E-Book: 25 - 30 - Tessa Hofreiter - E-Book

E-Book: 25 - 30 E-Book

Tessa Hofreiter

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Beschreibung

Dr. Brunner bewohnt mit seiner geliebten Frau Ulrike und einem Jagdhund namens Lump ein typisches Schwarzwaldhaus, in dem er auch seine Praxis betreibt. Ein Arzt für Leib und Seele. Die Serie zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... E-Book 25: Warum tust du mir das an? E-Book 26: Wir beide Hand in Hand E-Book 27: Lügen führen nicht ins Glück E-Book 28: Sein gerechter Lohn? E-Book 29: Schluss mit den Intrigen! E-Book 30: Die Unbekannte am Bahnsteig E-Book 1: Warum tust du mir das an? E-Book 2: Wir beide Hand in Hand E-Book 3: Lügen führen nicht ins Glück E-Book 4: Sein gerechter Lohn? E-Book 5: Schluss mit den Intrigen! E-Book 6: Die Unbekannte am Bahnsteig

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Seitenzahl: 800

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Warum tust du mir das an?

Wir beide Hand in Hand

Lügen führen nicht ins Glück

Sein gerechter Lohn?

Schluss mit den Intrigen!

Die Unbekannte am Bahnsteig

Der neue Landdoktor – Jubiläumsbox 5 –E-Book: 25 - 30

Tessa Hofreiter

Warum tust du mir das an?

Felicitas fühlte sich von Hass verfolgt

Roman von Tessa Hofreiter

Es war die richtige Entscheidung, nach Bergmoosbach zu gehen, dachte Felicitas. Sie spazierte über den sonnigen Marktplatz und zückte dann und wann ihre Kamera, um ­eines der hübschen Häuser mit ihren Lüftlmalereien zu fotografieren.

Auch das prächtige Rathaus mit dem goldenen Wetterhahn auf dem Turm gefiel ihr noch besser als bei ihrem ersten Aufenthalt in dem lieblichen Dorf am Fuße der Allgäuer Alpen.

Nach einem zweiwöchigen Praktikum als Fotografin beim Bergmoosbacher Tagblatt hatte sie in München an einem Seminar für Pressefotografen teilgenommen. Sie hatte einige interessante Leute kennengelernt, und eine große Zeitung bot ihr eine halbjährige Praktikumsstelle an, die sie aber ablehnte. Sie hatte sich bereits für die Festanstellung in Bergmoosbach entschieden. Das Tagblatt ließ seinen Reportern die größtmöglichen Freiheiten bei der Auswahl der Berichte, und sie kam mit ihren ­zukünftigen Kollegen gut aus. Das stärkste Argument, das für Bergmoosbach sprach, war allerdings die Konditorei Höfner am Marktplatz.

Nein, nicht die Konditorei, dachte Felicitas lächelnd, als sie sich im dazugehörigen Café an einen freien Tisch unter der alten Kastanie setzte. Der überzeugendste Grund, um nach Bergmoosbach zu kommen, war Henning Höfner, der Besitzer der Konditorei.

»Was darf ich bringen?«, fragte die Bedienung in dem honigfarbenen Dirndl, die gleich darauf an ihren Tisch kam.

»Ein Stück Käsekuchen, den mit den Aprikosen, und einen Cappuccino bitte, Frau Wermig.«

»Sie wissen, wer ich bin?« Ursel Wermig, die dienstälteste Angestellte im Café Höfner, sah Felicitas erstaunt an. Verunsichert rieb sie sich über den Nacken.

»Henning hat schon einige Male von Ihnen gesprochen. Er ist sehr froh, dass er Sie hat. Auf die Ursel ist immer Verlass, sagt er.« Felicitas hatte das Café nur einmal während ihres Praktikums aufgesucht und war Ursel damals nicht begegnet. Trotzdem erschien sie ihr vertraut, so wie viele andere Bergmoosbacher auch, die Henning in seinen Schilderungen über das Dorf erwähnt hatte. In den letzten Wochen hatte sie fast jeden Abend mit ihm telefoniert und viel über ihr neues Zuhause erfahren.

»Geh, jetzt weiß ich’s. Sie sind die Fotografin vom Tagblatt, die Felicitas«, stellte Ursel lächelnd fest und betrachtete die hübsche junge Frau mit den kinnlangen blonden Haaren und den rehbraunen Augen.

»Erst ab morgen bin ich beim Tagblatt. Heute habe ich noch frei«, antwortete Felicitas.

»Ich glaub, da wird sich jemand recht freuen, wenn er hört, dass Sie hier sind.«

»Ich hoffe, dass er sich freut.«

»Freilich tut er das«, sagte Ursel und huschte ins Café.

Es war ein gemütliches Café mit großen Fenstern zum Marktplatz, runden Tischen aus Eichenholz, grün gepolsterten Stühlen und einer großen Theke mit Kuchen, Torten und Pralinen. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, Kakao und Schokolade zog durch den Raum.

»Wo ist der Chef, Rieke?«, wandte sich Ursel an die junge Frau, die hinter der Kuchentheke stand. Sie trug das gleiche honigfarbene Dirndl wie sie, hatte ihr aschblondes Haar zu zwei dicken Schnecken gedreht und über den Ohren festgesteckt. Eine Frisur, die ihrem runden Gesicht etwas Puppenhaftes verlieh.

»Er ist in der Backstube, denk ich«, antwortete Rieke. Sie sah nur kurz auf, während sie jeweils ein Stück Schokoladentorte auf die drei Teller legte, die vor ihr standen. »Den Kaffee bringt die Ursel dann gleich«, richtete sie sich an die drei älteren Damen, die an der Theke darauf warteten, ihre Teller mit nach draußen an ihren Tisch zu nehmen.

»Ich hätt dann gern noch ein Stück Käseaprikose und einen Cappuccino für Tisch drei«, sagte Ursel.

»Ist gut«, murmelte Rieke.

»Henning ist nicht in der Backstube.«

»Aha, wo denn?« Ursel sah die überschlanke Frau an, die an dem Tisch gleich neben der Treppe saß, die hinunter in die Backstube führte.

»In der Bäckerei«, sagte die Frau und deutete auf den Hinterausgang.

»Danke.« Die Tür führte auf den Hof, der die Konditorei mit der Bäckerei verband, die auch der Familie Höfner gehörte und um die sich Hennings Eltern und seine Schwester kümmerten.

Sie hat ihn wieder unter Beobachtung, dachte Ursel und streifte die Frau in dem dunkelblauen knielangen Cocktailkleid mit einem argwöhnischen Blick. Ariane Wintermeyer, eine Bankangestellte aus München, verbrachte seit vier Jahren ihren Sommer- und Winterurlaub in Bergmoosbach. Die meiste Zeit des Tages saß sie im Café Höfner, angeblich um in gemütlicher Atmosphäre ihre Romane zu lesen. Auch jetzt lag wieder ein Buch vor ihr auf dem Tisch, und doch wussten alle, die im Café arbeiteten, dass Ariane nicht wegen der gemütlichen Atmosphäre kam, sondern wegen Henning.

Wenn er hinter dem Tresen stand oder Ursel beim Bedienen half, verschlang sie ihn mit ihren Blicken, und wann immer sich die Gelegenheit bot, versuchte sie, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Dass er sich im letzten Sommer einen Nachmittag frei genommen hatte, um ihr die tausendjährige Eiche zu zeigen, die in einem Waldstück außerhalb von Bergmoosbach stand, wertete sie als erste Liebesbezeugung. In Wirklichkeit war es nur eine höfliche Geste gegenüber einer Stammkundin.

»Nie wieder werde ich mich auf so etwas einlassen«, hatte er nach diesem Ausflug mit Ariane gesagt.

Offensichtlich hatte sie versucht, ihn zu küssen, aber so genau wusste Ursel das nicht. Sie wollte es auch gar nicht wissen. Als sie wieder zum Tresen ging, um die Bestellungen für draußen auf ein Tablett zu laden, kam Henning über den Hof herein.

»Ursel möchte etwas von dir, Henning«, sagte Ariane, die Henning seit ihrem Ausflug zur alten Eiche duzte. Mit einem selbstgefälligen Lächeln betrachtete sie den jungen Konditor.

Groß und schlank, mit braunem Haar und hellen Augen sah er genauso aus, wie sie sich den Mann ihrer Träume vorstellte.

»Danke«, antwortete Henning kurz angebunden, weil er inzwischen wusste, dass sie sich fast jedes Wort merkte, das er zu ihr sagte, und vielen eine Bedeutung zumaß, die sie einfach nicht besaßen. »Was kann ich für dich tun?«, wandte er sich an Ursel und beachtete Ariane nicht weiter.

»Hier, das bringst du bitte an Tisch drei«, sagte sie und drückte ihm den Teller mit dem Käsekuchen und die Tasse Cappuccino in die Hände.

»Du brauchst Hilfe beim Bedienen?«

»Nur für diesen Tisch.«

»Keine Ahnung, was genau du mir damit sagen willst, aber meinetwegen.« Vermutlich saß jemand an diesem Tisch, den Ursel nicht mochte. Wenn er ihr damit eine unangenehme Begegnung ersparen konnte, dann würde er ihr diesen Gefallen gern tun.

»Guten Morgen, Henning«, grüßten ihn die Bergmoosbacher, die über den Marktplatz liefen und ihre Einkäufe erledigten. Henning nickte ihnen freundlich zu, während er auf den Tisch unter der Kastanie zusteuerte.

Ich bin echt gespannt, wer diese Frau ist, der Ursel aus dem Weg gehen will. Auf jeden Fall hat sie schöne Beine und sie geht gern zu Fuß, dachte Henning.

