Ein Fall für Schröder: Der Spieler - Doris Heinze - E-Book

Ein Fall für Schröder: Der Spieler E-Book

Doris Heinze

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Beschreibung

Eine internationale Verschwörung und ein deutscher Ermittler: Der Krimi "Ein Fall für Schröder – Der Spieler" von Doris Heinze als eBook bei dotbooks. Er war ein brillanter Ermittler – doch nun hat sich Karl Hieronymus Schröder auf die Insel Nordstrand zurückgezogen. Knifflige Ermittlungen und Verbrecherjagd? Das liegt hinter ihm. Aber es ist so eine Sache mit Ruhe und Frieden: Beides tut gut – kann aber auch ungemein anstrengend sein. Da kommt es Schröder denkbar gelegen, dass die britische Polizei ihn um Hilfe bittet: Das indische Software-Genie Rahul Meta sitzt im Transit Bereich des Frankfurter Flughafens fest und muss dringend zur Zusammenarbeit überredet werden. Schröder weiß, dass er die Finger davon lassen sollte. Das wäre klug. Das wäre richtig. Aber schon ist er mitten drin in einem Fall, der immer verzwickter wird – denn Meta ist spurlos verschwunden. Und die russische Mafia, die es auf ihn abgesehen hat, nicht einmal das größte Problem … Spektakuläre Schauplätze, ein Abgrund des Verbrechens und ein Ermittler, der selbst mit einem Ruhepuls von 140 die Nerven behält: ein temporeicher Kriminalroman! Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Ein Fall für Schröder – Der Spieler", der erste Kriminalroman von Doris Heinze rund um Karl Hieronymus Schröder. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über dieses Buch:

Er war ein brillanter Ermittler – doch nun hat sich Karl Hieronymus Schröder auf die Insel Nordstrand zurückgezogen. Knifflige Ermittlungen und Verbrecherjagd? Das liegt hinter ihm. Aber es ist so eine Sache mit Ruhe und Frieden: Beides tut gut – kann aber auch ungemein anstrengend sein. Da kommt es Schröder denkbar gelegen, dass die britische Polizei ihn um Hilfe bittet: Das indische Software-Genie Rahul Meta sitzt im Transit Bereich des Frankfurter Flughafens fest und muss dringend zur Zusammenarbeit überredet werden. Schröder weiß, dass er die Finger davon lassen sollte. Das wäre klug. Das wäre richtig. Aber schon ist er mitten drin in einem Fall, der immer verzwickter wird – denn Meta ist spurlos verschwunden. Und die russische Mafia, die es auf ihn abgesehen hat, nicht einmal das größte Problem …

Spektakuläre Schauplätze, ein Abgrund des Verbrechens und ein Ermittler, der selbst mit einem Ruhepuls von 140 die Nerven behält: ein temporeicher Kriminalroman!

Über die Autorin:

Doris Heinze, geboren in Mülheim an der Ruhr, arbeitete als leitende Redakteurin für Kino- und Fernsehfilme des NDR. Außerdem schrieb sie zahlreiche Drehbücher und war an der Entwicklung erfolgreicher TV-Charaktere wie Charlotte Lindholm aus dem TATORT Hannover und Klaus Borowski aus dem TATORT Kiel maßgeblich beteiligt. Doris Heinze lebt heute mit ihrer Familie in Nordfriesland.

Bei dotbooks veröffentlichte Doris Heinze die beiden Kriminalromane rund um den Ermittler Karl Hieronymous Schröder: Der Spieler und Die Tote im Kofferraum.

***

Anmerkung der Autorin: Meine Kiew-Impressionen verdanke ich den Reisegeschichten »Kiew – Stadt der Goldenen Kuppeln am Dnjepr«, herausgegeben von Britta Wollenweber und Peter Franke, Berlin 2008.

***

Neuausgabe Mai 2018

Dieses Buch erschien bereits 2012 und 2015 unter dem Titel Höhere Gewalt bei den unten genannten Verlagen.

