Ein Buchladen zum Verlieben - Katarina Bivald - E-Book

Ein Buchladen zum Verlieben E-Book

Katarina Bivald

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8,99 €

Beschreibung

Wie eine Buchhandlung einen verschlafenen Ort wieder zum Leben erweckt.

Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft. Die 65-jährige Amy aus Iowa und die 28-jährige Sara aus Schweden verbindet eines: Sie lieben Bücher – mehr noch als Menschen. Begeistert beschließt die arbeitslose Sara, ihre Seelenverwandte zu besuchen. Als sie jedoch in Broken Wheel ankommt, ist Amy tot. Und Sara plötzlich mutterseelenallein. Mitten in der Einöde. Irgendwo in Iowa. Doch Sara lässt sich nicht unterkriegen und eröffnet mit Amys Büchersammlung einen Laden. Und sie erfindet neue Kategorien, um den verschlafenen Ort für Bücher zu begeistern: »Die verlässlichsten Autoren«, »Keine unnötigen Wörter«, »Für Freitagabende«, »Gemütliche Sonntage im Bett«. Ihre Empfehlungen sind so skurril und liebenswert wie die Einwohner selbst. Und allmählich beginnen die Menschen aus Broken Wheel tatsächlich zu lesen – während Sara erkennt, dass es noch etwas anderes im Leben gibt außer Büchern. Zum Beispiel einen ziemlich leibhaftigen Mr. Darcy …

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MOBI

Seitenzahl: 570

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Sara Lindqvist

Kornvägen 7, I

136 38 Haninge

Schweden

Broken Wheel, Iowa, 15. April 2009

Liebe Sara,

hoffentlich gefällt dir Louisa May Alcotts »Ein Mädchen aus der alten Schule«. Es ist eine bezaubernde Geschichte, aber vielleicht moralisiert die Autorin da ein wenig mehr als in »Betty und ihre Schwestern«.

Was die Bezahlung angeht, daran brauchst du nicht zu denken, ich hatte das Buch seit Jahren doppelt. Es ist nur schön zu wissen, dass es jetzt ein neues Heim gefunden hat und sogar den ganzen Weg nach Europa reisen wird. Ich war noch nie in Schweden, aber ich bin sicher, dass es ein sehr, sehr schönes Land ist.

Ist es nicht lustig, dass unsere Bücher am Ende weiter gereist sein werden als wir selbst? Tröstlich oder beunruhigend, das weiß ich eigentlich gar nicht.

Viele Grüße, Amy Harris

Bücher vs. Leben: 1:0

Die fremde Frau in der Hauptstraße von Hope sah schon fast erschreckend alltäglich aus. Eine magere, nichtssagende Gestalt in einem Herbstmantel, der für diese Jahreszeit viel zu warm und grau war. Ein Rucksack lag zu ihren Füßen, und an einem der schlanken Beine lehnte eine riesige Reisetasche. Die Bewohner der Stadt, die zufällig ihre Ankunft gesehen hatten, fanden es im Grunde unhöflich, sich so wenig um das eigene Aussehen zu kümmern. Als ob diese Frau nicht das geringste Interesse daran hätte, einen guten Eindruck auf sie zu machen.

Ihre Haare waren von einem undefinierbaren Braun, weder richtig hell noch richtig dunkel. Sie wurden von einer achtlos befestigten Haarspange gehalten und fielen in unordentlichen Locken über ihre Schultern. Wo sich ihr Gesicht hätte befinden sollen, war stattdessen Louisa May Alcotts »Ein Mädchen aus der alten Schule« zu sehen.

Die Fremde schien sich offenbar wirklich nicht dafür zu interessieren, dass sie in Hope war. Als ob sie zufällig dort gelandet wäre, einfach so mit Buch und Gepäck und ungekämmten Haaren und allem, und ebenso gut in jeder anderen Stadt hätte sein können. Sie stand in einer der schönsten Straßen von Cedar County, vielleicht der schönsten in ganz Süd-Iowa, aber sie hatte für nichts anderes Augen als für dieses Buch.

Ganz uninteressiert konnte sie aber dennoch nicht sein. Ab und zu lugten zwei große graue Augen über den Rand des Buches, wie ein Präriehund, der den Kopf hebt und sich davon überzeugen will, dass keine Gefahr droht.

Das Buch wurde noch ein wenig gesenkt, und sie schaute zuerst nach links, um dann ihren Blick so weit nach rechts schweifen zu lassen, wie sie nur konnte, ohne den Kopf zu drehen. Dann hob sie das Buch wieder und schien sich abermals in die Geschichte zu vertiefen.

In Wirklichkeit hatte Sara sich inzwischen fast jedes Detail dieser Straße genau eingeprägt. Auch mit dem Buch vor dem Gesicht hätte sie beschreiben können, dass die letzten Strahlen der Abendsonne die blankpolierten Jeeps zum Leuchten brachten, dass sogar die Baumkronen ordentlich und sauber strukturiert wirkten und dass an dem Frisiersalon fünfzig Meter weiter ein in patriotischen rot-weiß-blauen Streifen gehaltenes Reklameschild aus laminiertem Kunststoff prangte. Über allem hing ein erstickender Duft von frischgebackenem Apfelkuchen. Der kam aus dem Café hinter ihrem Rücken, wo einige Frauen mittleren Alters sie mit offenem Missfallen beim Lesen betrachteten. Jedenfalls kam es Sara so vor. Immer, wenn sie von ihrem Buch aufblickte, runzelten die Frauen die Stirn und schüttelten leicht den Kopf, als ob sie eine ungeschriebene Benimmregel brach, wenn sie auf dem Bürgersteig las.

Sie zog noch einmal ihr Mobiltelefon aus der Tasche und rief die zuletzt gewählte Nummer an. Neun Klingeltöne, dann legte sie wieder auf.

Amy Harris verspätete sich also. Sicher gab es dafür eine plausible Erklärung. Eine Reifenpanne, vielleicht. Kein Benzin mehr. Es konnte leicht passieren, dass man sich um – sie schaute abermals auf das Display ihres Telefons – zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten verspätete.

Sie war nicht nervös, noch nicht. Amy Harris schrieb richtige Briefe auf ganz echtem altmodischen Briefpapier, es war dick und sahnefarben. Es war einfach unmöglich, dass ein Mensch, der Briefe auf echtem sahnefarbenen Briefpapier schrieb, eine Freundin in einer fremden Stadt im Stich lassen könnte, oder sich als psychopathische Massenmörderin mit sadistischen sexuellen Neigungen erwies, ganz egal, was Saras Mutter gesagt hatte.

»Entschuldigung, meine Liebe.«

Eine fremde Frau war vor ihr stehen geblieben. Sie hatte die Art von falschem geduldigen Blick, den Menschen oft aufsetzten, wenn sie Sara mehrmals dieselbe Frage gestellt hatten.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«, fragte die Frau. Eine braune Papiertüte mit Lebensmitteln ruhte auf ihrer Hüfte, und eine Konservenbüchse mit Hunt’s Tomatensuppe wippte gefährlich nah am Rand.

»Nein, danke«, sagte Sara. »Ich warte auf jemanden.«

»Na so was.« Der Tonfall war belustigt und nachsichtig. Die Frauen im Straßencafé verfolgten das Gespräch voller Interesse. »Zum ersten Mal in Hope?«

»Ich bin unterwegs nach Broken Wheel.«

Vielleicht war es Einbildung, aber die Frau schien mit dieser Antwort durchaus nicht zufrieden zu sein. Die Konservenbüchse wippte gefährlich weiter auf und ab. Nach ungefähr einer Minute sagte die Frau: »Ich fürchte, dieser Ort ist nicht der Rede wert, Broken Wheel, meine ich. Kennen Sie da jemanden?«

»Ich werde bei Amy Harris wohnen.«

Schweigen.

»Ich bin sicher, dass sie auf dem Weg hierher ist«, sagte Sara.

»Mir scheint, Sie sind hier Ihrem Schicksal überlassen worden, meine Liebe.« Die Frau schaute Sara erwartungsvoll an. »Aber rufen Sie sie doch an.«

Sara zog widerwillig ein weiteres Mal ihr Telefon hervor und versuchte, nicht auszuweichen, als die fremde Frau ihre Wange gegen Saras Ohr drückte, um den Klingelzeichen lauschen zu können.

»Sie antwortet offenbar nicht.« Sara steckte das Telefon wieder in die Tasche, und die Frau lehnte sich ein wenig zurück. »Was wollen Sie denn da?«

»Ich habe Urlaub. Ich möchte ein Zimmer mieten.«

»Und jetzt sind Sie hier im Stich gelassen worden. Was für ein schöner Anfang. Ich hoffe, Sie haben nicht im Voraus bezahlt.« Die Frau nahm ihre Einkaufstüte in die andere Hand und schnippte mit den Fingern in Richtung Straßencafé. »Hank«, sagte sie laut zu dem einen Mann. »Du bringst das Mädel nach Broken Wheel, okay?«

»Ich hab meinen Kaffee noch nicht ausgetrunken.«

»Dann nimm ihn doch mit.«

Der Mann grunzte unwillig, erhob sich dann gehorsam und verschwand im Lokal.

