Ein bisschen wie Unendlichkeit - Harriet Reuter Hapgood - E-Book
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Ein bisschen wie Unendlichkeit E-Book

Harriet Reuter Hapgood

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Beschreibung

Ein Roman voller tiefgreifenderer, schicksalhafter Romantik, Gefühl und Warmherzigkeit – überraschend, poetisch und wortgewaltig Gottie lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Während alle um sie herum in den Ferien von einer Party in die nächste hechten, den Tag am Strand verbringen oder andere Dinge erleben, liegt sie lieber unter dem Apfelbaum, schaut in die Sterne und philosophiert über das Universum. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. Doch in ihrem eigenen Leben gerät einiges ins Trudeln: Sie versteht nicht, wieso ihr Sandkastenfreund Thomas vor Jahren so plötzlich verschwand und nun wieder an ihre Türe klopft. Warum niemand sieht, wie sehr sie mit dem Verlust ihres Großvaters zu kämpfen hat. Und vor allem nicht, warum sie scheinbar durch die Zeit reist und schon erlebte Szenen neu durchlebt. Wird Gottie am Ende die Formel der Liebe und des glücklichen Lebens finden? Für alle, die in der Unendlichkeit des Universums verloren gehen möchten – denn um Unendlichkeit zu spüren, genügt ein Augenblick!

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Harriet Reuter Hapgood

Ein bisschen wie Unendlichkeit

 

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck

 

Über dieses Buch

 

 

Als die Ferien anfangen, möchte Gottie eigentlich nur unter dem Apfelbaum liegen, in die Sterne schauen und über das Universum philosophieren. Wurmlöcher, Raumzeit, Quanten­sprünge – sie kennt jede Theorie und kann alles mit einer Formel erklären.

Außer, warum ihr bester Freund Thomas, der vor einigen Jahren weg­gezogen war, plötzlich wieder auftaucht. Warum niemand ihre Verzweiflung über den Tod ihres Großvaters Grey versteht. Und warum sie in Flashbacks ganze Szenen ihres Lebens erneut durchlebt – verliert sie den Verstand oder wird sie wirklich in die Vergangenheit versetzt? Und wie kann sie in der Gegenwart, bei Thomas, bleiben?

 

Ein großes, bewegendes Debüt über den Schmerz und die unendliche Schönheit des Lebens

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Harriet Reuter Hapgood lebt in Brighton, England. Als Modejournalistin schrieb sie unter anderem für die Zeitschriften ›InStyle‹ und ›MarieClaire‹. Ihr Großvater war ein deutscher Mathematiker und hat sie zu diesem Roman inspiriert. ›Ein bisschen wie Unendlichkeit‹ ist ihr Debüt.

 

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

 

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel ›The Square Root of Summer‹ bei Macmillan Children's Books, London, Großbritannien

Copyright © Harriet Reuter Hapgood

Published by arrangement with Peppermint Frog Ltd.

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

 

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Frauke Schneider, Wittighausen

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-7336-0235-2

 

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Inhalt

Widmung

{1} Teilchen

Samstag, 3. Juli

Sonntag, 4. Juli

Montag, 5. Juli

Montag, 5. Juli (Abend)

Dienstag, 6. Juli

Dienstag, 6. Juli (später)

Mittwoch, 7. Juli

{2} Wurmlöcher

Donnerstag, 8. Juli

Freitag, 9. Juli

Sonntag, 11. Juli

Donnerstag, 15. Juli

Freitag, 16. Juli

Samstag, 24. Juli

{3} Fraktale

Mittwoch, 28. Juli

Donnerstag, 29. Juli

Montag, 2. August

Freitag, 6. August

{4} Weltschmerz

Samstag, 7. August

Sonntag, 8. August

Mittwoch, 11. August

Donnerstag, 5. September(letztes Jahr)

Samstag, 14. August

Null

{5} Schwarze Löcher

Sonntag, 15. August

Sonntag, 15., auf Montag, 16. August

Samstag, 21. August

Sonntag, 22. August

Vor fünf Jahren

Jetzt

Eins

Danksagung

Für meine Eltern, für alles

{1}Teilchen

Die Unschärferelation besagt, dass man entweder wissen kann, wo sich ein Teilchen befindet oder wohin es sich bewegt, nie aber beides zugleich.

Dasselbe gilt, wie sich herausstellt, für Menschen.

 

Versucht man es dennoch und schaut ganz genau hin,

so tritt der Beobachtereffekt ein. Wer herausfinden will, was vor sich geht, greift in sein Schicksal ein.

 

Ein Teilchen kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Ein Teilchen kann die eigene Vergangenheit beeinflussen. Es kann mehrere Zukünfte und Vergangenheiten haben.

 

Das Universum ist kompliziert.

Samstag, 3. Juli

{minus dreihundertfünf}

Meine Unterwäsche hängt im Apfelbaum.

Ich liege im Gras und starre in die Zweige. Es ist später Nachmittag, der übrige Garten ist in limonadigen Sonnenschein getaucht, doch hier unten ist es kühl und dunkel und voller Krabbeltiere. Mit einer Neigung des Kopfes kann ich den Garten kippen lassen – und die aufgereihte Wäsche, die traurigste Girlande der Welt.

Ein Déjà-vu haut mich fast um, und mir kommt der törichte Gedanke: Hey, Grey ist zurück.

Als vor ein paar Jahren unsere Wäscheleine riss, stand mein Großvater Grey gerade darunter. »Potz Blitz und Pestilenz!«, brüllte er und schleuderte die nassen Klamotten zum Trocknen in den Baum. Weil ihm das so gut gefiel, bestand er darauf, dass wir sie von da an immer so aufhängten.

Aber Grey ist vergangenen September gestorben, und eigentlich machen wir solche Sachen nicht mehr.

Ich schließe die Augen und murmle Pi bis in die hundertste Dezimalstelle vor mich hin. Als ich sie wieder öffne, blüht meine Unterwäsche noch immer im Apfelbaum. Ein Rückfall in die Vergangenheit – und ich weiß auch, wer dafür verantwortlich ist.

Dann höre ich ihn meinen Namen sagen, seine Stimme schwebt über die Büsche hinweg zu mir.

»Gottie? Ja, unser Superhirn ist immer noch total durch den Wind.«

Ich drehe mich auf den Bauch und spähe zwischen den Bäumen hindurch. Am anderen Ende des Gartens tritt mein Bruder Ned aus der Hintertür. Ein Meter achtzig, Drei-Tage-Bart, Schlangenmusterleggings, an seinem T-Shirt baumelt eine Wäscheklammer. Seit er vor ein paar Wochen von der Kunstakademie zurückkam, inszeniert er die Sommer mit Grey: Er zerrt die Sachen unseres Großvaters aus dem Schuppen, stellt Möbel um, spielt dessen Platten. Nun lässt er sich, eine Bierdose in der einen Hand, im Gras nieder, mit der anderen spielt er Luftgitarre. Er ist ständig in Bewegung.

Als ich sehe, wer ihm folgt, ducke ich mich instinktiv. Jason. Neds bester Freund und der Bassist ihrer Band. In aller Ruhe setzt er sich ebenfalls hin, während ich ein Loch in den Rücken seiner Lederjacke starre.

»Ist schon nach sieben«, bemerkt Ned. »Grots wird bald heimkommen, falls du hallo sagen willst.«

Ich rümpfe die Nase über den Spitznamen. Klane Grott – kleine Kröte. Also bitte, ich bin siebzehn!

