Ein Fall für Katzendetektiv Ra Der große Grabraub - Amy Greenfield - E-Book

Ein Fall für Katzendetektiv Ra Der große Grabraub E-Book

Amy Greenfield

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Beschreibung

Aufklärungsquote: 100% Ra liebt sein Faulenzerleben als Pharaos Katze: Nickerchen am Pool und jede Menge Snacks. Aber wenn es um das ewige Leben im Jenseits geht, kennt der alte Ägypter plötzlich keinen Müßiggang mehr. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Ra und seine Freunde in helle Aufregung geraten und knallhart (na ja, zumindest erst mal Khepri und Miu) Ermittlungen einleiten, als ein königliches Grab aufgebrochen und ausgeraubt wird. Gerechtigkeit muss, um der Ewigkeit willen, wiederhergestellt werden. Natürlich nur mithilfe eines wahrhaft großen Detektivs, den klugen und fleißigen Mitstreitern – und einer pelzaufreibenden Verfolgungsjagd um Mitternacht –, um die Schuldigen zur Strecke zu bringen und den Schatz aufzuspüren.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die größten Detektive im alten Ägypten – Aufklärungsquote 100%

Ra liebt seine Pflichten als Katze des Pharaos: Nickerchen am Teich und jede Menge Snacks verspeisen. Doch als ein königliches Grab im Tal der Könige geplündert wird, müssen Ra und sein fleißiger Freund Khepri wieder ermitteln, um die schreckliche Tat aufzuklären.

Und das auch noch weit weg von ihrem luxuriösen Zuhause. Es ist schwer, gegen das Verbrechen zu kämpfen, wenn man staubbedeckt ist und um Essensreste kämpfen muss. Und als alle Indizien auf einen kleinen Jungen weisen, den Ra ins Herz geschlossen hat, muss er abwägen: Wird der große Detektiv jemanden bevorzugen, oder wird er die Wahrheit aufdecken?

Bei dtv außerdem lieferbar: Ein Fall für Katzendetektiv Ra – Das verschwundene Amulett (dtv 64081)

Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann

Illustriert vonFelicitas Horstschäfer

Für Vivian, Carlo und Sofia – wunderbare Leser, Verwandte, Reisende und Reisegefährten

1 Ein bisschen verwöhnt werden

Ich bin nicht anspruchsvoll, wirklich nicht. Da kann man fragen, wen man will. Aber wer wie ich Pelz trägt und zwei volle Tage unter der glühenden Sommersonne nilaufwärts gereist ist, der darf ja wohl erwarten, ein bisschen verwöhnt zu werden. Vor allem, wenn er der Mächtige Ra ist, Pharaos Kater.

Zum Glück reise ich immer mit meinem eigenen Personal, das nur dafür da ist, mich zu verwöhnen. Wir erreichten den Palast von Theben im Morgengrauen, und sofort wurde ich in Pharaos privaten Garten gebracht, wo man mir ein Polster und einen Teller voll gewürzter Steinbockhäppchen anbot. Während ich speiste, packten meine Leute schon ihre Bürsten und Parfüms aus.

Ich kaute gerade an meinem dritten Happen Fleisch, als auf einmal zwischen meinen Ohren eine winzige Stimme piepste: »Ra, bist du sicher, dass du dich einparfümieren lassen willst?«

»Aber natürlich!«, sagte ich. »Ich weiß, du warst noch nie hier, aber Theben ist eine vornehme Stadt mit hohen Ansprüchen. Eine sehr elegante Stadt, glaub mir. Hier trage ich immer Parfüm.«

»Dann mach ich mich mal davon.« Ich spürte eine Bewegung in meinem Fell, und gleich darauf hüpfte mein Freund Khepri auf die Steine neben meinem Polster. Für einen Skarabäuskäfer war er ganz schön flink. Vermutlich kam das von den vielen Dungkugeln, die er täglich rollte.

»Wie du meinst.« Ich schnappte mir den letzten Bissen Steinbock. »Aber wenn du mich fragst, ein klein wenig Parfüm könnte dir durchaus nicht schaden, Khepri. Jemand, der so viel Zeit wie du mit Dung verbringt –«

»Dung duftet wundervoll«, protestierte Khepri.