»Ich an Ihrer Stelle«, sagte die Frau zu Sara, »würde nicht sofort bezahlen. Ich würde warten, bis ich nach Hause fahre. Und ich würde das Geld solange an einer sicheren Stelle verstecken.« Sie nickte so energisch, dass die Büchse mit der Tomatensuppe abermals hochhüpfte. »Ich sage ja nicht, dass alle in Broken Wheel Diebe sind«, fügte sie sicherheitshalber hinzu. »Aber wie wir sind sie dort nicht.«

Hank kam mit einem neuen Pappbecher voll Kaffee zurück, und Saras Tasche und Rucksack wurden auf die Rückbank seines Autos gewuchtet. Sara wurde freundlich, aber energisch auf dem Vordersitz untergebracht.

»Fahr sie hin, Hank«, sagte die Frau und klopfte mit ihrer freien Hand zweimal auf das Wagendach. Sie beugte sich zu dem offenen Fenster vor.

»Wenn Sie es sich anders überlegen, können Sie jederzeit hierher zurückkommen.«

»Broken Wheel also«, sagte Hank gleichgültig.

Sara faltete die Hände über ihrem Buch und versuchte, entspannt auszusehen. Im Wagen roch es nach billigem Rasierwasser und teurem, dunkel gerösteten Kaffee.

»Was wollen Sie denn da?«

»Lesen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Als Urlaub«, erklärte sie.

»Wir werden ja sehen«, erwiderte Hank.

Die Aussicht aus dem Autofenster veränderte sich vor Saras Augen. Grüne Wiesen wurden zu Feldern, die glitzernden Autos verschwanden, und die adretten Häuschen wurden abgelöst von einer massiven Wand aus Mais, die sich auf beiden Straßenseiten erhob. Die Straße führte in betäubender Gleichförmigkeit stets geradeaus. Hier und dort wurde sie von anderen, ebenso geraden Straßen gekreuzt, so, als ob irgendwann einmal irgendwer durch die gewaltige Ebene geschritten wäre und die Straßen mit einem Lineal gezogen hätte. Gar keine so schlechte Methode, dachte Sara. Aber je weiter sie fuhren, umso seltener wurden die anderen Straßen, bis Sara das Gefühl hatte, Kilometer um Kilometer nur noch von Mais umgeben zu sein.

»Kann ja nicht mehr viel von übrig sein«, sagte Hank. »Ein Freund von mir ist da aufgewachsen. Verkauft jetzt in Des Moines Versicherungen.«

Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. »Wie schön«, murmelte sie zaghaft.

»Dem geht es gut«, sagte der Mann zustimmend. »Viel besser, als zu versuchen, in Broken Wheel den Hof der Familie zu betreiben, das steht mal fest.«

Danach sagte er nichts mehr.

Sara beugte sich zum Wagenfenster vor, wie um nach der Stadt aus Amys Briefen Ausschau zu halten. Sie hatte so viel über Broken Wheel gehört, dass sie fast das Gefühl hatte, Miss Annie könne jederzeit auf ihrem Moped angefahren kommen, oder Jimmy könne plötzlich am Straßenrand stehen und die neueste Ausgabe seiner Zeitung schwenken. Für einen Moment konnte sie die beiden fast vor sich sehen, aber dann verschwamm alles und löste sich im Staub hinter ihnen auf. Eine Scheune tauchte auf und verschwand dann wieder hinter Mais, als ob es sie niemals gegeben hätte. Sie war das einzige Gebäude, das sie in der letzten Viertelstunde gesehen hatte.

Ob die Stadt wohl so aussehen würde, wie sie sich das vorgestellt hatte? Sara vergaß sogar ihre Unruhe darüber, dass Amy sich am Telefon nicht meldete, jetzt, da sie Broken Wheel endlich sehen würde.

Aber als sie dann dort ankamen, hätte sie den Ort durchaus verpassen können, wenn Hank nicht langsamer gefahren wäre. Er tauchte plötzlich neben der breiten, fast dreispurigen Straße auf. Mehrere Läden hatten zerbrochene oder mit Brettern zugenagelte Fenster. Die Häuser waren so niedrig, dass sie in den Asphalt zu kriechen schienen.

»Was haben Sie also vor?«, fragte Hank gleichgültig. »Soll ich Sie zurückfahren?«

Sie schaute sich um. Der Diner hatte immerhin geöffnet. Das Wort »Diner« leuchtete in roten Neonbuchstaben, und ein einsamer Mann saß am Tisch vor dem Fenster. Sie schüttelte den Kopf.

»Wie Sie wollen«, sagte er, und es klang wie »selbst schuld«.

Sie stieg aus dem Wagen, öffnete die Tür zur Rückbank und nahm ihr Gepäck heraus, wobei sie das Buch fest unter den Arm klemmte. Hank fuhr sofort los, sowie sie die Tür zuschlug. Bei der einzigen Ampel im Ort bog er mit voller Wucht um die Kurve.

Die Ampel hing mitten über der Straße an einem Draht und zeigte Rot.

Sara stand mit der Reisetasche an einem Bein, den Rucksack über der Schulter und das Buch fest an die Brust gepresst vor dem Diner.

Alles wird gut, sagte sie sich. Alles findet sich. Keine Katastrophen … Sie überlegte sich das Letzte anders: Keine komplette Katastrophe kann passieren, solange man Bücher und Geld hat. Sie hatte genug Geld, um in eine Jugendherberge zu gehen, falls das nötig wäre. Nur war sie sich ziemlich sicher, dass es in Broken Wheel keine Jugendherberge gab.

Sie schob die Türen auf – echte Saloontüren, was für ein absurdes Detail – und ging hinein. Der Diner war leer, bis auf den Mann am Fenster und eine Frau hinter dem Tresen. Der Mann war dünn und sehnig, und seine ganze Körpersprache und Ausstrahlung schienen um Entschuldigung für seine Existenz zu bitten. Er schaute nicht einmal auf, als sie hereinkam, sondern drehte nur weiter seine Kaffeetasse in der Hand langsam hin und her.

Die Frau dagegen richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Tür. Sie wog mindestens hundertfünfzig Kilo, und ihre gewaltigen Arme ruhten vor ihr auf dem hohen Tresen. Entweder war der eine Spezialkonstruktion für sie oder sie arbeitete schon so lange dort, dass er sich ihr angepasst hatte. Er war aus dunklem Holz und hätte eher in eine Kneipe gehört. Aber dort hätte es Bierdeckel gegeben statt Papierserviettenhalter aus rostfreiem Stahl und laminierten Speisekarten mit Plastikbildern der diversen Sorten an Fett, die hier serviert wurden.

Die Frau zündete sich mit einer Selbstverständlichkeit eine Zigarette an, als sei die einfach eine Verlängerung ihres Körpers.

»Sie sind sicher die Touristin«, sagte sie. Der Zigarettenrauch traf Sara voll im Gesicht.

»Sara.«

»Da haben Sie sich ja einen verdammt schlechten Tag zum Herkommen ausgesucht.«

»Wissen Sie, wo Amy Harris wohnt?«

Die Frau nickte noch einmal. »Einen verdammt schlechten Tag.« Ein wenig Asche fiel von der Zigarette und landete auf dem Tresen.

»Ich heiße Grace«, sagte sie. »Oder, um ehrlich zu sein, ich heiße Madeleine. Aber so sollten Sie mich lieber nicht nennen.«

Sara hatte nicht vor, sie überhaupt irgendwie zu nennen.

»Und jetzt sind Sie hier.«

Sara hatte das deutliche Gefühl, dass Grace-die-nicht-so-hieß diesen Moment genoss. Sie dehnte ihn aus. Nickte dreimal vor sich hin, zog energisch an ihrer Zigarette und ließ den Rauch langsam aus ihrem einen Mundwinkel entweichen. Dann beugte sie sich über den Tresen vor.

»Amy ist tot«, sagte sie.

In Saras Erinnerung würde Amys Tod immer verbunden sein mit dem Licht zu greller Neonröhren, mit Zigarettenrauch und Essensgeruch, aber im ersten Moment wirkte dadurch alles nur unwirklich. Sie stand in einem Diner in einer amerikanischen Kleinstadt und erfuhr, dass eine Frau, die ihr persönlich niemals begegnet war, nicht mehr lebte. Die ganze Situation war einfach zu sehr wie ein Traum, um sie betroffen zu machen, zu absurd sogar, um als Albtraum durchgehen zu können.

»Tot?«, fragte sie, ein unglaublich blödsinniger Kommentar, sogar für ihre Verhältnisse. Sie ließ sich auf einen Barhocker sinken. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Sie dachte an die Frau in Hope und fragte sich, ob sie vielleicht doch mit Hank hätte zurückfahren sollen.

Amy kann nicht tot sein, überlegte Sara. Sie war doch meine Freundin. Sie hat Bücher geliebt, um Himmels willen.

Sara verspürte keine Trauer, sie wurde jedoch daran erinnert, dass das Leben aus Zufällen besteht, und das Gefühl des Surrealen wurde stärker. Sie war aus Schweden nach Iowa gekommen, um im Leben eine Pause zu machen, um dem Leben zu entgehen sogar, aber durchaus nicht, um dem Tod zu begegnen.

Wie war Amy gestorben? Ein Teil von ihr wollte fragen, ein anderer wollte es nicht wissen.

