E-Book 66-70 - Aliza Korten - E-Book

E-Book 66-70 E-Book

Aliza Korten

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. E-Book 1: Ich hab dich lieb, Papa E-Book 2: Die Neue in Pünktchens Klasse E-Book 3: Das Kind des Grafen E-Book 4: Verzeih mir, mein Kind E-Book 5: Andi, der Försterbub

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Seitenzahl: 762

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Ich hab dich lieb, Papa

Die Neue in Pünktchens Klasse

Das Kind des Grafen

Verzeih mir, mein Kind

Andi, der Försterbub

Sophienlust – Box 13 –E-Book 66-70

Aliza Korten Patricia Vandenberg Judith Parker

Ich hab dich lieb, Papa

Mit blitzenden Augen stiegen die Kinder aus den beiden roten VW-Schulbussen, die kurz hintereinander in den Gutshof von Sophienlust einfuhren. Murkel und die anderen Hunde stürmten die Freitreppe hinunter, um die Mädchen und Buben zu begrüßen.

Dominik warf seine Schulmappe in die Luft und fing sie mit einem Jauchzer wieder auf. Malu nahm ihren Wolfsspitz Benny auf die Arme und flüsterte ihm ins Ohr: »Ab heute bin ich den ganzen Tag bei dir, mein Liebling. Die großen Sommerferien haben begonnen.«

Henrik trippelte die Freitreppe hinauf und lief dann durch die Halle, um nach seiner Mutti zu suchen, deren Wagen er im Hof entdeckt hatte. Er fand sie bei Frau Rennert im Büro.

»Mutti, Mutti, wir haben Ferien!«, rief er. »Jetzt brauche ich keine Schulaufgaben mehr zu machen.«

»Erst einmal guten Tag, mein Junge«, erwiderte Denise lachend und zog ihren Jüngsten an sich. »Dabei dachte ich, du gehst gern in die Schule.«

Henrik blinzelte sie schelmisch an.

»Manchmal tue ich das auch. Aber es ist doch viel schöner, wenn man den ganzen Tag spielen kann«, bekannte er.

Denise trat ans Fenster und blickte hinaus. Noch immer tummelten sich einige Kinder im Gutshof. Fabian Schöller, der nun schon einige Zeit in Sophienlust weilte, spielte mit seiner jungen Dogge Anglos, deren tollpatschige Sprünge ihn immer wieder zum Lachen reizten.

Denise lächelte gerührt. Wie selig war der Junge gewesen, als er von Andrea erfahren hatte, dass die Dogge, die von Severin gedeckt worden war, vier Welpen geworfen hatte. Eines dieser jungen Tiere hatte Fabian erhalten. Zu diesem Geschenk hatte sich Dr. Hans-Joachim von Lehn, Denises Schwiegersohn, moralisch verpflichtet gefühlt, weil Severin ja ursprünglich Fabian gehört hatte. Damals hatte Severin noch Anglos geheißen – genauso wie jetzt Fabians junge Dogge. Diese war ebenso bildschön und schwarz wie ihr Vater Severin, der lieber bei Andrea und Hans-Joachim geblieben war.

Denises Blick fiel jetzt auf Isabel Weyde, die einmal ein Kinderstar gewesen war. Aber ihre Tante hatte sie finanziell schamlos ausgenutzt und ihre Kräfte so überfordert, dass das zarte Kind darunter gelitten hatte. Isabels wunderbare Stimme wurde jetzt von Wolfgang Rennert, dem Musik- und Zeichenlehrer von Sophienlust, weiter ausgebildet. Bald würden andere Lehrer nötig sein. Doch Denise wollte sich das noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wie gut, dass sie das Sorgerecht für Isabel bekommen hatte. Dadurch konnte sie das überaus sensible Mädchen vor weiteren Belästigungen durch deren Tante schützen.

Ein Lächeln erhellte nun Denises ebenmäßiges Gesicht, als sie Pünktchen beobachtete, die lebhaft auf Nick einredete. Das leicht gelockte rotblonde Haar der Elfjährigen schimmerte wie Gold. Pünktchen, die mit richtigem Namen Angelina Dommin hieß, war ein allerliebstes Kind mit ihren tiefblauen Augen, der Stubsnase mit den vielen Sommersprossen, den leicht geröteten runden Wangen und der zierlichen Figur. Das Mädchen war voller Leben und stets voller Übermut. Doch konnte es sehr schnell beleidigt sein, besonders wenn es um Nick ging. Ob die beiden später einmal heiraten würden? Denise würde nichts dagegen haben. Aber wohin verirrten sich ihre Gedanken? Leicht belustigt wandte sie sich Frau Rennert zu, um sich von ihr zu verabschieden. Sie wollte so schnell wie möglich nach Schoeneich fahren, wo Alexander sicherlich schon ungeduldig auf sie wartete.

»Henrik, fährst du mit mir?«, fragte sie. »Oder möchtest du heute in Sophienlust bleiben?«

»O ja, Mutti, ich möchte dableiben. Auch Nick bleibt da. Gleich nach dem Essen gehen wir zu den Koppeln. Wir wollen heute ausreiten.«

»Also gut, mein Junge, dann fahre ich halt allein.«

»Nicht wahr, du bist nicht traurig, Mutti?« Treuherzig sah der Kleine sie an.

»Aber nein, mein Liebling. Ich verstehe dich doch gut.« Denise strich ihm über den Kopf. »Frau Rennert, ich möchte noch …«, begann sie. Da läutete das Telefon. Da sie dicht bei dem Apparat stand, hob sie ab und meldete sich.

Im gleichen Augenblick kam Nick herein. Als er sah, dass seine Mutter telefonierte, blieb er abwartend an der Tür stehen und legte den Zeigefinger an die Lippen, weil Henrik ihm etwas sagen wollte. Gespannt lauschte er den Worten seiner Mutter, aus denen er jedoch nicht viel heraushören konnte. Sie sagte »ja«, oder »nein«, und schließlich: »Gut, Frau Bogdan, ich erwarte dann Ihren Besuch morgen Vormittag. Um elf Uhr? Gut, ich nehme mir dann Zeit für Sie.«

»Mutti, wer hat denn angerufen?«, fragte Nick neugierig, als Denise aufgelegt hatte, und vergaß ganz, sie zu begrüßen.

»Ich glaube, wir haben uns seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen«, erinnerte Denise ihn an sein Versäumnis.

Nick lief rot an. »Verzeihung, Mutti, das habe ich tatsächlich vergessen. Guten Tag«, sagte er und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange. Solche Zärtlichkeiten fielen ihm in seinem jetzigen Alter schon etwas schwer.

Denise gab ihm einen liebevollen Klaps. »So, und nun werde ich deine Neugierde, die dir aus den Augen schaut, zufriedenstellen. Eine gewisse Frau Bogdan hat angerufen. Sie kommt morgen Vormittag mit ihrer Tochter Nadja zu mir. Die Kleine ist noch nicht ganz sieben. Frau Bogdan will sie für einige Wochen bei uns unterbringen, weil sie selbst operiert werden muss.«

»Dann bekommen wir also ein neues Kind. Phantastisch. Hat es denn keinen Vater mehr?«

»Das weiß ich nicht, mein neugieriger Sohn, doch werde ich das morgen gewiss erfahren. So, und nun fahre ich.« Denise wechselte noch einige Worte mit Frau Rennert und verließ dann, begleitet von ihren beiden Söhnen, das Büro.

In der Halle wurde sie von den übrigen Kindern lebhaft begrüßt. Für jedes hatte sie ein liebevolles Wort. Und da sich momentan sechzehn Kinder in Sophienlust befanden, dauerte das ein Weilchen. Als sie auf ihre Armbanduhr blickte, stellte sie fest, dass die gute Martha, die Schoen­eicher Köchin, sicherlich bereits verzweifelt auf sie warten würde.

Die Kinder begleiteten Denise noch bis zu ihrem Wagen. Als sie abgefahren war, kehrten sie schnell ins Haus zurück, denn es gongte eben zum zweitenmal.

Schwester Gretli und Lena empfingen die Kinder im Speisesaal mit vorwurfsvollen Augen. »Das Essen ist bereits kalt geworden«, murrte Lena.

Nick lachte sie übermütig an. »Das macht doch nichts, Lena. Wir haben einen solchen Bärenhunger, dass wir sogar eisgekühlte Kartoffeln mit der Schale verschlingen würden.« Er schnüffelte. »Was gibt’s denn heute? Fein, gefüllte Paprika mit Reis!« Er setzte sich.

Die Kinder aßen mit gesundem Appetit, dabei sprachen sie über das angekündigte kleine Mädchen.

»Ich bin ja gespannt, wie sie aussieht«, bemerkte Pünktchen mit vollem Mund.

»Ja, ich auch«, sagte Angelika. »Eigentlich ist es lustig, wenn man vorher immer raten kann, wie ein Kind aussehen wird.«

»Wenn ich es mir genau überlege, waren bisher alle Kinder sehr lieb.« Malu steckte ihrem Benny heimlich, unter dem Tisch, ein Häppchen von der Fleischfüllung zu.

Pünktchen sah ihren großen Freund Nick fragend an. »Kannst du dich noch an jedes Kind, das bei uns gewesen ist, erinnern?«

»Aber ja!«, rief Nick und nahm sich die dritte gefüllte Paprika. »Also, da war erst einmal …« Er begann nun damit, die vielen Kinder, die schon in Sophienlust gewesen waren, aufzuzählen. Einige von den Kindern, die schon lange da waren, halfen ihm, wenn er ins Stocken geriet. Erst als Lena und eine Praktikantin die Schälchen mit der Süßspeise brachten, wurde es still im Speisesaal. Nusscreme mit Sahne verschmähte keines der Kinder. Einige schleckten sogar die Schälchen aus. Doch Schwester Gretli und Frau Rennert taten so, als ob sie nichts bemerkt hätten.