»Du erlaubst, dass ich das anders sehe.« Ich rollte mich auf die Seite, denn gerade näherten sich die Bediensteten mit ihren Bürsten. »Das wirst du nie erleben, dass ich wie ein Dunghaufen rieche. Niemals.«

Nicht zum ersten Mal war ich froh, dass die Bediensteten kein Wort von dem verstanden, was Khepri und ich so redeten. (So ist das bei den Menschen.)

»Du weißt nicht, was du verpasst, Ra«, sagte Khepri ernsthaft.

»Gar nichts verpasse ich«, sagte ich. »Jasmin, Lilien, Myrrhe – das nenne ich Düfte.«

»Blödsinn.« Khepri kroch ein Stück rückwärts, bis er in sicherer Entfernung von den Parfümflaschen war. »Ich denke, ich geh jetzt mal den Palast erkunden.«

»Mach das«, sagte ich. Ich senkte den Kopf, damit die Bediensteten mir das Fell zwischen den Ohren glätten konnten. (Das ist die Stelle, die Khepri immer zerzaust.) »Geh nur schon vor. Ich komme später nach.«

»Prima«, zirpte Khepri. »Vielleicht hab ich bis dahin schon einen neuen Fall für uns aufgetan.«

Ich hob den Kopf. »Oh nein, Khepri. Fang nicht wieder damit an.« Wir hatten zusammen exakt einen rätselhaften Kriminalfall gelöst, und für meinen Geschmack war das mehr als genug. Doch Khepri hatte andere Vorstellungen.

»Du musst einfach offener sein, Ra«, beharrte er. »Ich bringe dir ständig neue Fälle, und jeden lehnst du ab. Zum Beispiel den Fall der verschwundenen Brotlaibe –«

»Da war überhaupt keiner verschwunden«, sagte ich. »Der Bäckergehilfe hatte sich einfach verzählt. Der war noch nie gut im Rechnen.«

»– und dann der Fall des geheimnisvollen Fremden –«

»Ich hab dir doch gesagt: Das war der neue assyrische Botschafter.«

»– und schließlich der Fall des verschwindenden Dunghaufens –«

»Khepri, bei Dung ist für mich Schluss.« Ich drehte mich so, dass die Gehilfen mir das Bauchfell bürsten konnten. »Wir sind Große Detektive, und deswegen brauchen wir einen Großen Kriminalfall, nicht so einen kleinen mickrigen. Wenn ein Großer Fall sich zeigt, dann bin ich gerne bereit, aber nicht vorher.«

»Also, ich wäre schon mit einem kleinen rätselhaften Fall zufrieden«, sagte Khepri. »Sogar mit einem sehr kleinen.«

»Du hast völlig recht, Khepri«, sagte eine muntere Stimme hinter uns. »Sogar ein sehr kleiner Kriminalfall würde Ra guttun.«

Das war die Stimme von Miu, ihres Zeichens außergewöhnliche Küchenkatze und Mitglied bei den Großen Detektiven. Ich rollte mich zurück auf den Bauch und wappnete mich. Miu ist eine wunderbare Freundin, mutig und loyal, aber sie hat diese merkwürdige Vorstellung, dass meine Art zu leben nicht charakterbildend sei. (Im Ernst! Dabei weiß jeder, dass Pharaos Kater von vornherein einen großartigen Charakter hat. Mehr braucht er gar nicht.)

Ich grüßte Miu mit einem Zucken meiner Schnurrhaare. »Ich dachte, du bleibst beim Schiff und durchsuchst es nach Ratten.«

»Schon erledigt«, berichtete Miu stolz. Mit einer Pfote strich sie sich über das eingerissene Ohr, um Spinnweben zu beseitigen. »Und was ist mit dir, Ra? Hast du dich auch schon um irgendwas gekümmert, seit wir angekommen sind?«

»Um meinen Imbiss«, sagte ich.

Mius Schnurrhaare zuckten. »Das zählt nicht.«

»Und ob das zählt.« Ich gähnte und streckte mich wieder aus. Gerade waren die Bediensteten an meinem Schwanz angelangt – da werde ich am liebsten gebürstet.