»So spät schon?« Jasons Stimme ist ein tiefes Raunen. »Wir könnten die anderen anrufen, eine Bandprobe ansetzen.«

Nein, bloß nicht, denke ich. Verpisst euch. Es reicht schon, dass Ned seit ein paar Wochen das Haus mit Musik und Krach und Chaos füllt. Da brauche ich nicht auch noch die »Fingerband«: abendelanges Gitarrenquieken und endloses Gequatsche. Nicht, wo ich mich letzten September entschlossen habe zu schweigen.

Und dann ist da Jason. Blond, blauäugig, Elvis-Haartolle. Schön. Und zugegebenermaßen mein Ex-Freund.

Mein heimlicher Ex-Freund.

Würg.

Abgesehen von der Beerdigung ist es das erste Mal, dass ich ihn seit Ende des letzten Sommers wiedersehe. Das erste Mal, seit wir Sex im Sonnenschein hatten.

Ich wusste nicht mal, dass er zurück ist. Ist mir schleierhaft, wie mir das entgehen konnte – Holksea, unser Dorf, hat ungefähr die Größe einer Briefmarke. Es hat weniger Häuser als ein Monopoly-Spiel.

Ich könnte kotzen. Als Jason damals auf die Uni ging, habe ich mir unser Wiedersehen anders vorgestellt. Jedenfalls nicht so, dass ich im Gebüsch lauere wie Greys riesiger Steinbuddha. Erstarrt und wie festgefroren kann ich den Blick nicht von Jasons Hinterkopf wenden. Es ist zu viel für mein armes Herz. Und gleichzeitig nicht genug.

Dann taucht aus dem Nichts unser Kater Umlaut auf.

Wie ein orangefarbener Blitz schießt er durch den Garten und landet mit einem »Miau« neben Neds Cowboystiefeln.

»He, Winzling«, sagt Jason. »Du bist neu.«

»Gehört Gottie«, sagt Ned anstelle einer Erklärung. Der Kater war nicht meine Idee. Eines Tages im April war er plötzlich da, mit besten Empfehlungen von Papa.

Ned steht auf und sieht sich im Garten um. Ich versuche, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, mich in ein Blatt von einem Meter fünfundsiebzig zu verwandeln, doch er kommt bereits auf mich zu.

»Grotbag.« Er hebt cool eine Augenbraue. »Spielst du Verstecken?«

»Hallo«, erwidere ich, drehe mich auf den Rücken und blicke zu ihm hoch. Das Gesicht meines Bruders ist das Spiegelbild meines eigenen: olivenfarbene Haut, dunkle Augen, Hakennase. Doch während ihm das braune Haar ungekämmt auf die Schultern fällt, ist meines seit fünf Jahren nicht mehr geschnitten worden, ich trage es zu einem Dutt aufgesteckt. Und nur einer von uns trägt Eyeliner. (Tipp: nicht ich.)

»Erwischt.« Ned zwinkert. Dann zieht er blitzschnell sein Telefon aus der Tasche und macht einen Schnappschuss.

»Ehhh«, beschwere ich mich und verberge mein Gesicht. Eines habe ich während seiner einjährigen Abwesenheit nicht vermisst: Neds Paparazzo-Gehabe.

»Komm mit«, ruft er über die Schulter. »Ich mache Frikadellen.«

Die Aussicht darauf genügt, um mich wider Willen aus meinem Versteck zu locken. Ich stehe auf und folge ihm durchs Gebüsch. Auf dem Rasen lümmelt Jason noch immer zwischen den Gänseblümchen herum. Offenbar hat er sich an der Uni ein neues Hobby zugelegt – in der Hand, die er zu einem halbherzigen Winken hebt, hält er eine Zigarette, ein schwaches Grinsen spielt um seinen Mund.

»Grots«, sagt er, ohne mich richtig anzusehen.

Das ist Neds Spitzname für mich, denke ich. Du hast immer Margot zu mir gesagt.

Ich möchte hallo sagen, möchte noch viel mehr sagen, doch die Worte verschwinden, bevor sie meinen Mund erreichen. Vieles ist ungesagt geblieben zwischen uns. Meine Füße schlagen Wurzeln, während ich warte, dass er sich erhebt. Um mit mir zu reden. Um mich wieder heil zu machen.

Mein Handy wiegt schwer in meiner Tasche, ohne jegliche Nachrichten. Er hat mir nicht gesagt, dass er zurück ist.

Jason schaut weg und zieht an seiner Zigarette.

Nach einer peinlichen Pause klatscht Ned in die Hände. »Tja«, sagt er fröhlich, »dann wollen wir euch Laberbacken mal in die Küche verfrachten. Ran an die Buletten!«

Er stapft auf das Haus zu, Jason und ich hinter ihm her. An der Tür will ich ihnen eigentlich in die Küche folgen, aber etwas hält mich zurück. Als riefe jemand meinen Namen. Als bliebe meine Seele an einem Nagel hängen. Ich verharre auf der Schwelle und schaue zurück in den Garten. Betrachte den Apfelbaum mit seinen Wäscheblüten.

Hinter uns verdichtet sich das Abendlicht, die Luft ist angefüllt von Schnaken und dem Duft der Heckenkirsche. Mich schaudert. Der Sommer hat gerade erst begonnen, aber es fühlt sich an wie ein Ende, nicht wie ein Anfang.

Vielleicht, weil Grey tot ist. Es kommt mir immer noch so vor, als wäre der Mond vom Himmel gefallen.

Sonntag, 4. Juli

{minus dreihundertsechs}

Am nächsten Morgen bin ich schon früh in der Küche. Während ich mir Bircher-Müesli in eine Schale löffle, bemerke ich es. Ned hat die Fotos auf den Kühlschrank zurückgestellt, eine von Greys Dekorationsideen, die ich immer gehasst habe. Man kann nämlich die Lücke sehen, wo eigentlich Mum sein sollte.

Sie war neunzehn, als Ned zur Welt kam und sie zu ihren Eltern nach Norfolk zurückkehrte, mit Papa im Schlepptau. Mit einundzwanzig bekam sie mich und ist dabei gestorben. Auf dem ersten Foto, das mich zeigt, bin ich vier, und wir sind auf einer Hochzeit. Papa, Ned und ich eng zusammengedrängt, im Hintergrund überragt von Grey. Er besteht nur aus Haaren, Bart und Pfeife – ein gigantischer Gandalf in Jeans und einem Rolling-Stones-T-Shirt. Ich grinse zahnlos in die Kamera mit Gefängnishaarschnitt, Hemd und Krawatte, Schnallenschuhen, und Hosen, die in schmuddeligen Socken stecken. (Ned trägt ein rosa Häschenkostüm.)

Vor ein paar Jahren habe ich Grey gefragt, warum ich wie ein Junge angezogen bin, und er hat kichernd gesagt: »Mann, Grots, niemand hat dich jemals irgendwie angezogen. Das warst du selbst. Bis zu den in die Socken gestopften Hosenbeinen. Deine Eltern wollen, dass du und Ned euer eigenes Ding macht.« Dann wandte er sich wieder dem zweifelhaften Eintopf zu, der auf dem Herd köchelte.

Trotz meiner kindlichen Vorliebe, mich wie Mr Darcy zu kleiden, ist an mir kein Junge verlorengegangen. Meine BHs mögen zwar in den Bäumen hängen, aber sie sind rosa. Als ich gestern Abend nicht einschlafen konnte, habe ich mir die Zehennägel kirschrot lackiert. In meinem Schrank – wenn auch unter Hunderten von Turnschuhdoppelgängern verborgen – versteckt sich ein Paar schwarzer Highheels. Und ich glaube an Liebe von der Intensität des Urknalls.

