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London im 19. Jahrhundert. Ein gewissenloser Mörder macht des Nachts die Straßen unsicher! Sein erstes Opfer hinterlässt er kopflos am Ufer der Themse, wo es von den Katern Edgar und Algernon gefunden wird. Gemeinsam mit der belesenen Leyla und der etwas verrückten Katze Sue machen sich die vier auf die Suche nach dem Täter. Ein sprechender Totenschädel führt die Freunde auf die Spur eines skrupellosen Wissenschaftlers. Doch würde dieser um der Forschung willen tatsächlich so weit gehen? Eines ist klar: Die Straßenkatzen müssen sofort eingreifen, um weitere Morde zu verhindern!
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Veröffentlichungsjahr: 2014
London im 19. Jahrhundert.
Ein gewissenloser Mörder macht des Nachts die Straßen unsicher! Sein erstes Opfer hinterlässt er kopflos am Ufer der Themse, wo es von den Katern Edgar und Algernon gefunden wird. Gemeinsam mit der belesenen Leyla und der etwas verrückten Katze Sue machen sich die vier auf die Suche nach dem Täter. Ein sprechender Totenschädel führt die Freunde auf die Spur eines skrupellosen Wissenschaftlers. Doch würde dieser um der Forschung willen tatsächlich so weit gehen? Eines ist klar: Die Straßenkatzen müssen sofort eingreifen, um weitere Morde zu verhindern!
© Marliese Arold
Marliese Arold wurde als jüngstes Kind von drei Geschwistern in Erlenbach am Main geboren. Das Nesthäkchen liebte die Märchen, die ihre Mutter ihr erzählte und entdeckte sehr früh die Liebe zu Geschichten. Sie konnte von Büchern nicht genug bekommen, aber Bücher waren knapp. Um Abhilfe zu schaffen, beschloss sie kurzerhand, selbst zu schreiben. Über zweihundert Bücher hat die Vollzeit-Autorin, die mit ihrem Mann noch immer in Erlenbach lebt, schon geschrieben. Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Ihre lustigen, traurigen, spannenden und frechen Erzählungen vermehren sich fröhlich weiter und, tatsächlich, langsam wird es auf ihren Bücherregalen eng!
»Isses de-denn richtig, was wir hier tu-tun, Sir?«
»Natürlich ist es richtig, Tom. Jetzt hör auf, mir ein Loch in den Bauch zu fragen, und grab weiter, damit wir heute Nacht noch fertig werden.«
»Wieso mach ich Ih-ihnen ein Lo-loch in den Bauch?«
»Oh Tom, halt einfach nur den Mund, ja?« Der Größere der beiden stieß mit aller Kraft die Spitzhacke in die Erde. Ab einer Tiefe von einem halben Meter war der Boden immer noch gefroren. Es war ein langer, harter Winter gewesen. Vor einer Woche hatte es endlich angefangen zu tauen, und sie konnten wieder ihrer Arbeit nachgehen. Wenigstens hatte der Frost auch den Verwesungsprozess aufgehalten, und sie würden im Sarg eine relativ frische Leiche finden. Falls sie es heute Nacht überhaupt noch schafften.
Eine Weile war nur das Geräusch der Schaufeln zu hören. Die beiden arbeiteten verbissen. Dann grub nur noch einer, immer langsamer, während der andere sich den Schweiß von der Stirn wischte und einen Schluck aus der Flasche nahm, die er mitgebracht hatte. Schließlich ließ auch der zweite die Schaufel fallen, und es herrschte einen Moment lang Stille.