»Egal, wie oft ich das sehe, ich kann es immer noch nicht glauben«, sagte Miu. »Katzen sollen sich selbst putzen, Ra. Nämlich so.« Und gleich fing sie an, ihr Hinterteil abzulecken.

Ich schloss die Augen. »Ich bin ja bereit, selbst mal hier und da nachzuhelfen, aber eine gründliche Reinigung? Mit meiner Zunge den Dreck wegzulecken? Du machst wohl Witze.«

»Wir sind Katzen«, sagte Miu. »Wir machen das nun mal so.«

»Aber nicht Pharaos Kater«, beharrte ich. »Dafür habe ich Menschen. Siehst du?« Die Bediensteten strichen mir noch einmal übers Fell, dann griffen sie nach ihren Parfümflaschen.

»Parfüm?« Miu machte eine entsetzte Miene. »Ra, das geht wirklich zu weit.«

»Wir sind nun mal in Theben, Miu. Du hast dich ja noch nicht umgesehen, aber genau so macht man es hier.« Während die Bediensteten mir das Parfüm in den Pelz rieben, schnupperte ich in der Luft und seufzte entzückt. »Mmmm … Das mag ich am liebsten. Jasmin mit einer Note von Lotus.«

Miu zog die Nase kraus. »Jemand muss dich vor dir selbst retten, Ra.«

Ich winkte lässig ab. »Mir geht’s gut. Ich muss nicht gerettet werden.«

Miu beachtete mich gar nicht. Sie ist eine Katze mit sehr starkem Willen. »Khepri, es wird Zeit, dass wir was tun. Wir müssen einen geheimnisvollen Kriminalfall für Ra finden, und zwar schnell.«

Khepri schnippte zustimmend mit den Vorderbeinen. »Sag ich doch!«

Meine Vorstellungen waren allerdings andere. Die Arbeit war erledigt, die Bediensteten verneigten sich und entfernten sich rückwärts. Ich erhob mich von meinem Polster, reckte und streckte mich noch einmal, dann schritt ich auf die Tür zu.

»Ra, wo willst du hin?«, fragte Miu.

Khepri beeilte sich, hinter mir herzukommen. »Genau, wohin?«

Am Eingang blieb ich stehen. »Das ist ein Geheimnis«, sagte ich. Und weg war ich.

2 Kater des Großen Pharao

Ob verwöhnt oder nicht – wenn ich will, kann ich ganz schön schnell sein. Bis Miu und Khepri mich eingeholt hatten, war ich bereits an meinem Ziel: dem seitlichen Innenhof.

Khepri hüpfte von Mius Rücken hinunter und kletterte auf meinen. »Was ist los, Ra?«

»Gleich werdet ihr es wissen«, sagte ich.

Mitten im Hof, im Kreise seiner Wächter, stand Pharao. Seine goldbestickte Tunika schimmerte in der Sonne. Vor Pharao stand der Wesir des südlichen Königreichs, der oberste Hofbeamte von Theben, und verneigte sich tief. Als Stellvertreter des Königs war er verantwortlich für die Führung des Palastes, das Eintreiben der Steuern und die Durchsetzung der Gesetze in seinem Gebiet.

Als er mich sah, unterbrach Pharao sein Gespräch mit dem Wesir. »Ra, du siehst großartig aus. Wesir, erinnert Ihr Euch an meinen Kater?«

»Selbstverständlich.« Der Wesir wandte sich mir zu und verneigte sich noch tiefer. »Mächtiger Ra, Herr der kraftvollen Pfote, Großer Kater des Pharao, welch große Freude, Euch wieder einmal im königlichen Palast zu Theben begrüßen zu dürfen.«

Die Verbeugung gefiel mir natürlich gut, aber ich ließ mich nicht täuschen. Der Wesir hatte nie zu meinen Verehrern gehört, erst recht nicht, seit ich ihm einmal die Perücke vom Kopf gezogen und vor dem ganzen Hofstaat zerkaut habe. (Sie sah aber auch aus wie eine Ratte, das kann ich schwören.) Damals war ich noch ein junges Kätzchen, und man sollte meinen, die Angelegenheit sei vergeben und vergessen. Aber weit gefehlt.