Als Kinder hatten sie das Gleiche getan. Schließlich sollten die Kinder fröhlich sein. Da musste man solche kleine Unarten in Kauf nehmen.

»So, und nun auf zu den Koppeln!«, rief Nick und erhob sich als erster.

»Wir müssen uns doch noch umkleiden«, erklärte Malu.

»Ja, aber beeilt euch. Mädchen brauchen meist schrecklich lange zum Umziehen. Ich selbst bin in fünf Minuten fertig.« Nick lief schon zur Tür. Die anderen folgten ihm.

*

Hell schien die Sonne in das komfortabel eingerichtete Wohnzimmer des Luxusappartements im achten Stock eines Hochhauses in Frankfurt. Man hatte von dort einen weiten Blick über die Stadt, durch die sich der Main wie ein grüngoldenes Band schlängelte.

Die kleine Nadja kniete auf einem der roten Sessel und blickte sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Marika Bogdan beobachtete ihre Tochter mit stiller Wehmut. Der Gedanke, sich bald von ihr trennen zu müssen, schmerzte sie zutiefst. Bisher hatte sie sich noch keinen Tag von ihrem Kind getrennt.

»Mama, warum sind wir von Papa fortgezogen?«, fragte Nadja und rutschte vom Sessel. Ihre großen grauen Augen richteten sich traurig auf Marika.

Wie hübsch sie ist, schoss es der jungen Frau durch den Kopf. Sie hat das gleiche Haar wie ihr Vater, und auch dieselbe Augenfarbe.

Ja, Nadja glich ihrem Vater tatsächlich so sehr, dass Marika durch sie immer wieder an den Mann erinnert wurde, den sie einstmals geliebt und dem sie bedingungslos vertraut hatte.

»Mama, warum gibst du mir keine Antwort?«, fragte das Kind ungeduldig.

»Weißt du, Nadja, es gibt Dinge, die sehr schwer zu erklären sind. Papa und ich vertragen uns nicht mehr.«

»Ist es wegen dieser Sibylle?«, fragte die Kleine nachdenklich. »Ich mag sie nicht.«

»Das darfst du nicht sagen, Nadja. Sibylle ist ein nettes Mädchen und …«

»Aber ich mag sie nicht, weil ich gesehen habe, wie sie Papa geküsst hat. Sie ist an allem schuld.«

Marika schwieg. War Sibylle Bruckner wirklich schuld an dem Zerwürfnis zwischen ihr und ihrem Mann? Oder lag es an ihr selbst, dass Tibor sich von ihr abgewandt hatte? Ja, es lag nur an ihr, weil sie ihm keine Liebe hatte geben können. Sie mochte ihn gut leiden, aber geliebt hatte sie ihn niemals! Geliebt hatte sie immer nur den anderen, Nadjas Vater, der sie eines Tages grundlos verlassen hatte.

»Mama, warum weinst du denn?«, fragte Nadja mitfühlend und schmiegte sich an sie. »Bist du auch traurig, weil die Schimpansen nicht mehr bei uns sind? Mama, was soll nur aus Luja und Batu, meinen beiden Schimpansen werden, Papa hat sie mir doch geschenkt.«

»Nadja, sei mein gescheites kleines Mädchen. Wir können doch keine Affen in einer Wohnung halten! Tante Ursula wäre gewiss nicht begeistert, wenn Luja und Batu hier in ihrer Wohnung herumtollen würden.«

Marika blickte sich in dem Zimmer um. Voller Dankbarkeit dachte sie dabei an ihre Freundin Ursula Strasser, die ihr dieses Appartement für einige Wochen überlassen hatte. Ursula war Schauspielerin und vor ein paar Tagen mit einer Filmgesellschaft nach Afrika geflogen, wo Aufnahmen für einen Fernsehfilm gemacht werden sollten. Ursula spielte darin die Hauptrolle. Als Marika sich nach der Trennung von ihrem Mann an sie gewandt hatte, hatte sie sofort erklärt:

»Marika, du bleibst hier, bis du alles für das Kind und dich geregelt hast. Nadja würde ich in Sophienlust unterbringen. Das ist ein Kinderheim, wie es seinesgleichen kein zweites mehr gibt. Es heißt, Sophienlust sei ein Kinderparadies. Nadja wird dort gut untergebracht sein. Ich besorge dir noch heute die Adresse und die Telefonnummer. Du musst schnellstens operiert werden, Marika.«

Verstohlen wischte sich Marika die Tränen fort. Ja, Ursula hatte sich als gute Freundin bewährt.

»Aber ich will Luja und Batu wiederhaben«, erklärte Nadja eigensinnig. »Papa hat doch gesagt, dass er die beiden mit nach London nehmen muss, wenn wir sie nicht in den nächsten acht Tagen abholen. Aber sie gehören mir!«

»Bitte, Nadja, mach es mir nicht noch schwerer.« Marika strich sich eine rotblonde Locke aus der Stirn. Ja, die Schimpansen waren für sie ein großes Problem geworden. Einesteils wollte sie Nadja nicht weh tun, andererseits wiederum war es unmöglich, die beiden kleinen Schimpansen zu behalten.

Nadja presste die Lippen zusammen und kletterte wieder auf den Sessel, um aus dem Fenster zu blicken. Auf der anderen Seite des Flusses stand das Haus, in dem ihr Papa und die Schimpansen wohnten. Voller Sehnsucht schaute das Kind in diese Richtung.

Marika schloss die Augen. Sie fühlte sich sehr angegriffen, auch fürchtete sie sich vor der recht komplizierten Operation, die vor ihr lag. Gestern, bei der letzten ärztlichen Untersuchung, hatte man ihr nahegelegt, nicht mehr allzu lange damit zu warten. Darum musste sie Nadja so bald wie möglich nach Sophienlust bringen. Hoffentlich hatte Ursula ihr nicht zu viel versprochen. Wusste sie Nadja in guter Obhut, würde alles viel leichter für sie sein.

Marikas Gedanken beschäftigten sich nun wieder mit der Vergangenheit. Sie sah sich wieder als neunzehnjähriges Mädchen verzweifelt durch die Straßen von Wien laufen, zu allem entschlossen. Wenige Tage zuvor war ihr Vater beerdigt worden, und seit ungefähr einer Woche hatte sie gewusst, dass sie ein Kind erwartete. Ein Kind von einem Mann, der sie verlassen hatte. So allein gelassen hatte sie nicht mehr leben wollen. Doch da sie seit Tagen kaum mehr etwas gegessen hatte, hatte sie plötzlich unerträglichen Hunger gespürt. Deshalb hatte sie ein kleines Kaffeehaus betreten. Beim ersten Schluck Kaffee hatten ihre Hände so stark gezittert, dass der Herr am Nebentisch sie aufmerksam beobachtet hatte. Er schien bemerkt zu haben, in welchem Gemütszustand sie sich befand, denn er hatte versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber Marika hatte dazu keine Lust gehabt. Sie hatte hastig das Stück Kuchen gegessen, nach dem Ober gerufen und gezahlt. Dann war sie gegangen.

Tibor Bogdan jedoch hatte es sich in den Kopf gesetzt gehabt, ihre Bekanntschaft zu machen. Auf der Straße hatte er sie angesprochen. Ein Wort hatte das andere gegeben, und schließlich waren sie zusammen in ein ungarisches Restaurant essen gegangen. Nach dem saftigen Gulasch und dem feurigen Wein hatte sich Marika bedeutend besser gefühlt. Später aber hatte sie nicht mehr den Mut gefunden, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Tibor aber hatte sich als zuverlässiger Freund erwiesen. Als Marika im vierten Monat gewesen war, hatte er ihr vorgeschlagen, ihn zu heiraten, um dem Kind einen Namen zu geben. Sie war damit einverstanden gewesen. Doch auch Tibor hatte damals Probleme gehabt. Sie waren nur mit Geld zu lösen gewesen. Das aber hatte sie von ihrem Vater geerbt. So hatte sie ihm seinen Herzenswunsch erfüllen können. Gemeinsam hatten sie einem Dresseur vier Schimpansen abgekauft und damit eine Nummer aufgebaut. Zunächst waren sie mit den Schimpansen in einem Zirkus aufgetreten. Dann war Nadja geboren worden, und Tibor hatte das Mädchen vom ersten Tag an wie eine eigene Tochter geliebt.

Seit der Geburt des Kindes, das seinem wirklichen Vater auf eine schon lächerliche Weise glich, hatte Marika sich Tibor entzogen. Sie hatte einfach nicht anders gekonnt. Anfangs hatte Tibor versucht, sie zurückzugewinnen, dann aber hatte sich sein Interesse auf andere Frauen gerichtet. Seine Geliebten hatten ständig gewechselt. Doch nach außen hin hatten sie eine tadellose Ehe geführt. Ihre Schimpansennummer war weltbekannt geworden. Sie waren mit ihren Affen durch ganz Europa und auch durch die Vereinigten Staaten gereist. Hatten sie in Frankfurt gastiert, hatten sie in einem alten Haus gewohnt, das Tibor recht billig erstanden hatte. Während ihrer Abwesenheit war das Haus von dem Ehepaar Bruckner betreut worden, das eine Tochter hatte. Sie hieß Sibylle.

Sibylle war jung und sehr apart mit ihren blauschwarzen Haaren und den hellblauen Augen. Sie war heißblütig und triebhaft. Tibor hatte Feuer gefangen.

