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Nichts für schwache Nerven! Anna und ihr Bruder Max reisen mit ihrem Vater, einem Professor, nach Transsilvanien. Die Pension, in der sie übernachten müssen, ist mehr als unheimlich. Es regnet und stürmt die ganze Zeit, und die Wirtin murmelt seltsame Dinge. Als die Geschwister einen geheimnisvollen Dolch finden, geschieht das Unfassbare: Max wird entführt. Von einem Vampir! Anna bleibt nichts anderes übrig, als sich auf den Weg in ein zerfallenes Schloss zu machen, um ihren Bruder zu befreien ... Für alle Fans von »Darkmouth« und »Ravenstorm Island« Der spannende Auftakt einer neuen Abenteuer-Grusel-Reihe. Alle Bände der »Echt böse!«-Reihe: »Echt böse! Vampire sterben einsam« (Band 1) »Echt böse! Den Letzten beißen die Trolle« (Band 2)
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2019
Jack Henseleit
Band 1
Jack Henseleit wurde an einem Winterabend im Jahre 1991 geboren, kurz nach Mitternacht. Wenn das Wetter dunkel und stürmisch ist, schreibt er Märchen – echte Märchen, in denen Hexen und Goblins unachtsamen Mädchen und Jungen Streiche spielen. Nicht alle Geschichten haben ein glückliches Ende ...
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Original Title: The Vampire Knife
Text Copyright © 2017 Jack Henseleit
First published in Australia by Hardie Grant Egmont
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Frauke Schneider, Wittighausen
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-5144-2
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Widmung
Phantastische Geschichten für kühne Kinder
Ein Wort der Warnung
1 Gleich da
2 Zum Wilden Thymian
3 Verstecke
4 Verbotene Wörter
5 Geisterstunde
6 Unterm Bett
7 Legenden und Landkarten
8 Eine falsche Schlange
9 Katz und Maus
10 Drei Schlüssel
11 Märchenstunde
12 Angebissen
13 Sackgasse
14 Geschöpfe der Nacht
15 Auf der Schwelle
16 Abschiedsgeschenke
17 Gutenachtgeschichten
Leseprobe
Danksagung
Für Gypsy, Jesse und Raffy,
die gruseligsten Kinder in ganz Mount Rowan
Die Geschichten, die hier niedergeschrieben sind, spielen nicht in der Welt, die du kennst. Es sind Geschichten von alten, dunklen Wäldern, in denen wundersame und schreckliche Geschöpfe lauern, Legenden von Feenwesen in ihren urwüchsigen Formen, dürstend nach Magie und Blut.
Es wäre nicht ratsam, diesen Wesen gegenüberzutreten. Und es ist ohnehin unmöglich. Denn ihre Welt ist nicht unsere Welt, ihre Wege sind nicht unsere Wege. Der Wunsch, sie aufzuspüren, birgt nur Kummer und Gram.
Such nicht nach ihnen. Du wirst sie nicht finden.
Und falls doch, wirst du es bitter bereuen.
»Erzählst du mir eine Geschichte?«, fragte Max.
Anna wandte den Kopf, um ihren Bruder anzuschauen. Ihr Vater hatte in der Mitte der Rückbank eine Mauer aus Kissen und Koffern errichtet, damit sich die Geschwister nicht gegenseitig ärgerten, aber die war so hoch, dass Anna bloß ein paar braune Haarbüschel erkannte. Der Rest von Max’ Kopf war hinter einem Stapel dicker Bücher versteckt.
»Oder wie wär’s mit Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst? Du darfst auch anfangen.«
Anna warf einen Blick aus dem Fenster und seufzte.
»Da gibt’s nur ein Problem: Ich sehe rein gar nichts!«
Es war ein düsterer, stürmischer Nachmittag in Transsilvanien. Regen trommelte aufs Dach des Autos, das sich über die schmalen Serpentinen den Berg hinaufquälte. Die Scheinwerfer kamen mehr schlecht als recht gegen die Dunkelheit an.