Als der Pharao einen Moment nicht hinschaute, verzog der Wesir böse den Mund. Ich tat es ihm nach und zeigte meine spitzen Zähne.

Pharao schaute lächelnd auf uns beide herab. »Wie schön, dass Ihr so erfreut seid, Ra wiederzusehen, Wesir. Vor allem, da Ihr heute den ganzen Tag miteinander verbringen werdet.«

Dem Wesir blieb kurz die Luft weg. »Den ga-ganzen Tag? Oh Herrscher aller Herrscher, dessen bin ich nicht würdig.«

»Möglich«, stimmte Pharao zu, »aber Ihr müsst Ra heute ins Tal der Könige bringen. Er soll dort den Künstlern Modell stehen, die an unserem Grab arbeiten. Sie werden ein Wandgemälde von ihm herstellen und auch eine Skulptur, beide in Lebensgröße.«

»Da habt ihr’s«, sagte ich zu Miu und Khepri. »Jetzt versteht ihr, warum ich ordentlich gebürstet werden wollte.«

Miu sah mich verwirrt an. »Für dein Grab trägst du Parfüm?«

»Das gehört alles dazu«, sagte ich. »Das gibt dem Ganzen eine markante Note.«

Mit einer Pfote rieb Miu sich die Nase. »Allerdings.«

»Ich habe mir immer schon gewünscht, einmal das Tal der Könige zu sehen«, sagte Khepri sehnsüchtig. Mittlerweile saß er hoch oben auf meinem Kopf. »Das ist doch der Ort, wo die Pharaonen in ihren Pyramiden beigesetzt werden, stimmt’s?«

»Du bist ganz schön hinter der Zeit zurück«, erklärte ich. »Heutzutage baut niemand mehr Pyramiden, Khepri. Viel zu altmodisch. Viel zu auffällig. Genauso gut könnte man ein riesiges Schild aufstellen, auf dem steht: ›Achtung, Räuber: Hier ist der Schatz.‹ Genau aus dem Grund haben die Pharaonen ja das Tal der Könige gewählt. Es liegt sehr geschützt, es ist bewacht, und es ist Mitgliedern der königlichen Familie vorbehalten. Sie bauen ihre Gräber in die Felsen, und wenn sie erst einmal verschlossen sind, dann kämen die meisten Menschen nicht darauf, wo die Eingänge sind.«

»Das heißt, da gibt es gar nichts zu sehen?« Khepri klang enttäuscht.

»Oh doch, es gibt jede Menge Felsen, wenn einem so etwas gefällt. Die sind ganz majestätisch, vor allem im richtigen Licht. Und vermutlich könntest du einen kurzen Blick ins Grab des Pharao werfen, das gerade im Bau ist.«

»Ooooh.« Khepri horchte auf. »Wirklich?«

»Ich wüsste nicht, warum das nicht möglich sein sollte. Und wenn du schon gerade da bist, dann kannst du auch gleich mein Grab anschauen. Ich weiß nicht mehr, was ich euch davon erzählt habe –«

»Pharao hat es selbst entworfen«, zirpte Khepri.

»Es wird einen schmalen Verbindungsgang zwischen deinem Grab und seiner Grabkammer geben«, warf Miu ein.

»Die Wände werden mit Carneolen und Lapislazuli geschmückt …«

»… mit Gemälden von deinem liebsten Wasserbecken …«

»… und einem vergoldeten Katzenbett …«

»… mit einem mit Edelsteinen besetzten Polster …«

»… und kleinen Tonfiguren als Dienstboten …«

»… die dir dein Fell bürsten …«

»… und einem Sarkophag in Katzenform«, sagte Khepri als Letztes.

»Rede ich wirklich so viel darüber?«, fragte ich.

»Oh nein«, sagte Khepri.

»Oh ja«, sagte Miu.