»Was stehst du denn schon wieder rum, Tom? Warum machst du nicht weiter? Du musst keine Pause machen, nur weil ich mich einen Moment ausruhe. Immerhin bin ich viermal so alt wie du. Du bist jung und kräftig.«
»Mein Rü-rücken tut weh, Sir. Und ich ha-hab Blasen an den Händen, weil ich keine Ha-handschuhe anhab wie Sie.«
»Hol dich der Teufel, du bist wirklich zu nichts nütze.« Verärgert fasste der Mann in seine Manteltaschen und förderte ein weiteres Paar Handschuhe zutage. Sie waren alt und abgetragen. Er warf sie seinem jungen Helfer zu. »Warum hast du das nicht früher gesagt?«
»Weil ich doch den Mu-mund halten soll, Sir.«
Der ältere Mann stöhnte. »Mit dir bin ich wirklich gestraft. Ich verwünsche den Tag, an dem ich dich aus dem Waisenhaus geholt habe.«
»Tu-tut mir leid, Sir.«
»Jetzt schwatz nicht rum, sondern mach weiter. Nicht mehr lang, dann wird es hell. Gnade uns Gott, wenn uns jemand erwischt.« Der Alte griff wieder zur Schaufel.
Der Junge hob den Kopf. Obwohl es noch dunkel war, zwitscherte schon ein Vogel. Ein zweiter fiel ein. Wenig später ertönte überall auf dem Friedhof Vogelgesang. Der Junge war wie verzaubert und lauschte entzückt.
»Du stehst hier rum und hältst Maulaffen feil«, schimpfte der Alte. »Muss ich dir Beine machen? Arbeite, hab ich gesagt!« Er stieß den Jungen mit dem Schaufelstiel so grob in die Rippen, dass dieser schwankte und in die ausgehobene Grube stürzte.
Einen Moment später splitterte Holz, und der Junge brach noch weiter ein. Er schrie auf.
»Hi-hilfe! Da ist eine Ha-hand! Jemand hält mich fest!«
»Du Trottel! Der da unten kann dich gar nicht mehr festhalten, er ist schon längst tot! – Warte, ich leuchte dir.« Der Alte hob die Laterne hoch und hielt sie so, dass ihr Schein in die Grube fiel. »Jetzt tu, was ich dir gesagt habe.«
»Mu-muss ich das?«
»Tom, du weißt, warum wir das machen. Du willst doch gesund werden und genauso sein wie die anderen Menschen, oder?«
»Ja-ja, Sir, das wi-will ich.«
»Dann nimm endlich das Messer!«
Ich haare«, klagte Leyla. Die Siamkatze saß in der obersten Kiste und betrieb ausgiebig Fellpflege. »Und das seit Tagen. Bald werde ich völlig kahl sein – eine hässliche nackte Katze.«
»Ach was«, schnurrte der rote Kater Algernon, der es sich schräg unterhalb von ihr bequem gemacht hatte. »Du bist und bleibst die Schönste von London.«
Es war kühl in dem Kellerraum, in dem nur ein Stapel alter Kisten stand. Seit einigen Monaten diente das Gewölbe vier Katzen als Zuhause. Immerhin waren sie hier vor Regen und allzu großer Kälte geschützt, vor allem, wenn sie sich gegenseitig wärmten.
»Algernon, du bist ein Schmeichler!« Leyla spuckte ein Knäuel heller Haare aus. »Hier! Schau doch! So viel Fell habe ich nie verloren, als ich noch bei meinem Herrn war.«
Algernon seufzte. Er streckte sich und sprang dann mit einem Satz auf den Boden. Er trabte in die Ecke, in der Edgar auf einer Decke lag, und fragte: »Was ist, Kumpel? Gehst du mit auf die Piste?«
»Ja, klar.« Der junge schwarze Kater war sofort auf den Beinen. Der Hunger nagte in seinem Magen. In der letzten Zeit hatte er das Gefühl, dauernd essen zu können. Er war während des Winters ein gutes Stück gewachsen und inzwischen fast so groß wie Algernon, obwohl dieser mit seinem buschigen Fell deutlich dicker wirkte.
