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Während eines Grusel-Events auf dem Wasserschloss Wachendorf in Mechernich wird der Immobilienmakler Heribert Baucker tot in einem Deko-Sarg aufgefunden. Schnell ist klar, dass er vergiftet wurde. Der erfahrene Euskirchener Kriminalhauptkommissar Zippo Zerlett und sein Kollege Jürgen Kirsch nehmen die Ermittlungen auf: Was hatte der Tote mit der Kölner Unterwelt zu tun? Was hat es mit den rätselhaften Fotos vom Grusel-Event auf sich, auf denen das Opfer mit einem Todesengel zu sehen ist? Und welche Rolle spielt der stets von der Pleite bedrohte Schlosserbe Viktor von Auriggel? Sein plötzliches Ableben während einer Vernehmung stellt die Ermittler vor die Frage, ob es ein Suizid, ein Versehen oder ein hinterhältiger Anschlag war.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2023
Hans-Peter Pracht
Eifeler
Eibenlikör
Zippo Zerletts erster Fall
Euskirchen-Krimi
Eifeler Literaturverlag 2023
Impressum
1. Auflage 2023
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
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52072 Aachen
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Umschlaggestaltung:
Dietrich Betcher
Abbildungsnachweis:
© IreneuszB – stock.adobe.com
Druckbuch:
ISBN-10: 3-96123-067-6
ISBN-13: 978-3-96123-067-9
E-Book:
ISBN-10:3-96123-107-9
ISBN-13:978-3-96123-107-2
Kapitel 1
Harald Zumberg, Jungunternehmer, Location-Scout und Event-Manager ist Anfang 30, schlank und sportlich mit einem Faible für exakt angepasste Anzüge, Dreitagebart. Vor kurzem hatte er die Event-Agentur »Mach-ich-schon«, gegründet, nachdem er jahrelang als Verwaltungsangestellter keine Erfüllung fand und unter dem karrieremäßigen Stillstand litt. Kreativ wollte er sein, was in seinem ehemaligen Berufsstand nicht funktionierte. Die besten Voraussetzungen, etwas Neues zu beginnen, waren sein Mut und die familiäre Ungebundenheit.
Er erhielt einen seiner ersten Aufträge von den bekannten Eifel-Autoren Ernst Viervetter, Rudi Gönndorf und Christian Manderscheid. Die gerade im VGM-Verlag erschienene Gruselgeschichten-Anthologie »Fürchten musst du jede Nacht«sollte in einem entsprechenden Rahmen vorgestellt werden. Nach Durchsicht seiner Objektlisten entschied sich Zumberg für das Schloss Wachendorf nahe Euskirchen. In einem ersten Telefongespräch mit dem Eigentümer des Schlosses wurden Einzelheiten besprochen, um sie später in einem persönlichen Gespräch vertragsreif zu entwickeln.
Der Eigentümer des Schlosses, Victor von Auriggel, ist Mitte 50, untersetzt und eher unscheinbar. In seinem stets bevorzugten grauen Anzug stellte er eher einen emotionslosen Chauffeur als einen Schlosseigentümer dar. Nicht nur seine altmodische Brille, auch seine etwas unbeholfenen Bewegungen ließen ihn älter wirken. Er verkörperte mehr den Dutzendtyp trotz seiner grellen, floralen Krawatten, die in einem krassen Gegensatz zu seinem sonstigen Outfit sein optisches Erscheinungsbild nicht aufwerteten, aber auffälliger darstellten.
Vor fünf Jahren hatte er das Schloss »plötzlich und unerwartet« geerbt. Die anderen Erbberechtigten hatten das Erbe wegen der zu erwartenden Folgekosten ausgeschlagen. Zu einer Kapital bringenden Vermarktung des Anwesens hatte er sich vor Jahren mit dem Euskirchener Immobilienmakler Heribert Baucker zusammengetan. Aber betrügerische Machenschaften dieses Partners beendeten die gemeinsame Tätigkeit sehr schnell. Nun wollte von Auriggel dieses Geschäftsmodel allein angehen.
»Ist bei Ihnen alles so weit in Ordnung?«, fragte Zumberg, der von Köln zum Schloss gekommen war, um die Modalitäten für die geplante Veranstaltung zu regeln.
»Ja, doch, warum nicht?«, antwortete von Auriggel.
»Ich meine nur«, antwortete Zumberg. »Sie scheinen mit Ihren Gedanken weit weg zu sein.«
»Nein, nein. Mir geht nur ein unangenehmer Anruf gestern nicht aus dem Kopf.«
»Aber es bleibt doch bei der geplanten Veranstaltung in Ihrem Schloss, oder?«
»Aber selbstverständlich!«, bekräftigte von Auriggel. »Und nicht nur diese, auch Zukünftige. Mir ist nur entfallen, was Sie hier überhaupt veranstalten wollen.«
»Hatte ich Ihnen auch noch nicht mitgeteilt«, erwiderte Zumberg. »Es handelt sich um eine Buchpräsentation.«
»Ach so«, erwiderte von Auriggel sichtlich enttäuscht. »Ich hatte wegen des besonderen Ambientes andere Vorstellungen! Und was für ein Buch ist das, wenn hier diese Abgeschiedenheit gesucht wird? Schweinkram vielleicht, dass man es woanders nicht vorstellen kann? Sonst werden doch immer Buchhandlungen, Pfarrbüchereien, Foyers von Rathäusern dafür genommen. Ich muss wissen, was dahintersteckt. Also, wenn es mehr am Rand der Legalität ist, dann spiel ich auf keinen Fall mit, so dringend ich auch auf das Geld angewiesen bin. Wegen meiner weiteren Pläne mit dem Schloss kann ich mir nichts Zwielichtiges erlauben und die Zukunft verbauen.«
»Ach was. Es geht hier um das Ambiente! Sozusagen die Kulisse des Grauens! Das Drumherum, Sie verstehen, was ich meine?«, fuhr Zumberg fort.
»Drumherum? Ach ja! Das Drumherum«, antwortete von Auriggel nachdenklich, konnte offenbar diesen Begriff nicht sinnvoll verwerten.
