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Dr. Brunner bewohnt mit seiner geliebten Frau Ulrike und einem Jagdhund namens Lump ein typisches Schwarzwaldhaus, in dem er auch seine Praxis betreibt. Ein Arzt für Leib und Seele. Die Serie zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... E-Book 19: Sieger kann nur einer sein E-Book 20: Ich war dir niemals untreu! E-Book 21: Was führt diese Frau im Schilde? E-Book 22: Gemeinsam schaffen wir es E-Book 23: Was geschah in Las Vegas? E-Book 24: Dieser Mann ist nicht gut für dich! E-Book 1: Sieger kann nur einer sein E-Book 2: Ich war dir niemals untreu! E-Book 3: Was führt diese Frau im Schilde? E-Book 4: Gemeinsam schaffen wir es E-Book 5: Was geschah in Las Vegas? E-Book 6: Dieser Mann ist nicht gut für dich!
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Seitenzahl: 815
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sieger kann nur einer sein
Ich war dir niemals untreu!
Was führt diese Frau im Schilde?
Gemeinsam schaffen wir es
Was geschah in Las Vegas?
Dieser Mann ist nicht gut für dich!
»Das kann es doch nicht gewesen sein«, seufzte Angelika Teuchtner, während sie ihren weißen Kittel zuknöpfte und die Straße beobachtete.
Sie hatte gerade die Apotheke aufgeschlossen, die schon seit sieben Generationen im Besitz der Teuchtners war. In ein paar Monaten wollten sich ihre Eltern ins Privatleben zurückziehen, dann war sie an der Reihe, das Familienerbe weiterzuführen. Früher hatte sie davon geträumt, eines Tages die Welt zu bereisen. Sie wollte frei und ungebunden sein, mit der Möglichkeit, sich jederzeit an einem Ort ihrer Wahl eine Weile aufhalten zu können.
Stattdessen stand sie nun Tag für Tag in der Apotheke und schaute auf die Straße, die Bergmoosbach mit den Nachbartälern verband. Wenn sie sich genau in die Mitte des Schaufensters stellte, konnte sie einen Blick auf den Marktplatz erhaschen und die schönen alten Häuser und den Brunnen sehen.
Ich sollte nicht jammern, dachte sie. Schließlich konnte sie in eine sichere Zukunft schauen. Sie hatte einen wundervollen Beruf und bekam eine erstklassige Apotheke geschenkt. Das schöne alte Ambiente hatten sie seit jeher beibehalten und gut gepflegt. Die Regale und der Tresen aus Kirschholz, die blauweißen Bodenfließen und der Stuck an den Wänden, das gefiel auch den Kunden. Mancher Tourist kam nur wegen der Einrichtung herein und kaufte dann doch etwas für seine Hausapotheke oder ließ sich von dem duftenden Kräutertee verführen, den sie im Angebot hatten.
Angelika schreckte aus ihren Gedanken auf, als die Glocke läutete, die über der Eingangstür hing.
»Guten Morgen«, sagte der junge Mann, der die Apotheke betrat.
»Guten Morgen«, antwortete Angelika und huschte hinter den Tresen, um ihren ersten Kunden an diesem Tag zu bedienen. »Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sie sich höflich.
»Ich wollte Sie nur etwas fragen.«
»Bitte sehr.«
»Ich bin auf der Suche nach Anna Bergmann. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?«
»Wer will denn das wissen?« Von hier ist er nicht, dachte Angelika, als sie den Mann anschaute. Sein Gang war leicht und federnd, so wie bei jemandem, der regelmäßig Sport machte. Er hatte dunkles Haar, hellbraune Augen, und der Dreitagebart verlieh ihm etwas Geheimnisvolles.
»Verzeihung, ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Gabriel Monden. Anna und ich kennen uns schon lange.«
»Richtig, der Sporttherapeut. Sie waren mit Annas Eltern in Indien und haben sie neulich nach Lausanne begleitet.«
»Meine Schwester lebt in Lausanne. Als ich hörte, dass Anna dort zur Kur ist und ihre Eltern sie besuchen wollen, habe ich mich angeschlossen.«
»Anna hat erzählt, dass Sie den Entwicklungsdienst erst einmal hinter sich lassen, weil Sie vorhaben, eine Weile durch die Welt zu reisen.«
»Meine Reise hat schon begonnen. Bergmoosbach ist mein erstes Ziel.«
»Die große weite Welt ist das aber nicht.«
»Es ist ein Teil davon«, antwortete Gabriel mit einem charmanten Lächeln.
»Aber nur ein winziger.«
»Es hört sich beinahe so an, als lebten Sie nicht gern hier.«
»Doch, es ist schon ganz in Ordnung«, sagte sie, als ihr bewusst wurde, wie lange das Gespräch mit dem Fremden schon dauerte. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie ihm gleich noch ihre geheimsten Wünsche offenbaren. »Sie wollten doch wissen, wo Anna ist. Haben Sie schon bei ihr geklingelt?«, lenkte sie ihn von sich ab.
»Ja, das habe ich, aber sie scheint nicht da zu sein.«
»Haben Sie es auch in der Praxis versucht? Sie ist gleich über der Apotheke, das heißt unter ihrer Wohnung.«
»Sozusagen liegt die Hebammenpraxis zwischen Ihnen und Anna«, entgegnete Gabriel und betrachtete Angelika mit einem amüsierten Lächeln.
»Ja, sozusagen.« Das wird gleich richtig peinlich, wenn ich mich nicht zusammennehme. Er macht mich richtiggehend nervös, dachte sie. »Wenn Anna weder zu Hause noch in ihrer Praxis ist, dann ist sie vermutlich bei einer ihrer werdenden Mütter«, sagte sie, während sie seinem Blick auswich.
»Dann ist sie schon wieder voll im Einsatz?«
»Seit letzter Woche. Wie es aussieht, hat sie den Unfall ohne bleibende Schäden überstanden.« Angelika wollte gar nicht mehr daran denken, wie es war, als sie Anna damals auf der Straße hatte liegen sehen, nachdem ein Lastwagen sie gestreift hatte.
»Ich bin sicher, dass Doktor Seefeld darauf achtet, dass es so bleibt. Ich hatte das Vergnügen, ihn kennenlernen zu dürfen, als er Anna in Lausanne besuchte.«
»Anna hat mir erzählt, dass Sie und Sebastian sich gut verstanden haben.«
»Deshalb freue ich mich darauf, ihn wiederzusehen. Anna hat Ihnen offensichtlich einiges von mir erzählt.«
»Es ging um ihren Kuraufenthalt allgemein, da waren Sie inklusive.«
»Ich bin auch nicht davon ausgegangen, dass ich im Mittelpunkt Ihrer Gespräche mit Anna stand«, entgegnete er lächelnd.
»Warum rufen Sie Anna nicht auf ihrem Handy an?« Wenn er mich noch länger so ansieht, werde ich noch rot, dachte sie. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, seinem Blick auszuweichen. Es war einfach zu aufregend, in diese hellen braunen Augen mit den winzigen dunklen Pünktchen zu sehen. Wie eine Tasse Cappuccino mit Schokostreuseln, dachte sie.
»Ich habe mein Telefon leider in meinem Rucksack gelassen, und der liegt in einem Schließfach am Bahnhof«, hörte sie ihn wie aus der Ferne sagen.
»Am Bahnhof«, wiederholte Angelika.
»Alles in Ordnung?«, fragte Gabriel.
»Ich kann Anna für Sie anrufen.« Sie löste sich von seinem Blick, der sie für einen Moment aus der Wirklichkeit entführt hatte.
»Wenn Sie das tun würden, das wäre sehr liebenswürdig.«
»Kein Problem.« Sie zückte ihr Telefon und rief Anna an. »Hallo, Anna, hier ist Angelika, Herr Monden steht hier bei mir in der Apotheke«, erzählte sie, als die junge Hebamme sich meldete. »Alles klar, sage ich ihm. Sie ist im Nachbardorf bei einer jungen Mutter. Sie wird in einer Viertelstunde hier sein«, richtete sie Gabriel aus, was Anna ihr gesagt hatte.
»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.«
»Was ist das?«
Erschrocken sah Angelika sich um, als sie ein merkwürdiges Knacken hörte.
Auch Gabriel schaute auf und sah, was gleich passieren würde. Die Stange über dem Verkaufstresen, an dem die drei Lampen mit ihren grünen Schirmen befestigt waren, hatte sich gelockert. Mit einem Satz war er hinter dem Tresen bei Angelika und drückte sie unter den Deckenbogen, der sich über der Tür zum Lager wölbte. Im selben Moment löste sich die Stange aus ihrer Verankerung, krachte auf den Tresen und streifte Gabriel am Arm.
»Genau dort habe ich gestanden«, flüsterte Angelika und starrte auf die Stange, die nur zur Hälfte auf dem Tresen auflag und gefährlich schwankte.
»Malen Sie sich das gar nicht weiter aus. Es ist ja gut gegangen«, sagte er und schob die Stange weiter auf den Tresen, so dass sie sicher dort auflag. »Sogar die Lampen haben es unbeschadet überstanden. Sie müssen die Stange einfach nur wieder befestigen.«
»Aber dieses Mal werde ich einen Handwerker beauftragen und diese Arbeit nicht wieder meinem Vater überlassen. Ich danke Ihnen, dass Sie so aufmerksam waren«, sagte Angelika und wagte sich wieder unter dem Deckenbogen hervor.
»Die Schrauben haben offensichtlich einen Materialfehler, das konnte ihr Vater nicht sehen.«
Gabriel hatte die beiden Schrauben aufgehoben, die die Stange hätten halten sollen, und betrachtete sie prüfend.
