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Die bewegende Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Elefanten! Als Lilys Großvater Bill stirbt, ist Lily nicht die einzige, die ihn schmerzlich vermisst. Auch seine zahme Zirkuselefantin Grace trauert um Bill. Als Lily zur Beerdigung nach Florida reist, begegnet Lily dem Elefanten zunächst noch mit Angst und Vorsicht. Aber nach und nach werden Lily und die Elefantin Freunde. Und als Grace in große Gefahr gerät, ist es ausgerechnet Lily, die es schafft, das Tier zu retten … Abwechselnd aus Lilys und Graces Perspektive erzählt Linda Oatman High, wie Lily ihre Ängste überwindet und das Vertrauen des Elefanten gewinnt – und wie sie sich für das Tier einsetzt, als sie erkennt, dass seine Freiheit in Gefahr ist.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2018
Linda Oatman High
Die bewegende Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Elefanten!
Als Lilys Großvater Bill stirbt, ist Lily nicht die Einzige, die ihn schmerzlich vermisst. Auch seine zahme Zirkuselefantin Grace trauert um Bill. Als Lily zur Beerdigung nach Florida reist, begegnet Lily dem Elefanten zunächst noch mit Angst und Vorsicht. Aber nach und nach werden Lily und die Elefantin Freunde. Und als Grace in große Gefahr gerät, ist es ausgerechnet Lily, die es schafft, das Tier zu retten …
Abwechselnd aus Lilys und Graces Perspektive erzählt Linda Oatman High, wie Lily ihre Ängste überwindet und das Vertrauen des Elefanten gewinnt – und wie sie sich für das Tier einsetzt, als sie erkennt, dass seine Freiheit in Gefahr ist.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Linda Oatman High ist Autorin mehrerer Kinder- und Jugendbücher. Sie leitet Schreibworkshops und arbeitet außerdem als Journalistin und Songwriterin. Linda Oatman High lebt mit ihrer Familie und ihren zwei Hunden in Pennsylvania, USA.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, Garbsen.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel: ›One Amazing Elephant‹ bei Harper, an imprint of HarperCollins Publishers, New York
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-5047-6
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Widmung
Ein Ritt auf dem Elefanten
Queenie Grace kann sich gut um andere kümmern
Im Scheinwerferlicht
Queenie Grace hat es nicht böse gemeint
Nie wieder
Queenie Grace erinnert sich an Dezember
Winter in West Virginia
Queenie Grace weiß, wenn etwas nicht stimmt
Die schlechte Nachricht
Der Riese ist gestorben
Eine große Entscheidung
Vielleicht kann Queenie Grace auch sterben
Nicht mehr in West Virginia
Das Mädchen Lily ist da
Dieser Ort ist verrückt
Queenie Grace ist in Schwierigkeiten
Weihnachtsaufregung
Queenie Grace hat keine Ketten mehr
Der Krokodiljunge
Vielleicht ist Queenie Grace deshalb weggerannt
Ernährung und Pflege von Elefanten
Queenie Grace fühlt Feuer
Man darf niemandem Schmerzen zufügen, auch einem Elefanten nicht
Queenie Grace mag kein Jod
Ein Schlag ins Gesicht
Rüssel sind schwer zu kontrollieren
Sonnenbrand
Queenie Grace fühlt mit Henry Jack
Malen ist beinahe wie Zauberei
Queenie Grace würde nie jemandem etwas tun, den sie liebt
Eine Abmachung
Queenie Grace malt mit Lily
Nacht
Queenie Grace erinnert sich an die Sporen
Die Beerdigung
Queenie Grace mag den Tod nicht
So klingt ein Elefant mit gebrochenem Herzen
Queenie Grace will Bill
Amazing Grace
Queenie Grace kennt Bills Lied
Elefantenrettung
Queenie Grace hasst es zu hassen
Weglaufen
Queenie Grace ist alt, aber sie liebt es, sich lebendig zu fühlen
Die Männer mit dem Feuer
Queenie Grace hat Angst
Queenie Grace rettet mich
Queenie Grace hat Lily auch lieb
Eine lange Geschichte
Queenie Grace schaut ihnen hinterher
Ein Notfall in Elefantengröße
Queenie Grace wird weggebracht
Leichter zu fragen, was überhaupt stimmt
Queenie Grace spürt die Angst in ihren Knochen
Ein Elefant gehört niemandem
Queenie Grace ist krank
Ich hätte nie herkommen dürfen
Queenie Grace ist verloren
Nichts mehr übrig
Einer der besten Augenblicke in Queenie Graces Leben
An Abenden wie diesen
Wir lassen uns nie wieder los
Keine schlechten Nachrichten mehr
Queenie Grace und die kleine Gray bleiben zusammen
Fliegen und einen Löwen umarmen
Queenie Grace feiert Silvester
Silvesterabend
Zum Himmel schauen
Platz zum Streunen
Das Mädchen Lily reist ab
Wenn man eine Sternschnuppe sieht
Queenie Grace spürt ein Geheimnis
Eine Überraschung
Queenie Grace mag Happy Ends
Nachwort der Autorin
Danksagung
Zum Gedenken an meinen Vater, Robert L. Haas.