So wie bei Jason und mir.

Bevor ich die Küche verlasse, drehe ich das Foto um und befestige es mit einem Magnet.

Draußen herrscht englische Cottage-Garten-Idylle. Rittersporn bohrt sich in den wolkenlosen Himmel. Mürrisch starre ich in den Sonnenschein und gehe in mein Zimmer, ein quadratischer Anbau aus roten Ziegelsteinen gleich hinterm Apfelbaum. Doch mein Fuß stößt gegen etwas Hartes und ich falle hin.

Als ich mich wieder aufrapple und zurückschaue, setzt Ned sich gerade auf. Er reibt sich das Gesicht.

»Machst dich gut als Löwenzahn«, sage ich.

»Machst dich gut als Wecker«, erwidert er.

Vom Haus her höre ich das Klingeln des Telefons. Ned streckt sich wie eine Katze in der Sonne. Im Gegensatz zu seinem Samthemd ist er erstaunlich unzerknautscht.

»Bist du eben erst nach Hause gekommen?«

»So ähnlich«, feixt er. »Jason und ich sind nach dem Abendessen los – Bandprobe. Es gab Tequila. Ist Papa da?«

Wie auf Anweisung eines Regisseurs kommt Papa, einen Becher in jeder Hand, aus der Küche gesegelt. In diesem Haus voller stampfender Riesen ist er ein Heinzelmännchen, ein elfenblasser Kobold aus Grimms Märchen entsprungen. Trüge er nicht seine roten Turnschuhe, wäre er unsichtbar.

Er hat etwa so viel Bodenhaftung wie ein Ballon und zuckt nicht mit der Wimper, als er uns am Boden verstreut findet. Zwischen meiner umgekippten Müslischale und mir geht er in die Hocke. Er reicht Ned einen Becher. »Hier, Saft. Ich möchte euch einen Vorschlag machen.«

Stöhnend stürzt Ned den Saft hinunter und taucht etwas weniger grün hinter dem Becher auf.

»Was für einen Vorschlag?«, frage ich. Es ist immer ein wenig beunruhigend, wenn Papa genug Realitätsbezug aufbringt, um Ideen zu entwickeln. Ihm fehlt dieses Vorsprung-durch-Technik-Gen – nichts von wegen deutscher Präzision und Effizienz. Er hat den Kopf nicht nur in den Wolken, er trudelt durchs Universum.

»Nun«, beginnt Papa. »Ihr erinnert euch doch an die Nachbarn von nebenan, die Althorpes?«

Automatisch wandern unsere Blicke zu dem Haus jenseits der Hecke. Vor fast fünf Jahren sind unsere Nachbarn nach Kanada gezogen. Sie haben das Haus nicht verkauft, und daher gab es – neben dem Zu-Vermieten-Schild und dem ewigen Strom von Touristen, Feriengästen, Familien – die Hoffnung auf Rückkehr. In den letzten Monaten stand das Haus leer.

Selbst nach all den Jahren sehe ich den kleinen, schmuddeligen Jungen mit den dicken Brillengläsern vor mir, wie er sich durch das Loch in der Hecke quetscht und mit einer Handvoll Regenwürmern winkt.

Thomas Althorpe.

Bester Freund ist ein lahmer Ausdruck für das, was wir einander bedeutet haben.

Wir sind in derselben Woche geboren und praktisch zusammen aufgewachsen. Thomas-und-Gottie: Wir waren unzertrennlich, Ärger hoch zwei, ein Spinner-Verein mit nur zwei Mitgliedern.

Bis er wegzog.

Ich starre auf die Narbe in meiner linken Handfläche. Alles, woran ich mich erinnere, ist ein Blutsbrüderschwur und das Versprechen, in Kontakt zu bleiben. Daran sollten auch dreitausend Meilen nichts ändern. Ich erwachte in der Notaufnahme mit einem Verband an der Hand und einem Schwarzen Loch im Gedächtnis. Als ich wieder nach Hause durfte, waren Thomas und seine Eltern weg.

Ich wartete und wartete, aber er hat mir nie geschrieben oder eine Mail geschickt, oder eine Botschaft in Morsezeichen oder sonstwie sein Versprechen gehalten.

Meine Hand heilte, meine Haare wuchsen. Mit der Zeit wurde ich erwachsen. Mit der Zeit vergaß ich den Jungen, der mich zuerst vergessen hatte.

»Die Althorpes?«, unterbricht Papa meine Gedanken. »Ihr erinnert euch? Sie lassen sich scheiden.«

»Erstaunlich«, krächzt Ned. Und obwohl Thomas mich verlassen hat, setzt mein Herz kurz für ihn aus.

»In der Tat. Thomas’ Mutter hat mir am Telefon gesagt, dass sie im September zurück nach England ziehen will. Thomas kommt mit.«

Diese Ankündigung hat etwas Unausweichliches. So als hätte ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass Thomas zurückkommt. Wie kann er es wagen, mir das nicht selbst zu sagen! Wieso lässt er seine Mum bei Papa anrufen! Feigling.

»Jedenfalls möchte sie, dass Thomas sich vor Schulbeginn noch etwas eingewöhnt, was ich natürlich ähnlich sehe«, sagt er und schließt mit einem Räuspern, bei Papa ein untrügliches Zeichen, dass mehr hinter der Sache steckt. »Das Ganze kommt ein bisschen plötzlich, aber ich habe angeboten, dass er den Sommer bei uns verbringen kann. Das … Das ist mein Vorschlag.«

Unglaublich. Nicht genug, dass er zurückkommt, er wird auf meiner Seite der Hecke aufschlagen. Unbehagen wuchert in mir wie Algen.

»Thomas Althorpe«, wiederhole ich. Von Grey weiß ich, dass Worte, die man laut ausspricht, Wirklichkeit werden. »… zieht bei uns ein.«

»Wann?«, fragt Ned.

»Hmm.« Papa nippt an seinem Becher. »Dienstag.«

»Dienstag – du meinst in zwei Tagen?«, kreische ich wie ein Teekessel, während jegliche Gelassenheit verdampft.

»Da bin ich raus«, sagt Ned. Seine Gesichtsfarbe ist wieder Katergrün. »Das Stockbett kommt in dein Zimmer, Grots.«

Noch einmal räuspert sich Papa, bevor er die Götterdämmerung einläutet. »Ich habe ihm Greys Zimmer angeboten.«

Die vier apokalyptischen Reiter. Frösche, die vom Himmel regnen. In Flammen stehende Gewässer. Ich bin zwar nicht bibelfest, aber die Entweihung unseres Großvaterschreins kommt dem Weltuntergang gleich.

Neben mir kotzt Ned lautlos ins Gras.

Montag, 5. Juli

{minus dreihundertsieben}

»Raumzeit!«, schreibt Ms Adewunmi mit schwungvoller Marker-Schrift ans Whiteboard. »Der vierdimensionale mathematische Raum, mit dem wir … was beschreiben?«

Physik ist mein Lieblingsfach, doch meine Lehrerin hat eindeutig zu viel Energie für neun Uhr an einem Montagmorgen. Eigentlich für jeden Morgen nach einer schlaflosen Nacht; und das ist in meinem Fall praktisch jeder Tag seit Oktober. Raumzeit, notiere ich mir, und schreibe dann aus unerfindlichen Gründen daneben: Thomas Althorpe.