»Ja, Sie wissen doch, Burgen, verwunschene Schlösser, Vollmond, und der durch Mark und Bein gehende Ruf des Waldkauzes. Je geheimnisvoller, undurchsichtiger, desto besser!«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach von Auriggel seinen Gesprächspartner in seinen malerischen Ausführungen. »Das heißt also, dass hier ein Gruselbuch, oder wie man es nennen soll, vorgestellt wird.«
»Vorstellen? Das geht auch woanders. Nein! Erleben werden es hier die vielen Menschen, werden abheben in ihrem Gruselrausch, lange noch darüber sprechen, anderen alles mitteilen, und die Verkaufszahlen werden vom ersten Tag an durchs Dach schießen. Natürlich nur, wenn alles richtig aufgezogen ist. Dafür werde ich sorgen. Das Grauen wird hier für diese Nacht einziehen, die Menschen die kalte Hand im Nacken spüren und sich auf dem Heimweg hundertmal umsehen!«
»Ja, ja, schon gut«, unterbrach ihn von Auriggel.
»Kennen Sie Ernst Viervetter beziehungsweise seine zahlreichen Bücher?«, fragte Zumberg jetzt ergänzend.
»Nein, der kennt mich bestimmt auch nicht. Und Lesen ist ohnehin nicht mein Ding«, erwiderte von Auriggel. »Ich vergeudete damit keine Zeit, ich nutze diese lieber!«
»Fürchten musst du jede Nacht«, warf jetzt Zumberg ein.
»Wie meinen Sie das jetzt?«, wollte von Auriggel wissen.
»Keine Sorge. So lautet der Titel des Buches. Die Hauptautoren werden ihre Präsentation an diesem Abend gestalten und begleiten«.
»Gut, schön«, erwiderte von Auriggel. »Ich bitte Sie aber eindringlich um Stillschweigen. Insbesondere über die weitere Nutzung des Schlosses. Sie können dabei sein«, stellte von Auriggel seinem Gesprächspartner großzügig eine Zusammenarbeit in Aussicht. »Vor allem sollte mein Name nirgends auftauchen. Auch nicht in der Form ›besonders danken wir Herrn von Auriggel für die großzügige Zurverfügungstellung seines Schlosses‹, oder so. Für die Zeit der Veranstaltung ist das hier Ihr Schloss, Sie haben alle Rechte in dem freigegebenen Bereich, alles liegt in Ihrer Verantwortung!«, ergänzte von Auriggel. Nach dem aufmerksamen Lesen des Vertrags unterschrieb er diesen.
*
Zumberg verließ das Anwesen. Gleichzeitig erreichte ein PKW den Schlosshof. Es war Luiza von Auriggel, die weniger in Euskirchen, dafür in Köln, Düsseldorf oder Bonn shoppen war. Die noch jugendlich wirkende, schlanke Mittfünfzigerin mit langer blondierter Mähne schwang sich elegant aus ihrem silberfarbenen Cabrio weiß-blauer Produktion, beugte sich zum rückwärtigen Notsitz. Dabei winkelte sie ihr linkes Bein gekonnt, filmreif an, eine Performance aus irgendeiner Werbung. Sie verhielt sich immer so, hoffte sich positiv beobachtet. Mit einer Mode nach dem derniere cri wollte sie stets das beste Bild abzugeben. Mehrere Tüten bekannter Edelmarken kamen zum Vorschein. Schnellen Schrittes, soweit es ihre hochhackigen Schuhe auf dem ungleichen Untergrund erlaubten, erreichte sie den Schlosseingang. Über das großzügige, weitläufige Treppenhaus stolzierte sie in die erste Etage. Ihre »Boutiquen-Beute« deponierte sie in einer nicht sofort einsehbaren Ecke auf dem Flur. Ihr Großeinkauf hätte sonst vorzeitig wieder zu unerfreulichen Diskussionen mit ihrem Mann geführt. Dann betrat sie den Salon mit der Sicht auf den Schlosshof.
»Hast du wieder Geld ausgegeben, das wir anderweitig benötigen?«, fragte von Auriggel seine Frau, der ihre Rückkehr vom Fenster aus beobachtet hatte.
Ihr Versteckspiel war unwirksam geblieben. Es missfiel von Auriggel, dass seine Frau trotz der knappen Finanzmittel ständig nur ihrer Kauflust nachkam. Sie argumentierte ihr Verhalten damit, sich als Schlossherrin schließlich von dem anderen »Gesindel« abheben zu müssen. Weitere Diskussionen liefen stets ohne zufriedenstellendes Ergebnis ins Leere.
»Wir werden demnächst hier eine größere Veranstaltung haben!«, erklärte ihr Mann. »Meine Pläne kennst du ja schon. Wichtig ist, dass nichts vorzeitig bekannt wird. Eine Kölner Agentur organisiert alles. Der Vertrag ist unter Dach und Fach.«
»Ja, aber ... warum?«, fragte seine Frau. »Das ... das ist doch kein Geheimnis, oder?«, stotterte sie wie ein ertapptes Kind. Dieses Verhalten war ungewöhnlich für sie, da es ihr ansonsten an Selbstsicherheit und Schlagfertigkeit nicht fehlte.
Von Auriggel wandte sich um, das Fenster jetzt im Rücken. Sein Gesicht blieb wegen des Gegenlichts dunkel. Ihm fiel einmal mehr dieses nervöse, unsichere Verhalten seiner Frau auf, als hätte sie etwas zu verbergen oder zu vertuschen.
»Ja, ja, natürlich«, flüsterte sie dann kleinlaut und verließ, um offenbar weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen, schnell den Salon. Mit ihren Einkaufstaschen suchte sie eines ihrer »Gemächer« auf.
Von Auriggel konnte das auffallend unruhige Verhalten seiner Frau zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht verstehen, nicht abschließend interpretieren. Er vermutete aber in ihrem Gebaren mehr.
*
Wenige Tage später in der Lokalredaktion der Euskirchener Zeitung. Ein Volontär legte die Post seinem Chef, Richard Meyerhoffer, vor. Stets im weißen Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, natürlich, lässig, ohne Krawatte, in Cordhosen wechselnder Farben kannten ihn alle. Dieses Outfit hatte sich als seine persönliche Note durchgesetzt.
Beim Kölner Stadtanzeiger gelernt, hatte dieser sich vor Jahren »selbständig« gemacht, wie er es bezeichnete und die Stelle des Leiters der Euskirchener Redaktion angenommen. Streng führte er sein Team.
»Was soll das denn?«, rief Meyerhoffer. Die Bürotür stand grundsätzlich offen, um alles auf seiner Etage mitzubekommen. »Werbung in der Post! Keine Zeit für diesen bunten Konsumterror.«
Kleinlaut schlich der Volontär zurück und stand untertänig vor Meyerhoffer. »Was falsch gemacht?«, flüsterte er, um die anderen an seinem zu erwartenden Anschiss nicht teilhaben zu lassen.