Copyright © der Originalausgabe 2012 Ellert & Richter Verlag GmbH, Hamburg

Copyright © der Neuausgabe unter dem Titel Höhere Gewalt 2015 dotbooks GmbH, München und © der Neuausgabe unter dem Titel Ein Fall für Schröder – Der Spieler 2018 dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterstock/Raxpixel.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-198-9

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Doris Heinze

Ein Fall für Schröder – Der Spieler

Kriminalroman

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PROLOG Kiew, 5. Februar, 16.25 Uhr

Sie witterte den fremden Geruch, noch bevor sie die Tür zu ihrem Apartment an der dicht befahrenen Velyka Vasyl’kivska öffnete. Der Hauch eines übereifrigen Aftershaves. Jemand war in ihrer Wohnung gewesen.

Dabei hatte der Tag so unerwartet sonnig begonnen. Endlich einmal hatte sie alle Zeit der Welt. Sie liebte es, durch die Stadt zu streifen, sich treiben zu lassen, ohne Auftrag, ohne Ziel. Zu spüren, wie die schwarzen Gedanken langsam von ihr abfielen. Vor einer Ewigkeit, so schien es ihr, war sie in die Überzeugung hineingeboren worden, dass Schwierigkeiten allesamt vorübergehend waren. Sie hielt daran fest, auch wenn das Leben sie längst anderes gelehrt hatte. Unvermittelt kam ein Gefühl der Unbeschwertheit über sie. Sie fühlte sich stark. Und so jung, wie sie tatsächlich war.

Sie schlenderte zu dem kleinen Park am Goldenen Tor und setzte sich auf eine der freien Bänke. Als Kind war sie oft mit ihrem Vater hier gewesen, und das wegen eines zotteligen Bronzekaters. Immer wieder hatte ihr Vater dessen Geschichte erzählt. Solange der Kater lebte, galt er als Maskottchen des kleinen Restaurants gegenüber. Ob er tatsächlich Glück gebracht hat?

Ein Lächeln überflog ihr Gesicht, sie schloss die Augen. Vor langer Zeit hatten ihre Eltern hier ihren Hochzeitstag gefeiert. Sie liebten es zu feiern, genauso ausgiebig und intensiv, wie sie es gewohnt waren zu arbeiten. Dann wurden frohe Lieder gesungen, und hochprozentiger Gorilka wurde getrunken. Sie sangen ihren Kummer weg und ihre Traurigkeit. Und die Wehmut, die über ihren Tagen lag. Für sie war das Leben nicht vorstellbar ohne Lieder und nicht ohne Gorilka. Weit nach Mitternacht waren sie durch den Schnee nach Hause geschlingert. Sie hatten sich untergehakt und aneinander festgehalten. Sie hatten sich nicht losgelassen. Nach seinem Tod hatte man dem Kater ein Denkmal gesetzt. Gerne hätte sie so etwas für ihre Eltern getan. »Wenn du an uns denkst, werden wir da sein«, hatte der Vater zu ihr gesagt. Es war ihre letzte Begegnung gewesen.

Unter einem der gewaltigen Kastanienbäume saßen Studenten in dicken Pullovern. Über ihre Laptops gebeugt diskutierten sie angeregt die politische Entwicklung und philosophierten über menschliche Destruktivität. Reden schien ihnen Spaß zu machen, genau wie das Leben. Sie war nie so frei gewesen wie diese Studenten. Am Morgen hatte sie eigentlich vorgehabt, wieder einmal zum alten Friedhof Baikowoje hinauszufahren. Das Grab der Dichterin Lesja Ukrainka hatte es ihr angetan. »Gegen die Hoffnung hoffe ich«, hatte sie geschrieben, kämpferisch und voller Optimismus. Diesen Optimismus spürte sie noch heute. Überhaupt schienen die Toten so etwas wie Verbündete zu sein. Ihnen konnte man sich anvertrauen. Doch die Sonne hatte ihr so verführerisch ins Gesicht geschienen, dass sie es sich anders überlegt hatte.

Sie sah sich um. Zwei alte Männer spielten Schach. Ihre Augen glitten eher beiläufig, fast gelangweilt über die Figuren. Ihre faltigen Gesichter zeigten keine Regung. Schach war Krieg und eine ernste Angelegenheit. Die Zuschauer versuchten es ihnen gleichzutun. Auf der Bank daneben drei edel gekleidete junge Frauen. Sie lachten und schwatzten, ununterbrochen und alle zugleich. Vielleicht hatten sie sich nichts zu sagen, vielleicht stimmte es auch, dass Frauen im selben Moment reden, zuhören und die gesamte Umgebung im Blick haben konnten. Sie selbst jedenfalls hatte diese Fähigkeit schon früh an sich entdeckt. Ein Umstand, von dem sie profitierte, auch wenn Reden nicht gerade zu ihren bevorzugten Leidenschaften zählte.

