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In Mittenau, einem brandenburgischen Nest, häufen sich plötzlich diverse Todesfälle. Hängen sie zusammen? War da ein Serienmörder am Werk oder war alles Zufall? Den Rahmen dieser Kriminalkomödie bilden ein vom Vereinsleben geprägter Ort und skurrile Figuren, deren Macken Gabriele Lukas liebevoll und mit einem Augenzwinkern beschreibt. Eierlikör ist ein wahrer Lesegenuss – der Leser spürt Gabriele Lukas Verbundenheit mit allem Menschlichen, wird dadurch schnell mit den Protagonisten vertraut und fühlt sich bestens unterhalten.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2026
Gabriele Lukas
Eierlikör
Gabriele Lukas
Eine Kriminalkomödie
R. G. Fischer Verlag
Die Handlung dieses Buches sowie die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2026 by R. G. Fischer Verlag
Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main
Titelbildmontage aus: Bottle with glass / Sebastian Koppehel
Lizenz: CC BY 4.0
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Palatino
Herstellung: rgf/pr/2B
ISBN 978-3-8301-9335-7
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Die Situation wirkte grotesk: Gertrud Hannemann, genannt »Trudi«, probierte heute zum ersten Mal ihren neuen Rollator aus – doch das klingt einfacher, als es wirklich war. Denn sie kam mit dem Gerät nicht zurecht. Die Vorderräder taten, was sie wollten. Trudi stand zu weit vom Rollator entfernt, der auch zu niedrig eingestellt war.
Trudi hatte eine gebückte Haltung und fühlte sich nach wie vor unsicher. Trudi – jetzt 72 – litt an einer bisher unheilbaren Erkrankung. Bis vor Kurzem war sie noch ohne Hilfsmittel ausgekommen, doch diese schienen jetzt unausweichlich.
Der Tag hatte so schön angefangen. Doch jetzt saß sie mitten im algenverschmutzten Dorftümpel – oder besser gesagt etwa fünf Meter vom Ufer entfernt. Ihr Rollator steckte halb im Schilf, halb im Wasser fest. Ihr Begleiter, Ludger (74), stand mit Timmy – einem jungen Rauhaardackel mit Acht-Meter-Zugleine – auf dem Arm am Ufer auf dem Dorfanger und war angesichts von Trudis Missgeschick ganz aufgeregt.
Um eines vorwegzusagen: Trudi war mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken am Hintern davongekommen. Ernsthaft getan hatte sie sich nichts.
Nur ihre Frisur war verdötscht. Mitten auf dem Kopf prangte ein halb verfaultes Seerosenblatt. Sie stand auf dem schlammigen Untergrund und paddelte mit den Händen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Bei alldem merkte sie,
dass dadurch, dass sie bäuchlings auf dem Wasser aufgeklatscht war, ihr BH verrutscht war und jetzt unangenehm drückte. Auch wollte sie nicht mit halb heraushängendem Hängebusen aus dem Wasser steigen, denn ihre Blümchenbluse würde im nassen Zustand aber auch gar nichts kaschieren.
Eitel war sie eigentlich nicht. Aber zumindest wollte sie nicht noch lächerlicher wirken. Denn bei aller Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten von Behinderten: Trudi sah einfach zum Piepen aus, so mitten im Tümpel, und ihre Beeinträchtigung war so gar nicht zu erkennen. Sie sah einfach aus wie eine alte Schachtel, die sich etwas ungeschickt angestellt hatte.
Trudi nestelte an ihrem BH herum und gab für einen Moment die Paddelbewegungen auf. Ludger schrie auf, als er sie untergehen sah. Dann schaute er auf Timmy und die Zugleine. Er gab die Bremse der Leine frei und warf den Hund in Trudis Richtung, damit er beide durch den anschließenden Zug ans Ufer ziehen konnte. Timmy war vor Schreck starr und klatschte unmittelbar vor Trudi in den Tümpel, die mittlerweile prustend wieder aufgetaucht war. Ihre Tauchübungen als Kind waren einfach zu lange her. Trudi bekam vom Aufklatschen des Hundes eine Wasserfontäne mitten ins Gesicht.
