E-Book: 29-34 - Judith Parker - E-Book

E-Book: 29-34 E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. E-Book 29: Endlich sind wir eine Familie E-Book 30: Leid unter falschem Verdacht E-Book 31: Hurra, wir bekommen eine neue Mutti! E-Book 32: Arme kleine Jill E-Book 33: Das Geheimnis um die kleine Mary E-Book 34: Goldi, lach doch mal! E-Book 1: Endlich sind wir eine Familie E-Book 2: Leid unter falschem Verdacht E-Book 3: Hurra, wir bekommen eine neue Mutti! E-Book 4: Arme kleine Jill E-Book 5: Das Geheimnis um die kleine Mary E-Book 6: Goldi, lach doch mal!

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Seitenzahl: 1055

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Endlich sind wir eine Familie

Leid unter falschem Verdacht

Hurra, wir bekommen eine neue Mutti!

Arme kleine Jill

Das Geheimnis um die kleine Mary

Goldi, lach doch mal!

Sophienlust – Jubiläumsbox 6 –E-Book: 29-34

Judith Parker Juliane Wilders Bettina Clausen Patricia Vandenberg Aliza Korten

Endlich sind wir eine Familie

Puck und Flo – die Zwillinge auf Wanderschaft

Roman von Judith Parker

Martina Palmer warf einen Blick in den Rückspiegel und erschrak vor ihrer Blässe. Die Aufregungen des Nachmittags hatten sie anscheinend doch mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte. Dabei sollte sie eigentlich froh sein, dass ihre zweijährige Verlobungszeit, die alles andere als harmonisch verlaufen war, nun ein schnelles Ende gefunden hatte.

Aber ich bin dreißig Jahre alt, ging es Martina durch den Sinn. Das ist ein Alter, in dem die meisten Frauen bereits verheiratet und Mutter sind. Oh, wie sehr beneidete sie diese Frauen! Was gab es denn Schöneres für eine Frau, als verheiratet zu sein und Kinder zu haben? Auch sie sehnte sich danach. Doch wie es augenblicklich aussah, würde sie dieses Glück nie kennenlernen.

Martina seufzte tief auf, dann blickte sie auf die Uhr. Acht Uhr fünfundvierzig! Sie musste sich beeilen, denn die Baronin Buchwitz, bei der sie Gesellschafterin und Mädchen für alles war, hasste Unpünktlichkeit.

Martina gab mehr Gas und konzentrierte sich auf die Straße, die breit und leer vor ihr lag. Auf den Feldern zu beiden Seiten war das Korn schon gemäht.

In der zarten blauen Dämmerung des Sommerabends verblassten die leuchtenden Farben des Tages schnell zu einem sanften Pastell. Die Hitze hatte merklich nachgelassen. Ein frischer Wind rauschte geheimnisvoll in den Kronen der alten Bäume, die die Straße säumten, in die Martina jetzt einbog. Sie war in schlechtem Zustand, so dass Martina etwas langsamer fahren musste. Jetzt hatte sie es plötzlich auch nicht mehr ganz so eilig heimzukommen. Sie kurbelte beide Fenster herunter und atmete tief die würzige Abendluft ein. Dabei genoss sie die ländliche Stille, die sie umgab.

Was für ein göttlicher Friede! dachte Martina. Zugleich kämpfte sie darum, nicht an das hässliche Erlebnis des Nachmittags zu denken. Das Leben ging für sie weiter, auch ohne Horst Reuter, dem das Geld mehr bedeutete als wahre Liebe. Außerdem – es war sonst nicht ihre Art, sich unterkriegen zu lassen. Warum sollte sie eines Tages nicht doch noch ein wirkliches Glück finden?

Martinas Aufmerksamkeit wurde jetzt auf zwei kleine Gestalten gelenkt, die, Hand in Hand, weiter vorn auf der rechten Straßenseite zu sehen waren. Na, so was, dachte Martina erstaunt. Was taten zwei Kinder um diese Zeit in einer so einsamen Gegend allein auf der Straße? Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu! Die nächste Ortschaft war mehr als zehn Kilometer entfernt. Ob die Kleinen sich verlaufen hatten?

Martina bremste den Wagen neben den Kindern ab, die erschrocken stehenblieben und bis zum Straßengraben zurückwichen.

»Hallo, ihr beiden!«, rief Martina ihnen zu. »Passt auf, dass ihr nicht in den Graben fallt. Ich tue euch nichts.«

Zögernd näherten die Kinder sich dem Wagen, wobei sie sich fest an den Händen hielten. Misstrauisch blickten sie auf Martina, der sofort die große Ähnlichkeit der beiden auffiel. Zwillinge? Schon möglich.

»Wo wollt ihr denn hin?«, fragte Martina freundlich, um die Kleinen nicht noch mehr zu verängstigen.

Da sie keine Antwort erhielt, wiederholte sie ihre Frage. Doch die Kinder blieben auch diesmal stumm.

Natürlich konnte Martina die Kleinen – ihrer Schätzung nach waren sie nicht viel älter als sieben oder acht Jahre – nicht ihrem Schicksal überlassen.

»Steigt ein!«, forderte sie sie in einem Ton auf, der keinen Widerspruch duldete, und öffnete die Tür. Schweigend stiegen die Kinder ein und setzten sich neben sie.

Martina vergewisserte sich, dass die Tür fest geschlossen war, und startete. Dabei überlegte sie, was sie mit den beiden Kindern anfangen sollte. Zwar gab es in dem Bungalow der Baronin ein Fremdenzimmer, aber die alte Dame würde entsetzt sein, wenn sie mit zwei kleinen Kindern ankäme. Sie hatte einmal geäußert, dass sie gegen Kinderlärm allergisch sei.

Martina warf einen Blick auf die beiden Findelkinder, die, nach dem Ausdruck ihrer Gesichter zu schließen, im Augenblick ganz zufrieden zu sein schienen.

»Wie heißt ihr?«, fragte sie energisch.

Diesmal bequemten sie sich zu einer Antwort. »Puck und Flo«, entgegneten sie wie aus einem Mund.

»Puck und Flo?«, wiederholte Martina kopfschüttelnd. »Was für seltsame Namen! Das sind doch nicht eure richtigen Namen? Ihr müsst doch noch andere Namen haben. Jeder Mensch hat einen vernünftigen Vornamen und einen Familiennamen.«

»Wir heißen Puck und Flo«, erwiderte das eine Kind ernst.

»Also gut, lassen wir es dabei«, gab sich Martina widerstrebend zufrieden. »Und wo wohnt ihr?«

»Das können wir Ihnen nicht sagen«, antwortete diesmal das andere Kind leise.

»Nein, das können wir nicht sagen«, echote das zweite.

»So? Und warum nicht?« Martina verlor allmählich ihre Geduld.

»Ja, weil … ja, weil wir es nicht wissen«, wurde ihr erwidert.

»Ihr wisst es nicht? Dann seid ihr nur in den Ferien hier und habt die Adresse der Pension oder des Hotels, in dem ihr mit euren Angehörigen wohnt, vergessen? Nicht wahr, so ist es doch?«

»Wir wissen nicht, wo wir wohnen«, blieben die beiden hartnäckig bei ihrer Behauptung.

Martina unterdrückte einen Seufzer. Da hatte sie sich etwas Schönes aufgehalst. Vielleicht sollte sie die beiden Ausreißer, denn das waren sie gewiss, doch mit zur Baronin nehmen. Doch sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder. Ihr würde nichts anderes übrigbleiben, als zum nächsten Polizeirevier zu fahren, um die Kinder dort abzuliefern.

Plötzlich fiel Martina das Kinderheim Sophienlust ein. Baronin Buchwitz, die sich für jeden Klatsch brennend interessierte und deshalb über alle Ereignisse in dieser Gegend genauestens orientiert war, hatte einmal dieses Sophienlust erwähnt. Sie hatte auch erzählt, dass eine Frau von Schoenecker das Kinderheim leitete. Oder war sie die Besitzerin? An die Einzelheiten konnte Martina sich nicht mehr genau entsinnen. Doch, jetzt fiel es ihr wieder ein. Ein kleiner Junge hatte das Gut Sophienlust von seiner Urgroßmutter geerbt. Seine Mutter verwaltete sein Erbe, bis er selbst dazu in der Lage sein würde.

Wenn sie doch nur wüsste, welche Richtung sie einschlagen musste, um nach Sophienlust zu kommen! Sehr weit kann es nicht sein, überlegte Martina. Aber dort vorn war ein Wegweiser.

Martina fuhr langsamer und las auf dem Schild: Sophienlust 15 km. Das war weiter, als sie angenommen hatte. Aber sie musste in den sauren Apfel beißen und die Kinder dorthin bringen.

»Ich bringe euch jetzt in ein Kinderheim«, bemerkte sie, wobei sie hoffte, dass die Kleinen ihr endlich sagen würden, wohin sie gehörten. Aber sie schwiegen auch jetzt.

»Na dann«, seufzte Martina und bog in die Straße ein, die nach Sophienlust führte.

*

Frau Rennert und ihre Schwiegertochter Carola saßen um diese Stunde noch auf der Terrasse, um den herrlichen Sommerabend zu genießen. Nach der drückenden Schwüle des Tages war das kühle Lüftchen, das jetzt wehte, eine wahre Wohltat.

»Was für ein wunderschöner Abend«, schwärmte Carola. Dabei dachte sie sehnsüchtig an ihren Mann, Wolfgang Rennert, der für einige Tage hatte verreisen müssen.