Dann hatte das eine Schimpansenweibchen Zwillinge bekommen. Nadja war ganz begeistert gewesen von den Affenbabys. Obwohl sie damals noch nicht einmal sechs Jahre alt gewesen war, hatte sie die Pflege der beiden übernommen, die sie Luja und Batu getauft hatte. Ihre Puppen, mit denen sie zuvor begeistert gespielt hatte, waren nun vergessen. Für Nadja hatten nur noch die beiden Schimpansen existiert.

Dann waren sie von Frankfurt nach Wien gereist, wo sie in einem Variete einen Riesenerfolg hatten. Diesmal war auch Nadja mit aufgetreten. In einem Kinderwagen hatte sie ihre Lieblinge über die Bühne gefahren. Sie hatte dabei ein Kleid getragen, wie es die Gouvernanten zu Ende des vorigen Jahrhunderts getragen hatten, dazu auch eine Brille. Das Publikum hatte vor Begeisterung jedes Mal getobt.

Tibor hatte diese Nummer noch weiter ausbauen wollen. Doch dann war alles ganz anders gekommen, als geplant. Sibylle Bruckner hatte eines Tages vor der Villa in Hietzing gestanden, die sie, Marika, von ihren Eltern geerbt hatte. Tibor hatte sie hereingelassen.

Sibylle hatte es von Anfang an darauf angelegt, ihn für sich einzufangen. Sie hatte ein leichtes Spiel gehabt. Marika hatte sich das eine Weile angeschaut. Außerdem hatte sie sich schon seit Monaten seltsam elend gefühlt. Endlich hatte sie sich entschlossen, zum Arzt zu gehen. Die Diagnose war alles andere als erfreulich gewesen. Eine Operation sei unumgänglich, hatte der Arzt gesagt.

Marika hatte sich in Freundschaft von Tibor getrennt. Allerdings hatte sie darauf bestanden, dass er und Sybille das Haus in Hietzing so schnell wie möglich verließen. Tibor aber hatte sie gebeten, noch mit nach Frankfurt zu fahren, da er Nadja noch gebraucht hatte, um seinen Vertrag mit einem dortigen Agenten zu erfüllen. Marika war einverstanden gewesen. Erst nach den Fernsehaufnahmen hatte sie ihren Mann endgültig verlassen.

Nun also saß sie hier in der Wohnung ihrer Freundin. Bis zu diesem Tag hatte sie sich verboten, über Nadjas und ihre eigene Zukunft nachzudenken. Jetzt aber kam sie nicht davon los. Sie war etwas über sechsundzwanzig Jahre alt, kam sich aber uralt vor. Glücklicherweise hatte sie wenigstens keine finanziellen Sorgen. Sollte sie nach der Operation wieder ganz gesund werden, würde sie einen Beruf ergreifen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Es gab ja so viele Frauenberufe, die einer Frau Erfüllung schenkten.

»Mama, ist dir nicht gut?« Nadja stand dicht neben ihr und strich ihr über die Wange.

»Ich war nur müde. So, mein Kleines, jetzt hilf mir bitte beim Packen. Wenn es dir in dem Kinderheim gefällt, bleibst du gleich dort. Je eher ich operiert werde, desto eher sind wir wieder beisammen.«

»Aber vielleicht darf ich Luja und Batu mitnehmen?«

»Kind, schlag dir das bitte aus dem Sinn«, bat Marika bekümmert. »Du kannst doch keine Affen mitbringen. Da würde sich die Heimleiterin sicherlich aufregen. Und das mit Recht.«

Nadja war ein kluges kleines Mädchen. Durch ihre vielen Reisen und das ständige Beisammensein mit Erwachsenen war sie reifer als die meisten Mädchen ihres Alters. Außerdem war sie aber eigenwillig. Deshalb gab sie den Gedanken nicht auf, ihre beiden Lieblinge wiederzubekommen.

*

Tief beeindruckt von dem schlossähnlichen Gebäude sah sich das Kind am nächsten Vormittag in Sophienlust um. Auch Marika fiel ein Stein vom Herzen bei diesem Anblick. Sie war überzeugt, dass Nadja sich hier wohl fühlen würde.

Nadja zeigte keine Schüchternheit, als sie die Kinder bemerkte, die auf der Freitreppe standen und ihnen entgegenblickten. Sie hatte sich schon immer nach der Gesellschaft von Kindern gesehnt. Obwohl sie fast sieben war, war sie noch keinen Tag in die Schule gegangen. Ihre Mama hatte sie bisher unterrichtet.

Sehr selbstbewusst stieg Nadja neben ihrer Mutter die Freitreppe empor. Frau Rennert hatte das Auto gehört und erwartete sie vor dem Portal. Die Kinder standen etwas abseits und ließen das kleine Mädchen nicht aus den Augen. Alle waren sich darin einig, dass es ein auffallend hübsches Kind war. Das dunkelblonde Haar, das Nadja über die Schultern fiel, umrahmte ein sehr regelmäßiges ovales Gesicht. Die Farbe der Augen konnten die Kinder aus der Ferne nicht erkennen. Später stellten sie jedoch fest, dass die Augen grau waren.

»Sie sieht wie ein Gemälde aus«, raunte Angelika ihrer Busenfreundin Pünktchen zu.

»Findest du?« Pünktchen forschte in Nicks Gesicht, der das fremde kleine Mädchen ebenfalls wie gebannt anblickte. Pünktchen war erleichtert, dass Nadja noch so klein war. Mit Mädchen dieses Alters gab Nick sich selten ab.

Nadja lächelte die Kinder schelmisch an. Am liebsten wäre sie zu ihnen gelaufen, um sie sofort zu begrüßen. Aber ihre Mama ließ ihre Hand nicht los, als sie die Halle betraten, in der es nach der sommerlichen Hitze draußen angenehm kühl war.

»Frau von Schoenecker muss jeden Augenblick eintreffen«, entschuldigte Frau Rennert Denise, die ihr vor ein paar Minuten telefonisch mitgeteilt hatte, dass sie im Aufbruch begriffen sei.

Nadja musterte die ältere Dame prüfend. Ob sie sehr streng war, fragte sie sich nachdenklich. Doch dann war sie sicher, dass sie sehr nett war. Denn sie

lächelte sie mit so einem lieben Lächeln an, dass ihr ganz warm ums Herz wurde.

Was für ein entzückendes Kind, dachte Frau Rennert und führte Mutter und Tochter ins Biedermeierzimmer.

Marika hatte bisher nur das Nötigste gesagt, denn sie war sich noch immer nicht im klaren, ob sie Frau von Schoenecker über ihre Privatverhältnisse informieren sollte. Wenig später jedoch, als sie in Denises dunkle Augen schaute, war sie entschlossen, zu dieser reizenden Dame schonungslos offen zu sein. Kein Mensch wusste, ob sie die Operation überstehen würde. Deshalb sollte Frau von Schoenecker wissen, was mit Nadja geschehen sollte, wenn sie …

Schaudernd unterbrach Marika ihre quälenden Gedankengänge. Sie durfte nicht so schwarz in die Zukunft blicken.

Denise sprach anfangs über belanglose Dinge. Bald erkannte sie, dass die junge Frau, deren leidende Züge sie mit tiefem Mitleid erfüllten, etwas auf dem Herzen hatte.

Nadja rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her. Man sah ihr an, wie schwer es ihr fiel, still sitzen zu bleiben.

»Sicherlich kannst du es kaum erwarten, die Kinder kennen zu lernen?«, sagte Denise freundlich.

»Ja, das möchte ich schon.« Freimütig erwiderte das Kind den Blick der netten Dame, die ihr sehr gut gefiel. Sollte sie sie fragen, ob sie die beiden Schimpansen herbringen dürfe?

»Hast du etwas auf dem Herzen?« Denise konnte in Kindergesichtern wie in offenen Büchern lesen.

»Ja, Frau …«

»Ich bin für alle Kinder Tante Isi. Nicht wahr, du willst doch bei uns bleiben?«

»Ich glaub schon«, schränkte Nadja ein. Sie wollte sich erst einmal überzeugen, ob die Kinder auch wirklich so nett waren, wie sie es sich wünschte.

»Also, dann bin ich für dich Tante Isi.«

»Ja. Tante Isi?«

»Nun, was hast du auf dem Herzen, Nadja?«

»Bitte, Nadja, werde nicht unverschämt«, mischte sich Marika ein, die ahnte, was kommen würde.

»Tante Isi, ich habe nämlich zwei Schimpansen. Sie heißen Luja und Batu. Sie sind ein Pärchen. Papa hat sie mir geschenkt und …«

»Bitte, Nadja, ich habe dir doch gesagt, dass so etwas unmöglich ist!«, rief Marika erregt, dabei blickte sie Denise entschuldigend an.

»Aber ich will nicht, dass Luja und Batu mit nach London fliegen. Auch soll Sibylle sie nicht pflegen. Bestimmt haben die beiden schon große Sehnsucht nach mir.« Es hätte nicht viel gefehlt, und Nadja hätte mit dem Fuß aufgestampft.

»Bitte, entschuldigen Sie das Benehmen meiner Tochter, doch …«

»Liebe Frau Bogdan, das ist doch verständlich. Alle unsere Kinder hängen an etwas – an Tieren oder an irgendwelchen Gegenständen. Ein Kinderherz braucht etwas zum Liebhaben.«

Nadjas kleines Herz begann wie wild zu schlagen. Sollte es möglich sein, dass die liebe Tante Isi ihr erlaubte, Luja und Batu zu behalten?