»Tja, wer will es mir verdenken?«, erwiderte ich fröhlich. »Es wird wirklich ganz ungewöhnlich schön. Hatte ich auch die Speisen erwähnt?« Allein schon bei dem Gedanken daran musste ich mir das Maul lecken: Holzkisten, die bis zum Rand gefüllt waren mit mumifizierten Wachteln, Steinbockhappen, Hammeln und Antilope. »Jedenfalls werde ich im Jenseits nicht hungern müssen, so viel steht fest.«

Was mich betrifft, ist das der ganze Sinn eines Grabes. Ein vergoldetes Katzenbett und ein mit Edelsteinen besetztes Polster sind zwar ganz nett, und mir gefallen auch die Dienstboten aus Ton, die mich in alle Ewigkeit bedienen werden, aber am wichtigsten ist mir doch das Essen, und das nicht nur, weil ich ein Feinschmecker bin. Die Priester sagen, für ein gutes Leben nach dem Tode braucht man zwei Dinge: eine anständig erhaltene Mumie und genügend Nahrung, um den Geist wachzuhalten. Ohne diese beiden kann man das Nachleben vergessen.

»Aber natürlich ist alles im Moment noch in Arbeit«, erinnerte ich Miu und Khepri. »Deswegen muss ich auch hin – um dort Modell zu stehen.«

Khepri sprang regelrecht zwischen meine Ohren. »Hurra, kann ich mitkommen?«

»Aber sicher«, sagte ich. »Du kannst mich unterhalten, während die Künstler arbeiten. Du auch, Miu.«

Sie kratzte sich mit einer Hinterpfote am Leib. »Ich verzichte.«

»Wie kannst du dazu Nein sagen, Miu?« Aufgeregt zirpend tanzte Khepri um mein Ohr herum. »Ein ganzer Tag im Tal der Könige – unglaublich! Wir können die Gegend erkunden, Ra. Vielleicht stoßen wir ja sogar auf einen rätselhaften Großen Kriminalfall. Etwas Gruseliges, vielleicht – oder sogar vergrabene Schätze.«

»Tut mir leid, Khepri, ich werde zu sehr damit beschäftigt sein, Modell zu stehen.« Er sah mich so enttäuscht an, dass ich hinzufügte: »Aber du kannst dich ja schon mal allein umsehen, wenn du möchtest.«

Khepri schaute auf seine mageren Vorderbeine hinunter. »Sehr weit werde ich auf eigenen Füßen nicht kommen.«

Dem konnte ich nicht widersprechen. Skarabäen sind klein, und das Tal der Könige ist riesig groß.

Miu seufzte. »Keine Sorge, Khepri, wenn du das Tal erkunden willst, dann nehme ich dich mit.«

Khepri schaute auf. »Aber du hast doch gesagt, du kommst nicht mit.«

Miu sah ihn liebevoll an. »Ich habe meine Meinung geändert.«

Einige Fuß entfernt beendete Pharao gerade das Gespräch mit dem Wesir. »Ein letzter Punkt noch, Wesir: Uns sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass es Unzufriedenheit unter den Grabarbeitern gibt.« Der Wesir stand noch immer mit gesenktem Kopf da. »Herrscher aller Herrscher, macht Euch auch nicht einen Moment lang Gedanken deswegen. Die Grabarbeiter sind entzückt, Euch zu dienen, so wie wir alle. Wir sind es nicht wert, auch nur Eure Füße anzuschauen.«

»Wesir, findet heraus, welche Probleme es gibt, und berichtet uns davon, noch bevor dieser Tag zu Ende geht.«

Pharao sprach mit seiner entschiedensten Stimme. Diese Stimme kannte ich noch zu gut aus meinen Kindertagen, als ich Spaß daran hatte, die Möbel anzunagen.

Der Wesir war nicht dumm. »Oh Herrscher aller Herrscher, noch diese Minute werde ich mich auf den Weg machen.«

»Das sollt Ihr.« Auf einen Wink des Pharao hin setzten sich am Rand des Innenhofs sogleich sechs Männer in Bewegung und brachten eine elegante Sänfte heran (eine Menschentrage, wie ich das Ding manchmal nenne). Nach einer ganzen Reihe angedeuteter Verbeugungen entfernte sich der Wesir rückwärts vom Pharao, bis er schließlich unter den feinen Leinenbaldachin kletterte.

»Los, Ra, spring«, sagte Pharao.

