen. Wahrscheinlich das Werk eines geübten Chirurgen. »Wir sind Vegetarier. Dieser Geruch ist für uns einfach unerträglich.«

  Roberta beschloß, freundlich zu bleiben.

  »Das tut mir leid«, erwiderte sie, wobei es ihr leider nicht gelang, den leisen Spott in ihrem Ton zu überdecken. »Aber wir sind nun mal Fleischesser und möchten gern ein Bratwürstchen auf unseren Tellern haben. Also werden Sie sich mit dem Geruch abfinden müssen.«

  Melindas gepudertes Gesicht lief unter dem Make-up leicht rosig an.

  »So, muß ich?« Ihre Stimme klang spitz. »Na, das wollen wir doch mal sehen.«

  Sie machte auf dem Absatz kehrt, aber nur, um sich flugs den Gartenschlauch zu schnappen, der auf dem Rasen lag. Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt die Düse direkt auf den Grill. Schon zischte und spritzte es, so daß die gesamte Umgebung ihre Portion Ruß und Wasser abbekam.

  Anni bellte entrüstet und schickte sich an, einen wilden Tanz auf dem Rasen zu vollführen. Die Kinder kreischten empört, als sie ihr Abendessen durch den Garten schwimmen sahen. Herr Schröder, der auch naß geworden war, raste wie ein Wilder in seinem Gehege herum.

  Roberta war im ersten Moment viel zu verblüfft, um irgend etwas zu ihrer Verteidigung tun zu können. Starr vor Entsetzen stand sie neben dem Grill und spürte, wie ihr das Wasser den Körper herunterlief.

  Doch dann packte sie heiliger Zorn. Jetzt war es Melinda, die zu spät reagierte. Bevor sie auch nur piep sagen konnte, war Robbi an den Zaun gehechtet, hatte Melindas Hände gepackt und sie so verdreht, daß die Düse des Schlauchs nun direkt in Melindas geschminktes Gesicht zielte.

  Die Ärmste sah aus wie eine nasse Katze und kreischte mindestens genauso laut. Durch den Lärm alarmiert kam Stephan aus dem Haus. Als er sah, was sich am Gartenzaun abspielte, drehte er geistesgegenwärtig den Wasserhahn zu und rettete seine Verlobte dann aus den Fängen der Angreiferin.

  »So ein Miststück!« ereiferte sich Melinda, während sie mit beiden Armen um sich schlug. »Das lasse ich mir nicht gefallen. Ste-phan, tu was. Ruf sofort unseren Anwalt an!«

  »Ja, ja, jetzt laß uns erst einmal hineingehen«, versuchte Stephan seine Verlobte zu beruhigen. »Du bist ja naß bis auf die Haut.«

  »Ja, legen Sie sie trocken und bringen Sie ihr bei, daß sie die Finger von unseren Sachen lassen soll!« rief Roberta erbost über den Gartenzaun. »Sie kann zu Hause die große Chefin spielen. Hier nicht.«

  Die Kinder heulten um die Wette. Erstens, weil sie der Streit ängstigte, zweitens weil sie vollkommen übermüdet waren und drittens, weil ihre Bratwürstchen, auf die sie sich so gefreut hatten, inzwischen allesamt in Annis Magen gelandet waren.

  Das Geschrei der beiden Kleinen brachte Roberta wieder auf den Boden der Normalität zurück. Sie kehrte dem seltsamen Yuppipaar den Rücken und stürzte zu ihren beiden Lieblingen, um sie erst einmal zu beruhigen.

  »Die ist doof!« plärrte Julchen, wobei sie vor Zorn mit dem Fuß aufstampfte. Und ihr Bruder prophezeite erbost:

  »Wenn die das noch mal macht, kriegt sie’s mit mir zu tun.«

  »Das traut die sich bestimmt nicht mehr«, verkündete Rober-

ta überzeugt. »So, und jetzt vergessen wir das Ganze und rufen

den Pizzaexpreß an. Von solchen Leuten lassen wir uns doch nicht unsere Ferien verderben, nicht wahr?«

  Die Kinder wischten sich die Tränen ab und schmiegten sich an ihre Tante. Im Nu war ihre kleine Welt wieder in Ordnung, aber Roberta fürchtete im stillen, daß das nur der Auftakt zu einer langen, intensiven Feindschaft gewesen war.

  Es standen ihr ereignisreiche Wochen bevor, wenn das Paar blieb. Aber – das nahm sie sich in diesem Moment ganz fest vor – sie würde sich nicht vertreiben lassen.

  Melinda Bornemann mochte anderswo pfeifen, und die Menschen sprangen. Hier würde sie sich die Zähne ausbeißen.

  Sie hatte sich mit Roberta Simonas die falsche Feindin ausge-

sucht!

*

  Der Tag begann früh, wenn man Zwillinge zu beaufsichtigen hatte. Die beiden fielen abends, spätestens um halb neun, todmüde in ihre Betten und schliefen beinahe augenblicklich ein. Aber sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Fensterläden krochen, waren die beiden nicht mehr in den Federn zu halten. Dann sprangen sie gutgelaunt aus den Betten und stürmten in Robertas Schlafzimmer, um dort mit fröhlichem Gepolter den Tag zu begrüßen.

  Für Roberta war es jedes Mal ein Schock. Sie, deren Tagesrhythmus normalerweise völlig anders verlief, versuchte dann zwar, sich unter der Bettdecke zu verkriechen und schlafend zu stellen, aber das nutzte nichts. Willy und Julchen enterten rücksichtslos ihr Bett. Anni, die sowieso jeden Unsinn mitmachte, warf sich laut bellend mitten auf Robertas Bauch, worauf diese entnervt den Kampf aufgab.

  Auch heute wurde sie auf diese Art geweckt. Allerdings war etwas anders: Durchs Haus zog ein lockender Kaffeeduft, der Robertas Lebensgeister sofort weckte.

  »Wir haben dir Frühstück gemacht!« verkündete Julchen stolz. »Es ist alles fertig, du mußt nur aufstehen.«

  »Und die Zähne putzen«, mahnte Willy, der mit diesen morgendlichen Ritualen eigentlich nicht viel am Hut hatte. Aber da ihn seine Tante jeden Morgen und Abend unnachgiebig ins Bad trieb und seine Reinlichkeit mit Argusaugen überwachte, glaubte er, nun seinerseits ein wenig erzieherisch tätig werden zu dürfen.

  Roberta ließ ihm die Freude. Artig tappte sie ins Bad, gefolgt von Anni, die sich freute, daß ihr Frauchen endlich aufgestanden war und den beiden Kindern, die interessiert zusahen, wie Robbi unter die Dusche stieg.