Ein kühler Windstoß ließ sie zusammenzucken. Eine weiße Wolke schob sich langsam vor die Sonne. Mit etwas Fantasie sah sie aus wie ein strubbeliger Kater. Sie fröstelte. Auch die Frauen hatten für einen Moment aufgehört zu reden und blickten erwartungsvoll zum Himmel. Nur die beiden alten Männer setzten ihr Spiel ungerührt fort. Sie war froh, dass sie sich entschieden hatte, hierherzukommen. Sie hatte unter Menschen sein wollen. Lebendigen Menschen.

Irgendwann war sie aufgebrochen. Zum Dnepr war es nicht weit, sie nahm den kleinen Umweg über den Büchermarkt. Sie mochte den leicht morbiden Geruch alter Bücher ebenso wie die Geschichten, in die sie sich hineinfantasieren konnte. Ihr Blick blieb an einer mit wunderbaren Zeichnungen versehenen Ausgabe hängen. Fast hätte sie sie übersehen, halb versteckt lag sie unter bunten orthodoxen Heiligenbildchen. Vorsichtig nahm sie das Buch in die Hand. Ihre Augen leuchteten, als sie darin blätterte. Sie musste es haben.

Der Verkäufer war alt und gebeugt, sein Gesicht hatte etwas von einem Indianer. Gemächlich strich er über seinen grauen Bart, wobei er sie eindringlich musterte. Das Buch sei eine Rarität, sagte er, ein kostbarer Schatz. Sie erwiderte seinen Blick, regungslos. Der alte Mann lächelte. Sie hatte etwas von einem Fluchttier und einem Jäger zugleich. Er nahm ihre Hände, legte das Buch hinein und verschloss sie mit seinen Händen. Sie waren schrumpelig und alt und vermittelten für einen Moment ein Gefühl der Geborgenheit. Er wollte kein Geld. Sie wandte sich ab, sie wollte keine Geborgenheit. Das Buch hielt sie dennoch fest.

»Pass gut auf dich auf«, sagte der alte Mann.

Vorsichtig und behutsam hatte es geklungen, vielleicht hatte er schon zu viel in ihren Augen gesehen. Sie bemerkte, wie sein Blick über die Heiligenbildchen glitt. Dann schien er gefunden zu haben, was er gesucht hatte.

»Gott schütze dich«, sagte er.

Sie sah auf das Bild einer reich geschmückten Marienfigur. Mit all den Ketten und dem Glitzerschmuck sah Maria aus wie ein fröhliches Hippiemädchen, das mütterlich lächelnd auf den quiekenden Knaben zu ihren Füßen schaute.

»Danke«, sagte sie mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme.

Sie legte das Heiligenbild zwischen zwei Buchseiten und ließ es tief in ihrem Anorak verschwinden. Für einen Moment leuchtete ihr Pullover auf in der langsam ermattenden Nachmittagssonne.

»Orange ist eine schöne Farbe«, hörte sie den alten Mann sagen.

Sie hob ihren Kopf und sah ihm direkt in die Augen.

»Ich bin Russin«, sagte sie, es klang stolz und zornig zugleich. Sie ging mit festen Schritten die Straße hinunter. Eine zierliche Gestalt auf langen, dünnen Beinen. Sie spürte, wie er ihr hinterhersah. Sie blickte nicht zurück.

Der aufdringliche Geruch, der durch die Ritzen ihres Apartments drang und sie an einen brünstigen Moschusochsen denken ließ, zerstörte den Tag. Es passierte nicht zum ersten Mal. Sie hatte gewusst, irgendwann würde er wiederkommen, irgendwann würde es einen neuen Auftrag geben für sie, doch in manchen Augenblicken und an anderen Tagen hätte es sie weniger überrascht. Von außen war ihrer Wohnung nichts anzumerken, die Tür war verschlossen. Sie drehte den Schlüssel zweimal im Schloss, so wie immer.