»Weißt du, Tante Isi«, erklärte Nadja spontan, »Luja und Batu sind mit mir schon oft auf der Bühne aufgetreten. Und neulich haben sie Aufnahmen von uns gemacht.«

»Ja, das stimmt«, bestätigte Marika die Worte ihrer Tochter. »Das Fernsehen bringt Nadja und die Affen in einer Sendung heraus.«

»Dann bist du schon ein kleiner Star. Verständlich, dass du dich nicht von deinen Affen trennen willst. Allerdings können wir die beiden nicht hier behalten …«

Nadjas große Augen füllten sich mit Tränen, die plötzlich über ihre Wangen kullerten. Sie war schon ganz sicher gewesen, die Affen behalten zu können.

»Bitte, deshalb brauchst du wirklich nicht zu weinen. Schau, ich habe eine große verheiratete Tochter, deren Mann Tierarzt ist. Die beiden haben ein Tierheim eingerichtet. Es heißt ›Tierheim Waldi & Co.‹ und gibt bereits vielen Tieren Unterkunft. Wenn du dich ein wenig geduldest, rufe ich gleich mal an. Bachenau ist nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Also könntest du deine Lieblinge jeden Tag besuchen.«

Das Aufstrahlen in den Kinderaugen war für Denise ein Beweis dafür, dass sie das Vertrauen des reizenden Kindes bereits gewonnen hatte. Sie nickte Marika und Nadja zu und verließ mit leichten Schritten das Biedermeierzimmer.

»Nadja, du hättest Frau von Schoenecker nicht fragen dürfen! Was soll sie denn von dir denken?«, warf Marika dem Kind vor.

»Tante Isi ist sehr lieb. Sie weiß, dass ich ohne Luja und Batu unglücklich bin. Wo ich doch schon so traurig bin, weil wir unseren Papa für immer verlassen haben …« Tränen stürzten ihr aus den Augen, denn sie hatte ihren Papa sehr lieb.

»Nun ist es mal geschehen.« Marika fühlte sich unendlich müde und sehr allein. Sicherlich lag das auch an ihrer Krankheit, die ihr seelisches Gleichgewicht vollkommen durcheinanderbrachte. Nach der Operation würde sie wohl wieder froher sein. Dann wollte sie sich nach Wien in die elterliche Villa zurückziehen. Nadja würde in eine Schule gehen und das Leben eines bürgerlichen Kindes führen.

»Mama, ob Papa mich mal hier besucht?«

»Vielleicht, Nadja.«

»Du, es gefällt mir hier schon sehr gut. Ich möchte gern die Kinder kennen lernen.«

»Das wirst du gleich. Sei doch nicht immer so schrecklich ungeduldig, mein Kind. Ich …«

Denise kam zurück. »Meine Tochter nimmt die Schimpansen. Aber sie können erst in ungefähr drei Tagen kommen, weil ein Käfig für sie hergerichtet werden muss.«

»Aber ja, sie können diese Zeit noch bei meinem Mann bleiben«, erklärte Marika.

Nadja lachte über das ganze Gesicht. »Fein, Tante Isi. Ich habe nämlich schon so große Sehnsucht nach meinen Schimpansen. Sicherlich werden auch sie sehr traurig sein.«

»Ach, da bist du ja, Malu!«, rief Denise in diesem Augenblick einem großen blondhaarigen Mädchen mit grünen Augen zu. Malu befand sich seit ihrem zwölften Lebensjahr in Sophienlust. Sie war für die Erwachsenen bereits eine große Hilfe und kümmerte sich stets rührend um die kleinen Kinder, die auch alle sehr an ihr hingen.

»Ich habe dich rufen lassen«, fuhr Denise fort, »um dich zu bitten, Nadja zu den anderen Kindern zu bringen. Ich habe noch einiges mit Frau Bogdan zu besprechen.«

Malu begrüßte Marika lächelnd und sah dann Nadja an.

Die Kleine fragte keineswegs schüchtern: »Gehen wir gleich?«

»Ja, Nadja. Wann soll ich sie wieder zurückbringen, Tante Isi?«

»Wir werden euch schon irgendwo draußen finden. Lauft aber nicht zu weit vom Haus fort.«

Nadja sah nicht einmal zu ihrer Mami hin, als sie mit Malu das Zimmer verließ. Sie konnte es kaum erwarten, endlich die Kinder kennen zu lernen, mit denen sie von nun an von morgens bis abends zusammen sein würde.

»Gefällt es dir bei uns?«, fragte Malu lächelnd.

»Ja, es ist schön hier. Hier drinnen sieht es wie in einem Schloss aus. Ich war einmal mit Mama und Papa in einem großen Schloss. Wir haben dort zu Mittag gegessen. Der Besitzer ist ein Freund von meinem Papa. Er ist auch Ungar.«

Malu wunderte sich über die gewandte Ausdrucksweise des noch nicht siebenjährigen Mädchens. »Also, dann ist dein Papa Ungar?«

»Ja, das ist er. Er ist Dresseur. Wir haben sechs Schimpansen und zwei Schimpansenkinder, die mir gehören. Sie heißen Luja und Batu und sind ein Mädchen und ein Junge. Sie werden bald hierherkommen«, fügte Nadja mit einem glücklichen Seufzer hinzu.

»Da kommen sie sicher ins Tierheim Waldi & Co. Darüber werden sich auch die anderen Kinder freuen.« Malu konnte es kaum erwarten, ihnen das zu erzählen.

Die Kinder befanden sich im Wintergarten. Sie hatten vor, Nadja als erste Sehenswürdigkeit von Sophienlust Habakuk und das Aquarium zu zeigen. Der Papagei war am besten geeignet, eventuelle Schwierigkeiten mit einem neuen Kind zu beseitigen. Doch Nadja war selbst angesichts der vielen Kinder nicht ein bisschen verlegen.

Nick fühlte sich verpflichtet, die Vorstellung zu übernehmen. »Also, du bist Nadja Bogdan«, begann er.

»Ja, die bin ich.« Nadja blinzelte ihn schelmisch an.

»Der Name klingt so ausländisch«, ließ sich die vorlaute Vicky vernehmen, wobei sie ihr Meerschweinchen Micky, das sie überall mit herumschleppte, zärtlich an sich drückte.

»Ja, mein Papa ist Ungar«, klärte Nadja sie voller Stolz auf. »Meine Mama ist Wienerin.«

»Das hatte ich vermutet«, lachte ein großer Junge. »Deine singende Sprechweise ist nicht zu überhören.«

»Bei uns in Wien sprechen alle Menschen so.« Nadja sah ihn aufmerksam an. »Ihr sprecht hier ganz anders. So wie die Leute in Frankfurt.«

»Ich aber nicht. Ich bin nämlich Münchnerin!«, rief ein ungefähr vierzehnjähriges Mädchen, das nur während der Sommerferien in Sophienlust weilte.

»Und ich bin aus Schoeneich.« Henrik trat ein paar Schritte näher an Nadja heran. »Bist du schon sechs Jahre alt?«

»Aber ja. Ich werde im Dezember schon sieben.«

»Ich bin aber größer als du«, stellte er erleichtert fest.

»Dafür ist Nadja auch ein Mädchen.« Nick seufzte auf. »Erst einmal muss Nadja eure Namen kennen lernen. Also, fangen wir mit Malu an.«

Nadja hörte bei der Vorstellung nur halb hin. Interessiert betrachtete sie das große Aquarium mit den schillernden Fischen.

»Nick! Nick! Böser Schlingel!«, kreischte nun Habakuk, der bis dahin still auf seiner Stange gesessen hatte.

Die meisten Kinder hatten mit einem überraschten Gesicht von Nadja gerechnet. Doch sie sahen sich enttäuscht.

»Oh, ihr habt auch einen Papagei?«, rief Nadja. »Wie heißt er denn? Kann er viel sprechen?«

»Ja, Nadja, er hat einen riesigen Wortschatz. Vor allen Dingen kennt er die Namen aller Kinder, die einmal bei uns waren.«

»Wir sind einmal mit einem Papagei aufgetreten. Er war noch bunter als dieser. Und er konnte Gedichte aufsagen und auch singen. Kann das dieser auch?«

»Noch nicht. Aber Habakuk würde bestimmt ein Gedicht lernen. Singen wird er allerdings kaum können«, überlegte Nick. »Wo bist du denn aufgetreten?«

»Oh, überall.« Nadja blickte durch die riesige – Fensterscheibe hinaus. »Im Zirkus, im Variete … Und ich bin sogar gefilmt worden. Ich …«

»Ihr müsst wissen, dass ihr Papa sechs Schimpansen hat, die Kunststücke vorführen. Zwei Schimpansenbabys kommen in den nächsten Tagen ins Tierheim Waldi & Co.«, warf Malu ein.

»Mensch, das ist klasse!«, rief Nick begeistert. »Ist das auch wahr?«

»Ja, es stimmt. Meine Schimpansen heißen Luja und Batu. Mein Papa hat sie mir zum Abschied geschenkt.«

»Wieso?« Fabian sah die Kleine mitfühlend an. Alles, was mit Abschied zusammenhing, erregte ihn auf eine bedrückende Art.

»Weil Mama und Papa sich scheiden lassen. Und Mama muss operiert werden. Ich hätte ja bei Papa bleiben können, aber er hat jetzt Sibylle, und die mag ich nicht leiden.« Nadja sah auf einmal ganz traurig aus.

Da hat man es wieder einmal, dachte Nick. Jedes Kind kommt mit einem Problem hierher. Aber Sophienlust würde Nadja schon helfen, mit ihrem stillen Kummer fertig zu werden.