Die Frau saß unter einem tiefhängenden Ast der Kastanie. Zunächst konnte er nicht mehr von ihr sehen als ihre langen schlanken Beine und die roten Lackschnürschuhe, die sie trug.

»Guten Morgen, Cappuccino und Käsekuchen«, sagte er und ging um den tiefhängenden Ast herum.

»Guten Morgen, Henning.«

»Felicitas«, flüsterte er überrascht, und ein glückliches Lächeln flog über sein Gesicht. »Ich dachte, du kommst erst nächste Woche.«

»Das Tagblatt meinte, ich könnte schon morgen anfangen, und hier bin ich.«

»Warum hast du mich nicht angerufen?«, fragte er und stellte Kuchen und Cappuccino auf den Tisch.

»Weil ich dich überraschen wollte, was mir wohl auch gelungen ist«, stellte sie amüsiert fest.

»Ja, das ist dir gelungen.« Er setzte sich auf den Stuhl neben sie, nahm ihre Hände in seine und sah sie zärtlich an. »Es ist schön, dass du hier bist«, sagte er und küsste sie auf die Wange. »Hat das mit der Wohnung geklappt, die der Verlag dir vermitteln wollte?«

»Sie haben mich erst einmal im Appartementhaus des Hotels Sonnenblick untergebracht. Fürs erste bin ich recht zufrieden. Ich habe mit dem Tagblatt eine dreimonatige Probezeit vereinbart. Wenn wir uns danach immer noch einig sind, kann ich mir in Ruhe etwas Größeres suchen.«

»Ich muss also drei Monate bangen, ob du bleiben wirst?«

»Das Tagblatt ist nicht der einzige Grund, warum ich wieder hier bin, das weißt du.« Sie musste ihm nichts vormachen, er wusste doch längst, dass sie etwas für ihn empfand, und sie wusste, dass er ihre Gefühle erwiderte.

»Müssen wir auch eine Probezeit vereinbaren?«

»Hm, lass mich überlegen.« Sie legte den Zeigefinger auf den Mund und gab sich nachdenklich. »Was würde diese Probezeit bedeuten?«, fragte sie ihn, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte. »Was dürften wir in dieser Zeit denn tun? Uns nur ansehen und miteinander reden? Oder wäre auch ein Spaziergang möglich?«

»Die Probezeit in der Konditorei beinhaltet grundsätzlich alle Tätigkeiten, die einen angehenden Konditor erwarten.«

»Verstehe, das ganze Programm.«

»Wie wäre es, wenn wir ausprobieren, wie es ist, wenn wir zusammen essen gehen? Wie wäre es gleich mit heute Abend?«

»Ich muss noch ein paar Kartons auspacken, die heute Nachmittag von einer Spedition geliefert werden.«

»Ich könnte dir beim Auspacken helfen.«

»Das würdest du tun?«

»Ich würde sogar etwas zu essen mitbringen.«

»Gut, wann kannst du da sein?«

»So gegen sieben.«

»Ich freue mich darauf.« Aber wenn du mich heute Abend die ganze Zeit so ansiehst, wie gerade eben, dann werden wir nicht gut vorankommen, was das Auspacken betrifft, dachte sie. Gleichzeitig genoss sie das aufregende Kribbeln, das Henning mit seinem Blick in ihr auslöste.­

»Wie wirst du den Tag bis dahin verbringen?«, erkundigte sich Henning, weil er Felicitas am liebsten gar nicht mehr fortgehen lassen wollte.

»Ich muss noch ein paar Kleinigkeiten für meinen neuen Haushalt besorgen. Danach werde ich mich auf meinen hübschen Balkon setzen und auf die Spedition warten.«

»Dann möchte ich dir wenigstens jetzt Gesellschaft leisten.«

»Ich will dich aber nicht von deiner Arbeit abhalten.«

»Das tust du nicht, ich gönne mir einfach nur eine Pause. Ich sage kurz in der Backstube Bescheid und hole mir einen Kaffee. Bis gleich«, sagte er.

Felicitas trank einen Schluck von ihrem Cappuccino und schaute Henning verträumt nach. Die Telefongespräche mit ihm waren wundervoll gewesen, besonders dann, wenn seine Stimme plötzlich ganz zärtlich geklungen hatte. Ihn wiederzusehen, das war genauso aufregend, wie sie es sich in ihren Träumen vorgestellt hatte.

Sie schaute auf die blonde junge Frau in Jeans und T-Shirt, die mit einem Baby in einem Tragetuch über den Marktplatz lief. Ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge, die sich an den Händen hielten, folgten ihr. Sie waren ungefähr gleich groß, trugen beide rote Jeans und weiße T-Shirts. »Hallo, Sabine!«, rief Felicitas, als die Frau in ihre Richtung sah. Sie hatte Sabine Mittner im letzten Monat auf dem Fest auf Gut Meiring getroffen. Sie gehörte zu Hennings Freundeskreis, und sie hatte sich damals eine Weile mit ihr unterhalten.

»Grüß dich, Felicitas.« Sabine kam zu ihr an den Tisch und reichte ihr mit einem freundlichen Lächeln die Hand. »Kann ich davon ausgehen, dass du dich für unser Tagblatt entschieden hast?«, wollte sie wissen.

»Ja, ich nehme diese Herausforderung an.«

»Gute Entscheidung, Felicitas.«

»Felicitas, das ist aber ein schöner Name«, sagte das kleine Mädchen und sah sie mit seinen großen blauen Augen neugierig an.

»Was bedeutet denn der Name?«, fragte der Junge, der die gleichen blauen Augen und das hellblonde Haar wie das Mädchen hatte.

»Felicitas bedeutet die Glückliche.«

»Echt? Das ist ja ganz schön lustig. Ich heiße Benjamin und das bedeutet Glückskind. Wir sind beide Glückliche«, erklärte der Junge mit strahlenden Augen.

»Mein Name bedeutet die Erblühende, weil ich Senta heiße. Senta kommt von Crescentia, und das heißt die Erblühende, hat Omi Mechler mir gesagt. Und unser Brüderchen heißt Bastian.«

»Das kommt von Sebastian, und das bedeutet verehrungswürdig«, mischte sich Benjamin wieder ein.

»Sebastian wie Doktor Seefeld. Er ist ganz schön verehrungswürdig, weil er unserem Brüderchen auf die Welt geholfen hat, weißt du. Guck mal, es hat sogar schon einen Zahn. Lach mal, Bastian.« Senta kitzelte das Baby an seinen Füßchen, die in weißen Söckchen steckten.

Bastian fing auch gleich an zu glucksen, und Felicitas konnte das rechte vordere Zähnchen sehen, auf das Senta so stolz war.

»Ich denke, dieser eigenständigen Vorstellung meiner Kinder muss ich nichts mehr hinzufügen«, sagte Sabine und streichelte über das Haar der beiden.

»Wir haben noch nicht gesagt, dass wir Zwillinge sind und schon in die Schule gehen«, erklärte Senta.

»In die zweite Klasse?«, fragte Felicitas.

»Denkst du, wir sind schon so groß?«, fragte Benjamin und war sichtlich zufrieden mit Felicitas’ Einschätzung.

»Stimmt es denn nicht?«

»Nein, wir gehen in die erste Klasse. Und weißt du was, wir haben nächste Woche eine Projektwoche. Wir wollten Fotografieren lernen, aber das geht jetzt nicht, weil die Mama von Julian Kornhuber, die uns das zeigen wollte, krank geworden ist. Das ist ganz schön doof, stimmt’s, Senta?«

»Ja, total doof«, pflichtete Senta ihrem Bruder bei. »Heute hatten wir auch keine Schule, weil unsere Klassenlehrerin so eine Konferenz hatte. Wir lernen bald gar nichts mehr«, seufzte Senta und verdrehte genervt die Augen.

»Du hast aber eifrige Kinder«, sagte Felicitas und unterdrückte das Lachen, das ihr auf den Lippen lag. Wenn sie an ihre eigene Schulzeit zurückdachte, da hatten sich die Kinder noch über Unterrichtsausfall gefreut.

»Wer nichts weiß, der kann auch nichts erreichen«, plapperte Senta weiter drauflos.

»Wer sagt denn das?« Diesen Satz hatte auch Sabine noch nicht von ihrer Tochter gehört.

»Otto Talhuber.«

»Der Enkel des Bürgermeisters«, klärte Sabine Felicitas auf.

»Ja, genau. Wer Bürgermeister werden will, muss mächtig viel lernen«, sagte Benjamin und nickte zur Bekräftigung mit dem Kopf.

»Wie auch immer, heute habt ihr frei, deshalb gehen wir jetzt zum Spielplatz. Auf bald, Felicitas.«

»Viel Spaß auf dem Spielplatz«, verabschiedete Felicitas die Kinder.

»Wir wünschen dir auch viel Spaß, du Glückliche«, sagte Benjamin kichernd und nahm seine Schwester wieder an die Hand.

Bastian ließ sich von dem Lachen seines Bruders anstecken, und während er laut gluckste, strampelte er mit seinen dicken Beinchen und strahlte über das ganze Gesichtchen.

»Deine Geschwister sorgen für dein Amüsement«, sagte Sabine und streichelte über die Löckchen des Babys, die ihm in der Mitte des Kopfes wie ein Kamm zur Berge standen.

Drei kleine Kinder, ganz schön viel Verantwortung, dachte Felicitas. Andererseits waren die drei einfach nur zum Gernhaben.

Henning hatte die Torten, die für eine Hochzeitsfeier bestellt waren, mit seinen Gesellen kurz besprochen und ließ sich nun von Rieke eine Tasse Kaffee über den Tresen reichen.