»E ist gleich McQuadrat«, murmelt Nick Choi von der anderen Seite des Klassenzimmers.

»Vielen Dank, Einstein«, sagt Ms Adewunmi unter dem Gelächter der anderen. »Das ist die Formel für das spezielle Relativitätsprinzip. Aber hier geht es um Raumzeit. Raum ist dreidimensional, Zeit ist linear, aber wenn man beides kombiniert, schafft man sich Spielraum für alle Arten von physikalischen Späßen. Und wer hat uns diesen Raum eröffnet?«

Hermann Minkowski, denke ich, doch anstatt die Hand zu heben, unterdrücke ich damit ein Gähnen.

»Dieser Typ, Mike Wazowski«, schreit jemand.

»Was? Der von der Monster AG?«

»Die reisen doch zwischen den Welten hin und her, oder? McQuadrat«, höre ich von weiter hinten.

»Minkowski.« Ms Adewunmi versucht sich über dem allgemeinen Gebrüll Gehör zu verschaffen. »Lasst uns auf dem Boden der Tatsachen bleiben …«

Na dann, viel Erfolg. Es ist die letzte Schulwoche, und die Stimmung prickelt wie Kohlensäure. Vermutlich ist das der Grund, warum Ms Adewunmi sich vom Lehrplan verabschiedet hat und selbst ein bisschen Spaß haben will.

»Noch jemand was zu den intergalaktischen Dimensionen? Wie können wir einen Raumzeit-Tunnel beschreiben?« Ein Wurmloch, überlege ich. Ein Raumzeit-Tunnel ist ein Gruß aus der Vergangenheit. So würde meine Antwort lauten. Zum Beispiel Ned, der Greys Buddhas wieder aufstellt, Kristalle im Waschbecken hinterlässt, mit viel zu viel Chili kocht. Jason, der mich nach fast einem Jahr im Garten anlächelt.

Thomas Althorpe.

Doch ich habe mich in Ms Adewunmis Unterricht nie gemeldet. Nicht dass ich die Antworten nicht wüsste. Und früher, in meiner alten Schule, hat es mir auch nichts ausgemacht, sie zu sagen und mich damit als Mathegenie-Wunderkind-Meganerd zu outen. Dort kannten wir uns alle schon seit ewigen Zeiten. Doch wie so viele kleine Dörfer entlang der Küste ist Holksea zu klein, um eine eigene Schule mit Oberstufe zu unterhalten. Mit sechzehn muss man in die riesige Schule in der Stadt. Hier sind die Klassen doppelt so groß und voll fremder Leute. Aber vor allem fühle ich mich seit Greys Tod irgendwie entblößt, wenn ich spreche. Als ob mich jeder sofort durchschauen könnte, sobald ich den Mund aufmache.

Als Ms Adewunmis Blick auf mich fällt, zucken ihre Augenbrauen nach oben unter den Afro. Sie weiß, dass ich die Antworten parat habe, aber ich presse die Lippen zusammen, bis sie sich wieder zum Whiteboard gedreht hat.

»Na gut«, sagt sie. »Ich weiß, dass ihr im nächsten Schuljahr Fraktale durchnehmen werdet. Also können wir jetzt schon mal damit anfangen.«

Fraktale, notiere ich mir, sind in der Natur vorkommende, unendliche Muster, die aus mehreren verkleinerten Kopien ihrer selbst bestehen. Das große Bild, die ganze Geschichte, setzt sich aus Tausenden kleiner Geschichten zusammen, wie bei einem Kaleidoskop.

Thomas war ein Kaleidoskop. Er hat Farbe in die Welt gebracht. Ich könnte Hunderte Geschichten über Thomas erzählen, und es wäre nicht annähernd die ganze Geschichte: Er hat einen Lehrer ins Bein gebissen. Er hat lebenslanges Besuchsverbot auf dem Jahrmarkt von Holksea. Er hat eine Qualle in Megumi Yamazakis Brotdose gelegt, weil sie sagte, ich hätte eine tote Mum. Und er konnte sich Lakritzschnüre durch die Nase fädeln.

Aber es war mehr als das. Grey behauptete, wir seien »Wolfsjunge, die im selben Revier aufgewachsen sind.« Thomas gehörte nicht auf seine Seite der Hecke, wo der Rasen ordentlich geschnitten und die Regeln seines fürchterlichen Vaters praktisch in Erz gegossen waren. Und ich gehörte nicht so richtig auf meine Seite, wo wir tun durften, was wir wollten. Es hatte nichts mit Zuneigung oder Liebe zu tun – wir waren einfach ständig zusammen. Wir teilten uns ein Gehirn. Und jetzt kommt er zurück …

Es ist dasselbe Gefühl, wie wenn man im Garten einen großen Stein wegrollt und darunter die Käfer krabbeln sieht.

Die Glocke läutet, viel zu früh. Womöglich ein Probe-Feueralarm, denke ich, bis ich feststelle, dass alle um mich herum Arbeitsblätter hochhalten. Das Whiteboard ist vollgeschrieben, aber Fraktale werden nicht erwähnt. Die Uhr behauptet, es sei Mittag. Eins nach dem anderen sammelt Ms Adewunmi die Blätter ein und legt sie auf einen wachsenden Stapel.

Erschrocken blicke ich auf den Tisch vor mir. Da liegt ein Arbeitsblatt, aber ich habe nichts draufgeschrieben. Ich kann mich nicht mal erinnern, es entgegengenommen zu haben.

Neben mir gibt Jake Halpern sein Blatt ab und latscht los, sein Rucksack streift mich, als er ihn sich überwirft. Ms Adewunmi schnalzt mit den Fingern.

»Ich –« Ich starre sie an, dann auf mein leeres Arbeitsblatt. »Die Zeit war zu knapp«, sage ich lahm.

»Tja dann«, sagt sie mit einem kleinen Stirnrunzeln. »Nachsitzen.«

 

Ich musste noch nie nachsitzen. Als ich nach der letzten Stunde meinen Zettel dem Aufsichtslehrer vorzeige, winkt er mich gelangweilt durch. »Such dir einen Platz und lies. Oder mach Hausaufgaben«, sagt er und korrigiert weiter Hefte.

Ich gehe durch das heiße, halbleere Klassenzimmer zu einem Platz am Fenster. In meiner Mappe sind die Anmeldeformulare für die Universitäten, die wir heute Morgen von unserer Klassenlehrerin bekommen haben. Ich schiebe sie möglichst weit nach hinten, um sie nie mehr sehen zu müssen, und widme mich stattdessen Ms Adewunmis Arbeitsblatt. Und weil ich nichts Besseres zu tun habe, beginne ich zu schreiben.

DAS GROSSE RAUMZEIT-QUIZ!

 

Nenne drei Eigenschaften der speziellen Relativität.

1. Die Lichtgeschwindigkeit ändert sich NIEMALS.

2. Nichts bewegt sich schneller als das Licht. Das bedeutet 3., dass, je nach Betrachter, die Zeit unterschiedlich schnell verläuft. Uhren sind ein Mittel, um die Zeit zu messen, wie sie auf der Erde existiert. Würde die Erde sich schneller drehen, dann bräuchten wir eine neue Minuteneinheit.

 

Was versteht man unter der allgemeinen Relativitätstheorie?