Anna fürchtete, dass sie sich verfahren hatten. Das letzte Schild lag schon ein gutes Stück zurück, und die Straße war so eng und holprig, dass sie die Bezeichnung kaum verdiente. Während der ersten Stunde der Fahrt war das Unwetter noch aufregend gewesen. Jetzt, nach fast drei Stunden, wurde Anna allmählich unruhig.
»Sind wir bald da?«
Sie zog an ihrem Gurt und beugte sich nach vorn. Ihr Vater umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und klebte mit der Nase an der Windschutzscheibe. Hin und wieder huschten seine Augen zum Beifahrersitz, auf dem sich Papierrollen und Atlanten stapelten. Ganz oben thronte die älteste Karte, die Anna je gesehen hatte. Das Papier war vergilbt und so spröde, dass es an den Ränder schon zerbröckelte.
Sie räusperte sich.
»Sind wir bald da?«, fragte sie noch einmal lauter.
Ihr Vater fuhr vor Schreck zusammen, und das Auto eierte von der einen Seite der Straße zur anderen (was nicht sonderlich weit war).
»Ja, gleich«, antwortete er, beäugte nervös die alte Karte und wischte sich die Stirn. »Glaube ich zumindest.«
Anna stöhnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Vater sich verfranzte. Sie ließ sich zurück gegen die Lehne ihres Sitzes fallen und verschränkte die Arme.
»Ich hab noch Süßigkeiten übrig«, verkündete Max.
»Lügner!«
»Gar nicht. Ich habe mir welche aufgehoben.«
»Beweis es.«
Eine braune Papiertüte tauchte über der Mauer auf. Sie wirkte noch etwa halb voll. Anna war beeindruckt. Sie selbst hatte ihre Süßigkeiten längst aufgegessen.
»Ich teil sie mit dir«, meinte Max. »Wenn du mir eine Geschichte erzählst.«
Ein Blitz verschwand zuckend zwischen den Bäumen. Donner grollte so laut, als würde ein Riese direkt über ihnen den Himmel aufreißen.
»Einverstanden.«
Eine rote Gummischlange kam über die Koffermauer gesegelt und landete in Annas Schoß.
»Aber nicht zu gruselig«, verlangte Max. »Bloß ein kleines bisschen.«
Anna schnappte sich die Schlange und biss ihr den Kopf ab.
»In Ordnung. Lass mich kurz nachdenken …«
Während sie den Rest der Schlange aß, starrte sie aus dem Fenster in den dunklen Wald. Dann lächelte sie.
»Es war einmal ein Junge namens Max. Max war erst acht Jahre alt und lebte mit seiner elfjährigen Schwester und ihrem Vater, der von allen nur ›der Professor‹ genannt wurde, in einer großen Stadt. Eines Tages nahm der Professor Max und seine Schwester mit auf eine Dienstreise, in einen Wald irgendwo im Nirgendwo. Doch Max sollte sich noch wünschen, den Wald nie betreten zu haben.«
»Warum?«
»Weil es dort immer Nacht war und regnete. Und die Wege waren so lang und überwuchert, dass sich sogar der Professor manchmal verirrte. Aber am unheimlichsten waren die Wesen, die dort lebten. Das allerschrecklichste lauerte in der Mitte des Waldes, im tiefsten, düstersten Teil …« Anna legte eine dramatische Pause ein. »Die Hexe!«
»Können wir die Geschichte kurz unterbrechen?«, fragte Max schnell.
Anna verstummte. Zum Glück konnte ihr kleiner Bruder ihr breites Grinsen nicht sehen.
»Erst mal musst du wissen, dass ich keine Angst mehr vor Hexen habe. Deswegen macht es mir nichts aus, dass eine Hexe vorkommt, okay?«
»Okay«, antwortete Anna.