»Du legst wohl eine Pause ein. Komm, setz dich zu mir«, forderte Ariane ihn auf. Sie strich ihr dunkelblondes krauses Haar aus der Stirn und versuchte, seinen Blick festzuhalten.

»Vielen Dank, aber ich werde erwartet«, entgegnete er und verließ das Café, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Erwartet«, wiederholte Ariane leise. Sie wollte Henning nachschauen, was ihr aber von ihrem Tisch aus nicht gelang. Sie klappte das Buch zu, das vor ihr lag, steckte es in die große Umhängetasche und ging zur Kuchentheke, um ihren Kaffee und das Schokocroissant zu bezahlen, das sie wie an jedem Morgen gegessen hatte.

»Die hat es aber auf einmal eilig«, raunte Rieke Ursel zu, die draußen einen Tisch abgeräumt hatte und mit benutzten Tellern und Tassen auf einem Tablett hereinkam.

»Ich denke, wir werden sie in Zukunft nicht mehr so oft sehen.«

»Und wieso nicht?«, fragte Rieke.

»Weil Henning sich verliebt hat.«

»Geh, in wen denn?«

»Das möchtest du wohl gern wissen.«

»Freilich will ich’s wissen. Zu dumm, ich kann nichts sehen.« Rieke verrenkte sich vergeblich den Kopf. Sie konnte die Frau, die unter der Kastanie an Tisch drei saß, aber nicht erkennen.

»Ich sage dir Bescheid, wenn sie geht«, sagte Ursel, während sie das Geschirr von ihrem Tablett ablud und in die Spülmaschine stellte.

»Die Wintermeyer will ihre Konkurrenz wohl auch kennenlernen«, stellte Rieke fest, als sie sah, dass Ariane geradewegs auf die Kastanie zulief.

»Sie hat keine Konkurrenz, weil sie selbst nie im Spiel war.«

»Das wissen wir, aber ob sie das auch weiß?«

»Spätestens jetzt wird sie es begreifen.«

»Hoffentlich«, seufzte Rieke und wandte sich wieder dem Apfelkuchen zu, den sie in die Auslage der Theke stellen wollte.

*

»Einen schönen Tag noch, Henning.« Ariane lief so dicht an dem Tisch unter der Kastanie vorbei, dass sie Henning am Rücken streifte. »Ihnen auch«, wandte sie sich mit einem freundlichen Lächeln an Felicitas.

»Danke, Ihnen auch«, entgegnete Felicitas höflich.

Bilde dir bloß nichts ein, Mädchen. Ich werde dir Henning sicher nicht überlassen. Ich werde euch beide ganz genau beobachten. Falls du ihm zu nahe kommst, wirst du leiden müssen, dachte Ariane. Henning war ihr Auserwählter, er gehörte ihr.

»Wer war das?«, fragte Felicitas, nachdem Ariane außer Hörweite war.

»Eine Stammkundin, eine Touristin, die seit einigen Jahren nach Bergmoosbach kommt.«

»Und dein Café besonders liebt.«

»Ganz offensichtlich«, antwortete er lächelnd. Er verspürte nicht die geringste Lust, Felicitas von Arianes aufdringlicher Art zu erzählen. Es erschien im unwichtig, da er sich schon lange nicht mehr darum scherte.

»Ich habe gerade die Kinder von Sabine Mittner kennengelernt. Ich meine, die jüngeren. Markus, ihren Ältesten, habe ich ja bereits auf dem Fest auf dem Gut kennengelernt.«

»Die Zwillinge sind eine Kategorie für sich. Die beiden sind so gewieft, dass dir manchmal einfach keine Antwort auf ihre Fragen einfällt.«

»Und der Kleine ist einfach nur zum Knuddeln.«

»Das habe ich schon mehr als einmal gehört, eigentlich immer, wenn Sabine mit ihm unterwegs ist«, antwortete er lächelnd.

»Käse und Aprikosen, das schmeckt wirklich köstlich«, lobte Felicitas den Kuchen, nachdem sie von ihm probiert hatte.

»Wir haben auch noch andere Köstlichkeiten. Du solltest sie alle probieren.«

»Wann immer ich Zeit habe, werde ich vorbeikommen und ein Stück Kuchen oder Torte essen.«

»Ich freue mich darauf.«

»Die vielen Kalorien muss ich dann aber wieder abtrainieren.«

»Wir können Fahrradtouren unternehmen, Laufen oder Schwimmen gehen.«

»Das heißt, erst sorgst du dafür, dass ich mich kuglig esse und dann hilfst du mir, die Kugel wieder abzutrainieren.«

»Ja, ich denke, das habe ich dir gerade vorgeschlagen.«

»Mal sehen, ob wir das durchhalten.«

»Das halten wir durch. Aber jetzt müsste ich mal wieder in die Backstube. Wir haben noch einige Torten für eine Hochzeitsfeier am Nachmittag vorzubereiten.«

»Erst sprechen wir über Babys und nun über eine Hochzeitsfeier. Sollte es nicht umgekehrt sein?«

»Es kommt nicht auf die Reihenfolge an, nur darauf, dass Menschen glücklich sind. Wir sehen uns heute Abend. Kuchen und Kaffee geht aufs Haus, du warst eingeladen«, sagte er, streichelte ihr über das Haar und küsste sie auf die Wange, bevor er sie allein ließ.

*

Als Felicitas kurz darauf das Café verließ, stand Ariane vor der Drogerie und tat so, als würde sie die Auslagen im Schaufenster betrachten. In Wirklichkeit hatte sie Felicitas und Henning beobachtet. Dass er dieser Frau mit einer zärtlichen Geste über das Haar gestreichelt hatte, empfand sie als verletzend. Wie konnte er es wagen, sie einfach zu missachten und sich stattdessen um eine Fremde kümmern? »Zum ersten Mal in Bergmoosbach?«, fragte sie und drehte sich um, als Felicitas an ihr vorbeiging.

»Ich bin nicht im Urlaub, ich wohne hier«, antwortete Felicitas wieder genauso höflich, wie kurz zuvor.

»Sie wohnen schon lange hier?«

»Nein, seit gestern.«

»Und woher kennen Sie Henning?«

»Wir sind uns im letzten Monat auf einer Veranstaltung begegnet. Ich muss dann auch weiter, ich habe es ein bisschen eilig«, sagte Felicitas, weil es ihr auf einmal so vorkam, als wollte diese Frau sie aushorchen.

»Auf bald«, sagte Ariane und schaute Felicitas argwöhnisch nach, die in Fannys Lebensmittelladen huschte. Was sollte sie sich unter dieser Begegnung vor ein paar Wochen vorstellen, so vertraut, wie diese Frau schon mit Henning tat? Sie musste unbedingt mehr über sie herausfinden. Das Beste ist, ich freunde mich mit ihr an, dann werde ich schon erfahren, was ich wissen will, dachte sie. Sie ging in die Drogerie, kaufte in aller Eile ein Haarshampoo, packte es in eine Tüte mit dem Aufdruck der Drogerie und gab dann vor, sich noch ein wenig umzusehen. In Wirklichkeit aber behielt sie den Eingang zu Fannys Lebensmittelladen im Blick. Als sie Felicitas herauskommen sah, verließ sie die Drogerie und schlug denselben Weg wie sie ein.

Bald darauf kamen sie am Haus der Seefelds vorbei. Es lag auf einem sanft ansteigenden Hügel am Ende des Dorfes. Sie zuckte zusammen, als sie das Mädchen auf der Terrasse bemerkte, das Hennings Bekanntschaft winkte.

»Hallo, Felicitas!«, rief das Mädchen in der weißen Jeans, das sein langes kastanienfarbenes Haar mit einer eleganten Bewegung in den Nacken warf.

Felicitas heißt du also, dachte Ariane, und die Seefelds kennst du auch schon. Ariane hatte die Seefelds schon einige Male auf ihrer Terrasse beobachtet, seit sie wieder in Bergmoosbach war. Emilias Vater, der junge Doktor Seefeld, gehörte zu Hennings Freundeskreis, und deshalb interessierte sie sich für ihn. So wie für alle anderen Menschen, die für Henning wichtig waren. Bald würde auch sie ein Teil dieser Gemeinschaft sein. »Dann wird mich das Fräulein Seefeld ebenso freundlich begrüßen wie diese Felicitas«, murmelte sie.

Voller Neid sah sie zu, wie die junge Frau die Straßenseite wechselte, als Emilia gefolgt von einem jungen Berner Sennenhund die Wiese herunterlief.

»Hallo, Emilia, wie geht es dir? Was macht die Musik?«, fragte Felicitas das Mädchen. »Eure Darbietung neulich während des Festes auf Gut Meiring war beeindruckend.«

»Ich habe doch nur mit den Kastagnetten geklappert. Mein Freund Markus ist das Musikgenie. Wie er das Bandoneon gespielt hat, das war wirklich beeindruckend.«

Bandoneon, ein dem Akkordeon ähnliches Instrument, das zu einem Tangoorchester gehörte! Hatte diese Frau Henning etwa auf einem Sommerfest mit Tanz kennengelernt? Das würde diesen vertrauten Umgang erklären, dachte Ariane. »Geht es noch lauter!«, rief sie wütend, als ein gelber Sportwagen mit offenem Verdeck die leicht abschüssige Straße herunterkam und laute Rockmusik aus dem Radio tönte.

»Sorry, mehr gibt die Anlage nicht her!«, antwortete die junge Frau am Steuer. Die langen blonden Locken wirbelten im Fahrtwind, und trotz der dunklen Sonnenbrille konnte man sehen, dass sie bildschön war.