»Sie kennen sich mit so etwas aus?«, wunderte sich Angelika.
»Ich habe in den letzten Jahren einiges an Pfusch gesehen. In den Ländern, in denen es ohnehin an fast allem mangelt, ist oft minderwertiges Material im Umlauf.«
»Dann werden wir die nächsten Schrauben auf keinen Fall mehr in einem Großmarkt kaufen, sondern nur noch bei unserem Schraubenhersteller im Nachbartal.«
»Gute Entscheidung«, sagte Gabriel lächelnd, während er die Stelle an seinem Oberarm betastete, an der ihn die Stange getroffen hatte.
»Tut es sehr weh?«, fragte Angelika mitfühlend, als Gabriel kurz die Zähne zusammenbiss.
»Nur eine kleine Prellung«, versicherte er ihr.
»Sie sind hier in einer Apotheke. Ich werde sie nicht ziehen lassen, ohne mir die Verletzung anzusehen. Bitte, zeigen Sie mir ihren Arm«, forderte sie ihn auf.
»Ich kann nicht entkommen?«
»Nein, das können Sie nicht«, entgegnete Angelika und baute sich vor ihm auf.
»Ich ergebe mich«, sagte er und zog das schwarze T-Shirt aus, das er über seiner Jeans trug.
Oh Gott, ich starre ihn schon wieder an, dachte Angelika, als sie auf seinen nackten Oberkörper schaute. Feste Muskeln, samtige sonnengebräunte Haut. Sie war erneut wie gebannt von diesem Mann. »Sie bluten«, stellte sie fest, als sie ihren Blick auf die Verletzung an seinem Arm richtete. »Ich werde die Wunde desinfizieren und verbinden«, erklärte sie und zog die Schublade in der Theke auf, in der sie das Verbandsmaterial untergebracht hatte.
Gabriel hielt ganz still, während sie seine Wunde versorgte. Nachdenklich betrachtete er die junge Frau, die er vor ein paar Minuten noch nicht gekannt hatte, über die er aber gern mehr erfahren würde.
»Guten Morgen!«, schallte es durch die Apotheke.
Gabriel, der zusah, wie Angelika ein Pflaster auf die Wunde klebte, fuhr erschrocken herum. Er hatte ganz vergessen, dass er in einer Apotheke mit Publikumsverkehr war. Auch Angelika, die länger als nötig über das Pflaster strich, um seinen Sitz zu überprüfen, schien überrascht, dass sie jemand störte.
»Adrian? Mit dir habe ich heute gar nicht gerechnet«, wandte sie sich dem jungen Mann in dem hellen Anzug zu, der beschwingten Schrittes hereinkam.
Adrian Römer vertrat ein großes Pharmaunternehmen. Er kam einmal im Vierteljahr in ihre Apotheke, um neue Produkte anzubieten. Da er erst vor zwei Wochen bei ihr war, war sie von seinem Besuch überrascht.
»Störe ich bei so einer Art Muskelschau?«, fragte er und musterte Gabriel mit einem herablassenden Blick.
»Herr Monden hat sich verletzt, als er mich vor dem Ding gerettet hat«, antwortete Angelika und deutete auf die Stange mit den Lampen.
»Dann behandelst du also gerade die unschönen Spuren seiner Heldentat.«
»Wenn du es so nennen willst. So, das wäre es«, sagte sie.
»Vielen Dank.«
»Ich habe zu danken, Herr Monden.«
Angelika musste unwillkürlich schlucken, als Gabriel sie ansah, nachdem er sein T-Shirt wieder angezogen hatte.
»Fassen Sie bitte mit an, wir sollten das Ding aus dem Weg räumen«, wandte er sich gleich darauf an Adrian und umfasste das eine Ende der etwa zwei Meter langen Lampenstange.
»Sie können ruhig gehen, ich kümmere mich schon darum«, erklärte Adrian großspurig.
»Wenn das so ist, dann wünsche ich noch einen schönen Tag«, verabschiedete sich Gabriel, als Angelika mit den Achseln zuckte, so als sei es besser, Adrian nicht zu widersprechen.
»Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt bei uns«, sagte sie und sah ihm nach, bis die Tür hinter ihm zufiel.
»Wer war das?«, erkundigte sich Adrian.
»Jemand, der zu Anna Bergmann möchte.«
»Konkurrenz für Doktor Seefeld in Bezug auf die schöne Hebamme? Obwohl das eben gerade so aussah, als wäre er hinter der schönen Apothekerin her. Ich meine, sich hier so zur Schau zu stellen, das ist schon ein wenig dreist.«
»Ich hatte ihn gebeten, sich auszuziehen.«
»Wenn das so ist, dieser Bitte wäre auch ich auf der Stelle nachgekommen.«
»Ehe du noch länger über ihn spekulierst, er ist ein guter Freund von Anna und ihren Eltern. Mit allem anderen liegst du falsch.«
»Zuerst nur ein Freund der Familie und irgendwann wacht sie neben ihm im Bett auf«, erwiderte Adrian grinsend.
»Wolltest du dich nicht um die Lampenstange kümmern?«
»Selbstverständlich.« Adrian packte die Stange und versuchte, sie über den Tresen hinwegzuheben, was ihm aber nicht gelang, da die Lampen, die daran hingen, in Bewegung gerieten und drohten, gegen die Kasse und andere Aufbauten zu schlagen. »Ich könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen«, gab er schließlich kleinlaut zu.
»Ach was«, entgegnete Angelika, packte aber gleich mit an.
Adrian gehörte zu den Menschen, denen es schwerfiel zuzugeben, dass sie sich einer Sache nicht gewachsen fühlten. Sie hatte sich schon einige Male auf eine Klettertour mit ihm eingelassen und erlebt, dass er, selbst wenn der Weg eindeutig zu schwer für ihn war, weiter bergauf strebte, statt umzukehren. Ihre Warnung, dass diese Art der Selbstüberschätzung lebensgefährlich sein könnte, schlug er jedes Mal in den Wind. »Nun sag mir, warum du hier bist«, bat sie ihn, nachdem sie die Lampenstange in den Lagerraum gebracht hatten.
»Ich bin auf dem Weg nach Zürich zu einem Fortbildungsseminar. Bergmoosbach bietet sich für eine kleine Fahrtunterbrechung an. Vielleicht hast du Zeit für einen Kaffee?«
»Tut mir leid, Adrian, aber meine Eltern sind noch bis zum Wochenende auf Ibiza. Ich bin allein in der Apotheke.«
»Schade, ich dachte, wir könnten ein bisschen plaudern«, entgegnete er enttäuscht.
»Wie gesagt, es geht leider nicht.« Sie spielte mit der Haarspange, mit der sie ihr dunkelblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie bedauerte nicht wirklich, dass sie keine Zeit hatte. Auch wenn sie hin und wieder etwas mit Adrian unternahm, war er für sie nur ein guter Bekannter.
Er dagegen versprach sich offensichtlich mehr und startete immer wieder einen neuen Versuch, sich ihr zu nähern.
»Nach dem Seminar werde ich noch ein paar Tage in der Stadt bleiben und alte Freunde treffen. Für den Rückweg habe ich mir vorgenommen, in Bergmoosbach Station zu machen. Ein bisschen ausspannen und wandern. Ich denke, dann werden wir Gelegenheit haben, Zeit miteinander zu verbringen.«
»Es wird sich bestimmt etwas ergeben. Ich wünsche dir eine schöne Zeit in der Schweiz.«
»Ich glaube, man wird mich zum Pharmareferenten des letzten Jahres küren. Die Sekretärin der Firmenleitung hat so etwas angedeutet«, verriet er ihr.
»Dann drücke ich dir fest die Daumen, zumal mit dieser Auszeichnung eine großzügige Bonuszahlung verbunden ist.«
»Exakt«, antwortete Adrian mit einem siegesgewissen Lächeln. »Dann werde ich mich mal wieder auf den Weg machen. Die Kollegen erwarten mich zum Mittagessen.«
»Gute Reise.«
»Auf bald«, sagte Adrian, zwinkerte Angelika zu und trat schwungvoll an die Tür. »Hallo, die liebe Frau Bruckner«, begrüßte er Traudel, die Haushälterin der Seefelds, die in diesem Moment die Apotheke betrat.
»Herr Römer? Waren Sie nicht erst vor zwei Wochen hier?«, wunderte sich die freundliche ältere Frau in dem kirschroten Dirndl.
»Ich bin nur auf der Durchreise. Grüßen Sie den Herr Doktor recht schön von mit. Ich schaue demnächst wieder mit meinem Koffer voller Neuheiten in der Praxis vorbei. Auf Wiedersehen, Frau Bruckner.«
»Auf Wiedersehen, Herr Römer«, sagte Traudel und hielt ihm die Tür auf. »Er scheint dich wirklich sehr zu mögen, Geli, wenn er schon wieder hier auftaucht«, stellte sie amüsiert fest.
»Ein bisschen weniger wäre mir lieber«, gab Angelika offen zu, was sie wirklich dachte.
»Dann solltest du ihm das besser sagen, bevor er sich unnötig Hoffnungen macht.«
»Aber ich habe ihm nie Hoffnungen gemacht.«
»Manchen Männern muss man das aber ganz deutlich sagen. Gerade denen, die so sehr von sich überzeugt sind wie der gute Herr Römer.«
»Vermutlich hast du recht, ich werde deinen Rat beherzigen. Was kann ich denn für dich tun, Traudel?«
»Die Landfrauen haben doch heute ihr monatliches gemeinsames Frühstück und wie immer….«
»… darfst du den Damen gleich ihre Medikamente mitbringen«, setzte Angelika den Satz fort, den Traudel begonnen hatte.