»Schon gut«, antwortete Meyerhoffer jetzt ungewöhnlich verhalten und kritikreduziert. »Es sah erst aus wie Werbung. Ist aber keine. Sorry.«
Er hielt einen Brief in der Hand, der wirklich wie Werbepost aussah. »Event-Agentur ›Mach-ich-schon‹«, brummte er. »Aus Köln. Was das wohl ist?«
Er faltete ein mehrfach zusammengelegtes Blatt auseinander, auf dem in authentischer Farb- und Formwiedergabe rote Spritzer verteilt waren, die so echt wie Blut wirkten, dass Meyerhoffer unwillkürlich mit einem Finger darüberwischte.
»Eine Einladung! Hm, Buchvorstellung. Wirklich originell! Was die sich alles einfallen lassen.« Er erkannte das Datum der Veranstaltung: »Schade, da kann ich nicht«, flüsterte er und blickte auf seinen Kalender. »Da wäre ich zu gerne selbst hingegangen. Mensch. Mist aber auch! Viervetter, Gönndorf, Manderscheid! Die kenne ich alle. Das sind doch die Größen der Eifeler literarischen Gruselwelt! Schade.«
Beim Zusammenfalten des Blattes schrie er quer durch die Redaktionsetage: »Krause, zu mir!« Dieses Verhalten dokumentierte seinen deutlichen Unmut.
»Krauseeee!« Es waren keine 10 Sekunden vergangen, als Meyerhoffer erneut seinen Reporter anforderte, dabei den letzten Buchstaben des Namens fürchterlich in die Länge ziehend.
»Ja, ja, bin schon da!«, rief er draußen auf dem Flur. Und schon stand Reporter Krause im Türrahmen des Chefbüros.
»Hier«, sagte Meyerhoffer und reichte die Einladung rüber. »Dort dürfen Sie hin. Hätte selbst gerne daran teilgenommen! Kann aber an dem Abend nicht. Und wenn ich selbst dort hinwollte, dann ist es wirklich wichtig. Ist doch klar, oder?«
Krause war ein mehr ungepflegt wirkender Typ, Mitte 20, mit speckiger, langer Lederhose, kariertem Hemd und einer Weste, wahrscheinlich auch Leder, aber nicht eindeutig identifizierbar. Seine halblangen Haare schnitt er wohl selbst, denn kein berufsbewusster Friseur hätte einen Kunden so aus seinem Salon verabschiedet. Aber eins musste man ihm zugestehen: Er neigte nicht zum Müffeln. Allerdings stand ihm von seinem Verhalten und seiner Lebenseinstellung das Prädikat »Spinner« durchaus zu.
Krause überflog den Text und stöhnte: »Och nö, muss das sein? Das ist nicht mein Ding. Kann da kein anderer hin? So ein langweiliger Scheiß. Ich habe da etwas anderes im Blick. Bin da einer Sache auf der Spur. Die ist bestimmt wichtiger!«, versicherte er.
»Ja? So etwas hatten Sie schon einmal angekündigt. Das hat mir damals gereicht«, antwortete Meyerhoffer.
Dieser lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, der unter dem Gewicht seines Benutzers stöhnte, und sagte: »Schließen Sie mal die Tür.«
Jeder in der Redaktion wusste, dass bei sinkendem Barometerstand des Betriebsklimas, bei Aufzug eines innerbetrieblichen Unwetters, die Chefbürotür geschlossen wurde. Aber die nachträglich installierten Leichtbauwände in diesem Altbau boten keinen akustischen Schutz. Und alle wussten: Dort steht wieder einer auf dem Teppich. Und Krause führte dabei die Häufigkeitsskala an.
»Krause, Sie fallen mir schon wieder auf! Nach Ihren Eskapaden vor einigen Jahren hoffte ich auf eine Reduzierung Ihres Übereifers. Sie sollten Ihre Kraft auf das wirklich dienstlich Erforderliche legen«, begann der Chefredakteur ein spontanes Personalgespräch.
»Chef, Buchvorstellung, das ist wirklich nichts für mich! Da kann ich doch gleich ... gleich ...« Er fand nicht so schnell die passenden Worte.
Meyerhoffer nutzte dieses Argumentationsdefizit und fragte: »Haben Sie etwa wieder irgendwelche Sondersperenzien im Blick? Krause, ich warne Sie. Haben Sie vergessen, welche Mühe es gekostet hat, Sie aus dem umfangreichen Mist, den Sie damals angerichtet hatten, herauszuholen?« Krause wusste genau, was der Chef meinte.
Meyerhoffer stand auf, blickte zum Fenster hinaus, vergrub seine beiden Hände in den Hosentaschen. Sein breites Kreuz verdunkelte merklich den Raum. Jetzt wartete er nur auf eine einzige Widerrede seines Gegenübers, um richtig loslegen zu können. Krause kannte diese Masche und schwieg. Meyerhoffer lauerte. Seine Hände steckten jetzt so tief in den Taschen, dass Ober- und Unterarme eine gerade Linie bildeten. Das Auf- und Abwippen des schweren Körpers bedeutete höchste Explosionsgefahr.
»Krause!«, sagte Meyerhoffer, und ließ sich in den Ledersessel fallen. »Krause, ich setze Sie anderweitig ein. Hätte ich schon damals tun sollen. So weit meine heutige Personalentscheidung. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Ihren Arbeitsvertrag oder fragen Sie Ihren Anwalt oder einen befreundeten Jurastudenten.«
Ruhe breitete sich im Büro aus.
»Das heißt?«, fragte Krause zaghaft.
»Keine eigenmächtigen Aktionen, die nicht mit den dienstlichen Aufträgen konformgehen! Ich habe Sie auf dem Zettel. Das heißt: Dienst nach meiner persönlichen Anordnung. Sie können gehen!«
Krause verließ wortlos das Büro.
»Stopp!«, rief Meyerhoffer ihm hinterher. »Hier, die Einladung nicht vergessen! Und einen ausführlichen Bericht bitte, mit entsprechenden Fotos. Grüße an Viervetter, Gönndorf und Manderscheid!«
Krause steckte die Einladung in seine Gesäßtasche und demonstrierte damit deutlich die Wertschätzung seines Auftrags.
*
Einen Tag vor der Veranstaltung herrschte auf dem Schloss rege Betriebsamkeit.