Inzwischen näherte sich eine junge, etwas dickliche Frau im Batik-Shirt und raufte sich aufgeregt ihre roten Sauerkrauthaare. »Was machen Sie da: Die Molche laichen doch!« Ihre Stimme überschlug sich.
Ludger, dem jegliches Kinn zu fehlen schien, brüllte in seiner rentnerbeigen Cordhose und kariertem Flanellhemd Trudi zu: »Greif Timmy. Ich zieh euch heraus!«
Irgendwer hatte Polizei und Feuerwehr gerufen. Mit insgesamt sieben Wagen, Blaulicht und Martinshorn donnerten sie auf den Dorfanger. Das trieb die junge Frau im Batik-Shirt beinahe in den Wahnsinn. »Sie mähen die Grasfrösche nieder!«, keifte sie die uniformierten Männer an.
Trudi griff Timmy und hielt ihn über Wasser. Der älteste der Polizisten mit den meisten Sternen auf der Schulterklappe, Polizeihauptmeister Winfried Groß, übernahm sofort das Kommando.
Winfried Groß war etwa Ende fünfzig und hatte einen dicken Bierbauch, getragen von dünnen, muskelarmen Stachelbeerbeinen. Dennoch wirkte er mit seinem strohweißen Kurzhaarschnitt und seinem früher einmal gut aussehenden, kantigen Gesichtsausdruck beinahe distinguiert.
Er wandte sich zuerst an den gemütlich wirkenden, etwa gleichaltrigen Hauptbrandmeister Diethelm Dorhagen von der Feuerwehr: »Zuerst müsst ihr ran. Wir sichern die Gefahrenstelle ab.« Dann ging er auf die junge Frau im Batik-Shirt zu. »Verlassen Sie sofort die Gefahrenstelle! Sonst nehme ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung fest.«
»Unterlassene Hilfeleistung? Sie spinnen doch! Wer kümmert sich denn um die Grasfrösche?«
Kaum hatte sie das ausgesprochen, rief Polizeihauptmeister Groß zwei junge Polizeianwärter zu sich. »Festnehmen!«, brüllte er. Die beiden rissen daraufhin, ohne zu zögern, die Frau nieder und drückten sie in eine Primelrabatte.
Die Blumen waren lange abgeblüht, aber noch nicht ersetzt worden. Es war jetzt Ende Mai. Der Tümpel, der an der tiefsten Stelle drei Meter tief war, hatte angesichts der sommerlichen Temperaturen bereits achtzehn Grad.
Schon recht warm für diese Zeit, aber Trudi fror allmählich. Sie merkte, wie sich ihre Brustwarzen zusammenzogen. »Na bestens«, dachte sie. »Ich werde nicht elegant und sexy wie Halle Berry in ›007‹ aus dem Wasser steigen, sondern wie eine notgeile alte Schachtel mit Grünzeug auf dem Kopf und Algen auf der Bluse, und ich werde so auf den Knien ans schlammige Ufer robben.«
Konnte es noch peinlicher werden? Es konnte.
Inzwischen hatte Ludger Gefallen am Heldendasein gefunden. Er war gerne der Retter der holden Maid in Not. Er vergaß seine Arthritis für den Augenblick. Die wenigen dünnen Haare, die sich um seine bis zum Hinterkopf ragende Stirn wickelten, waren bei der Hektik jetzt schweißnass.
»Halt dich an Timmy fest!«
Inzwischen kam die Feuerwehr mit einer Ausziehleiter an. Hauptbrandmeister Dorhagen dirigierte zwei Männer in Feuerwehrmontur. »Versucht, mit der Leiter die Frau zu erreichen – und den Hund«, setzte er nach.
»Ich habe alles im Griff«, rief Ludger angesäuert.
Timmy gefiel sein unfreiwilliges Bad gar nicht. Ängstlich zwickte er Trudi in die Hand, die ihn weiter über Wasser hielt. Inzwischen waren die Feuerwehrleute mit ihrer Leiter bei Timmy und Trudi angekommen.
»Greifen Sie die Leiter. Wir ziehen Sie heraus«, riefen die beiden Trudi zu.