»Will noch jemand mit?« Algernon sah zu Leyla hoch, die immer noch ihren Bauch leckte und auf seine Frage nicht reagierte. Und Sue, die getigerte Katze, schlief. Sie lag auf dem Rücken und streckte dabei alle vier Beine in die Höhe. Ab und zu machte sie Laufbewegungen und fauchte leise dabei.
»Die Ladys haben heute kein Interesse«, stellte der rote Kater fest, lief zur Wand und sprang zum Kellerfenster hoch. Edgar folgte ihm.
Milde Luft empfing die beiden.
Edgar reckte den Kopf und schnupperte. »Es riecht irgendwie anders als sonst, findest du nicht?«
»Das ist der Frühling, Ed. Hüte dich. Er kann dich nämlich so kirre machen, dass du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist.« Ohne eine weitere Erklärung trottete Algernon über die Straße.
Edgar lief hinterher, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die nächste Kutsche noch weit genug weg war. Inzwischen hatte er gelernt, die Geschwindigkeit der Fahrzeuge einzuschätzen, und er war stolz darauf, dass ihm der schwarze Kuttenmann erst einmal begegnet war. Es kam Edgar vor, als lebte er jetzt schon eine Ewigkeit mit Algernon und den anderen beiden Katzen zusammen – dabei waren gerade erst ein paar Monate vergangen, seit sein Frauchen gestorben war. Edgar hatte sich damals von heute auf morgen auf der Straße zurechtfinden müssen – und wäre er nicht Algernon begegnet, dann wäre es ihm wohl schlecht ergangen. Er war dem erfahrenen Straßenkater immer noch dankbar.
»Bist du ordentlich hungrig?«, wollte Algernon wissen, als Edgar auf der anderen Seite angekommen war. »Ich hab da nämlich eine Idee … nicht ganz ungefährlich, aber du stehst doch genau wie ich auf ein richtiges Abenteuer, oder?«
»Was hast du vor?« Edgar war neugierig geworden.
»Es gibt da ein Paradies. Essen in Hülle und Fülle. Alles vom Feinsten.«
»Ehrlich?«
»Hab ich dich schon mal angelogen, Ed?«
»Na ja …« Angelogen vielleicht nicht. Aber Algernon neigte dazu, maßlos zu übertreiben. Er hatte manchmal eine etwas spezielle Sichtweise. Zum Beispiel hielt er sich für den mutigsten Straßenkater von ganz London. Das hatte ihm schon etliche Narben eingetragen, die er stolz präsentierte – besonders den Katzendamen.
»Also, wie ist das mit dem Essen?«, hakte Edgar nach.
»Wart’s ab. Lass dich überraschen. Du wirst Augen machen groß wie Kutschenräder.« Algernon grinste, sodass Edgar seine schlechten Zähne sah, und setzte sich in Trab. Edgar lief hinterher.
»Zartes Hühnchen«, summte Algernon übermütig. »Saftiges Schweinchen. Leckeres Kälbchen … Mal was anderes im Magen als immer nur dürre Mäuschen und freche Rattenbiester oder stinkige Fische …«
Es klang verlockend. Edgar musste an die Zeit denken, die er bei seinem Frauchen verbracht hatte. Damals hatte er sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob er etwas zu fressen finden würde. Jeden Tag hatte er pünktlich sein Futter bekommen, appetitlich auf einem kleinen Teller angerichtet. Ab und zu auch ein Schälchen Milch mit einer dicken Sahneschicht. Mmmmhhhh …
Edgar war ganz in Erinnerungen versunken. Er merkte gar nicht, dass Algernon stehen geblieben war, und prallte gegen sein Hinterteil. Algernon fuhr herum, die Pfote ausgestreckt und Edgar entging nur knapp einer Ohrfeige.
»Kannst du nicht aufpassen? Fast hätte ich dir eine gescheuert! Purer Reflex. Ich kann nichts dafür!«
»Entschuldigung«, sagte Edgar kleinlaut.
Algernon hatte seine Aufmerksamkeit bereits wieder nach vorne gerichtet. Seine Schwanzspitze bewegte sich angespannt hin und her.
