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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Mathias Kilian wanderte durch den Wald. Maxi, sein einziger Freund und Kamerad, schnupperte aufgeregt und genoss diesen Ausflug seines Herrn, ohne mit seinem Hundeverstand zu begreifen, dass Mathias Kilian sich einsam und unglücklich fühlte. Maxi konnte nicht wissen, wie hart es Mathias Kilian ankam, dass er nun Rentner war und eigentlich rein gar nichts mehr zu tun hatte. Volle vierzig Jahre lang hatte er in Kreuzberg die Post zugestellt. Er kannte fast jeden Bewohner diesen kleinen Ortes, und er fühlte sich durchaus nicht zu alt, um noch tätig zu sein. Aber da gab es die gesetzlichen Bestimmungen, nach denen sich die Postverwaltung zu richten hatte. Deshalb war Mathias Kilian zum Nichtstun verurteilt, ob es ihm passte oder nicht. Das kleine Haus am Ortsrand von Kreuzberg hielt der ehemalige Postbote blitzsauber. Auch den Garten pflegte er tadellos. Solange Gundi, seine Frau noch gelebt hatte, war der Ruhestand für ihn ganz erträglich gewesen. Doch seit deren plötzlichem Tod vor einem halben Jahr wusste Mathias mit seiner Zeit nichts Rechtes anzufangen. An diesem Tag hatte der alte Mann einen Spaziergang nach Wildmoos beschlossen. Nur so, um überhaupt ein Ziel zu haben. Während Maxi den Ausflug sichtlich auskostete, hing er trübseligen Betrachtungen nach. Wenn wenigstens Elivra bereit wäre, zu ihm zu ziehen. Sie hätte es gut bei ihm. Viel besser als in der Fremde. Aber Mathias Kilians einzige Tochter wollte in der Stadt bleiben, weil sie dort ihren Freund hatte. Mathias kannte den jungen Mann nicht. Elivra liebte ihren Helmut. Die beiden wollten heiraten, sobald er sich selbstständig
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mathias Kilian wanderte durch den Wald. Maxi, sein einziger Freund und Kamerad, schnupperte aufgeregt und genoss diesen Ausflug seines Herrn, ohne mit seinem Hundeverstand zu begreifen, dass Mathias Kilian sich einsam und unglücklich fühlte.
Maxi konnte nicht wissen, wie hart es Mathias Kilian ankam, dass er nun Rentner war und eigentlich rein gar nichts mehr zu tun hatte. Volle vierzig Jahre lang hatte er in Kreuzberg die Post zugestellt. Er kannte fast jeden Bewohner diesen kleinen Ortes, und er fühlte sich durchaus nicht zu alt, um noch tätig zu sein. Aber da gab es die gesetzlichen Bestimmungen, nach denen sich die Postverwaltung zu richten hatte. Deshalb war Mathias Kilian zum Nichtstun verurteilt, ob es ihm passte oder nicht.
Das kleine Haus am Ortsrand von Kreuzberg hielt der ehemalige Postbote blitzsauber. Auch den Garten pflegte er tadellos. Solange Gundi, seine Frau noch gelebt hatte, war der Ruhestand für ihn ganz erträglich gewesen. Doch seit deren plötzlichem Tod vor einem halben Jahr wusste Mathias mit seiner Zeit nichts Rechtes anzufangen.
An diesem Tag hatte der alte Mann einen Spaziergang nach Wildmoos beschlossen. Nur so, um überhaupt ein Ziel zu haben. Während Maxi den Ausflug sichtlich auskostete, hing er trübseligen Betrachtungen nach. Wenn wenigstens Elivra bereit wäre, zu ihm zu ziehen. Sie hätte es gut bei ihm. Viel besser als in der Fremde.
Aber Mathias Kilians einzige Tochter wollte in der Stadt bleiben, weil sie dort ihren Freund hatte. Mathias kannte den jungen Mann nicht. Elivra liebte ihren Helmut. Die beiden wollten heiraten, sobald er sich selbstständig machen konnte. Doch darüber waren inzwischen noch mehr als vier Jahre vergangen. Elvira arbeitete als Näherin in einer Textilfabrik und schrieb selten. Seit dem Begräbnis ihrer Mutter war sie auch nicht mehr in Kreuzberg gewesen.