Ich hatte drei Elefanten an meiner Wand und jede Menge Bücher in meinem Regal.
Danke, Dad.
Ich throne hoch oben auf einem Elefanten. Es handelt sich um Queenie Grace, den Zirkuselefanten meines Großvaters, und es fühlt sich so an, als ritte ich auf dem Universum. Wie ein Elefanten-Cowgirl sitze ich vornübergebeugt auf diesem schaukelnden Etwas, das eine ganze Welt darstellt, ein wankender, faltiger, grauer Elefantenglobus. Und der Elefant ist praktisch mit mir verwandt! Queenie Grace ist für Grandpa Bill und Grandma Violet wie eine eigene Tochter, denn sie haben sie schon seit dreißig Jahren. Das ist viel länger, als ich auf der Welt bin.
Ich keuche. Das tue ich immer, wenn ich ängstlich bin, noch dazu ist es furchtbar heiß. Ich schwitze. An meinen Beinen jucken gerötete Mückenstiche. Auf einem Elefanten zu reiten ist bestimmt nicht so exotisch oder traumhaft, wie es einem in Reiseprospekten weisgemacht wird. Manche Leute haben das ja sogar auf ihrer To-do-Liste: Einmal auf einem Elefanten reiten! Also, ich habe keine solche Liste, und wenn ich eine hätte, würde dieser Punkt bestimmt nicht draufstehen. Ich tue das hier einzig und allein, um meinem Großvater eine Freude zu machen.
»Sieht gut aus, Lily!«, ruft Grandpa Bill mit Stolz in der heiseren Stimme, während er neben seiner Elefantendame herläuft. »Ich hab gewusst, dass du irgendwann deine Angst überwinden und auf Queenie Grace reiten würdest! Du bist sehr mutig!«
Auf Großvaters Gesicht breitet sich ein Lächeln aus.
Ich nicke stumm, die Augen starr nach vorn gerichtet. Es gibt eben Gelegenheiten im Leben, bei denen man kein Wort herausbringt.
Ich klammere mich mit Armen und Beinen zwischen den losen Falten sonnenverbrannter Elefantenhaut fest, beiße die Zähne zusammen und schiebe das Kinn vor. Ich werde nicht loslassen, bevor ich nicht wohlbehalten von diesem riesigen Tier heruntergestiegen bin. Das Gras unter mir bietet einen verlockenden Anblick. Dort gehöre ich hin. Nicht in den Himmel. Nicht so weit nach oben.
»Es ist alles in Ordnung, Lily«, sagt Grandpa Bill mit einem Grinsen und blickt mit seinen freundlichen blauen Augen zu mir auf. »Queenie Grace ist sehr vorsichtig. Sie würde dir nie etwas tun.«
Er hat gut reden: Mein Großvater – der Riese – war schon immer der beste Freund der Elefantendame.