»Und es soll bloß ein bisschen gruselig sein. Also darf Max nichts Schlimmes passieren, ja?«
»Das sagst du immer. Aber irgendwas muss Max passieren!«
»Anna, sei nett zu deinem Bruder«, rief ihr Vater in bester Professor-Manier vom Fahrersitz nach hinten. »Warum liest du ihm nicht aus deinem neuen Buch vor?«
Anna rümpfte die Nase. Der Professor hatte ihr am Flughafen ein Märchenbuch gekauft, aber eins von der völlig falschen Sorte. Das Cover war rosafarben und glitzerte, und die Feen in den Geschichten waren überhaupt nicht unheimlich. Sie mochte richtige Märchen, so wie die, die ganz unten in ihrem Koffer versteckt waren, irgendwo in der großen Mauer – Märchen mit Hexen und Kobolden, die unachtsame Kinder hereinlegten. Meistens mussten die Mädchen und Jungen die Fabelwesen überlisten, um ihre Freiheit zurückzuerlangen und aus dem verwunschenen Wald zu fliehen. Manchmal brachten sie sogar magische Andenken mit nach Hause zurück. Solche Märchen hatten allerdings nicht immer ein Happy End. Es konnte durchaus vorkommen, dass die Ungeheuer gewannen.
Anna schauderte.
»Lieber nicht.« Mit einem Tritt beförderte sie das rosafarbene Buch noch tiefer unter den Beifahrersitz. »Außerdem haben wir jetzt schon angefangen.«
»Genau«, pflichtete Max ihr bei. »Und das geht auch in Ordnung, weil Max nichts Schlimmes passieren wird, oder?«
Anna antwortete nicht. Stattdessen erzählte sie weiter.
»Max wusste, dass er eigentlich nicht in den Wald durfte. Aber nach einer Weile wurde er mutiger und spielte immer näher am Waldrand. Eines Tages fühlte er sich besonders mutig, mutiger als je zuvor, und dachte, dass ein Ausflug in den Wald doch ein tolles Abenteuer wäre. Also wanderte er los.«
Ein Blitz zuckte über den Himmel, und selbst Anna erschrak. Eine Sekunde lang wurden die Bäume draußen so hell erleuchtet, als schiene die Sonne. Sie waren alt und krumm, mit gewundenen Ästen, die sich wie hölzerne Arme in Richtung Straße streckten. Ein paar der Zweige ähnelten sogar langen, spitzen Fingern.
»Was war das?«, fragte Max ängstlich.
»Nur ein Blitz«, beruhigte Anna ihn.
»Nein, ich hab was gesehen. Im Wald.«
»Was? Wo?«
Anna reckte den Kopf, um durch sein Fenster zu gucken, aber jetzt war alles wieder pechschwarz.
»Keine Ahnung. Es sah aus wie ein Mensch. Ein großer Mensch mit weißen Augen.«
»Wahrscheinlich war es bloß ein Bär«, meldete der Professor sich zu Wort. »Davon gibt es in Transsilvanien jede Menge. Genau wie Wölfe.«
Bloß ein Bär?, dachte Anna und spähte weiter in die Finsternis. Einen echten Bären zu sehen, das war so ungefähr das Aufregendste, was sie sich vorstellen konnte.
»Es war kein Bär, sondern irgendwas anderes«, sagte Max. »Es hat mich direkt angestarrt.«
»Doch, ganz bestimmt«, meinte der Professor. »Und ich glaube, es reicht für heute mit deiner Geschichte, Anna.«
»Hmpf.« Anna verschränkte wieder die Arme und brummte vor sich hin: »Und ich glaube, es reicht für heute mit deinen Kartenlesekünsten.«
Das Gewitter wurde immer schlimmer. Der Regen prasselte unerbittlich aufs Auto ein. Hoffentlich gibt das Dach nicht irgendwann nach, dachte Anna. Sie fuhren tiefer und tiefer in den Wald hinein. Niemand sprach ein Wort.
Plötzlich fiel noch eine Gummischlange in ihren Schoß.