»Halt dich gut fest«, flüsterte ich Khepri zu. Ich sprang auf die Trage und landete beinahe auf dem Schoß des Wesirs – ich hatte meinen Sprung völlig falsch berechnet. Eine Hand des Wesirs, die durch den Baldachin vor Pharaos Blicken verborgen war, landete schwer in meinem Nacken und versuchte, mich von der Trage hinunterzuschubsen.

Mit einem Satz sprang Khepri aus meinem Fell und rannte über die Hand des Wesirs. Der schrie auf und ließ mich los. »Gut gemacht«, murmelte ich, als Khepri zurück auf meinen Kopf sprang.

»Ein Käfer!« Angewidert verzog der Wesir die Lippen. »Krabbelt durch das Fell der Katze …«

Also wirklich, wie Menschen sich über Käfer aufregen können!

»Das ist ein Skarabäus«, erklärte Pharao. »Dieses heilige Tier ist in letzter Zeit oft bei Ra zu sehen. Ein bedeutendes Zeichen göttlicher Gunst.«

»Hast du das gehört, Ra?«, rief eine dünne Stimme zwischen meinen Ohren. »Ich bin ein bedeutendes Zeichen göttlicher Gunst.«

»Sag bloß!« Ich probierte ein Stückchen von dem gerösteten Hammelfleisch, das Pharaos Diener freundlicherweise bereitgestellt hatten. »Und ich dachte, du bist einfach mein Freund.«

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, murmelte der Wesir. »Eine verwöhnte Katze mit einem Mistkäfer auf dem Kopf.«

Er hielt den Kopf tief gebeugt und dachte wohl, niemand könne ihn hören. Doch Pharaos Miene verdunkelte sich. »Was habt Ihr gesagt, Wesir?«

Erschrocken schaute der Wesir auf und sah Pharao mit einem matten Lächeln an. »Oh Herrscher aller Herrscher, ich sagte … äh … Das ist genau das, was mir zu meinem Glück heute noch fehlte: eine königliche Katze mit einem heiligen Käfer auf dem Kopf.« Er tätschelte mir das Fell, achtete aber darauf, nicht die Stelle zu berühren, an der Khepri sich niedergelassen hatte. »Welch besseres Omen könnte es für diesen Tag geben?«

»Allerdings.« Pharao sah mich liebevoll an. »Ra ist der ideale Reisegefährte. Möge Amon-Ra Euch beide auf Eurer Reise beschützen.«

Mit einem letzten Winken wandte er sich ab. Die sechs Träger hoben die Sänfte in Schulterhöhe.

»Wo ist Miu?«, flüsterte Khepri aufgeregt.

Ein zerzaustes Fellknäuel sprang mit einem Satz auf die Sänfte. »Tut mir leid«, sagte Miu. »Ich musste schnell noch eine Ratte erledigen.«

Angeekelt schaute der Wesir sie an. »Ich nehme an, auch du stehst unter königlichem Schutz.« Nach einem Blick auf Pharaos sich entfernenden Rücken schob er uns alle von sich weg. »Wenn ich auch nur ein einziges Katzenhaar auf meinen Gewändern entdecke, dann werdet ihr dafür büßen. Das Wort Dung will ich nicht einmal erwähnen.«

Genau das hast du doch gerade getan, dachte ich, und ich wusste, Khepri dachte dasselbe, denn ich hörte ihn kichern.

Ich streckte mich bequem vorne auf der Trage aus und machte mich daran, die Kissen des Wesirs mit meinen Krallen zu zerfetzen. Miu ließ sich neben mir nieder.

Der Wesir schnaubte verächtlich und schaute weg. Die Träger setzten sich in Bewegung, und die Sänfte schwankte. Begeistert schlug Khepri die Vorderbeine aneinander. »Auf ins Tal der Könige!«

3 Der Ort der Wahrheit

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, doch in der Sänfte war es bequem. Als wir den Nil überquerten und in die Wüste hineinkamen, aß ich den letzten Rest von meinem Imbiss auf und schlief ein. Ich träumte von geschmorter Antilope und gerösteten Wachteln.

»Wach auf, Ra!«, brüllte Khepri mir direkt ins Ohr.