Grace redete weiter, ehe Sara sich entschieden hatte: »Die Beerdigung läuft jetzt wohl gerade. So was wird heutzutage aber nicht sehr feierlich gemacht. Zu viel religiöser Schnickschnack, wenn Sie mich fragen.« Sie schaute auf die Uhr. »Aber Sie sollten jetzt wohl rübergehen. Irgendwer, der Amy besser gekannt hat, weiß sicher, was wir mit Ihnen anfangen können. Ich versuche ja immer, nicht in die Probleme dieser Stadt hineingezogen zu werden, und Sie sind jedenfalls eins.«

Sie drückte ihre Zigarette aus. »George, fährst du Sara eben zu Amys Haus?«

Der Mann am Fenster schaute auf. Für einen Moment sah er so gelähmt aus, wie Sara sich selbst vorkam. Dann erhob er sich und schleppte ihr Gepäck zum Auto.

Grace packte sie am Ellbogen, als sie ihm folgen wollte. »Das ist der arme George«, sagte sie und nickte seinem Rücken zu.

Das Haus von Amy Harris war so groß, dass Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss durchaus geräumig waren, aber so klein, dass die wenigen Menschen, die nach der Beerdigung hergekommen waren, es zu füllen schienen. Auflaufformen standen auf Tisch und Anrichte, und jemand hatte Schüsseln mit Salaten und Brot bereitgestellt und Besteck und Servietten in Gläser gesteckt.

Sara wurde ein Pappteller voll Essen in die Hand gedrückt, dann ließ man sie mehr oder weniger in Ruhe. George hielt sich noch immer an ihrer Seite, und sie war gerührt von dieser unerwarteten Fürsorge. Er kam ihr nicht sonderlich mutig vor, nicht einmal verglichen mit ihr selbst, aber er hatte sie ins Haus begleitet und wanderte dort nun ebenso zögerlich umher wie sie.

In der düsteren Diele stand ein dunkler Schreibtisch, auf den jemand ein gerahmtes Foto einer Frau gestellt hatte, die Sara für Amy hielt, dazu zwei verschlissene Tischfähnchen, die Flagge der USA und die von Iowa. Wir lieben unsere Freiheit und werden unsere Rechte verteidigen, verkündeten die gestickten Goldbuchstaben auf Letzterer, aber die rote Farbe war ausgeblichen und der eine Rand franste aus.

Die Frau auf dem Foto war Sara vollständig fremd. Sie mochte zwanzig Jahre alt sein, hatte die Haare zu zwei dünnen Zöpfen geflochten, und ihr Lächeln war nur ein ganz normales starres Kameralächeln, wie tausend andere auch. Vielleicht lag etwas in ihren Augen, ein lachendes Funkeln, das verriet, dass sie wusste, dass alles nur ein Scherz war, und das Sara aus ihren Briefen kannte. Aber das war alles.

Vor drei Wochen hatte sie sich Amy so nahe gefühlt, dass sie bereit gewesen war, zwei Monate bei ihr zu wohnen, jetzt schien jegliche Spur ihrer Freundschaft mit Amy gestorben zu sein. Sara hatte nie geglaubt, man müsse sich persönlich kennen, um befreundet zu sein, viele ihrer reichsten Beziehungen hatte sie zu Personen gehabt, die gar nicht existierten – aber plötzlich kam es ihr falsch und fast frevelhaft vor, an der Vorstellung festzuhalten, sie hätten einander etwas bedeutet.

Die Menschen um sie herum bewegten sich langsam und unentschlossen durch die Zimmer, als fragten sie sich, was zum Henker sie dort eigentlich zu suchen hatten, was fast genau das war, was auch Sara dachte. Dennoch wirkten sie nicht betroffen. Sie sahen nicht überrascht aus. Niemand weinte.

Die meisten musterten Sara neugierig, aber etwas, vielleicht Respekt angesichts der Lage, in der sie sich befanden, hielt sie davon ab, Sara mit direkten Fragen zu belästigen. Stattdessen umkreisten sie sie und lächelten jedes Mal, wenn sie einen ihrer Blicke auffing.

Eine Frau löste sich aus der Menge und stellte sie in der Diele, mitten zwischen Wohnzimmer und Küche.

»Caroline Rohde.«

Haltung und Handschlag waren militärisch.

Die Frau vor Sara war viel schöner, als Sara sich das vorgestellt hatte. Sie hatte tiefe mandelförmige Augen, und ihre Züge waren so scharf gemeißelt wie die einer Statue. Im Licht der Deckenlampe schimmerte die Haut über den hohen Wangenknochen fast leuchtend weiß. Ihre Haare waren füllig, mit grauen Strähnen, die wie flüssiges Silber wirkten.

Um den Hals trug sie ein schwarzes Tuch aus kühler dünner Seide, das an einer anderen fehl am Platze gewirkt hätte, vor allem bei einer Beerdigung, aber bei ihr wirkte es zeitlos und geradezu extravagant. Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber sie hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der niemals richtig jung gewesen ist. Sara hatte das deutliche Gefühl, dass Caroline Rohde für die Jugend nicht viel übrig hatte.

Als sie nun redete, verstummten alle um sie herum, und ihre Stimme passte zu ihrer Ausstrahlung; energisch, entschieden, geradeheraus. In ihrer Stimme lag vielleicht eine Andeutung von einem Willkommenslächeln, aber das kam nie bei ihren Mundwinkeln an. Es ließ höchstens die Linien um ihren Mund härter wirken.

»Amy hat erzählt, dass Sie kommen würden«, sagte sie. »Ich kann nicht behaupten, dass ich das für eine gute Idee gehalten habe, aber ich war doch nicht befugt, etwas dazu zu sagen.«

Sie fügte hinzu, fast, als sei ihr das gerade erst eingefallen: »Vielleicht hätte ich das ja gar nicht erwarten sollen, aber Sie müssen zugeben, dass das zu einer ein wenig … misslichen Situation geführt hat.«

»Misslich«, wiederholte Sara. Aber sie begriff nicht, woher Amy hätte wissen sollen, dass sie sterben würde.

Andere umringten sie jetzt in einem lockeren Halbkreis, wobei alle hinter Caroline standen und Sara anstarrten, wie einen zufällig in die Stadt gekommenen Zirkus.

»Wir wussten nicht einmal, wie wir Sie verständigen sollten, als Amy … von uns gegangen ist. Und jetzt sind Sie hier«, fasste Caroline die Lage zusammen. »Na ja, wir werden ja sehen, was wir mit Ihnen machen können.«

»Ich muss wohl irgendwo wohnen«, sagte Sara. Alle beugten sich vor, um zu hören, was sie sagte.

»Wohnen?«, fragte Caroline. »Natürlich wohnen Sie hier. Das Haus ist doch leer, oder?«

»Aber ….«

Ein Mann mit Pastorenkragen lächelte Sara freundlich an, sagte dann aber leider: »Amy hat uns noch aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass sich in dieser Hinsicht nichts geändert hat.«

Nichts hatte sich geändert? Sara wusste nicht, ob Amy verrückt war, oder der Pastor oder ganz Broken Wheel.

»Es gibt natürlich ein Gästezimmer«, sagte Caroline. »Da schlafen Sie heute, danach überlegen wir, was wir mit Ihnen anfangen sollen.«

Der Pastor nickte, und auf irgendeine Weise war es entschieden: Sara würde allein in Amy Harris’ verlassenem Haus wohnen.

Sie wurde ins Obergeschoss geführt. Caroline ging ganz vorn, wie ein Heerführer in einem Krieg, dicht gefolgt von Sara und – einem hilfreichen stummen Schatten gleich – von George. Hinter ihm kamen die meisten anderen Gäste. Jemand trug Saras Taschen, sie wusste nicht, wer, aber als sie das kleine Zimmer erreicht hatte, tauchten Rucksack und Reisetasche auf wie durch ein Wunder.

»Wir werden dafür sorgen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen«, sagte Caroline von der Türöffnung her, und sie klang durchaus nicht unfreundlich. Dann scheuchte sie alle anderen davon und winkte Sara kurz zu, ehe sie die Tür hinter sich zuzog.

Sara ließ sich auf das Bett sinken, plötzlich wieder allein, den Pappteller mit dem Essen noch immer in der Hand, und ein einsames Buch auf der Tagesdecke neben sich.

Ja, verflixt, dachte sie.

Sara Lindqvist

Kornvägen 7, I

136 38 Haninge

Schweden

Broken Wheel, Iowa, 3. Juni 2009

Liebe Sara,

vielen Dank für dein liebes Geschenk. Es war vielleicht kein Buch, das ich mir selbst gekauft hätte, und gerade darum ist es mir umso willkommener. Aber es war eine üble Geschichte. Ich hatte ja keine Ahnung, dass in Schweden solche Dinge passieren. Aber andererseits weiß ich auch nicht, warum sie nicht passieren sollten. Ich bin davon überzeugt, dass kleine Städte noch viel stärker von Gewalt, Sex und Skandalen beherrscht sind als große, und wenn das für Städte gilt, dann doch sicher auch für kleine Länder? Ich nehme an, es liegt daran, dass die Menschen einander da näher kommen. Wir haben hier in Broken Wheel einwandfrei auch schon unseren Anteil an Skandalen erlebt.

Aber eine Lisbeth Salander, die haben wir nun wirklich nicht. Eine bemerkenswerte Frau. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann gibt es noch zwei Bücher in der Serie. Würdest du mir den Gefallen tun und auch noch die anderen beiden schicken? Ich werde nicht schlafen können, solange ich nicht weiß, was aus ihr wird, und das gilt natürlich auch für diesen überspannten jungen Herrn Blomkvist. Natürlich bezahle ich dafür. Um bei Kleinstädten, Mord und Sex zu bleiben, schicke ich dir Harper Lees »Wer die Nachtigall stört«, als erste Rate.