Von Auriggel gab Hinweise und Anweisungen. »Vorsichtig, meine Herren! Beschädigen Sie bitte nicht die Wände, das sind alte, unersetzbare Malereien. Decken Sie doch erst einmal das Parkett ab. Es muss doch nicht alles ruiniert werden!«
Harald Zumberg beruhigte von Auriggel sogleich, alles sei versichert.
»Nein, nein, dort nicht!«, rief von Auriggel zwei Mitarbeitern zu, die eine große Kiste mit Garderobe heraufschleppten. »Dort ist privat, gehört nicht zum angemieteten Bereich. Der Umkleideraum für die Komparsen ist unten rechts am Gebäude durch einen Nebeneingang erreichbar!«
Zur gleichen Zeit schlich eine männliche Person mittleren Alters im Schloss umher, kleidungsmäßig eindeutig kein Handwerker, beiger Anzug, abgestimmte Krawatte. Das Erscheinungsbild war sauber und gepflegt, der Gesichtsausdruck hingegen listig, unaufrichtig und berechnend, wenig vertrauenserweckend. Die Augen schienen alles zu scannen und zu speichern. Heimliche Notizen auf einem Block unterstrichen ein fragwürdiges Interesse.
»Baucker, was machen Sie denn hier?«, erschallte die Stimme des Schlossherrn vom Treppenabsatz. Er stürmte mit hastigen Schritten hinab.
»Langsam, nicht so hastig, lieber von Auriggel. Wir sollten noch einmal reden nach unserem unerfreulichen Telefonat, in dem nichts geklärt werden konnte!«
»Und dafür dringen Sie hier ein?«, bemerkte von Auriggel.
»Bin ich nicht! Die Tür war offen, bin ungehindert reingegangen«, rechtfertigte er seine Anwesenheit.
»Baucker, Sie Verbrecher, verlassen Sie sofort das Anwesen, oder ich rufe die Polizei!«, zischte von Auriggel außer sich vor Zorn. »Sie sollen mich mit Ihren krummen Machenschaften in Ruhe lassen! Was damals war, reicht mir.«
»Schöne Lokation«, antwortete Baucker, ohne auf die Bemerkungen einzugehen. »Da wäre wirklich etwas zu machen. Wir wären ein Superteam! Wir könnten uns gemeinsam eine goldene Nase verdienen.«
»Wieso? Was habe ich denn vor? Und wo wollen Sie denn mitmischen?«, fragte von Auriggel.
»Meine nur, so ein Anwesen hat nicht jeder. Aber Sie, und ich habe entsprechende Verbindungen und Erfahrungen. Zudem kauen Sie doch finanziell ohnehin auf dem letzten Knochen, oder? Ich würde Ihnen doch entgegenkommen, was?«
»Ihre zweifelhaften Verbindungen kenne ich. Mit Ihnen, nie wieder Geschäfte. Basta!«
»Die Zeiten ändern sich. Schon mal etwas von der zweiten Chance gehört? Dieses Mal würde alles anders werden«, versicherte Baucker.
Als dieser wieder grinsend etwas auf einem kleinen Block notierte, war für von Auriggel der Moment erreicht, das Gespräch zu beenden: »Baucker, raus jetzt, raus! Ein für alle Male!«
Mit sanfter Gewalt schob von Auriggel den ungebetenen Gast die Treppe hinunter, durch das offene Portal hinaus.
»Das war falsch, von Auriggel. Warten Sie ab. Dennoch Grüße an Frau Gemahlin!«
Von Auriggel überlegte, warum Baucker ihn auf seine weiteren Pläne mit dem Schloss angesprochen hatte, wusste doch niemand etwas über sein Vorhaben, außer seiner Frau und die Agentur. Irgendetwas stimmte da nicht, mutmaßte von Auriggel. Gab es da eine undichte Stelle?
*
20:30 Uhr am Veranstaltungsabend. Die Gäste strömten auf das Gelände. Die Wiesenflächen dienten als Parkplatz. Die örtliche Jugendfeuerwehr wies die Plätze zu.
Einige Schaulustige aus dem Ort beobachteten das Treiben.
Einer sagte: »Dä moot dat ever nüdig hann, dä Jraf oder wat dä do is! No demm Driß, der dä do erläff hät vür jare mit demm Vabrächa do us Üskirche!«
Ein anderer weitete seinen Kommentar aus, eigentlich ausdruckslos, nichtssagend: »Ärm Sau do, ärm Sau, saren isch do nur! Äver ä Schloss hann wulle. Dat sinn de richtije! Sulle doch rischtisch arbede jonn, wie mir uch. Äver jäht mich all nix ahn. Losse doch maache, watt ze wulle!«
Spots im Garten sorgten für die angepasste Beleuchtung. Vor dem Haupteingang stand dekorativ ein altes, weißes Metallbett, darin der regungslose Körper einer Puppe mit leichenblassem Gesicht, ein langes Messer in der Brust. Der Einstichbereich zeigte frisches Blut, natürlich Theaterblut. Kaum einer der Besucher hatte mit derart drastischen Darstellungen aus der Welt des Jenseits gerechnet.
In der Eingangshalle vor der großzügigen Treppe flackerte eine Überzahl roter Grablichter der Gattung »Allerheiligen«. Dazwischen stand ein dazu passendes »Möbelstück«, sozusagen das letzte Eigenheim des Menschen, nur liegend nutzbar, ohne Fenster: ein offener Sarg mit kompletter seidenmatt glänzender Komfort-Innenausstattung. Der Deckel lehnte links aufrecht an der Wand.
Der Bestatter Schuppenreuther aus Kreuzweingarten hatte den Sarg zur Verfügung gestellt und natürlich aus Werbezwecken den Namen seines Unternehmens in Großbuchstaben mit entsprechenden Kontaktdaten seitlich sichtbar in Objektnähe platziert.
Wenige Schritte weiter präsentierte ein Imbissbereich appetitlich aufgereihte Häppchen in der Geradlinigkeit eines Seziertisches. Die Namen der dargebotenen Speisen und Getränke ließen keine Wünsche offen: Fledermaushäppchen, Teufelsbraten, Draculasaft, Satanssuppe, Todesschnitzel und Ähnliches standen zum Verzehr bereit.