»Ich hab sie halt verwöhnt. Ein Anruf in der Praxis und die gute Traudel lässt sich die Rezepte überreichen, die sie auch gleich einlöst. Aber was soll’s, es ist ja kein großer Umweg für mich, wenn ich auf dem Weg zum Gemeindehaus hier vorbeischau. Ich habe übrigens gerade einen jungen Mann vor Annas Haustür gesehen. Könnte es sein, dass er auf sie wartet?«
»Ja, das tut er.«
»Kennst du ihn?«, wollte Traudel wissen, während sie die Rezepte, die Sebastian ausgestellt hatte, auf den Tresen legte.
»Er war gerade bei mir und hat nach Anna gefragt. Er ist ein Bekannter ihrer Eltern. Gabriel Monden.«
»Dann ist er also schon da. Sebastian hat mir seinen Besuch angekündigt. Er wusste allerdings nicht genau, ob er heute schon eintreffen wird. Herr Monden wird bei uns übernachten, weißt du.«
»Bleibt er denn länger in Bergmoosbach?«
»Sebastian meinte, dass er ein paar Tage hier verbringen wird. Warum? Möchtest du ihn näher kennenlernen.«
»Ich frage nur so. Ich kümmere mich um die Rezepte«, sagte Angelika schnell und verschwand im Lager hinter dem Verkaufsraum.
»Sie fragt nur so, aha«, murmelte Traudel lächelnd. Ich glaub, da steckt ein bissel mehr dahinter, dachte sie. Sie hatte das leichte Zittern in Angelikas Stimme bemerkt, als sie Gabriels Name ausgesprochen hatte. So etwas passierte nur, wenn jemand von einem anderen höchst beindruckt war.
»So, hier wäre dann alles«, sagte Angelika, als sie kurz darauf wieder aus dem Lager kam. Sie packte die Medikamente in eine Tüte und reichte sie Traudel über den Tresen.
»Danke, auf bald, Geli«, verabschiedete sich Traudel.
»Ja, auf bald.« Angelika kam hinter dem Tresen hervor und hielt ihr die Tür auf. »Ist er noch da?«, fragte sie, als Traudel ein paar Schritte gegangen war und die Haustür zum Treppenhaus sehen konnte.
»Nein, er ist nicht mehr da. Annas Auto steht jetzt auch vor der Garage«, sagte Traudel und schaute auf das pinkfarbene kleine Auto, das vor dem weißen Garagentor parkte.
»Na dann«, seufzte Angelika und ließ die Tür der Apotheke zuklappen.
Na dann, sehen wir mal, was in den nächsten Tagen passieren wird, dachte Traudel lächelnd.
*
»Es ist schön, dass du hier bist«, sagte Anna und betrachtete Gabriel mit einem liebevollen Lächeln.
Sie saßen an dem großen Esstisch in der Küche mit den roten Einbauschränken und tranken den Limonentee, den Gabriel mitgebracht hatte. Dabei schauten sie durch die geöffnete Balkontür auf die Felder und Wiesen, die sich hinter dem Haus, bis zu den ansteigenden Hängen der Allgäuer Alpen ausbreiteten.
»Wenn es nach deinen Eltern gegangen wäre, hätte ich dich schon viel früher besuchen sollen.«
»Ich weiß, sie hatten die Idee, dass aus uns ein Paar werden könnte«, entgegnete Anna lächelnd und hob die gelbe Keramiktasse an, um einen Schluck von dem duftenden Tee zu trinken.
»Ehrlich gesagt, ich fand diese Vorstellung höchst interessant.«
»Wir waren aber nie ineinander verliebt.«
»Doch, ein bisschen war ich schon in dich verliebt«, gab Gabriel zu. »Ich müsste blind sein, wenn ich nicht sehen würde, was alle sehen. Eine bildschöne junge Frau mit wundervollen grünen Augen.«
»Mach mich nicht verlegen.«
»Das liegt mir fern. Ich möchte doch, dass wir Freunde bleiben. Deine Eltern sind von diesem Wunsch inzwischen auch abgekommen.«
»Sind sie?«
»Sie haben dich mit Sebastian gesehen.«
»Wir sind nicht wirklich ein Paar.«
»Ihr werdet es irgendwann sein.«
»Ja, möglich wäre es. Aber reden wir jetzt mal von dir. Meine Eltern sind letzte Woche wieder nach Indien geflogen. Sie wollen noch ein Jahr dort bleiben. Wirst du nach deiner Reise auch wieder zurückgehen?«
»Ich glaube nicht. Ich habe vor, mir einen Ort zu suchen, an dem ich in Zukunft leben möchte. Ich denke in letzter Zeit öfter daran, dass es schön wäre, eine eigene Familie zu haben.«
»Da hast du dir aber eine Menge vorgenommen.«
»Nein, gar nicht, es ist ganz einfach. Ich suche mir zuerst die richtige Frau und mit ihr gemeinsam dann den Ort, wo wir leben wollen.«
»Klar, das ist ganz einfach. Abgesehen davon, dass du keine Ahnung hast, wann dir diese Frau begegnet.«
»Vielleicht meint das Schicksal es in dieser Beziehung gut mit mir. Wir werden sehen. Die Apothekerin, die dich vorhin angerufen hat, wie gut kennst du sie?«
»Wir sind befreundet.«
»Ist sie verheiratet?«
»Nein.«
»Und sonst?«
»Sonst was?«, fragte Anna und schaute Gabriel lächelnd an.
»Ist sie mit jemandem zusammen?«
»Nicht, dass ich wüsste. Da du mich das fragst, nehme ich an, dass sie dir gefällt.«
»Ja, das tut sie.« Gabriel stand auf und ging hinaus auf den Balkon. Er beugte sich ein wenig nach vorn und schaute auf das Wasser, das durch eine Reihe Ahornbäume hindurch schimmerte.
»Der Sternwolkensee«, sagte Anna, die ihm nach draußen gefolgt war.
»Ich hoffe, ich werde Gelegenheit haben, mir anzusehen, woher er diesen Namen hat.«
»Dazu braucht es nur eine klare Nacht, dann kannst du sehen, wie die Milchstraße sich in seinem Wasser spiegelt. Aber darüber können wir uns noch ausführlich unterhalten. Jetzt solltest du dich erst einmal bei den Seefelds einrichten. Traudel hat dich bestimmt für das Mittagessen eingeplant.«
»Sie weiß doch noch gar nicht, dass ich hier bin.«
»Ich denke schon. Hier spricht sich der Besuch eines Fremden schnell herum. Erst recht, wenn es sich um jemanden wie dich handelt. Jemanden, der auffällt.«
»Ich falle auf?«
»Bitte, gib dich nicht so überrascht«, entgegnete Anna lachend und klopfte ihm auf die Schulter. »Was ist?«, fragte sie erschrocken, als er zurückzuckte.
»In der Apotheke gab es vorhin einen kleinen Unfall«, sagte er und erzählte ihr, was passiert war.
»Da warst du wohl im richtigen Moment dort.«
»Aber zu lange für diesen arroganter Kerl, der kurz darauf in die Apotheke kam. Er heißt Adrian.«
»Adrian Römer, ein Pharmavertreter. Er ist ziemlich selbstverliebt, das stimmt. Ich mag ihn auch nicht besonders.«
»Ich hatte den Eindruck, die beiden kennen sich recht gut.«
»Stimmt, sie kennen sich und gehen manchmal zusammen in den Bergen klettern. Das war es aber auch schon. Zusammengefasst, er wäre keine Konkurrenz für dich.«
»Ich habe auch nicht vor, mich mit jemandem auf einen Wettbewerb um ihre Gunst einzulassen.«
»Du packst nicht Pfeil und Bogen aus, damit du um sie kämpfen kannst?«
»Nein, sicher nicht. Stell dir vor, sie mag den, den ich im Kampf erledigen würde, liebe als mich.«
»Das wäre nicht gut.«
»Nein, das wäre gar nicht gut. Mancher Ritter im Mittelalter hat so einen Kampf haushoch gewonnen und kurz darauf lag er vergiftet im Bett seiner Angebeteten.«
»Das war eine gefährliche Zeit.«
»Richtig, ich bin wirklich froh, dass Frauen heute einfach selbst entscheiden, wem sie ihre Gunst schenken.«
»Du hast recht, es vereinfacht die Angelegenheit doch sehr, wenn man nicht ständig unliebsame Verehrer vergiften muss«, antwortete sie lachend. »Und jetzt muss ich runter in die Praxis. Wollen wir uns heute Abend im Biergarten der Brauerei treffen?«
»Sehr gern.«
»Dann, bis heute Abend, grüß Traudel von mir.«
»Das werde ich tun. Ich hole jetzt aber erst einmal meinen Rucksack vom Bahnhof ab, danach stelle ich mich ihr vor. Ich nehme an, dass es dir recht ist, wenn ich Sebastian bitte, uns in den Biergarten zu begleiten?«
»Er hat sich auf das Wiedersehen mit dir gefreut. Er wird mit Sicherheit mitkommen«, sagte Anna und brachte ihn zur Tür.
Auf der Straße drehte sich Gabriel noch einmal zur Apotheke um. Aber die Sonne fiel auf das große Schaufenster, und er konnte im Inneren des Ladens niemanden erkennen. Seine nächste Begegnung mit Angelika musste offensichtlich noch ein wenig warten.