Grinsend drehte sie sich zur Gepäckmauer und fing leise an, Taschen und Bücher herauszuziehen und in den Fußraum zu werfen. Ein paar Sekunden später hörte sie, wie Max von der anderen Seite losgrub. Die Mauer schwankte gefährlich, dann verschwand ein letzter Koffer, und der Tunnel war fertig. Max’ Gesicht tauchte auf. Anna kam sich vor, als würde sie durch ein Regal in der Bibliothek gucken.
»Erzähl weiter«, flüsterte Max.
Wachsam schaute Anna in Richtung ihres Vaters.
»Okay. Also: Max wusste, dass die Waldwege trügerisch waren. Er hatte ein Stück Brot in der Tasche. Das zerbröselte er und legte mit den Krumen eine Spur, der er folgen konnte, wenn er zurück nach Hause wollte.«
»Das stammt aus Hänsel und Gretel«, sagte Max.
»Psst … Die Brotkrumen würden ihn sicher aus dem Wald führen.«
»Würden sie gar nicht«, entgegnete Max. »Weil die Vögel sie nämlich auffressen.«
Anna funkelte ihn an.
»Max hatte Angst, dass die Vögel die Krumen auffressen würden«, fuhr sie fort. »Aber das taten sie nicht, denn der Wald war böse, und alle Vögel und kleineren Tiere waren längst geflohen. Geblieben waren nur die Bären und Wölfe – und natürlich die Hexe. Tatsächlich wäre es sicherer für Max gewesen, wenn die Vögel die Brotkrumen aufgefressen hätten, denn jeder Spur kann man in zwei Richtungen folgen. Und Max’ Spur führte in die eine Richtung aus dem Wald heraus, aber in die andere direkt zu ihm!«
Das Auto wurde langsamer. Anna richtete sich besorgt auf. Hatte ihr Vater doch etwas mitbekommen? Aber er beachtete sie gar nicht. Er presste das Gesicht ans Fenster und spähte hoffnungsvoll nach draußen.
»Das könnte es sein … Ich steige mal aus und schaue nach. Kommt ihr hier für ein paar Minuten allein zurecht?«
»Klar«, sagte Anna.
»Klar«, sagte Max, allerdings sehr viel weniger überzeugt.
Der Professor schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. Als er die Wagentür aufschob, hörten sie den Wind für kurze Zeit in voller Lautstärke, das Pfeifen und Brausen und Tosen und Heulen der heftigen, nassen Böen. Dann fiel die Tür zu, und der Lärm des Sturms wurde wieder gedämpft.
Anna fühlte sich plötzlich sehr allein.
»Lass uns Pause machen mit der Geschichte, bis Dad zurück ist, ja?«, flüsterte Max.
»Sicher?«, fragte Anna. »Der nächste Teil ist wirklich gut!«
»Gruselig?«
»Ein bisschen.«
Max konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Okay. Erzähl weiter.«
Anna lächelte.
»Max schlich also durch den Wald und legte seine Brotkrumenspur. Er bemerkte nicht, dass ihm jemand folgte. Und dass dieser Jemand ihm immer näher kam.«
Max erstarrte. Anna beugte sich vor, so dass ihr Gesicht den Tunnel ausfüllte, grinste unheimlich und sprach mit tiefer, gespenstischer Stimme: »Zwischen den Bäumen war es dunkel, so dunkel, dass Max kaum die Hand vor Augen erkannte. Doch sein Verfolger war mittlerweile so dicht hinter ihm, dass er Schritte hörte, die nicht seine eigenen waren. Jemand – oder etwas – lauerte da in den Schatten. Er drehte sich um …«
Auch der echte Max warf einen raschen Blick über die Schulter.
Genau in diesem Moment flog seine Tür auf.
Der Wind fegte herein. Regen peitschte Anna ins Gesicht. Verwirrt rieb sie sich die Augen, versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Sie hörte Max schreien, wusste aber nicht, warum – war es nur der Schreck oder noch etwas anderes? Schnell öffnete sie ihren Gurt und stemmte sich hoch, um über die Mauer zu gucken.