»Was ist los?«, erkundigte sich Edgar.
»Schschsch! Halt doch mal die Klappe, sonst hör ich nichts!«
Edgar schwieg. Er beobachtete, wie sich Algernons Fell sträubte. Der Kater wirkte jetzt noch größer und voluminöser als sonst. Aus seiner Kehle klang drohendes Grollen.
»Verdammtes Pack!«, knurrte er. »Ich hab’s geahnt. Robin der Räuber und seine Bande. Diese räudigen Kanalratten! Die haben mir gerade noch gefehlt!«
Edgar erwartete im ersten Moment tatsächlich eine Schar Ratten. Doch dann erkannte er eine Straßenkatzen-Gang.
Sie waren zu siebt: dürre ausgemergelte Gestalten, die sich von der anderen Seite her näherten. Ihre Felle waren zerfetzt, Narben zogen sich über ihre Gesichter und verliehen manchem Tier einen fiesen Ausdruck. Die Mitglieder der Gang bauten sich drohend nebeneinander auf, eine scheinbar undurchdringliche Sperre. Edgar hätte liebend gern die Straßenseite gewechselt, aber Algernon war nicht der Typ, der sich vor einem Kampf drückte. Furchtlos setzte er seinen Weg fort und blieb dicht vor der Gang stehen. Edgar folgte ihm mit einem flauen Gefühl im Magen. Der Anführer der Gang sah schrecklich aus. Ihm fehlte ein Auge und von seinen Ohren war nur noch die Hälfte übrig. Eine Narbe zog sich über das verbliebene Auge, dadurch wirkte der Blick des Katers verschlagen und gefährlich. Robin war groß und schlank, aber äußerst muskulös. Und seine Krallen schienen gefährliche Waffen zu sein.
»Hallo, Al.« Das Auge funkelte. »Wohin des Wegs?«
»Das geht dich nichts an, Stinker.«
»Ich meine doch. Haben wir beide nicht noch eine Rechnung offen?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
»Dann will ich deinem lausigen Gedächtnis mal nachhelfen. Du hast mir im letzten Jahr eine Lady ausgespannt!«
»Davon weiß ich nichts. Du musst mich mit jemandem verwechseln.«
Die Pfote des Anführers schnellte blitzartig nach vorn. Algernon reagierte rasch genug, und so traf ihn der Hieb nur an der Flanke und nicht am Kopf, wohin der Kater gezielt hatte. Die Krallen rissen ihm das Fell auf.
Algernon fauchte und stürzte sich auf den Angreifer. Im Nu hatten sich die beiden Tiere ineinander verbissen.
Robins Gefolgschaft umringte die Kämpfenden. Zuerst sahen die Katzen nur zu und gaben ihre Kommentare ab. »Gib’s ihm, Robin!« – »Ja, mach ihn fertig!« – »Er kriegt jetzt, was er schon lange verdient hat.«
Dann mischten sich zwei weitere Katzen ein und kamen Robin zu Hilfe. Die anderen schienen Edgar gar nicht richtig wahrzunehmen, so sehr konzentrierten sie sich auf die Prügelei.
Drei gegen einen! Edgar war empört. Das war unfair! Er hatte das Gefühl, auf glühenden Kohlen zu sitzen. Sollte er sich ebenfalls einmischen und Algernon helfen? Aber er war kein erfahrener Kämpfer, sondern eher jemand, der nachdachte und seinen Gegner mit Worten besiegte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Ihm musste unbedingt etwas einfallen – und zwar sofort!