Mehrere Komparsen zeigten sich in Höchstform. Quasimodo polterte in seiner eigenartigen Performance die hölzernen Treppen hinunter, auf dem ersten Treppenabsatz wartete Gevatter Tod mit hoch erhobener Sense, und der Kopflose erschien mit seinem eigenen Haupt unter dem Arm, wobei heraustretende Adern und Sehnen bei jeder Bewegung synchron mitschaukelten. Im richtigen Leben hätte sich mancher Hilfe suchend abgewandt. Aber es sollte ja alles nur ein Spaß sein und ein Vorgeschmack auf das, was noch an diesem Abend bis in die späte Nacht literarisch folgen sollte.
Etwas bedächtiger wirkte da ein Todesengel in seinem langen weißen Gewand, barfuß und mit langen, über die Schultern wallenden blonden Haaren, das Antlitz in einen transparenten Schleier gehüllt. Wahrhaftig ein Engel, bis das Gesicht je nach Lichteinfall deutlicher erkennbar wurde. Weiß und matt, bewegungslos wie aus Wachs erschien die Haut, als Kontrast tiefe, dunkle Augenränder. Immer wieder näherte er sich den Besuchern, verharrte wortlos vor ihnen, vermittelte Beklommenheit und einen Hauch des ständig gegenwärtigen menschlichen Endes.
»Na, Viervetter, gefällt es Ihnen? Habe ich Ihnen zu viel versprochen?«, fragte Harald Zumberg, als er einem seiner Auftraggeber auf der Treppe begegnete.
»Hervorragend, ausgezeichnet!«, antwortete der Initiator der Veranstaltung. »Besser könnte es nicht sein. Und die Lesungen werden zum Höhepunkt, von dem man noch lange sprechen wird! Vielen Dank erst einmal, Herr Zumberg.«
»Nichts zu danken, Herr Viervetter! Sie zahlen ja dafür«, verwies Zumberg nüchtern auf seinen Auftrag.
Punkt 21:30 Uhr verkündeten Viervetter, Gönndorf und Manderscheid, alle totenschwarz gekleidet, vom mittleren Absatz der Treppe den Beginn der Lesungen und den weiteren Verlauf.
»Sie haben es so gewollt, meine Damen und Herren, und sind hierhergekommen, eine Gruselnacht zu erleben«, sprach Gönndorf. »Es wird grausam, wie noch nie. Werfen Sie uns später nicht vor, wir hätten Sie nicht gewarnt! Noch haben Sie die Gelegenheit, zu gehen, dem ausgesuchten Grusel und erschütternden Schrecken zu entkommen! Allerdings Eintrittsgeld wird nicht mehr zurückerstattet. Entscheiden Sie sich jetzt! Die Zeit läuft! Die Türen schließen gleich, dann gibt es kein Entrinnen mehr!« Mit diesen markigen Worten stimmten Ernst Vielvetter und Rudi Gönndorf ihre Gäste ein, wobei sie eine diabolische Freude verspürten. »Und um Mitternacht sehen wir uns wieder, hier an dieser Stelle, jedenfalls diejenigen, denen es gelingt, bis zu diesem Zeitpunkt unbeschadet hier zu verharren! Dann kommt der Abschluss der Gruselnacht.« Tosender Beifall erfüllte das Innere des Schlosses.
Die Gäste suchten die einzelnen Räume auf.
»Und wenn wir dann noch eine richtige Leiche hätten, wäre das ein schaurig-makaberer Höhepunkt!«, flüsterte Viervetter scherzhaft seinem Partner zu.
Im Treppenhaus und auf den Fluren wurde es ruhig. Drei der Komparsen nutzten die Zeit zu einer Erfrischung. Nur der Todesengel verblieb in seiner Rolle und schwebte leichtfüßig weiter durch Treppenhaus und Flure wie in Trance, stellte eine besonders gespenstische Erscheinung dar, unterstützt durch die schummrige, flackernde Beleuchtung.
Nach zwanzig Minuten waren die ersten Lesungen beendet. Die Gäste drängten hinunter in den Schlosshof. »Luft, frische Luft!«, stöhnten einige und passierten den Sarg im Eingangsbereich, diesen nicht mehr beachtend, eher teilnahmslos.
Von Auriggel befand sich auch unter dem Publikum, stilgerecht in Barockrobe, von Zumberg zur Verfügung gestellt. Er bewegte sich schwerfällig zwischen den Besuchern, von denen ihn offenbar einige auch als einen Komparsen vermuteten.
*
Während der zweiten Lesung erreichte ein PKW mit hoher Geschwindigkeit das Schlossgelände. Es war ein älterer Opel Corsa mit breiteren Reifen, auffällig tiefergelegt, zudem mit allen lieferbaren, bestimmt nicht erforderlichen Spoilern vorne und hinten ausgestattet. Der Auspuff hätte den Geräuschen einer V2 Konkurrenz machen können, alles unter Euskirchener Zulassung. Es war ein Fahrzeug, das bei Mädchen eines bestimmten Alters noch Eindruck machen konnte. Andere, die sowohl schon über die entsprechende Erfahrung mit einem Auto dieser Aufmachung als auch mit ihren Betreibern verfügten, hätten das Gefährt zwangsläufig als Protzverstärkung des Halters eingestuft. An der Windschutzscheibe haftete der Hinweis: »Presse«.
Krause, der Reporter der Euskirchener Zeitung, war wesentlich verspätet eingetroffen. Er schlich etwas desorientiert in den Veranstaltungsbereich. Gelangweilt wartete er auf dem obersten Treppenabsatz, mit dem Auftrag, einen ausführlichen Bericht und entsprechende Fotos am nächsten Morgen in der Redaktion vorzuweisen. Das Leben als Zeitungsmann hatte er sich anders vorgestellt, als von einer Goldhochzeit zum nächsten Jubiläum und von dort zum ersten Spatenstich für einen Kindergarten zu eilen. Und wenn dann noch das entsprechende Foto nicht die Kette des Bürgermeisters in vollem Glanz zeigte, war der nächste Anpfiff durch den Chef vorprogrammiert. Das kann es doch nicht sein, pflegte Krause sein Selbstmitleid in höchstem Maß.
Das Ende der Lesung riss ihn aus seinen beruflichen Alpträumen. Die begeisterten Zuhörer verließen die Vorleseräume. Von Auriggel kam aus einem dieser Zimmer. Auch seine Frau befand sich jetzt, ähnlich gekleidet wie er, unter den Gästen in historischer Robe. Gemeinsam wurden sie an diesem Abend nicht gesehen.
»Sind Sie Ernst Viervetter?«, fragte Krause eine ganz in Schwarz gekleidete männliche Person.