Trudi setzte als Erstes Timmy auf die Leiter und hielt sich dann selbst fest. Ludger ließ wütend die Bremse an der Hundezugleine los. Daraufhin wurde Timmy mit einem Schwung von der Leiter wieder ins Wasser gezogen. Sein würgendes Geräusch ging im Trubel der Rettungskräfte unter. Ludger holte die Zugleine ein und zog damit Timmy ans Ufer. Der Hund würgte und nieste, als er die letzten Zentimeter als Ufer lief. Dann wurde er zur Belohnung von Ludger gekrault und getätschelt und von der Zugleine befreit.
Trudi wurde mit vereinten Kräften der Feuerwehrmänner ans Ufer gezogen und robbte sich aus dem schlammigen Wasser. Irgendwer hatte auch den Rollator aus dem Schilf geborgen und befreite gerade die Räder vom Grünzeug. Ein weiterer Feuerwehrmann kam mit einer Decke für Trudi angerannt und hüllte sie ein.
Trotz der für diese Jahreszeit brütenden Hitze (27 Grad) war Trudi froh, dass sie ihren jämmerlichen, vor Nässe triefenden äußeren Zustand verhüllen konnte.
Sie setzte sich auf die Sitzfläche ihres Rollators. Irgendwer von der Feuerwehr, der sich damit auskannte, hatte auch die Bremsen des Rollators arretiert, damit sie nicht gleich wieder in den Tümpel stürzte.
Die Frau im Batik-Shirt, die in Handschellen in einem Mannschaftswagen saß, brüllte unflätige Worte vor sich hin, die man durch die geschlossenen Türen und Fenster des grün-weißen Kastenwagens der Polizei verstand.
Plötzlich blubberte es im Tümpel gewaltig und mit einem Mal kam eine in Plastik gehüllte Verpackung zum Vorschein. Sie war mit einem blauen Plastikseil eng verschnürt und man sah sofort, dass in dem Paket eine Leiche war. Durch den beginnenden Zersetzungsprozess hatten sich Gase in dem Plastiksack gebildet. Trudis Wühlen im Wasser hatte für Auftrieb bei der Leiche gesorgt, sodass die inzwischen verrutschten Gewichte (Hantelscheiben) zur Beschwerung nicht mehr ausreichten, die Leiche unter Wasser zu halten.
Ludger versagten vor Schreck die Beine und er musste sich übergeben. Das war es dann mit der Heldennummer. Die blasse Gesichtsfarbe, sein fliehendes Kinn, die wenigen dünnen und zu langen Haare in einer Farbe, die undefinierbar war (früher mal blond), erweckten eher Mitleid und Fürsorge. Der frühere Retter in der Not war nicht mehr zu erkennen.
Jetzt nahte die große Stunde von Polizeihauptmeister Winfried Groß. »Alles sofort weg vom Teich«, wies er Retter und Gerettete an. »Vielleicht gibt es noch verwertbare Spuren.« Die beiden Polizeianwärter kamen sofort mit einer Rolle Absperrband und rannten damit rund um den Tümpel. Dabei sperrten sie auch den Wanderweg, der den Tümpel umgab. Sie wickelten das Absperrband um weiter weg gelegene Bäume und sperrten somit großräumig den Tümpel ab.
Dann rief Polizeihauptmeister Groß Hauptbrandmeister Diethelm Dorhagen zu sich. Die beiden tuschelten etwas, dann winkte Dorhagen zwei Feuerwehrmänner herbei, die den Leichensack schließlich mit einer Art Bootshaken ans Ufer zogen. Polizeihauptmeister Winfried Groß dokumentierte den ganzen Vorgang mit seinem Smartphone. Danach griff er zum Funkgerät und informierte die Zentrale.
Kripo, Gerichtsmedizin und Spurensicherung machten sich sogleich auf den Weg und trafen etwa zwanzig Minuten später ein. Derweil hatte Groß ordentliche Schilder zum Sperren des Gehwegs aufstellen lassen.
Sofort nach seinem Eintreffen machte sich Gerichtsmediziner Prof. Dr. Ottmar von Dermelskirchen an die Arbeit und schnitt den Plastiksack sowie die Schnüre auf.