Arrogante Zicke, dachte Ariane, als sie Miriam Holzer, die Erbin des Sägewerks, erkannte. Genervt schaute sie wieder auf die andere Straßenseite. Felicitas war inzwischen in die Hocke gegangen und streichelte den Hund, der mit Emilia gekommen war. Ariane gab vor, etwas in ihrer großen schwarzen Umhängetasche zu suchen und bemühte sich zu verstehen, worüber Emilia und Felicitas sprachen.

»Echt? Sie haben die Stelle beim Tagblatt angenommen?«, hörte sie Emilia sagen.

»Ich denke, es war die richtige Entscheidung.«

»Unbedingt, schon wegen Henning. Er hat so sehr darauf gehofft, dass Sie sich für Bergmoosbach entscheiden.«

»So, hat er das.«

»Dass er Sie mag und Sie ihn, konnte jeder auf dem Fest sehen.«

»Viel Raum für Heimlichkeiten gibt es in Bergmoosbach wohl nicht.«

»Nicht wirklich.«

»Na gut, daran werde ich mich dann wohl gewöhnen müssen. Jetzt muss ich aber weiter. Ich bekomme heute noch ein paar Kartons per Spedition geliefert.«

»Brauchen Sie Hilfe? Ich hatte heute nur drei Stunden Schule. Ich hätte Zeit.«

»Danke, das ist sehr lieb von dir. Aber Henning kommt heute Abend zum Helfen.«

»Alles klar«, antwortete Emilia lächelnd.

»Auf bald, Emilia«, verabschiedete sich Felicitas.

»Ja, auf bald«, sagte das Mädchen. Was ist denn mit ihr los?, dachte Emilia, als sie die Frau auf der anderen Straßenseite bemerkte, die Felicitas nachschaute und dabei eine merkwürdige Grimasse schnitt, so als würde sie sich vor ihr ekeln. »Hallo, kann ich Ihnen helfen?!«, rief sie.

»Danke, mein Kind, es ist alles in Ordnung. Ich hatte nur etwas im Auge«, behauptete Ariane. Sie setzte wieder ein freundliches Gesicht auf und wischte sich mit der rechten Hand über die Augen.

»Wenn Sie Hilfe brauchen, wir haben noch Sprechstunde.« Emilia zeigte auf den flachen Anbau im Hof des Seefeldhauses, in dem die Landarztpraxis untergebracht war.

»Danke, es ist wieder alles in Ordnung.« Ariane nickte Emilia lächelnd zu und lief rasch weiter. Ich muss mich zusammennehmen, dachte sie. Sie durfte sich nicht von ihren Gefühlen derart überwältigen lassen, dass schon jedes Kind auf der Straße sehen konnte, was in ihr vorging.

»Eine sehr merkwürdige Frau. Stimmt’s, Nolan?«, sagte Emilia, als sie mit dem Hund wieder zum Haus hinaufging.

»Wuff«, machte Nolan und blieb ganz dicht bei ihr, so als müsste er sie vor einer Gefahr beschützen.

Ariane nahm währenddessen die Verfolgung Felicitas’ wieder auf. Sie wollte wissen, wo diese Frau wohnte. Wie sie gerade erfahren hatte, würde Henning sie am Abend besuchen. Dieses Treffen musste sie irgendwie stören. Als Felicitas in den Weg einbog, der hinauf zum Hotel Sonnenblick führte, beeilte sie sich, sie einzuholen. »So ein Zufall, wir haben offensichtlich denselben Weg«, stellte sie mit einem freundlichen Lächeln fest. »Haben Sie noch keine Wohnung? Haben Sie sich deshalb im Hotel einquartiert?«, erkundigte sie sich.

»Ich wohne im Appartementhaus.«

»Ich dachte, dort wohnen ausschließlich Feriengäste und Angestellte des Hotels. Sie haben wohl Beziehungen. Hat Henning Ihnen das Appartement besorgt?«

»Nein.«

»Tut mir leid, dass ich Sie so mit meinen Fragen überfallen habe«, entschuldigte sich Ariane, weil sie merkte, dass Felicitas sich offensichtlich von ihr bedrängt fühlte.

Wenn sie mehr über sie erfahren wollte, musste sie vorsichtiger sein. »Ariane Wintermeyer«, stellte sie sich vor und streckte Felicitas die Hand hin.

»Felicitas Weiß.«

»Freut mich«, sagte Ariane, als Felicitas ihr die Hand reichte. »Ich wollte wirklich nicht neugierig sein, nur ein bisschen reden.«

»Schon in Ordnung.« Vermutlich ist sie einsam und sucht Anschluss, erklärte sich Felicitas das Verhalten dieser Frau. »Mein Arbeitgeber hat mir das Appartement besorgt. Ich arbeite als Fotografin für das Bergmoosbacher Tagblatt«, erzählte sie ihr. Damit verriet sie ihr kein Geheimnis. Als Pressefotografin würde sie viel herumkommen. Bald würden alle im Dorf wissen, wer sie war. Die Touristen eingeschlossen.

»Ein spannender Beruf. Ich sitze in der Kreditabteilung einer Bank und habe es nur mit Kontoauszügen und Selbstauskünften zu tun«, seufzte Ariane.

»Sie entscheiden über die Zukunft oder sogar das finanzielle Überleben eines Menschen. Das ist eine große Verantwortung.«

»Ich gebe mein Bestes«, sagte sie, obwohl ihr diese Leute, über deren Weiterkommen sie entschied, völlig egal waren. Sie hatte ihre Richtlinien, danach entschied sie die Anträge. Aber das wollte diese Frau sicher nicht hören. »Wenn ich ehrlich bin, dann gehen mir diese Schicksale schon oft recht nahe«, fügte sie stattdessen hinzu. Der mitfühlende Blick Felicitas’ zeigte ihr, dass sie die ersten Sympathiepunkte gesammelt hatte. »Tut mir leid, ich plappere schon wieder einfach drauflos. Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, als sich meine Seelenqualen anzuhören«, sagte sie, als sie das Hotel Sonnenblick kurz darauf erreichten.

»Wir können uns gern irgendwann auf einen Kaffee treffen«, schlug Felicitas Ariane vor. Wenn es interessant genug war, was sie zu erzählen hatte, kam dabei vielleicht sogar eine Geschichte für die Zeitung heraus.

»Es würde mich freuen. Ich hoffe, Ihre Wohnung liegt in einem der oberen Stockwerke. Ich meine, wegen der Aussicht.«

»Sie ist im Dachgeschoss.«

»Mit dem Blick auf den Wald oder das Dorf?«

»Das Dorf.«

»Da gibt es auch mehr zu sehen. Genießen Sie die Aussicht«, verabschiedete sich Ariane höflich und spazierte über den Parkplatz zum Eingang des Hotels.

Das dreistöckige Gebäude war im alpenländischen Stil erbaut, alle Zimmer hatten Balkons mit gelb-weißen Markisen und in den Blumenkästen blühten gelbe Geranien. Das Appartementhaus lag durch eine Reihe Tannen getrennt auf gleicher Höhe mit dem Hotel. Auch dort waren die Balkons mit Markisen ausgestattet und die Blumenkästen hübsch bepflanzt. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, dass Felicitas ausgerechnet in diesem Haus wohnte. Von ihrem Zimmer aus hatte sie den Eingang und die Balkons im Dachgeschoss im Blick. Wenn sie sich auf die Lauer legte, würde sie einiges beobachten können.

Felicitas machte sich keine weiteren Gedanken um Ariane Wintermeyer. Sie musste ihr neues Zuhause einrichten und sie freute sich auf den Abend mit Henning.

Beschwingt betrat sie das Appartementhaus, stieg in den Lift und fuhr hinauf ins Dachgeschoss. Ihr gefiel die Wohnung. In dem großen Zimmer, das als Wohn- und Schlafraum diente, gab es eine Küchenzeile aus Kiefernholz, einen Esstisch, vier Stühle und ein bequemes Schlafsofa. In dem geräumigen Einbauschrank in der Diele würde sie fast alles unterbringen, was sie für den Anfang benötigte.

Nachdem sie die Lebensmittel, die sie im Dorf eingekauft hatte, in den Kühlschrank gepackt hatte, rief die Spedition an. Sie würden erst gegen Abend in Bergmoosbach eintreffen. Egal, das bringt mich nicht aus der Ruhe, dachte Felicitas. Mit Hennings Hilfe würde sie die Kartons noch auspacken können. Falls sie zu spät eintrafen, dann blieben sie eben bis zum nächsten Tag stehen.

Sie ging hinaus auf den Balkon und machte es sich in der mit hellblauem Stoff bezogenen Hollywoodschaukel gemütlich. Die Aussicht ist wundervoll, dachte sie, während die Schaukel, die sie behutsam angestoßen hatte, sanft hin und her schwang. Irgendwann fielen Felicitas die Augen zu, und es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war und von Henning träumte.

*

Kurz vor sieben machte sich Henning per Fahrrad auf den Weg zum Hotel Sonnenblick. Als er am Haus der Seefelds vorbeifuhr, kam Sebastian gerade von einem Krankenbesuch zurück. Er stellte den Geländewagen in der Einfahrt ab und stieg aus.

»Hallo, Henning, wie geht es dir?«, fragte er den Freund, der sein Rad abgebremst hatte und abstieg. »Obwohl, die Frage kann ich mir auch selbst beantworten. Emilia hat mir heute beim Mittagessen erzählt, dass sie Felicitas getroffen hat.«

»Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr, um ihr beim Einrichten zu helfen. Sie wohnt oben im Appartementhaus. Sebastian, ich glaube, mich hat es zum ersten Mal richtig erwischt. Ich meine, unsere Telefongespräche in den letzten Wochen waren schon aufregend, aber als ich sie heute wiedersah, wurde mir erst richtig bewusst, wie viel sie mir bereits bedeutet.«

»Dann mach etwas daraus.«

»Das werde ich bestimmt tun.«

»Grüße sie von mir«, bat Sebastian, als Henning wieder auf sein Rad stieg.