»Ja, Carola, solche Abende sind recht selten bei uns geworden«, entgegnete Frau Rennert mit einem lieben Lächeln und blickte die reizende junge Frau an. Dass Wolfgang dieses liebevolle Geschöpf geheiratet hatte, war für sie eine große Freude. Denn sie hatte die stille, bescheidene und begabte Carola tief in ihr Herz geschlossen. Außerdem war sie sehr stolz auf ihre Schwiegertochter, die als Malerin bereits einen Namen hatte.

Jetzt wandten sich Frau Rennerts Gedanken Denise von Schoenecker zu, der ihr Sohn und sie so unendlich viel zu verdanken hatten. Bedenkenlos hatte diese gütige Dame ihren Sohn als Lehrer engagiert, obwohl er einmal gestrauchelt war. Dabei hatte ihr Sohn diese Dummheit nur begangen, um ihr, seiner damals so kranken, hilflosen Mutter, zu helfen. Nur deshalb hatte er das Geld unterschlagen. Er war dafür verurteilt worden und hatte seine Strafe verbüßt. Eine Jugendtorheit, mehr nicht. Aber wie viele Menschen tragen so etwas einem jungen Menschen ein Leben lang nach! Damals schien es so, als ob die Zukunft ihres Sohnes für immer verbaut sei. Doch das Schicksal hatte ihn mit Frau von Schoenecker zusammengebracht, die nicht nur ihm, sondern auch ihr selbst geholfen hatte. Was konnte sich eine Frau in ihrem Alter mehr wünschen, als Leiterin in einem großzügig geführten Kinderheim zu sein?

Wieder streifte Frau Rennerts Blick Carola, die, den Kopf zurückgelehnt, mit offenen Augen träumte. Über ihnen wölbte sich die dunkle Kuppel des nächtlichen Himmels, an dem die Sterne hell blinkten.

»Die Sterne gleichen Edelsteinen, die auf weichem Samt glitzern«, sagte die junge Frau leise.

»Ja, Carola, es ist eine zauberhafte Nacht. Aber horch mal, kommt da nicht ein Auto?«

Carola hob lauschend den Kopf. »Ja, du hast recht. Wer mag denn um diese späte Stunde zu uns kommen? Vielleicht kehrt Wolfgang früher heim?«

»Das glaube ich weniger, mein Kind. Er hat ja morgen erst die Besprechung, um derentwillen er nach Frankfurt gefahren ist.«

»Ob jemand von Schoeneich kommt?«, rätselte Carola weiter.

»Unmöglich! Der Wagen kommt ja aus der entgegengesetzten Richtung.«

»Ich schau mal nach, Mama.« Carola erhob sich.

»Ich begleite dich«, erklärte Frau Rennert und folgte der jungen Frau.

Im gleichen Augenblick bog ein fremder Wagen in den Hof ein und blieb dann mit einem sanften Ruck stehen.

Martina Palmer stieg aus. Auch die Kinder kletterten neugierig aus dem Wagen.

»So, da wären wir«, sagte Martina und strich ihren Rock glatt. »Hoffentlich ist hier noch jemand wach!«

»Ist das ein Kinderheim?«, fragte eines der Kinder.

»Ja, das ist ein Kinderheim, Puck oder Flo. Man kann euch ja kaum auseinanderhalten. Oh, da ist ja jemand!«, stellte Martina dann aufatmend fest und ging auf die beiden Damen zu.

»Guten Abend!«, grüßte sie mit ihrer klaren hellen Stimme. »Ich bin Martina Palmer.«

Frau Rennert und Carola stellten sich ebenfalls vor.

»Ja, und das sind Puck und Flo«, nannte Martina dann die Namen der Kinder, die zögernd nähergekommen waren.

»Puck und Flo?«, wunderte sich Carola und betrachtete die beiden reizenden Kinder, deren helle Haare im Schein der Ampel über der Haustür wie pures Silber schimmerten. »Sie werden bestimmt noch andere Namen haben«, meinte sie dann lächelnd.

»Das nehme auch ich an. Aber leider weiß ich sie nicht«, erwiderte Martina, froh, dass ihr die Verantwortung für die Kinder abgenommen wurde. »Ich habe die Kleinen von der Straße mitgebracht.«

»Von der Straße?«, wiederholte Frau Rennert erstaunt.

»Ja, Frau Rennert, so ist es. Ich bin bei einer älteren Dame angestellt, die kleine Kinder nicht besonders mag. Deshalb wusste ich zuerst nicht, wohin ich mit ihnen sollte. Ich war schon bereit, sie zur Polizei zu fahren, als mir plötzlich Sophienlust einfiel. Wäre es möglich, dass Sie die Kinder so lange bei sich behalten, bis man weiß, wohin sie gehören?«

Frau Rennert überlegte nicht lange, sie nickte. Dann bat sie die junge Dame ins Haus, um mit ihr alles weitere zu besprechen. Carola nahm die beiden Kleinen bei der Hand, die ihr widerstandslos folgten.

Frau Rennert schaltete die Deckenbeleutung in der Halle an, um die Kinder besser sehen zu können. Mit ihrem geschulten Blick erkannte sie, dass die beiden aus einem guten Haus stammten. Sie machten einen sehr gepflegten Eindruck, und ihre fast weißblonden Haare schienen erst vor einigen Tagen geschnitten worden zu sein. Was für hübsche Kinder, dachte sie. Und wie ähnlich sie sich sehen. Beide hatten blaue Augen, die von dunkelblonden, langen Wimpern umrandet wurden. Sie waren mit Blue Jeans und den gleichen weiß-rot gestreiften Pullis bekleidet. Das eine Kind trug einen Anorak in Rot, das andere einen in Blau.

»Also, wie heißt ihr nun wirklich?«, versuchte Frau Rennert jetzt ihr Heil bei den Kindern.

»Puck«, antwortete das eine Kind. »Flo«, das andere.

»Also Puck und Flo. Nicht wahr, ihr seid doch Zwillinge?«

Die Kinder warfen sich einen schnellen Blick zu. »Ja, wir sind Zwillinge«, erwidert sie dann gleichzeitig.

»Und wie alt seid ihr?«, fragte Frau Rennert freundlich weiter.

»Acht«, erwiderte Puck.

»Sieben«, sagte Flo.

»Acht oder sieben«, mischte sich Carola ein, die die Kleinen zum Anbeißen süß fand.

»Acht!«

»Sieben!«

»Auch das werden wir noch herausbekommen.« Frau Rennert seufzte auf. Die beiden schienen ziemlich schwierig zu sein. »Und wo kommt ihr her? Wo wohnt ihr?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Flo leise.

»Nein, das wissen wir nicht«, behauptete auch Puck.

Schwester Gretli, die gerade hatte zu Bett gehen wollen, als das Auto in den Hof gefahren war, kam die Treppe herunter, um zu fragen, ob sie noch benötigt werde.

»Schwester Gretli, Sie schickt der Himmel!«, rief Frau Rennert erleichtert. »Wie Sie sehen, haben wir Zuwachs bekommen. Was machen wir nur mit den Kindern?«

Die Kinderschwester blickte auf die alte Standuhr in der Halle.

»Ins Bett stecken«, schlug sie lakonisch vor. »Es ist gleich halb zehn.«

»Also gut, dann bringen Sie sie ins Bett! Ich komme gleich nach.«

Frau Rennert wandte sich Martina zu. Die junge Dame mit dem honigfarbenen Haar und den grünlich schimmernden Augen gefiel ihr sehr gut. Ob sie vielleicht die Mutter der Kinder war, deren sie sich auf diese etwas außergewöhnliche Art entledigen wollte? In den vielen Jahren, die Frau Rennert schon in Sophienlust weilte, hatten sich die erstaunlichsten Dinge zugetragen. Aber dann verwarf sie diesen Gedanken doch wieder. »Ich möchte mich verabschieden«, sagte Martina, unruhig geworden, weil sie sich wieder an die Baronin Buchwitz erinnerte, die sie gewiss mit Vorwürfen wegen ihrer Verspätung überschütten würde. »Darf ich morgen in Sophienlust anrufen, um mich nach den beiden Jungen zu erkundigen?«, fragte sie noch.

»Ja, Frau Palmer. Bitte, geben Sie mir doch noch Ihre Adresse!«, bat Frau Rennert.

»Gern, Frau Rennert!« Martina nahm aus ihrer Handtasche eine Visitenkarte und überreichte sie der Heimleiterin.

»Ich bringe Sie noch hinaus«, bot sich Carola freundlich an.

Frau Rennert blickte der fremden jungen Dame und ihrer Schwiegertochter nach und überlegte, ob sie nicht lieber Frau von Schoenecker in Schoeneich anrufen sollte. Aber dann schlug sie die Richtung zu dem Seitenflügel ein, wo sich die Schlafzimmer der beide Kinder befanden.

Schwester Gretli hatte die beiden Kinder in das Eckzimmer gebracht und bezog gerade die Betten, als Frau Rennert kam. Puck und Flo saßen still nebeneinander auf der weißlackierten Bank unter dem Fenster.

»Na, ihr beiden Schlingel«, sagte Frau Rennert lächelnd, »habt ihr noch Hunger?«

»Ja, ein bisschen schon«, gab Puck

zu.

»Sehr! Mein Magen knurrt ganz toll«, erwiderte Flo.

Carola, die jetzt auch ins Zimmer trat, fragte: »Mama, müssten wir nicht Tante Isi anrufen, um ihr von den Kindern zu erzählen?«

»Das habe ich auch schon überlegt. Aber es ist schon spät. Ich denke, wir können mit dem Anruf bis morgen früh warten. Carola, bitte sei doch so lieb und hole noch heiße Milch und eine Kleinigkeit zu essen«, bat sie.

»Gern, Mama!« Carola zwinkerte den beiden Kleinen vergnügt zu, ehe sie das Zimmer wieder verließ.