  Julchen betätigte sich anschlie-ßend als Stylistin und suchte Ro-berta die Kleider aus, die die Tante heute tragen sollte. Daß sie Robertas langes Haar bürsten und zu einem Zopf flechten und diesen phantasievoll mit Spangen und Bändern schmücken durfte, war für die Kleine das höchste Glück. Wie alle kleinen Mädchen kümmerte sich nämlich auch Julchen schon eingehend um modische Fragen und kämmte und schminkte ihre Puppen mit Hingabe.

  Anschließend – zum Glück besaß Julchen einen hervorragenden Geschmack, so daß sich Roberta in der Jeans und dem bunten Sonnentop durchaus sehen lassen konnte – gingen sie alle Mann auf die Terrasse hinaus, wo die Kinder bereits den Tisch gedeckt hatten.

  Der Kaffee war ein Schock. Rattengift hätte nicht schlimmer schmecken können, aber Roberta schluckte ihn tapfer. Die Kinder hatten sich wirklich große Mühe gegeben, ihr eine Freude zu ma-

chen, so daß sie ihnen diese jetzt nicht mit Mäkeleien verderben wollte.

  Dafür sorgte allerdings Melinda, die kurze Zeit später, angetan mit einem verführerischen und wahrscheinlich sündhaft teuren Nichts von Negligé, im Garten erschien.

  Die Kinder erstarrten bei ihrem Anblick. Das lag allerdings an der Crememaske, die ihr Gesicht wie ein Clownsantlitz verunstaltete.

  »Das ist wirklich eine Zumutung!« Melinda war nicht gerade bester Laune. »Es ist gerade mal neun Uhr, und Sie veranstalten hier mit Ihrer Brut einen Radau, daß man aus dem Bett fällt. Meine Güte, ich muß das ganze Jahr über hart genug arbeiten. Da werde ich doch wohl im Urlaub ausschlafen dürfen!«  Roberta beschloß, die Fehde nicht auf die Spitze zu treiben. Außerdem hatte sie durchaus Verständnis für das Schlafbedürfnis des Yuppipärchens. Sie selbst hätte ja auch bis zehn, elf Uhr im Bett gelegen, wenn – na, ja…

  »Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich hastig bei Melinda, bevor die Kinder etwas sagen konnten. »Wir werden das nächste Mal leiser sein. Außerdem sind wir sowieso gleich verschwunden. Dann ist es hier wieder ruhig.«

  »Und was nutzt mir das?« keifte Melinda wutentbrannt. Sie wollte sich ärgern. Immerhin hatte diese verdammte Nachbarsbande sie aus dem Bett getrieben! Das sollte nicht ganz umsonst gewesen sein. »Ich werde jetzt bestimmt kein Auge mehr zutun. Damit haben Sie mir den ersten Urlaubstag praktisch schon gänzlich vermasselt. Ich werde Migräne bekommen, vor lauter Ärger, unausgeschlafen sein – oh, Sie sind ja so rücksichtslos!«

  »Was verlangen Sie von mir?« Roberta platzte der Kragen. Sie hatte sich entschuldigt und war, weiß Gott, bereit, die Kinder ruhig zu halten. Was verlangte diese Frau sonst noch von ihr. »Soll ich Sie in den Schlaf wiegen? Oder Ihnen ein Liedchen singen, bis Sie eingeschlafen sind? Mehr, als Ihnen sagen, daß es mir leid tut und Ihnen versprechen, daß ab sofort Ruhe herrschen wird, kann ich nicht.«

  Prima, die Nachbarin ging auf den Zoff ein. Das war genau das, was Melinda jetzt brauchte. Wenn sie sich schon aufregte, dann sollte es sich wenigstens lohnen!

  »Natürlich, das ist die Standardantwort: Es tut mir leid«, äffte sie Roberta nach. »Es tut Ihnen leid, ja? Aber mir ist damit überhaupt nicht geholfen. Nur, so was versteht eine wie Sie ja nicht. Die sitzt das ganze Jahr zu Hause und guckt zu, wie ihre Kinderchen wachsen. Sie wissen doch gar nicht, was Arbeit ist.«

  »Ich hab’ ja gesagt, daß die doof ist«, mischte sich Julchen ein, die den Streit mit wachsender Besorgnis verfolgte.

  »Klar ist die doof«, stimmte ihr Bruder zu. »Nur doofe Leute schmieren sich Quark ins Gesicht und bilden sich dann ein, daß sie schön aussehen.«

  »Kinder, seid ruhig«, fuhr Roberta genervt dazwischen. »Wir lassen diese komische Frau jetzt einfach allein weiterschimpfen und fahren an den Strand. Soll sie uns doch den Buckel runterrutschen.«

  Das paßte Melinda überhaupt nicht. Wenn sie schon zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett gejagt wurde, dann wollte sie ihren Spaß auch bis zum Ende auskosten!!

  »Sie sollten lieber mit Ihren Kinder zu einer Erziehungsberatung gehen!« keifte sie quer über den Gartenzaun. »Diese verzogenen Balgen sind ja die reinste Katastrophe!«

  »Und du bist häßlich!« plärrte Julchen zurück, bevor Roberta es verhindern konnte.

  »Und ganz, ganz dumm!« kam Willy seiner Schwester zu Hilfe.

  »Jawohl, eine dumme häßliche He…« Hier griff Roberta ein und hielt Julchen einfach den Mund zu.

  »Kommt, laßt uns einfach gehen«, riet sie den Kindern, bevor diese noch mehr Unheil anrichten konnten. »Lauft schon in eure Zimmer und holt eure Badesachen. Ich räume nur schnell den Tisch ab.«

  »Aber die Frau…«, wollte Willy protestieren, worauf Roberta ihn resolut durch die Terrassentür ins Wohnzimmer schob.

  Anschließend begann sie in Windeseile den Tisch abzuräumen, während Melinda wie ein gefangener Tiger am Gartenzaun auf und ab lief.

  Sie hätte der Nachbarin gern noch irgendeine Bosheit an den Kopf geworfen, aber leider gab ihr Roberta keine Gelegenheit mehr dazu. Sie verschwand einfach im Haus und ließ Melinda mit ihrer schlechten Laune allein.

  Schließlich kehrte Melinda in ihr eigenes Haus zurück und veranstaltete dort einen solchen Lärm, daß Stephan, der bisher selig geschlafen hatte, beinahe aus dem Bett fiel.

  Er mußte dann für den Rest des Morgens den Blitzableiter für Melindas schlechte Laune spielen.

*

  Die Kinder wirkten mürrisch, als sie schließlich, beladen mit ihren Strandsachen, in der Küche erschienen.