*
Nein, ich werde mich nicht in einer Träumerei verlieren, dachte Angelika. Sie war nicht von der Sonne geblendet und hatte aus der Apotheke heraus Gabriel sehen können. Ihr war nicht entgangen, dass er in ihre Richtung schaute, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand. Aber darauf würde sie sich nichts einbilden. Anna hatte ihr erzählt, dass Gabriel bisher auf eine feste Beziehung verzichtet hatte, weil er an keinem Ort länger als ein paar Monate blieb. Sie war sicher, dass die eine oder andere Frau trotzdem auf eine feste Beziehung mit ihm gehofft hatte und dann enttäuscht zurückblieb. Sie wollte aber nicht zu seiner Sammlung gebrochener Herzen gehören, deshalb nahm sich vor, ihm besser aus dem Weg zu gehen.
Als Anna ein paar Minuten später in die Apotheke kam, sortierte Angelika die am Vortag gelieferten Medikamente in die Schubladen und Regale ein.
»Alles in Ordnung?«, fragte Anna, als Angelika aufschaute, aber irgendwie abwesend wirkte.
»Ja, alles gut«, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer.
»Wirklich?«, hakte Anna lächelnd nach, weil sie ahnte, was Angelika beschäftigte.
»Ja, ich habe nur viel zu tun«, sagte Angelika, während sie auf die Kiste mit den Medikamenten schaute, die auf dem Tresen stand.
»Im Moment ist es doch ganz ruhig«, entgegnete Anna und sah sich im Laden um, so als müsse sie sich vergewissern, dass sie und Angelika tatsächlich allein waren. »Könnte es sein, dass dich eine gewisse Begegnung ein wenig durcheinander gebracht hat?«
»Nein, hat sie nicht«, widersprach Angelika.
»O doch, hat sie.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil du nicht einmal nachgefragt hast, welche Begegnung ich meine. Das heißt, dass es heute erst eine Begegnung gab, die dich beschäftigt.«
»Na gut, du hast mich durchschaut.« Anna kannte sie viel zu gut, ihr konnte sie ohnehin nichts vormachen.
»Er hat dich beeindruckt, nicht wahr?«
»Hat er dir davon erzählt?« Angelika zeigte an die Decke, an der noch am Morgen die Stange mit den Lampen befestig war.
»Hat er.«
»Er hat mich vor Schaden bewahrt. Wenn jemand so etwas tut, dann sieht man ihn eben in einem besonderen Licht. Traudel hat mir erzählt, dass er bei den Seefelds wohnen wird.«
»Sebastian hat es angeboten. Sie haben ein Gästezimmer, und bei ihnen ist weitaus mehr los als bei mir. Außerdem haben die beiden sich gleich richtig gut verstanden. Warum ich eigentlich hier bin, ich wollte dir sagen, dass wir heute Abend im Biergarten sind. Komm doch auch vorbei, wenn du sonst nichts vorhast.«
»Mal sehen, vielleicht.«
»Ich denke, Gabriel würde sich freuen, wenn du kämst.«
»Mag sein, aber in ein paar Tagen wird er wieder fort sein, und ich werde nicht mehr als ein Windhauch in seinem Leben sein. Da ich befürchte, er könnte für mich mehr als ein Windhauch sein, sollte ich ihm aus dem Weg gehen. Sonst stehe ich am Ende mit verheulten Augen da.«
»Es könnte doch auch ganz anders kommen.«
»Wie denn? Dass ich meine Sachen packen und mit ihm auf Weltreise gehe?«
»Ja, vielleicht.«
»Wohl kaum, ich werde in ein paar Wochen die Apotheke übernehmen, und ich gehe nicht davon aus, dass Gabriels Weltreise in Bergmoosbach bereits endet. Meine Zukunft ist fest geschrieben, seine ist offen.«
»Die Zukunft ist niemals fest geschrieben, sonst wären wir nicht ständig von dem überrascht, was sie für uns bereithält. Denk nicht so weit voraus, das nimmt dir den Spaß an der Gegenwart. Überlege es dir, wegen heute Abend. Bis dann, Geli, ich muss in die Praxis«, verabschiedete sich Anna.
Sie hat recht, vielleicht sollte ich die Angelegenheit ein bisschen lockerer nehmen, dachte Angelika. »Was will er denn jetzt schon wieder?«, murmelte sie, als ihr Handy läutete und Adrians Name auf dem Display aufleuchtete. »Hallo, Adrian«, meldete sie sich.
»Angelika, meine Liebe, ich habe mich gerade gefragt, ob du nicht Lust hättest, am Samstagnachmittag nach Zürich zu kommen. Wir könnten in der Stadt umherstreifen und interessante Leute treffen. Ich werde dir ein Zimmer in einem schönen Hotel reservieren lassen.«
»Ich möchte mich am Wochenende lieber ein bisschen ausruhen, Adrian. Die ganze Woche allein in der Apotheke ist schon recht anstrengend.«
»Ich bitte dich, meine Liebe, so ein Ausflug ist doch die pure Entspannung nach einer harten Woche. Denk noch einmal über meinen Vorschlag nach. Du kannst mich jederzeit anrufen, bis dahin«, sagte er und beendete das Gespräch.
Angelika musste über diesen Vorschlag aber gar nicht nachdenken. Es lag ihr fern, ein Wochenende mit Adrian zu verbringen. Mit ihm essen oder wandern zu gehen, wenn er in Bergmoosbach war, das war eine Sache, aber ihn in einer anderen Stadt zu treffen, das ging für sie einen Schritt zu weit. Wenn ich es mir recht überlege, sind die Abende im Biergarten der Brauerei Schwartz immer unterhaltsam, dachte sie und steckte das Handy wieder in ihre Kitteltasche, als eine Kundin die Apotheke betrat.
*
Der Bahnhof von Bergmoosbach lag auf einer Anhöhe. Das weiße Empfangsgebäude mit seinem roten Dach und der blau umrandeten Bahnhofsuhr passte zu den hübschen und gepflegten Häusern im Dorf. Nachdem Gabriel seinen Rucksack aus dem Schließfach genommen hatte, blieb er noch eine Weile vor dem Gebäude stehen. Er schaute auf den Marktplatz mit dem prächtigen Rathaus, auf dessen Turm sich ein goldener Wetterhahn im Wind bewegte. Am interessantesten aber erschien ihm das weiße Gebäude mit den grauweißen Fensterläden und dem Walmdach – die Apotheke von Bergmoosbach.
Ich werde doch nicht gleich am Anfang meiner geplanten Reise mein Herz verlieren, dachte er, als er sich wenig später auf den Weg zu den Seefelds machte. Wenn es so wäre, dann könnte das bedeuten, dass er sich zwischen Liebe und Weltreise entscheiden müsste.
Halt, für solche Gedanken ist es wohl noch ein bisschen zu früh, beruhigte er sich schnell wieder. Nur weil er ein paar Sätze mit einer schönen Frau gewechselt hatte, würde sich nicht gleich sein Leben verändern. Jetzt werde ich erst einmal mit Traudel Bekanntschaft schließen, dachte er, als er die Straße vom Bahnhof herunterkam und zum Haus der Seefelds ging.
Es lag auf einem Hügel am Ende des Dorfes, hatte lindgrüne Fensterläden, und eine Steintreppe führte durch einen blühenden Steingarten zur Terrasse hinauf. Ein weißer Kiesweg verband das Wohnhaus mit dem hellen Backsteinbau, in dem die Praxis untergebracht war. Eine prächtige alte Ulme umgeben von einer weißen Holzbank stand am Ende des gepflasterten Weges, der die Straße mit der Praxis verband.
»Du bist sicher Nolan«, begrüßte Gabriel den jungen Berner Sennenhund, der vor der Haustür in der Sonne lag.
Nolan blinzelte nur verschlafen, als der Fremde auf ihn zukam. Er hatte gelernt, sich nicht an den Menschen zu stören, die während der Sprechstunden über den Hof liefen. Dass er Gabriel aber trotzdem mit seinem Blick verfolgte, zeigte, dass er wachsam war. Gabriel stellte seinen Rucksack ab, ging in die Hocke und streichelte Nolan. Mit dieser Geste gewann er sofort die Zuneigung des Hundes, weil er ihn nicht einfach übersah.
»Grüß Gott, wer sind denn jetzt Sie?«, fragte die stattliche Frau, die gerade die Praxis verließ.
Zwillinge, dachte Gabriel, als er die zweite Frau sah, die der ersten folgte und ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Beide trugen hellblaue Dirndl, graue Lodenhüte und schauten ihn mit ihren schmalen dunklen Augen an.
»Wuff«, machte Nolan und sprang auf.
»Grüß Gott, die Damen Lohmeier, was kann ich für euch tun?« Traudel hatte Nolan gehört und kam von der Terrasse in den Hof.
»Da ist wer an deiner Tür. Wir dachten nur, wir fragen mal nach, wohin er will.«
»Danke, Hedwig, ich habe den jungen Mann erwartet. Er wird mich in die Geheimnisse des Yogas einweihen, wisst ihr.«
»Yoga, du?«, fragte Hedwig überrascht.
»Meinst du, ich bin zu alt dazu?«
»Ich stell’s mir ein bissel schwierig vor. Die alten Knochen, die sind halt nicht mehr so beweglich.«
»Ich bin noch sehr beweglich«, erklärte Traudel.
»Mei, nicht jeder muss alles ausprobieren. Wir bleiben bei unseren Spaziergängen. Das reicht als Bewegung, nicht wahr, Heidi?«, wandte sich Hedwig an ihre Schwester.