Sie erklärt die Gravitation im Kontext von Raum und Zeit. Ein Objekt – zum Beispiel Newtons Apfelbaum – zwingt die Raumzeit in eine Krümmung, wegen der Gravitation. Aus diesem Grund gibt es Schwarze Löcher.

 

Beschreibe die Gödel-Metrik.

Sie ist eine weitere Lösung für die Gleichung EMC2. Sie »beweist«, dass die Vergangenheit weiterhin existiert. Denn wenn man die Raumzeit als gekrümmt annimmt, kann man durch sie in die Vergangenheit gelangen.

 

Was ist das wichtigste Charakteristikum der Möbiusschleife?

Sie ist endlos. Man kann ein Modell herstellen, indem man die Enden eines Papierstreifens nach einer 180-Grad-Drehung mit Klebeband zusammenklebt. Eine Ameise könnte die gesamte Oberfläche überqueren, ohne jemals an eine Kante zu gelangen.

 

Was ist ein Ereignishorizont?

Eine Grenze der Raumzeit – der Punkt ohne Wiederkehr. In ein Schwarzes Loch, das man beobachtet, kann man nicht hineinsehen. Jenseits des Ereignishorizonts kann man die Geheimnisse des Universums sehen – aber aus dem Schwarzen Loch kommt man nicht heraus.

 

Zusatzpunkt: Entwickle eine Gleichung für die Weltschmerz-Ausnahme.

?!

Obwohl ich die letzte Frage für gefühlte Jahrhunderte anstarre, bevor ich aufgebe, ist es erst 16.16 Uhr. Noch vierundvierzig Minuten, bevor ich hier abhauen kann.

Gegen den Schlaf ankämpfend kritzle ich vor mich hin: die Milchstraße, Sternbilder aus Fragezeichen. Geometriewitze, Raumschiffe, Jasons Namen, den ich hinschreibe und wieder durchstreiche, wieder und wieder. Dann dasselbe mit Thomas’ Namen.

Als ich wieder auf das Arbeitsblatt schaue, ist es total vollgeschmiert.

16.21 Uhr. Gähnend schlage ich meinen Collegeblock auf, um meine Antworten auf ein sauberes Blatt zu übertragen.

E=MC2, beginne ich.

Genau in dem Moment, wo ich die hochgestellte Zwei schreibe, fängt die Gleichung zu flirren an.

Uahhhh … Ich gähne und blinzle, doch meine Handschrift hält nicht still: Kein Zweifel, sie flirrt. Jetzt fehlen bloß noch Plateauschuhe und eine Diskokugel.

Ich klappe meinen Collegeblock zu. Auf dem Deckblatt steht: DIN A4, liniert. Mit bebendem Herzen blättere ich ihn von hinten her durch. Die Linien auf dem Papier kräuseln sich wie Schallwellen.

Ich habe mal gelesen, dass Schlafentzug zu Halluzinationen führt. Aber ich dachte, das seien dann eher schwarze Punkte mit Aura, wie man sie bei einer Migräne sieht, nicht Schreibblöcke, die animiert sind wie Cartoons. Wie um genau das zu widerlegen, beginnt die Gleichung zu kreiseln. Vage wird mir bewusst, dass ich eigentlich in Panik geraten sollte. Aber es ist, wie wenn man aus einem Traum erwachen will – man gibt sich den Befehl dazu, aber nichts passiert.

Stattdessen wende ich gähnend den Blick ab, schaue aus dem Fenster und zähle dabei in Primzahlen von tausend rückwärts: 997, 991 … Bei 97 überkommt mich die Neugier, und mein Blick wandert zurück zum Collegeblock. Nichts rührt sich. Meine Handschrift auf dem linierten Papier, sonst nichts.

Tja dann, wie Ms Adewunmi sagen würde. Wird wohl eine Sommergrippe sein oder die Hitze hier drin oder das Seit-gestern-wach-Sein. Ich straffe die Schultern, greife zum Stift.

Ich schreibe noch einmal Jasons Namen, und diesmal verschwindet der Collegeblock.

Wirklich.

Der Stift bleibt in der Luft hängen, wo eigentlich Papier sein sollte, aber keines ist. Es ist so absurd, dass ich nicht anders kann: Ich muss einfach lachen.

»Jetzt ist keine Kicher-Zeit, Miss Oppenheimer«, warnt der Lehrer.

Ms Oppenheimer, korrigiere ich ihn insgeheim. Kicher-Zeit? Wo sind wir denn, bitte? Bin ich etwa sieben? Ich hatte schon Sex! Ich habe Entscheidungen getroffen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, schreckliche Entscheidungen, gigantische Entscheidungen. Ich bin alt genug, um Auto zu fahren.

Er sieht mich finster an. Ich grinse blöd und tue so, als schriebe ich in den unsichtbaren Block, bis er zufrieden ist und sich abwendet.

Dann blicke ich wieder auf den nicht-existenten Collegeblock und muss ein weiteres Kichern unterdrücken. Ich habe mich nämlich geirrt, er ist gar nicht unsichtbar. Wäre er das, dann müsste ich ja die Tischplatte darunter sehen können. Doch stattdessen ist da ein Rechteck aus Nichts. Eine Abwesenheit. Es sieht ein bisschen so aus wie das Testbild von alten Schwarzweißfernsehern, oder so, wie ich mir die unbeschreibliche Pampe jenseits der Grenzen des Universums vorstelle, das Zeug, zu dem sich der Urknall ausgedehnt hat.

Bin ich jetzt total gaga?

Ich beuge mich hinunter und schaue unter den Tisch. Kaugummiknödel, ein Fingerband-Sticker und Graffiti auf solidem Holz.

Doch als ich mich wieder aufsetze, ist das Rechteck aus Fernsehflimmern immer noch da.

Es wächst nicht und verändert sich nicht und bewegt sich nicht. Ich sinke auf meinem Platz zusammen und starre es wie hypnotisiert an. Ich drifte fünf Jahre in die Vergangenheit. Zu einem Jungen.

Einem Dachboden.

Und einem ersten Kuss, der keiner war.

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»Gack, gack, gack«, sagt Thomas von der anderen Seite des Dachbodens. »Du Weichei. In den Händen gibt’s gar keine Arterien.«

»Hmmm.« Ich blicke nicht von dem Anatomiebuch auf. Wie alles andere in Greys Buchladen ist es secondhand, auf den Abbildungen sind Schmierereien. »Ich sehe sicherheitshalber noch mal nach.«

Er hat unrecht. Man hat sehr wohl Arterien in den Händen. Aber ich werde den Blutsbrüderschwur trotzdem durchziehen. Ich will mir einfach nur vorher dieses Buch anschauen. Besonders die Seiten mit nackten Jungs drauf. Ich lege das Buch zur Seite, neige den Kopf. Wie kann das nur –?

»Was machst du?« Thomas schaut mir über die Schulter.

Ich knalle das Buch zu.

»Nichts! Du hast recht. Keine Arterien«, lüge ich mit hochrotem Kopf. »Los, tun wir’s.«

»Gib mir deine Hand«, sagt er und schwenkt das Messer. »Ups.«

Das Messer fliegt durch die Luft. Als Thomas sich umdreht, um es aufzuheben, wirft er einen Stapel Bücher um.

»Was treibt ihr Kinder da oben?«, brüllt Grey aus dem unteren Stockwerk.