Der alte Mann schritt rüstig aus und beachtete kaum, wie weit er sich schon von Kreuzberg entfernt hatte. Er horchte verwundert auf, als er Kinderstimmen vernahm. Ein versonnenes Lächeln glitt über sein faltiges Gesicht. Er liebte Kinder über alles.
Dem fröhlichen Lärm folgend, entdeckte er eine Gruppe von Kindern, die mit dem Ball spielten. Es war ein hübscher Anblick. Kein Wunder, dass Mathias stehen blieb, um ein Weilchen zuzuschauen. Maxi verhielt sich sehr brav und legte sich neben seinem Herrn auf den weichen Boden, um sich auszuruhen.
Als der bunte Ball genau auf Mathias zuflog, fing er ihn geschickt auf. Ein kleines Mädchen erschien am Zaun. Es hatte helles Haar, blaue Augen und ein erhitztes Gesichtchen.
»Da hast du ihn, deinen Ball«, sagte Mathias und reichte ihr den Ball.
»Danke.«
»Sind das alles deine Geschwister?«, erkundigte sich Mathias Kilian, weil er verhindern wollte, dass die Kleine sogleich davonlief, um weiterzuspielen.
»Nein, wir sind die Kinder aus dem großen Haus dort hinten. Es heißt das Haus der glücklichen Kinder, Sophienlust. Und wer bist du?«
Mathias Kilian stellte sich der winzigen Dame vor. Er hatte von dem Kinderheim Sophienlust schon gehört.
»Wie heißt du denn?«, fragte er lächelnd.
»Ich bin die Heidi. Willst du vielleicht mitspielen? Hörst du, ich werde gerufen! Sie wollen weitermachen. Dort drüben ist die Pforte. Komm doch.«
Heidi sprang davon und berichtete den übrigen Kindern von ihrer neuen Bekanntschaft. Schließlich lief die ganze Gruppe zu dem kleinen Tor und forderte den verblüfften alten Mann auf, in den Park zu kommen.
Henrik streichelte Maxi. Auch die kleine schwarze Peggy und zwei andere Kinder freundeten sich auf Anhieb mit Maxi an.
»Maxi mag Kinder«, erklärte Mathias lächelnd. »Soll ich euch einmal ein Spiel zeigen, das ich als Junge gespielt habe?«
»O ja!«, riefen die Kinder. »Wir lernen gern neue Spiele.«
Mathias Kilian erklärte den Kindern sein Spiel. Sie begriffen sofort, worauf es ankam, und zeigten sich sehr geschickt. Mathias Kilian war mit Leib und Seele dabei. Er geriet außer Atem und bekam heiße Wangen. An seinen Kummer und die Einsamkeit dachte er überhaupt nicht mehr.
Weder er noch die Kinder bemerkten die schlanke Dame mit dem schlichten dunklen Haar, die über die Wiese herankam.
»Haben wir einen Gast?«, erklang unerwartet die weiche Stimme.
Das Spiel brach ab. »Tante Isi, Mutti«, riefen die Kinder durcheinander und scharten sich um die Dame.
Mathias Kilian geriet ein bisschen in Verlegenheit. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er streng genommen kein Recht hatte, ungeladen in den Park einzudringen und mit den Kindern zu spielen.
Er nannte seinen Namen und erklärte ein wenig unbeholfen, wie es dazu gekommen war, dass er nun hier auf der Wiese mit den Kindern spielte.