Nadja war nun dicht an Habakuks Käfig herangetreten. Angst vor Tieren kannte sie nicht. Sie steckte den Finger durch die Stäbe und sagte: »Habakuk, du bist ein schöner Vogel.«

Der Papagei blinzelte sie an. »Habakuk schöner Vogel«, plapperte er nach.

»Er mag dich leiden«, freute sich Isabel. »Wenn er ein Kind nicht mag, hackt er nach ihm.«

»Habt ihr noch mehr Tiere?«, fragte Nadja, der es von Minute zu Minute in Sophienlust besser gefiel.

»Aber ja. Bei uns gibt es Pferde, Ponys, Kühe, Ochsen und zwei Bullen. Natürlich auch jegliches Federvieh. Und außerdem eine Menge Katzen und Hunde«, berichtete Nick.

»Im Tierheim gibt es auch viele Tiere: einen Igel, einen Hasen, zwei Füchse, ein Reh, eine Dohle und einen Waldkauz. Ein fast blinder Esel ist auch dort. Er heißt Benjamin und ist schon sehr alt. Aber du wirst die Tiere bald alle kennen lernen«, erklärte Malu dem Kind liebevoll.

*

Indessen erfuhr Denise Marikas Lebensgeschichte. Nur den Namen von Nadjas leiblichem Vater verschwieg Marika.

»Niemals soll er erfahren, dass ich ein Kind von ihm habe«, erklärte sie fast heftig, als Denise meinte, es sei vielleicht besser, wenn sie seinen Namen kenne. »Selbst wenn ich sterben sollte, ist er unwichtig, Frau von Schoenecker. Ich habe Ihnen die Adresse meines Wiener Anwalts aufnotiert. Sollte mir etwas zustoßen, wird er alles regeln. Nadja bleibt nicht mittellos zurück. Ich wäre in diesem Fall sehr froh, wenn Nadja in Sophienlust aufwachsen könnte.«

»Natürlich soll sie hierbleiben. Aber so etwas sollen Sie nicht denken, Frau Bogdan. Operationen wie die Ihre werden täglich gemacht. Fast alle verlaufen positiv.«

»Ich hoffe es. Aber nun möchte ich fahren. Morgen früh werde ich im Krankenhaus erwartet. Ich habe Nadjas Sachen noch im Auto.«

»Ich werde sogleich dafür sorgen, dass das Gepäck in Nadjas Zimmer gebracht wird. Aber möchten Sie nicht noch das Haus besichtigen?«

»O ja, das würde ich gern tun. Dann kann ich mir, wenn ich an mein Kind denke, ein bestimmtes Bild von seinem Leben machen und leide nicht so sehr unter der Trennung.«

»Ich weiß, Frau Bogdan.« Denise hatte großes Mitleid mit der Besucherin. Wie tapfer die junge Frau trotz allem war!

Denise führte Marika durch das ganze Haus. Für einen Augenblick blieben sie bei Carola Rennert, die in einem Anbau des Herrenhauses mit ihrem Mann und den Zwillingen Andreas und Alexandra eine sehr geschmackvoll eingerichtete Wohnung besaß. Als auch Wolfgang Rennert erschien, stellte Denise den Hauslehrer von Sophienlust vor. Marika wechselte einige Worte mit ihm.

»Ich glaube, es wäre angebracht, wenn Sie Nadja etwas unterrichten würden, Herr Rennert«, überlegte Denise laut. »Sie könnte dann vielleicht gleich in die zweite Klasse aufgenommen werden.«

»Das wäre fein«, stimmte Marika ihr sogleich zu. »Ich bin nun mal keine überaus gute Lehrerin. Nadja scheint aber recht begabt zu sein. Sie lernt erstaunlich schnell.«

»Wenn sich das Kind bei uns eingelebt hat, werde ich es testen. Dann erst kann ich mir ein Bild über Nadjas Intelligenz machen«, erklärte Wolfgang Rennert.

»Das sehe ich ein. Jedenfalls kann ich mich beruhigt unters Messer legen«, scherzte Marika.

Denise zeigte Marika auch die Wirtschaftsgebäude und die Koppeln, auf denen Pferde und Ponys weideten. Dort fanden sie auch Nadja, die mitten unter den Kindern stand und sie mit Fragen überschüttete. Als sie ihre Mama und Tante Isi entdeckte, lief sie den beiden entgegen und rief: »Mama! Mama! Nick will mir Reitunterricht geben. Ich brauche dazu eine Reiterausrüstung!«

»Mach dir deshalb keine Sorgen«, erwiderte Denise lächelnd. »Ich werde einige Reitsachen aus dem Schrank heraussuchen, in dem die Kleidungsstücke aufbewahrt sind, die sich im Laufe der Jahre bei uns angesammelt haben.«

»Vielen Dank, Tante Isi.« Nadja schmiegte sich an ihre Mutter. »Es gefällt mir sehr gut hier«, wisperte sie ihr zu.

Marika strich ihr übers Haar. »Das freut mich, mein Herzchen«, flüsterte sie zurück.

Als sich Marika von der Kleinen verabschiedete, vergoss diese keine Träne. Erst abends im Bett überließ sie sich dem Abschiedsschmerz. Doch die größeren Mädchen, die noch einmal nach ihr schauten, trösteten Nadja und blieben so lange bei ihr, bis sie eingeschlafen war. Alle waren sich einig, dass Nadja Bogdan ein sehr liebes Mädchen war.

*

Marika fuhr, bevor sie in ihr Appartement zurückkehrte, zuerst noch zu dem Haus, in dem Tibor mit seiner Geliebten lebte. Sie wollte noch einiges mit ihm besprechen und auch einige persönliche Sachen abholen.

Das Haus lag mitten in einem verwilderten Garten. Jäh erinnerte sich Marika an den Tag vor ungefähr vier Jahren, als sie mit Tibor hierhergefahren war, um das Haus zu besichtigen. Es hatte ihnen auf den ersten Blick gefallen, sodass sie es rasch entschlossen gekauft hatten. Sie hatten viel Geld hineingesteckt. Ein Teil des Parterres gehörte den Affen, die ein Schlafzimmer und ein Spielzimmer hatten.

Marika holte den Schlüssel aus ihrer Handtasche und schloss die Haustür auf. Ein bisschen weh tat es ihr schon, dass nun eine andere Frau hier lebte. Sie hoffte nur, dass Tibor mit Sibylle glücklich werden würde.

Zögernd blieb Marika in der Diele stehen und lauschte. Sie hörte Tibors Stimme, dann die von Sibylle. Sie ging dem Klang nach und fand die beiden bei den Affen. Noch hatte weder Tibor noch Sibylle Marikas Anwesenheit bemerkt.

»Ich finde es dumm von dir, dass du Luja und Batu fortgeben willst«, sagte Sibylle eben in einem gereizten Ton.

»Ich habe sie doch Nadja geschenkt.«

»Nadja kann sie doch nicht gebrauchen. Schau dir doch Luja an. Sie ist die schönste Schimpansin, die ich kenne. Und Batu ist ein Prachtkerl und sehr gescheit. Mit den beiden hätten wir eine Nummer aufbauen können, die eine Sensation geworden wäre.«

»Nadja wollte sie doch so gernhaben.« Tibor seufzte innerlich. Zugegeben, er liebte Sibylle leidenschaftlich. Aber sie war oft recht anstrengend für ihn. Marika war viel verständnisvoller gewesen. Eigentlich war es dumm von ihm, dass er sein bequemes Leben mit ihr aufgegeben hatte. Marika hatte in all den Jahren nichts gegen seine Geliebten gehabt. Aber Sibylle wollte mehr als nur seine Geliebte sein.

»Was du nur mit Nadja hast. Sie ist nicht einmal dein eigenes Kind, Tibor«, riss Sibylle ihn aus seinen Gedanken.

»Aber ich liebe sie wie meine eigene Tochter«, sagte er leise. »Und sollte Marika etwas zustoßen, nehme ich das Kind zu mir.«

»Das werde ich niemals erlauben!«, rief Sibylle. »Ich will später eigene Kinder haben, deine Kinder, Tibor. Ein fremdes Kind werde ich niemals lieb haben können.«

»Das brauchen Sie auch nicht.« Marika hielt jetzt den Augenblick für gekommen, sich bemerkbar zu machen.

Im gleichen Augenblick begannen die Affen voller Freude zu kreischen. Sie kamen auf ihren kurzen Beinen aus dem Nebenraum angelaufen und umringten Marika.

»Meine Lieblinge«, sagte Marika zärtlich und hob Luja hoch, die die Arme nach ihr ausstreckte. Dann begrüßte sie die anderen Affen.

Sibylle beobachtete die Szene mit zusammengepressten Lippen, dann lief sie einfach hinaus. Sie war wütend auf Tibor, weil er von Marika noch immer nicht den Hausschlüssel zurückverlangt hatte.

»Verzeih, dass ich hier eindringe«, entschuldigte sich Marika.

»Aber du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Noch sind wir verheiratet. Hättest du mir damals nicht unter die Arme gegriffen, wäre ich heute vielleicht ein kleiner Angestellter in Wien.«

»Wir wollen nicht davon reden.« Marika musterte ihn sinnend. Tibor war Ende der Dreißig. Doch sah er etwas älter aus. Das lag vermutlich an seinen grauen Haaren. Auch trank er viel zu viel. Alles an ihm war ihr unendlich vertraut. In den sieben Jahren, die sie zusammengelebt hatten, waren sie einander sehr nahe gekommen. Sie hatten selten Streit gehabt. Eine Zeitlang hatte sie sogar geglaubt, ihn zu lieben, weil sie ihn hatte lieben wollen, um den anderen zu vergessen.