Grandpa Bill wird der Riese genannt, weil er zwei Meter und zwanzig Zentimeter groß ist. Er arbeitet im Zirkus – seine Nummer heißt Die erstaunliche Queenie Grace und ihr bester Freund Bill der Riese. Im Zirkus arbeitet auch meine winzige Großmutter Violet, die nur einen Meter fünfzig misst. Und natürlich Queenie Grace mit ihren zwei Metern achtzig. Wenn man oben auf diesem wankenden Elefantenuniversum sitzt und sich mit aller Kraft festhält, kommt es einem noch wesentlich höher vor.
Aber ich bin vor kurzem zwölf geworden, und es ist an der Zeit, dass ich endlich auf dem Elefanten reite. Das haben jedenfalls alle gesagt.
Grandpa Bill geht langsam neben mir her, eine braungefleckte Hand am Elefantenbauch. Es ist mitten im Hochsommer, und die teuflische Sonne brennt unbarmherzig auf meinen Kopf. Grandpa Bill stolpert, fängt sich aber wieder. Er hat riesengroße Füße, weshalb er sich hin und wieder ein bisschen ungelenk bewegt.
Der Zirkus meiner Großeltern – Zirkus Haas-Millard Brothers – gastiert gerade in der Nähe meiner Heimatstadt hier in West Virginia. Deshalb sind Grandpa und Grandma zu Besuch gekommen, zusammen mit meiner abtrünnigen Mutter, Trullia Lee Pruitt, die Frau auf dem fliegenden Trapez.
Die Familie meiner Mutter hat einen langen Stammbaum, und sie alle waren Zirkusleute. Seiltänzer, Trapezkünstler, Tigerbändiger, Elefantendompteure. Und meine Mom … tja, um die Wahrheit zu sagen, sie hat sich aus dem Staub gemacht, um wieder bei dem Zirkus zu arbeiten, bei dem sie aufgewachsen ist. In ihrem goldenen Akrobatentrikot lief sie davon und schaute nicht mehr zurück.
»Du machst das ganz hervorragend, Lily!«, ruft Grandpa Bill, während Queenie Grace auf der Wiese neben unserem Campingplatz umhertrottet. Ihre großen Füße wirbeln Staub auf, da es schon länger nicht geregnet hat. Ich niese und schnaufe. Die Blumen und Bäume stehen in voller Blüte, Bienen summen träge um uns herum. Ich fühle, wie die Elefantenhaut zuckt, wenn sie uns zu nahe kommen.
»Ich glaube, du und Queenie Grace werdet schon bald die besten Freundinnen sein«, sagt Grandpa Bill.
Ich schaue auf den Kopf meines Großvaters hinab, in dessen Mitte sich ein kleiner kahler Kreis befindet. Das Gesicht meines Großvaters kenne ich in- und auswendig, aber diese kahle Stelle habe ich vorher noch nie gesehen.
»Ich … weiß nicht«, sage ich. »Ich kann mir nicht vorstellen, mit einem Elefanten befreundet zu sein. Aber dass ich hier sitze, ist immerhin ein erster Schritt.«
Es kommt mir vor, als könnte ich meilenweit sehen, über den gesamten Campingplatz von Magic Mountain, mit seinem blau gekachelten Schwimmbecken und dem Piraten-Minigolfplatz. Zu dieser Jahreszeit ist hier immer viel los.
»Du wirst überrascht sein«, sagt Grandpa Bill. »Man weiß nie, was das Leben noch bringt. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich habe da so ein Gefühl …«
Das sagt er doch nur so. Grandpa Bill hat über die Jahre alle möglichen Tricks ausprobiert, um mich dazu zu bringen, seinen Elefanten zu lieben. Und meine alberne Angst zu überwinden.
Mein Großvater schnalzt mit der Zunge, womit er Queenie Grace zu verstehen gibt: »Es reicht.« Sie bleibt stehen, doch ihre faltige Haut schlackert weiter. Ihre Ohren flappen, ihr Schwanz schlägt hin und her. Sie schnauft. Ich frage mich, ob es für sie anstrengend ist, mich zu tragen.