  »Nun laßt euch doch von dieser dummen Frau nicht die Laune verderben«, versuchte Roberta sie aufzumuntern. »Es gibt Leute, die müssen sich über jede Kleinigkeit aufregen. Am besten ist es, man kümmert sich gar nicht darum.«

  Die beiden wechselten beredte Blicke miteinander, dann trat Willy vor und sah seine Tante aufmerksam an.

  »Du hast gesagt, daß wir heute einen Bollerwagen kaufen«, begann er hoffnungsvoll.

  Roberta fiel ein Stein vom Herzen. Das war es also, was die beiden bewegte. Nun, dem war abzuhelfen.

  »Aber natürlich, das hatte ich ja ganz vergessen!« beeilte sie sich zu versichern. »Nun, dann müssen wir natürlich erst einmal in die Stadt fahren und einkaufen. Legt eure Sachen einfach in der Diele ab, und dann geht die Reise los.«

  Lautes Gejuche dankte ihr für diese Zusage. Keine fünf Minuten später sah man das Trio, gefolgt von Anni, die überall dabeisein mußte, in den Ort radeln.

  In der Innenstadt herrschte der übliche Touristenrummel. Jetzt, während der Hauptsaison, war die Insel natürlich dicht bevölkert. Urlauber in bunter Freizeitkleidung belebten die hübschen gepflasterten Sträßchen oder kurvten mit den Trollys durch die Gegend, wobei die meisten dieser vier- bis sechsitzigen Fahrradkutschen von schwitzenden Familienvätern gesteuert wurden.

  Die drei stellten ihre Räder im Kurhaus ab und spazierten dann die Kampstraße entlang, direkt in die City, wo sich der »Windjammer« befand, ein Krimskramsladen, in dem man alles mögliche kaufen konnte.

  Die Kinder verliebten sich augenblicklich in einen massiven Holzbollerwagen mit dicken Reifen, der groß genug war, um die Zwillinge und deren Badesachen zu transportieren. Stolz zogen ihn die Kinder anschließend durch die Straßen und wären damit am liebsten sofort an den Strand gegangen, aber Roberta konnte sie überreden, mit ihr noch ein paar Einkäufe zu tätigen.

  Es war nicht viel, was sie be-nötigten. Frisches Gemüse, Brot und Bratwürstchen, die diesmal allerdings nicht in Annis Magen landen sollten. Die Kinder trabten artig von Geschäft zu Geschäft und bestanden darauf, daß alle Taschen im Bollerwagen verstaut wurden, den sie dann mit stolzen Besitzermienen gemeinsam durch die Stadt zogen.

  Die Zeit war schneller vergangen, als Roberta geplant hatte. Als sie einmal zufällig auf die Uhr sah, stellte sie erstaunt fest, daß bereits die Mittagsstunde gekommen war.

  »Wir wär’s mit einem Imbiß in der ›Börse‹?« schlug sie vor, worauf die Zwillinge ein lautes Freudengeheul anstimmten.

  Essen gehen war eine Leidenschaft der beiden, die sie mit vielen Kindern teilten. Es gab nichts schöneres für sie, als in ein Lokal zu gehen und sich dort etwas Leckeres aussuchen zu dürfen.

  Zwar blieb es meistens bei Pommes rot/weiß, aber die Möglichkeit, fast alles auswählen zu können, worauf man eventuell Lust haben könnte, war das eigentlich Ver-lockende an der Geschichte.

  Die »Börse« befand sich im Herzen der Innenstadt. Ein Bistro, das von den Besitzern, immer der Jahreszeit entsprechend, äußerst üppig und phantasievoll dekoriert wurde.

  Hier bekam man den besten Salat von ganz Norderney. Voller Vorfreude stiegen die drei die wenigen Stufen zum Eingang hinauf und traten durch die schöne altmodische Glastür.

  Hier blieben sie erst einmal stehen, um die neue Deko zu bewundern, die erst vor wenigen Tagen fertig geworden war. Überall hingen bunte, getrocknete Sommersträuße, kleine Spielzeugstrandkörbe, Rettungsringe und Fischerboote. Und das alles so üppig und kunstvoll mit Bändern und Gräsern und diversen anderen Materialien geschmückt, daß man glaubte, in eine andere Welt einzutauchen.

  Vor allem aber schafften es die Besitzer immer wieder, den Raum gemütlich, aber nicht kitschig wirken zu lassen. Wer einmal in der »Börse« war, kam immer wieder gern dorthin zurück.

  Allerdings gab es ein kleines Problem: Der Platz! Auch jetzt waren sämtliche Tische besetzt. Auch am Tresen war kein freier Hocker mehr zu ergattern. Aber das Trio hatte Glück. Nachdem sie ihre Besichtigung abgeschlossen hatten, erhob sich an einem der Vierertische auf der Empore ein Pärchen und überließ den dreien die freigewordenen Plätze.

  Julchen und Willy lasen erst einmal ausgiebig die Speisekarte, wäh-rend die freundliche Bedienugn schon mal Limo und für Roberta einen Kaffee brachte. Dann, nach eingehenden Studien, entschlossen sich die Zwillinge, Pommes rot/-weiß zu nehmen, während sich Roberta für einen bunten Sommersalat entschied.

  »Schön.« Julchen strahlte übers ganze Gesicht, während sie sich aufmerksam im Raum umsah. »Tante Robbi, das sind die tollsten Ferien, die wir je hatten.«

  »Wuff« machte Anni leise, die unterm Tisch lag. Sie war ein ausgesprochen gutmütiges Tier, das mindestens so gern Lokale besuchte wie die Kinder.

  Die drei brachen in heiteres Ge-lächter aus, das ihnen allerdings im Halse stecken blieb, als sich die Tür erneut öffnete und Stephan Hollrieder das Bistro betrat.

  Er hatte einen scheußlichen Vormittag hinter sich und war schließlich entnervt vor Melindas mieser Laune geflohen. Jetzt hoffte er, hier einen gemütlichen, ungestörten Brunch einnehmen zu können.

  Seine Blicke wanderten über die Köpfe der Anwesenden hinweg, auf der Suche nach einem freien Plätzchen. Schade! Er hatte sich so auf das Essen im Bistro gefreut. Alle Kollegen, die schon mal auf Norderney gewesen waren, hatten ihm dringend geraten, ja einmal in die »Börse« zu gehen. Und jetzt?

  Sollte er mit der Touristen-Abfütterstation um die Ecke vorliebnehmen? Beim Gedanken an fettige Pommes und schlabberiges Schaschlik hob sich seine Laune keineswegs. Ihm war nach Naschen und Leckereien zumute.

  »Oje, der Hohlroller.« Willy machte sich auf seinem Stuhl ganz klein, damit der Nachbar bloß nicht auf ihn aufmerksam wurde. Aber es war zu spät. Stephan hatte das Trio bereits entdeckt.