Ich hielt die Augen fest geschlossen und versuchte den Skarabäus mit einer Pfote beiseitezuschieben. »Khepri, bitte!« Nur noch einen Bissen Antilope …

»Ra, wir sind da«, sagte Miu. »Wenigstens glaube ich das.«

Ich öffnete die Augen – und wünschte, ich hätte es nicht getan. Vor uns, von einer Mauer umgeben, lag ein Dorf aus Lehmhäusern, das so trocken und staubig aussah wie die Felsen dahinter. Nichts erinnerte hier mehr an die Eleganz von Theben. Doch ich erkannte den Ort wieder. Vor einigen Jahren war ich schon einmal hier gewesen, damals, als Pharao unsere Grabstätte ausgesucht hatte.

»Das ist Set Ma’at«, erklärte ich Khepri und Miu. »Der Ort der Wahrheit.«

Khepri sah verwirrt aus. »Ich dachte, wir wollten ins Tal der Könige.«

»Das Tal der Könige beginnt hier.« Mit dem Kopf wies ich auf die hohen Felsen ein Stück nördlich von uns. »Aber Set Ma’at ist das Dorf, in dem die Arbeiter leben.« Ich wandte mich zu der Menge um, die sich vor den Mauern ansammelte. »Seht! Sie erwarten mich.«

Mit Khepri im Nacken und Miu auf den Fersen verließ ich die Sänfte, um mein Volk zu grüßen.

Ein kräftiger Mann mit tintenfleckigen Fingern trat vor und verneigte sich. Mit der einen Hand hielt er einen Stab umfasst, in der anderen hatte er eine Schreibtafel. »Willkommen in Set Ma’at, Herr der kraftvollen Pfote. Es war uns eine Ehre, von Pharao zu hören, dass Ihr uns Euren Besuch abstattet.«

»He, ich erinnere mich an ihn«, flüsterte ich Khepri und Miu zu. »Das ist der Grabschreiber.«

Habt ihr je einen Grabschreiber kennengelernt? Vermutlich nicht, es sei denn, ihr habt selbst ein eigenes Grab. Ich erkläre euch kurz seine Aufgabe: Wenn Pharao und der Wesir den Arbeitern an den Grabstätten Befehle zusenden, dann ist der Grabschreiber derjenige, der sie liest und beantwortet. Er berichtet dem Pharao und dem Wesir, dass ihre Befehle angekommen sind, und benachrichtigt sie im Falle von Problemen. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, alles schriftlich festzuhalten, was an der Baustelle passiert: jeder Meißel, der ausgeliehen wird, jeder Arbeiter, der bei der Arbeit fehlt, jede Zahlung, die geleistet wurde.

Pharao hat auch Wächter im Tal der Könige stehen. Sie unterstehen dem Befehlshaber der Wache, und ihre Aufgabe ist es, die Gräber zu bewachen, und zwar nicht nur die fertigen und versiegelten, sondern auch die, die gerade gebaut werden. Die Arbeiter selbst werden vom Schreiber überwacht. Es gibt wirklich viele hier. Um ein Grab zu bauen, braucht man Maurer, Zimmerleute Steinmetze, Gipser, Bildhauer, Goldschmiede, Maler und noch andere Handwerker – und alle unterstehen dem Schreiber.

Kurz gesagt, der Schreiber der Grabstätten ist ein Mann mit großer Macht, und dieser spezielle Schreiber vor uns war derjenige, der in Set Ma’at das Sagen hatte.

Mit immer noch dröhnender Stimme beugte der Schreiber sich hinunter zu Miu und dem Wesir. »Ein herzliches Willkommen auch der ehrenwerten Begleitung des Herrn der kraftvollen Pfote.«

Anstelle einer Antwort nahm der Wesir die Menge in den Blick. »Was steht ihr alle so faul herum? Warum arbeitet ihr nicht?«

»Genau das wollte ich auch gerade sagen, Herr«, säuselte der Schreiber. »Gestern hatten wir unser jährliches Fest, bei dem wir den ursprünglichen Gründer von Set Ma’at feiern, aber heute müssen alle wieder normal arbeiten –«