»Sehr gern, wir sehen uns«, verabschiedete sich Henning und trat in die Pedale.

Als Sebastian sich umwandte, um wieder in sein Auto zu steigen, verharrte er auf der Stelle, als er Anna die Straße heraufkommen sah.

Sie trug ein orangefarbenes knielanges Leinenkleid, das lange braune Haar fiel über ihre nackten Schultern, und in ihren grünen Augen spiegelte sich das Licht der Abendsonne. Du bist wunderschön, dachte er, während er die junge Hebamme betrachtete, die ihm in den letzten Monaten unendlich vertraut geworden war. Heute kam sie zum Abendessen, und danach würden sie Schafkopf spielen, so wie jeden Montag.

»Hallo, Sebastian. Ich dachte schon, ich sei zu spät, aber offensichtlich bist du auch gerade erst gekommen«, sagte sie und sah auf den Geländewagen.

»Ich war noch bei einem Patienten in der Nachbargemeinde. Schön, dass du da bist.« Er legte seinen Arm um sie, zog sie sanft an sich, ließ sie aber gleich wieder los. »Soll ich dich mitnehmen?«, fragte er lächelnd.

»Ja, ich nehme das Taxi«, sagte sie und sah ihn direkt an, sah in diese geheimnisvollen grauen Augen, die sie so sehr liebte. Zärtlich strich sie die Haarsträhne zurück, die ihm in die Stirn fiel, als er ihr die Beifahrertür seines Wagens aufhielt.

Er zuckte kurz zusammen, als sie ihn berührte, ließ sich aber nichts weiter anmerken. »Felicitas ist wieder da«, sagte er, als er sich gleich darauf hinter das Steuer setzte.

»Henning hat neulich erzählt, dass sie ein Angebot von einer großen Münchner Zeitung hatte. Da sie sich für Bergmoosbach entschieden hat, gehe ich davon aus, dass sie sich in Henning verliebt hat.«

»Du meinst, sonst wäre sie nicht hierhergekommen?«

»Bergmoosbach ist wirklich wunderschön, Sebastian, aber eine junge Fotografin, die die Chance hat, zwischen unserem Tagblatt und einer großen Zeitung zu wählen, warum sollte sie die dörfliche Idylle wählen? Es sei denn …«

»Sie hätte sich verliebt«, vollendete Sebastian ihren Satz und ließ den Motor des Autos an.

»Schöne Fahrt gehabt?« Emilia deckte den Tisch auf der Terrasse für das Abendessen, als Anna und Sebastian im Hof aus dem Auto stiegen. Ihr war nicht entgangen, dass die beiden sich erst in der Auffahrt getroffen hatten.

»Ja, wir haben uns gut unterhalten«, antwortete Anna lachend und begrüßte Nolan, der freudig um sie und Sebastian herumsprang.

»Tut ihr das nicht immer?« Emilia erwiderte Annas Lächeln und wandte sich dann ihrem Vater zu. »Ich habe gesehen, dass du gerade mit Henning gesprochen hast. Hast du ihm auch von der seltsamen Frau erzählt?«

»Nein, daran habe ich nicht gedacht, aber vermutlich hat sie ohnehin nichts mit Felicitas zu tun.«

»Aber sie war wohl schon recht merkwürdig«, sagte Traudel, die mit einer Warmhalteplatte aus der Küche kam und sie in der Mitte des Tisches platzierte. Traudel, die gute Seele im Haus der Seefelds, trug ein moosgrünes Dirndl. Das Samtband um ihren Hals, das im Nacken unter ihren hellgrauen Löckchen verschwand, war von der gleichen Farbe und verlieh ihrer leicht gebräunten Haut ein frisches Aussehen.

»Erzählt ihr mir, von wem ihr sprecht?«, fragte Anna.

»Sofort, ich wasche mir nur kurz die Hände, dann kann Emilia uns noch einmal ihre Beobachtung schildern«, sagte Sebastian und ging an Traudel vorbei ins Haus.

»Guten Abend, Anna«, begrüßte Traudel die junge Hebamme und betrachtete sie mit einem liebevollen Blick.

»Hallo, Traudel, kann ich dir helfen?«, fragte Anna.

»Es ist schon alles fertig, nimm einfach Platz«, bat Traudel. »Benedikt, kommst du bitte!«, rief sie und schaute um das Haus herum zum Kräuter- und Gemüsegarten, der mit einem halbhohen Holzzaun eingefasst war.

»Ich bin gleich da!«, rief Benedikt und stellte die Gießkanne beiseite. Wie immer, wenn er zu Hause war, hatte er das abendliche Wässern der Beete übernommen, um Traudel ein wenig zu entlasten.

»Ach ja«, seufzte Traudel leise, als Benedikt Seefeld das Gartentor aufschob und sie mit seinen dunklen Augen ansah. Er war ein gut aussehender Mann, groß, schlank, mit silbergrauem Haar. Traudel fand, dass ihm sogar die grünen Gummistiefel, die er zur Gartenarbeit trug, ausgezeichnet standen. Seitdem sie auf dem Fest auf Gut Meiring mit ihm getanzt hatte und sie sich sogar an einem Tango versucht hatten, fühlte sie sich noch mehr zu ihm hingezogen als bisher. Wenn das überhaupt noch möglich ist, dachte sie, während sie wieder in die Küche ging.

Ein paar Minuten später saßen sie alle am Tisch. Nachdem Traudel den Gemüseeintopf verteilt hatte, der auf der Warmhalteplatte stand, erzählte Emilia von der seltsamen Frau, die sie am Vormittag beobachtet hatte.

»Nach deiner Beschreibung kann diese Frau nur Ariane Wintermeyer sein«, sagte Anna. Sie hatte Ariane schon ein paar Mal im Café Höfner gesehen, und sie wusste, dass sie Henning nachstellte.

»Du meinst, diese verrückte Bankangestellte, die ihren Urlaub hauptsächlich im Café Höfner verbringt?«, fragte Traudel, die auch schon von Ariane gehört hatte.

»Sie verbringt ihren Urlaub im Café? Ist sie tortensüchtig oder so etwas?«, fragte Emilia ungläubig.

»Nein, nicht tortensüchtig. Ihre Sucht bezieht sich auf Henning«, klärte Anna sie auf.

»Krass.«

»Wie lange geht das schon?«, wollte Sebastian wissen.

»Drei oder vier Jahre. Seitdem quartiert sie sich drei Wochen im Sommer und zwei Wochen im Winter im Hotel Sonnenblick ein und verbringt oft ganze Tage im Café«, erzählte Anna.

»Wie muss ich mir das vorstellen? Sitzt sie einfach nur an einem Tisch oder versucht sie, Henning in irgendetwas zu verwickeln?«

»Sie konnte ihn einige Male dazu bringen, sich auf einen Kaffee an ihren Tisch zu setzen. Im letzten Sommer allerdings hat er einen ganzen Nachmittag mit ihr verbracht. Sie hatte sich für die tausendjährige Eiche interessiert und konnte ihn überreden, sie ihr zu zeigen. Ich denke, das war keine gute Idee. Seitdem versucht sie ständig, ihn zu einem weiteren Ausflug mit ihr zu überreden.«

»Hatte er in dieser Zeit eine feste Beziehung? Ich meine eine, von der diese Frau wissen könnte?«

»Henning hat seine Bekanntschaften in den letzten Jahren eher locker gesehen. Von Ariane will er aber bestimmt nichts«, versicherte ihm Anna.

»Du siehst besorgt aus, Papa«, stellte Emilia fest, als Sebastian nachdenklich schwieg.

»Ich bin besorgt, Spatz.«

»Du denkst, es lässt sich nicht als überzogene Schwärmerei abtun?«, fragte Benedikt.

»Nach dem, was Emilia heute beobachtet hat, immer vorausgesetzt, es war wirklich diese Ariane, könnte sie auch an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Natürlich ist es nur eine Vermutung, es kann auch alles ganz harmlos sein.«

»Jemand, der den ganzen Tag in einem Café hockt, muss ein bisschen gestört sein«, sagte Emilia.

»Bevor wir weiter spekulieren, rufe ich Corinna an und frage sie, ob Ariane in Bergmoosbach ist.« Anna zückte ihr Handy und rief Hennings Schwester an. »Hallo, Anna«, meldete sich Corinna.

»Corinna, ich bin gerade bei den Seefelds. Emilia hat heute Vormittag eine Frau gesehen. Ihre Beschreibung passt auf Ariane Wintermeyer. Ist sie zurzeit in Bergmoosbach?«

»Ja, ist sie, und sie belagert schon wieder das Café. Wo hat Emilia sie gesehen?«

»Hier vor dem Haus«, sagte Anna und erzählte Corinna von Emilias Beobachtung.

»Felicitas war heute Morgen auch im Café, wie ich von Henning weiß. Vermutlich hat Ariane die beiden zusammen gesehen, was ihr sicher nicht gefallen hat.«

»Nein, ganz sicher nicht. Danke, Corinna, wir wollten nur wissen, ob diese Frau wirklich Ariane gewesen sein könnte. Grüße Andreas von mir«, sagte Anna, als sie Corinnas Verlobten, Andreas von Meiring, im Hintergrund hörte.

»Diese Dame ist also hier«, vergewisserte sich Sebastian noch einmal, nachdem Anna aufgelegt hatte.

»Und sie scheint bereits zu wissen, dass sich zwischen Henning und Felicitas etwas anbahnt. Du solltest Henning von Emilias Beobachtung erzählen«, schlug Anna Sebastian vor.