  Ob er grüßen sollte? War sicherlich vernünftiger. Immerhin hatte er sich mit dieser Frau ja noch nicht in die Haare bekommen. Also deutete er mit einem Kopfnicken an, daß er Roberta gesehen und erkannt hatte.

  Blödmann, dachte sie ärgerlich. Aber dann hockte plötzlich ein winzig keines Teufelchen in ihrem Nacken und flüsterte ihr lauter verlockende boshafte Dinge ins Ohr. Ehe Roberta so recht wußte, was sie da tat, hatte sie auch schon die Hand gehoben und winkte Stephan heran.

  Die Kinder straften sie mit einem entsetzten »Tante Robbi, doch nicht den!«

  Zu spät. Stephan Hollrieder hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und kam geradewegs an ihren Tisch.

  »Hätten Sie vielleicht noch ein Plätzchen für mich?«

  »Nein«, antworteten die Zwillinge wie aus einem Munde.

  »Setzen Sie sich«, erwiderte Roberta freundlich, was ihr einen schmerzhaften Fußtritt gegen das Schienbein einbrachte. Die roten Ohren verrieten, daß Willy der Übeltäter war.

  »Danke.« Stephan Hollrieder sank mit einem erleichterten Lä-cheln auf den Stuhl nieder. »Ich hatte schon gedacht, ich müßte in den Imbiß um die Ecke gehen. Da stapeln sich die pommeskauenden Familien. Brüllende Kinder, genervte Eltern und altes Fett, eine gefährliche Mischung.«

  »Stimmt«, ein spöttisches Lä-cheln spielte um Robertas Lippen. »Besonders für Menschen, die Kinder nicht mögen. Meine kauen übrigens auch gleich Pommes.«

  Stephan errötete bis zu den Ohrläppchen. Diese spontane Regung machte ihn Roberta wieder sympathisch. Ja, in diesem Moment empfand sie sogar fast so etwas wie Zuneigung für ihn. Ein erwachsener Mann, der noch auf diese schulbubenhafte Art errötete, konnte unmöglich ein durch und durch schlechter Mensch sein.

  »Ich hab’s wirklich nicht so gemeint«, versuchte er, sich stotternd zu entschuldigen. Ein kleiner, bedrückt klingender Seufzer entrang sich seiner Brust. »Es ist wie verhext. Momentan habe ich wirklich kein glückliches Händchen, was den Umgang mit meinen Mitmenschen angeht. Ich sage irgendwie immer das falsche. Meine Verlobte hat sich auch schon beschwert, daß ich sie nicht verstehe.«

  Hier entfloh Roberta ein kleines, spöttisches Kichern.

  »Nun, da sind Sie nicht allein. Ich verstehe sie auch nicht.«

  Stephan musterte sie mit einem nachdenklichen Blick.

  »Sie hatten heute morgen schon einen Zusammenstoß mit Melinda, nicht wahr?« forschte er behutsam. »Tut mir leid. Mel ist in einer ziemlich gereizten Stimmung. Sie hat drei Jahre durchgearbeitet, sich wegen ihres Berufs keinen Urlaub geleistet. Immer, wenn wir Reisepläne schmiedeten, kam etwas dazwischen. Jetzt ist sie total fertig und bedarf dringend der Ruhe. Sie ist sonst nicht so empfindlich.«

  Roberta nickte, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, daß die arrogant wirkende Melinda Bornemann so etwas wie Freundlichkeit verströmen sollte. Sie war der Prototyp einer Karrierefrau, die für ihren Erfolg über Leichen ging.

  »Ich verstehe, daß Ihre Verlobte Ruhe braucht«, erwiderte Roberta diplomatisch. »Heutzutage muß man froh sein, wenn man eine Arbeit hat und kann nicht wählerisch sein, soll heißen: Wenn der Chef Überstunden ansetzt, dann wird nicht gemäkelt.« Ihre Miene wurde entschlossen. »Trotzdem werde ich meinen Kindern nicht befehlen, den ganzen Tag auf Zehenspitzen herumzuschleichen. Die beiden haben Ferien und genauso ein Recht auf Erholung wie Ihre Verlobte.«

  Stephan sah zu den Zwillingen, die mit mürrischen Gesichtern auf ihren Stühlen hockten und ihn feindselig anblickten.

  »He, ich beiße nicht«, versuchte Stephan, die beiden zum Lächeln zu bringen, aber ihre Mienen wurden nur noch abweisender. »Nette Kinder.« Murmelnd wandte er sich schließlich wieder Roberta zu, die die kleine Szene lächelnd beobachtet hatte.

  »Wie lange sind Sie schon hier?« wollte Stephan nun wissen, eigentlich nur, um die Unterhaltung in Gang zu halten.

  Das Eintreffen der Bedienung, die mit einem vollbeladenen Tablett an den Tisch trat, enthob Roberta zunächst einer Antwort. Sie wartete, bis die Zwillinge ihre Pommes in Angriff nahmen, dann wandte sie sich Stephan zu, der die Kinder nachdenklich betrachtete.

  »Wir sind vor einer Woche angekommen«, gab Roberta ihm bereitwillig Auskunft. »Die Kinder waren noch nie am Meer. Die ersten Tage haben sie mich dauernd gefragt, ob die Insel auch wirklich nicht untergehen kann.«

  Stephan lächelte verständnisvoll.

  »Genau das habe ich meine Eltern damals auch gefragt, als wir das erste Mal auf Borkum waren«, verriet er im entspannten Plauderton. »Sie haben mir immer wieder versichert, daß das nicht möglich sei, aber ich blieb die ganzen vier Wochen über skeptisch.«

  »Inseln können nicht untergehen, weil sie am Meeresboden festgewachsen sind«, mischte Willy sich ein. »Sie können höchstens vom Meer überspült werden.«

  »Unsere Insel auch?« fragte Julchen besorgt dazwischen.

  »Unsere Insel auch«, bestätigte Willy mit wichtiger Miene, worauf Julchen besorgt das Gesicht verzog.

  »Aber das passiert ganz, ganz selten«, versuchte Roberta rasch, sie zu beruhigen. »Und im Sommer schon gar nicht. Mach dir keine Sorgen.«

  Doch Julchen war nicht so leicht zu beruhigen. Wenn ihre Phantasie einmal in Gang gekommen war, dann malte sie sich die schlimmsten oder schönsten – je nachdem – Dinge bis ins kleinste Detail aus.

  So auch jetzt. Julchen wollte jetzt unbedingt wissen, was aus den Menschen wurde, die auf Norderney lebten, wenn das Meer »überschwappte«. Und ob die Tiere im Notfall auch auf der Fähre mitfahren durften, und ob alle Häuser im Wasser untergingen, und so weiter und so fort.