»Nein, Gönndorf ist mein Name! Rudi Gönndorf, warum?«, war die Antwort mit einem deutlichen rheinischen Akzent in der Stimme. »Herr Viervetter ist dort drüben! Der mit dem Buch unter dem Arm. Der hat immer ein Buch unter dem Arm. Sind Sie von der Presse?«, war die nächste Frage, als Krauses Kamera vor dessen Brust »standby« signalisierte.
»Ja, Krause, von der Euskirchener Zeitung!«
»Ach was, auch schon da?«, erklang in diesem Moment Zumbergs Stimme im Hintergrund. »Hatte ich nicht um pünktliches Erscheinen der Presse gebeten? Sogar schriftlich! Die Einleitungsrede haben Sie nun verpasst, um den gesamten Ablauf der Veranstaltung zu verstehen. Warum erscheinen Sie erst jetzt? Pressearbeit ist ein Teil der Werbung, meines Geschäfts! Verdammt noch mal«, maulte Zumberg. »Wozu die ganzen Vorarbeiten, wenn die Feinabstimmung letztlich nicht funktioniert?«
»Er ist ja jetzt hier«, beschwichtigte Viervetter, der in diesem Moment hinzukam, tatsächlich mit einem Buch unter dem Arm. »Sonst läuft doch alles ganz gut. Wir können zufrieden sein«, sagte er.
Zumberg beruhigte sich, Krause machte seine Pflichtfotos und informierte sich über die Veranstaltung, notierte Stichworte auf seinem Block von der Kreissparkasse Euskirchen. Alles erfolgte auftragsgemäß, mit großem Desinteresse, eben für ihn nur eine lästige Pflichtaufgabe.
»Sie bleiben doch noch bis zum Mitternachtsspektakel, ja?«, fragte Zumberg in der Absicht, nur ein »Ja« zu hören. Diese heutige Mitternachtsaktion der besonderen Art wollte er auch noch gerne in der Zeitung beschrieben wissen.
Krause sah auf seine Uhr. So lange noch und das heute am Samstagabend.
Zumberg wartete die Antwort nicht ab. Er ging einfach von Krauses weiterer Präsenz aus.
*
Während der nächsten Lesung erkannte von Auriggel im schummrigen Licht des Treppenhauses eine ihm bestens bekannte Person: Baucker.
»Was macht der denn hier? Hatte ich ihm nicht ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass er hier nichts mehr zu suchen hat?«, schimpfte er halblaut vor sich hin. Und dann näherte sich auch noch seine Frau seinem Rivalen. Beide führten ein angeregtes Gespräch, glaubten sich offenbar unbeobachtet. Im Schutz einer Säule beobachtete von Auriggel das Paar aus sicherer Entfernung.
Dann tauchte wie aus dem Nichts kommend der Todesengel auf, umschwebte theatralisch beide Personen mehrmals leichten Schrittes. Schließlich entschwand er in einer dunklen Ecke, um dann erneut zu erscheinen, lautlos und geheimnisvoll. Baucker und Frau von Auriggel führten unbeeindruckt ihr Gespräch weiter.
Als sich die Vorleseräume erneut leerten, fertigte Krause erneut eine größere Menge Fotos und kam damit seinem »kleinjournalistischen Auftrag« nach.
In der Menschenmenge verlor Victor von Auriggel seine Frau und Baucker aus den Augen und wunderte sich über den so engen Kontakt der beiden. Dann erinnerte er sich wieder an das kürzlich mit Baucker geführte Gespräch und dessen Bemerkungen über die zukünftigen Pläne mit dem Schloss. Hinzu kam das auffallend verwirrte Verhalten seiner Frau, nachdem er sie vor Tagen um Stillschweigen darüber gebeten hatte. Bei Victor von Auriggel verstärkte sich ein quälender Verdacht.
»Schon gesehen, Herr von Auriggel, Ihr bester Freund ist auch im Haus?«, riss Krause den Schlosseigentümer aus dessen Gedanken.
»Ja, klar, vor allem mein Freund, und bester«, wehrte von Auriggel ab.
»Läuft da wieder etwas?«, wollte Krause wissen. War er es doch gewesen, der vor Jahren die illegalen Machenschaften von Baucker aufgedeckt und dessen Partnerin dadurch in die Flucht geschlagen hatte. Jetzt witterte der nach eigener Einschätzung findigste Zeitungsmann der westlichen Welt neuen Stoff, den er sich nicht entgehen lassen durfte. Chef Meyerhoffers Mahnung war vergessen.
»Ich kann nichts dazu sagen«, bemerkte von Auriggel. »Ist jedenfalls alles sehr undurchsichtig! Und Sie, was wissen Sie denn?«
»Immer Augen aufhalten in alle Richtungen«, antwortete Krause diplomatisch.
Victor von Auriggel verschwand dann in seinen Privaträumen.
Das war der Moment, den der Todesengel in einer dunklen Ecke abgewartet hatte und sich Krause näherte. Er blieb vor ihm stehen, Angesicht zu Angesicht, und blickte ihm ganz tief in die Augen, so dass dieser verunsichert war. Was will die von mir, dachte Krause. Dann sprach sie ihn an, berührte ihn sogar kurz am Oberarm: »Bist du etwa müde? Du hast doch gerade gegähnt!«
»Ich, wieso, ich, nein, ja«, stammelte Krause, der so überrascht war, dass er nicht die richtigen Worte fand.
»Du willst doch nicht schon gehen, oder? Der Höhepunkt kommt doch erst«, flüsterte sie, wobei in ihrer Stimme ein nahezu lüsterner Unterton klang, und sie die Augen von Krause fixierte.
»Ja gut, wenn du, wenn Sie wollen«, antwortete Krause willig und überlegte gleichzeitig dabei, was sie gemeint haben könnte.
»Gut«, hauchte sie abschließend. »Wir sehen uns wieder, totsicher, warte nur auf mich!«
Dann entschwand der Todesengel theatralisch im schummrigen Licht.
Wir sehen uns wieder, totsicher, wiederholte Krause gedanklich ihre letzten Worte und stutzte. Er sah auf seine Uhr, gähnte anhaltend, aber diskret. Das bemerkte Zumberg, der bestrebt war, bis zur letzten Minute der Veranstaltung Regie zu führen. Ein vorzeitiges Ende der Pressearbeit galt es zu verhindern.