Tat es ihr leid, dass sie sich von ihm getrennt hatte? Das war eine Frage, die sie sich in den letzten Tagen häufig gestellt hatte – Nadjas wegen, die ja glaubte, dass er ihr wirklicher Vati sei. Vorläufig wollte sie das Kind auch noch bei diesem Glauben lassen.

»Du schaust mich so sonderbar an«, sagte er leise. Auf seine Weise liebte er Marika noch immer. Aber er gehörte nun mal nicht zu den Männern, die es ertragen, eine Frau in den Armen zu halten, die an einen anderen dachte. Hätte sie ihm nur ein einziges Mal gezeigt, dass sie ihn liebte, hätte er sie niemals gehen lassen. Denn Marika war es, die die Scheidung anstrebte. Vermutlich hätte er sie dann auch nicht betrogen.

»Habe ich das?«, fragte sie. »Ja, ich wollte dich bitten, Luja und Batu in dieses Tierheim transportieren zu lassen.« Sie reichte ihm den Zettel, auf dem sie die Adresse des Tierheimes in Bachenau aufnotiert hatte. »Dort sind sie gut aufgehoben. Nadja ist selig, dass sie ihre Lieblinge jeden Tag sehen kann.«

»Gefällt es ihr denn im Kinderheim?«

»Ja, sehr, Tibor. Es ist tatsächlich ein besonderes Heim. Die Kinder leben dort wie in einer großen Familie. Nadja wird es dort gut haben.«

»Ich sehne mich nach dem Kind.«

»Ja, du hast Nadja wirklich wie deine eigene Tochter behandelt. Du warst immer sehr lieb zu uns beiden.«

»Marika …« Er legte seine Rechte auf ihren Arm.

»Bitte, Tibor, lass mich.« Sie drehte ihm den Rücken zu. Zu dumm, dass sie weinen musste. Dabei hatte sie geglaubt, innerlich bereits mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben.

»Marika, darf ich dich in der Klinik besuchen?«, fragte er.

»Bitte, nicht, Tibor. Außerdem verlässt du doch in wenigen Tagen die Stadt. Nicht wahr, du sorgst dafür, dass Luja und Batu nach Bachenau gebracht werden? Nadja ist so glücklich, dass sie ihre beiden Lieblinge jeden Tag sehen kann.«

»Ich werde bei dieser Gelegenheit Nadja besuchen«, erklärte er.

»Bitte, Tibor, ich möchte das nicht. Nadja soll sich erst in Sophienlust eingewöhnen. Wenn du sie besuchst, wird der Abschied von dir für sie noch schwerer sein.«

Tibor nickte. Er sah Marikas Gründe ein, aber die Trennung von Nadja tat ihm weh.

Man hörte das Zuschlagen von Türen im Haus. Sibylle befand sich in einem Zustand völliger Auflösung. Um nicht weinen zu müssen, reagierte sie sich auf diese Weise ab.

Marika lächelte plötzlich. »Ich werde gehen, Tibor«, sagte sie fest. »Sibylle ist recht temperamentvoll und unbeherrscht. Ich wünsche dir alles Gute für dein weiteres Leben und viel Erfolg, Tibor.«

»Danke, Marika. Vor allen Dingen wünsche ich dir, dass du gesund wirst.«

»Das liegt allein in Gottes Hand.« Sie reichte ihm die Hand, die er mit einem festen freundschaftlichen Druck umschloss. Dann zog er Marika in einer plötzlichen Aufwallung seiner Gefühle an sich und küsste sie.

»Ich werde dich niemals vergessen«, flüsterte er heiser. »Es lag an dir, unsere Ehe glücklich zu gestalten, Marika. Ich hatte den besten Willen und …«

»Das weiß ich doch, Tibor«, fiel sie ihm ins Wort. »Man kann eben Gefühle nur bis zu einem gewissen Grad vergewaltigen. Leb wohl!« Sie lächelte ihm noch einmal zu. Dann verließ sie mit schnellen Schritten das Haus. Erst viel später fiel ihr ein, dass sie noch einige persönliche Dinge hatte mitnehmen wollen. Aber zurückgehen wollte sie nicht mehr. Sie würde ihren Anwalt bitten, dafür zu sorgen, dass diese Dinge abgeholt werden.

*

In dem hübschen Landhaus der Familie von Lehn herrschte in den nächsten Tagen lebhafte Geschäftigkeit.

Denn für die beiden jungen Schimpansen wurde sachgemäß ein Käfig errichtet.

Glücklicherweise hatte der Tierarzt seit kurzem einen jungen Burschen eingestellt, der die schweren Arbeiten im Tierheim übernommen hatte. Für Andrea wäre die Belastung auf die Dauer zu groß gewesen. Dieser junge Tierpfleger hieß Helmut Koster und war zuletzt im Frankfurter Zoo tätig gewesen. Er war fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitete schon seit seinem fünfzehnten Lebensjahr als Tierpfleger. Auch sein Vater war Tierpfleger gewesen, aber er hatte in einem namhaften Zirkus gearbeitet. Tiere und das Zirkusleben waren Helmut Koster also von jeher vertraut. Aber schon immer war es sein Wunsch gewesen, auf dem Land zu leben. Deshalb gefiel es ihm auch jetzt bei Dr. Hans-Joachim von Lehn sehr.

Auch Betti, das Hausmädchen der von Lehns, war entzückt über den Zuwachs im Haushalt. Sie fand den kräftigen jungen Mann sehr sympathisch.

Helmut Koster aber war begeistert von dem Tierheim. Auch sagte ihm die kleine Wohnung sehr zu, die zu dem Tierheim gehörte und die schon einmal für kurze Zeit von einer Tierpflegerin bewohnt worden war. Auf die angekündigten Schimpansen aber freute er sich besonders.

*

Auch in Sophienlust herrschte freudige Erwartung. Ununterbrochen sprachen die Kinder über die Schimpansen, die täglich erwartet wurden. Nadja bildete in diesen Tagen den Mittelpunkt. Sie erzählte voller Begeisterung von der Schimpansennummer und den vielen Reisen, die sie mit ihren Eltern unternommen hatte. An ihre Mama dachte sie oft, doch machte sie sich keine allzu großen Sorgen um sie. Ihr gefiel es sehr gut in Sophienlust. Sie freute sich, dass sie einige Wochen hierbleiben durfte.

Die erwartungsvolle Freude hielt die Kinder jedoch nicht vom Reiten ab. Nadja, für die inzwischen ein passender Reitdress besorgt worden war, stellte sich sehr geschickt bei ihren ersten Reitstunden an. Nick war stolz auf seine neue Schülerin. »Bald wirst du perfekt sein«, stellte er schon am vierten Tag von Nadjas Anwesenheit fest.

»Ich bin doch auch früher schon manchmal auf Ponys geritten«, erwiderte sie stolz. »Papa, Mama und ich waren eine Zeitlang bei einem großen Zirkus. Da durfte ich jeden Tag auf Tieren reiten. Ja, ich habe sogar schon auf einem Kamel und auf einem Elefanten gesessen«, erzählte sie.

Staunend hörten ihr die kleinen Kinder zu. Die größeren dagegen glaubten ihr nicht ganz.

»Bist du auch schon einmal auf einem Löwen geritten?«, wollte ein fünfjähriger Knirps wissen.

Nadja runzelte die Brauen. Sie hatte sich immer gewünscht, auch einmal auf einem Löwen reiten zu dürfen. Doch das war nie geschehen. Sollte sie trotzdem behaupten, dass sie es getan hatte? Nadja überlegte und begegnete dabei dem leicht amüsierten Blick von Nick. Auch entging ihr nicht, dass Pünktchen den großen dunkelhaarigen Jungen heimlich anstieß und ihm zublinzelte. Doch jäh erinnerte sie sich an das, was ihre Mama immer gesagt hatte: Es ist hässlich, wenn man mit Heldentaten protzt, die man nie begangen hat.

Henrik blickte Nadja an. »Warum antwortest du nicht?«, fragte er neugierig. »Nicht wahr, du bist schon mal auf einem Löwen geritten?«

»Nein, noch nie«, erwiderte sie schnell und war froh, dass sie nicht geschwindelt hatte.

Carola Rennert erschien im Park. Sie schob den breiten Kinderwagen mit den Zwillingen Andreas und Alexandra die Hauptallee entlang. Die Mädchen liefen zu ihr hin und bewunderten die Babys. Die Buben blieben dagegen weiterhin am Springbrunnen stehen und beobachteten die Goldfische in dem großen Becken.

»Glaubst du, dass sie wirklich auf einem Kamel geritten ist?«, fragte Fabian seinen großen Freund Nick.

»Warum nicht? Das ist doch kein Kunststück.«

»Und auch auf einem Elefanten?« Henrik schüttelte den Kopf. »Ich kann mir das nicht vorstellen.«

»Ich glaube ihr. Ich hätte ihr aber nicht geglaubt, wenn sie uns hätte weismachen wollen, dass sie auch auf einem Löwen geritten sei«, entgegnete Nick. »Wisst ihr was? Wenn die Mädchen sich an den Babys sattgesehen haben, reiten wir zur Baumschule. Nadja kann dort ein Bäumchen einpflanzen.«

»Na klar, wir reiten dorthin.« Fabian lief schon zu den Mädchen, die noch immer am Kinderwagen standen und mit Garola sprachen. »Wir wollen ausreiten!«, rief er ihnen zu. »Nadja soll …«

Er kam nicht weiter, denn er wurde von einer Praktikantin unterbrochen, die angelaufen kam. »Nadja, du möchtest doch bitte zu Tante Isi kommen!«, rief sie dem kleinen Mädchen zu.