  Als Roberta keine Antworten mehr einfielen, kam Stephan ihr zu Hilfe. Mit unendlicher Geduld und erstaunlichem Sachwissen beantwortete er alle Fragen, bis Julchen, inzwischen gestättigt, das Interesse an dem Thema verlor.

  »Gehen wir jetzt an den Strand?« wollte sie von Roberta wissen, worauf diese seufzte.

  »Also gut, dann gehen wir an den Strand«, gab Roberta nach. Sie hatten über eine Stunde im Bistro gesessen, höchste Zeit, daß die Kleinen an die frische Luft kamen. »Nehmt euren Bollerwagen und Anni, ich bezahle inzwischen.«

  »Der ist aber toll!« bewunderte Stephan das Holzwägelchen, das die Kinder jetzt unter dem Tisch hervorzogen. »Ist der neu?«

  »Ja, den hat uns Tante Robbi geschenkt«, verkündete Willy voller Besitzerstolz. »Da können wir alle unsere Spielsachen reintun und uns selbst auch noch reinsetzen, wenn wir müde sind. Und Tante Robbi zieht uns dann nach Hause.«

  »Toll!« Stephans Herz klopfte aus irgendeinem Grund plötzlich ein bißchen schneller, seit er gehört hatte, daß die Kinder Roberta nicht »Mama«, sondern »Tante« nannten. Komisch, dabei konnte es ihm doch völlig egal sein, ob diese hübsche, nette Frau nun die Mutter oder die Tante der beiden war! »Ich habe mir als Kind immer so einen Wagen gewünscht, aber leider nie bekommen. Mensch, da habt ihr aber richtig Glück, daß eure Tante euch so lieb hat und euch so einen tollen Wagen kauft.«

  »Mhmmm«, Willy und Julchen nickten mit ernsthaften Mienen. »Wenn du nicht dauernd mit uns schimpfst, darfste den Wagen auch mal haben«, bot Julchen an, nachdem sie einen raschen, sich der Zustimmung ihres Bruders versichernden Blick gewechselt hatte.

  »Aber deine Freundin nicht!« schränkte Willy die Genehmigung rasch ein, denn Melinda konnte er nun wirklich nicht leiden.

  »Danke.« Stephan beschloß, der Einschränkung keine große Bedeutung beizumessen. »Vielleicht gehen wir ja mal alle zusammen an den Strand, dann lege ich meine Badehose dort hinein.«

  »Aber deine Freundin nich’«, wiederholte Willy noch einmal warnend. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Roberta kam ihm zuvor.

  »So, alles erledigt. Wir können gehen.« Sie nahm Anni an die Leine, die sich eher unlustig erhob. Sie war keine große Spaziergängerin. »Wir müssen uns noch überlegen, wie wir den Wagen transportieren. Habt ihr eine Idee?«

  »Wir binden ihn am Fahrrad fest«, lautete Willys Vorschlag, worauf Roberta skeptisch die Stirn runzelte.

  »Ich könnte ihn im Auto mitnehmen«, ergriff Stephan die Chance, sich von seiner freundlichen Seite zeigen zu können. »Mein Wagen steht auf dem Parkplatz in der Marienstraße.«

  Roberta nahm das Angebot gern an. Also wechselte der Bollerwagen vorübergehend den Besitzer. Gemeinsam verließen sie die »Börse« und spazierten in Richtung Kurhaus/Spielkasino, wo die Fahrräder standen. Stephan ging anschließend weiter, um seinen Wagen abzuholen.

*

  Fröhlich radelte das Trio in Richtung Leuchtturm. Das Thermometer war inzwischen auf die 28-Grad-Marke geklettert, so daß die drei ganz hübsch ins Schwitzen kamen.

  Mit Erleichterung sahen sie endlich die helle Fassade ihres Fischerhäuschens zwischen den Dünen schimmern. Nur noch ein paar Meter, und dann konnten sie die Fahrräder abstellen und endlich an den Strand gehen.

  Doch die Freude auf das Nachhausekommen verging ihnen, als sie näherkamen. Schon von weitem schallte ihnen nämlich Melindas helle, erregte Stimme entgegen, mit der sie auf ihren Verlobten einschimpfte, während dieser versuchte, den Bollerwagen aus dem Kofferraum zu heben.

  »Das nennst du also Urlaub!« hielt sie ihm vor. »Ich sitze den ganzen Tag allein herum, und du erledigst Botendienste für die Nachbarin.«

  »Ich habe Frau Simonas zufällig in der Stadt getroffen und die Einkäufe mitgenommen«, versuchte Stephan sich zu verteidigen. »Was ist denn dabei? Kann man nicht mal einfach nur hilfsbereits sein?«

  »Hilfsbereit?« Melinda stampfte vor Wut mit dem Fuß auf. »Von wegen! Die sucht doch bloß einen Dummen, der ihr all die kleinen Unannehmlichkeiten abnimmt, vor denen sich ihr werter Ehemann drückt. Ich will das nicht, hörst du? Wenn du unbedingt etwas tun willst, dann tu es für mich.«

  »Aber Mel«, versuchte Stephan beruhigend auf seine Verlobte einzuwirken, aber Melinda ließ ihn nicht zu Wort kommen.

  »Den ganzen Vormittag habe ich hier allein herumgesessen«, warf sie ihm vor. »Dabei hatten wir doch eigentlich vereinbart, daß wir unsere Freizeit gemeinsam verleben wollen. Hast du vor, das jetzt die ganze Zeit über so zu machen?«

  »Melinda, hör auf!« Stephan reichte es jetzt. Seit sie hier angekommen waren, hatte Melinda ständig etwas zum Nörgeln gefunden. Er hatte keine Lust, sich seinen kostbaren Urlaub von ihr verderben zu lassen. »Du hast heute morgen so schlechte Laune gehabt, daß ich lieber weggefahren bin und die Einkäufe getätigt habe, die dringend erledigt werden mußten. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, der Kühlschrank ist leer. Also habe ich alles Notwendige besorgt.«

  »Ach, dann hast du den Bollerwagen also für uns gekauft?« höhnte Melinda boshaft. »Und was sollen wir damit? Willst du dich da reinsetzen, und ich ziehe dich durch die Gegen?«

  »Ich habe es dir schon einmal gesagt, der Bollerwagen gehört den Nachbarskindern und…«

  »Ach, da kommen ja deine neuen Freunde.« Melina wandte sich ab und sah Roberta und den Kindern entgegen, die sich inzwischen bis auf wenige Meter genähert hatten. »Nun, dann viel Spaß. Du wirst sicherlich gerne den Babysitter für die beiden spielen. Du bist ja sooo hilfsbereit.«

  Stephan sog tief die Luft ein und biß die Zähne dann so fest aufeinander, daß die Kiefermuskeln schmerzten. Am liebsten hätte er Melinda angeschrien, daß sie sich ihre albernen Attitüden sparen und endlich zur Vernunft kommen sollte. Aber er beherrschte sich unter Auferbietung aller Kräfte.