Timmy hatte sich pudelnass unter einem nahe gelegenen Wachholderstrauch versteckt. Ihm waren die ganzen Menschen zu viel. Als Dachshund fing er an zu graben und hatte sich schon bald eine erquickliche Kuhle gewühlt. Nur der unter dem Strauch herausfliegende Dreck verriet überhaupt seinen Standort.
Kriminalhauptkommissar Dante Dörfler betrat das Gelände. Den doofen Vornamen hatte er seiner Mutter zu verdanken, die sich bei seiner Geburt auf dem Höhepunkt ihres Italien-Ticks befunden hatte. Jetzt war er 38. Sportlich, groß, gut-aussehend, tiefschwarze, kurze Haare, markant – bei seinem Erscheinen war er sofort in der Menge präsent. Der weiblichen Leserschaft sei ans Herz gelegt: Er war verheiratet, hatte drei Söhne (zwei, vier und sechs Jahre) und außerdem diverse Affären. Damit war er voll und ganz ausgelastet. Das Wort »Work-Life-Balance« bekam bei ihm eine neue Bedeutung. Von seinen Kollegen wurde er – wenn sie über ihn und nicht mit ihm sprachen – kurz als Tante Dörfler bezeichnet.
Gerichtsmediziner Prof. Dr. Ottmar von Dermelskirchen war kurz vor seiner Pensionierung. Diese Arbeit am stinkenden Dorftümpel war eindeutig etwas für jüngere Kollegen. Nach dem Studium in Münster, wo er eigentlich bis heute zu Hause war, hatte es ihn nach dem Fall der Mauer nach Liggenhain verschlagen. Jetzt hatte er nur noch das Datum seiner Pensionierung im Sinn. Seit dem Ende seines Studiums hatte er nicht ein Fachbuch in die Hand genommen. Eigentlich hatte er keine Ahnung mehr von seinem Job. Fachkräftemangel und sein Platzhirschgehabe brachten seine Vorgesetzten jedoch dazu, keine Kritik an ihm zuzulassen.
Prof. Dr. von Dermelskirchen guckte kurz in den Leichensack. »Eine Frau, etwa siebzig. Korpulent. Lag etwa zehn Tage hier – kann ich aktuell nicht so genau sagen. Die Temperaturen hier im Dorftümpel haben die Leiche gut gekühlt. Die erste Einschätzung des Todeszeitpunktes kann also täuschen«, meinte er kurz zu Dörfler. »Mehr kann ich erst nach der Untersuchung sagen.« Dann ließ er sich aufhelfen, denn ihm tat die Hüfte weh. »Packt sie ein!«, wies er schließlich seine Helfer an.
Dörfler hatte gleich die Pressestellen-Praktikantin Imke Ehrler eingepackt. Er hatte sie durch einen Zufall auf dem Flur des Kommissariats der kleinen brandenburgischen Kreisstadt Liggenhain getroffen, die etwa achtzig Kilometer südlich von Berlin lag. Imke Ehrler war gerade 21 und absolvierte derzeit ein Pflichtpraktikum bei der Kripo, um Pressearbeit zu erlernen. Sie war jedoch eigentlich nur auf der Suche nach einem geeigneten Ehemann. Dörfler war es nicht – obwohl er optisch in ihr Beuteschema passte, aber er war siebzehn Jahre älter (was ihr eigentlich nichts ausgemacht hätte) und auch schon mehrfach vergeben (was ihr schon eher etwas ausmachte).
Dörfler hatte solche Vorbehalte nicht: Er flirtete auf Teufel komm raus mit ihr. Noch ein wenig Ablenkung vom Alltagstrott wäre ja ganz willkommen gewesen. Einzig seine privaten Terminprobleme geboten dem attraktiven Womanizer, sich in etwas Zurückhaltung zu üben. Was er im Erfolgsfall seiner Frau, seinen Kindern, den aktuellen Geliebten und auch Imke angetan hätte, war ja nicht sein Problem.