Als Frau Rennert und Schwester Gretli die Kinder auszogen, sagte Frau Rennert verblüfft: »Puck ist ja ein Mädchen! Ich habe beide Kinder für Jungen gehalten.«

»Ja, ich bin ein Mädchen«, bestätigte Puck eifrig.

»Ist Flo auch ein Mädchen?«, fragte die Heimleiterin die Kinderschwester.

»Nein, Flo ist ein Junge«, lachte Schwester Gretli.

»Also ein Pärchen! Jetzt wird es leichter für uns sein, euch auseinanderzuhalten«, meinte Frau Rennert zufrieden.

Schwester Gretli holte zwei Schlafanzüge und zwei weiße Bademäntel für die Kinder. »Bevor ihr ins Bett geht, müsst ihr euch noch waschen«, verlangte sie, »denn eure Füße sind so schwarz, als ob ihr sie schon seit Wochen nicht mehr gewaschen hättet.«

»Dabei haben wir sie erst heute früh gewaschen«, seufzte Flo und musterte seine Füße nachdenklich.

»Aber wir sind ja auch viele Stunden gelaufen«, erinnerte Puck ihr Brüderchen an den abenteuerlichen Tag, der hinter ihnen lag.

Frau Rennert horchte jetzt etwas auf. »Dann seid ihr also den ganzen Tag unterwegs gewesen?«, wollte sie wissen und hoffte, endlich mehr zu erfahren.

Sofort verschlossen sich die Gesichter der Kinder.

»Das sagen wir nicht«, entgegnete Flo.

»Nein, das sagen wir nicht«, wiederholte Puck.

»Dann eben nicht! Morgen ist auch noch ein Tag«, antwortete Frau Rennert.

Nach der Prozedur des Waschens schlüpften Puck und Flo in die Schlafanzüge und krochen dann zufrieden unter die Bettdecken.

Carola hatte warme Milch und belegte Brote auf den Tisch gestellt. Als die Kinder im Bett lagen, reichte Frau Rennert ihnen die Teller. Sie waren schnell geleert. Dann verschwand die Milch ebenso rasch wie vorher die Brote.

»Das war aber fein!« Flo leckte sich wie eine Katze die Milchspuren von den Lippen fort. »Ich könnte noch mehr essen.«

»Heute nicht, mein Junge!«, erwiderte Frau Rennert. »Sonst schläfst du schlecht.«

»Ja, Flo, die Dame hat recht«, meinte Puck.

»Meinetwegen!« Flo streckte sich aus, und auch Puck rollte sich zusammen.

»Also, dann schlaft gut!« Frau Rennert nickte den Kindern zu und schaltete dann das Licht aus.

»Seltsame Kinder sind das«, meinte sie draußen auf dem Korridor zu Schwester Gretli und Carola. »Warum verschweigen sie uns nur ihre Namen? Sonderbar!«

»Sie werden schon ihre Gründe haben, Mama«, meinte Carola. »Vielleicht fürchten sie sich vor etwas.«

»Du kannst recht haben. Aber nun schnell in die Betten. Es ist schon spät. Der Tag beginnt für uns früh!«, ermahnte Frau Rennert.

Puck und Flo aber lagen noch ein Weilchen wach.

»Du, Puck«, flüsterte Flo in die Dunkelheit. »Meinst du, dass sie herausbekommen, wer wir sind?«

»Das glaube ich nicht, Flo. Wir dürfen uns nur nicht verplappern. Vergiß nicht, was wir uns versprochen haben.«

»Das werde ich bestimmt nicht vergessen, Puck! Ich werde immer daran denken. Ein bisschen Angst habe ich schon gehabt, als es plötzlich dunkel wurde.«

»Ich auch, Flo. Aber wir haben großes Glück gehabt, dass uns die nette Dame mitgenommen hat. Ich glaube, das Kinderheim ist sehr schön.«

»Das finde ich auch.« Flo gähnte herzhaft. »Vielleicht finden wir hier eine liebe Mutti.«

»Ja, Flo, das wäre wunderschön. Ich möchte auch einmal so richtig geliebt werden wie die anderen Kinder, die eine liebe Mutti haben. Magst du die Dame mit dem Auto leiden?«

»Ja, die ist sehr lieb, Puck! Viel lieber als …« Flos Gedanken verwirrten sich, und dann war er eingeschlafen.

»Ja, sie ist viel lieber«, flüsterte das kleine Mädchen und schlief dann ebenfalls ein.

*

Martina fuhr den Wagen in die Garage. Als sie den Gartenweg entlangging, sah sie, dass zwischen den Ritzen der Fensterläden des Wohnzimmers Licht schimmerte. Also war die Baronin noch wach.

Kurz darauf schloss Martina die Haustür auf. Gedämpfte Musik drang aus dem Wohnzimmer in die Diele, außerdem waren Stimmen zu hören. Allem Anschein nach lief der Fernsehapparat.

Martina zog sich leise in die Küche zurück. An dem gebrauchten Geschirr bemerkte sie, dass die Baronin sich selbst einen Imbiss zubereitet und eine Flasche Wein aus dem Eisschrank genommen hatte. Rasch ließ Martina Wasser in das Spülbecken ein und wusch das Geschirr ab. Danach räumte sie noch die Küche auf und ging ins Wohnzimmer.

Der Film lief noch immer. Die Baronin nickte Martina nur kurz zu, legte dann den Zeigefinger an die Lippen und deutete auf den zweiten Sessel.

Martina setzte sich und versuchte, sich auf die Handlung des Filmes zu konzentrieren. Doch nach den Aufregungen des Tages wollte ihr das nicht recht gelingen. Zuerst dachte sie an ihren Exverlobten Horst Reuter, dann beschäftigten sich ihre Gedanken mit den beiden Kindern, die sie von der Straße aufgelesen hatte. Was für reizende Kinder, dachte sie, wobei ihr ganz warm ums Herz wurde. Was für Rabeneltern mussten die armen Kleinen nur haben? Liebevolle und besorgte Eltern würden auf ihre Kinder so gut aufpassen, dass sie nicht ausreißen konnten. dass die beiden ihre Namen und ihre Adressen so standhaft verschwiegen, fand sie mehr als merkwürdig. Die Kinder schienen irgendein Erlebnis hinter sich zu haben, das sie vergessen wollten.

Wenn die beiden Kleinen mir gehörten, dann …

»Martina, wo waren Sie denn nur so lange?«, unterbrach die etwas heisere Stimme der Baronin ihre Gedanken.

Martina fuhr zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass der Film bereits zu Ende war und die Tagesschau begann.

»Bitte, schalten Sie doch den Apparat ab!«, bat die alte Dame. »Die Tagesschau habe ich schon zweimal gesehen. Wo haben Sie sich denn so lange aufgehalten? Ich hatte Sie um acht Uhr erwartet.«

»Ich weiß, Frau Baronin. Bitte entschuldigen Sie mein längeres Ausbleiben, aber es hat sich eine Menge ereignet, und ich …«

»Haben Sie sich mit Ihrem Verlobten gezankt?«, unterbrach sie die alte Dame mitfühlend, denn ihr war bekannt, dass Martina und ihr Verlobter sich häufig stritten.

»Nein! Doch es ist aus zwischen uns. Für immer!«

»Ein Glück! Ich habe Herrn Reuter nie besonders leiden mögen. Aber das hat ja nichts zu sagen. Die jungen Leute von heute stellen ganz andere, viel geringere Ansprüce an einen Lebenspartner. Zu meiner Zeit war das noch ganz anders.«

»Ich weiß, Frau Baronin«, erwiderte Martina. »Aber wegen der Auflösung meiner Verlobung habe ich mich nicht verspätet.« Dann schilderte sie in wenigen Worten ihr Erlebnis mit den beiden Kindern.

»Nach Sophienlust haben Sie die beiden Rangen gebracht? Das war absolut richtig. Trotzdem ist es ein Jammer, dass ein so schönes Gutshaus wie Sophienlust zum Kinderheim umgebaut worden ist.«

»Ach, dann kennen Sie doch bestimmt Sophienlust?«, fragte Martina interessiert.

»Ja! Erzählte ich Ihnen das nicht schon? Ich kannte noch die alte Sophie von Wellentin. Zuletzt sah ich sie an ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag. Irene von Wellentin, das ist jetzt ihre Schwiegertochter, und deren Mann Hubert, also der Sohn der alten Dame, lernte ich vor vielen Jahren auf einem Sommernachtsball kennen. Wir verstanden uns anfänglich recht gut. Aber später habe ich mich von ihnen zurückgezogen, weil die beiden sich sehr schlecht vertrugen. Ich kannte auch flüchtig ihren Sohn Dietmar von Wellentin. Er hatte sich mit seinen Eltern und auch mit seiner Großmutter überworfen, weil er eine Tänzerin geheiratet hatte. Stellen Sie sich vor, ein so leichtfertiges Frauenzimmer! Jedenfalls glaubten wir das damals alle. Und dann …« Die Baronin schwieg gedanken voll, ehe sie fortfuhr: »Die alte Sophie von Wellentin hat ihren Urenkel zum Haupterben eingesetzt. Sagte ich schon, dass die Tänzerin von Dietmar von Wellentin, der sie ohne Wissen seiner Eltern und seiner Großmutter geheiratet hatte, ein Kind bekam? Die Urgroßmutter des Kindes erfuhr davon und setzte es zu ihrem Haupterben ein. Was für ein Segen muss das für die Tänzerin gewesen sein, denn sie hatte sich durch einen Sturz auf der Bühne so verletzt, dass sie das Tanzen aufgeben musste. Dadurch gehört sie jetzt zu den reichsten Frauen dieser Gegend.«

»Sagten Sie nicht, das Kind der Tänzerin hätte Sophienlust geerbt?«

»Das schon. Aber sie verwaltet es. Ach ja, da muss ich noch hinzufügen, dass Dietmar sehr früh durch einen Autounfall starb. Noch vor der Geburt seines Sohnes, der übrigens Dominik heißt. Das ist für Sie vielleicht etwas verwirrend.«

»Ich habe alle Zusammenhänge erfasst, Frau Baronin«, versicherte Martina, deren Interesse für die Verhältnisse in Sophienlust echt war. Obwohl sie das Haus nur im Dunkeln gesehen hatte und nur einige Minuten in der Halle gewesen war, beeindruckte das Herrenhaus sie noch jetzt.

»Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr Hubert und Irene von Wellentin gegen das Testament protestiert haben. Sie wollten es anfechten. Aber Dr. Brachmann, der Anwalt der alten Dame, scheint ein schlauer Fuchs zu sein. Dabei hatte Sophie von Wellentin das Testament erst kurz vor ihrem Tod geändert. Ja, und Alexander von Schoenecker, der jetzige Mann der Tänzerin, hatte als Zeuge unterschrieben. Der zweite Zeuge war Dr. Lutz Brachmann, der Sohn des Notars. Es gab einen fürchterlichen Skandal, aber das Testament behielt seine Gültigkeit. Die ehemalige Tänzerin Denise Montand hat viel Glück gehabt. Denn auch Alexander von Schoenecker scheint recht wohlhabend zu sein. Ach, ich könnte Ihnen da noch Geschichten erzählen …

Die erste Frau von Alexander von Schoenecker, die es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm, ist sehr jung gestorben. Vielleicht war das die beste Lösung für alle, obwohl es hässlich ist, so etwas zu sagen«, schränkte die Baronin schnell ein. »Denise Montand, spätere von Wellentin und jetzige von Schoenecker scheint eine wunderbare Frau zu sein. Man hört nur Gutes über sie. Ich kann mich noch entsinnen, als ich vor … ja, ungefähr sechs Jahren mit meinen Freundinnen Bridge spielte. Mein Gott, was hat man sich da alles für Schauergeschichten über die Tänzerin und ihren Sohn erzählt. Und heute! Ja, ja, die Welt ist bestechlich. Nach wie vor regiert Geld die Welt«, brachte die alte Dame einen ihrer Lieblingssprüche an. »Martina, Sie sehen wirklich sehr blass aus. Haben Sie überhaupt etwas zu Abend gegessen?«

»Nein, Frau Baronin, aber ich habe keinen Hunger.«

»Dann holen Sie doch bitte die Flasche Kognak. Ich weiß, ich weiß«, lachte sie. »Der liebe Onkel Doktor hat mir Alkohol verboten. Und ich habe bereits Wein getrunken. Trotzdem fühle ich mich wohler als sonst. Was die Ärzte verordnen, kann auch nicht immer gesund sein. Außerdem möchte ich nicht hundert Jahre alt werden. Mir reichen achtzig Lenze.«

Martina lächelte. Sie war nun bereits über zwei Jahre bei der Baronin und kannte sie gut. Ihre Launen waren zwar manchmal recht anstrengend für sie. Aber alles in allem durfte sie sich nicht über die alte Dame beklagen, die trotz iher schwankenden Stimmungen stets das Herz auf dem rechten Fleck hatte.

Das Mädchen holte Gläser und die Flasche, dann schenkte sie ein.

»Auf Ihr Wohl, Martina«, sagte die Baronin lächelnd. »Und machen Sie sich wegen Herrn Reuter das Herz nicht unnötig schwer! Sie haben an ihm nichts verloren. Eines Tages werden Sie bestimmt dem Mann begegnen, den das Schicksal für Sie bestimmt hat.«

»Das glaube ich nicht, Frau Baronin«, entgegnete Martina mit einem traurigen Lächeln. »Ich bin dreißig, also auf dem besten Weg, eine alte Jungfer zu werden«, fügte sie voller Galgenhumor hinzu.

»Unsinn, Martina! Auch ich war als sehr junges Mädchen mit einem Schwerenöter verlobt. Sieben Jahre lang. Eine ewige Zeit. Dann ging die Verlobung auseinander. Und was glauben Sie, was geschah? Ich war neunundzwanzig, als ich dem Baron Buchwitz begegnete. Damals bedeuteten neunundzwanzig Jahre noch etwas ganz anderes als heute. Da war eine Frau bereits wirklich eine alte Jungfer! Doch als ich den Baron heiratete, fing das Leben erst für mich an. Ich glaube, es gibt wenige Frauen, die eine so glückliche Ehe geführt haben wie ich. Seit dem Tod meines Mannes, vor acht Jahren, lebe ich nur noch halb.« Plötzlich brach die alte Dame in Tränen aus.

Martina hatte sie noch nie in einer derartigen Stimmung erlebt und machte sich Sorgen um sie. Unwillkürlich merkte sie, wie sehr sie an der Baronin hing. Denn als Martina mit zweiundzwanzig Jahren Vollwaise geworden war, hatte sie sich nur schwer mit ihrem Alleinsein abfinden können. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, weshalb sie sich Hals über Kopf mit dem jungen Rechtsanwalt Horst Reuter verlobt hatte. Dann hatte sie die Baronin kennengelernt, die Stellung bei ihr aber nur widerstrebend angenommen, weil sie befürchtet hatte, es mit einer ziemlich schwierigen alten Damen zu tun zu haben. Manchmal war es auch so. Trotzdem fühlte Martina sich bei der Baronin zu Hause.

»So, aber nun ins Bett, Martina. Schade, dass Sie nicht den Film gesehen haben. Es war eine reizende Liebesgeschichte mit viel Tränen. Ich mag so etwas.« Die Baronin erhob sich. »Würden Sie mir bitte noch eine Flasche Mineralwasser ins Schlafzimmer bringen.«

Martina nickte. Am liebsten hätte sie die alte Dame umarmt und geküsst. Sie sehnte sich nach einem Menschen, dem sie einmal ihr Herz ausschütten konnte. Dabei sollte sie in ihrem Alter doch schon vernünftiger sein. Aber wurde man überhaupt jemals so vernünftig, dass man ohne viel Herzeleid mit allen Schwierigkeiten des Lebens fertig werden konnte? Vermutlich nicht, ging es Martina durch den Sinn, als sie die Flasche aus dem Eisschrank nahm und in das Schlafzimmer der Baronin brachte.

Später, als Martina in ihrem Zimmer allein war, stand sie noch ein Weilchen nachdenklich am offenen Fenster und lauschte in die stille Nacht hinaus. Der Mond stand groß und hell am Himmel.

»Wo viel Licht ist, ist viel Schatten«, sagte sie leise, während Tränen über ihre Wangen liefen.

*

Fast zur gleichen Zeit öffnete Isolde Pongart die Fenster des Schlafzimmers in dem Bungalow, der viele hundert Kilometer entfernt am Mittelmeer stand, um die kühle Abendluft hereinzulassen. Trotzdem lag noch eine drückende Schwüle in dem Raum.

Isolde kleidete sich aus und duschte sich. Während sie sich abfrottierte, dachte sie an ihren Geliebten Pietro Romani, der fünf Jahre jünger war als sie. Nicht zum erstenmal kamen ihr Zweifel, ob sie richtig gehandelt hatte, als sie Hals über Kopf ihre gesicherte Existenz aufgegeben hatte.

Isolde atmete schneller. Weshalb sollte sie sich noch darüber den Kopf zerbrechen? Es gab sowieso kein Zurück mehr für sie. Und Pietro hatte ihr immer wieder versichert, dass er sie so sehr liebe, dass ein Leben ohne sie für ihn sinnlos sei.

Aber ich bin fünfunddreißig Jahre alt, also kein junges Mädchen mehr, überlegte Isolde. Pietro dagegen ist mit seinen dreißig Jahren noch ein junger Mann, außerdem gehört er zu den bekanntesten Chansonsängern. Er ist Künstler mit Leib und Seele, deshalb erwartet er auch von seiner Lebenspartnerin Großzügigkeit und Verständnis für seine unzähligen menschlichen Schwächen, die ihn in den Augen seiner Umwelt so liebenswert machen.

Isolde ging zum Spiegel und knipste das Licht darüber an. Kritisch betrachtete sie dann ihr Spiegelbild. Ich bin noch schön, dachte sie. Schöner vielleicht als die meisten jungen Mädchen. Und was für herrliches blauschwarzes Haar ich habe! Dazu kontrastieren die großen mandelförmigen Augen wundervoll. Die Konturen meines ovalen Gesichtes sind noch so fest wie bei einer Achtzehnjährigen. Ja, ich bin schön, dachte sie wieder, und Pietro weiß meine Schönheit zu würdigen. Ich liebe ihn so sehr, wie ich noch keinen Mann geliebt habe. An seiner Seite werde ich das Glück finden, von dem ich mein ganzes Leben lang geträumt habe.

Isolde wählte für diesen Abend ein mattgoldenes Abendkleid, das ihren formvollendeten Körper deutlich hervorhob. Nach einem letzten Blick in den Spiegel ging sie ins Wohnzimmer. Auf dem festlich gedeckten Tisch sah sie den blitzenden Eiskübel, aus dem zwei goldene Flaschenhälse herausragten. Es war alles für ihr Tête-à-tête mit Pietro vorbereitet. Wo er nur so lange blieb? Er hätte schon längst da sein müssen.

Beunruhigt blickte Isolde zum Fenster hinaus. Der nachtdunkle Himmel war mit Sternen übersät, silbernes Mondlicht übergoß das Meer. Die Palmen und Magnolien im Garten gaben einen sanften Widerschein, die Blüten der Camelien waren in Silber getaucht und die weißen Rosen leuchteten wie riesige Edelsteine.