Die Jungen am Springbrunnen unterbrachen ihre lebhafte Unterhaltung, um zu hören, was geschehen war. Malu wechselte die Farbe, denn als einzige wusste sie, dass Nadjas Mutter sich einer lebensgefährlichen Operation unterziehen musste. Deshalb galt ihr erster Gedanke der kranken Frau. Wie entsetzlich, wenn ihr etwas zugestoßen wäre. Dann stünde Nadja ganz allein auf der Welt …

»Was ist denn los?«, fragte sie leise.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte die Praktikantin.

»Worauf warten wir noch?«, rief Nick, der wieder einmal vor Neugier platzte. Ob die Schimpansen endlich eingetroffen waren?

Denise erwartete die Kinder auf der Freitreppe. Dass sie vollzählig angelaufen kamen, entlockte ihr ein amüsiertes Lächeln. Denn was sie Nadja zu sagen hatte, durften in diesem Fall alle wissen.

»Na ja, da bist du ja!«, rief sie der Kleinen zu. »Vor einer halben Stunde sind deine Schimpansen im Tierheim eingetroffen.«

»Oh!« Mit verklärtem Blick sah Nadja sie an. »Endlich sind sie da.« Sie faltete ihre Hände. »Ist Papa auch mitgekommen?«

»Nein, mein Kleines. Er musste heute früh nach London fliegen.« Denise wollte keine Traurigkeit in dem Kind aufkommen lassen. Deshalb rief sie den Kindern rasch zu: »Ihr esst heute eine halbe Stunde früher zu Mittag, damit ihr alle zusammen nach Bachenau fahren könnt, um die Schimpansen zu besuchen.«

Die Kinder stießen ein Freudengeschrei aus und liefen sofort ins Haus.

*

Währenddessen herrschte in der Lehnschen Villa große Aufregung und Freude. Bevor Hans-Joachim die Affen zu ihrem Käfig brachte, der einer Kinderstube glich, nahm er sie ins Untersuchungszimmer, um zu untersuchen, ob sie auch gesund waren.

Die Dogge Severin, der Dackel Waldi, die Dackeline Hexe und die Dackelkinder Pucki und Purzel bellten wie verrückt. Sie alle schienen sich sehr vor diesen merkwürdigen Lebewesen zu fürchten, die weder Mensch noch Hund waren. Aber ihre Neugierde war letztlich stärker als ihre Furcht vor diesen seltsamen Geschöpfen. Schnuppernd standen sie vor der Tür, die zu den Praxisräumen führte. Zwischendurch ließ Severin ein dumpfes Grollen hören, und die Dackel begannen daraufhin aufgeregt zu kläffen.

Helmut Koster, der sich ausgezeichnet mit den Hunden verstand, gelang es schließlich, sie zu beruhigen. Dann kehrte er wieder zu dem Tierarzt und dessen Frau zurück, die sich noch immer um die Affenkinder bemühten.

Es war ein Pärchen. Batu war viel kräftiger als seine Schwester. Er hatte schwarzes Fell und ein sehr helles Gesicht. Auch seine Hände und Füße mit den langen Zehen waren fleischfarben, ebenso seine abstehenden Ohren. Aus seinen bernsteinfarbenen Augen beobachtete er abwechselnd die drei Menschen. Man sah seinem ausdrucksvollen Gesicht deutlich an, dass er überlegte, ob er sie als seine Freunde anerkennen solle.

Luja dagegen war viel scheuer. Ihr Fell war etwas heller und hatte einen hellbraunen Latz. Als Hans-Joachim sie untersuchte, begann sie heftig zu zittern.

»Ist ja schon gut, mein Mädchen«, redete er der Schimpansin gut zu. »Du brauchst keine Angst zu haben.«

Andrea strich Luja beruhigend über den Kopf, worauf die Schimpansin ihr einen tieftraurigen Blick zuwarf.

»Hoffentlich ist sie nicht krank!«, rief die junge Frau erschrocken.

»Bestimmt nicht, Frau von Lehn. Die fremde Umgebung schüchtert sie ein«, klärte Helmut Koster sie auf.

Hans-Joachim lachte: »Von allen Tieren, die die Welt bevölkern, steht der Schimpanse dem Menschen wohl am nächsten. Die Verwandtschaft zeigt sich nicht nur im Körperbau, sondern auch in seinem Benehmen. Mit seiner Mimik und seinen ausdrucksvollen Gesten kann er seine Gemütsverfassungen genauso ausdrücken wie wir. Luja ist in Ordnung.« Er nahm sie wie ein Kind auf die Arme. Misstrauisch sah sie ihn an und streckte dann ihre langen Arme Andrea entgegen.

»Nimm sie nur«, lachte Hans-Joachim. »Sie hat dich bereits ins Herz geschlossen.

Andrea ließ sich das nicht zweimal sagen. Das Affenmädchen schlang seine Arme um ihren Hals und stieß kleine Laute aus.

Batu schien sich bereits ganz zu Hause zu fühlen. Er lief von einem Möbelstück des Behandlungsraumes zum anderen und betastete ein jedes Stück. Dann steckte er die Finger in den Mund. Am meisten interessierte ihn das Mikroskop. Helmut Koster, der den Schimpansen keinen Augenblick aus den Augen gelassen hatte, rettete das kostbare Stück im letzten Augenblick, denn Batu hatte es bereits halb vom Tisch gezogen und war dann zurückgesprungen, wobei er an den Tisch mit den Reagenzgläsern gestoßen war. Einige von ihnen fielen um und zerbrachen. Erschrocken flüchtete der Affe in eine Ecke und legte die Hände vors Gesicht. Doch zwischen seinen langen Fingern blinzelte er neugierig hindurch.

Sein drolliges Benehmen war so komisch, dass alle lachen mussten.

»Am besten, wir bringen die Affenkinder jetzt in ihr neues Heim«, schlug Hans-Joachim vor, der weitere Scherben verhüten wollte.

»Wo sind die Hunde?«, fragte Andrea.

»Ich habe sie zu Betti in die Küche gesperrt. Warten Sie aber noch hier«, bat der Tierpfleger. »Ich will mich noch einmal überzeugen, dass sie nicht draußen herumlaufen.«

»Vielen Dank, Herr Koster.« Andrea legte auch keinen Wert darauf, die Eifersucht ihrer Hunde hervorzurufen. »Hoffentlich gewöhnen sich unsere fünf Vierbeiner an den neuen Zuwachs«, sagte sie.

»Bestimmt werden sie das tun.« Hans-Joachim ergriff Batu, der auf einem Stuhl herumturnte, mit dem er umzufallen, drohte. »So, mein Junge«, lachte er. »In eurem Käfig könnt ihr herumtollen so viel ihr wollt.«

»Die Hunde sind eingesperrt!«, rief Helmut Koster von der Tür her.

Um die anderen Tiere nicht zu erschrecken, betraten sie das Tierheim durch den Seiteneingang, neben dem sich gleich der große Käfig für die Affen befand. Darin gab es zwei Schlafkojen mit Stroh und Wolldecken. In der Mitte stand ein Baum mit kahlen Stämmen. Darunter befand sich ein niedriger Tisch mit Kinderstühlen. An den beiden Seitenwänden standen niedrige Bänke, auf denen Kissen lagen. Auch hatte Andrea, die den Käfig eingerichtet hatte, Spielzeug nicht vergessen. Helmut Koster hatte ihr gesagt, womit Affen am liebsten spielten.

Die Affenkinder verhielten sich zuerst ganz still in ihrem neuen Reich. Etwas ängstlich blickten sie sich nach allen Seiten um. Batu ging vorsichtig zu dem Baum hin und betastete den Stamm. Dann umfasste er einen Ast und schwang sich hinauf. Luja folgte ihm zögernd.

»Sie werden sich schnell einleben«, meinte der junge Tierpfleger. »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich täglich mit ihnen spielen und ihnen einiges beibringen. Affen sind sehr gelehrige Tiere.«

»Ja, das weiß ich.« Andrea war ganz verliebt in die beiden drolligen Schimpansen. »Ich wünschte nur, sie würden für immer bei uns bleiben«, erklärte sie impulsiv und sah Hans-Joachim an.

»Du weißt doch, dass sie Nadja gehören.«

»Natürlich weiß ich das.« Andrea blickte auf ihre Armbanduhr. »Jeden Augenblick müssten die Kinder aus Sophienlust eintreffen.« Sie ging hinaus und sah auf die Straße. Dort stand bereits der rote Kleinbus, aus dem eben die Kinder ausstiegen.

»Wo sind sie?«, rief Nick. »Verzeihung, erst einmal guten Tag«, entschuldigte er sein Benehmen und reichte seinem Schwager, der inzwischen ebenfalls herangekommen war, die Hand. »Wo sind sie denn?«, wiederholte er danach aufgeregt seine Frage.

»In ihrem Käfig im Tierheim«, teilte Hans-Joachim ihm mit. »Wo ist denn Nadja?«

Die Kleine stand noch beim Bus. Schließlich nahm Malu sie bei der Hand und führte sie zu dem jungen Paar hin. Auch die anderen Kinder kamen endlich näher.

Nachdem die Kinder alle nacheinander Andrea und deren Mann begrüßt hatten, liefen sie zum Tierheim hin. Andrea führte Nadja an der Hand und erzählte ihr, dass Luja und Batu sich schon sehr wohl fühlten.

Plötzlich löste sich die Kleine von Andreas Hand und begann zu laufen. Mit Nick zusammen betrat sie als erste das Tierheim.

»Ich freue mich so sehr«, flüsterte sie erregt. »Wo sind sie denn?«

»Ich glaube, dort hinten ist der Käfig«, erriet Nick sofort.