Als Dienstwagen fuhr Dörfler (mit Imke Ehrler auf der Rückbank) einen blässlich grünen Audi mit Rostflecken – der einzige zivile Dienstwagen, der um diese Zeit noch verfügbar gewesen war. Der Audi war kurz davor, ein H-Kennzeichen als Oldtimer zu bekommen, und würde in Kürze behördlich versteigert werden. An jeder Kreuzung auf dem Weg zur Gemeinde Mittenau, die zum Kreisgebiet von Liggenhain gehörte, war der »Frosch«, wie Dörfler ihn nannte, ausgegangen – nicht, weil Dörfler den Motor abgewürgt hätte, sondern weil die Karre einfach grottig mies war. Aber was sollte er machen: Das Land war pleite und mit einem Streifenwagen wollte er partout nicht fahren. Das war unter seiner Würde.
Dante Dörfler hatte keine Lust, sich die Leiche anzusehen. Er wusste auch nicht, welchen Nährwert das für seine weiteren Ermittlungen haben konnte. Man konnte ohnehin nichts sehen.
Er rief stattdessen seine Geliebte an und verabredete sich für den Abend. Eine neue Leiche – einen besseren Hinweis auf Überstunden und somit passendere Entschuldigung für seine Gattin konnte es gar nicht geben.
Imke Ehrler postete noch von der Dorfaue aus, dass eine Frauenleiche aus dem Dorfteich Mittenau geborgen werden konnte und Kriminalhauptkommissar Dante Dörfler die Ermittlungen aufgenommen hatte.
Die weiß verhüllten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KTU – also der Spurensicherung – machten sich an die Arbeit, dokumentierten jede gefundene Zigarettenkippe, jede Spur am Krötentunnel, jeden trockenen Fußabdruck. Bis zum Einbruch der Dunkelheit waren sie beschäftigt.
»Ich kannte sie. Du vielleicht auch«, meinte Trudi zu Ludger am Küchentisch vor der Tageszeitung, die über den Leichenfund berichtete. Trudi und Ludger verspeisten gerade den russischen Zupfkuchen, den Trudi so gerne machte – ein Rezept von ihrer Oma.
»Sie war Sopranöse im Bach-Chor«, berichtete Trudi abschätzig. »Der Chor hat immer parallel zu unserem Vorstandstreffen im ›Herbströschen‹ geprobt. Mann, ging die mir auf die Nerven«, erzählte Trudi. Trudi war seit etwa zehn Jahren Kassenwartin des örtlichen Schiffschaukelvereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, historische Rummelfahrzeuge zu retten – seit der Satzungsänderung vor acht Jahren nicht nur Schiffschaukeln, sondern alle Arten historischer Fahrbetriebe. Die Exponate wurden dann im gleichnamigen Museum ausgestellt. Das Museum war in der ehemaligen Scheune der Gastwirtschaft »Herbströschen« untergebracht, die ebenfalls in Sichtweite zur Kirche lag. Die Gaststätte war weit über Mittenau bekannt. Ludger war der erste Vorsitzende des Schiffschaukelvereins.
»Wieso hat sie dich genervt?«, wollte Ludger wissen, der Helga Fischer nur vom Sehen flüchtig gekannt hatte.
»Weil sie eine hochnäsige alte Pute war und mir ihr Geträller auf den Geist ging«, erklärte sich Trudi.
»Sie wollte jeden bekehren und allen eintrichtern, was für ein Segen es war, dass sie etwas Kultur nach Mittenau gebracht hat«, meinte Trudi abwertend. »Das letzte Mal habe ich sie gesehen, als sie irgendeinen Choral für das Kirchenkonzert im Sommer geübt hat. Das muss dann irgendwann vor zwei Wochen gewesen sein. Aber ich habe nie viel mit ihr geredet, habe eher versucht, Gespräche mit ihr zu vermeiden. Und vermisst habe ich sie auch nicht.«
Immer im Sommer – am Wochenende nach dem 4. August – gab es zu Ehren des 1952 verstorbenen und in Mittenau sehr beliebten Pfarrers Horst Giebel das Giebel-Festival unter Beteiligung von rund dreißig Chören aus den umliegenden Gemeinden. Austragungsort dieses Gesangswettbewerbes war die Dorfaue vor der Kirche. Etwas weiter von der Kirche weg – etwa zweihundert Meter entfernt – lag der alte Feuerwehrteich, der als solcher schon lange nicht mehr genutzt wurde und heute nur noch als Dorftümpel bekannt war.