Grandpa greift in die Hosentasche und zieht eine Mohrrübe heraus.
»Sie hat sich eine Belohnung verdient«, sagt Grandpa Bill. »Sie ist ein gutes Mädchen.«
Ich bemühe mich, ihm zu glauben, schließlich hängt im Augenblick mein Leben von ihr ab. Vielleicht werde ich ja wirklich ein klein bisschen mutig.
Die Elefantin verschlingt die Mohrrübe, und das Universum ihres gewaltigen Körpers wogt und bebt noch immer unter mir.
Dann geht Grandpa voran und pfeift leise seine Lieblingsmelodie, von der er behauptet, sie würde Queenie Grace dazu bringen, ihm auf Schritt und Tritt zu folgen: das alte Lied Amazing Grace.
Grandpa dreht Runde um Runde um unsere Wiese am Magic Mountain, und die Elefantendame geht hinter ihm her wie ein gehorsames Kind. Wie schade, dass die anderen drinnen sind und uns nicht sehen, denn dies ist ein großer Moment für Lily Rose Pruitt.
Treten Sie näher! Sehen Sie das Mädchen, das gerade zwölf Jahre alt geworden ist und den Mut aufgebracht hat, auf dem Elefanten zu reiten!
Ich bin glücklich! Endlich kann ich das ängstliche Mädchen, Bills Enkelin Lily, auf mir reiten lassen.
Mir gefällt es, das Gewicht des Kindes auf meinem Rücken zu spüren. Ich genieße es, mich stark und nützlich zu fühlen und vorsichtig zu gehen, um nicht zu stolpern. Ich werde mich gut um sie kümmern, für meinen besten Freund Bill. Ich kann mich gut um andere kümmern.
Ich war achtundzwanzig, als ich zu meinen Menschen gekommen bin, dem sanftmütigen Riesen Bill und seiner winzigen Frau Violet. Sie sind gut. Sie haben sanfte Augen. Heute mag ich mein Leben. Mittlerweile bin ich achtundfünfzig!
Bill ist mein Lehrer, mein Pfleger, mein Mahut. Er hat mich gerettet, mich von Menschen befreit, die nicht wussten, was Elefanten brauchen. Ich liebe meinen Mahut.
Ich trete im Zirkus auf, auf Jahrmärkten, manchmal in Schulen. Wir sind Die erstaunliche Queenie Grace und ihr bester Freund Bill der Riese! Wir reisen. Ich mache Kunststücke, hebe zum Beispiel einen Menschen vom Boden auf, warm und weich in meinen Rüssel gewickelt, oder ich knie mich hin, um zu beten. Ich male auch. Ich halte den Pinsel vorsichtig mit dem Rüssel. Die Leute jubeln und klatschen. Und kaufen meine Bilder.
Mein Meister Bill hat mir das alles beigebracht. Er hat mir beigebracht, wie man malt und betet und jemanden sanft mit dem Rüssel hochhebt. Bill hat mir viele Dinge beigebracht, und manchmal denke ich, dass auch ich ihm etwas beigebracht habe.
Wie jetzt: Ich bringe Bill dem Riesen bei, seine Enkelin mutig zu machen. Ich bin ganz vorsichtig mit der kleinen Lily Rose.
Und vielleicht fängt sie ja an, mich zu mögen, nur ein winziges bisschen. Ich frage mich, ob wir jemals Freunde werden.
»Gutes Mädchen«, flüstert Lily. Sie klopft mir auf den Hals, behutsam, sacht. »Gutes Mädchen. Lass mich nicht fallen, okay?«
Ich lasse sie nicht fallen. Ich werde sie niemals fallen lassen.
Grandpa Bill hilft mir herunter, indem er aus seinen Händen einen Steigbügel formt.
»Leg die Arme um meinen Hals, Lily«, sagt er. »Ich lass dich nicht fallen.«
Das weiß ich ja. Ich umschlinge seinen faltigen alten Hals mit beiden Armen und halte mich fest, während Grandpa mich vorsichtig auf den Boden stellt.