»Aus Kreuzberg sind Sie zu Fuß hierhergewandert?«, staunte die freundliche Dame. »Das ist ein ganz beachtlicher Marsch. Ich bin Frau von Schoenecker.«
Mathias verbeugte sich unwillkürlich. »Ich kenne Ihren Namen, Frau von Schoenecker«, sagte er leise. »Sie haben aus dem früheren Herrenhaus Sophienlust das Kinderheim gemacht, nicht wahr?«
»Sophienlust gehört eigentlich meinem Sohn Nick. Es ist ein Vermächtnis seiner Urgroßmutter. Ich habe es zu erfüllen. Wollen Sie mit ins Haus kommen, Herr Kilian? Wir bieten Ihnen gern eine Erfrischung an, damit Sie auf dem Rückweg nicht müde und hungrig werden.«
Henrik, Denises jüngster Sohn, erhob Einspruch. »Zuerst müssen wir unser Spiel beenden, Mutti. Es steht nämlich gerade unentschieden.«
Denise ließ die muntere Schar gewähren und schaute ein Weilchen zu. Als schließlich eine Partei um einen einzigen Punkt gewonnen hatte, führte sie Mathias in das schöne alte Herrenhaus.
Staunend schaute der alte Mann sich um, während Maxi brav draußen auf ihn wartete.
»Fast wie ein Schloss ist es, Frau von Schoenecker. Die Kinder haben es fein hier.«
Denise von Schoenecker nickte ihm zu. »Unsere Kinder haben alle Schweres erlebt, ehe sie zu uns kamen. Ich bin glücklich, dass sie hier eine neue Heimat finden und ihr Leid vergessen konnten. Warten Sie, ich werde Ihnen ein Bild von Sophie von Wellentin zeigen«
Denise geleitete den staunenden Gast in ein stilrein eingerichtetes Biedermeierzimmer. An einer Wand hing ein Ölgemälde, das eine alte Dame darstellte, die den Beschauer freundlich und zugleich prüfend anzublicken schien.
»Sophie von Wellentin war die Großmutter meines ersten Mannes, also Nicks Urgroßmutter. Sie hinterließ meinem Sohn nicht nur Sophienlust, sondern auch ein Vermögen. So war es für mich nicht schwer, ihren Wunsch zu erfüllen und aus diesem Haus eine Zufluchtsstätte für in Not geratene Kinder zu machen.«
»Warum hat gerade der eine Junge alles geerbt, Frau von Schoenecker?«, erkundigte sich Mathias verwundert. »Das ist doch gegenüber dem kleinen Henrik nicht ganz gerecht.«
Denise lächelte. »Nick stammt, wie ich schon andeutete, aus meiner ersten Ehe. Leider starb sein Vater viel zu früh. Als Sophie von Wellentin die Augen schloss, war ich Witwe und hatte nur meinen kleinen Nick, der auf den Namen Dominik getauft ist, aber selten so gerufen wird. Später lernte ich meinen jetzigen Mann kennen, der damals genau wie ich verwitwet war. Er brachte zwei größere Kinder mit in unsere Ehe. Und Henrik ist nun unser jüngster Sohn.«
Mathias Kilian seufzte. »Sie sind zu beneiden, Frau von Schoenecker. So eine große Familie! Ich bin ganz allein, denn meine Tochter will in der Stadt wohnen. Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, dass ich einfach in den Park gekommen bin. Die Kinder waren so lustig …«
»Wenn Sie gern mit ihnen spielen, so sollten Sie bei Gelegenheit wiederkommen, Herr Kilian«, entgegnete Denise liebenswürdig. »Sophienlust ist für jedermann offen. Ich habe Ihnen zugesehen. Sie verstehen es besonders gut mit Kindern. Aber vielleicht ist Ihnen der Weg von Kreuzberg hierher doch etwas zu weit?«
Mathias schüttelte heftig den Kopf. »Ich kann mit dem Rad fahren, Frau von Schoenecker. Solange ich noch im Dienst war, war ich immer mit dem Rad unterwegs. Jetzt habe ich Zeit. Deshalb gehe ich meistens zu Fuß.«
Der alte Mann und Denise von Schoenecker verstanden sich ausgezeichnet. Denise erzählte ihm noch allerlei über die Entstehungsgeschichte von Sophienlust. Sie hatte sofort Vertrauen zu Mathias gefasst, nicht anders als die Kinder.
Mathias Kilian erfuhr auch, dass die Familie von Schoenecker auf dem benachbarten Gut namens Schoeneich wohnte, wohin eine private Verbindungsstraße von Sophienlust aus führte. Er hörte auch, dass Sascha von Schoenecker in Heidelberg studierte und Andrea schon verheiratet war und einen kleinen Sohn hatte.