Viele Grüße, Amy Harris

Broken Wheels Nachrichtenbrief

Sie haben vier neue Nachrichten. Eingegangen um null-fünf-dreizehn:

»Liebling! Hier ist deine Mama! Was? Ja, ja. Und dein Papa, natürlich. Wir sind gerade von Anders und Gunnel zurückgekommen. Du weißt, unsere ehemaligen Nachbarn, die dann in ein einfach hinreißendes Haus in Tyresö umgezogen sind. Wie geht es dir denn? Bist du jetzt angekommen? Wie ist es denn so da draußen in der Prärie? Ist Amy total verrückt? Hast du den richtigen Bus erwischt? Ich begreife ja nicht, warum du so unbedingt dahin fahren wolltest …«

Eingegangen um null-fünf-fünfzehn. Ihre Mutter redete weiter, als ob sie niemals unterbrochen worden wäre.

»In dieses Land. Warte, ich bin noch nicht fertig. Jaja, hier kommt dein Vater, der absolut etwas sagen will, obwohl ich also wirklich noch nicht fertig bin.«

Kurze Pause, ernstes Räuspern.

»Sara! Ich hoffe, du sitzt nicht nur im Haus und liest. Du musst dich hinauswagen und mit Menschen reden. Es ist eine phantastische Möglichkeit, so eine Reise. Ich weiß noch, wie deine Mutter und ich …«

Eingegangen um null-fünf-achtzehn:

»Was ist bloß los mit diesen Anrufbeantwortern? Warum lassen die mich nie ausreden? Ja, dann bis dann. Moment mal. Deine Mutter möchte noch etwas sagen.«

»Du weißt, wenn du dir die Sache anders überlegst, kannst du ja noch immer nach New York fahren. Oder nach Los Angeles. Und bezahl nicht alles im Voraus.«

Die Mitteilung wurde abermals unterbrochen, und die nächste war erst drei Stunden später eingegangen. Jetzt wieder ihre Mutter:

»Sara! Warum antwortest du nicht, wenn wir dich anrufen? Ist Amy eine Massenmörderin? Ich weiß doch, wie es in den USA zugeht. Wenn du irgendwo zerstückelt herumliegst, werde ich dir das nie verzeihen. Wenn du dich nicht sofort meldest, benachrichtige ich die CIA.« Die Stimme ihres Vaters murmelte etwas im Hintergrund. »FBI. Auch egal.«

Ihre Mutter hatte sich noch nicht beruhigt, als Sara sie dann erreichte.

»Das mit so einem kleinen Ort gefällt mir überhaupt nicht«, sagte sie. Diese Diskussion führten sie nicht zum ersten Mal.

Sara rieb sich die Stirn und ließ sich aufs Bett sinken. Ihr Zimmer war klein, vielleicht drei mal fünf Meter. Außer dem Bett gab es dort gleich unter dem Fenster einen Sessel, einen Nachttisch und einen kleinen Schreibtisch. Das war alles. Die Tapeten waren hell und geblümt und schienen mindestens zwei Jahrzehnte alt zu sein. Die Vorhänge wiesen ein ganz anderes Blumenmuster auf und waren offenbar ihr zu Ehren aufgehängt worden. Sie waren mindestens zehn Zentimeter zu kurz für das Fenster.

»Kleinstädte sind so … langweilig. Du hättest doch überall hin auf der Welt reisen können.«

Das war übrigens ironisch gemeint. Saras Mutter hatte ihr immer zugesetzt, sie solle reisen, und als sie das nun tat, führte sie sich auf, als hätte Sara doch lieber zu Hause in Haninge bleiben sollen.

»Und so gefährlich. Wer weiß, was sich dort für Verrückte verstecken!«

Es war unklar, was schlimmer war, die Langeweile oder das Risiko, dass Sara auf einen der vielen verrückten Massenmörder stoßen könnte, die sich in allen Schubladen versteckten. Ihre Worte weckten bei Sara eine Erinnerung.

»Das liegt daran, dass die Menschen sich in kleinen Orten nahekommen«, sagte sie.

»Also ehrlich, was weißt du denn über Menschen? Wenn du nicht die ganze Zeit die Nase in einem Buch hättest …«

Auch diese Diskussion hatten sie schon oft geführt.

Vielleicht war es ja kein Wunder, dass die Mutter ihre älteste Tochter immer als Prüfung betrachtet hatte. Saras jüngere Schwester Josefin arbeitete als Juristin beim Gericht in Södertälje. Sie wollte Anwältin werden, ein gesellschaftlich anerkannter Beruf, der in angemessen teurer Kleidung verrichtet wurde. Sara dagegen. Ein Buchladen! In einem Einkaufszentrum in einem Vorort. Das war nur haarscharf besser, als eine arbeitslose ehemalige Buchhändlerin zu sein, was sie jetzt war. Und als sie nun endlich ins Ausland fuhr, wählte sie als Ziel ein Kaff in der amerikanischen Prärie, um dort bei einer älteren Dame zu wohnen.

Sara war es normalerweise egal, dass ihre Mutter sie so offenbar langweilig fand. Ihre Mutter hatte nicht ganz unrecht. Sara hatte in ihrem ganzen Leben noch nichts unternommen, was auch nur im Geringsten abenteuerlich gewesen wäre. Aber die ewigen Sticheleien gegen Amy waren ihr vor ihrer Abreise dann doch arg auf die Nerven gegangen, und jetzt, wo sie die tragische Beerdigung so frisch in Erinnerung hatte, antwortete sie deshalb nur kurz und einsilbig auf die vielen Kommentare ihrer Mutter.

Ihre Mutter schien zu spüren, dass sie zu weit gegangen war, denn sie sagte: »Na ja, immerhin bist du nicht erstochen worden.« Ihr Tonfall war so unverhohlen pessimistisch, dass ein »noch« absolut überflüssig war. »Wie ist Amy denn so? Ist sie nett zu dir?«

»Amy ist …« Sara verstummte. »Sie ist sympathisch.«

Das war sie ja auch. Nur war sie leider eben auch tot.

Sara schlich sich aus ihrem Zimmer und über den dunklen Gang, wie eine nervöse Einbrecherin. Vor ihrem Zimmer gab es einen schmalen Flur, der in ein Badezimmer und zu Amys Zimmer führte. Caroline hatte ihr das gezeigt, als sie sie ins Gästezimmer geführt hatte. Sie lief schnell an Amys Zimmer vorbei und versuchte, die verschlossene Tür nicht anzusehen. Sie fragte sich, ob irgendwer sie jemals wieder öffnen würde. Sie hatte jedenfalls nicht vor, das zu tun.

Bei der Treppe blieb sie stehen und lauschte. Dann ging sie langsam nach unten.

Vor jedem weiteren Zimmer zögerte sie und schaute vorsichtig durch die Türöffnung. Sie wusste nicht, was sie eigentlich erwartete. Irgendwelche Stadtbewohner, die sich hinter dem Wohnzimmersofa verstecken. Wütende Verwandte von Amy in der Diele, die ihr vorwarfen, im Haus zu wohnen, ohne Miete zu zahlen, oder Amys Gespenst in der Küche. Aber alles war leer und verlassen.

Sie ging durch Amys Zuhause, fuhr mit den Händen über Oberflächen, die Amy berührt hatte, in den Zimmern, in denen sie gelebt hatte. Die Stille im Haus machte ihr Angst, kleine Momentaufnahmen von erstarrtem Alltagsleben überrumpelten sie gerade dann, wenn sie am wenigsten darauf vorbereitet war.

Irgendwer hatte einen Wasserkocher, ein Glas Nescafé und eine Flasche Milch in die Küche gestellt. Es gab Brot vom Vortag, und als sie den Kühlschrank öffnete, entdeckte sie, dass Essen im Überfluss vorhanden war, sorgfältig in Plastikfolie gewickelt und mit dem Datum des Vortages und der Bezeichnung des Gerichts versehen.

Sie aß trockenes Brot und schaltete den Wasserkocher ein, ehe sie sich ins Badezimmer hochschlich, um zu duschen. Sogar die Dusche über der kleinen ovalen Badewanne sah altertümlich aus. Sie zog sich aus, faltete alle Kleider ordentlich zusammen und legte sie auf einen abgenutzten Schemel, der der Toilette gegenüber in einer Ecke stand. Sie hoffte, dass sie dort trocken bleiben würden, aber weder Abfluss noch Duschvorhang sahen sonderlich vertrauenswürdig aus.

Die Rohre stießen ein heulendes, klagendes Geräusch aus, und das Wasser wurde kaum lauwarm.

So hatte das doch wirklich nicht werden sollen, dachte Sara. Ihre Haare waren in ein Handtuch gewickelt, das sie im Badezimmer gefunden hatte, und sie hatte gerade ihre Taschen ausgepackt und war wieder in die Küche gegangen. Bisher hatte sie in keinem Zimmer mehr als zwanzig Minuten verbracht, abgesehen vom Gästezimmer, in dem sie geschlafen hatte. Auf irgendeine Weise fühlte sie sich sicherer, wenn sie sich bewegte.

Das Auspacken hatte dreizehn Minuten gedauert, und jetzt war es halb elf und sie hatte nichts zu tun. Draußen war die Luft jetzt schon stickig. Durch die offene Küchentür strömte der Geruch von trockener Erde und verkommenem Gemüse herein. Er kämpfte gegen den im Haus, die muffige Luft, die nach Holz und alten Läufern roch.