»Ich denke, deine Einschätzung, dass es sich um mehr als eine Schwärmerei handelt, könnte sich bestätigen«, sagte Benedikt.

»Wer möchte noch einen Nachschlag?«, fragte Traudel, als alle ihre Teller geleert hatten. Zu ihrer großen Freude baten alle am Tisch um einen zweiten Teller Gemüseeintopf.

*

Felicitas lehnte an der Kante des Esstisches und schaute auf die Kartons, die die Spedition ihr vor ein paar Minuten geliefert hatte. Neun Kartons, in die sie alles eingepackt hatte, was ihr wichtig erschien.

Nach ihrer Ausbildung hatte sie für einen großen Reiseveranstalter gearbeitet und die Motive für die Kataloge fotografiert. Sie war viel unterwegs gewesen. Wenn sie zu Hause in München war, wohnte sie in einem kleinen Appartement im Haus ihrer Eltern und hatte sich nicht viel Neues angeschafft.

Egal, ich habe alles, was ich brauche, dachte sie. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als es gleich darauf an der Tür läutete. Es gab wesentlich Aufregenderes, als sich um den Inhalt dieser Kartons Gedanken zu machen.

»Schön, dass du da bist«, sagte sie, als Henning kurz darauf in ihrer Diele stand. »Unser Abendessen?«, fragte sie und deutete auf die Styroporbox, die er in der Hand hielt. Sein Blick versetzte sie in Unruhe. Sie musste sich ablenken, sonst würde sie rot werden und das wäre ihr furchtbar peinlich gewesen.

»Rippchen und Kartoffelsalat aus dem Biergarten. Ich habe auch eine Flasche Honigbier mitgebracht. Du sagtest doch, dass du es gern wieder einmal trinken möchtest.«

»Das klingt nach einem richtigen Umzugsessen«, entgegnete sie lächelnd und ging voraus ins Wohnzimmer.

Nachdem Henning die Box mit dem Essen und die Stofftasche mit dem Bier auf der Küchenanrichte abgestellt hatte, schaute er auf die Kartons, die auf dem Boden standen. »Viel gibt es hier aber nicht zu tun«, stellte er fest.

»Offensichtlich passt mein gesamter Besitz in neun Umzugskarton.«

»Du warst in den letzten Jahren viel unterwegs. Warum hättest du dich mit mehr belasten sollen?« Henning wusste von ihren vielen Reisen und dass sie sich inzwischen nach einem Ort sehnte, an dem sie länger bleiben konnte. Das Bergmoosbacher Tagblatt bot ihr nun diese Möglichkeit. »Wollen wir erst essen oder erst die Kartons ausräumen?«, fragte Henning.

»Du hast den ganzen Tag gearbeitet, du hast bestimmt Hunger.«

»Ich könnte mich auch noch gedulden.«

»Das musst du aber nicht. Geh schon mal auf den Balkon, ich komme gleich nach«.

»Lass mich nicht zu lange warten.«

»Ich beeile mich.«

»Aus dieser Perspektive habe ich unser Dorf noch nie betrachtet.« Henning stand an der Balkonbrüstung und ließ seinen Blick über das Tal schweifen, als sie wenig später zu ihm herauskam.

»Dann hat sich dein Ausflug zu mir allein wegen der Aussicht gelohnt.« Sie platzierte die Teller, auf die sie das Essen verteilt hatte, so auf dem Tisch, dass sie nebeneinander auf der Hollywoodschaukel sitzen konnten.

»Ich bin aber nicht wegen der Aussicht hier.« Er wandte sich langsam zu ihr um und sah sie an.

»Nein, du bist hier, weil du mir deine Hilfe beim Auspacken der Kartons angeboten hast. Du könntest deinen Feierabend sicher auch angenehmer verbringen.«

»Ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem ich jetzt lieber wäre.«

»Du machst mich verlegen.«

»Warum?«

»Weil ich nicht weiß, wie ich auf dieses Geständnis reagieren soll.«

»Doch, du weißt es, du traust dich bloß nicht.«

»Was traue ich mich nicht?«

»Zuzugeben, dass du genau das hören wolltest«, antwortete er und betrachtete sie mit einem herausfordernden Lächeln.

»Du bist ziemlich direkt.«

»Ja, das bin ich«, gab er zu.

»Ich aber leider nicht«, entgegnete sie mit einem bedauernden Achselzucken.

»Was würdest du tun, wenn du es wärst?«

»Ich würde dich bitten, mich in deine Arme zu nehmen, weil es das ist, wovon ich seit Wochen träume.« Du liebe Güte, Felicitas, du bist übers Ziel hinausgeschossen, dachte sie, als Henning nichts darauf antwortete und sie nur ansah. »Das war jetzt zu viel oder?«, fragte sie und hielt sich die Hand vor den Mund, so als wollte sie verhindern, dass ihr noch weitere Wahrheiten herausrutschten.

»Nein, es war nicht zu viel. Es ist ganz wundervoll, dass du so ehrlich bist.« Er machte einen Schritt auf sie zu, nahm sie in seine Arme und betrachtete sie zärtlich. »Meine Sehnsucht, dich zu berühren, ist ebenso groß wie deine. Es macht mich glücklich, dass du bei mir bist.« Er zog sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, das nach Lavendel und Honig duftete. Danach sah er sie wieder an und streichelte ihr Gesicht. »Ich habe mich in dich verliebt, Felicitas.«

»Ich mich auch in dich«, antwortete sie leise.

»Ich weiß«, sagte er und dann küsste er sie.

»Was soll das werden? Wie kommst du dazu, diese Frau zu küssen?« Ariane war außer sich, als sie die beiden beobachtete.

Seit einer Stunde saß sie auf ihrem Balkon und behielt den Eingang des Appartementhauses im Blick. Vor einer halben Stunde hatte eine Spedition neun Kartons geliefert, die Felicitas vor der Haustür in Empfang genommen hatte und die ihr die beiden Männer mit dem Lift noch nach oben brachten. Kurz nachdem der Lastwagen der Spedition das Hotelgelände verlassen hatte, kam Henning. Sie sah zu, wie er mit dem Fahrrad über den Hotelparkplatz fuhr, vor dem Appartementhaus anhielt und sein Rad in den Fahrradständer stellte. Obwohl sie wusste, dass er gekommen war, um Felicitas zu besuchen, hatte sie insgeheim gehofft, er würde sich doch noch anders entscheiden und stattdessen zu ihr kommen. Aber er hatte nicht einmal einen Blick auf das Hotel geworfen, bevor er das Appartementhaus betrat.

Mit dem Fernglas in der Hand hatte sie ausgeharrt, bis sie ihn auf dem Balkon im Dachgeschoss sah. Wieder hatte sie Hoffnung geschöpft, weil er allein dort stand und auf das Dorf hinunterschaute. Vielleicht hatte er dieser Frau nur aus Höflichkeit mit ihren Kartons helfen wollen. Inzwischen waren sie ja bereits in der Wohnung, und vielleicht hatte sich sein Besuch schon erledigt. Vielleicht dachte er gerade jetzt an sie und würde gleich ins Hotel kommen und nach ihr fragen, hatte sie sich eingeredet. Aber sie hatte sich geirrt, wie sie nun sah. Sie musste das Fernglas absetzen, weil ihre Hände zitterten. Schweiß trat ihr auf die Stirn und sie biss die Zähne aufeinander. Sie hatte das Gefühl, innerlich zu kochen, so wütend war sie auf diese Frau.

»Was bildete die sich ein? Einer anderen einfach die Liebe ihres Lebens wegzunehmen«, murmelte sie. Sie klappte die Lehne des Liegestuhls zurück, schloss die Augen und atmete einige Male tief ein. Danach öffnete sie die Augen wieder, fasste in ihre Handtasche, die neben ihr auf dem Boden stand, und nahm die Packung mit den Tabletten heraus.

»Sie müssen Sie nehmen, damit sie Ihre Gefühle wieder unter Kontrolle bringen«, hatte der Psychiater gesagt, den sie seit einigen Monaten regelmäßig aufsuchte. Er war der Meinung, dass ihre Gefühle für Henning an Besessenheit grenzten.

»Vermutlich warst du noch nie richtig verliebt, du neunmalkluger Gelehrter«, flüsterte sie und warf die Tablettenpackung wieder in ihre Handtasche. Diese Pillen machten sie nur müde, und das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen.

Sie würde dieser Begegnung dort auf dem Balkon nicht einfach tatenlos zusehen. Sie hatte nicht vor, Henning kampflos aufzugeben. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um diese Felicitas loszuwerden. Es war Zeit, ihre Gegnerin besser kennenzulernen.

*

Felicitas hatte noch immer das Gefühl, dass ihre Knie schwankten und sie wie auf Wolken ging, so als hielte Henning sie noch in seinen Armen.

»Schmeckt es dir nicht?«, fragte er, als sie nachdenklich in dem Kartoffelsalat herumstocherte.

»Ich habe keinen Hunger.«

»Weil du an etwas anderes denkst?«

»Hm«, entgegnete sie leise und schaute ins Tal.

»Meine Schwester hat mir neulich erklärt, dass es nur eine wirklich ­erfolgreiche Abmagerungskur gibt. Man muss sich verlieben.«

»Ich stimme deiner Schwester zu.«

»Ich möchte aber nicht, dass du verhungerst.« Henning lud Kartoffelsalat auf seine Gabel. »Er schmeckt wirklich köstlich. Versuche ihn.« Er wandte sich ihr zu und hielt ihr die Gabel hin. »Siehst du, es geht doch«, stellte er lächelnd fest, nachdem sie von seiner Gabel gegessen hatte. »Und jetzt stoßen wir mit Honigbier an.«

»Auf was trinken wir?«, fragte sie.