Was für eine zauberhafte Nacht, ging es Isolde durch den Sinn.

»Nicht wahr, der Bungalow ist herrlich gelegen«, hörte sie da die klangvolle Stimme ihres Geliebten hinter sich und drehte sich mit einem strahlenden Lächeln um.

»Ja, Pietro, es ist ein kleines Paradies.«

»Es hat mich auch eine Stange Geld gekostet, unser Liebesnest«, fügte er leiser hinzu und zog sie in seine Arme. »Wie schön du bist, Isolde«, flüsterte er leidenschaftlich, und in seinen schwarzen Augen glomm das Feuer auf, das sie nur zu gut kannte. »Ich liebe dich, und ich danke dir, dass du mit mir gekommen bist. Ich habe den Bungalow für dich gekauft. Hierher werden wir uns zurückziehen, wenn wir vom Trubel der Welt genug haben, wenn wir uns danach sehnen, allein für uns zu sein.«

»Pietro, du tust mir ja weh!«

»Verzeih, Liebste!« Er ließ sie so plötzlich los, dass sie leicht taumelte. »Vielleicht bereust du, dass du alle Brücken hinter dir abgebrochen hast?«

»Nein, Pietro, nein!«

»Und die Kinder?«

»Bitte, sprich nicht von der Vergangenheit. Lass uns glücklich sein und nur an die Zukunft denken!«

»Es gibt keine Zukunft für uns, ohne an der Vergangenheit zu rühren. Ich will dich heiraten, Isolde. Aber du bist noch verheiratet.«

»Ich weiß, Pietro«. Die junge Frau lächelte. Seine Worte stimmten sie sehr froh. Noch nie hatte Pietro ihr so klar und deutlich wie soeben gesagt, dass er sie heiraten wollte. »Aber verschieben wir alle diese Probleme auf morgen. Heute will ich an nichts anderes denken als an dich.«

»Isolde …!«

*

Dominik schlug die Augen auf und brauchte ein Weilchen, bis ihm wieder einfiel, dass er nicht in Schoeneich, sondern in Sophienlust war. Seitdem seine Mutti mit Alexander von Schoenecker verheiratet und nach Gut Schoeneich übersiedelt war, hatte auch er Sophienlust, sein Erbe, verlassen müssen, um mit seinen Eltern, seinen Stiefgeschwistern Sascha und Andrea und seinem Halbbruder Henrik zusammenzuleben.

Freilich hatte er nichts dagegen einzuwenden, in einer so lieben Familie zu sein, aber sein Zimmer in Sophienlust hatte er trotzdem behalten. Wenn er Lust hatte, dort zu übernachten, wurde ihm das ohne weiteres erlaubt. Besonders in den Schulferien blieb er gern über Nacht in Sophienlust.

Nick sprang aus dem Bett und zog die Vorhänge zurück, so dass das Sonnenlicht golden in das Zimmer flutete. Tiefblau wolbte sich der wolkenlose Himmel über dem Land. Es war ein Wetter, wie man es sich nicht schöner wünschen konnte.

Nick lachte mit dem Sonnenschein um die Wette, als er an den Ausflug dachte, den die Kinder von Sophienlust heute machen wollten. Außerdem hatten sie vor, Pilze zu sammeln. Und zu Mittag würden sie picknicken. Herrliche Aussichten!

Nick schlüpfte in seine Hausschuhe und öffnete die Tür zum Korridor. Als er jemanden flüstern hörte, steckte er seinen Kopf neugierig zur Tür hinaus. Er erblickte Malu und Pünktchen in ihren Bademänteln. Sie unterhielten sich aufgeregt. Das war für Nicks Neugier zuviel.

»Was ist denn passiert?«, erkundigte er sich.

»Guten Morgen, Nick«, begrüßte ihn Malu freundlich.

»Guten Morgen«, sagte auch Pünktchen und lächelte ihn schelmisch an.

»Guten Morgen«, brummte Nick, der es kaum erwarte konnte, zu erfahren, was geschehen war. Denn dass etwas geschehen war, stand für ihn fest.

»Stell dir vor, Nick, wir haben heute Nacht Zuwachs bekommen«, berichtete ihm Malu aufgeregt.

»Ja, zuerst hat Tante Ma geglaubt, es seien zwei Jungen, weil sie beide kurzes Haar haben und ganz gleich gekleidet sind. Aber es ist ein Mädchen und ein Junge. Ja, und sie heißen Puck und Flo. Sie haben keine anderen Namen«, sprudelte Pünktchen hervor.

»Das gibt es doch nicht«, meinte Nick kopfschüttelnd.

»Doch, das gibt es, Nick«, behauptete Pünktchen. »Als du mich gefunden hast, hieß ich nur Ferkel. Und dann hast du mich Pünktchen genannt. Es hat auch sehr lange gedauert, bis man meinen richtigen Namen erfahren hat.«

»Das ist wahr«, gab Dominik zu. »Aber die beiden Kinder müssen Namen haben.«

»Das bestimmt«, nickte Malu. »Aber keiner kennt sie.«

»Von wem wisst ihr denn das alles?«, wollte Nick wissen.

»Schwester Gretli hat es uns erzählt.« Pünktchens blaue Augen strahlten vor Begeisterung. »Ich bin wahnsinnig neugierig, die beiden kennenzulernen. Es sind Zwillinge.«

»Was macht ihr denn auf dem Korridor! Ihr seid ja noch nicht mal angezogen!«, rief Frau Rennert.

»Guten Morgen, Tante Ma.« Nick ließ sich von der mahnenden Stimme der Heimleiterin nicht aus der Fassung bringen. »Du, ist es wahr, dass wir zwei neue Kinder haben? Zwillinge?«

»Ja, Nick. Ich muss nachher gleich deine Mutti anrufen, weil es da allerlei zu besprechen gibt. Vielleicht bleiben die beiden nicht bei uns. Ich nehme an, dass ihre Eltern schon voller Sorge sind.«

»Dann sind sie also durchgebrannt?«

»Das kann sein. Ich weiß auch nichts Genaues.«

»Ich kann doch Mutti anrufen«, schlug Dominik vor.

»Zieh dich erst mal an, Nick. Außerdem muss ich auf alle Fälle mit deiner Mutter sprechen. Meinst du, dass deine Eltern schon aufgestanden sind?«

»Ich glaube schon, Tante Ma. Außerdem haben sie auch ein Telefon im Schlafzimmer.«

»Gut, dann rufe ich sofort an.«

»Und ich werde mich rasch anziehen. Wo schlafen denn die neuen Kinder?«

»Im Eckzimmer.« Frau Rennert ging davon, und Nick stürmte in den Waschraum. Da außer ihm noch niemand dort war, nahm er es mit der Morgenwäsche nicht so genau. Bald rannte er in sein Zimmer zurück, um sich in aller Eile anzukleiden, denn er konnte es kaum noch erwarten, die Zwillinge kennenzulernen. Mit dem Kamm fuhr er sich nur oberflächlich durch sein widerborstiges Haar, dann verließ er das Zimmer.

Als er das Eckzimmer betrat, bot sich ihm ein reizendes Bild. Zwei kleine hellblonde Kinder saßen nebeneinander in dem einen Bett und tuschelten miteinander. Als sie Nick erblickten, verstummten sie mit einem Schlag und sahen ihn misstrauisch an.

»Ich bin Dominik von Wellentin-Schoenecker und mir gehört …« Er stockte plötzlich, weil er sich an seinen hässlichen Traum erinnerte, den er nicht vergessen konnte. »Ja, ich bin Dominik, aber alle nennen mich Nick«, beendete er schnell seine Vorstellung. »Und wer seid ihr?«

»Ich bin Puck«, antwortete das eine Kind. »Und ich Flo«, das andere.

»Und wie heißt ihr noch?«

»Das wissen wir nicht«, bekam auch Nick zur Antwort.

»Aber wieso wisst ihr das nicht? Wir hatten einmal ein kleines Mädchen in Sophienlust, das sein Gedächtnis durch die Bruchlandung eines Flugzeuges verloren hatte. Aber da haben wir natürlich gewusst, wer sie war. Habt ihr auch euer Gedächtnis verloren?«, fragte er gespannt und musterte die beiden nachdenklich.

»Unsinn! Dann wären wir doch dumm«, antwortete Puck.

»Das ist nicht wahr! Man kann sogar sehr klug sein und trotzdem die Erinnerung an die Vergangenheit verloren haben. Wie das geht, weiß ich natürlich nicht. Aber die Ärzte können euch mehr darüber sagen. Also, wollt ihr nicht sagen, wer ihr seid?«

»Vielleicht wollen wir es nicht.« Puck erwiderte den Blick des schwarzhaarigen älteren Jungen mit den dunklen Augen trotzig. »Wir können dir nur erzählen, dass wir auf der Suche nach einer neuen lieben Mutti sind.«

»Ja, wir haben eine Stiefmutter«, beteiligte sich auch Flo an der Debatte. »Und wenn unser Papi auf einer großen Reise ist, dann mag sie uns nicht leiden. Außerdem ist sie auch fortgefahren. Mehr sagen wir aber nicht.«

»So ist das also. Und jetzt habt ihr Angst, dass ihr zu eurer Stiefmutter zurück müsst.«

»Ja, wir haben Angst. Stiefmütter sind böse Frauen.« In Pucks Augen schimmerten plötzlich Tränen.

»Das stimmt nicht immer«, erklärte Nick den Kindern. »Meine Mutti ist auch eine Stiefmutter von Sascha und Andrea. Aber sie ist sehr lieb zu ihnen. Und ich kenne noch andere Stiefmütter, die ihre Kinder sehr lieben. Ja, ich könnte euch viele Geschichten über Stiefmütter erzählen. Aber ihr könnt mir doch sagen, wer ihr seid«, bohrte Nick weiter.