Der Schiffschaukelverein nutzte die Gelegenheit – ebenso wie der Kindergarten, der örtliche Sportklub »Rot-Weiß«, die Landfrauen, der örtliche Dalmatiner-Zuchtverein, die Freiwillige Feuerwehr von Mittenau und noch zehn, fünfzehn kleinere Vereine –, sich beim Giebel-Festival zu präsentieren. Der Bach-Chor hatte nun schon zum siebten Mal in Folge das Festival gewonnen und niemand in Mittenau wollte ernsthaft daran etwas ändern – jedenfalls niemand, der sich an Chormusik nicht störte.
Helgas Haus in der Dorfstraße 11 lag in Sichtweite zur Kirche und des »Herbströschens«, aber nicht mehr am Dorfanger.
Ins LKA zurückgekommen, telefonierte Dörfler sogleich mit Polizeipräsident Günther Gabler und bekam von ihm das Go, sofort eine fünfköpfige Sonderkommission »Dorfweiher« einzuberufen, die sich ausschließlich mit dem Leichenfund in Mittenau beschäftigen sollte.
Sie setzte sich zusammen aus Dörfler als Leiter (selbstverständlich), den Polizeikommissaren Simone Reuter (32), Dr. Viktor Hilf (34), Karl Krümmer (58) und dem Küken im Kreis, Sebastian Heiner (25) – allesamt Ortsfrischlinge und erst vor kurzer Zeit nach Liggenhain versetzt worden.
Gerichtsmediziner Prof. Dr. Ottmar von Dermelskirchen betrat den Raum – nicht ohne die Bürotür hinter sich laut scheppernd ins Schloss fallen zu lassen. Er liebte theatralische Auftritte.
»Ich bringe die Ergebnisse der Untersuchung: Bei der Toten handelt es sich um Helga Fischer, 72 Jahre alt, wohnte in Mittenau. Betuchte Witwe und erster Sopran im Mittenauer Bach-Chor. Das ist ein auf Niveau bedachter Frauenchor der Stadt. Die Frau hatte ein kleines Häuschen im Dorfkern von Mittenau, wohnte dort alleine. Einen Sohn gibt es, der allerdings in Liechtenstein lebt. Er ist auf dem Weg nach Mittenau.«
Prof. Dr. von Dermelskirchen ließ einen Moment die Informationen wirken, bevor er fortsetzte: »Die Frau ist seit etwa zehn Tagen tot. Hinweise auf äußerliche Verletzungen konnte ich bei dem Zustand der Leiche nicht finden. Vielleicht war es ja auch ein natürlicher Tod und jemand hat nur aus Panik die Leiche verschwinden lassen. Aber der Tox-Screen läuft noch. Dann wissen wir mehr«, meinte Dr. von Dermelskirchen zur noch ausstehenden toxikologischen Untersuchung.
»Dann durchsucht ihr Haus«, verteilte Dörfler gleich Aufgaben an seine Kollegen.
Dr. Viktor Hilf und Sebastian Heiner meldeten sich. »Das machen wir«, meinte gleich Dr. Hilf, dem das Nichtstun schon auf die Nerven ging. Optisch sahen sich die beiden Kollegen sehr ähnlich: Beide hatten dunkelblonde Minipli-Löckchen wie Atze Schröder, waren schlaksig und groß gewachsen, so um die eins neunzig groß.
Seit Einberufung der Soko hatten sie nichts anderes gemacht als ihren Schreibtisch eingeräumt. Dr. Viktor Hilf hatte ein Hochzeitsbild mit seiner Sibylle aufgestellt. Sebastian Heiner, der auch gerne provozierte, hatte ein Foto seines neuesten Schwarms Fynn auffällig auf seinem Tisch präsentiert, welches seinen Lebenspartner verschwitzt mit einer Kurzarmhantel in seinem Fitnessstudio zeigte.