»Schon wieder ein Feiertag?«, knurrte der Wesir. »Dafür werdet ihr nicht vom Pharao bezahlt.«

In der Menge entstand ein Geraune, dann trat ein schlanker Mann mit einem Pinsel in der Hand vor. »Hochmächtiger Wesir, wo Ihr gerade von der Bezahlung sprecht, wäre jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt, Euch daran zu erinnern, dass unser Lohn in Form von Getreide und Bier letzten Monat verspätet war, ebenso wie in den beiden Monaten davor.«

Aus der Menge war zustimmendes Gemurmel zu hören, doch der Schreiber nahm seinen Stab und stieß den Mann zurück. »Es reicht, Pentu.«

Doch Pentu ließ sich nicht aufhalten. »Außerdem ist uns der Lohn gekürzt worden, obwohl wir sogar mehr arbeiten müssen –«

»Wer hat dir erlaubt zu sprechen?« Der Wesir spuckte seine Worte fast aus, so zornig war er. »Wenn ich noch einmal höre, dass du dich über euren Lohn beschwerst, wirst du entlassen.« Er wandte sich der Menge zu. »Und das gilt für euch alle.«

Die Menge wurde still. Pentu zog die Schultern zusammen, und sein Pinsel fiel zu Boden. Ein magerer Junge hinter ihm hob ihn auf und reichte ihn wortlos dem Mann.

»Ihr habt den ehrenwerten Wesir gehört, ihr alle«, donnerte der Schreiber. »Und jetzt zurück an die Arbeit!« Er wies auf einen auffallend kräftigen jungen Mann in der Nähe von Pentu. »Alle bis auf dich, Huya.«

Offensichtlich erfreut, als Einziger ausgewählt zu werden, trat Huya grinsend vor und ließ seine Muskeln spielen. »Soll ich dafür sorgen, dass der Unruhestifter Pentu in Zukunft den Mund hält, Schreiber? Ihr müsst es nur sagen –«

»Nicht jetzt, Huya.« Der Schreiber schob den jungen Mann zum Wesir hinüber. »Herr, das ist der Zimmermann Huya, den ich in meinem letzten Brief erwähnt habe. Er hat mich bei verschiedenen Arbeiten unterstützt.«

»So, so!« Der Wesir betrachtete Huya mit einem durchdringenden Blick. »Wie ich höre, bist du recht brauchbar. Und verschwiegen.«

Huyas Grinsen wurde noch breiter, und er verneigte sich tief. »Ich kann schweigen wie ein Grab, Wesir.«

»Huya hat im Dorf ein Podest für Euch aufgebaut«, erklärte der Schreiber dem Wesir. »Ich habe ihm gesagt, er soll es nahe der kühlen Wand aufbauen, wo das Licht gut ist. Ihr müsst nur Pharaos Kater dorthin begleiten, und gleich werden unsere besten Künstler mit der Arbeit beginnen.«

Der Wesir beachtete mich gar nicht. Mit einem Fingerschnipsen rief er einen Jungen herbei, der in der Nähe stand. Es war der magere, der zuvor Pentus Pinsel aufgehoben hatte. »Du da! Trag die Katze an ihren Platz.«

»Aber –«

»Keine Widerrede«, blaffte der Wesir ihn an.

Mit angespannten Schultern bückte der Junge sich zu mir herunter. Er war ungefähr so alt wie Pharaos ältester Sohn – vielleicht elf Jahre oder so, mit langen schmalen Fingern, einem langen Hals und wachen, hungrigen Augen.

»Er sieht wie Pentu aus, findest du nicht?«, flüsterte Khepri.

»Hm, ja«, stimmte ich zu. Falls die beiden wirklich verwandt waren, wunderte es mich nicht, dass der Junge Angst vor dem Wesir hatte.

Doch kaum war der oberste Hofbeamte gegangen, lächelte der Junge mich an und streckte die Arme aus. »Oh, Pharaos Kater, wenn Ihr mir die Ehre erweisen wollt –«

Normalerweise mag ich es gar nicht, von Fremden herumgetragen zu werden. Aber ich wollte nicht, dass der Junge Ärger bekam, und so ließ ich mich von ihm hochheben.