Sara ließ sich auf den Küchenstuhl sinken und suchte nach irgendeinem Zeichen dafür, dass Amy dort gelebt hatte, aber sie sah nur abgeblätterte Schubladen und auf der Fensterbank tote Topfblumen.

Das hier hätte ihr Abenteuer werden sollen. Sie und Amy hätten hier sitzen sollen, vielleicht auf genau diesen Stühlen, und über Bücher und die Stadt und Menschen sprechen, die Amy gekannt hatte, und es hätte so schön sein sollen.

»Amy«, sagte sie. »Was zum Kuckuck hast du nur angestellt? Wir wollten doch echte Freundinnen werden.«

Bei der Küchentür, die auf die Veranda hinausführte, standen zwei Paar Gummistiefel in unterschiedlicher Größe. Das Gras war hoch und von der Sommersonne vergilbt, und der Küchengarten war schon seit langem zugewachsen. Vermutlich gab es dort allerlei, was in dem hohen Gras nicht zu sehen war, aber Sara konnte zwei knorrige Apfelbäume, die seit Jahren offenbar nicht mehr beschnitten worden waren, und ein kleines Beet mit verwilderten Kräutern, die große Ähnlichkeit mit Unkraut hatten, und zwei gigantische Tomatenpflanzen identifizieren.

Sara ging wieder hinein und verbrachte eine Stunde damit, ihre Bücher im Haus zu verteilen, damit es gemütlicher aussähe. Aber dreizehn Bücher waren bei weitem nicht genug für alle Zimmer. Zu Hause hatte sie fast zweitausend Bücher und drei Freundinnen. Wenn man die ehemaligen Kolleginnen aus dem Buchladen so nennen könnte.

Sie hatte mit siebzehn im Buchladen angefangen, zuerst zu Weihnachten, beim Ausverkauf und im Sommer, dann in Vollzeit. Und da war sie geblieben. Eine halbe Stunde entfernt von ihrem Geburtsort. So wenig spannend war ihr Leben bisher verlaufen.

Eine der Frauen aus dem Buchladen hatte einmal behauptet, alle Erzählungen fingen damit an, dass jemand ankam oder aufbrach. Niemand war jemals bei ihr im Buchladen Josephsson angekommen, und erst recht war niemand in Saras Zweizimmerwohnung in Haninge angekommen. Nur Briefe, in schöner Handschrift. Eine Zeitlang hätte Sara schwören können, dass die Briefe ein kleines Stück von Iowa mitbrachten, einen schwachen, aber deutlich zu verspürenden Hauch von Abenteuer, von Möglichkeiten, von einem anderen, zeitloseren Leben.

Aber jetzt, wo sie hier war, roch es nur muffig nach Holz und alten Läufern.

»Reiß dich zusammen, Sara«, sagte sie. Es war beruhigend, eine menschliche Stimme zu hören, auch wenn es ihre eigene war. Die einzigen anderen Geräusche, die sie hörte, waren die überlangen Zweige, die gegen ein Fenster oben im Haus schlugen, und die Wasserleitung, die ab und zu ohne Grund losröchelte.

Wie konnte man tausende von Meilen reisen und doch derselbe Mensch sein, wenn man ankam? Das begriff Sara nicht. Abgesehen davon, dass sie jetzt dreizehn Bücher und gar keine Freundinnen hatte.

»Reiß dich zusammen«, sagte sie noch einmal, aber es klang durchaus nicht mutiger.

Sara nahm an, dass die meisten, die überhaupt an sie dachten, glaubten, sie benutze Bücher, um sich vor dem Leben zu drücken.

Und vielleicht stimmte das ja. Sie hatte schon in der Oberstufe entdeckt, dass nur wenige einen Menschen bemerken, der sich hinter einem Buch versteckt. Ab und zu hatte sie aufschauen müssen, um sich vor einem Lineal oder Schulbuch zu ducken, die angeflogen kamen, aber im Allgemeinen waren die gar nicht nach ihr geworfen worden, und meistens hatte sie nicht einmal den Zusammenhang im Buch aus den Augen verloren. Während die anderen in der Klasse mobbten oder gemobbt wurden, sinnlose Zeichen in die Tische ritzten oder sich gegenseitig die Schränke vollkritzelten, hatte Sara himmelsstürmende Leidenschaft, Tod, Lachen, fremde Länder, vergangene Zeiten erlebt. Andere hatten vielleicht in einem kleinen Gymnasium in Haninge festgesteckt, aber sie war Geisha in Japan gewesen, war mit Chinas letzter Kaiserin durch die klaustrophobisch verschlossenen Räume der Verbotenen Stadt gewandert, war mit Anne und den anderen auf Green Gables aufgewachsen, hatte etliche Morde erlebt und mit den Klassikern geliebt und gelitten.

Die Bücher waren zwar ein Schutzwall gewesen, aber nicht nur das. Sie hatten Sara vor der Umwelt beschützt, hatten aber auch die Umwelt in eine Art verschwommene Kulisse für die wahren Abenteuer in ihrem Leben verwandelt.

Man hätte glauben können, dass zehn Jahre in einem Buchladen den Büchern etwas von ihrem magischen Glanz genommen hätten, aber für Sara war das Gegenteil der Fall. Im Moment hatte sie zwei Erinnerungen an jedes Buch, die Erinnerung, es verkauft, und die Erinnerung, es gelesen zu haben. Sie hatte jedes Jahr im Ausverkauf endlose Mengen Terry Pratchett abgesetzt, ehe sie vor wenigen Jahren kapituliert, eins gelesen und sich dadurch mit einem der phantastischsten und produktivsten Autoren unserer Zeit bekannt gemacht hatte. Sie erinnerte sich an den Sommer, in dem sie das Gefühl gehabt hatte, fast nur Ulla-Carin Lindqvists »Rudern ohne Ruder« zu verkaufen, und an den Sommerabend drei Jahre später, als sie dieses Buch gelesen hatte. Sie wusste noch, dass der Umschlag eine dunkle, in gedämpften, erdigen Farben gehaltene Silhouette zeigte, wie an einem Sommerabend, wenn die Sonne gerade untergegangen ist, dass das Buch klein und dünn gewesen war und dass alle, die es kauften, unbedingt Kommentare abgeben wollten, wie »das war diese Nachrichtensprecherin«, »die Nachrichtensprecherin, die gestorben ist«, »sie war immer so gut im Fernsehen«, als ob es ihnen auf irgendeine Weise das Herz gebrochen hätte, dass jemand aus dem Fernsehen sterben konnte. Sara glaubte, dass es die Sorte Buch war, das die Menschen schon berührte, noch ehe sie es überhaupt gelesen hatten.

Sie hatte mehr Stapel Liza Marklund geschleppt, als sie sich erinnern mochte, hatte mindestens drei verschiedene Taschenbuchausgaben von Jan Guillous Hamilton-Serie verkauft und miterlebt, wie das schwedische Krimiwunder geboren wurde, wuchs und in alle Ewigkeit weiterzubestehen schien. Sie hatte Camilla Läckberg zuerst nicht richtig registriert, aber die Taschenbuchausgaben hatte sie dann bemerkt. Bei Sara war das oft so.

Sie hatte sicher zehntausende, vielleicht hunderttausende von Büchern verkauft, aber es wäre doch sinnlos, solche Rechnungen aufzustellen. Wenn sie in diesen Jahren überhaupt an ihre Zukunft gedacht hatte, dann war sie sicher davon ausgegangen, dass sie im Buchhandel alt und langsam grauer und staubiger werden würde, wie die unverkauften Bücher in dem kleinen Lager, dass sie in alle Ewigkeit gelassen Rollen von Kopierpapier und Kugelschreiberminen verkaufen und sich dann mit einer Rente und dem größten Teil der Bücher, die sie im Laufe der Jahre mit Personalrabatt gekauft hatte, zur Ruhe setzen würde.

Aber der Buchladen Josephsson hatte dichtgemacht, Sara war arbeitslos geworden, und jetzt saß sie allein in den USA.

Als ein Wagen auf die Auffahrt abbog, war sie fast dankbar für diese Ablenkung. Der Pastor von der Beerdigung stieg aus, und während er auf das Haus zuging, probierte sie vor dem Spiegel in der Diele drei unterschiedliche Arten zu lächeln aus.

»Sei einfach normal, Sara«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, aber die Frau, die sie aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, sah tragischerweise vor allem aus wie eine zum Tode verängstigte Maus mit Turban. Sie lief seit über einer Stunde im Haus herum, hatte aber vergessen, das um die Haare gewickelte Handtuch abzunehmen.

Der Pastor hatte die Veranda inzwischen fast erreicht, also warf sie das Handtuch in einen Schrank, versuchte, sich mit den Fingern zu kämmen, und ging hinaus auf die Veranda.

Lächeln, Sara, schärfte sie sich ein.

Der Pastor sah so nervös aus, wie sie sich vorkam. Der weiße Pastorenkragen hätte doch ausreichen müssen, um ihm eine gewisse Würde zu verleihen, aber dieser Eindruck wurde davon gestört, dass seine dünnen Haare absolut nicht liegen bleiben wollten und dass er sich über sein Hemd eine billige orangefarbene Windjacke gezogen hatte. Die sah aus, wie beim Schlussverkauf in einem Billigladen der achtziger Jahre erstanden.

»Amys Tod war ein harter Schlag für die Stadt«, sagte er. Er stand vor der Veranda und hielt den einen Fuß gegen die unterste Stufe, als könne er sich nicht entscheiden, ob er nach oben kommen oder wieder gehen wollte.