Was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Eine gebeugte alte Frau in einem langen schwarzen Umhang streckte die verrunzelten Hände in den Wagen.
Und griff nach Max!
Max brüllte Zeter und Mordio, während die Frau seinen Gurt löste und ihn aus dem Wagen zerrte. Das Ganze passierte so schnell, dass Anna nur sprachlos zuschauen konnte. Plötzlich wurde auch auf ihrer Seite die Tür aufgerissen, und jemand packte sie an der Hüfte und wollte sie von ihrem Sitz ziehen. Sie wirbelte herum, die Finger wie Klauen gekrümmt, bereit, sich gegen das Ungeheuer zu verteidigen, das sie da angriff.
Es war der Professor.
»Keine Panik«, rief er. »Sehen wir zu, dass wir ins Trockene kommen!«
»Aber … aber …«, stammelte Anna. »Da ist eine Hexe! Und sie hat sich Max geschnappt!«
»Was? Unsinn! Es gibt keine Hexen. Das ist die Dame, der die Pension hier gehört. Los, beeil dich!«
Anna ließ sich von ihrem Vater aus dem Wagen und halb unter seinen Mantel bugsieren. Dann rannten sie zusammen durch den Regen. Die dicken, kalten Tropfen klatschten ihr auf den Kopf. Wo liefen sie hin? Es war noch lange nicht Abend, aber schon so dunkel, dass man kaum etwas erkennen konnte. Sie verengte die Augen und spähte angestrengt durch den Nebel, bis sie zwei schwache Lichtflecke entdeckte. Das mussten Fenster sein. Sie schlüpfte unter dem Mantel des Professors hervor und sprintete darauf zu.
Max war bereits dort und versuchte vergeblich, sich aus dem Griff der alten Frau zu winden. Als er seine Schwester erblickte, schrie er verzweifelt: »Anna! Hilf mir!«
»Schon gut, Max, sie ist keine Hexe«, rief Anna. »Hoffe ich zumindest«, fügte sie leise hinzu.
Die Pension schälte sich eher widerwillig aus dem Schwarz. Sie wirkte wie aus einem anderen Jahrhundert. Die weißen Mauern waren mit Weinranken und Moos überwuchert, und das Holz der Eingangstür war verzogen und zerkratzt. Regen stürzte in winzigen Wasserfällen vom windschiefen Reetdach.
In einem Pflanzenkübel mit kleinen lilafarbenen Blumen neben der Tür steckte ein Schild. Darauf war in verblichenen, halb abgeplatzten Buchstaben zu lesen: ZUM WILDEN THYMIAN.
Die alte Frau lächelte Anna an und sagte: »Alo.«
Anna war kurz verwirrt. »Alo? Ach, hallo!«
Die Frau nickte und lächelte erneut. Besonders viele Zähne hatte sie nicht mehr. Max stand ganz still. Die Augen hatte er fest zugekniffen, und er öffnete sie erst wieder, als der Professor die Veranda erreichte und sich zitternd durchs tropfnasse Haar fuhr.
»Was für ein Wetter … Hoffentlich trockne ich schnell wieder, so nass darf ich bestimmt nicht in die Bibliothek.«
Anna und ihr Bruder ließen die Schultern hängen.
»Du musst aber nicht sofort los, oder?«, fragte Max leise.
Auch Anna hoffte, dass ihr Vater noch ein wenig bleiben würde. Kinder waren in den alten Bibliotheken, in denen er seine Forschungen betrieb, selten gern gesehen, und sobald er sich erst einmal in die Bücher vertieft hatte, wusste man nie, wann er wieder auftauchte. Das war meistens kein Problem, weil Anna und Max dann so viele Filme schauen durften, wie sie wollten, und wenn der Professor besonders spät zurückkam, aßen sie Süßigkeiten zum Abendessen. Diesmal allerdings lagen die Dinge anders. Denn selbst wenn es hier einen Fernseher geben sollte (was Anna stark bezweifelte) – an einem solchen Ort wäre niemand gern allein.