»Puh«, sage ich. »Das war … verrückt!«
»Hat Spaß gemacht, oder?«
»Hm, Spaß würde ich nicht gerade sagen. Aber wenigstens habe ich mich meiner Angst gestellt und es versucht.«
»Weißt du was, Lily«, sagt Grandpa Bill. »Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn du heute Abend im Zirkus auftrittst? Du könntest die Vorstellung eröffnen, indem du auf Queenie Grace ins Zelt reitest! Das Publikum liebt es, wenn ein Elefant die Vorstellung beginnt.«
»Das macht doch Grandma immer«, sage ich.
»Ich bin sicher, dass sie nichts dagegen hätte, das Scheinwerferlicht mit dir zu teilen«, sagt Grandpa.
Ich schaue zu Boden und fahre mit der Schuhspitze übers Gras.
»Hm … ich weiß nicht, Grandpa. Ich bin ein bisschen schüchtern.«
»Ich weiß«, erwidert Grandpa Bill. »Aber du hast keinen Grund. Du bist ein Star, Lily! Zeig es der Welt! Lass dein Licht leuchten!«
Ich zucke mit den Schultern.
»Ich weiß nicht …«
Er lächelt, und wie immer schmilzt mein Herz dahin wie Karamell in der Sonne.
»Also gut«, sage ich. »Ich mach’s, Grandpa. Für dich.«
Als ich auf dem Elefanten in das rot-weiß gestreifte Zelt reite, voller Nachbarn und Freunden und Kindern von der Schule, bin ich nervös, aber auch ein bisschen stolz. Ich trage ein schimmerndes rosa Hemd, das Grandma Violet für mich herausgesucht hat, meine wilden roten Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebändigt, und ich fühle mich wichtig. Besonders. Sogar hübsch.
Ich sehe Dads Gesicht. Er strahlt und winkt wie verrückt, als er mich sieht. So wie mein Dad sich verhält, könnte man meinen, die Sonne drehe sich ganz allein um Lily Rose Pruitt.
Meine Mutter, Trullia, ist wohl in einem der Wohnwagen und bereitet sich auf ihre Trapeznummer vor, mit viel Make-up, einem Glätteisen und einem engen Glitzertrikot.
Vielleicht hängt Trullia aber auch einfach mit den anderen interessanten Leuten ab, mit der bärtigen Dame, den zusammengewachsenen Zwillingen und den drei Männern mit den kleinen Köpfen. Einige Leute nennen sie »Freaks«, aber für mich sind sie einfach nur Mary und Harry und Larry und Wilmer und Herbert und Walt. Heutzutage haben nicht mehr viele Zirkusse eine »Freak Show«, der Haas-Millard Brothers-Zirkus aber schon. Diese Sonderlinge stellen eine große Attraktion des kleinen Zirkusses dar. Manchmal frage ich mich, ob ich auch ein Freak werde, da ich schon über einen Meter siebzig groß und mit einem Riesen verwandt bin. Es könnte in den Genen liegen.
Grandpa Bill hinkt vor mir und der Elefantendame her und schwenkt eine Fahne. Die fröhliche Zirkusmusik setzt ein, und Queenie Grace stapft ins Zelt. Es ist warm hier und riecht nach gerösteten Erdnüssen und buttrigem Popcorn. Das Publikum jubelt und klatscht zur Musik. Ich winke, so wie Grandpa es mir beigebracht hat, lächle, als wäre ich nicht nervös, und halte mich fest. Wenigstens habe ich diesmal einen Sattel.
Vor mir ein Meer aus Gesichtern.
Nur von meiner Mutter ist wie üblich nichts zu sehen.
Die Geschichte meiner Mutter geht so: Als ich drei war, machte sie sich auf und davon. Sie ließ Dad und mich auf dem Campingplatz von Magic Mountain zurück, wo wir mietfrei wohnen, weil Dad sich um die Instandhaltungsarbeiten kümmert. Er hält alles am Laufen, und damit meine ich wirklich alles.