Umgehend machten sich die Kripobeamten auf den Weg. Auch ihnen blieb nur der »Frosch« als Dienstwagen übrig. In die Dorfstraße 11 nach Mittenau ging es. Hier fanden sie ein kleines, weiß verputztes Einfamilienhaus. Das Dach war vermoost und sollte dringend mal wieder gemacht werden.
Die Haustür war nicht abgeschlossen – das war hier unter den Einheimischen auch nicht üblich. Im Haus wurden die beiden Polizisten von abgestandener Luft empfangen. Der Kalender – ein praktischer Dreimonatskalender in der Küche, den man ansonsten in jedem Büro finden konnte – stand auf Montag, den 5. Mai. Die Ölheizung mit Außentemperaturmesser heizte jetzt nicht mehr, sorgte nur noch für warmes Wasser.
Auf der Arbeitsplatte stand ein kleiner Karton der Mittenauer Firma »Luxor-Liköre« – darin drei typisch sechseckige Flaschen mit verrutschtem Etikett: Eierlikör, Kaffeelikör und Schwarze Johannisbeere. Drei Flaschen fehlten. Bei dem Karton handelte es sich augenscheinlich um B-Ware, die die Firma im Direktverkauf verscherbelte. Die drei fehlenden Flaschen fanden sie leer im Mülleimer in der Küche. Sonst war da nichts drin.
Die Wohnung – geschätzt vielleicht achtzig Quadratmeter – hatte drei Zimmer, eine zum Wohnzimmer hin offene Küche und ein altes, blau gefliestes Bad. Dazu gab es einen Kellerraum, wo die Ölheizung untergebracht war. In einem kleinen Vorraum waren Waschmaschine und Trockner aufgestellt. Dazu gab es drei unterschiedlich hoch gefüllte Wäschekörbe – mit heller Wäsche, dunkler Wäsche und Buntwäsche. In einer Ecke standen eingestaubte Nordic-Walking-Stöcke – wohl schon länger nicht benutzt.
Die Wohnung selbst war aufgeräumt und vollgestellt mit Erinnerungen. Im Flur prangte eine Fotocollage mit fünfzehn Fotos von augenscheinlich demselben Mann im unterschiedlichen Alter – angefangen vom Einschulungsfoto bis hin zu einem Hochzeitsbild. Vermutlich der Sohn, der jetzt in Liechtenstein wohnte. Auf dem Küchentisch lag ein Hefter mit losen Noten. Darauf prangte die Aufschrift »Bach-Chor«.
Auf einem Foto im Wohnzimmer war in silbernem Rahmen das Foto eines Chores zu sehen. Ein Damenchor. Alle trugen einen schwarzen Midi-Rock mit auffälligen Silberknöpfen und ein weißes Oberteil. Ganz links auf dem Bild war Helga Fischer zu sehen, eine korpulente und recht hochgewachsene ältere Dame. Das Foto war vielleicht zwei, drei Jahre alt.
Auch das Schlafzimmer war aufgeräumt. Auf einem Sessel stand zwar ein Nähkörbchen und daneben lag ein flüchtig zusammengelegtes Shirt. Das war aber auch schon alles an Unordnung. Das Bett war gemacht und mit einer Tagesdecke geschützt. Darauf lag säuberlich, noch in Plastikfolie (frisch von der Reinigung abgeholt), ein langer schwarzer Trachtenrock mit auffälligen Silberknöpfen.
Auf dem Nachttisch lagen eine Pillendose und ein Buch – irgendeine historische Liebesschnulze mit dem Titel »Rote Rosen auf Hiddensee«. In der Nachttischschublade fanden sie dann einen Medikationsplan.
Dr. Hilf und Sebastian Heiner schauten sich noch eine Weile um. Im Kühlschrank befanden sich vergammeltes Gemüse, eine geschlossene Milchpackung und verschiedene abgelaufene Packungen mit Wurst und Käse.