»Ja«, sagte sie. »Wie … wie ist sie gestorben?«

Vielleicht war diese Frage aufdringlich, aber sie wollte es nun einmal gern wissen. Der Pastor jedoch murmelte nur etwas von »Krankheit«. Nicht einmal ein Unfall also. Aber er musste doch plötzlich gekommen sein, der Tod. Erst vor drei Wochen hatte Sara alle Informationen über ihre Reise geschickt, und ihr war mitgeteilt worden, sie werde in Hope erwartet.

Sie überlegte, ob sie ihm Kaffee anbieten müsste. Wie sahen eigentlich die Gesetze der Gastfreundschaft aus, wenn man ein nicht-bezahlender Gast im Haus einer Verstorbenen war? Und dabei fiel ihr etwas ein.

»Ich weiß nicht so recht, wo ich hinsoll«, sagte sie.

»Hinsoll?« Der Pastor sah beinahe noch nervöser aus. Er zog den Fuß von der Treppenstufe. »Aber Sie wohnen doch hier?« Als das keine Wirkung auf sie hatte, fügte er hinzu: »Amy wurde sehr geliebt, wissen Sie. Es ist schön für uns zu sehen, dass ihr Haus nicht leer und verlassen ist. Brauchen Sie übrigens irgendetwas? Sie haben zu essen?«

»Ich glaube, genug für mehrere Wochen.«

»Gut, gut. Und noch anderes? Sie könnten ein Auto brauchen, vermute ich.«

»Ich habe keinen Führerschein.«

Er zuckte zusammen. »Das nicht, na gut. Und, hm, ja … Darüber muss ich ganz einfach mit Caroline sprechen.« Er schien erleichtert darüber zu sein, dass er einen Beschluss gefasst hatte, und verabschiedete sich, noch ehe Sara sich entschieden hatte, ob sie ihm Kaffee anbieten müsste.

Sie hatte die Kaffeefrage noch immer nicht gelöst, als der nächste Besuch erschien. Aber diesmal spielte das keine Rolle.

Mrs Jennifer – »nennen Sie mich Jen« – Hobson war eine amerikanische Hausfrau, die das Vizepräsidentenamt verdient hätte. Sie hatte perfekt frisierte dunkle Haare, die gewissermaßen für sich selbst zu stehen schienen, und das leicht manische Lächeln einer Frau, die viel mit kleinen Kindern zu tun hat. Sie ging geradewegs in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und nahm zwei Löffel Kaffeepulver.

»Ich bin die verantwortliche Herausgeberin des Broken Wheeler Nachrichtenbriefes«, sagte sie durch das Geklapper von Kaffeetassen und Löffeln.

Sie öffnete den unteren Teil eines Schrankes und fand den Zucker. Ihre Haare umwogten sie, als sie sich bückte. »Wir schreiben über alle großen Ereignisse hier. Vor ein paar Jahren war ein Mann aus New Jersey hier zu Besuch. So eine Art freier Journalist. Er wollte sich selbst finden, zog aber nach nur zwei Wochen nach Hope und weigerte sich, ein Interview zu geben.«

Es war unklar, was schlimmer war, nach Hope umzuziehen oder das Interview zu verweigern.

»Eine Freundin von mir in Spencer hat Ahnenforschung betrieben«, sagte sie über ihre Schulter hinweg. »Ich komme aus Spencer. Bin nach meiner Heirat hierhergezogen.«

Ihr Gesicht hatte jetzt etwas Verkniffenes.

»Na ja. Sie war also Ahnenforscherin. Hat Verwandte aus Schweden gefunden. Damit war sie sehr zufrieden. Viel besser als Verwandte aus Irland oder Deutschland, das habe ich ihr auch gesagt. Da haben doch alle welche. Schweden ist viel exotischer.«

Sie sah Sara an und schüttelte dann rasch den Kopf, vermutlich, weil sie nicht glauben mochte, dass Sara selbst so alltäglich war.

»Wie heißen Sie mit Nachnamen? Sie sind ja vielleicht verwandt. So komisch wäre das auch wieder nicht, und so viele Menschen wohnen doch sicher nicht in Schweden?«

»Neun Millionen.«

»Haben Sie Eichen?«

»Eichen?«

»Iowas Staatsbaum. Wir haben hier phantastische Eichen.«

»Doch, wir … haben Eichen.«

»Haben Sie vielleicht etwas, das Sie mir sagen möchten?«

Das hatte Sara nicht.

»Gar nichts? Einen kleinen Gruß vielleicht? Ihren ersten Eindruck von der Stadt?«

»Ich war doch nur in der Hamburger-Bar.«

»Ich muss wohl einfach etwas zusammenschreiben«, sagte Jen zu sich selbst. »Ich bin ganz sicher, Sie werden unsere Stadt lieben, wenn Sie sie erst kennengelernt haben. – Und machen Sie sich keine Sorgen«, fügte sie hinzu. »Sie werden sich im Artikel sehr gewandt ausdrücken. Sowie mir eingefallen ist, was Sie sagen wollen.«

Sara Lindqvist

Kornvägen 7, I

136 38 Haninge

Schweden

Broken Wheel, Iowa, 23. August 2009

Liebe Sara,

wie schön, dass dir Harper Lee gefallen hat. Ich kann mich ja zu dem schwedischen Titel eigentlich nicht äußern, aber ich finde, »Todsünde« hört sich eher an wie ein billiger Massenkrimi. Doch das kannst du besser beurteilen.

Da dir »Wer die Nachtigall stört« gefallen hat, schicke ich dir jetzt auch Kathryn Stocketts »Gute Geister«. Der Rassismus spielt jedenfalls in beiden Büchern eine Rolle. Ich weiß, dass manche Rassismus nicht mehr für ein so großes Problem halten, aber wenn du mich fragst, dann denken so nur Leute im mittleren Alter, die, die glauben, die Welt sei automatisch besser geworden, nur weil sie alt genug sind, um sie zu lenken, ohne dass sie je versucht hätten, sie besser zu machen. Das ist eine der wenigen Fragen, die mich noch immer empören. Zu sehr, sagt mein guter Freund John, der schwarz und über das mittlere Alter schon hinweg ist und der behauptet, alles sei viel besser geworden. Jedenfalls in Broken Wheel, fügt er dann hinzu. John hält nicht viel von vagen Verallgemeinerungen. Ich finde nicht, dass das viel über die Welt an sich sagt, es besagt wohl nur, dass die Menschen hier in der Gegend sich an ihn gewöhnt haben. Er ist der einzige schwarze Mensch in der Stadt und hat zudem den einzigen Laden, in dem noch immer Milch verkauft wird, wie die Leute also etwas gegen ihn haben könnten, weiß ich wirklich nicht. Ich glaube natürlich, dass es unmöglich ist, ihn nicht leiden zu können, aber auch da ist er anderer Meinung als ich.

Viele Grüße, Amy Harris

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine schwedische Touristin in Iowa auf Männerjagd sein muss

In Broken Wheel gab es, gegenüber vom Grace’s, auf der anderen Straßenseite, ein altes Kino. Dessen klassische Fünfzigerjahre-Architektur verlieh der einen Seite der Hauptstraße eine gewisse Würde, aber das Kino hatte schon längst keine neuen Filme mehr gezeigt, und seit einigen Jahren zeigte es gar keine mehr. Der Projektor hatte seinen Geist aufgegeben. Inzwischen wurde das Kino nur noch für die Zusammenkünfte des Gemeinderates benutzt.

Die Gruppe von Menschen, die sich dort versammelte, als Gemeinderat zu bezeichnen, war wohl ungefähr dasselbe, wie das Kino Kino zu nennen; es sagte mehr darüber aus, was sie einmal gewesen waren, als was sie jetzt waren. Früher hatte man es wohl sogar für prestigeträchtig gehalten, dem Gemeinderat anzugehören. Damals hatte es Geld zu verteilen gegeben, und es waren Kämpfe um die beste Verwendung für dieses Geld ausgefochten worden. Neue Bänke vor der Kirche oder neue Straßenbeleuchtung? Welche Farbe für die Bänke vor der Kirche und welche Art Laternen sollten angeschafft werden? War das Kino der Stolz der Stadt oder das Verderben der Jugend?

Inzwischen gab es wohl nur noch eine Handvoll Menschen, die sich dafür engagieren mochten, was in der Stadt geschah, und es gab kein Geld mehr, das sie hätten ausgeben können.

Dennoch trafen sie sich weiterhin, sie saßen in den Kinosesseln in der ersten Reihe im einzigen Kinosaal, jeden zweiten Donnerstag.

Caroline Rohde beobachtete mit einem gewissen Missmut Jens eifriges Gestikulieren auf der kleinen Bühne vor dem, was einst die Kinoleinwand gewesen war.

»Eine Touristin!«, sagte Jen, und Caroline unterdrückte den Drang, sich die Schläfen zu reiben.

Die neueste Touristenwelle im Ort war der einzige Punkt auf der Tagesordnung, und Caroline hatte ihn schon reichlich satt.

Ihr fehlte Amy Harris. Caroline wusste, dass viele sie selbst zu hartherzig fanden, zu sehr auf Gott und Jesus versessen, und ganz allgemein eher langweilig. Aber sie wusste auch, dass die Stadt jemanden brauchte, der die Lage im Griff behielt und allen half, jemanden, der wusste, was richtig war, und jemanden, der wusste, was gut war. Solange Amy gelebt hatte, hatte dieses System funktioniert, aber jetzt fühlte sie sich seltsam einsam und unzulänglich.