»Ziemlich feige, was ihr da tut«, platzte es dann aus ihm heraus. »Euer Anführer schafft es wohl nicht allein?«
Die vier Tiere, die zugeschaut hatten, fuhren herum und fixierten Edgar, als würden sie ihn erst jetzt sehen. Edgar blickte in vier Paar angriffslustige Augen – grün, gelb, grau und leicht orangefarben. Die zwei Kater auf der linken Seite waren gestreift und vermutlich Brüder. Sie glichen sich bis aufs Haar – nur die Augenfarbe war anders. Beide waren entsetzlich dürr, als hätten sie seit Wochen nichts mehr gefressen. Der Kater daneben hätte mit seinem schwarzen Fell beinahe Edgars Ebenbild sein können, aber er besaß einen enorm breiten Brustkorb, in dem es nun verdächtig rasselte. Das Tier ganz rechts war eine Katze, grau wie schmutziger Schnee. Sie war schon ziemlich alt. Ihr Fell war löchrig und voller Narben, außerdem schien sie auf einem Auge blind zu sein, denn es war mit einem hellen Schleier überzogen.
»Hast du was zu sagen, Kleiner?«, schnarrte sie. Ihr Schwanz, der steil nach oben ragte, hatte fast keine Haare mehr.
Edgar richtete sich automatisch auf, um größer zu wirken. »Ist das fair?«, erwiderte er. »Lasst Algernon los, er hat euch nichts getan!«
Die beiden gestreiften und der schwarze Kater wechselten einen Blick und grinsten abfällig. Die alte Katze dagegen verzog keine Miene.
»Die Straße gehört uns, und wir machen die Regeln«, antwortete sie. »Scheint so, dass es Zeit für dich wird, sie zu lernen.« Gefährlich langsam kam sie auf Edgar zu.
Er versuchte, ihrem Blick standzuhalten, während er seine Chancen abschätzte. Mit der alten Katze würde er es vielleicht aufnehmen können, obwohl er ganz und gar nicht darauf erpicht war, sich zu prügeln. Und erst recht nicht mit einer alten Lady, die seine Oma hätte sein können.
»Nun?« Die Alte blieb vor ihm stehen. Er roch ihren fauligen Atem, offenbar hatte sie kürzlich einen vergammelten Fisch gefressen.
»Ähm … der Weg ist doch breit genug, warum lasst ihr uns nicht einfach vorbei?« Edgar wollte noch sagen, dass hier nicht ihr Revier war und dass sie nur zufällig vorbeigekommen waren, doch mit einem Mal war sein Kopf wie leer gefegt.
Es lag an ihrem Blick. Dieses flackernde Orange … Ihr heiles Auge loderte wie Feuer, heiß und gefährlich … Edgar starrte wie hypnotisiert in das Orange und vergaß, was er eben noch hatte sagen wollen.
Leyla, die unzählige Bücher gelesen hatte, hatte von Hexen erzählt, die andere Wesen verzaubern konnten. Manchmal genügte ein Blick oder ein Fingerzeig, um den Gegner zu Stein erstarren zu lassen – eine leichte Beute für das Böse. Es war gefährlich, sich eine Hexe zur Feindin zu machen. Bei Leylas Worten war ein Schauer über Edgars Rücken gekrochen. Es hatte ihn gegruselt. Inzwischen wusste er, dass es tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die seinen Verstand überstiegen.