Im Sekretär fanden sie dann Kontoauszüge – die Dame segelte bei plus/minus zweitausend Euro und hatte eine Vorliebe für das Online-Shopping. Sauber abgeheftete von Telefon, WLAN, Strom, Öl, Versicherungen und, und, und. Insgesamt nichts Ungewöhnliches. Dann fanden sie einen Hefter mit Privatkorrespondenz. Viele Urlaubskarten von ihrem Sohn, einige von einer Gisela, einige von sich selbst an sich – Erinnerungen an Urlaubsaufenthalte ohne groß Text, nur mit einem lachenden Smiley versehen. Dann diverse Briefe von einem Günther – abgegriffen, oft gelesen und mindestens fünfzig Jahre alt. Liebesbriefe. Viele.
»Hallo? Ist da jemand?« Edwina Hopfen, eine junge Bäuerin mit großen Wasserwellenlockenwicklern, Kittelschürze und Gummistiefeln, kam ins Haus. Sie roch nach Schwein. Dr. Viktor Hilf und Sebastian Heiner stellten sich kurz vor. Dann kam Edwina an die Reihe. »Ich bin Edwina Hopfen, die Nachbarin. Ich kümmere mich um Helgas Post und die Blumen. Sie beide habe ich durch Zufall ins Haus gehen sehen. Da wollte ich mal nach dem Rechten schauen.«
Edwina Hopfen hatte vor zehn Tagen, am Abend des 6. Mai, eine SMS von Helga Fischer erhalten, die sie den beiden Kripobeamten zeigte: »Muss ganz plötzlich verreisen. Kümmere dich bitte um meine Blumen und die Post. Liebe Grüße Helga.«
Das war wirklich eine Kurzmitteilung. Sie erklärte aber auch, warum keine Vermisstenanzeige vorlag.
»Na, ich habe mich schon gewundert. Aber so gut kannte ich sie auch nicht. Sie ist ja etwa doppelt so alt wie ich – oder besser: sie war. Ich dachte, sie wäre bei ihrem Sohn.«
Die beiden Beamten packten einen Wäschekorb, den sie im Keller gefunden hatten, mit Laptop, Medikationsplan, Fotos, Korrespondenz und dem Stapel ungeöffneter Post, den sie von Edwina Hopfen bekommen hatten.
»Da sind keine verwertbaren Spuren gewesen. Die KTU konnte weder Fingerabdrücke noch Fremd-DNA an der Leiche sichern«, berichtete Dörfler vom Morgenbriefing. »Auch die Fußabdrücke können von wer weiß wann stammen. Aber Dr. von Dermelskirchen hat was beim Tox-Screen gefunden: Helga Fischer ist vergiftet worden.«
Von Dermelskirchen fand Reste der heimischen Giftpflanze Blauer Eisenhut und massig Eierlikör. »Frau Fischer hatte bei ihrem Tod mit 1,3 Promille ganz schön einen im Tee.«
Die Pflanze, so erzählte Dörfler, wuchs vor allem in höheren und feuchten Lagen im Gebirge. Schon kleinste Mengen des Hahnenfußgewächses – gleich ob Knolle, Stängel, Blüten oder Blätter – waren tödlich. Aber auch hier waren vor allem gezüchtete Unterarten ein üblicher Farbtupfer in Vorgärten – Hauptsache, der Fundort wies lehmig-sandigen Boden auf, war sonnig und feucht. Die Kelten hatten den Blauen Eisenhut gerne als Pfeilgift eingesetzt. Mittelalterlichen Kräuterhexen wurde gerne die Verarbeitung zu tödlichen Hautsalben nachgesagt.
»Man hat die Frau mit Eierlikör außer Gefecht gesetzt und sie anschließend mit einem Tiegel Hautcreme vergiftet?«, fasste der Senior im Team, Karl Krümmer, zusammen.
»So sieht es aus – oder so könnte es zumindest gewesen sein«, antwortete ihm Dörfler.
»Was ist das für ein Gift?«, fragte Karl Krümmer, während er am Besprechungstisch ein großes Stück Eierschecke aß. Simone Reuter hatte sie mitgebracht. Sie hatte heute Geburtstag und wurde 33. Vor ihr stand ein Strauß bunter Blumen, die Dörfler der Kollegin geschenkt hatte. Auch er – wie alle der Soko Dorfweiher – hatte ein großes Stück Kuchen vor sich, aber noch nicht probiert.