Sie hatte anderen nie so helfen können, wie das Amy gelungen war, die offenbar genau gespürt hatte, was andere hören wollten. Sie selbst wusste nur, was andere hören sollten. Und das war nur selten dasselbe.

Aber beides war nötig. Und jetzt war Caroline allein übrig geblieben und sollte sich um diese Touristin kümmern, die in Zittern ausbrach, sowie man das Wort an sie richtete.

Sie hätte Amy gern so einiges gesagt. Doch sie sollte natürlich in Frieden ruhen.

Aber das war für sie ja auch kein Problem, da Caroline jetzt allein hier unten war und alles erledigen musste. Der restliche Gemeinderat würde ihr dabei garantiert nicht helfen.

Sie waren jetzt zu dritt. Caroline ging davon aus, dass Jen Hobson dabei war, weil sie davon träumte, Broken Wheel in dieselbe Art Pendlerparadies für die Mittelklasse zu verwandeln, wie Hope es war. Jen kam aus einem, wie sie oft sagte, feinen, angenehmen Vorort von Spencer im nordwestlichen Iowa. Caroline konnte den Gedanken nicht unterdrücken, dass es eigentlich kein Verlust gewesen wäre, wenn sie dort geblieben wäre. Jens Mann stammte aus Broken Wheel und war wirklich so sympathisch, wie man das von einem Hobson erwarten konnte – sie waren niemals für ihre Intelligenz bekannt gewesen, aber Caroline hatte andere nie wegen Dingen verurteilt, auf die sie keinen Einfluss hatten. Es gab genug bewusst begangene Sünden, auf die man sich konzentrieren konnte. Sie konnte sich nicht von dem Verdacht befreien, dass Jen aufgrund eines persönlichen Missgeschicks hergezogen war. Das ärgerte sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Spencer etwas haben könnte, das Broken Wheel nicht hatte. Sicher, die Stadt hatte ihre Fehler und Mängel, und Caroline zögerte nie, diese beim Namen zu nennen, aber dass jemand von draußen sich hier voller Herablassung umsah und Änderungen einführen wollte … sie schüttelte den Kopf. Jen wohnte erst seit zehn Jahren hier.

Immerhin schreckte sie nicht davor zurück, sich zu engagieren, das musste Caroline zugeben. Aber wenn Jen ebenso viel Verstand hätte wie sie selbst, könnten sie viel mehr erreichen. Nun war sie die verantwortliche Herausgeberin, die einzige Journalistin und die wichtigste Informationsquelle des Broken Wheeler Nachrichtenbriefes. Oder genauer gesagt, des Blogs der Stadt. Caroline hatte sich nie die Mühe gemacht, herauszufinden, was ein Blog eigentlich war. Aus so einem konnte nichts Gutes herauskommen, da war sie sich jedenfalls sicher. Soviel sie wusste, waren alle, die diesen Nachrichtenbrief lasen, mit Jen verwandt und wohnten allesamt in Spencer. Niemand hatte bisher irgendein Interesse daran gezeigt, nach Broken Wheel überzusiedeln, trotz oder wegen des Nachrichtenbriefes.

Auch für das andere Mitglied des Gemeinderates, für Andy, den letzten aus der Familie Walsh, der noch in der Stadt lebte, hatte sie nicht mehr übrig. Caroline hatte seinen Vater, den älteren Andrew Walsh, wirklich nicht leiden können, und sie war fast bereit, Andy so einiges zu verzeihen, weil er nicht war wie der Senior. Aber es musste doch Grenzen geben.

Andy betrieb das Square, die einzige Kneipe der Stadt, zusammen mit seinem guten Freund Carl, und er hatte einmal im fernen Denver gewohnt. Caroline war nicht sehr für Klatsch, aber weshalb musste man unbedingt dazu Anlass geben, indem man aus Denver zurückkehrte und eine Kneipe übernahm, zusammen mit einem … guten Freund.

An diesem Tag trug Andy blitzblaue Jeans, ein kariertes Hemd und einen Gürtel mit einer Schnalle, die ebenso viel zu wiegen schien wie seine Cowboystiefel. Ihm stand das alles gar nicht schlecht, aber die Sachen waren zu neu und zu auffällig. Für Caroline sah er fast aus wie ein soeben eingetroffener Tourist von der Ostküste, auch wenn seine Familie schon seit Generationen in Broken Wheel ansässig war.

»Eine Touristin in Broken Wheel«, sagte er, sprang auf und setzte sich zu Jen auf die Bühne.

»Es ist seltsam«, sagte sie, »dass wir nicht mehr haben.«

»So seltsam nun auch wieder nicht«, sagte Caroline. Sie sprach oft kursiv. »Und eine Touristin ohne Führerschein.«

Sie saß noch immer in ihrem bequemen Polstersessel. Es war zwölf Jahre her, dass im Kino der letzte Film gezeigt worden war, aber es roch noch immer ein wenig nach Popcorn, zerlassener Butter und altem Stoff. Der Geruch erweckte in Caroline keine Erinnerungen an lange zurückliegende Begegnungen, aber sie staunte darüber, dass der Stoff noch immer in so gutem Zustand war.

»Wir müssen etwas für sie zu tun finden«, sagte Jen. »Sie muss unterhalten werden.«

»Womit denn?«, fragte Andy. »Das ist die große Frage.«

»Vor allem Ausflüge. Diese ganze schöne Natur. Die Eichen!«

»Und der Mais«, sagte Caroline trocken. Sie liebte die Eichen ebenso wie die anderen, sie war sogar die Vorsitzende im Verein zum Schutz der Eichen, aber eine Touristenfalle waren die nicht.

»Nicht nur Mais«, sagte Andy. »Auch Sojabohnen.«

»Tom kann sie vielleicht fahren«, sagte Jen, als ob ihr dieser Gedanke gerade erst gekommen wäre. »Wenn er nicht arbeitet, natürlich.«

Caroline schloss die Augen. Der unschuldige Tonfall konnte sie nicht täuschen. Herrgott, dachte sie. Die Frau ist noch keine zwei Tage hier, und schon will Jen die Junggesellen der Stadt auf dem Altar des Tourismus opfern. Na ja, um gerecht zu sein, war es vielleicht ebenso sehr die Frau, die geopfert wurde. Die Junggesellen der Stadt waren auch keine Touristenattraktion.

Ausnahmsweise einmal schienen Andy und Jen nicht auf einer Wellenlänge zu sein. »Tom?«, fragte er verständnislos, obwohl doch alle begreifen mussten, was Jen da plante.

Jen zögerte nun doch. »Ja, Tom …«, sagte sie. »Ich dachte bloß, ob die beiden … sich nicht sympathisch finden könnten?« Sie richtete ihren Blick auf eine Stelle irgendwo über Carolines Kopf. »Meinst du nicht, eine Ferienromanze wäre genau richtig, damit sie sich hier wohlfühlt?«

Andy lachte. »Ja, warum nicht? Tom war nie so gut im Flirten. Und diese Sara scheint auch einen Anstoß zu brauchen. Ich kann mit Tom sprechen und ihm schon mal klarmachen, was hier von ihm erwartet wird.«

So weit schien Jen nun doch nicht gehen zu wollen. »Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, das eher langsam geschehen zu lassen …«

»Es ist besser, es überhaupt nicht geschehen zu lassen«, sagte Caroline. So, wie sie Jen kannte, würde die sich mit einer schnöden Ferienromanze überhaupt nicht zufriedengeben, und die wäre doch schlimm genug. Vermutlich träumte sie schon von einer Hochzeit und einer neuen Einwohnerin für die Bevölkerungsstatistik, vielleicht mehreren, während Sonderausgaben über Trauungen, Geburten und Taufen einander in raschem Tempo ablösten.

»Wir können Tom jedenfalls bitten, sie zu fahren«, sagte Jen.

»George kann sie fahren«, sagte Caroline. »Er kann dafür bezahlt werden. Symbolisch jedenfalls. Wir könnten dafür sammeln.«

Was wert war, getan zu werden, war auch wert, dass dafür gesammelt wurde.

Sie fing den raschen Blickwechsel zwischen Andy und Jen auf, aber das war ihr egal. Alle Orte brauchten eine Frau, die die Sache im Griff hatte. Sie wusste, dass hinter ihrem Rücken über sie gelacht wurde, aber immerhin sorgte sie dafür, dass etwas passierte. Und niemand wagte zu lachen, wenn sie in der Nähe war.

»Aber ist der arme George denn schon ausreichend …« Jen schien nach einer beschönigenden Umschreibung zu suchen, gab aber auf. »Trocken?«

»Der hat seit einem Monat nichts mehr getrunken«, sagte Caroline. »Seine Hände zittern kaum noch. Er braucht eine sinnvolle Beschäftigung. Statt einfach nur bei dieser Frau herumzusitzen und den ganzen Tag Kaffee zu trinken.«

»Ein guter Mann«, murmelte Jen.

»George fährt sie«, sagte Caroline, und damit war die Sache entschieden.

Sara Lindqvist

Kornvägen 7, I

136 38 Haninge

Schweden

Broken Wheel, Iowa, 9. Oktober 2009

Liebe Sara,

Broken Wheel ist eigentlich nichts Besonderes. Es gibt nur wenig Interessantes in diesem Ort. Es gibt hier überhaupt eigentlich nur sehr wenig. Aber mir gefällt es dennoch. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, das macht den Unterschied.