»Luja! Batu!«, rief Nadja und stand dann mit ausgestreckten Armen vor dem Käfig.

Die beiden Schimpansen kletterten in Windeseile von ihrem Baum herunter und liefen zum Gitter hin. Aufgeregt umfassten sie die Stäbe und rüttelten heftig daran.

»Ich möchte zu ihnen hinein«, flehte Nadja. »Bitte, bitte!«

Inzwischen waren auch Andrea, ihr Mann und die Kinder herangekommen. Mit glänzenden Augen beobachteten letztere die beiden Schimpansen.

»Komm«, sagte Andrea. Sie fasste das Kind wieder bei der Hand und ging mit ihm zu der Tür. Dann bat sie Helmut Koster, mit Nadja in den Käfig zu gehen.

Die Wiedersehensfreude zwischen dem kleinen Mädchen und den beiden Affenkindern war rührend anzusehen. Sie umsprangen das Kind und stießen dabei helle Töne aus. Auch klatschten sie in die Hände.

»Wie geht es euch?«, fragte Nadja und setzte sich auf eine der Bänke. Die Schimpansen ließen sich sofort neben ihr nieder und sahen sie erwartungsvoll an.

Die Kinder und die Erwachsenen vor dem Käfig konnten sich an dem reizenden Bild kaum sattsehen.

»Eigentlich hatte ich gedacht, dass Nadja ein wenig übertrieben hat, als sie uns erzählte, dass man sich mit Luja und Batu wie mit Kindern unterhalten kann«, bemerkte Pünktchen.

»Ich habe sogleich gewusst, dass sie uns keine Märchen erzählt hat«, entgegnete Isabel. Auch Malu behauptete das Gleiche. Und falls eines der übrigen Kinder Nadjas Erzählungen doch etwas misstrauisch gegenübergestanden hatte, so hütete es sich jetzt, das laut werden zu lassen.

Um den Kindern eine Freude zu bereiten, begann der Tierpfleger mit der Fütterung der Schimpansen. Er stellte zwei Blechteller auf den Tisch und schüttete Kokosmilch in die Emaillebecher.

Nadja erhob sich sofort. Sie nahm Luja an die Hand und Batu an die andere. »Sie können schon vom Teller essen«, klärte sie Helmut Koster auf. »Sogar mit Löffeln«, fügte sie stolz hinzu. »Setzt euch«, bat sie die beiden Schimpansen, die sie zuerst ansahen, ihr dann aber gehorchten. Geduldig ließen sie sich Lätzchen umbinden. Batu nahm seinen Teller und stülpte ihn sich auf den Kopf. Die Kinder brachen in fröhliches Lachen aus.

Luja sah ihren Bruder an und ergriff dann mit beiden Händen den Becher. Recht manierlich setzte sie ihn an die Lippen und trank die Kokosmilch bis zur Neige aus. Dann fuhr sie mit ihrer Zunge in den Becher hinein. Als sie feststellte, dass er leer war, erhob sie sich und lief zu Nadja hin, um ihr den Becher zu reichen.

»Sie will noch Milch«, sagte Nadja zu Helmut Koster. Dieser füllte den Becher noch einmal nach. Dann legte er auf die Teller je eine Banane, einen Apfel und eine halbe Grapefruit.

Aber die Schimpansen schauten die Früchte nicht einmal an. Sie erhoben sich und schlugen einige Purzelbäume, dann liefen sie zu Nadja hin.

»Andrea, wir müssen einen Kinderwagen organisieren«, schlug Nick seiner Schwester vor. »Nadja hat uns doch von ihrer Zirkusnummer erzählt, bei der sie die beiden Schimpansen über die Bühne schiebt.«

»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, versprach Andrea.

»Wenn du so ein Ding nicht auftreiben kannst, wird es gewiss Mutti tun. Oh, ich erinnere mich, dass wir noch einen Kinderwagen auf dem Speicher stehen haben!«, rief Nick. »So einen ganz altmodischen mit großen Rädern. Aber er wäre gerade richtig für die Affen.«

»Stimmt, ich erinnere mich jetzt auch wieder an den Wagen. Als Kind wollte ich ihn immer als Puppenwagen haben. Ja, es wäre wirklich nett, wenn Nadja die beiden Affenkinder darin umherfahren könnte.«

Nadja trennte sich nur schwer von ihren Lieblingen. Immer wieder drehte sie sich um und winkte den beiden zu, die mit tieftraurigen Augen am Gitter standen und dem Mädchen nachblickten.

Nick, der ahnte, wie traurig Nadja war, erzählte ihr von dem altmodischen Kinderwagen. Daraufhin begannen die Kinderaugen aufzuleuchten. Von diesem Augenblick an konnte es Nadja kaum erwarten, wieder in Sophienlust zu sein. Noch vor dem Abendessen liefen die Kinder die schmale Treppe zum Speicher hinauf, um nach dem Wagen zu suchen.

Ein bisschen enttäuschend war der Anblick schon, aber Malu und Isabel versprachen, ihn zu säubern und passende Kissen für den Wagen zu organisieren oder wenn es nötig sein sollte, unbedingt anzufertigen.

Alle beteiligten sich nach dem Abendessen an der Renovierung. Carola Rennert spendierte eine Unterlage, Tante Ma, wie Frau Rennert von den Kindern genannt wurde, fand in ihrer Truhe eine hellblaue Überdecke. Nick polierte die Speichen der Räder so lange, bis sie nur so blitzten. Und Malu bearbeitete das Dach mit einem Mittel, das die Flecken beseitigte und schadhafte Stellen fast unsichtbar machte.

Da Ferien waren, durften auch die kleineren Kinder an diesem Abend etwas länger aufbleiben. Als die alte Standuhr in der Halle neun dumpfe Schläge erschallen ließ, sah der alte Kinderwagen wie ein neuer aus. Verzückt bestaunte ihn Nadja. »So schön war nicht einmal der Wagen, mit dem ich aufgetreten bin«, erklärte sie. »Nicht wahr, morgen Vormittag fahren wir wieder zum Tierheim?«

»Ja, Nadja, das wollen wir. Und sollte das Wetter ebenso schön wie heute sein, fahren wir nicht nach Sophienlust zurück. Ich werde Magda bitten, die Picknickkörbe zu füllen. Hinter Andreas Haus breitet sich eine herrliche Wiese aus. Dort haben wir schon häufig gepicknickt. Am Rand stehen Laubbäume, unter deren weitausladenden Ästen man Schatten findet. Vielleicht könnten wir Luja und Batu zum Picknickplatz mitnehmen«, überlegte er und nahm sich vor, mit Hans-Joachim zu sprechen.

»Fein!«, rief Nadja und klatschte begeistert in die Hände.

Tatsächlich verlief der nächste Tag genauso, wie die Kinder ihn sich erträumt hatten. Ein tiefblauer Himmel spannte sich über die sommerliche Landschaft. Ein lauer Wind raschelte in den Bäumen, die Bienen summten und die Vögel zwitscherten.

Nadja strahlte übers ganze Gesicht. Luja und Batu saßen still im Wagen, den ihre kleine Herrin zum Picknickplatz schob.

Severin war vorsichtshalber eingesperrt worden, aber die vier Dackel – Waldi, Hexe, Pucki und Purzel – umsprangen die Kinder mit lautem Gebell. Allzu nahe trauten sie sich noch nicht an den Wagen heran, aber sie schienen begriffen zu haben, dass die Affen harmlos waren.

Vorsichtshalber begleitete der Tierpfleger Helmut Koster die picknickfreudige Gesellschaft. Ganz traute er den Schimpansen doch nicht, deren Blicke immer wieder zu den hohen Bäumen hinaufirrten.

*

Während Nadja sicher war, noch niemals in ihrem ganzen Leben so glücklich gewesen zu sein wie an diesem Tag, wurde Marika in den Operationssaal gebracht. Ihr Leben hing in den nächsten Stunden an einem seidenen Faden, aber sie überwand die Krise. Als sie am nächsten Morgen wieder klare Gedanken fassen konnte, wurde die Sehnsucht nach ihrem Kind so heftig in ihr, dass sie die Oberschwester bat, in Sophienlust anzurufen, um sich nach Nadjas Befinden zu erkundigen. Schon bald kehrte diese zurück und sagte ihr, dass Nadja sich sehr gut im Kinderheim eingelebt habe und es ihr ausgezeichnet gehe.

»Vielen Dank, Schwester.« Marika schloss erleichtert die Augen. Eine wohltuende Mattigkeit breitete sich in ihr aus. Doch zugleich bedrängten sie wieder Erlebnisse und Bilder der Vergangenheit.

Sie sah sich wieder als blutjunges Mädchen, angebetet und maßlos verwöhnt von einem nachgiebigen Vater und umschwärmt von Verehrern, die ihr in Scharen nachliefen. Sie hatte keinen von ihnen ernstgenommen. Doch dann war sie dem Mann begegnet, der ihr zum Schicksal geworden war. Sie hatte ihn auf einem Maskenball in Wien kennen gelernt und sich leidenschaftlich in ihn verliebt. Ihre Liebe war ein einziger Rausch gewesen, aus dem sie jedoch ein Vierteljahr später mit einem bitteren Geschmack auf den Lippen erwacht war. Denn Curd hatte sie ohne einen besonderen Anlass wortlos verlassen, und das obendrein zu einer Zeit, da ihr Vater schwer krank geworden und kurz darauf gestorben war. Als sie gewusst hatte, dass sie ein Kind von ihrem Geliebten erwartete, war sie viel zu stolz gewesen, ihm davon Mitteilung zu machen, obwohl sie gewusst hatte, wo er wohnte.