»Jetzt haben wir nur noch Nick und Henrik im Hause. Aber eigentlich findet man die beiden Buben meistens hier in Sophienlust, Herr Kilian«, schloss Denise und warf dabei einen Blick auf die Uhr. »Wollen Sie mit uns zu Abend essen?«, fragte sie dann freundlich. »Es dauert nur noch eine Viertelstunde, bis es so weit ist. Die Kinder werden sich freuen. Später fahre ich Sie in meinem Wagen nach Kreuzberg zurück.«
»Kann ich das denn annehmen?« Mathias Kilian zögerte.
»Wir freuen uns immer über Besuch, Herr Kilian. Außerdem müssen Sie ziemlich hungrig sein. Erst der Weg hierher, und dann das Spiel mit den Kindern …«
»So arg ist es nicht, aber ich würde sehr gern mit den netten Kindern noch ein bisschen beisammen sein, Frau von Schoenecker«, gestand Mathias freimütig.
So kam es, dass Mathias Kilian an diesem Tag das Abendessen im Kreise der Bewohner von Sophienlust einnahm. Er lernte Nick, den lang aufgeschossenen Gymnasiasten kennen, der seiner Mutter sehr ähnlich sah und blanke Augen bekam, als Mathias ihm sagte, wie gut ihm Sophienlust gefalle. Für Nick war Sophienlust der schönste Ort auf dieser Welt. Seit seinem fünften Lebensjahr war er nun mit dem Heim innig verbunden und wuchs so in seine spätere Aufgabe, es zu leiten, unmerklich hinein.
Auch die Namen der übrigen jungen Hausbewohner wurden Mathias genannt, doch die konnte er nicht sogleich alle behalten. Da war Pünktchen mit ihren lustigen Sommersprossen, außerdem Irmela, deren Eltern in Indien lebten, dann Angelika und ihre jüngere Schwester Vicky, die kleine schwarze Peggy aus dem fernen Afrika und natürlich Heidi, das Nesthäkchen von Sophienlust, mit dem Mathias zuerst Freundschaft geschlossen hatte.
Zugleich hatte der Besucher aber auch Gelegenheit, die Bekanntschaft der Erwachsenen zu machen. Frau Rennert, die Heimleiterin, von den Kindern liebevoll Tante Ma gerufen, drückte ihm besonders warm und herzlich die Hand. Schwester Regine, die für die kleineren Kinder verantwortlich war, meinte vergnügt, dass Mathias Kilian ihr nun in Zukunft einen Teil ihrer Arbeit abnehmen könne.
Ganz zuletzt erschien Alexander von Schoenecker, der in der Kreisstadt gewesen war und sich verspätet hatte. Er hatte eigentlich nur nachschauen wollen, ob seine Lieben bereits zu Hause in Schoeneich waren. Doch nun setzte er sich mit an den Tisch und verzehrte eine Portion Schinken-Eierkuchen mit Salat. Dabei hörte er Henriks Bericht über das Zustandekommen der neuen Bekanntschaft mit Mathias Kilian aufmerksam zu.
Der Gutsherr von Schoeneich erbot sich, Mathias nach Kreuzberg zu bringen, damit Denise mit Nick und Henrik schon nach Hause fahren konnte. Henrik musste zu Bett, und Nick wollte noch Vokabeln für eine Klassenarbeit in Englisch üben, die am nächsten Tag auf dem Programm stand.
Mathias Kilian hatte durch die vielen neuen Eindrücke seinen Maxi gänzlich vergessen. Nun kamen ihm Bedenken, ob er Alexander von Schoenecker zumuten könne, auch den Hund im Wagen mitzunehmen.
»Das ist nun wirklich kein Problem, Herr Kilian«, erklärte Alexander unbekümmert. »Tiere spielen in Sophienlust eine wichtige Rolle. Das werden Sie noch herausfinden, wenn Sie öfters hierherkommen. Vor allem die Ponys, auf denen die Kinder reiten, werden sehr geliebt.«
Maxi bekam eine Schüssel mit Futter vorgesetzt. Dafür sorgte die kleine schwarze Peggy. Auch trinken sollte der brave Hund.