  Wenn er Melinda anbrüllte, machte er alles noch viel schlimmer. Besser war es, er schluckte seinen Zorn hinunter und wartete, bis sie endlich wieder normal war. Dann konnte man vielleicht auch vernünftig mit ihr reden.

  Sie musterte Roberta mit ei-

nem spöttisch-beleidigenden Blick, machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte ins Haus, während die Kinder mit lautem Freudengeheul ihren Bollerwagen in Besitz nahmen.

  Roberta sah indessen Melinda unter zusammengezogenen Brauen hinterher. Die Dame schien auch während der Freizeit nicht auf ihren gewohnten Luxus verzichten zu wollen. Die hochhackigen Goldsandaletten hätten eigentlich viel besser aufs Parkett des eleganten Wiesbadener Kurhauses gepaßt, als in diese Dünenlandschaft. Das hauchfeine Seidentüllkleid, das mehr enthüllte als es verbarg, stammte aus einem der führenden Modehäuser Frankfurts. Ein Modellstrandkleid, das sich nur die Créme de la Créme leisten konnte.

  Alles in allem wirkte Melinda in ihrem extravaganten Outfit wie ein Pfau in einer Hühnerschar. Roberta fragte sich, weshalb das gewiß sehr anspruchsvolle Pärchen nicht in die Karibik geflogen war oder wenigstens auf Sylt weilte, wo sie unter ihresgleichen sein konnten.

  Norderney war zwar auch nicht gerade billig, aber doch eher eine Familieninsel, wo man selber kochte und die Kinder tagsüber an den Strand zum Spielen schickte, damit sie ihre Bronchitis auskurierten.

  Beinahe hätte Roberta ihre Frage laut gestellt. Im letzten Moment schluckte sie die Worte hinunter und wandte sich Stephan zu, der seiner Verlobten ebenfalls nachgesehen hatte. Seiner Miene war nicht zu entnehmen, was er dachte.

  »Dann nochmals schönen Dank«, sagte Roberta und schickte sich an, den Kindern zu folgen. »Und schöne Zeit noch.«

  Damit ging sie endgültig und war gleich darauf im Nachbarhaus verschwunden, wo die Kinder bereits lärmend ihre Badesachen und Schwimmtiere zusammensuchten und in den Wagen legten.

  Zehn Minuten später sah Ste-phan vom Küchenfenster seines Hauses zu, wie das Trio davontrabte. Anni, die Schäferhündin, lief fröhlich bellend voraus, während der Bollerwagen, den die Zwillinge einträchtig miteinander zogen, hochbeladen über den unebenen Weg holperte.

  Stephan wäre gern mitgegangen.

*

  In den kommenden Tagen beruhigte sich das Verhältnis zwischen den Nachbarn etwas. Roberta ging meist schon früh an den Strand, wo sie mit den Kindern den ganzen Tag über blieb und kehrte erst am Abend zurück, wenn die beiden vor Müdigkeit kaum noch laufen konnten.

  Da blieb dann gerade noch Zeit, ein paar Spaghettis zu kochen oder Steaks auf den Grill zu werfen. Roberta hatte den Rost jetzt auf die andere Seite des Gartens gestellt, wo ihn Melindas Gartenschlauch nicht erreichen konnte, bevor die Zwillinge schon im Halbschlaf ins Bett fielen.

  Von Stephan und Melinda sah Roberta daher nicht viel. Wenn sie mit den Kindern zum Strand ging, waren die Fensterläden des Nachbarhauses noch fest verschlossen. Kehrte sie abends zurück, machte das Haus einen verlassenen Eindruck. Erst spät, wenn Roberta auf der Terrasse die ruhigen Abendstunden genoß, sah sie das Paar manchmal, wenn es im Schein eines Windlichts im Garten saß.

  Manchmal wehte der Wind ihre gedämpften Stimmen zu ihr her-über. Aber das war auch alles, was Roberta von den Nachbarn sah, beziehungsweise hörte.

  Dann, an einem Samtagsabend, die Kinder schliefen bereits tief und fest und Roberta war mit dem Rad in die Stadt gefahren, um irgendwo in Ruhe ein Eis zu essen, da sah sie Stephan und seine Verlobte vor dem Eingang zum Spielcasino. Beide waren elegant gekleidet, er im Smoking, sie im Abendkleid, zwei sehr vornehme Leute auf dem Weg zu ihrem vornehmen Vergnügen.

  Roberta sah den beiden einen Moment hinterher, dann schob sie ihr Rad in den Ständer und begab sich auf den Weg in die Innenstadt.

  Doch der Anblick des Paares ging ihr irgendwie nicht aus dem Sinn. Stephan Hollrieder hatte verdammt schick ausgesehen in seinem Smoking. Er hatte tolle breite Schultern, die durch das Jackett noch betont wurden. Es hatte Roberta einen kleinen, schmerzhaften Stich versetzt, als sie zusah, wie Stephan Melindas Arm nahm, um sie den Weg entlang zum Haupteingang zu führen.

  Die beiden paßten rein optisch wirklich hervorragend zueinander. So elegant und weltgewandt wie Melinda würde sie sich niemals bewegen können – ach ja!

  Energisch vertrieb Robbi die Gedanken, aber sie kehrten doch immer wieder zurück. Leider verdarben sie ihr auch den Appetit auf das Eis, so daß sie schließlich unverrichteter Dinge wieder in das kleine Fischerhäuschen zurückkehrte.

  In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal, seit sie auf der Insel weilte, sehr unruhig.

*

  Das Windlicht verbreitete seinen goldenen Schein und überzog alles in seiner näheren Umgebung mit einem gelbgoldenen Schimmer. Die Büsche und Bäume im Hintergrund wirkten darum noch düsterer, aber diese Düsternis wurde von der leichten Seebrise gemildert, die durch den Garten strich.

  Es war einer jener Sommerabende, die man am liebsten festhalten möchte. Ab und zu raschelte das Dünengras oder ein Tier seufzte im Schlaf. Und über alldem lag das ewige Rauschen des Meeres, das der Wind weit über die Insel hinwegtrug.

  Roberta hatte gerade noch einmal nach den Zwillingen gesehen. Die beiden schliefen wie die Engel, mit roten Wangen, die kleinen Hände zu Fäusten geballt, so wie sie es schon als Babies getan hatten.

  Jetzt saß Robbi auf der Terrasse und genoß die Abendstille. Das waren die schönsten Stunden des Tages. Sie liebte die Kinder und war gern mit ihnen zusammen. Aber wenn die kleinen Plappermäulchen endlich einmal verstummt waren, keine Füßchen durchs Haus trappelten, keine Türen knallten und keine aufgeregte Anni bellte, dann war das wie Balsam für die Nerven, die am Tage ab und zu doch ganz schön auf die Probe gestellt wurden.