»Hedwig hat recht, das genügt uns«, stimmte Heidi zu.
»Einen schönen Tag noch, und viel Glück, dass alles heil bleibt«, sagte Hedwig. Sie wartete, bis Heidi sich wieder bei ihr untergehakt hatte, und dann marschierten sie im Gleichschritt den Weg zur Straße hinunter.
»Bei uns in Bergmoosbach sind die Leute recht wissbegierig. Die Lohmeier-Zwillinge gehören zu den besonders Wissbegierigen. Traudel Bruckner, willkommen, Herr Monden«, begrüßte Traudel ihren Gast und reichte ihm die Hand.
»Sie wissen, wer ich bin?«, wunderte er sich.
»Wie gesagt, wir sind hier sehr wissbegierig. Als ich heute Morgen in der Apotheke war, hatte ich mich auch gleich nach dem fremden jungen Mann erkundigt, der vor Annas Haustür stand. Angelika war so freundlich, es mir zu sagen«, erzählte Traudel lächelnd. »Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, dass ich Sie als meinen Yogalehrer bezeichnet habe. Ich wollte den beiden gern etwas mit auf den Weg geben, was ihren Wissensdurst anregt. Oder sollte ich es Neugierde nennen?«, fügte Traudel schmunzelnd hinzu.
»Das mit dem Yogalehrer ist schon in Ordnung. Wenn Sie echtes Interesse an Yoga haben, dann sagen Sie es mir. Ich bringe Ihnen gern einige Übungen bei.«
»Vielleicht komme ich darauf zurück. Aber jetzt zeige ich Ihnen erst einmal Ihr Zimmer«, sagte sie und hielt ihm die Haustür auf.
»Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich ohne Vorankündigung hier hereinplatze. Aber Sebastian meinte, ich könnte einfach vorbeikommen, wenn ich in den nächsten Tagen in der Nähe bin.«
»Genauso hat er es mir gesagt, und deshalb kommen Sie gar nicht so überraschend. Das Zimmer ist vorbereitet, und für einen mehr reicht unser Essen immer. Machen Sie sich also keine Gedanken. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, und nennen Sie mich Traudel. Ich habe es nicht so mit dem Sie.«
»Ich bin Gabriel«, antwortete er. Traudel gab ihm das Gefühl, willkommen zu sein. Das machte es ihm leicht, sich gleich zu Hause zu fühlen.
»Da entlang.« Sie zeigte auf die geschwungene Treppe aus Kiefernholz, die aus der weiten Diele hinauf in den ersten Stock führte.
Das Gästezimmer war gemütlich eingerichtet. Es gab ein bequemes Bett, einen hübsch bemalten Bauernschrank und einen kleinen Schreibtisch, der vor dem Fenster stand.
»Sehr schön«, sagte Gabriel, als er das Fenster öffnete. Es bot sich ihm nicht nur ein fantastischer Blick auf die Allgäuer Alpen, er konnte auch das Haus mit der Apotheke sehen.
Nachdem er seine Kleidung in den Schrank geräumt hatte, ging er wieder hinunter zu Traudel. Sie stand am Herd in der großen Landhausküche und bereitete das Mittagessen zu.
»Königsberger Klopse mit Kartoffeln. Ich hoffe, das ist etwas für Sie«, wandte sie sich ihm zu.
»Das habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen. Ich freue mich darauf.«
»Sebastian hat mir erzählt, dass du viel in der Welt herumgekommen bist, dann hast du bestimmt viele Küchen kennengelernt. Gibt es eine, die du besonders magst?«
»Nein.«
»Einfach nein? Du musst nicht nachdenken?«, fragte sie verwundert.
»Nein, das muss ich nicht. In jedem Land gibt es Köstlichkeiten. Es würde mir unsagbar schwer fallen, die alle gegeneinander abzuwägen.«
»Das gefällt mir«, antwortete Traudel lächelnd, »dieses ständige bewerten kann auch anstrengend werden.«
»So sehe ich das auch. Kann ich mich irgendwie nützlich machen?«, fragte Gabriel.
»Gern, du kannst den Tisch auf der Terrasse decken.« Traudel deutete auf den Schrank, in dem er die Teller und das Besteck finden konnte.
»Was ist los?«, wollte Gabriel wissen, als Nolan plötzlich um das Haus herumgeschossen kam und die Ohren spitzte.
»Um diese Zeit kommt Emilia mit dem Bus aus der Schule zurück«, sagte Traudel, die mit einer Salatschüssel in der Hand auf die Terrasse kam.
»Wuff!«, machte Nolan und sauste die Wiese zur Straße hinunter.
Erst jetzt konnten auch Traudel und Gabriel den Bus hören, der Bergmoosbach mit dem Nachbartal verband.
»Wir Menschen sind eben nicht in allem die Spitze der Entwicklung, schon gar nicht, was unser Gehör betrifft«, stellte Gabriel lächelnd fest.
»Und Affen können besser klettern als wir. Was manche Touristen, die sich bei uns in den Bergen herumtreiben, leider oft vergessen. Wenn sie sich dann in eine ausweglose Lage gebracht haben, rufen sie nach der Bergwacht. Ich meine, nicht jeder Unfall ist selbstverschuldet, aber einige schon. Für diese Leichtsinnigen sollte sich niemand in Gefahr bringen müssen.«
»Traudel, es ist gut, so schlimm ist es auch wieder nicht«, sagte Sebastian, der vom Hof aus auf die Terrasse kam. »Hallo, Gabriel, schön, dass du hier bist«, begrüßte er seinen Gast und umarmte ihn herzlich. »Seitdem ich mich hin und wieder für den Rettungsdienst der Bergwacht einteilen lasse, ist Traudel eine kritische Beobachterin in Sachen Bergtourismus«, erklärte er ihm Traudels Aufregung.
»Geh ich Eislaufen, wenn ich’s nicht kann? Nein, natürlich nicht, weil ich dann auf den Hintern plumpse«, beantwortete Traudel ihre Frage gleich selbst. »Obwohl ich damit nur mir schaden würde, aber die, die sich beim Klettern überschätzen, die ziehen andere mit sich«, sagte sie und schaute Sebastian an. Sie liebte ihn wie einen eigenen Sohn, weil er gleich nach seiner Geburt seine Mutter verloren hatte und sein Vater sie ins Haus holte, damit jemand für das Kind da war. Sie würde sich immer um ihn sorgen, um ihn und Emilia.
Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, als sie das Mädchen sah, das gefolgt von Nolan die Wiese heraufkam. Emilia trug ein türkises Kleid, das lange kastanienfarbene Haar flatterte im Wind und die blaue Umhängetasche, in der sie ihre Schulsachen untergebracht hatte, bewegte sich im Takt ihrer Schritte.
Wie sehr die beiden sich ähneln, dachte Gabriel, als das Mädchen näherkam. Die gleichen ebenmäßigen Gesichtszüge und die gleichen hellen grauen Augen. »Traumfänger«, stellte er fest, als er das ungewöhnliche Muster auf Emilias Kleid betrachtete.
Kleine Ringe, die mit einer Art Spinnennetz bespannt waren, an deren unteren Enden bunte Federn hingen. Es war das Symbol, das die Indianer Nordamerikas Traumfänger nannten. Die Federn sollen den schlafenden Menschen berühren, die schlechten Träume in den Knotenpunkten des Netzes abfangen und sie bei Sonnenaufgang in den ersten Strahlen verglühen lassen.
»Wow, ich bin beeindruckt«, sagte Emilia und schaute Gabriel verblüfft an.
»Emilia, meine Tochter, Gabriel Monden«, stellte Sebastian die beiden einander vor.
»Unser Besuch aus der Schweiz. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Monden«, sagte Emilia und reichte Gabriel die Hand. »Oder darf ich Gabriel sagen?«, fragte sie, weil ihr der Gast ihres Vaters gleich sympathisch war und sie die meisten seiner Freunde duzte.
»Das wäre mir sogar lieber«, antwortete Gabriel.
»Super, mir auch. Anna hat mir erzählt, dass du nicht nur ein Experte in Sachen Bewegung bist, du sprichst auch mehrere Sprachen, sogar ganz seltene. Wie viele sind es?«, wollte Emilia wissen.
»Nicht viel, vielleicht zehn.«
»Das nennst du nicht viel?«
»Es soll zwischen 6.000 und 8.000 Sprachen auf der Erde geben. Mein Wissen ist demnach schon recht begrenzt.«
»Ich wollte, ich hätte dieses begrenzte Wissen.«
»Und ich wollte, ihr würdet euch alle an den Tisch setzen«, sagte Traudel.
»Ich gehe mir schnell die Hände waschen«, entgegnete Emilia und huschte ins Haus.
»Beeil dich, Spatzl!«, rief Traudel ihr nach und ging in die Küche. Kurz darauf kam sie mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Schüsseln standen. Die eine mit den dampfenden Königsberger Klopsen und die andere mit goldgelben Kartoffeln.
»Wo ist Opa?«, fragte Emilia, als sie auf die Terrasse kam und sich auf den Stuhl neben Gabriel setzte.
»Er isst heute im Golfclub. Seitdem sie ihn in den Vorstand gewählt haben, hat er ständig etwas dort zu tun«, seufzte Traudel.
»Wenigstens kann er so mitbestimmen, wer dort arbeitet. Ich bin froh, dass Grit gekündigt hat. Ludger, dieser Bauunternehmer, soll sie bezahlt haben, seiner Verlobten nachzuspionieren. Krass oder?« Emilia rollte die Augen und schaute in die Runde.