»Warum sollten wir dich und deinen Freund in Ruhe lassen?« Ihre schnarrende Stimme riss Edgar aus dem Hexenbann. »Nenn mir einen Grund!«
»Weil … weil … weil wir wissen, wo es eine Menge leckeres Futter gibt«, sprudelte es aus ihm heraus. »Genug für alle – für euch und für uns.«
»Ich warne dich, Kleiner! Keine Bluffs. Du versuchst, deine Haut zu retten …«
»Ich bluffe nicht«, verteidigte sich Edgar. »Algernon kennt wirklich einen solchen Platz. Essen in Hülle und Fülle!«
»Ach – und wo soll das sein?«
»Wir führen euch hin, wenn ihr Algernon in Ruhe lasst!«
Das Auge der Kätzin verengte sich zu einem schmalen Schlitz. »Du behauptest also, dass ihr einen fabelhaften Ort kennt, von dem Rob noch keinen Schimmer hat. Soll ich dir das glauben?«
»Ich lüge nicht.«
»Das kann jeder sagen.«
»Komm mit, dann siehst du, dass es stimmt.«
Die alte Katze zögerte. Die Aussicht auf Futter schien sie zu locken. Edgar hoffte sehr, dass Algernon nicht wieder maßlos übertrieben hatte und dieser Platz wirklich existierte. Vielleicht war es ja nur ein Wiesenstück mit einer größeren Anzahl Wühlmäuse oder ein verlassenes Entennest … Eigentlich hatte es sich ja nach etwas Großartigem angehört, aber bei Algernon konnte man nie wissen …
»Na gut«, sagte die Alte dann. Sie drehte sich um, schnellte auf die Gruppe zu, die Algernon immer noch in der Mangel hatte, und fuhr zwischen die kämpfenden Katzen. Die Gangmitglieder schienen großen Respekt vor ihr zu haben. Im Nu gelang es ihr, die Gegner auseinanderzubringen und eine Ruhepause zu erzwingen.
Vermutlich war nicht Robin, sondern sie die wahre Anführerin. Algernon sah reichlich mitgenommen aus. Er hockte auf den Hinterpfoten, blutete am Kopf und an der Seite. Ohne einen Klagelaut begann er, seine Wunden zu lecken. Robin, der ihm gegenübersaß, bebte immer noch vor Angriffslust, aber die alte Kätzin verhinderte mit ihrem Blick, dass er sich wieder auf Algernon stürzte.
»Der schwarze Kater hat uns einen Deal angeboten«, verkündete sie. »Ich bin der Ansicht, wir sollten darauf eingehen.«
»Was für einen Deal, Tess?«, fragte einer der jüngeren Kater, der gegen Algernon gekämpft hatte. Er war schwarz-weiß gefleckt und hatte sehr spitze Zähne.
»Jede Menge leckeres Essen«, erwiderte Tess.
Algernon hielt mit seiner Beschäftigung inne und sah Edgar verwundert an.
»Wenn das mal keine leeren Versprechungen sind«, nölte Robin. »Das behauptet der kleine Schwarze doch nur, um seinen Kopf zu retten.«
»Wir werden sehen«, meinte Tess. »Wenn sie lügen, werden sie es bereuen.«
Robin starrte Edgar an und fletschte die Zähne. Edgar versuchte, sich nicht einschüchtern zu lassen, aber er konnte nicht verhindern, dass seine Schwanzspitze vor Anspannung bebte.
»Na gut«, sagte Robin endlich. »Schauen wir mal, was die beiden Schisser zu bieten haben. – Los, Dicker, zeig uns den Weg!«
Algernon gab ein unzufriedenes Fauchen von sich und setzte sich in Bewegung. Dabei blickte er immer wieder über die Schulter.
»Au Mann, auffälliger geht’s nicht«, knurrte er. »Wir wollten uns unauffällig anschleichen – aber jetzt sind wir hundert oder so … Jedenfalls viel zu viele!«
Edgar wusste, dass Algernon nicht gerade ein Rechenkünstler war. Hundert war zwar weit übertrieben – aber trotzdem hatte Al recht: Es fiel auf, wenn gleich neun Katzen anrückten!
Robin schien Algernons Worte jedoch nur für eine Ausrede zu halten. »Halt einfach die Klappe, Großmaul, und führe uns zu dem Futter, das ihr uns versprochen habt«, verlangte er.
Algernon gab Edgar ein Zeichen, und der junge Kater eilte an die Seite seines zottigen Freundes.