Endlich konnte man aufbrechen. Die gesamte Kinderschar winkte dem Wagen nach, und Mathias Kilian beugte sich weit aus dem Seitenfenster, um zurückzuwinken.
»Das war ein schöner Nachmittag«, seufzte der alte Mann, als von Sophienlust nichts mehr zu sehen war.
Alexander von Schoenecker antwortete freundlich: »Kommen Sie nur, sooft Sie mögen, Herr Kilian. Die Kinder haben auch noch andere ältere Freunde. Meine Frau unterstützt das gern. Es bedeutet sozusagen einen gewissen Ersatz für die fehlenden Großeltern.«
»Hm, die müssen die Kinder natürlich entbehren«, meinte Mathias.
»Wir haben Justus, den ehemaligen Gutsverwalter von Sophienlust, der sich um die Ponys kümmert, beim Reiten die Aufsicht führt und den Kindern bei Basteleien behilflich ist. Außerdem lebt in Sophienlust eine alte Dame, die wir die Huber-Mutter nennen. Sie kommt allerdings nur noch selten aus ihrem Zimmer heraus und nimmt die Mahlzeiten nicht mit den Kindern ein. Doch die Kinder besuchen sie gern und lassen sich von ihr geheimnisvolle Geschichten erzählen. Die Huber-Mutter versteht sich gut auf Heilkräuter. Man kann bei ihr manchen Rat einholen. Außerdem behaupten die Kinder, dass sie in die Zukunft sehen kann. Aber da bin ich ein bisschen skeptisch.«
Mathias war neugierig geworden. »Es gibt solche Menschen, Herr von Schoenecker. Ich möchte die Huber-Mutter gern kennenlernen. Vielleicht hat sie einen Tee gegen meine Schmerzen im Rücken. Ich weiß, sie kommen vom Alter und davon, dass ich jahrelang bei Wind und Wetter unterwegs sein musste. Aber manchmal helfen Kräutertees besser als das Zeug aus der Apotheke.«
»Nun, da wird Ihnen die Huber-Mutter sicherlich etwas sagen können, Herr Kilian.«
Mathias saß sehr zufrieden neben Alexander von Schoenecker. Als die beiden Kreuzberg erreicht hatten, wies er ihm den Weg zu seinem Haus.
»So, hier wohne ich. Vielen Dank, Herr von Schoenecker.«
»Ein schönes Haus haben Sie, Herr Kilian.«
»Jetzt ist es fast zu groß für mich allein«, meinte Mathias betrübt. »Aber es steht nun einmal hier. Schade, dass meine Tochter nicht darin wohnen will. Vielleicht wird sie es später einmal verkaufen, wenn ich nicht mehr da bin.«
»Das weiß ich nicht, Herr Kilian. Oft genug entwickelt sich die Zukunft völlig anders, als man glaubt.«
Alexander von Schoenecker und Mathias Kilian schüttelten einander die Hände. Maxi bellte fröhlich. Er hatte die Fahrt verschlafen und war nun putzmunter.
Der alte Mann winkte dem Wagen noch eine Weile nach, ehe er in sein Haus trat, das ihm an diesem Tag besonders still und leer erscheinen wollte. Doch er war nicht so traurig wie an anderen Abenden. Noch klang das fröhliche Treiben dieses Nachmittags in ihm nach.
Deshalb ging er auch sogleich in den kleinen Schuppen, um sich zu überzeugen, dass sein Fahrrad tadellos in Ordnung war.
*
Elvira Kilian saß an der Nähmaschine. Sie nähte nebenbei für private Kundschaft, um auf diese Weise mehr zu verdienen. Wenn es sich ergab, nahm sie auch Arbeit aus der Fabrik mit nach Hause.
Ab und zu warf Elvira einen Blick zu dem Tisch hinüber, der für zwei Personen gedeckt war. Helmut verspätete sich wieder einmal. In letzter Zeit kam das immer häufiger vor. Er hatte viel zu tun.