»Nein, das sagen wir nicht, weil wir es nicht wissen.« Flo blickte Nick aus blitzenden Augen an.

»Meine Mutti wird schon herausbekommen, was mit euch los ist. Denn meine Mutti ist eine sehr kluge Frau. Vielleicht die klügste Frau auf der Welt.«

»Wirklich?«, staunte Flo tief beeindruckt von Nicks Worten. Er bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Wenn die Mutti von Dominik wirklich so klug war, würde sie vielleicht wirklich herausbekommen, wie Puck und er heißen. Dann müssten sie wieder zurück und würden niemals eine liebe Mutti finden.

Flo warf Puck einen ängstlichen Blick zu und stieß seine Schwester dann an. »Du«, flüsterte er, »wenn die Mutti von Nick alles von uns herausbekommt, dann waren alle Anstrengungen umsonst!«

»Ach wo, Flo«, beruhigte Puck ihn leise und sah Nick an. »Wir müssen nur weiterhin schweigen!«

Schwester Gretli erschien mit einem Packen Kleider auf dem Arm. Sie wünschte den drei Kindern einen guten Morgen und rief dann: »Aufstehen, ihr beiden! Ich habe saubere Kleider für euch geholt, denn eure Sachen müssen erst einmal gewaschen werden.«

»Aber ich will kein Kleid anziehen«, erklärte Puck. »Daheim laufe ich auch immer in Hosen herum.«

»Gut, dann hole ich für dich auch Blue Jeans. Davon haben wir genug da. Nick, du kannst inzwischen in den Wintergarten zu Malu und Pünktchen gehen. Sie helfen Carola beim Saubermachen der Käfige.«

»Gut.« Nick wäre zwar viel lieber bei den Zwillingen geblieben, aber trotzdem gehorchte er der Schwester.

Im Wintergarten befanden sich nicht nur Carola, Malu und Pünktchen, sondern auch Angelika, Vicky und noch zwei Kinder, die sich alle lebhaft unterhielten. Nick wurde mit einem lauten Hallo begrüßt. Habakuk übertönte die Kinderstimmen mit lautem Gekreisch, und als Nick noch immer keine Notiz von ihm nahm, ließ er seinen ganzen Wortschatz vom Stapel.

»Ruhig, Habakuk!«, rief Nick und beteiligte sich dann wieder an dem Gespräch über Puck und Flo, deren Namen so häufig fielen, dass der gelehrige Papagei sie bald aufschnappte und wiederholte. »Puck!«, schnarrte er begeistert. »Puck? Flo! Flo!« Worauf alle in fröhliches Lachen ausbrachen.

»Habakuk ist schon sein Geld wert«, lachte Nick.

»Geld wert!«, echote Habakuk. »Böserrr Nick!«, schrie er dann. »Nick! Böserrr Schlingel!«

»Halt den Mund!« Nick drohte ihm mit dem Finger. »Wir müssen jetzt über Puck und Flo reden.«

»Puck! Puck! Flo! Flo!« Vergnügt turnte der Papagei auf der Stange umher und machte dann einen kunstvollen Salto.

*

»Ach herrjemine!«, seufzte Denise von Schoenecker auf, als sie den Telefonhörer auflegte.

»Was ist denn schon wieder in Sophienlust los?«, fragte Alexander von Schoenecker, der gerade aus dem Badezimmer kam.

»Eine Menge, mein Lieber. Ein neues Problem harrt meiner«, scherzte sie. »Stell dir vor, heute nacht, das heißt, gestern abend so gegen halb zehn, sind zwei Kinder nach Sophienlust gebracht worden, die ihre Namen verschweigen. Ich muss gleich nach dem Frühstück nach Sophienlust fahren. Leider. Dabei habe ich mich so sehr auf den Ausritt mit dir gefreut, Alexander.« Wieder stieß sie einen tiefen Seufzer aus.

»Denise, wozu hast du denn Frau Rennert?«

Denise lachte. »Sie ist eine gute Seele. Ja, sie ist tüchtig und zuverlässig, aber sie verliert leicht den Kopf, wenn unvorhergesehene Dinge geschehen. Sie habe die halbe Nacht wach gelegen, sagte sie, und sie sei ganz durcheinander, weil sie Gewissensbisse habe.«

»Warum denn?«

»Sie meinte, vielleicht hätte sie mich doch noch gestern abend anrufen müssen. Aber sei es, wie es sei, ich muss nach Sophienlust.«

»Dann werde ich auch auf den Ausritt verzichten und dich begleiten, Liebes. Vermutlich wird es Scherereien geben, und da kann ich besonnener Mann nur von Vorteil sein«, fügte er launig hinzu.

»Du bist lieb, Alexander«, atmete Denise auf. »Ich bin sogar sehr froh über deine Begleitung. Früher, bevor ich mit dir verheiratet war, war ich viel selbständiger. Aber seitdem ich deine Frau bin, habe ich mir angewöhnt, mich in vielen Dingen auf dich zu verlassen.«

»Darüber bin ich sehr glücklich, Denise. Am Anfang unserer Ehe kam ich mir in deinem Leben oft recht überflüssig vor.«

»Du? Aber Alexander, ich habe dich doch immer gebraucht! Selbst dann schon, als ich dich noch nicht kannte.«

»Denise, das war die schönste Liebeserklärung, die du mir jemals gemacht hast.« Alexander ging zu seiner Frau, um sie in seine Arme zu schließen. Sanft küsste er sie auf die Lippen. »Ich liebe dich, Denise. Ich liebe dich unendlich.«

Errötend wie ein ganz junges Mädchen lächelte sie ihn an, dann sagte sie fröhlich: »Nun muss ich aber ganz schnell ins Bad. Danach frühstücken wir und fahren schon los. Wie gut, dass ich die zuverlässige Marie für unseren kleinen Henrik habe. Oft mache ich mir wegen unserem jüngsten Vorwürfe, weil ich viel zu wenig Zeit für den kleinen Racker habe.«

»Das brauchst du doch nicht, Denise. Henrik wird von allen Seiten verhätschelt. Am meisten von dir, mein Liebes.«

»Das ist es ja, Alexander. Weil ich so wenig Zeit für das Kind habe, verwöhne ich es derart, dass ich befürchte, es wird recht verzogen werden«, lachte sie und verschwand im Badezimmer.

Als Denise und Alexander Schoeneich verließen, stand der kleine Henrik auf seinen strammen Beinchen neben der rundlichen Marie auf der Terrasse und winkte dem davonfahrenden Wagen mit lachenden Augen nach. Seine Halbschwester Andrea, die erst vor wenigen Minuten aufgestanden war, lehnte aus dem Fenster ihres Schlafzimmers und blickte ihren Eltern ebenfalls hinterher.

*

Als Puck und Flo den Speisesaal betraten, machten sie wirklich keinen schüchternen Eindruck. Ganz neugierig blickten sie sich um und folgten dann vergnügt Schwester Gretli, die sie zu zwei nebeneinanderstehenden Stühlen führte.

Dominik beobachtete von seinem Platz aus die Geschwister und fand sie sehr interessant. Seiner Ansicht nach verbargen sie irgendein Geheimnis, das er ergründen wollte. Er hatte schon eine Reihe von schwierigen Problemen gelöst. Warum sollte er es diesmal nicht auch schaffen?

Malu, die neben den Neuankömmlingen saß, achtete darauf, dass sie mit allem versorgt waren, und freute sich ebenso wie Frau Rennert über den guten Appetit der beiden. Allem Anschein nach machten sie sich keine allzu großen Gedanken über ihre etwas ungewöhnliche Lage. Für sie schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, in Sophienlust zu bleiben.

Pünktchen saß, wie stets, neben Dominik.

»Du?«, fragte sie leise. »Machen wir heute den Ausflug? Ich habe mich schon so darauf gefreut.«

»Aber ja, Pünktchen. Wir werden auch Pilze sammeln. Magda hat doch schon alles für das Picknick vorbereitet!«

»Ich dachte nur, weil die Zwillinge da sind, müssen wir hierbleiben und auf Tante Isi warten.«

»Natürlich warten wir noch auf Mutti. Ich muss doch erst wissen, was mit Puck und Flo los ist. Es könnte doch sein, dass Mutti und Vati schon auf der Polizei waren und Näheres über die beiden erfahren haben. Vielleicht liegt bereits eine Vermisstenanzeige vor. Wenn es so ist, werden Puck und Flo nur ein kurzes Gastspiel in Sophienlust geben. Eigentlich schade«, fügte Nick hinzu. »Sie scheinen sehr nett zu sein.«

»Ja, ich finde sie auch nett«, stimmte Pünktchen ihrem großen Freund bei.

»Meinst du, dass sie von daheim fortgelaufen sind?«

»Bestimmt, Pünktchen. Sicherlich haben sie etwas ganz Schlimmes angestellt und fürchten sich vor der Strafe.« In Nicks dunklen Augen leuchtete es sensationslüstern auf.

»Glaubst du das wirklich?« Die blauen Augen des kleinen Mädchens richteten sich mit staunender Bewunderung auf Puck und Flo, die voller Übermut waren und in keiner Weise ein schlechtes Gewissen zu haben schienen. »Sie sehen aber gar nicht so aus, als ob sie etwas ausgefressen hätten«, gab Pünktchen zu bedenken.

Nick blieb ihr darauf eine Antwort schuldig und beobachtete beunruhigt Malu, die jetzt lebhaft auf die Kinder einsprach. Er befürchtete, dass sie vor ihm das Geheimnis lüften könnte. Malu war sehr klug und verstand es, das Vertrauen kleinerer Kinder zu gewinnen. Aber er wollte doch als erster erfahren, was die Zwillinge zu verbergen hatten.