»Auf uns und unsere Zukunft.«

»Denkst du, wir haben eine gemeinsame Zukunft?«

»Wenn wir sie uns wünschen.«

»Gehen Wünsche in Bergmoosbach in Erfüllung?«

»Ja, davon bin ich überzeugt. Erwartest du noch jemanden?«, fragte er, als in diesem Moment die Türklingel schnarrte.

»Ich habe keine Ahnung, wer das sein kann.« Wer auch immer es war, er hatte ihre romantische Stimmung erst einmal unterbrochen.

»Vielleicht will dich ein Nachbar begrüßen, oder ein Kollege aus dem Verlag kommt vorbei, um dir seine Hilfe anzubieten.«

»Ich habe vorhin mit den Kollegen telefoniert. Ich habe ihnen gesagt, dass ich heute Abend schon etwas vorhabe. Worauf sie meinten, dass das wohl bedeutete, dass auch du heute Abend etwas vorhast. Von ihnen ist es bestimmt niemand. Ich sehe nach«, sagte Felicitas, als es erneut klingelte. »Sie?«, fragte sie überrascht, als sie die Tür aufzog und Ariane vor ihr stand.

»Es kam gerade jemand aus dem Haus, da bin ich hineingehuscht«, entgegnete sie mit unschuldigem Augenaufschlag.

»Das darf doch nicht wahr sein«, flüsterte Henning. Er konnte durch das Wohnzimmerfenster bis zur geöffneten Wohnungstür sehen.

»Was kann ich für Sie tun?«, hörte er Felicitas fragen.

»Ich war vorhin auf meinem Balkon und habe die Spedition vorfahren sehen. Ich dachte, ich frage mal nach, ob Sie Hilfe gebrauchen können. Ich habe uns auch etwas zum Anstoßen auf Ihren Einzug mitgebracht.« Mit einem strahlenden Lächeln zeigte sie Felicitas die Flasche Prosecco, die sie zunächst hinter ihrem Rücken versteckt hatte.

»Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie mir helfen wollen, Frau Wintermeyer, aber ich habe Besuch. Wir könnten uns morgen treffen«, schlug sie Ariane vor. So einsam diese Frau auch sein mochte, heute wollte sie sich nicht um sie kümmern.

»Ihr Besuch stört mich überhaupt nicht. Henning und ich kennen uns doch, recht gut sogar. Er wird sich bestimmt freuen, mich zu sehen. Hallo, Henning!«, rief sie, als sie ihn auf dem Balkon entdeckte.

»Morgen wäre es mir …«

»Ach was, Kindchen, man soll die Feste feiern, wie sie fallen«, unterbrach Ariane sie mitten im Satz und marschierte einfach an ihr vorbei zum Balkon.

Dieser Abend sollte doch Henning und mir allein gehören, dachte Felicitas. Sie fand Arianes Auftreten ziemlich anmaßend. Sie musste doch spüren, dass sie störte. Offensichtlich ist das nicht der Fall, dachte sie, als sich Ariane neben Henning auf die Hollywoodschaukel setzte.

»Holen Sie uns doch mal drei Gläser. Bei der Gelegenheit können Sie die Teller auch gleich mitnehmen.« Ariane stellte die beiden Teller mit den Resten des Abendessens aufeinander und drückte sie Felicitas in die Hände.

»Ich mache das. Wo stehen die Gläser?«, fragte Henning und wollte aufspringen, um ihr die Teller wieder abzunehmen.

»Schon in Ordnung.« Felicitas machte auf dem Absatz kehrt und ging in die Wohnung, um die Gläser zu holen. Vielleicht würde diese Frau ja wieder gehen, sobald sie mit ihr angestoßen hatten.

»Es ist doch in Ordnung, wenn ich hier sitzen bleibe«, sagte Ariane, als Felicitas mit den Gläsern zurückkam.

»Bitte sehr«, antwortete sie und klappte den Gartenstuhl auf, der neben der Balkontür an der Wand lehnte. Am liebsten hätte sie Ariane umgehend vor die Tür gesetzt. So viel Anstand, dass sie nicht einfach ihren Platz an Hennings Seite einnahm, hätte sie zumindest besitzen sollen.

»Henning, öffnest du bitte die Flasche?« Ariane drückte ihm den Prosecco in die Hand.

Er öffnete ihn kommentarlos und füllte die drei Gläser, die Felicitas auf den Tisch gestellt hatte.

»Viel Glück für Sie«, sagte Ariane, hob ihr Glas und stieß zuerst mit Henning an, bevor sie sich Felicitas zuwandte. »Sie sind sich wohl noch nicht sicher, ob sie länger bleiben werden?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wenn Sie es wüssten, hätten Sie sich gleich eine richtige Wohnung gesucht.«

»Ich werde mir demnächst eine Wohnung suchen.«

»Aha, interessant. Ich spiele auch mit dem Gedanken, demnächst hierher zu ziehen. Die Bank, für die ich arbeite, hat in Garmisch eine Filiale. Ich könnte mich versetzen lassen. Wie wäre das, Henning?«

»Was sollte das mit mir zu tun haben?«, antwortete er unwirsch.

»Wir könnten uns dann öfter sehen.«

»Was muss ich mir darunter vorstellen, Henning?«, wollte Felicitas wissen, als Ariane ihn mit verklärtem Blick ansah.

»Ich denke, Ariane will jetzt wieder gehen«, sagte Henning.

»Keineswegs, es ist doch gerade so gemütlich«, erklärte Ariane und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

»Wir haben zu tun, Ariane.«

»Ich helfe euch«, sagte sie, als Henning aufstand.

»Nein, auf keinen Fall. Sie haben Urlaub, Frau Wintermeyer. Genießen Sie ihn. Kommen Sie, ich bringe Sie zur Tür.« Felicitas hatte genug von dieser Gesellschaft.

»Es ist sehr freundlich, dass Sie so besorgt um mich sind. Aber ich helfe gern.«

»Wie gesagt, das ist überhaupt nicht nötig.«

»Wissen Sie was, Kindchen, fangen Sie doch einfach schon mal an. Henning und ich trinken noch in Ruhe unseren Prosecco und Sie rufen uns, wenn Sie Hilfe brauchen.«

»Gut, trinke dein Glas noch aus, aber ohne mich. Komm, kümmern wir uns um deine Kartons.« Henning umfasste Felicitas’ Schultern und schob sie in die Wohnung.

»Warst du mal mit ihr zusammen?«, fragte Felicitas leise.

»Nein, und ich habe auch nie daran gedacht.«

»Sie scheint das anders zu sehen.«

»Keine Ahnung, was sie sich da einredet.«

»Wie werden wir sie los?«

»Sie wird schon gehen, wenn wir uns nicht mehr um sie kümmern.«

»Hoffentlich«, seufzte Felicitas.

»Mit welchem Karton fangen wir an?«, fragte Henning.

»Ich dachte, du räumst den mit dem Geschirr aus. Es sind nur ein paar Gläser, Tassen und Teller. Ich nehme mir die drei Kisten mit meinen Klamotten vor.«

»Dann wäre da noch Bettwäsche, zweimal Bücher und zweimal Fotostudio.« Henning ging um die Kartons herum, die alle beschriftet waren. »Was bedeutet Fotostudio?«, wollte er wissen.

»Kameras, Stative, Lampen. Die beiden Kartons räume ich morgen aus.«

»Willst du sie aus dem Weg haben?«

»Wenn du sie neben den Schreibtisch stellen würdest, das wäre nett.« Sie deutete auf den Sekretär aus massivem Kiefernholz, der neben dem Fenster stand.

»Das mache ich.« Henning verstaute die beiden Kartons in der freien Ecke neben dem Sekretär.

»Ich reiche Ihnen alles an, und Sie räumen ein.« Ariane stürmte in die Wohnung und baute sich vor dem geöffneten Schrank auf, als Felicitas einen der Kartons mit ihrer Kleidung in die Diele zog.

»Jetzt sehen Sie mich nicht so entsetzt an. Ich meine es wirklich nur gut.«

Fassungslos schaute Felicitas zu, wie Ariane sich über den Karton beugte und zwei Kleider herausnahm. Ich gebe es auf, dachte sie. Dann sollte sie eben noch bleiben. Das nächste Mal würde sie diese Frau erst gar nicht in ihre Wohnung lassen. Andererseits, worüber regte sie sich eigentlich auf? Arianes Urlaub war irgendwann vorbei, und sie würde Bergmoosbach verlassen.

»Wohin mit dem Geschirr?«, fragte Henning, der auch erst einmal ratlos war, was Ariane betraf.

»Der mittlere Hängeschrank ist leer, da müsste alles hineinpassen«, sagte Felicitas.

»Seht ihr, wie schnell wir fertig geworden sind?«, stellte Ariane eine Stunde später zufrieden fest.

Nachdem sie Felicitas geholfen hatte, die Kartons mit ihrer Kleidung und der Bettwäsche zu leeren, hatten sie und Henning Felicitas die Bücher aus den Kartons gereicht, die sie gleich in das Regal räumte, das als Raumteiler zwischen Küche und Wohnbereich stand.

»Und nun trinken wir den restlichen Prosecco«, erklärte Ariane und holte die Flasche wieder aus dem Kühlschrank, die sie inzwischen dort deponiert hatte.

»Wir werden noch viele Abende für uns allein haben«, raunte Henning Felicitas zu, als er die Enttäuschung in ihren Augen sah, dass sie Ariane noch immer nicht los wurden.