Sie war also weg, wieder beim Zirkus, den sie immer geliebt hat. Seitdem sind nur noch Dad und ich übrig.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich liebe meinen Dad. Ich liebe West Virginia. Ich liebe den Campingplatz am Magic Mountain, und ich liebe unser gemütliches kleines Haus. Das alles finde ich toll.
Aber ich finde es nicht toll, dass meine Mutter ihre Tochter alleingelassen hat. Ich finde es nicht toll, dass ich ihr Gesicht höchstens einmal im Jahr zu sehen bekomme, wenn überhaupt, wenn der Zirkus zufällig in der Nähe gastiert.
Und ganz bestimmt finde ich es nicht toll, dass sie nicht mal hingeschaut hat, als Queenie Grace mich beinahe umgebracht hätte.
Einmal, vor langer, langer Zeit, wäre ich fast gestorben.
Daran erinnere ich mich: Grau, ein weitläufiges Grau wie ein bedeckter, stürmischer Tag. Ebenen aus grauer, faltiger Haut, eine ganze zerknitterte Elefantenlandschaft.
Es roch wie eine Welt voller Wildnis. Die gefährlichen Augen, ein grimmiges, glänzendes Dunkel. Der wedelnde Schwanz, die flappenden Ohren, borstige Haare, der schnaufende Atem, der schwingende Rüssel.
Meine Großeltern waren aus Florida zu Besuch gekommen, weil sie in der Nähe eine Vorstellung hatten, und meine langverschollene Mutter war auch dabei.
Das klapprige Wohnmobil meiner Großeltern stand in unserem Garten, und an der Anhängerkupplung hing der Elefantenwagen. (Der Wagen war in knalligen Regenbogenfarben lackiert: Die erstaunliche Queenie Grace und ihr bester Freund Bill der Riese!)
Der Elefant war an diesem Tag frei unterwegs, sein Rüssel schlürfte Wasser aus einem großen Eimer. Meine Großeltern unterhielten sich im Haus mit meinem Dad, und meine Mutter sollte auf mich aufpassen, aber sie war mit dem Rauch ihrer Zigarette davongeflogen.
Ich fuhr auf meinem nagelneuen pinkfarbenen Fahrrad mit der Klingel, dem weißen Körbchen und den glänzenden silbernen Speichen.
»Mommy!«, rief ich. »Guck mal!«
Ich war so stolz, dass ich ganz allein fahren konnte, ohne Stützräder, ohne Hilfe.
»Mommy!«, rief ich wieder. Ich klingelte. Ich erinnere mich, dass ich eine kleine Kurve fuhr, um einem Marienkäfer auszuweichen.
Und dann stürzte ich. Das Fahrrad kippte um. Steinsplitter bohrten sich in meine knochigen Knie. Ich blutete. Ich fing an zu schreien. Und dann kam der Moment, an dem ich wirklich begonnen habe, Trullia Pruitt gründlich zu misstrauen.
Miss Trullia Lee Pruitt rauchte einfach weiter. Die Spitze ihrer Zigarette glomm rot vor dem Sonnenuntergang. Ihre wirren Haare zeichneten sich vor dem rosigen Himmel ab, die struppige Silhouette einer Mutter, und ihr Blick trieb hoch oben durch die Wolken.
»Hilfe!«, schrie ich. Es war Sommer, der Staub trocken in meinem Mund. Meine Knie brannten, beim Anblick des Blutes wurde mir schlecht. Eines der Pedale drehte sich noch, immer weiter.
Meine Mutter antwortete nicht. Sie rührte sich nicht einmal. Dafür rührte sich der Elefant.
Die graue Haut des Tiers wogte und bebte, und es trampelte eilig durch den Garten. Dann legte es sich langsam auf den Boden, bettete die vielen Hautfalten neben mich, so nah, dass ich seine heiße Körperwärme im Gesicht spürte.