»Deshalb ist sie auch nicht mehr mit ihm verlobt«, sagte Traudel, während sie das Essen auf die Teller verteilte.
»Ich habe gehört, dass Grit als Sekretärin für Ludger arbeitet.«
»Woher weißt du das denn, Papa? Du interessierst dich doch sonst gar nicht für solche Geschichten«, wunderte sich Emilia.
»Ich habe neulich Nils im Biergarten getroffen, wir haben ein bisschen geredet.«
»Verstehe, Männer interessieren sich gar nicht für den neuesten Tratsch«, entgegnete Emilia kichernd. »Nils ist nämlich jetzt mit Ludgers ehemaliger Verlobten zusammen. Zu Recht, weil er viel besser zu ihr passt«, klärte sie Gabriel auf.
»Ich bin zwar erst ein paar Stunden in Bergmoosbach, aber eines weiß ich jetzt schon, langweilig ist es hier nicht.«
»Das haben Papa und ich auch schnell mitbekommen, als wir von Toronto hierherkamen. Ich meine, das war schon eine echt große Veränderung, aber inzwischen finde ich es hier voll okay«, erzählte Emilia. »Und das andere kann ich so oder so nicht mehr ändern«, fügte sie leise hinzu.
»Du bist ein tapferes Mädchen«, sagte Traudel und streichelte Emilia über das Haar.
Gabriel wusste, was Emilia meinte. Anna hatte ihm erzählt, dass Sebastian viele Jahre in Kanada gelebt hatte, dort Helene, Emilias Mutter, traf und sie eine glückliche Familie waren, bis Helene bei einem Autounfall ums Leben kam.
»Du gibst doch auch Yogaunterricht«, wandte sich das Mädchen gleich darauf wieder an ihn.
»Das gehört zu meinem Programm, stimmt.«
»Könntest du mir ein paar Übungen beibringen?«
»Ich befürchte, das artet in Arbeit aus. Erst ich, nun auch noch unsere Kleine«, stellte Traudel lachend fest.
»Wieso du? Hast du dir schon Unterricht von ihm geben lassen?«, fragte Emilia erstaunt.
»Nein, Spatz, ich habe nur damit angegeben«, sagte Traudel und erzählte ihr und Sebastian von der Unterhaltung mit Hedwig und Heidi.
»Ich meine es aber wirklich ernst. Ich würde gern Yoga lernen. Ich habe heute Nachmittag nichts vor. Wir könnten mit der ersten Lektion anfangen, sobald ich meine Hausaufgaben erledigt habe«, setzte Emilia gleich nach.
»Einverstanden, ich bin erst heute Abend mit Anna im Biergarten verabredet. Ich habe Zeit.«
»Super.« Emilia war sichtlich zufrieden und widmete sich nun mit großem Genuss ihrem Essen.
»Du kommst doch mit in den Biergarten?«, wandte sich Gabriel an Sebastian.
»Natürlich kommt er mit«, antwortete Emilia für ihren Vater und schaute schmunzelnd auf.
»Wie du siehst, hat Emilia hier alles fest im Griff«, sagte Sebastian und betrachtete seine Tochter mit einem liebevollen Lächeln.
»Aber nur, solange man mich lässt. In Wirklichkeit ist nämlich Traudel hier der Boss«, entgegnete Emilia und küsste Traudel auf die Wange.
»Geh, ich geb doch nicht allein den Ton an«, antwortete Traudel ein wenig verlegen.
»Doch, tust du, aber das ist voll in Ordnung.«
»Wuff«, machte Nolan und schaute unter dem Tisch hervor. Seinem Stammplatz während des Essens.
»Siehst du, auch Nolan ist der Meinung«, sagte Emilia und ließ heimlich ein Stück von einem Hackfleischklößchen auf den Boden fallen.
*
»Annas Eltern hatten darüber nachgedacht, ob sie den Entwicklungsdienst kündigen sollen«, erzählte Gabriel, als er nach dem Mittagessen mit Sebastian auf der Terrasse saß.
Sie hatten es sich in Liegestühlen bequem gemacht, nachdem Emilia sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auch Traudel war ins Haus gegangen. Sie hielt ihr Mittagsschläfchen, auf das sie ungern verzichtete, auch dann nicht, wenn Besuch im Haus war.
»Ich nehme an, dass Annas Unfall der Grund dafür war. Dass sie nicht zu erreichen waren, als es passierte, hat ihnen zu schaffen gemacht. Das ist mir nicht entgangen.«
»Als ihnen bewusst wurde, wie ernst es um Anna gestanden hatte, waren sie geschockt. Dass sie nun doch noch einmal ihren Dienst verlängert haben, das liegt allein daran, dass sie dir begegnet sind. Sie sind davon überzeugt, dass du für Anna da bist.«
»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, auf Anna zu achten, als ich mich von ihnen verabschiedet habe.«
»Sie vertrauen dir, Sebastian.«
»Ich werde sie nicht enttäuschen. Ich bewundere die beiden für ihre Arbeit, genau wie dich. Ich weiß nicht, ob ich es fertigbringen würde, im tiefsten Urwald zu arbeiten.«
»Du hast eine Weile im Norden von Alaska gelebt.«
»So einsam es dort auch sein mag, es ist immer noch ein angenehmes Leben im Vergleich zu diesen Ländern, die ihr besucht.«
»Beruhigend, ich habe nämlich vor, ein paar Wochen dort zu verbringen.«
»Ich dachte, du wolltest nach Neuseeland.«
»Später, nachdem ich durch Nordamerika gereist bin. Ich war bisher erst einmal dort.«
»Ich kann dir ein paar Tipps geben, wenn du das möchtest.«
»Zum Beispiel?«, fragte Gabriel, und dann hörte er genau zu, welche Orte Sebastian ihm besonders an Herz legte. »Ich denke, ich sollte mindestens einen Monat einplanen, wenn ich all diese Orte besuchen möchte«, sagte er irgendwann.
»Ein Vierteljahr wäre besser. Du solltest deine Reise in San Francisco enden lassen. Von dort kannst du mit einem Schiff in Richtung Neuseeland starten.«
»Das war auch meine Idee. Vier Wochen auf See mit einer Stippvisite auf Hawaii.«
»Du bist immer noch davon überzeugt, diese Reise allein zu unternehmen?«
»Noch sieht es so aus.«
»Was ist?«, fragte Sebastian, als Gabriel plötzlich verträumt ins Leere schaute.
»Ich hatte heute eine Begegnung.«
»Welche Art Begegnung?«
»Ich war heute Morgen in eurer Apotheke«, sagte Gabriel und erzählte Sebastian von seinem Erlebnis.
»Ich würde sagen, du solltest dir zunächst einmal ein bisschen Zeit für den Besuch bei uns lassen, bevor du weiterziehst«, stellte Sebastian fest, nachdem er alles gehört hatte.
»Vielleicht ist Angelika aber gar nicht darauf aus, mich näher kennenzulernen.«
»Finde es heraus«, sagte Sebastian und klopfte Gabriel aufmunternd auf die Schulter. »Und jetzt muss ich leider wieder in die Praxis. Lass dich von Emilia nicht allzu sehr vereinnahmen. Das kann sie recht gut.«
»Wäre es nicht erschreckend, wenn sie in ihrem Alter nicht fordernd wäre?«
»Stimmt, das wäre es. Bis heute Abend«, verabschiedete sich Sebastian und lief über den Hof zur Praxis.
Er war kaum gegangen, als Emilia gut gelaunt und voller Tatendrang aus dem Haus kam. »Ich hoffe, ich bin richtig angezogen«, sagte sie und tippte auf das rote T-Shirt und die schwarze Leggins, die sie trug.
»Alles okay, gib mir ein paar Minuten, dann können wir anfangen.«
»Und wo?«
»Am besten gleich hier auf der Wiese.«
»Okay, brauchen wir Gymnastikmatten?«
»Eine Decke tut es auch.«
»Ist es für dich in Ordnung, wenn meine Freundin Doro auch mitmacht?«
»Kein Problem.«
»Und Markus, mein Freund?«
»Wann werden alle hier sein, die du eingeladen hast?«, fragte Gabriel schmunzelnd.
»So in zehn Minuten«, antwortete Emilia mit unschuldigem Augenaufschlag.
»Dann bis gleich, ich möchte mir auch etwas Bequemes anziehen.«
»Alles klar«, entgegnete Emilia. Sie war sichtlich erleichtert darüber, dass Gabriel es so locker nahm, dass sie gleich einen Yogakursus zusammengestellt hatte.
Als Gabriel ein paar Minuten später in seiner weißen Leinenhose und dem kurzärmeligen weißen T-Shirt auf die Wiese kam, wurde er bereits von Emilia, Doro und Markus gespannt erwartet.
»Meine Freundin Doro, sie ist in derselben Klasse wie ich und sie steht im Tor der Bergmoosbacher Mädchenfußballmannschaft«, stellte Emilia das Mädchen mit den kurzen blonden Haaren vor, das schwarze Leggins und ein schwarzes T-Shirt trug.
»Der Mannschaft mit Emilia, der Torschützenkönigin der vergangenen Saison, und der besten Trainerin weit und breit«, sagte Doro und schüttelte Gabriel die Hand.
»Ich habe schon von euren Erfolgen gehört.«
»Sie kennen Anna schon länger?«, fragte Doro.
»Das habe ich dir doch schon erzählt«, mischte sich Emilia ein und warf Doro einen zurechtweisenden Blick zu.
»Schon gut, keine Panik, es war nur eine einfache Frage«, entgegnete Doro amüsiert.