»Wir müssen noch etwas mit dem Ausflug warten!«, rief er deshalb so laut, dass alle Kinder aufmerksam wurden.

»Warum denn?«, fragte ein größeres Mädchen enttäuscht. »Es ist doch schon fast neun.«

»Weil meine Mutti kommt, um mit Puck und Flo zu reden.«

Plötzlich wurden die Geschwister ganz still.

Nick atmete innerlich auf. Mehr hatte er eigentlich nicht gewollt.

»Du, ich glaube, der Wagen deiner Eltern kommt!«, rief Angelika.

»Ja, es ist unser Wagen«, erwiderte Nick und rannte schon davon.

»Mutti!«, rief er, als er auf den Gutshof kam, und lief seinen Eltern entgegen.

»Warum bist du so aufgeregt, mein Junge?«, fragte Alexander lachend.

»Weil wieder etwas irrsinnig Interessantes bei uns passiert ist, Vati. Mutti, weißt du schon, wohin die Zwillinge gehören?«

»Nick, Nick, das weiß ich noch nicht. Woher sollte ich auch?« Herzlich erwiderte Denise seinen Gutenmorgenkuss.

»Und mir wünschst du keinen guten Morgen?«, neckte ihn Alexander.

»Verzeih, Vati, aber ich bin wahnsinnig aufgeregt. Guten Morgen.« Er küsste ihn schnell auf die Wangen und fragte dann: »Dürfen Puck und Flo sich an unseren Ausflug beteiligen, Mutti?«

»Das kann ich dir jetzt noch nicht sagen, Nick.« Denise lächelte ihren ungestümen Sohn an. »Jedenfalls scheinst du wieder mal in Fahrt zu sein.«

»Und wie, Mutti! Du wirst schon sehen, dass ich herausbekommen werde, wie sie wirklich heißen. Puck und Flo sind so komische Namen. Es sind sicherlich Kosenamen, Abkürzungen von ihren richtigen Namen.«

*

Puck und Flo war der Appetit vergangen. dass Nicks Mutti so schnell kommen würde, um mit ihnen zu sprechen, hatten sie nicht erwartet. Ob sie sehr streng war?

»Du darfst dich nicht von ihr einschüchtern lassen und kein Wort sagen«, flüsterte Puck schnell ihrem Bruder zu, als Frau Rennert rief: »Puck! Flo! Kommt mal her!«

»Ich werde wie ein Grab schweigen«, versprach der Junge und rutschte mit gemischten Gefühlen von seinem Stuhl, um Frau Rennert zu folgen. Hilfesuchend umfasste er die Hand seines Schwesterchens. Dann folgten die Geschwister der Heimleiterin in das Biedemeierzimmer, wo Denise auf die Kinder wartete.

Beim Anblick der beiden Kleinen flog ihnen ihr mütterliches Herz zu. Was für reizende Kinder, dachte auch sie und schenkte ihnen ein so liebes Lächeln, dass Puck und Flo erleichtert aufatmeten.

»Guten Morgen, Puck. Guten Morgen, Flo«, begrüßte Denise sie herzlich.

»Guten Morgen«, erwiderten die beiden und lächelten auch. Man konnte aus ihren Gesichtern ablesen, wie überrascht sie waren. Nach Nicks Schilderung hatten sie sich seine Mutti ganz anders vorgestellt. Nicht so

lieb.

»Setzt euch dort auf das Sofa«, bat Denise und nahm in einem Sessel Platz. »Wollt ihr mir nicht sagen, wie ihr noch heißt?«, fragte sie sanft, als die Kleinen sich gesetzt hatten und sie erwartungsvoll anblickten.

»Das wissen wir nicht«, leierte Puck herunter.

»Nein, das wissen wir nicht«, ließ sich auch Flo vernehmen.

»Also gut. Wer ist Flo? Und wer ist Puck?«

»Ich bin Puck.«

»Und ich bin Flo.«

Denise lächelte. »Ihr seht einander wirklich sehr ähnlich, aber ich werde euch wohl bald auseinanderhalten können. Puck, schau mich mal an.«

»Ja?« Das kleine Mädchen lächelte verlegen.

»Du hast etwas dunklere Augen als dein Bruder und ein winziges Muttermal an der rechten Schläfe«, stellte Denise fest.

»Ein Muttermal? Was ist das eigentlich?«

»Das ist eine angeborene kleine Hautveränderung. Meistens erbt ein Kind dieses dunkle Fleckchen von seiner Mutter. Vielleicht hast du so einen dunklen Fleck bei deiner Mutter gesehen?«

»Meine Mutti ist schon lange tot«, antwortete Puck und sah plötzlich ganz traurig aus.

»Dann ist eure Mutti gestorben? Das tut mir leid, Puck.«

»Ja, sie ist tot«, sagte Flo.

»Wollt ihr mir denn nicht mehr über eure Familie erzählen?«, fragte Denise eindringlich.

Flo stieß Puck an. »Wollen wir?«, fragte er so leise, dass Denise nichts verstehen konnte.

Puck schüttelte den Kopf und sagte: »Das können wir nicht, Frau …«

»Nennt mich Tante Isi, wie die anderen Kindern. Und warum könnt ihr mir nichts erzählen?«

»Weil … Ja, weil wir nichts wissen.« Flo lächelte die nette Tante zaghaft an.

Denise drang nicht weiter in die Kinder, weil sie sich den Zugang zu ihren Herzen nicht ganz vermauern wollte. »Gefällt es euch hier?«, fragte sie statt dessen.

»O ja, sehr, Tante Isi!«, rief Flo begeistert. Ihm war es plötzlich ganz leicht ums Herz, weil die neue Tante so lieb zu ihnen war und gar nicht schimpfte wie Papis zweite Frau.

»Das ist fein. Und wenn euch wieder einfällt, wie ihr heißt, und wo ihr wohnt, dann sagt ihr mir Bescheid.«

Dominik hatte seine Neugier nicht mehr zügeln können und klopfte zögernd an die Tür des Biedermeierzimmers.

»Ach, du bist es, Nick!«, rief Denise. »Wann geht’s denn los?«

»Mutti, wir haben mit dem Ausflug noch gewartet, wegen Puck und Flo. Dürfen sie mitkommen?«

»Wenn sie Lust dazu haben?«

»Wozu?«, fragte Puck neugierig.

»Wir machen einen Ausflug und suchen Pilze. Ja, und wir picknicken. Stell dir vor, Mutti«, erzählte Nick Denise voller Freude. »Magda hat zwei Picknickkörbe hergerichtet. Schwester Gretli bringt sie mittags zu der Lichtung. Und Carola wartete schon auf uns. Also, wollt ihr mitkommen?«, wandte er sich an die Geschwister.

»O ja!«, riefen diese voller Begeisterung.

»Also, dann nimm sie mit«, erklärte Denise sich einverstanden. »Sollte sich irgend etwas Unvorhergesehenes ereignen, werde ich euch schon finden.«

»Gut, Mutti. Du?«, fragte er schnell, als er einen Augenblick mit seiner Mutti allein war. »Hast du etwas von ihnen herausbekommen?«

»Leider nicht, Nick.«

»Haben sie dir etwas von der Stiefmutter erzählt?«

»Nein, Nick, sie haben gesagt, dass sie nichts über ihre Familie wissen. Dann bist du schon besser orientiert.«

»Ja, Mutti. Heute früh bin ich gleich zu ihnen ins Zimmer gegangen und habe sie ausgefragt. Da haben sie mir erzählt, dass sie auf der Suche nach einer lieben Mutti seien, weil ihre Stiefmutter immer so böse zu ihnen ist, wenn ihr Papi verreist ist.«

»Nick, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du versuchen würdest, noch mehr von ihnen zu erfahren.«

»Klar Mutti, das mach ich schon«, erwiderte er selbstsicher. »Wirst du dich mit der Polizei in Verbindung setzen?«

»Das werde ich wohl müssen, Nick. So, nun lauf aber, sonst wird es für euren Ausflug tatsächlich zu spät.«

Nick lachte übermütig auf und lief davon, um sich zu den anderen Kindern zu gesellen, die es kaum mehr erwarten konnte, endlich loszuwandern.

*

Vergnügt verließen die Kinder Sophienlust. So ein Ausflug mit einem Picknick im Wald war ganz nach ihrem Sinn. Auch Carola war ebenso ausgelassen wie ihre Schützlinge. Als sie den Vorschlag machte, ein Wanderlied zu singen, wurde er begeistert aufgenommen. Schon kurz darauf wetteiferten die hellen Kinderstimmen mit dem Jubilieren der Vöglein. Carola und Malu – natürlich war Benny auch dabei – führten die Kinderschar an. Ein Duft von Pilzen, modrigem Holz und feuchter Erde lag in der Luft. Hin und wieder fiel ein Sonnenstrahl in die grüne Dämmerung des Waldes und ließ die Mooskissen goldgrün aufleuchten.

»Carola, hier riecht es nach Pilzen!«, rief Nick. »Dürfen wir suchen?«

»Ja, aber bleibt zusammen!«

»Ich pass schon auf die kleineren Kinder auf«, versprach Nick, der schon eine große Hilfe war.

Pünktchen blieb in Nicks Nähe, und Puck und Flo hielten sich bei den Händen fest. Ein Ausflug mit so vielen Kindern war für sie etwas Wunderschönes. Und Pilze hatten sie auch noch nie gesammelt.

»Kommt mit mir«, nahm sich Nick der beiden an. »Ihr dürft nur Steinpilze und Pfifferlinge pflücken.«

»Aber wir wissen doch nicht, wie diese aussehen«, bemerkte Puck unglücklich. »Wir haben noch niemals Pilze gesucht.«

»Noch nie? Dann habt ihr bestimmt in einer großen Stadt gelebt?«, fragte Dominik, hellhörig geworden.