»Folgt uns, aber bleibt in Deckung!«, rief Algernon den anderen Katzen zu. Dann wandte er sich an Edgar. »Du bist so ein Idiot!«, zischte er. »Wie kannst du ihnen verraten, was wir vorhaben? Ist dein Hirn zerbröselt?«
»Ich wollte dich retten!«, empörte sich Edgar. »Drei gegen einen! Du hattest keine Chance!«
»Ha!«, sagte Algernon und plusterte sich auf. »Natürlich wäre ich mit der Bande klargekommen, es hätte nur ein bisschen länger gedauert … Aber du musstest ja unbedingt dazwischenfunken mit deinem Klugscheißergeschwätz.«
Edgar wollte erst etwas entgegnen, doch dann unterließ er es. Algernon konnte mühelos bis zwei zählen, aber was danach kam, überforderte ihn. Deswegen machte es für ihn auch keinen Unterschied, ob drei oder sieben Katzen auf ihn losgingen. Es waren ganz einfach viele … In seinem übersteigerten Selbstwertgefühl bildete er sich tatsächlich ein, dass er mit all seinen Gegnern hätte fertigwerden können, wenn er es wirklich gewollt hätte.
Algernon lief flott die Straße entlang. Der Weg führte durch enge Gassen, über verfallene Treppen und unter Brückenbogen hindurch. Edgar hatte längst die Orientierung verloren. Er überlegte, wohin Algernon wohl wollte. Es musste sich ja um eine Art Schlaraffenland handeln, wie das, von dem Leyla beim letzten Vollmond erzählt hatte …
Tess rempelte ihn von hinten an, da er langsamer geworden war.
»Mach schon, Schwarzer! Mir knurrt der Magen!« Sie blieb nun dicht an Edgars Seite. Die alte Katze war noch erstaunlich fit, sie konnte das Tempo mühelos mithalten.
Nachdem sie halb London durchquert hatten – so kam es Edgar jedenfalls vor –, kamen sie zu einem etwas abgelegenen Grundstück, auf dem mehrere Gebäude standen. Ein herrlicher und zugleich schrecklicher Duft erfüllte die Luft. Es roch nach Essen, nach einer sehr großen Menge! Gleichzeitig nahm Edgar den Geruch der Angst wahr. Mehr noch, es roch nach Tod …
Er blieb stehen. Seine Muskeln versteiften sich von selbst.
»Was ist los, Kumpel?« Algernon drehte sich nach ihm um. »Warum gehst du nicht weiter? Hast du Wurzeln geschlagen?«
Edgars Pfoten waren wirklich wie festgewachsen. Um nichts in der Welt würde er sich in das Gebäude hineinschleichen. Dieser Ort war UNHEIMLICH!
»Riechst du das nicht, Al?«
Das stimmte nicht. Es war kein Geruch … es war … Edgar wusste es selbst nicht genau. Die Luft ringsum schien erfüllt zu sein mit dem Gewisper von Kreaturen, die an diesem Ort ihr Leben gelassen hatten. Er spürte ihre Unruhe, ihre Angst, ihre Verzweiflung. Sein Fell sträubte sich. Am liebsten hätte er auf der Stelle diesen gespenstischen Ort verlassen.
Doch die anderen Katzen schienen seine Empfindungen nicht zu teilen.
»Es riecht absolut lecker!« Algernon schloss einen Moment lang genießerisch die Augen. Dann blickte er Edgar an. »Also, was ist jetzt?«
»Lecker, lecker!«, wiederholten die Straßenkatzen hinter ihnen. Sie drängelten sich ungeduldig aneinander vorbei. Edgar sah den Hunger und die Gier in ihren Augen. Einigen troff sogar schon der Speichel aus dem Maul.
»Ich geh da nicht rein!«, verkündete Edgar entschlossen.
»Dann bleibst du eben draußen.« Algernons Stimme klang ärgerlich. »Selbst schuld. Dann bekommst du eben nichts von den Köstlichkeiten ab. – Auf geht’s, Leute!«
Er ließ Edgar stehen. Die anderen Katzen folgten dem roten Kater.
Edgar sah ihnen nach, bis sie hinter einem Lattenzaun verschwunden waren.