Ich brülle zurück. »Nichts. Thomas stellt nur ein paar Bücher um. Wir dachten, wir sollten’s mal mit diesem abgedrehten neuen System versuchen, das sich Al-pha-bet nennt.«

Es folgt ein ersticktes Murmeln, dann eine gewaltige Lachsalve. Ich wende mich Thomas zu, der das Messer aufgehoben hat und damit unsere Initialen in eines der Bücherregale schnitzt. Morgen wird er nicht mehr hier sein. Wir werden uns nie mehr wiedersehen. In welcher bekloppten Welt ist so was möglich?

Und das heißt, dass uns noch etwa vier Stunden bleiben, um etwas zu tun, worüber ich schon seit Wochen nachdenke.

»Thomas, niemand wird dich jemals küssen«, verkünde ich. Er blickt auf und blinzelt eulenhaft hinter seinen Brillengläsern. »Und mich wird auch niemand küssen.«

»Okay«, erwidert er und nimmt einen tiefen Zug aus dem Inhalator. »Dann sollten wir das wohl am besten jetzt tun.«

Wir stehen auf, was nicht so einfach ist, denn ich bin diesen Sommer fast zwölf Zentimeter gewachsen. Die Dachschräge ist niedrig, und ich muss mich bücken, bin aber immer noch fünfzehn Zentimeter größer als er. Thomas steigt auf einen Bücherstapel, jetzt haben wir die richtige Mund-zu-Mund-Höhe. Er beugt sich vor, ich lutsche Erdnussbutter von meiner Zahnspange. Los geht’s …

»Aua!«

Sein Kopf knallt gegen mein Kinn. Die Bücher rutschen unter seinen Füßen weg. Wir fuchteln wild mit den Händen, suchen Halt beim anderen und krachen dann gemeinsam in die Bücheregale. Wir sind noch dabei, uns zu entwirren, als Grey brüllend hereinstürzt und uns mit Händen wie große, haarige Schmetterlinge die Treppe hinunter- und zur Tür hinausscheucht.

»Draußen regnet’s«, jammere ich. Wir wohnen am Meer, und es macht mir nichts aus, nass zu werden, aber ich möchte hören, was er sagen wird …

»Du bist ein zwölf Jahre altes Mädchen und nicht die Böse Hexe des Westens«, röhrt Grey und knallt die Tür hinter uns zu. Ich muss kichern.

Thomas und ich drücken uns auf der Veranda herum, die Luft trieft vor Nässe. Als er mich ansieht, beschlagen seine Brillengläser und sein Haar kräuselt sich in der Feuchtigkeit. Seine Hand ist zur Faust geballt. Mit dem kleinen Finger deutet er auf mich.

Ein Gruß, ein Zeichen, ein Versprechen.

»Treffen wir uns bei dir?«, fragt er. Ich weiß nicht, ob er den Kuss meint oder den Blutsbrüderschwur. Oder beides.

»Ich weiß nicht, wie ich ohne dich sein kann«, sage ich.

»Ich auch nicht«, sagt er.

Ich hebe die Hand und hake meinen Finger in seinen. Dann springen wir die Stufe hinunter. In den Regen.

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Ein farbverschmierter Finger tippt auf das Geflimmer vor mir, und augenblicklich verwandelt es sich in einen Collegeblock. Zwinkernd sehe ich mich um.

»Was machst du da?« An meinem Tisch steht Sof.

Vor dem hellen Fenster ist sie nur ein Umriss – Haartentakel, das Dreieck ihres Kleids, staksige Beine. Ein lichtumfluteter Racheengel, der mich aus der Verbannung errettet!

Ich bin verwirrt und schläfrig. Sof und ich haben uns in diesem Schuljahr allenfalls mal im Korridor zugenickt, und trotzdem ist sie jetzt da, lässt ihre Kunstmappe auf den Boden fallen und sich selbst auf den Stuhl neben mir.

Ich blinzle mir die Sonne aus den Augen und bemerke, dass sie ihr lockiges Haar aufgetürmt hat wie Softeis, dazu trägt sie roten Lippenstift und eine Strassbrille. Irgendwann, als ich wohl mal kurz nicht hingeschaut habe, muss sich meine einstmals beste Freundin neu erfunden haben, und zwar im Stil eines Fünfziger-Jahre-Musicals.

»Oh, hi«, flüstere ich, weil ich nicht weiß, ob wir reden dürfen. Nicht wegen des Nachsitzens, sondern weil wir in letzter Zeit kaum noch miteinander reden. Wir nicken und lächeln uns in der Mensa oder der Bücherei zu, sind aber nicht mehr so vertraut wie damals in unserer alten Schule.

Sie beugt sich herüber und linst in meinen Block.

»Hmm«, sagt sie und tippt auf das Gekritzel, mit dem ich Jasons und Thomas’ Namen bis zur Unkenntlichkeit übermalt habe. Vermutlich erklärt das meinen Traum. »Dein künstlerisches Comeback?«

Das ist eine Spitze gegen mich. Damals in der Neunten hat Sof Kunst, Erdkunde und Deutsch gewählt. Ich habe mich dem angeschlossen, um keine eigene Entscheidung treffen zu müssen, so eng waren wir damals. Ich habe ihr nie erzählt, dass ich eigentlich andere Pläne hatte, als wir vor der Elften in die neue Schule wechselten – es war einfacher, sie selbst herausfinden zu lassen, dass ich in Kunst nicht mehr an der Staffelei neben ihr saß.

»Physik-Quiz«, erkläre ich.

»Was hast du verbrochen, dass man dich in den Gulag geschickt hat?«, krächzt sie. Dafür, dass sie so ein Müsli-Tigerbalm-Superhippie ist, klingt sie, als hätte sie vor dem Frühstück mit Zigaretten gegurgelt.

»Tagträume.« Ich fummle an meinem Stift herum. »Und du?«

»Nichts«, entgegnet sie. »Höchste Zeit, dich hier rauszuholen.«

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass sie recht hat. Der Lehrer ist weg, das Klassenzimmer leer. Meine Nachspielzeit war vor einer Stunde zu Ende. Ich habe nicht das Gefühl, so lange geschlafen zu haben.

»Um fünf wird der Fahrradschuppen abgeschlossen.« Sie steht auf. »Nimmst du mit mir den Bus?«

»Okay …«, sage ich, nur halb bei der Sache. Ich starre meinen Collegeblock an: Da ist nur Papier. Trotzdem stopfe ich ihn so tief wie möglich in meine Tasche, als wäre er schuld an dem, was gerade passiert ist.

Habe ich wirklich geschlafen? Wie habe ich die vergangene Stunde verbracht? Ich denke zurück an letzten Samstag. Ein ganzer verlorener Nachmittag, bevor ich mich unter dem Apfelbaum wiederfand.

Vielleicht bin ich ja verrückt. Auch diesen Gedanken stopfe ich so weit nach hinten, wie es nur geht.

Sof wartet an der Tür auf mich. Das Schweigen, das zwischen uns nach Hause fährt, ist so gewichtig, dass es einen eigenen Fahrschein bräuchte.

Montag, 5. Juli (Abend)

{minus dreihundertsieben}

Schere. Stein. Papier.

Das Abendessen ist vorbei, und seit zwanzig Minuten stehen wir vor Greys Schlafzimmer und spielen Schere-Stein-Papier. Es gab eines der drei Gerichte aus meinem riesigen Repertoire, und wir haben es in schweigender Ungläubigkeit verzehrt, nachdem Papa Ned und mir nahelegte, Greys Zimmer auszuräumen.

»Na los, trau dich«, sagt Ned. Stein schlägt Schere.