»Sie müssen bleiben! Der Höhepunkt steht erst an!«, sagte Zumberg mit bestimmender Stimme. »Wenn pressemäßig heute etwas schiefläuft, verspreche ich Ihnen, dass Sie nie wieder den Fuß an Deck bekommen, nie mehr berichten werden. Dafür werde ich persönlich sorgen, totsicher!«
Krause fühlte sich bevormundet. Er hatte doch von sich aus schon beschlossen, zu bleiben. Jetzt hatte er nur noch einen Grund mehr dazu. »Klar«, bestätigte Krause. »Natürlich doch.«
»Ach, noch etwas«, sagte Zumberg. »Habe gerade mitbekommen, wie mein Todesengel mit Ihnen gesprochen, Sie sogar berührt hat! Gäste sollen davon verschont bleiben. Daher hatten die Komparsen die strikte Anweisung, neutral zu sein, aufdringliches, körperliches Verhalten zu unterlassen. Ich habe ihn gerade zur Rede gestellt, und er hat behauptet, sich korrekt nach meiner Anweisung verhalten zu haben.«
Die Begegnung mit dem Todesengel und das angesprochene Verhalten hätte Krause zwar bestätigen können. Er hielt sich aber zurück, Zumberg eine Erklärung zu geben. Soll der doch sehen, wie er klarkommt, dachte Krause, der hat mich genug genervt.
Die Gäste wechselten zügig die Räumlichkeiten für die letzte Lesung. Auch Victor von Auriggel war im Kaminzimmer, um den Interpretationen von Ernst Viervetter zu lauschen. Dieser hatte gerade seine Lesung begonnen, als die Tür quietschte. Eine Person betrat auf Zehenspitzen den Raum. Der Vortragende hielt inne und blickte über seine Brille zur Tür. Eine weibliche Person in Barockrobe suchte einen der letzten freien Plätze.
»Dort hinten, neben dem Kamin«, wies Viervetter dem verspäteten Gast etwas verärgert einen Platz zu.
Als später ein heftiger Beifall abgeklungen war und die anderen Gäste das Kaminzimmer verlassen hatten, fragte von Auriggel seine Frau: »Was war denn los? Musste diese unangenehme Störung eben sein?«
»Lass mich einfach«, antwortete sie kurz und wollte schnell das Zimmer ohne eine Erklärung verlassen.
»Ich habe dich etwas gefragt! Nun?«
»Es war nichts Besonderes! Krause, der Reporter, hat mich aufgehalten! Das war alles!« Dann verließ sie den Raum.
Nun kündigte Viervetter zum Abschluss eine geheimnisvolle Geisterstunde an. Nebelschwaden ergänzten akustische und optische Darbietungen. Lasertechnik verwandelten den Veranstaltungsort in ein Spektakel, das der Öffnung der Hölle glich. Die Anwesenden waren begeistert.
Nach einem langanhaltenden Beifall war die Vorstellung beendet. Bald wurde es ruhig in dem Schloss. Gegen 1:00 Uhr waren die Wiesen vor dem Schloss leer. Dort erloschen langsam die restlichen Kerzen. Die Autoren und der Veranstalter trafen sich im Kaminzimmer bei einem kleinen Umtrunk zu einer Manöverkritik.
*
Zwei Mitarbeiter der Agentur begannen mit den Abbau- und Aufräumarbeiten, die bis 03:30 Uhr beendet sein sollten. Der Abtransport des gesamten Zubehörs war für den nächsten Vormittag vorgesehen.
Wegen heftigen Regens drängte Zumberg zur zügigen Demontage der Außendekorationen. Die beiden Mitarbeiter liefen die Treppe hinunter, passierten im Vorraum den Deko-Sarg.
»Da war wohl jemand schneller als wir. Der Deckel ist schon wieder drauf!«, kommentierte einer der beiden.
»Vielleicht ist da auch jemand drin, der nicht gestört werden will«, antwortete der andere scherzhaft und lachte laut.
Schnell waren die Dekorationen von draußen in den Vorraum geschafft.
»Der Sarg mitten im Weg muss zur Seite«, ordnete Zumberg an.
Die beiden Mitarbeiter versuchten nun dieses nicht alltägliche Teil zur Seite zu schieben. Es gelang ihnen nicht. Der Sarg war eindeutig zu schwer.
»Nun, was ist?«, drängte Zumberg. »Habt ihr nichts drauf, oder was?«
Alle Anstrengungen der beiden waren vergebens. Der Sarg ließ sich nicht bewegen.
»Ohne Deckel ist er vielleicht leichter, ihr Halbstarken!«, feuerte Zumberg seine Leute an.
»Und wenn da jemand drin ist?«, fragte der Mitarbeiter skeptisch, der diese Möglichkeit kurz zuvor scherzhaft erwähnt hatte.
»Quatsch, los jetzt! Macht keine Witze!«, befahl Zumberg, und sogleich ergriff einer das untere, der andere das obere Ende des Deckels. Gemeinsam hoben sie diesen an.
»Ich habe es doch geahnt!«, schrie der Mitarbeiter, der am Kopfende stand, und lief schnell nach draußen. »Ich hab’s gewusst, ich hab’s geahnt!«, ertönte laut sein Verzweiflungsruf vom Schlosshof. Zumberg eilte von der Treppe zurück. Dann stand er vor dem Sarg, starrte hinein und kommentierte, mit einem langgezogenen, aus tiefster Seele gemeinten: »Scheiße!«
Der geschockte, leichenblasse Mitarbeiter der Agentur kam langsam wieder herein.
»Wer ... wer ist das?«, fragte er.
Es war eine männliche Person, mittleren Alters. Keiner der Umstehenden kannte ihn. Wie auch? Sie alle waren nicht von hier, machten nur ihren Job. Bei all der Ratlosigkeit ertönte mit einem Male vom mittleren Treppenabsatz eine Stimme, die offenbar in der Lage war, Licht in die makabere Situation zu bringen.
»Es ist Baucker, Makler aus Euskirchen! Ein miserabler Typ! Ein krummer Hund, wie er im Buche steht. Ein Verbrecher erster Klasse. Exknacki!« Schritte und Stimme näherten sich. »Eines Tages musste ja das gerechte Ende kommen! Der hat wahrhaftig genug Ärger bereitet.«
Es war Victor von Auriggel, der offenbar so gut Bescheid wusste. Jetzt stand er vor dem geöffneten Sarg, sah hinein und grinste breit und zufrieden. »Herzlichen Glückwunsch, und vielen Dank! Angenehme Höllenfahrt. Du Ratte, verdammte da!«, sagte er genüsslich und stimmte leise summend das Lied an: So ein Tag, so wunderschön wie heute! »Schafft ihn weg, dieses elende Stück! Weg aus meinem Haus, runter von meinem Anwesen, bevor er anfängt zu stinken!«
»Moment, wer sagt denn, dass er tot ist, vielleicht lebt er ja. Nur weil er im Sarg liegt, muss er doch nicht tot sein!«, mischte sich jetzt Zumberg ein, der den niederschmetternden Kommentar vom Schlossherrn wahrgenommen und seine subjektiven und emotionsgeladenen Aussagen aufmerksam registriert hatte.