Ich hielt die Luft an und zog meine brennenden Knie eng an die Brust. Ich war zusammengekauert wie ein Komma, und die Welt blieb stehen. Ich konnte das Gewicht spüren, die Hitze. Ich konnte den Elefanten spüren, der sich noch näher neben mich schob. Ich dachte, ich müsste sterben. Ich bekam keine Luft mehr. Meine Knie bluteten, und meine Mutter tat nichts.
Zu meinem Glück tauchte Grandpa Bill auf, groß und dünn, sein Kopf hoch über mir.
»Queenie Grace, rutsch ein Stück«, sagte er ruhig.
Und die Elefantendame tat, was er sagte. Sie rollte sich träge zur Seite, dann stand sie auf und schwenkte schnaubend den Rüssel.
»Gutes Mädchen«, schnurrte mein Grandpa. Er tätschelte ihr den Rücken.
Dann hob Grandpa Bill mich hoch und drückte sein sauberes weißes Taschentuch ganz leicht auf meine blutenden Knie. Rot drang durch den dünnen Stoff, Flecken breiteten sich wie Blüten aus.
»Oh, Lily, mein Mädchen«, sagte er. »Das haben wir gleich.«
Mein Großvater drückte mich an sich, meinen Kopf an sein Herz, und trug mich ins Haus.
Grandpa reinigte die Wunden, brachte mir eine eiskalte Limonade und holte ein paar Minnie-Maus-Pflaster aus dem Medizinschrank. Er klebte die Pflaster auf meine Knie und nahm mich im Schaukelstuhl auf den Schoß. Grandpa Bills Liebe war wie ein Handschuh: weich und kuschelig und mollig warm. Grandma Violet streichelte meinen Kopf, und Dad gab mir einen Kuss auf jedes Knie.
Und Trullia? Die hustete nur. Hustete und hustete, ein tiefes leeres Rasseln, dort, wo ihr Herz sein sollte, und dann schlenderte sie davon, um noch eine Zigarette zu rauchen.
Sie hatte offenbar keine Angst, schien nicht im Geringsten besorgt, dass ihr kleines Mädchen sich verletzen könnte.
Von diesem Tag an hielt ich mich von dem Elefanten fern, und ich fing an, mich vor ihm zu fürchten. Jeden Sommer, wenn er kam, bemühte sich Grandpa, mir über diese Angst hinwegzuhelfen, mich mutig zu machen, doch es klappte nie. Meine Angst blieb … bis heute jedenfalls. Vielleicht bin ich heute mutig.
»Du musst lernen zu vergeben, Lily«, sagt Dad immer zu mir. »Erst wenn die Menschen vergeben können, fangen sie wirklich an zu leben. Du musst darüber hinwegkommen, Liebling.«
Aber er hat gut reden. Mein Dad ist kein zwölfjähriges Mädchen, dessen Mutter abgehauen ist, um im Zirkus aufzutreten. Ich weiß, es war auch für ihn nicht leicht, aber wenigstens ist er kein Kind mehr. Und außerdem hat er von Anfang an gewusst, dass Trullia ein Zirkuskind war.
Das alles geht mir durch den Kopf, während ich ins Scheinwerferlicht hinausreite. Doch mit einem Mal beginnt der Elefant zu rennen. Donnernd stürmt Queenie Grace quer durchs Zelt, und ich klammere mich in Todesangst an ihr fest.
Das Publikum hält das natürlich für einen Teil der Show und jubelt und klatscht begeistert.
Sie wissen nicht, was ich weiß: Sie ist wieder da. Die Angst. Die Angst ist zurück, schlimmer denn je.
Ich habe es nicht böse gemeint. Ich hatte nie vor, der sonderbaren kleinen Lily Angst zu machen, nicht als sie klein war und auch nicht heute Abend, als die Biene mich erschreckt hat.
Als Lily noch klein war, wollte ich sie beschützen! Ihre Mutter habe ich auch einmal gerettet. Ich habe sie davon abgehalten, sich selbst etwas anzutun, in jener Nacht, als ihre Krankheit besonders schlimm war. Ich habe das Messer in meinen Rüssel genommen, vorsichtig, ganz vorsichtig, und es weggebracht.