»Du zuerst«, sage ich. Papier schlägt Stein.

»Wie viele Treffer von, sagen wir, fünfzig?«

Ich bin in dem ganzen Jahr nur einmal in seinem Zimmer gewesen. Gleich nach der Beerdigung. Ned hatte sich nach London zur Kunstakademie abgesetzt, und Papa war total fertig, was er nicht zugeben wollte, und verkroch sich im Antiquariat. Also musste ich es tun. Ohne rechts und links zu schauen, stürmte ich mit einer Mülltüte hinein und raffte alles zusammen, was hineingehörte – Deosticks, Bierflaschen, schmutzige Teller, halbgelesene Zeitungen. (Greys Aufräumphilosophie: Wer etwas anfasst, stirbt!)

Dann ging ich durchs Haus und sammelte all die Dinge ein, deren Anblick ich nicht ertragen konnte: die riesige orangefarbene Kasserolle und die japanische Glückskatze, seine karierte Lieblingsdecke und den klobigen Aschenbecher, den ich ihm getöpfert hatte, Dutzende von winzigen Buddhastatuen, die in Winkeln und auf Regalen standen. Ich brachte alles in die Scheune. Dasselbe machte ich mit seinem Auto. Papa schien es nicht zu bemerken, jedenfalls sagte er nichts. Nicht einmal als ich die Möbel umstellte, um die Buntstiftstriche zu verdecken, mit denen Grey unsere Größe dokumentiert hat, während wir heranwuchsen – Mum, Ned, ich.

Manchmal auch Thomas.

Dann schloss ich Greys Tür hinter mir und habe sie seither nicht mehr geöffnet.

Wieder schlägt das Papier den Stein. Ich habe gewonnen.

»Sei’s drum.« Ned zuckt mit den Schultern, als wäre es keine große Sache. Aber seine Hand verharrt eine volle Minute auf dem Türknauf, bevor er ihn dreht. Seine Fingernägel sind rosa. Die Tür knarrt, als er sie endlich aufstößt. Ich halte den Atem an, aber es kommt uns kein Heuschreckenschwarm entgegen. Die Erde bebt nicht unter unseren Füßen. Alles ist genau, wie ich es hinterlassen habe.

Und das ist schlecht, denn überall liegen Bücher herum. In Doppelreihen füllen sie die Regale vom schiefen Boden bis zur durchhängenden Decke. Sie stapeln sich an der Wand und unter dem Bett. Stalagmiten aus Wörtern.

Ned drängt sich an mir vorbei und reißt die Vorhänge auf. Ich beobachte von der Tür aus, wie das Abendlicht den Raum erobert, es beleuchtet ungefähr elf Millionen weitere Bücher und wirbelnde Staubtornados.

»Wow«, sagt Ned und dreht sich einmal im Kreis. »Papa hat gesagt, du hättest hier saubergemacht.«

»Das hab ich!« Du meine Güte. Ich bleibe an der Tür stehen, traue mich nicht weiter. »Siehst du irgendwo verschimmelte Kaffeetassen?«

»Nein, aber …« Er dreht sich um und beginnt Schranktüren und Schubladen zu öffnen. In einer Kommode finden wir noch mehr Bücher. Ned stößt ein langes, leises Pfeifen aus, als er den Kleiderschrank aufmacht.

Er sagt nichts, steht nur da und starrt, als sähe er etwas … Seltsames. Seltsam wie das Verschwinden eines Collegeblocks in einem Loch im Universum.

»Was ist los? Hast du Narnia entdeckt, oder was?«

»Grots.«

»Was denn?« Ich mache einen Schritt in den Raum, die Augen fest auf Ned und nichts anderes gerichtet – nicht auf die Fotografien von unserer Mutter, die überall rumstehen, nicht auf das große Gemälde an der Wand überm Bett.

»Grots«, sagt Ned, ohne vom Schrank aufzublicken. »Verdammt, Gottie. Seine Schuhe sind noch da.«

Oh. Das also ist der Heuschreckenschwarm.

»Ich weiß.«

»Hast es nicht über dich gebracht, was?« Ned wirft mir einen mitfühlenden Blick zu, dann setzt er sich auf den Klavierhocker. Wenn Grey der selbstgemachte Wein zu Kopf stieg, ließ er die Tür offen und hämmerte alte Schlager in die Tasten. »Es kommt nicht auf die Melodie an, sondern auf die Lautstärke«, donnerte er, unsere gegenteiligen Beteuerungen missachtend.

Ned lässt die Hände über die Tasten gleiten. Gedämpftes Klimpern entsteigt dem Klavier, doch ich erkenne den Song.

Papa hat einen Stapel zusammengefalteter Umzugskartons aufs Bett gelegt. Ich stelle mich auf die andere Seite, um das Bild nicht anschauen zu müssen, und falte die Kartons. Dabei versuche ich, das Bett nicht zu berühren, obwohl es mit einem Überwurf abgedeckt ist. Hier hat Grey geschlafen. Und in vierundzwanzig Stunden wird Thomas kommen und seine Träume auslöschen.

»Mann, das dauert ja ewig«, bemerkt Ned, obwohl er noch keinen Handstrich getan hat. Nach einem finalen Zehn-Finger-Akkord kreiselt er untätig auf dem Klavierhocker. »Eigentlich ist das nicht deine Sache. Schließlich war es Papas großer Plan.«

»Willst du’s ihm sagen, oder soll ich es tun?«

»Ha.« Er hechtet an mir vorbei zu einem der Bücherstapel, doch statt ihn wegzuräumen, ordnet er ihn nur anders an. Blättert hier und liest dort. Dann blickt er zu mir auf. »Grotbag. Was glaubst du, hat Thomas angestellt?«

»Wie meinst du das?« Ich mühe mich, die Bücher ordentlich in den Karton vor mir zu stapeln, aber eines hat wellige Seiten von einem Bad im Meer und widersetzt sich.

»Du weißt schon«, erwidert Ned. »Weil man ihn hierherschickt. In die Verbannung nach Holksea.«

»Verbannung?«

»Ach, komm schon. Kein Mensch glaubt diese Geschichte vom Eingewöhnen über den Sommer«, fährt Ned fort und jongliert mit einem Buch. »Das ist alles so überstürzt. Der Flug muss ein Vermögen gekostet haben. Der wird bestimmt für irgendwas bestraft – oder er soll von etwas abgehalten werden. So wie damals die Nummer mit Mr Tuttle.«

Mr Tuttle war Thomas’ Hamster. Ein Fellknäuel, das siebzehn Tage in Folge zur Schlafenszeit aus seinem Käfig ausgebrochen ist, bis Thomas’ Vater durchschaute, was los war, und ein Vorhängeschloss besorgt hat. »Oje«, erklärte Thomas, der fünf Minuten zuvor die Käfigtür geöffnet hatte, betrübt, »jetzt ist er schon wieder abgehauen. Ich schlafe drüben bei Gottie, für den Fall, dass er dort ist.« Seine Tasche war bereits gepackt.

»Komm schon«, beharrt Ned. »Du weißt doch am besten, wie Thomas war.«

Hmmm. Ich habe mich bisher nicht gefragt, wieso man ihn Hals über Kopf nach Hause schickt.

Ein Hämmern an der Tür verscheucht meine Gedanken.