Elvira bewohnte im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses zwei winzige Zimmer, zu denen ein einfach eingerichtetes Bad gehörte. Aus dem kleineren Raum hatte sie eine Küche gemacht, in dem anderen Zimmer standen eine Schlafcouch und ein paar anspruchslose Möbel, die Elvira sich nach und nach angeschafft hatte. Sie lebte bescheiden und gab nur wenig aus, weil jeder Cent gespart werden sollte, damit Helmut sich so bald wie möglich selbstständig machen konnte.
Mit einem winzigen Seufzer legte Elvira ein fertiges Kinderröckchen beiseite. Es war für ein kleines Mädchen bestimmt, das unten im Hause wohnte. Elvira hatte es geschickt aus einem Stoffrest geschneidert, sodass es nicht viel kostete.
Auf der Treppe erklangen jetzt Schritte. Elviras braune Augen leuchteten auf. Nun kam er! Doch sie wurde enttäuscht. Es klopfte, und vor ihr stand die Mutter des Kindes, für das sie soeben das Röckchen fertiggenäht hatte.
»Ein Anruf für Sie, Frau Kilian.«
Elvira bedankte sich und ging zusammen mit der jungen Frau nach unten. Sie wusste, dass es Helmut war und dass er für diesen Abend absagen würde.
Dann ertönte seine Stimme aus dem Hörer. »Es tut mir leid, Elvi. Ich schaffe es nicht mehr. Du hast sicher schon gewartet.«
»Macht ihr wieder Überstunden?«, fragte Elvi traurig.
»Ja, und es kann noch bis elf dauern. Morgen haben wir außerhalb zu tun. Aber am Wochenende klappt es dann bestimmt, dass ich zu dir komme. Die vielen Überstunden bringen ganz schön was ein.«
»Ich habe auch schon wieder dreihundert Euro, die du auf die Kasse bringen kannst, Helmut. Bald haben wir die Anzahlung beisammen, wenn es so weitergeht.«
»Na ja, eine Weile dauert es schon noch, Elvi. Also, ich muss wieder an die Arbeit. Du kannst mir glauben, dass ich jetzt lieber zusammen mit dir vor dem Fernseher säße.«
Elvi fragte, wann er am Samstag kommen würde. Er versprach, im Laufe des Vormittages bei ihr zu sein. Dann wollten sie sich ein hübsches Wochenende machen.
Mit traurigem Gesicht legte Elvira den Hörer auf. »Er kommt wieder einmal nicht, Frau Schneider«, sagte sie leise. »Wenn diese Zeit endlich vorüber ist, werde ich froh sein.«
»Es ist heutzutage nicht leicht, wenn man sich selbstständig machen will, Frau Kilian. Lohnt es die ganze Plackerei denn wirklich?«
Elvira war schon wieder fröhlich. »Ganz bestimmt, Frau Schneider. Wir werden bauen. Das Haus soll schöner werden als das meines Vaters. Unten wird die Werkstatt mit der Tankstelle sein, oben werden wir wohnen. Mein Verlobter ist sehr tüchtig. Er hat schon ein passendes Grundstück gefunden und sich wegen der Konzession für eine Tankstelle erkundigt. Wenn wir einen gewissen Betrag beisammenhaben, finanziert uns seine Bank den Rest. Ich werde anfangs noch nähen und so viel wie möglich dazuverdienen, damit wir von unseren Schulden schnell herunterkommen.«
»Da haben Sie doch eigentlich nichts davon, wenn Sie heiraten«, stellte Frau Schneider kopfschüttelnd fest.
»O doch, wir werden beisammen sein. Die Arbeit macht uns nichts aus. Aber dass wir uns jetzt so selten sehen können, das stört uns.«
Frau Schneider fragte nach dem Röckchen.
»Ich muss es nur noch bügeln«, erklärte Elvira eifrig. »Wenn Sie wollen, bringe ich es in einer halben Stunde.«
»Nein, nein, es hat bis morgen Zeit, Frau Kilian. Sie sollen jetzt nicht länger arbeiten. Morgen ist auch noch ein Tag. Gute Nacht.«
»Vielen Dank, dass Sie mich ans Telefon gerufen haben, Frau Schneider. Gute Nacht.«