Deshalb wusste ich, dass ich auch die kleine Lily retten konnte.
Ich kann mich immer noch an den Tag in West Virginia erinnern, als Lily ganz klein war. Trullia rauchte. Atmete ein. Pustete Rauch aus. Ein. Aus. Ein. Aus.
Ich sah das Mädchen. Es saß auf seinem Fahrrad und schwankte. Ich sah es stürzen. Und hörte seine Schreie.
Ich wollte es trösten, legte mich daneben. Ich wollte das weinende Kind beruhigen. Ich wollte nicht, dass es traurig war, allein und verletzt.
Oh, ich kenne mich aus mit Verletzungen. Mit Blut. Mit Furcht und Tränen. Ich kenne Einsamkeit und Schmerz und weiß, wie es ist, Angst zu haben.
Mein erster Besitzer, in einem fernen Land, bevor ich hierherkam, zu Bill, hielt mich in Ketten. Er schlug mich. Bis aufs Blut. Ich hatte rote Striemen an den Knien, an den Beinen. Ich hatte Schmerzen von der Gerte, meine Haut war ganz weiß. Dieser Mann, der erste Besitzer, hat meine Eltern erschossen, als ich klein war. Ich habe mir immer gewünscht, jemand würde kommen und mich retten.
In dem fernen Land habe ich gelernt, vor den Menschen Angst zu haben. Ich habe gelernt, zu hassen.
Dann kam ich nach Amerika, auf einem Schiff. Meine Seele und meine Haut waren gebrochen, krank.
Ich wurde an zornige Männer verkauft, die nach Gier stanken, Zirkusarbeiter. Etwa zwei Jahre lebte ich mit acht anderen Elefanten zusammen. Wir wurden nicht gut behandelt. Aber wir waren eine Familie. Als ich schwerfällig und müde wurde, merkte ich, dass ich ein Kind bekommen würde. Ich spürte, wie sich das Baby in mir bewegte, trat. Spürte, dass seine Lebendigkeit mich am Leben hielt. Zweiundzwanzig Monate trug ich mein Kind in mir.
Aber dann nahmen die Männer mir mein Baby weg, kurz nachdem es auf die Welt gekommen war. Diese Männer ließen mich wieder Hass spüren, stärker denn je. Sie haben mir mein Baby genommen, meine Tochter, meine kleine Gray.
Sie blickte zu mir zurück, an dem Tag, an dem sie weggebracht wurde. Ich war angekettet. Ich zog und zerrte! Ich konnte die Ketten nicht zerreißen. Ich konnte mein Baby nicht retten.
Bis heute denke ich mit großem Schmerz daran. Ich wünschte, sie hätten mir mein Junges gelassen. Ich bete. Ich knie mich hin. Ich hebe die Augen zum Himmel und schreie tief in meinem Inneren.
Bitte. Bitte. Ich will meine kleine Gray wiedersehen.
Ich werde nie aufhören, nach meiner kleinen Gray zu suchen. Ich suche in jedem Zirkus, dem wir begegnen, und hoffe darauf, ihr Gesicht zu sehen, hoffe auf Augen wie meine eigenen.
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, aber als wir die andere Seite der Manege erreicht haben, weine ich. Grandpa Bill hinkt eilig hinter uns her. Er macht das Geräusch für Halt, und die Elefantendame hält an. Dann streichelt er sie, streichelt mein Knie und sieht mich an.
»Sie wollte dir keine Angst machen, Lily«, sagt Grandpa Bill. »Da war eine Biene. Ich habe sie gehört und gesehen. Ich wusste, dass Queenie Grace Angst bekommen würde, aber ich konnte nichts tun. Es tut mir so leid, mein Schatz.«
Das Publikum ist noch immer begeistert.
»Wink ihnen einfach zu, als wäre alles in Ordnung«, sagt mein Großvater. »Sie können deine Augen nicht sehen.«
Also winke ich und tue so, als wäre das alles ein Teil der Show. Grandpa Bill pfeift