»Yo, Oppenheimer! Könntest du vielleicht mal auf dein Handy schauen? Hab dich überall gesucht. Weißt du, wie spät es ist?« Jason hält inne, als er mich sieht. Es entsteht eine Pause, in der er sich neu justiert; er macht einen Schritt rückwärts und lehnt sich an das Bücherregal bei der Tür. Dann sammelt er seine Gesichtszüge zu einem lässigen Lächeln und korrigiert sich: »Oppenheimers.«

Mein Hals spielt Stein-Schere-Papier und entscheidet sich für Stein.

»Gottie.« Diesmal begegnet er meinem Blick, seine blauen Augen forschen in meinen, und er wägt jedes Wort ab.

»Also. Noch. Mal.«

Ich halte ein Buch in der einen Hand, die andere öffnet und schließt sich um leere Luft, während wir uns ansehen.

Ned kriegt von all dem nichts mit und legt das Buch, das er gerade in der Hand hat, auf den Stalagmit, der prompt umfällt. Mit einem Satz weicht er den fallenden Büchern aus und hält Jason die Faust zum Gruß hin.

»Scheiiiiße, Mann«, sagt Ned, sie vollführen ein kompliziertes Ritual mit viel Daumeneinsatz. »Geht Niall schon die Wände hoch?«

»Wie üblich.« Sobald der Gruß beendet ist, schaltet Jason wieder auf Zeitlupe. »Können wir los?«, fragt er.

»Grots.« Ned ist praktisch schon aus der Tür, als er sich noch mal nach mir umdreht. »Deal?«

Du darfst die Musik im Auto aussuchen, wenn ich diese Sendung im Fernsehen schauen darf. Wenn du meinen Brokkoli isst, mache ich den Abwasch. Schon unser ganzes Leben verhandeln wir Deals.

Ich konzentriere mich auf das Falten eines neuen Kartons, fummle an den Seitenteilen herum. »Was ist der Deal?«

»Hab völlig vergessen, dass wir ein Fingerband-Treffen haben. Wenn du die Bücher in sein Auto schaffst, erledige ich den Rest.« Als ich ihn fragend ansehe, fügt er leise hinzu: »Seine Klamotten.«

»Echt?« Ich kann mich nicht entscheiden, ob Ned sich vor dem Bücherräumen drücken oder mich vor Schlimmerem bewahren will. Greys Schuhen. Den Fotos. The Wurst.

Ich zwinge mich zu einem Blick auf das Bild. Mein letztjähriges Abschlusswerk im Kunstkurs. Es ist nicht leicht, die einzig Vernünftige zu sein in einem Haushalt mit Dumbledore, Peter Pan und Axl Rose. Aber ich habe mich bemüht, ich habe den Kanal gemalt. Bei der Schulausstellung hat Papa einen Blick auf mein Bild – eine riesige blaue Wurst – geworfen und es The Wurst getauft. Ned hat sich schlappgelacht. Ich habe so getan, als machte mir das nichts aus, und habe mitgelacht.

»Mann, Grots.« Grey hat mir seine Pranke auf die Schulter gelegt und mich festgehalten. »Du hast was Neues ausprobiert. Glaubst du vielleicht, dein Bruder würde jemals einen Versuch auf einem Gebiet wagen, in dem er nicht gut ist?« Wir betrachteten die Wurst eine Minute lang, dann sagte er: »Deine Mum hat Blau immer gemocht.«

Ich reiße mich von The Wurst los, Ned wartet im Türrahmen auf meine Entscheidung.

»Deal«, sage ich.

»Ein Hoch auf Grots«, schreit er und entschwindet durchs Wohnzimmer. »Jason, ich hol nur eben meine Sachen. Bin in fünf Minuten draußen.«

Dann bin ich zum ersten Mal seit Greys Tod mit Jason allein.

Er lächelt sanft wie ein Sonnenuntergang. »Margot.«

Er hat Schluss gemacht, indem er mir aus hundert Meilen Entfernung eine Kurznachricht schrieb. Ich hatte nie die Möglichkeit, ihn loszulassen. Stattdessen habe ich meinen ganzen Herzschmerz in einen Karton gepackt – ähnlich dem, den ich gerade fülle – und gewartet. Als er meinen Namen sagt, ergießt sich der Inhalt ins Zimmer.

Am liebsten würde ich mich an ihn schmiegen. Doch ich grinse mit zusammengebissenen Zähnen, versuche, etwas zu sagen und

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Schließlich bricht Jason das peinliche Schweigen und murmelt: »Wie. Geht’s. Dir?«

»Gut!«, sage ich zu laut und zu schnell. Dann piepsig: »Wie ist’s in …« Scheiße. Mein Gedächtnis lässt mich hängen. Letzten Sommer haben wir jeden Tag miteinander geredet. Und im Herbst habe ich ihn im Internet gestalkt, trotzdem kann ich mich ums Verrecken nicht daran erinnern, auf welche Uni er geht.

»Nottingham Trent«, ergänzt er mit lässigem Schulterzucken, dabei lässt er mich nicht aus den Augen. »Passt schon.«

Im Zimmer ist keine Luft, in meinen Lungen ist keine Luft, als Jason sich vom Türrahmen pflückt und auf mich zukommt. Für einen Moment gestatte ich mir die Hoffnung, dass er mich um die Taille fassen und dieses ganze schreckliche Jahr vergessen machen wird, indem er endlich zu mir steht. Doch dann lässt er sich neben der halbvollen Kiste auf Greys Bett plumpsen. Ich zucke zusammen.

Es ist einfach zu viel: Die Kombination aus Greys Zimmer und Jason, so dicht neben mir. Letzten Oktober, allein in diesem leeren Haus, habe ich versucht herauszufinden, was wir einander bedeuten. Nach einigen Wochen habe ich ihn gefragt, und er hat zurückgeschrieben, dass er zurzeit nur zu einer Freundschaft bereit sei. Zurzeit. Ich habe mein Herz auf diesen Vorbehalt eingeschworen, und jetzt ist Jason hier.

Ich klammere mich an den Rand des Kartons und versuche zu atmen. Ich konzentriere mich darauf, Greys Tagebücher einzupacken. Ich meide den Blick auf The Wurst, versuche, nicht daran zu denken, wie auch Jason darüber gelacht hat, ein bisschen.

»He, Träumerin.« Er streckt die Hand aus und berührt mich am Arm. »Wie steht’s mit dir? Ein gutes Jahr gehabt?«

In dem Moment, als er das sagt, beamt sich der Inhalt des Kartons weg. Er ist kein Bücherkarton mehr, sondern ein Karton voller Nichts. Fernsehflimmern. Genau wie heute Nachmittag beim Nachsitzen.

Aber auch wieder anders als beim Nachsitzen.

Diesmal bewegt sich das Geflimmer, es formt sich zu einem Bild, wirbelt herum, so wie, so wie … Rauch. Ich kann sogar das Lagerfeuer riechen. Sehe einen Lichtblitz. Meine Finger zittern. Das darf nicht sein, nicht wenn Jason neben mir sitzt. Ich beuge mich vor, um zu sehen, ob er eine Zigarette hineingeworfen hat. Ich könnte schwören, dass ich das Karomuster unserer Picknickdecke erkenne, unsere mit Löwenzahn übersäte Wiese. Ich höre Musik. Ich strecke die Hand aus, berühre es fast …

»Margot? Gottie?«, sagt Jason. »Du bist …«

Seine Stimme kommt von weit her, ich werde

Ich schließe die Augen, während sich das Universum dehnt und zusammenzieht.

 

»He, Träumerin. Bierchen?«, fragt Jason und hält mir eine Dose hin.