  Anni lag unter dem Tisch und genoß die Ruhe mindestens genauso wie ihr Frauchen. Aber jetzt hob sie den Kopf und spitzte die Ohren, um in die Nacht hineinzulauschen, die interessante Gerüche und Ge-räusche zu ihr trug.

  »Wuff!« Anni erhob sich und ging in Habachtstellung.

  »Aus«, murmelte Roberta träge. Sie war sogar zu faul, um in dem Buch zu lesen, das seit Tagen auf dem Wohnzimmertisch lag.

  Anni warf ihr nur einen kurzen strafenden Blick zu, dann schlug sie erneut an, begann aber gleichzeitig freudig mit der langen Rute zu wedeln.

  Dann entdeckte Roberta den Grund für Annis Aufmerksamkeit. Am Zaun stand Stephan Hollrieder und winkte zu ihr herüber. Sie konnte seine Umrisse nur schemenhaft erkennen, aber das quietschgelbe T-Shirt leuchtete selbst in der düstersten Dunkelheit.

  »Hallo!« Roberta hob die Hand und winkte zurück. »Guten Abend.«

  »Guten Abend.« Stephan sprach gedämpft, aber der laue Wind trug seine Stinne mühelos zu Roberta hinüber. »Schlafen die Kleinen?«

  »Ja.« Roberta lehnte sich gemütlich in ihren Korbsessel zurück. »Schön, diese Ruhe, nicht wahr?«

  »Mhmm.« Stephan schien zu zögern. »Melinda schläft auch«, teilte er ihr nach einer Weile mit. »Wir waren heute zum ersten Mal am Strand, und sie hat sich gleich einen mörderischen Sonnenbrand geholt. Jetzt hat sie eine Tablette genommen.«

  Obwohl Roberta immer geglaubt hatte, Schadenfreude oder gar Häme seien ihr fremd, konnte sie sich jetzt einer gewissen Genugtuung nicht erwehren.

  »Quarkumschläge sollen helfen«, raffte sie sich dennoch auf, so etwas wie Mitleid zu zeigen. »Aber wenn sie schläft, dann ist es ja gut. Morgen fühlt sie sich bestimmt wieder besser.«

  »Hoffentlich.« Stephans Stimme klang skeptisch. »Was tun Sie gerade?«

  Roberta streckte sich genüßlich. Dann war plötzlich wieder dieses kleine Teufelchen da, das ihr dauernd Unmöglichkeiten ins Ohr flüsterte.

  »Nichts«, antwortete sie und dann fügte sie, zu ihrem eigenen Erstaunen freundlich hinzu: »Wollen Sie nicht herüberkommen? Wir könnten ein Glas Wein miteinander trinken.«

  Anscheinend hatte Stephan nur auf diese Einladung gewartet. Ehe es sich Roberta versah, war er über den niedrigen Zaun gesprungen und stand vor ihr.

  »Gern.« Stephan strahlte übers ganze Gesicht. »Wissen Sie, es ist schrecklich langweilig, wenn man so allein herumsitzt.«

  Mit einem zufriedenen Seufzer ließ er sich in den Korbstuhl fallen und streckte die langen Beine von sich.

  Roberta betrachtete ihn einen Moment lächelnd, dann stand sie auf, um den Wein zu holen.

  Goldgelb funkelte die Flüssigkeit in den Gläsern. Durch die geöffneten Terrassentüren rieselte leise Unterhaltungsmusik nach draußen. Roberta hatte einen Sender gefunden, der den ganzen Tag Hits und Informationen für die Urlauber, die während der Sommermonate auf der Insel weilten, in den Äther sprudelte. Leise summte sie die Melodie mit, während sie entspannt in ihrem Stuhl lehnte und ihren Gedanken nachhing.

  »Bleiben Sie die gesamten Ferien über hier?« wollte Stephan wissen, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gesessen hatten.

  Roberta wurde sich erst jetzt wieder seiner Gegenwart bewußt. Eine feine Gänsehaut überzog ihren Rücken, verbunden mit wohligen Schauern, deren Ursprung sich Robbi nicht erklären konnte.

  »Ja, ja, wir hatten vor, die gesamten sechs Wochen hierzubleiben«, erwiderte sie rasch, wobei sie sich wunderte, wie kurzatmig ihre Stimme klang. »Die Kinder leben mitten in Frankfurt. Sie kommen so gut wie nie vor die Tür, weil meine Schwester ständig fürchtet, ihnen könnte etwas passieren. Deshalb dachte ich, daß ihnen die Seeluft sicherlich guttun wird.«

  Stephan hob sein Glas an die Lippen und kicherte verstohlen.

  »Melinda glaubt, die beiden seien Ihre Kinder«, verriet er Roberta. Ein Gedanke, der ihn zu belustigen schien. »Sie ist lieb, wissen Sie, aber leider bildet sich meine Verlobte manchmal vorschnell ein Urteil und ist dann nicht mehr davon abzubringen. Ich habe sie deshalb bisher in dem Glauben gelassen.«

  »Von mir aus.« Roberta war es ziemlich egal, was diese Melinda Bronemann von ihr dachte. »Willy und Julchen sind ja auch so gut wie meine Kinder. Ich war bei ihrer Geburt dabei und habe sie übers Taufbecken gehalten. Das ist so gut wie selbst – äh…« Wie sollte sie das ausdrücken? »Selbst gemacht«, schloß Robbi ihre Rede. Sie hatte keine Lust, umständliche Formulierungen zu suchen.

  Das Lächeln auf Stephans Gesicht wurde noch ein bißchen breiter. Offensichtlich amüsierte er sich über Robertas Wortwahl.

  »Sie waren bei der Geburt der beiden dabei?« hakte er nach. Das Thema interessierte ihn. Ihn interessierte eigentlich alles, was mit Roberta zu tun hatte.

  Sie nickte.

  »Ja, das war ich.« Für einen Moment verstummte Roberta, in Gedanken in die Vergangenheit zu-rückgekehrt, zu jenem Aprilabend, als Cynthia und sie gemeinsam die »Dippemeß’« in Frankfurt besucht hatten.

  Cyndi hatte, obwohl hochschwanger, unbedingt noch Riesenrad und Schiffschaukel fahren müssen. Und dann war’s passiert. Plötzlich, sie standen gerade vor der Mandelbraterei, war Cyndi mit einem gellenden Schrei zusammengebrochen.