»Glaub ich nicht, hoffe ich auch nicht, so gesehen!«, erwiderte von Auriggel.
»Pst, nicht so laut, Herr von Auriggel, nicht so voreilig! Wenn jemand diese Äußerungen mitbekommt, könnte es sich negativ für Sie auswirken«, flüsterte Zumberg und rief dann an die anderen gewandt: »Ein Spiegel muss her! Bei den Schminkutensilien gibt es genügend davon!« Ein Mitarbeiter brachte ihn aus der Komparsen-Garderobe.
Zumberg hielt den Spiegel der Person im Sarg vor Mund und Nase, verweilte einen Moment. Dann kontrollierte er die Oberfläche des Glases. Nichts! Keine Veränderungen! Kein Beschlagen! Nichts.
»Exitus, ist wohl doch tot«, stellte Zumberg fest, worauf von Auriggel bestätigte: »Sagte ich doch gleich! Ich täusche mich selten!«
»So, haben Sie da Erfahrungen?«, wollte Zumberg jetzt wissen, der von Auriggel nach all diesen eindeutigen Aussagen schon als Mörder überführt sah.
»Nein, nicht! Ich meine, ich täusche mich überhaupt selten!«, versuchte er seine voreilige Anmerkung zu korrigieren.
»Was meinen Sie jetzt wieder?«, wollte Zumberg wissen, der eine weitere pietätlose Aussage im Anblick des Verblichenen erwartete und diese auch sogleich zu hören bekam.
»Nun ja, schade insofern, dass er nicht früher entdeckt wurde, ich meine, als die Gäste noch da waren! Das wäre der einzige, unschlagbare Höhepunkt gewesen. Wissen Sie eigentlich, was man in Amerika für echte Leichen bei ›schwarzen Events‹ bezahlt? Nur der da weist leider keinerlei Verletzungen auf! Das hätte natürlich eine kleine Einschränkung bedeutet«, führte von Auriggel ironisch aus.
»Jetzt werden Sie aber wirklich geschmacklos! Ich verstehe nicht, wie man überhaupt so denken kann!«, ereiferte sich Zumberg und wandte sich empört ab.
»Vielleicht hat er ja ein Messer im Rücken!«, fügte einer der Event-Mitarbeiter hinzu, der allerdings von seinem Chef in dem unpassendsten Moment ausgebremst wurde: »Halt doch deinen Mund, Mensch, fang du nicht auch noch mit solchen Sprüchen an. Zu viel schlechte Krimis gesehen, was?«
»Ich meinte ja nur, wegen der Aufklärung des Falls und so!«
»Lass das die machen, die es können. Wir müssen auf jeden Fall die Polizei holen«, stellte Zumberg fest, griff in seine Jackentasche und aktivierte den Notruf: »Hallo, Polizei? Ja hier Harald Zumberg! Ich bin hier auf Schloss Wachendorf. Wir brauchen die Polizei! Bitte? Eine vermutlich tote Person. Das heißt nicht vermutlich, sondern definitiv! Doch tot, schon. – Ja danke, machen wir!«
Zumberg beendete das Gespräch und sagte: »Wir müssen jetzt alle hierbleiben, nichts anfassen, keine Spuren zerstören, das Übliche also! Zuerst kommt gleich die Schutzpolizei. Das kann aber noch etwas dauern.«
»Heißt das, dass der hier noch länger herumliegen wird?«, monierte von Auriggel.
»Ja, davon gehe ich aus. Das lässt sich nicht vermeiden«, erklärte Zumberg, der sich mehr und mehr in die Rolle des einzig Vernünftigen vor Ort hineingedrängt fühlte.
»Dann macht doch wenigstens wieder den Sarg zu! Das ist ja grausam, wie der einen anstarrt«, forderte von Auriggel.
»Nichts da, nichts machen, hat die Polizei gesagt. Außerdem blickt er in eine ganz andere Richtung«, entgegnete Zumberg.
Kapitel 2
Gegen 01:30 Uhr wurde die dunkle und verregnete Nacht im Euskirchener Land in intensives Blaulicht getaucht, das das baldige Erscheinen von Freund und Helfer ankündete. Mit knirschenden Reifen bog der Streifenwagen auf den Schlosshof ein und blieb unmittelbar vor dem Portal stehen. Der Fahrer, mit zwei silbernen Sternen auf den Schultern dekoriert, ein Polizeioberkommissar, stieg aus und rückte seine Mütze gerade, während der Beifahrer, dessen Dienstgradabzeichen noch nicht zu erkennen waren, sich über Funk meldete: »Eule 13/11 am Einsatzort! Ende!« Dann stieg auch er aus, setzte seine Mütze auf und ging auf Zumberg zu, der am Portal stand.
»Hauptkommissar Nettekoven, guten Abend oder guten Morgen, wie auch immer! Das ist Kollege Oberkommissar Weinbeis! Ging leider nicht schneller! Auf halber Strecke nach Euskirchen war ein schwerer Unfall, bei dem zwei Streifenwagenbesatzungen erforderlich waren. Den Rest erledigen jetzt die Kollegen dort. Und was ist hier passiert?«, fragte der Beamte im Telegrammstil ab.
»Sehen Sie selbst«, forderte Zumberg ihn auf und deutete auf den Sarg.
»Sie sind der Eigentümer des Anwesens, richtig?«
»Nein! Das ist Herr von Auriggel, der sitzt dort hinten auf dem Stuhl. War anfangs noch ganz guter Dinge, ist aber jetzt total fertig. Scheint jedenfalls so.«
»Benötigt er einen Arzt?«, wollte der Hauptkommissar wissen.
»Auf gar keinen Fall!«, antwortete von Auriggel schnell, dem die Frage nicht entgangen war.
Die beiden Schutzpolizisten hingegen schienen im ersten Moment nach Betrachten ihres Einsatzortes etwas ratlos zu sein.