»Das ist Markus, mein Freund«, machte Emilia Gabriel danach mit dem großen schlanken Jungen bekannt.
Er trug eine graue Trainingshose, ein blaues T-Shirt und hatte sein halblanges blondes Haar zusammengebunden. »Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen«, bedankte sich Markus und sah Gabriel mit seinen hellen blauen Augen offen an.
»Das mache ich gern. Also dann, fangen wir mit ein paar Entspannungsübungen an.« Gabriel setzte sich im Schneidersitz auf die Matte, die er mit auf die Wiese gebracht hatte, und Markus und die beiden Mädchen setzten sich auf die Decken, die sie bereits auf dem Gras ausgebreitet hatten.
»Ich bin auch dabei«, meldete sich Traudel, die in Leggings und langem T-Shirt mit einer Decke unter dem Arm zu ihnen kam. Sie war nun doch neugierig, ob sie sich für diese Art der Bewegung begeistern konnte. Mei, es fühlt sich gut an, dachte sie, als Gabriel ihnen nach einigen Entspannungsübungen ein paar Figuren im Stehen zeigte und sie gleich in der Lage war, sie nachzumachen. Sie konnte sogar für eine Weile auf einem Bein stehen, was sie schon lange nicht mehr getan hatte.
Traudel, die beiden Mädchen und Markus achteten nur auf Gabriel. Sie hörten auf das, was er zu ihnen sagte und bemühten sich, die Bewegungen, die er ihnen zeigte, so genau wie möglich auszuführen.
Zuerst blieben nur die Patienten stehen, die zu Sebastian in die Sprechstunde wollten, um das Geschehen auf der Wiese zu beobachten.
Nach und nach fanden sich aber immer mehr Zuschauer ein. Da die Straße, die am Marktplatz vorbeiführte, in Richtung Seefeldhaus anstieg, wurden auch andere Bergmoosbacher auf die Versammlung aufmerksam und wollten wissen, was dort vor sich ging.
Auch Angelika, die mit ihren Eltern in einem Landhaus weiter draußen wohnte, fragte sich, was dort los war, als sie auf ihrem Fahrrad nach der Mittagspause zurück zur Apotheke kam. Sie radelte die Straße hinauf und stellte ihr Rad neben der Einfahrt zur Praxis ab.
»Was ist denn hier los?«, wollte sie von Simone Windfang wissen, der fülligen Blondine, die den Kosmetiksalon im Hotel Sonnenblick führte und sich gerade aus der Menge löste.
»Es gibt etwas Schönes zu sehen. Und wenn ich nicht zurück ins Hotel müsste, würde ich auf jeden Fall noch bleiben«, antwortete Simone mit einem verträumten Lächeln. »Aber sieh es dir selbst an«, sagte sie und eilte davon.
»Da schau her, die Angelika, willst auch ein bissel deine Freud haben«, begrüßte Therese Kornhuber, die erste Vorsitzende des Landfrauenvereins, die junge Apothekerin.
»Woran denn?«
»Komm halt näher, dann siehst es schon.« Die große stattliche Frau im grünen Dirndl trat zur Seite und deutete auf die Wiese.
»Wie ein Engel in Weiß mit seinen Jüngern«, hörte Angelika einige flüstern, während sie auf den Mann in Weiß schaute, der im Schneidersitz auf dem Rasen saß.
»Jetzt geht’s aber schon zu weit, ein Engel mit seinen Jüngern.« Therese schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ein Fitnesslehrer ist doch kein Engel, obwohl die Lohmeier Hedwig auch recht von ihm geschwärmt hat, als sie mir die Neuigkeit verkündet hat.«
»Das ist Yoga, Therese. Das gehört auch zu meinem Fitnessprogramm«, entgegnete Miriam Holzer und fuhr selbstverliebt über ihre schmalen Hüften.
Die Erbin des Bergmoosbacher Sägewerks stach in ihrem figurbetonten roten Kleid und ihren blonden langen Locken zwischen den ländlich gekleideten Frauen hervor, die sich vor dem Grundstück der Seefelds versammelt hatten.
»Das Gekasper muss ich mir nicht angucken«, sagte Harald Baumann, Miriams Assistent im Sägewerk.
Der rothaarige junge Mann im dunkeln Anzug hatte sie zu einer geschäftlichen Besprechung in den Nachbarort begleitet. Er hatte beschlossen, zu Fuß weiter zu gehen, nachdem Miriam ihren gelben Sportwagen vor dem Seefeldgrundstück geparkt hatte, um das Geschehnis dort zu verfolgen.
»Geh, das ist doch kein Gekasper«, erwiderte Helga Talhuber, die Frau des Bürgermeisters, die sich auch unter die Neugierigen gemischt hatte.
»Sondern?«, fragte Harald und schaute die Frau in dem dunklen Trachtenrock und der weißen Bluse abwartend an.
»Es ist halt ein schöner Anblick«, antwortete sie, während sie Gabriel betrachtete.
»Na dann, noch viel Spaß den Damen«, sagte Harald und wechselte die Straßenseite.
»Vielleicht sollt ich auch einmal so eine Yogastunde nehmen«, sagte Therese, während sie ihren Blick sehnsüchtig auf Gabriel richtete, der sich mit den Händen auf dem Rasen abstützte und seinen Körper kerzengerade in die Höhe streckte.
»Mei, so gelenkig und geschmeidig«, seufzte Helga Talhuber.
Emilia, Doro und Markus taten es Gabriel gleich und hielten diese Stellung auch ein paar Sekunden durch. Die Zuschauerinnen hatten aber nur Augen für den gut aussehenden jungen Mann in Weiß.
»Ich verlang gleich Eintritt!«, rief Traudel, die den Handstand ausließ, sich im Schneidersitz auf ihre Decke setzte und auf die Versammlung hinunterschaute.
»Ich würde wirklich was bezahlen, wenn ich mitmachen könnt«, raunte Elvira Draxler, die zweite Vorsitzende des Landfrauenvereins, Therese zu.
»Es wäre eine Überlegung wert«, wandte sich Therese der hageren Frau im grauen Dirndl zu.
»Vielleicht solltet ihr ihn fragen, ob er euch Unterricht erteilt«, schlug Angelika den beiden vor.
»Angelika, das ist eine gute Idee«, sagte Miriam, die gehört hatte, was sie zu den beiden Landfrauen gesagt hatte. »Wäre noch jemand an Yogaunterricht interessiert?«, fragte sie und schaute sich langsam um.
Alle Bergmoosbacherinnen, die sich vor der Wiese versammelt hatten, um Gabriel zu beobachten, bekundeten ihr Interesse. Nur Angelika verhielt sich ruhig, was aber niemandem auffiel.
»Das mit dem Eintritt geht klar, Traudel«, sagte Miriam und marschierte die Wiese hinauf.
»Das war ein Scherz, Miriam«, entgegnete Traudel und sah Miriam ungläubig an.
»Die Damen dort unten und ich, wir würden aber gern an eurem Unterricht teilnehmen.« Sie ging in die Hocke, neigte ihren Kopf zur Seite und sah Gabriel an. »Ginge das?«, richtete sie ihre Frage nun direkt an ihn.
Gabriel lächelte, senkte seinen Körper wieder ab und kam in einer fließenden Bewegung zum Stehen. »Ich werde nur ein paar Tage in Bergmoosbach sein«, sagte er, während er seine Hände über seinem Kopf verschränkte und sich zuerst nach rechts und dann nach links beugte.
»Nur ein paar Anfängerstunden. Sie würden uns eine große Freude machen«, entgegnete Miriam.
»Einverstanden. Wann und wo wollen wir uns treffen?«
»Morgen Vormittag um elf auf der Waldlichtung.«
»Nein, nicht um elf, um drei Uhr nachmittags. Wir wollen auch gerne dabei sein«, mischte sich Emilia gleich ein.
»So ist es, und am Vormittag haben wir leider Schule«, erklärte Doro, während sie Miriam nicht aus den Augen ließ.
»Meinetwegen um drei. Ich werde es den Damen ausrichten. Miriam Holzer«, stellte sie sich nun Gabriel vor und reichte ihm die Hand.
»Gabriel Monden«, antwortete er mit einem charmanten Lächeln.
»Was ist denn hier los?« Gerti Fechner, die langjährige Sprechstundenhilfe der Seefelds, schritt mit einem Stapel Briefe in der Hand über den Hof und wunderte sich über die Versammlung.
»Gabriel zeigt uns einige Yogaübungen«, sagte Traudel. »Gabriel Monden, unser Übernachtungsgast, Gerti Fechner, unsere Sprechstundenhilfe«, machte sie die beiden miteinander bekannt, als Gerti zu ihnen auf die Wiese kam.
»Und ganz Bergmoosbach schaut zu«, stellte die kleine rundliche Frau fest, deren weißer Kittel sich über dem dunkelblauen Faltenrock mächtig aufbauschte.
»Der Anblick, der sich hier bietet, lädt eben zum Anhalten ein«, antwortete ihr Miriam.
»Wir treffen uns morgen Nachmittag alle auf der Lichtung an der kleinen Kapelle. Morgen ist Mittwoch, da hast du doch am Nachmittag frei, komm doch einfach mit«, schlug Traudel Gerti vor.
»Warum? Damit ich gleich vor Ort erste Hilfe leisten kann, weil sich einige überschätzen und ihre alten Knochen überstrapazieren?«
»Ich versichere Ihnen, es wird niemand Schaden nehmen«, entgegnete Gabriel und schaute zu Gerti auf.