  Der Mandelbrater hatte zum Glück sofort die Feuerwehr gerufen. Mit Blaulicht und Sirene war Cynthia ins nächste Krankenhaus gebracht worden und dort, weil die Geburt schon im vollen Gange war, umgehend in den Kreißsaal. Roberta, die sie begleitete, hatte die ganze Zeit über Cyndis Hand gehalten, und ehe sie es sich versah, hatte sich Robbi, neben ihrer Schwester stehend und »Atmen, atmen!« brüllend, ebenfalls im Kreißsaal wiedergefunden.

  Den werdenden Vater herzuzitieren, dazu war es dann schon zu spät gewesen. Erstens, weil alle Schwestern, Ärzte und Hebammen mit der Geburt beschäftigt waren, zweitens, weil Cynthia Robertas Hand beinahe zerquetschte und absolut nicht gewillt war, sie loszulassen und drittens – na ja, drittens war es das wundervollste Erlebnis, das Roberta jemals zuteil geworden war.

  Als Richard, der Vater der Zwillinge, eine Stunde später in der Klinik erschien, hatte er seine beiden Prachtexemplare bereits fix und fertig gebadet und gewickelt in Empfang nehmen können.

  »Aber dieses Mal hat Richi geschworen, es anders zu machen«, erzählte Roberta im entspannten Plauderton. »Deshalb sollten die Zwillinge auch für ein paar Wochen aus dem Haus, damit Cyndi sich in aller Ruhe auf die Geburt vorbereiten und Richi darauf aufpassen kann, daß sie nicht wieder Riesenrad fährt oder sonst irgendeinen Unsinn anstellt. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, bei dieser Geburt dabeizusein.«

  »Das kann ich verstehen.« Ste-phans Blick war in eine imaginäre Ferne gerichtet. »Ich möchte auch dabeisein, wenn unser erstes Baby auf die Welt kommt.«

  Roberta hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet.

  Hastig stieß sie die angestaute Luft aus ihren Lippen und spülte den Kloß in ihrem Hals mit einem kräftigen Schlug Wein hinunter.

  »Sie wollen Kinder?«

  Stephan seufzte.

  »Nun ja…« Es klang gedehnt. »Sagen wir mal so, Melinda ist momentan noch absolut dagegen. Was ich auch verstehen kann. Sie hat wirklich viel getan, um den Posten, den sie heute bekleidet, zu erreichen und sich dafür zu qualifizieren. Aber…«

  Er verstummte und starrte erneut in die Dunkelheit.

  »Aber Sie hoffen, daß sie es sich eines Tages anders überlegt«, vollendete Roberta den Satz, als Ste-phan keine Anstalten machte, weiterzusprechen.

  »Ja.« Er lächelte, ohne sie anzusehen. »Ja, stimmt, genau das hoffe ich.« Jetzt wandte er Roberta doch das Gesicht zu. »Wissen Sie, Melinda kann sehr weich, sehr warm, sehr herzlich sein. Momentan ist sie einfach gestreßt. Sie braucht dringend Erholung. Aber warten Sie ab, wenn Sie sie näher kennenlernen, dann werden Sie sich auch mö-gen.«

  Es klang wie eine Beschwörung, die er sich wahrscheinlich in den letzten Tagen im stillen immer wieder vorgebetet hatte. Roberta beschloß, Stephan nicht noch mehr zu entmutigen und nickte, obwohl sie sich nichts weniger wünschte, als Melinda näher kennenzulernen.

  »Was macht Ihre Verlobte beruflich?« erkundigte sich Roberta, eigentlich nur, um ein wenig Interesse zu bekunden und nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, sie lehne Melinda vollkommen ab.

  Stephan lächelte mit einer Spur Stolz in den Augen.

  »Melinda arbeitet bei der Deutschen Bank«, vertraute er Roberta offenherzig an. »Sie ist im Börsen- und Devisenhandel tätig. Ein sehr aufreibender Job und zudem eigentlich fest in Männerhänden. Daß sich eine Frau auf diesem Platz tummelt, ist den meisten sowieso suspekt. Daß diese Frau nun aber auch noch ihre Vorgesetzte ist, macht die Sache nur schlimmer. Melinda muß jeden Tag neu beweisen, daß sie besser ist als alle anderen.«

  Das war das Los der meisten Frauen in Führungspositionen. Aber Roberta nahm an, daß Melinda den richtigen Biß besaß, um sich zu behaupten. Sie machte jedenfalls nicht den Eindruck eines Mimöschens, das bei der kleinsten Schwierigkeit in Tränen ausbrach.

  Stephan seufzte und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

  »Der Wein ist lecker«, lobte er den Tropfen mit Kennermiene. »Sehr fruchtig und lieblich, aber mit dem richtigen Schuß Herbe, um nicht süß zu sein.«

  »Danke.« Roberta führte ihr Glas ebenfalls an die Lippen. »Ich kaufe ihn ausschließlich von einem Bekannten im Rheingau. Er besitzt dort eine eigene Winzerei.«

  »Melinda trinkt lieber Sekt.« Nachdenklich drehte Stephan den Stiel des Glases zwischen seinen Fingern. »Das heißt, am liebsten mag sie Champagner. Sie hat einen exquisiten Geschmack.« Er seufzte und stellte das Glas auf den Tisch zurück. »Mir ist ein guter Wein lieber. Oder ein richtig schön gezapftes Bier«, fügte er mit einem kleinen Schmunzeln hinzu.

  Roberta lehnte sich zurück und schickte einen nachdenklichen Blick zum sternenübersäten Himmel hinauf.

  »Mir auch«, murmelte sie abwesend. »Herrlich, diese Nacht. Das Wasser fühlt sich bestimmt wie Seide an.« Plötzlich biß das Teufelchen zu. Roberta sprang auf und klatschte unternehmungslustig in die Hände. »Wissen Sie was? Wir gehen schwimmen!«

  »Jetzt?« Stephan starrte sie vollkommen verdattert an. »Es ist gleich Mitternacht.«

  »Na und?« Roberta lachte unbekümmert. »Was macht das? Los, seien Sie kein Spießer. Stehen Sie auf und holen Sie Ihre Badesachen. In fünf Minuten starten wir.«

  »Also – gut…« Stephan zögerte noch. Er schien nicht spontan zu sein. Eher der Typ Mensch, der alles, was er tut, erst einmal gründlich bedenkt. Aber dann sprang Robertas Unternehmungslust auf ihn über.

  Früher hätte ich doch auch nicht stundenlang überlegt, rügte sich Stephan selbst, während er sich in Bewegung setzte. Da konnte mir eine Sache gar nicht verrückt genug sein. Himbeereis zum Frühstück, mhmhm… und mitten in der Nacht zum Erbsensuppe essen in Häns-chens Eckkneipe oder über den Zaun der Badeanstalt und dann oben und unten ohne im Schwimmbecken herumgetollt, bis die Polizei kam…