»Ja«, antwortete Flo impulsiv, was ihm einen warnenden Blick seiner Schwester eintrug.

Also kommen sie aus einer Großstadt, überlegte Nick. Ein weiterer Anhaltspunkt für ihn.

Puck stieß einen Freudenruf aus, als sie einen dicken Pilz erblickte. »Du, Nick, schau doch!«, rief sie. »Ist das ein Steinpilz?«

»Nein, das ist ein Birkenpilz. Den lassen wir aber stehen.«

»Weil er giftig ist?«, wollte sie wissen.

»Das nicht. Aber es gibt Pilze, die so ähnlich aussehen und giftig sind. Deshalb dürfen wir sie nicht pflücken.«

»Pilze pflückt man nicht, Nick«, korrigierte Malu, die seine letzten Worte gehört hatte. »Man sammelt Pilze.«

»Ich sage aber pflücken und damit basta!«, ärgerte sich Nick über die Zurechtweisung vor Puck und Flo. Er hatte Malu sehr gern, aber manchmal ging sie ihm auf die Nerven mit ihrer ewigen Schulmeisterei.

Malu lächelte nachsichtig und pfiff nach Benny. Der Wolfsspitz folgte ihr aufs Wort und kam sofort. Vorsichtshalber nahm sie ihn an die Leine. Denn vor einigen Wochen hatte der Förster ganz in der Nähe von Sophienlust einen wildernden Hund erschossen, worüber sich nicht nur die Kinder aufgeregt hatten.

Benny war nicht sehr einverstanden mit der Maßnahme seiner jungen Herrin und zerrte aufgeregt an der Leine. »Sei brav, Benny«, ermahnte ihn Malu. »Du willst doch nicht totgeschossen werden? Ich kenne dich und weiß, dass du die Anlage zum Wildern hast.«

»Du sprichst mit deinem Hund wie mit einem Menschen«, staunte Puck. »Versteht er dich denn?«

»Ja, Puck, er versteht jedes Wort. Habt ihr denn noch nie einen Hund gehabt?«

»Nein, Malu, noch nie. Flo und ich haben uns immer einen gewünscht, aber wir haben keinen bekommen, weil Mama …« Puck unterbrach sich und schlug sich erschrocken auf den Mund. Es war nicht so einfach, über alles zu schweigen.

»Dann lebt eure Mama noch?«, versuchte Malu mehr aus Puck herauszubekommen.

»Nein, unsere richtige Mutti ist schon lange tot«, bekannte Flo spontan. »Aber wir haben eine Stiefmutter, die wir Mama nennen, und Papi hat …«

»Flo, sei doch ruhig«, flehte Puck.

»Ach ja.« Flo schwieg. Auch ihm fiel es sehr schwer, nichts erzählen zu dürfen, besonders, da er so große Sehnsucht nach seinem Papi hatte. Die Sehnsucht war so groß, dass er oft heimlich weinte. Aber das durfte Puck nicht wissen, weil sie sonst auch traurig werden würde. Und Mädchen weinen doch viel schneller als Jungs, dachte er bekümmert. Hoffentlich finden sie bald eine liebe Mutti, um endlich eine glückliche Familie zu werden.

Malu und Nick warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Beide glaubten fest, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie alles über die Zwillinge wussten.

Als der Korb, den Carola für die Pilze mitgenommen hatte, prall gefüllt war, schlugen die Kinder die Richtung zu der Lichtung ein, wo Schwester Gretli bereits mit den Picknickkörben auf sie wartete. Sie breitete das Tischtuch auf der saftig grünen Wiese aus, dann stellte sie die Teller und Schüsseln mit den Esswaren darauf. Mit hungrigen Augen bewunderten die Kinder die Herrlichkeiten. Da gab es kalte Brathähnchen, harte Eier, mehrere Wurstsorten und eine Hasenpastete, Magdas Spezialität, die sie nur bei ganz besonderen Anlässen zubereitete. Heißhungrig setzten sich alle um das Tischtuch herum und ließen es sich schmecken. Dazu tranken sie Zitronenlimonade.

»Puck, hier ist es wunderschön«, flüsterte Flo seiner Schwester selig zu und biss in ein Sandwich, dass Carola für ihn zurechtgemacht hatte.

»Ja, Flo, das finde ich auch«, antwortete Puck ebenso leise. »Hoffentlich können wir länger hierbleiben.«

»Aber nur so lange, bis Papi wiederkommt, nicht wahr?« Ängstlich sah er sie an.

»Aber wir wollten doch erst einmal eine neue liebe Mutti finden. Vielleicht könnte Papi die nette Dame mit dem Auto heiraten.«

»Das geht doch nicht«, erwiderte Flo etwas lauter, so dass Nick seine Ohren spitzte.

»Pst«, machte Puck und legte warnend den Zeigefinger an ihre Lippen.

»Papi ist doch schon verheiratet.«

»Aber Mama ist einfach fortgefahren. Ja, mit einem fremden Mann.« Puck lächelte hintergründig. »Wenn Papi das erfährt, wird er sich scheiden lassen.«

»Scheiden lassen? Glaubst du das wirklich?«, staunte Flo. »Woher weißt du das denn mit dem fremden Mann?«

»Imme hat es Selma erzählt. Beide haben mich nicht bemerkt. Ich war nämlich auch im Wohnzimmer. Da habe ich alles gehört.«

»Ach, was die Imme sagt, stimmt auch nicht immer. Und dann ist Imme doch auch immer mit einem Mann fortgefahren.«

»Schrei doch nicht so, Flo«, flüsterte Puck aufgeregt. »Sonst verrätst du noch alles.«

»Du, Malu, ich habe etwas gehört«, sagte Nick zu seiner Freundin. »Puck und Flo haben den Namen Imme erwähnt. Ich bin wahnsinnig neugierig, was mit den beiden los ist. Sicherlich haben Mutti und Vati bei der Polizei schon mehr über sie erfahren.«

*

Aber Denise und Alexander waren, als sie das Polizeirevier verließen, nicht klüger als zuvor.

»Merkwürdige Sache«, sagte Alexander kopfschüttelnd. »Nach meiner Schätzung müssen die Kinder gestern vormittag von daheim durchgebrannt sein. Es hätte längst eine Vermisstenanzeige oder Suchmeldung vorliegen müssen. Die Kinder müssten doch aus dieser Gegend sein. Verstehst du das?«

»Nein, Alexander, auch ich stehe vor einem Rätsel. Die Polizei hat uns versprochen, alles in die Wege zu leiten, um die Angehörigen der Kinder ausfindig zu machen. Vorläufig sind sie ja in Sophienlust gut aufgehoben.«

»Das sind sie auf alle Fälle. Aber dennoch bin ich beunruhigt.«

»Ich auch, Alexander. Ob die Eltern der Kinder tödlich verunglückt sind?«

»Unwahrscheinlich. Sonst wüsste die Polizei davon. Es ist bald Mittag, Denise. Komm, fahren wir auf dem schnellsten Weg nach Schoeneich zurück. Ob Nick schon etwas über die beiden erfahren hat? Zuzutrauen wäre es ihm ja.«

*

Aber diesmal gelang es selbst Nick nicht, mehr aus den Geschwistern herauszubekommen als die anderen. Auch die Polizei kam nicht weiter. Die Bewohner von Sophienlust und Schoeneich standen vor einem Rätsel, als auch die Suchmeldung nach den Angehörigen der beiden über den Fernsehschirm erfolglos blieb. Denise, die bisher zu jedem Kinderherzen Zugang gefunden hatte, erreichte ebenfalls nichts bei Puck und Flo, die sich sehr wohl in Sophienlust fühlten und sich ganz so benahmen, als sei ihr Aufenthalt in dem Kinderheim das Natürlichste von der Welt. Sie waren fröhlich und ausgelassen. Nur wenn man sie aushorchen wollte, schwiegen sie hartnäckig.

»So viel Hartnäckigkeit ist mir noch nicht begegnet«, seufzte Nick.

»Mir auch nicht«, stimmte Malu ihm bei. »Dabei habe ich sie mit allen Raffinessen ausgefragt. Puck und Flo benehmen sich wirklich seltsam. Heimweh scheint ihnen fremd zu sein.«

»Wahrscheinlich haben sie kein schönes Zuhause«, überlegte Nick. »An sich wäre es pfundig, wenn sie für immer bei uns bleiben würden. Ich habe mich schon an sie gewöhnt.«

»Wir alle mögen sie gut leiden, weil sie nicht streitsüchtig sind und immer lachen. Ein Zeichen, dass sie glücklich in Sophienlust sind.«

»Wie kann es auch anders sein, Malu. Jedes Kind fühlte sich bei uns wohl«, erklärte Dominik mit einem stolzen Lächeln. »Ich möchte immer hierbleiben. Aber das werde ich ja auch. Schließlich habe ich Sophienlust geerbt.«

»Ja, Nick. Sophienlust ist ein Paradies für Kinder. Das sagen alle.« Malu lächelte verträumt vor sich hin. »Auch ich will niemals fort von hier«, fügte sie dann leise hinzu.

»Ich weiß. Und Pünktchen will auch immer dableiben«, bemerkte Nick. Vielleicht würde er Pünktchen später einmal heiraten. Denn wenn er genau darüber nachdachte, gehörte sie ihm, weil er sie gefunden hatte. Aber bis er groß sein würde, würden noch viele Kinder nach Sophienlust kommen. Vielleicht würde ein anderes kleines Mädchen kommen, das er noch lieber gewinnen würde als Pünktchen, obwohl er sich das nicht vorstellen konnte.