Sie nickte und schwieg. Sie hatte sich selbst in diese Lage gebracht. Sie hatte Arianes Hilfe angenommen, sie jetzt vor die Tür zu setzen, wäre ausgesprochen unhöflich gewesen. Zumal sie sich bemüht hatte, zuvorkommend zu sein und Henning keine zweideutigen Blicke mehr zugeworfen hatte.

»Wir sollten öfter so gemütlich beieinander sitzen. Wir drei verstehen uns doch glänzend«, sagte Ariane, als sie wieder auf den Balkon gingen.

Felicitas war ihr dankbar, dass sie ihr wenigstens jetzt den Platz an Hennings Seite überließ und mit dem Stuhl vorlieb nahm.

»Die Nächte in Bergmoosbach können recht aufregend sein«, erklärte Ariane, während sie an den nächtlichen Sternenhimmel schaute.

»Du musst es ja wissen«, sagte Henning, als Ariane sich ihm mit einem geheimnisvollen Lächeln zuwandte.

»Tu doch nicht so, Henning. Die kleine Rothaarige im letzten Winter. Im Sommer davor die dunkelhaarige Schönheit und so weiter und so weiter. Alle durften die Nächte mit dir an­ eurem schönen See genießen. Geblieben ist allerdings keine, nur ich bin immer noch da«, verkündete sie, nachdem sie ihren Blick auf Felicitas gerichtet hatte. »Nichts für ungut, meine Liebe, aber Sie sollten schon wissen, dass unser Henning die Abwechslung liebt. So, nun werde ich gehen. Ich bin müde«, erklärte sie, als sie das Zucken um Felicitas’ Mundwinkel wahrnahm. Endlich hatte sie die junge Dame zum Nachdenken gebracht. »Ich finde schon hinaus«, sagte sie, als Felicitas sie zur Tür bringen wollte. »Gute Nacht«, verabschiedete sie sich und ließ die beiden allein.

»Ich dachte schon, sie hätte diese Spitzen gegen dich aufgegeben, aber sie hat gerade noch einmal richtig nachgelegt«, stellte Felicitas fest, nachdem die Tür hinter Ariane zugefallen war.

»Was aber zu nichts führt, wenn du dich nicht auf das Gerede einlässt.«

»Dann hat sie das mit den anderen Frauen erfunden?«

»Nein, das nicht, aber ich habe auch nicht behauptet, dass ich vor dir keine Frau gekannt habe.«

»Das hätte ich dir auch nicht geglaubt.«

»Ariane gehört aber nicht zu diesen Frauen, um das noch einmal klarzustellen. Ich hoffe, dass sie endlich begreift, dass zwischen ihr und mir nie etwas sein wird. Außerdem geht es dieses Mal nicht nur um eine Nacht am Ufer des Sternwolkensees.«

»Sondern?«

»Um alles.«

»Was bedeutet alles?«

»Alles bedeutet, dass ich mit dir zusammen sein will.«

»Das will ich auch, sonst wäre ich nicht hier.«

»Ich weiß«, sagte er und nahm sie in seine Arme.

Sie blieben noch eine ganze Weile so nebeneinander sitzen, fühlten die Nähe des anderen und betrachteten den Himmel. Sie sahen der Internationalen Raumstation nach, die wie aus dem Nichts auftauchte und wie ein künstlicher Stern, der um die Erde kreiste, über sie hinwegflog und wieder am Horizont verschwand.

»Als Kind habe ich davon geträumt, Astronaut zu werden«, sagte Henning.

»Warum hast du diesen Traum nicht weiter verfolgt?«

»Mein Vater hat mich irgendwann mit in die Backstube genommen und mich aufgefordert, einen Kuchen zu backen. Es hat mir Spaß gemacht. Ich dachte, es könnte nichts schaden, wenn ich erst einmal Bäcker werde, bevor ich an Bord eines Raumschiffes gehe. Ich stellte mir vor, wenn ich irgendwann zu anderen Planeten aufbrechen würde, könnte ich dort dieses Handwerk ausüben.«

»Wie alt warst du damals?«

»Sieben oder acht.«

»Mit deinen Torten und Pralinen würdest du auf jedem Planeten für gute Laune sorgen.«

»Meinst du?«

»Ja, ich bin davon überzeugt. Als nächstes werde ich deine Schokotrüffel versuchen. Die wurden mir von meinen Kollegen bereits wärmstens empfohlen.«

»Mir sind die Champagnertrüffel die liebsten.«

»Ich werde auch sie versuchen.«

»Ich hoffe, du wirst nach und nach alles probieren, was wir im Angebot haben.«

»Versprochen.«

»Du wirst es nicht bereuen«, sagte er lächelnd und küsste sie zärtlich. »Ich bin morgen den ganzen Tag im Café. Solltest du Sehnsucht nach mir haben, komm einfach vorbei«, bat er sie, als er sich bald darauf von ihr verabschiedete, weil er am nächsten Morgen früh aufstehen musste. Es stand wieder eine Hochzeit an, und er wollte seine Gesellen bei ihrer Arbeit unterstützen.

»Wir sehen uns morgen«, versicherte ihm Felicitas und winkte ihm noch einmal zu, bevor er in den Lift stieg.

Ariane hatte auf ihrem Balkon gewartet, bis Henning endlich das Appartementhaus verließ. Sie wollte sicher sein, dass er nicht bei Felicitas übernachtete. Das hätte ihr zusätzliche Qualen bereitet.

Jetzt war er fort, und sie konnte beruhigt schlafen gehen. Diese kleine Fotografin würde ihn nicht bekommen, dafür würde sie sorgen. »Er gehört mir«, sagte sie laut und schloss die Balkontür hinter sich.

*

»Unser zweites Treffen heute«, stellte Sebastian amüsiert fest, als er Henning erneut vor seiner Einfahrt traf. Er hatte Anna zusammen mit Nolan nach Hause begleitet und kam gerade wieder zurück, als Henning mit seinem Fahrrad die Straße herunterkam. »Hattest du einen schönen Abend?«, fragte er, als Henning neben ihm anhielt.

»Ehrlich gesagt, ich hatte ihn mir anders vorgestellt.«

»Klappt es nicht mit Felicitas und dir?«

»Doch, sie ist wundervoll. Ich wäre nur gern mit ihr allein gewesen. Leider gibt es eine Frau, die sich ständig in mein Leben drängt. Sie stand plötzlich vor Felicitas’ Tür, und wir sind sie einfach nicht mehr losgeworden.«

»Ariane Wintermeyer?«

»Du hast von ihr gehört?«, wunderte sich Henning, während er Nolan streichelte, der ihn fröhlich begrüßte.

»Anna hat mich über sie aufgeklärt.« Sebastian nutzte die Gelegenheit, um Henning Emilias Beobachtung zu schildern und was Anna dazu gesagt hatte.

»Ich habe keine Ahnung, wie Ariane darauf kommt, dass ich etwas von ihr will.« Henning konnte nur den Kopf darüber schütteln, dass sie offensichtlich Felicitas verfolgte.

»Diese Frau scheint auf dich fixiert zu sein. Geh ihr lieber aus dem Weg.«

»Das würde ich gern tun, aber sie verbringt so viele Stunden im Café, dass ich ihr zwangsläufig irgendwann begegne. Bisher war mir das mehr oder weniger egal. Wenn sie sich jetzt aber an Felicitas heftet, kann ich das nicht mehr einfach hinnehmen. Aber wie bringe ich sie dazu, uns in Ruhe zu lassen?«

»Da ich nicht weiß, ob sie wirklich unter einer gestörten Wahrnehmung leidet oder die Wahrheit bewusst leugnet, ist es schwer, dir einen Rat zu geben. Hat sie dir früher schon nachgestellt?«

»Ich bin ihr ein paar Mal am See begegnet. Ich meine, nicht allein, ich war immer in Begleitung.«

»Hat sie diese Frauen belästigt?«

»Nein, aber es war auch nie etwas Ernstes. Vielleicht reagiert sie auf Felicitas anders, weil sie spürt, dass es dieses Mal ernst ist.«

»Das wäre durchaus möglich. Wenn dir etwas seltsam vorkommt, dann melde dich bei mir.«

»Du meinst, sie könnte Felicitas gefährlich werden?«

»Ich weiß es nicht, ich kenne sie ja nicht. Sei einfach vorsichtig.«

»Ich passe auf, danke, Sebastian.«

»Wir sehen uns«, verabschiedete sich Sebastian und lief mit Nolan über die Wiese zum Haus hinauf.

*

Das Verlagshaus des Bergmoosbacher Tagblatts lag gegenüber dem Rathaus. Auf der hellblauen Fassade stand die Zahl 1753, das Jahr der Verlagsgründung. Die Außenmauern des Hauses waren noch immer dieselben, die Innenräume waren inzwischen mehrfach umgebaut und restauriert worden. Im Erdgeschoss war eine moderne Druckerei untergebracht. Der gesamte erste Stock war ein einziger heller großer Raum, in dem die Arbeitsplätze der Reporter nur durch Raumteiler voneinander getrennt waren. Willy Meier, der Verlagsleiter, ein Nachkomme der Gründerfamilie, hatte sein eigenes Zimmer.

Sein Sohn Tobias, der leitende Redakteur, und seine beiden Kollegen Hansi Süß, Anfang fünfzig mit Ku­gelbauch und Nickelbrille, und Ingeborg Lehmann, eine lustige ältere Dame mit kurzen dunklen Haaren und Stupsnase, freuten sich auf Felicitas. Dass eine professionelle Fotografin, die auch Artikel schreiben konnte, wie sie bereits bewiesen hatte, für das Tagblatt arbeiten würde, gefiel ihnen.

»Auf eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit«, sagte Tobias, ein schmaler junger Mann mit Hornbrille, nachdem sie an diesem Morgen alle mit einem Glas Sekt angestoßen hatten.