Und jetzt? Er merkte, dass er am ganzen Leib zitterte, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Der Geruch des Todes machte ihn fertig. Er verstand nicht, warum die anderen ihn nicht wahrnahmen. Oder war es ihnen einfach egal?
Als das Zittern endlich nachließ, sprang Edgar auf einen großen Stein, der vor dem Zaun lag. Hier würde er warten. Eigentlich hätte er nach dem langen Marsch gern ein Nickerchen gehalten, aber seine innere Unruhe war zu groß. Auch Körperpflege beruhigte ihn nicht sonderlich, obwohl sie sonst das beste Mittel gegen Nervosität war. Unruhig trat er von einer Pfote auf die andere. Schließlich legte er sich hin, aber sein Schwanz bewegte sich unermüdlich.
Kurze Zeit später rumpelte ein hölzerner Karren über das Pflaster. Er wurde von einem älteren Mann gezogen, der sich sichtlich abmühte. Der Karren war schwer, denn er war mit einem Eisenkäfig beladen, in dem sich ein ausgewachsenes Schwein befand. Es quiekte laut, wackelte mit den Ohren und stieß mit seinem Kopf immer wieder gegen die Eisenstäbe.
»Ich will nicht! Öööönk! Hilfe! Ööönk! Lasst mich raus! Öööönk!«
Edgar schreckte hoch und starrte auf das herannahende Gefährt. Der Mann schien taub zu sein, was die Schreie des Tiers betraf. Unermüdlich zog er den Karren und hielt nur ein einziges Mal inne, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Edgar las die Angst in den kleinen dunklen Augen des Schweins. »Hilf mir!«, flehten sie.
Dann war der Karren an Edgar vorbei. Der Mann zog ihn weiter in den Hof. Edgar fühlte sich äußerst unbehaglich. Etwas ging hier vor, was er nicht verstand … und der seltsame Geruch hing damit zusammen.
Das Schwein öffnete sein Maul und begann, mit seinen scharfen Zähnen an den Eisenstäben zu nagen. Es gab ein metallisches Geräusch. Edgar fasste sich ein Herz und folgte dem Karren. Er konnte nicht mehr auf dem Stein sitzen bleiben und abwarten, was geschah.
»Sei ruhig, Bob!« Der Mann hatte den Griff des Karrens kurz losgelassen, um sich die Stirn zu trocknen. Als er ihn wieder packen wollte, öffnete sich eine Holztür des Nebengebäudes. Ein glatzköpfiger Kerl trat heraus. Er trug eine weiße Schürze, die voller roter Flecken war. Sein Gesicht war genauso rot. Mit schwerfälligen Schritten kam er über den Hof.
»Hallo, Ben. Bringst du uns nun auch noch dein letztes Schwein? Ich dachte, das wolltest du behalten.«
»Es geht nicht anders, Mark. Ich habe sechs Kinder, die sind fast am Verhungern. Was will ich machen?« Der alte Mann hob die Schultern, dann zog er seine Kappe vom Kopf und drehte sie verlegen in den Händen.
»Wird schon wieder werden, Ben! Jeder hat mal eine schlechte Phase. Ich hab für dich eine Ladung Knochen auf die Seite geschafft, daraus kann deine Frau Seife kochen.«
»Danke, wir können wirklich jeden Penny brauchen.« Der Alte nickte dem Dicken zu.
Edgar schlich vorsichtig, Pfote für Pfote, am Zaun entlang. Der widerwärtige Geruch war überall – und Edgar war überzeugt, dass er inzwischen selbst danach stank. Seine Schnurrhaare zitterten vor Angst und Anspannung. Aber er musste nachsehen, was mit dem Schwein passierte. Zwar gehörten Schweine nicht unbedingt zu den Tieren, die er sympathisch fand und mit denen er Freundschaft schließen wollte, aber er hatte das dunkle Gefühl, dass dem rosigen Vierbeiner große Gefahr drohte.