»Also gut, ich überleg’s mir. Die Post, Traudel, die soll heut noch raus.« Sie legte die Briefe auf den Terrassentisch und eilte zurück in die Praxis. »So ein Blick, der geht einem ja durch und durch«, murmelte sie mit einem verträumten Lächeln.
»Bis morgen, Herr Monden«, sagte Miriam und sah Gabriel noch einmal an, bevor sie die Wiese hinunterlief.
Dieser Mann ist kaum ein paar Stunden hier und hat schon unzählige Bewunderinnen. Bei dieser Auswahl wird er die Begegnung mit mir bald vergessen haben, dachte Angelika und dabei sah sie auf die schöne Miriam, die sich noch einmal nach Gabriel umdrehte. Es war wirklich besser, ihm aus dem Weg zu gehen. Kurz entschlossen setzte sie sich wieder auf ihr Rad und fuhr hinunter zur Apotheke.
»Ich dachte gerade, ich hätte Angelika dort bei den anderen gesehen«, sagte Gabriel, als sich die Versammlung vor der Wiese allmählich auflöste und er noch immer mit Traudel und den drei Teenagern im Schneidersitz auf der Wiese saß.
»Gut möglich, dass sie da war, aber ihre Mittagspause ist gleich vorbei. Sie musste sicher zur Apotheke«, antwortete Traudel, nachdem sie auf ihre Armbanduhr geschaut hatte.
»Woher kennst du denn Angelika?«, fragte Emilia verwundert.
»Als ich heute Morgen ankam, war Anna nicht da. Ich habe in der Apotheke nach ihr gefragt. Es hat sich ergeben, dass ich ein paar Worte mit Angelika gewechselt habe.«
»Sie gefällt dir, stimmt’s?«, fragte Doro.
Gabriel hatte inzwischen auch ihr und Markus das Du angeboten, was sie dazu brachte, ganz unbefangen mit ihm zu reden.
»Mädels, ihr seid echt unfassbar neugierig«, stöhnte Markus.
»Sind wir«, gab Doro zu.
»Opa kommt«, stellte Emilia fest, als das Mercedes Cabriolet aus den fünfziger Jahren die Einfahrt zum Hof hinauffuhr.
»Dann wird es Zeit für den Nachmittagskaffee, danke für die Stunde«, bedankte sich Traudel bei Gabriel.
»Jederzeit wieder.« Er sprang auf und reichte ihr die Hand, um ihr hoch zu helfen.
»Du trinkst doch einen Kaffee mit uns? Oder möchtest du lieber einen Tee?«
»Ich nehme gern einen Kaffee.«
»Gut, dann bis gleich«, sagte Traudel. Sie rollte ihre Decke zusammen und marschierte über die Terrasse ins Haus.
»Wir bedanken uns auch für die Stunde«, schloss sich Emilia an.
»Ja, tun wir«, schlossen sich Doro und Markus an.
»Ich muss dann auch zur Probe, wollt ihr mitkommen? Wir sind heute in der Scheune auf unserem Hof«, wandte sich Markus an die beiden Mädchen.
»Ich werde mir auf keinen Fall die Premiere eurer neuen Stücke entgehen lassen. Er und seine beiden besten Freunde haben vor einem Jahr eine Band gegründet. Sie treten schon ziemlich oft auf«, erzählte Emilia Gabriel.
»Sogar schon als Vorgruppe von Florian König«, fügte Doro hinzu.
»Meine Schwester hat neulich ein Konzert von ihm besucht. Sie war begeistert von seinem Auftritt und von ihm. Er hat offensichtlich viel Erfolg, vor allem bei den Frauen.«
»Stimmt, aber inzwischen ist er glücklich verheiratet, was er vermutlich seinem Aufenthalt in Bergmoosbach zu verdanken hat«, verriet ihm Emilia.
»Das ist unser Klima, das fördert die Liebe«, sagte Doro.
»Das ist doch mein Spruch«, gab sich Emilia beleidigt.
»Könnten wir dann irgendwann aufbrechen?«, fragte Markus, der diesem Thema offensichtlich nichts hinzufügen wollte.
»Klar, können wir«, antwortete Emilia mit einem charmanten Lächeln.
*
Eine halbe Stunde später saß Gabriel mit Traudel und Benedikt bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Sebastians Vater hatte ihn ebenso herzlich willkommen geheißen wie zuvor schon seine Familie. Der große sportliche Mann mit den silbergrauen Haaren war ihm auf den ersten Blick sympathisch, genauso war es ihm auch mit Sebastian ergangen. Er konnte gut verstehen, wieso Anna diese Familie liebte.
»Es hört sich an, als hätte ich etwas verpasst«, stellte Benedikt amüsiert fest, nachdem ihm Traudel von der Yogastunde auf der Wiese erzählt hatte.
»Wenn du die Damen in Aktion sehen willst, dann kommst du morgen Nachmittag um drei auf die Waldlichtung an der kleinen Kapelle.«
»Das mache ich besser nicht, die eine oder andere könnte mein Interesse persönlich nehmen.«
»Wer genau wäre das?«, fragte Traudel und betrachtete Benedikt herausfordernd.
»Das fällt unter die Schweigepflicht.«
»Wohl kaum, eher in die Kategorie: Der Gentleman genießt und schweigt. Die Lohmeier Zwillinge kommen in letzter Zeit recht oft in die Sprechstunde. Immer dann, wenn du sie abhältst. Die Talhuber ebenso und die flotte Simone aus dem Hotel Sonnenblick auch.«
»Merkwürdig, Gerti hat dieselben Damen neulich auch als besonders interessiert an meinen Sprechstunden erwähnt. Ihr tauscht euch nicht zufällig über die Beweggründe ihrer Besuche bei mir aus?«
»Selbstverständlich nicht«, entgegnete Traudel kopfschüttelnd. »Aber ich seh halt, wer wann über den Hof läuft, dazu brauche ich keine Hinweise von eurer Königin.«
»Warum nennst du sie Königin?«, fragte Gabriel.
»Weil sie die Praxis beherrscht. Alle ordnen sich ihr unter. Die Patienten, und leider auch die Herrn Doktoren«, erklärte Traudel und ließ keinen Zweifel daran, dass ihr das gar nicht gefiel.
»Offensichtlich ist es unser Schicksal, von Frauen beherrscht zu werden. In der Praxis von Gerti, im Haus von dir. Da wir mehr Zeit im Haus verbringen, dürfte klar sein, wer die größere Macht besitzt«, erwiderte Benedikt mit einem charmanten Lächeln.
»Danke, da hast du dich aber elegant gerettet«, entgegnete Traudel schon wieder ganz versöhnlich. »Aber die größte Macht über uns alle besitzt wohl unser Spatzl«, erklärte sie. »Freilich, du auch. Deine Emilia und du, ihr beide«, sagte sie, als Nolan unter dem Tisch hervorschaute und sie ihm liebevoll den Kopf kraulte.
»Was genau haben Sie in Indien gemacht?«, wollte Benedikt von Gabriel wissen.
»Ich habe mich vorwiegend damit beschäftigt, Kindern, die in ihrer Bewegung eingeschränkt waren, wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen«, sagte er und erzählte ihm von seinen kleinen Patienten, die sich als Folge eines Unfalls oder eines erlittenen Traumas nicht mehr richtig bewegen konnten.
Irgendwann ließ Traudel die beiden allein, weil sie noch einige Besorgungen im Dorf zu erledigen hatte und zur Post musste. Sie sprachen noch immer miteinander, als Traudel schon lange wieder zurück war und Sebastian zu ihnen in den Garten kam, weil die Praxis inzwischen geschlossen hatte.
»Anna hat angerufen, sie ist einer halben Stunde im Biergarten. Ich ziehe mich um, dann können wir los«, sagte er.
»In Ordnung«, antwortete Gabriel. Vielleicht sollte ich vorher noch einmal in der Apotheke vorbeischauen, dachte er. Irgendetwas würde ihm schon einfallen, was er dort kaufen konnte. Aber ein Blick auf seine Uhr machte ihm klar, dass er gar nicht weiter darüber nachdenken musste. Die Apotheke hatte bereits geschlossen.
*
Angelika fuhr nicht auf direktem Weg nach Hause. Die Sonne schien noch herrlich warm, und der Himmel war strahlend blau. Dieser Abend war genau richtig für eine kleine Fahrradtour. Sie fuhr einfach los, ohne darüber nachzudenken wohin sie wollte. Zu ihrer Verwunderung fand sie sich ein paar Minuten später auf dem Parkplatz der Brauerei Schwartz wieder. Es konnte nur eine Entscheidung ihres Unterbewusstseins gewesen sein, weil sie niemals mit Absicht dieses Ziel gewählt hätte. Denn das hätte bedeutet, dass sie darauf spekulierte, Gabriel wiederzusehen. Schließlich wusste sie ja, dass er um diese Zeit im Biergarten sein würde. Egal, jetzt bin ich hier, dann kann ich auch hier zu Abend essen, dachte sie. Zu Hause wäre sie ohnehin allein.
Im Biergarten war wie immer einiges los. An den langen Tischen, die im Hof der Brauerei direkt neben dem Bach standen, saßen Einheimische und Touristen einträchtig beieinander. Sie plauderten miteinander und bestätigten sich gegenseitig, wie angenehm das Leben in Bergmoosbach doch war. Die Kellnerinnen huschten in ihren dunkelroten Dirndln durch die Reihen. Sie nahmen Bestellungen auf, servierten das Gewünschte und wechselten ein paar freundliche Worte mit den Gästen.