Es gibt eine größere Straße, die einfach Main Street heißt, und drei Querstraßen. Die heißen Second Street, Third Street und Jimmie Coogan Street. Den letzten Namen sollte ich vielleicht erklären. Bis ’87 hieß die Straße Fourth Street (wir sind prosaische, hausbackene Menschen ohne Vorliebe für Verzierungen oder große Worte). Aber jetzt heißt sie nach einem waschechten Schelm. Das freut mich. Es schenkt einer Stadt eine gewisse Würde, so einen gehabt zu haben.

Viele Grüße, Amy Harris

Asphalt und Beton

Bücher zu lesen war kein schlechtes Dasein, aber seit Neuestem fragte Sara sich doch, ob es ein richtiges … Leben sei. Als sie erfahren hatte, dass Josephsson dichtmachen würde, waren ihr diese Gedanken gekommen, und deren Intensität hatte sie schockiert. Als ob siebzehn Jahre ihres Lebens mit dem Buchladen verschwänden, als ob alles, was sie je gewesen war, in den grauweißen Bücherregalen in einem verstaubten Laden läge, sich in den Menschen offenbarte, die im Sommer vier Taschenbücher zum Preis von dreien kauften und zu Weihnachten egal was, wenn es nur schön bunt war.

Sie hatte zwar gehört, dass sie vermutlich in einem anderen Buchladen eine neue Stelle bekommen könnte, aber da und dort, an endlos langen Sommertagen in einem Vororteinkaufszentrum, während der Countdown zum letzten Arbeitstag lief, hatte sie sich gefragt, ob das wirklich ausreichte. Und es hatte ihr Angst gemacht, denn was gab es da draußen denn außer Büchern und Arbeit?

Es hatte Amy gegeben und eine Kleinstadt in Iowa, wie entsprungen aus einem Roman von Fannie Flagg oder Annie Proulx. Sara hatte sich über einen internationalen Antiquariatsdienst im Netz ein Buch von Amy gekauft, denn dort konnten auch Privatpersonen Bücher anbieten. Als Amy keine Bezahlung gewollt hatte, hatte Sara sich ein Herz gefasst und als Dank ein Buch zurückgeschickt, und so war es weitergegangen. Amy hatte phantastische Briefe über Bücher und über die Menschen in ihrer kleinen Stadt geschrieben, und das war gerade damals das Einzige gewesen, woran Sara sich anklammern konnte. Die einzige Rettungsleine in einem Dasein, das jetzt überwältigend sinnlos wirkte.

Wenn ihr Leben ein Buch gewesen wäre, hätte sie darin nicht einmal eine Nebenrolle gespielt. Und eine Nebenrolle war eigentlich alles, was sie wollte. Hauptperson, das wäre zu viel verlangt, aber wenigstens ein Aussehen und einige persönliche Züge, beschrieben in aller Eile in wenigen Zeilen, wenn sie ab und zu der eigentlichen Heldin begegnete. Eine Person mit Namen und einigen Charaktereigenschaften zu sein.

Im Juli war ihr das wie ein unerreichbarer Traum erschienen, und jetzt war es noch immer ebenso unerreichbar.

Aber sie nahm an, sie würde mit Hilfe der Bücher durch die Tage gelangen. Bisher hatte sie das immer geschafft. An diesem Vormittag ging Sara mit Bridget Jones und der dritten Tasse des fast untrinkbaren Pulverkaffees hinaus auf die Terrasse. Sie lief rasch durch die Diele und richtete den Blick dabei auf die Haustür. Sie versuchte, auf keinen Fall zu dem kleinen Andachtstisch hinüberzusehen. Sie wünschte, jemand hätte wenigstens die Fähnchen weggenommen, aber sie hielt sich nicht für befugt, das selbst zu tun.

Draußen fühlte sie sich wohler. Die Schaukelstühle waren bequem, und der überwucherte Garten wirkte eher verzaubert als vernachlässigt. Als sie hin- und herschaukelte, knarrte es vertraulich unter ihr.

Vielleicht war Amy gar nicht tot? Vielleicht war sie in der Küche mit ihren Blumen beschäftigt? Vielleicht war sie irgendwo oben im Haus, mit einem Buch? Es könnte doch so sein.

Sara seufzte. Es war wie der Versuch, das traurige Ende in einem Buch zu ändern. Egal, wie sehr man sich auch einzureden versuchte, dass alles anders würde, wenn erst der sadistische Idiot von Autor von der Bildfläche verschwunden wäre, so blieb das Bild eben doch im Hinterkopf erhalten. Rhett Butler ließ Scarlett im Stich, als sie gerade anfing, sich als seiner wert zu erweisen. Gegen alle Vernunft, gegen seine eigene Persönlichkeit, gegen das Wesen der Liebe und gegen sein Wort, ja, gegen alles, was recht und billig war. Und nicht einmal Charlotte Brontës schändlicher Vater konnte verhindern, dass M. Paul starb, so vage sie auch den Schluss zu formulieren versucht hatte, um ihm eine Freude zu machen.

Unbegreiflich.

Ja, aber so war es eben. Man musste ganz einfach versuchen, nicht daran zu denken. Margaret Mitchell war dumm, und Amy Harris war tot.

Sie hob das Buch von ihren Knien auf und zwang sich zum Weiterlesen. Es lag schon ein Trost darin, dass das Buch hier genauso war wie in Schweden. Bridget hatte ihre Neujahrsvorsätze ebenso wenig einhalten können wie im Jahr zuvor und hatte Mr Darcy in einem schrecklichen Hemd getroffen. Als Daniel Cleaver in Erscheinung trat, war Sara bereits in der sicheren Welt der Bücher verschwunden und wäre dort geblieben, wenn nicht ein Auto auf der Auffahrt aufgetaucht wäre.

George trug dasselbe rot karierte Hemd wie am Samstag, und es war auch nicht weniger zerknittert. Seine Hände zitterten jetzt noch mehr. Aber sie dachte daran, wie er sie nach der Beerdigung zum Empfang begleitet hatte, und sie lächelte ihn über den Rand des Buches hin an.

»Ich wollte sagen, dass ich jetzt Ihr Chauffeur bin.«

Das Buch sank langsam auf ihr Knie.

»Ich soll Sie fahren«, erklärte er. »Wohin Sie wollen. Sie brauchen nur anzurufen.« Er leierte seine Telefonnummer herunter, ohne darauf zu warten, dass sie sie aufschrieb. »Wenn ich nicht zu Hause bin, dann bin ich bei Grace.« Er gab ihr auch diese Nummer, und wieder konnte Sara sie nicht aufschreiben.

»Aber ich kann doch zu Fuß gehen?«, sagte sie.

»Sie haben gesagt, ich soll Sie fahren.«

»Sie?«

»Jen und Andy. Caroline findet das auch.«

Das gab vermutlich den Ausschlag.

»Also?«, fragte er. »Kann ich Sie irgendwo hinfahren?«

»Es gibt hier nicht mehr so viel zu sehen«, sagte er, als sie in die Stadt fuhren.

Das Einzige, was es im Überfluss zu geben schien, war Mais. Jetzt, Ende August, ragte er in riesigen Feldern um sie herum auf. Das scharfe Sonnenlicht verwandelte die Felder in ein wogendes Meer aus Gold und Grün, das Sara blendete und ihre Augen brennen ließ, bis der Asphalt von Broken Wheel ihr wie eine Befreiung erschien. Er begann zehn Minuten vor der Stadt mit einer Häuserzeile aus grauem Beton und einem verlassenen Wohnwagenparkplatz.

»Da wohne ich«, sagte George. Sie hoffte, er meinte das Haus, denn auf dem Wohnwagenparkplatz gab es nichts, wo man hätte wohnen können. Ein ramponierter Zaun kennzeichnete eine Art Grenze zur Stadt, und hinter dem Platz standen auf einem Streifen Brachland einige vereinzelte Bäume.

Vor ihnen wurde der Weg breiter, aber es dauerte noch, ehe irgendeine Siedlung auftauchte, die diesen Namen verdiente. Das Einzige, was es zwischen Georges Wohngebiet und dem Stadtkern gab, war eine stillgelegte Tankstelle. Ein weißer Wellblechschuppen schien als Tankstellenhäuschen gedient zu haben, und daneben hatte irgendwer zwei Treckerreifen und einen zerbrochenen Kinderwagen abgelegt.

»Früher gab es noch mehr Läden«, sagte George verlegen, als ob der Zustand der Stadt seine Schuld sei. »Aber die meisten haben irgendwann nach der Krise dichtgemacht. Es gibt nicht genug Leute, da rentiert es sich nicht.«

Sie wollte jedenfalls die Jimmie Coogan Street sehen, schärfte sie sich ein. Das musste doch etwas bedeuten. Aber es fiel ihr schwer, irgendwelchen Enthusiasmus aufzubringen. Jetzt, da sie ausgeruht war und geduscht hatte und die Stadt richtig sah, würde der Eindruck womöglich noch deprimierender sein.

Ursprünglich hatte die flache, wogende Landschaft der Great Plains zu einem eigenen Architekturstil inspiriert: flache, großflächige Häuser hatten sich in die sie umgebende Prärielandschaft gefügt, während die Häuser im Zentrum von schönen überdachten Holzgalerien umschlossen wurden, so dass man an den Ladenfenstern vorbeischlendern konnte, eine Art Mischung aus Veranda und Promenade. An vielen Orten funktionierte das auch und wirkte einladend und gemütlich.