Ohne zu zögern betrat sie ihr Apartment. Er hatte bestimmt sorgfältig gearbeitet, er pflegte keine Spuren zu hinterlassen. Sie war dem Mann nie begegnet. Sie sah sich um, aufmerksam, jede Veränderung registrierend. Sie spürte keine Angst. Ein winziger Raum, ein einfaches Holzbett, ein Sessel, ein voll gestopftes Bücherregal. Auf einer niedrigen Kommode ein paar Schneekugeln, St. Petersburg, die Londoner Tower Bridge, der Broadway und Manhattan, ein rotes Herz sowie Schloss Neuschwanstein. Überbleibsel der Vergangenheit. Nur Neuschwanstein versuchte sie zu verdrängen. Ein Mann, an den sie sich nicht erinnern wollte. Von der Kugel konnte sie sich dennoch nicht trennen. Sie stutzte. Nachdenklich betrachtete sie die kleine Sammlung. Sie war sich sicher, dass Manhattan am Morgen weiter hinten gestanden hatte. Diese Kugel hatte etwas Besonderes, man konnte sie aufziehen. Dann drehten sich die Wolkenkratzer gemächlich im Schnee zu den Klängen von »New York, New York«. Der Mann hatte offenbar nicht widerstehen können. Zum ersten Mal hatte er eine Grenze überschritten. Vielleicht war es nur eine Gedankenlosigkeit gewesen, aber ihr schnürte es die Kehle zu. Ihr wurde heiß unter ihrem Anorak. Sie wandte sich ab.

Sie zog ihre Jacke aus und warf sie über einen Stuhl. Da sah sie es. Er hatte sie nicht einfach so aufgesucht. Auf dem Küchentisch lag ein Flugticket, angelehnt an einen Blumentopf mit einer Sonnenblume. Weitere Spuren hatte der Besucher nicht hinterlassen, zumindest keine sichtbaren.

Sie wusste, was von ihr erwartet wurde.

Sie fischte ihr kostbares Geschenk aus dem Anorak und legte es auf den Tisch. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die erhabenen Buchstaben des ledernen Einbands, Charles Baudelaire, »Les Fleurs du Mal«. Ihr Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. »Die Blumen des Bösen«. Dann warf sie einen Blick auf das Ticket, Kiew – London, ausgestellt auf ihren Namen, Hinflug am nächsten Morgen, Rückflug offen. Das wurde in manchen Ländern nicht gern gesehen, insbesondere nicht bei jungen Frauen aus der Ukraine. Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Im Bad tauchte sie das Gesicht in eiskaltes Wasser. Sie hob den Kopf und sah in den Spiegel. Das Wasser perlte von ihrer Haut, die anfing, unter der Blässe rosig zu schimmern. Irgendwie hatte sie Ähnlichkeit mit einem Igel, einem Igel mit raspelkurzen Haaren und eisblauen Augen. Aus einiger Entfernung hatte man sie schon häufiger für einen Jungen gehalten. Sie kochte einen Kaffee und setzte sich an den Tisch.

Der Mann kam immer dann, wenn sie ihr Apartment verlassen hatte. Er schien genau über ihren Tagesablauf informiert. Es wunderte sie nicht, genauso wenig wie die Tatsache, dass er einen Schlüssel besaß. Sie hätte gut daran getan, die Sache mit Manhattan zu übersehen oder zumindest gleich wieder zu vergessen. Ihre Hand zerrieb gedankenverloren ein Papiertaschentuch, formte winzige Kugeln, die sie achtlos auf Tisch und Boden verstreute. Vielleicht war der Besucher gar kein Mann. Es war der penetrante Geruch, den sie sich an einer Frau nicht vorstellen konnte. Den nur Männer für unwiderstehlich hielten. Im Grunde war es egal. Ob Mann oder Frau, es würde nichts ändern an der Tatsache, dass ein Mensch jederzeit Zutritt zu ihrem Leben hatte und ihr soeben zum ersten Mal das Gefühl gegeben hatte, auch vor ihrer Intimsphäre nicht Halt zu machen. Dass es sich nur um eine Schneekugel handelte, machte es nicht besser.

Sie hätte gerne in ihrem Buch gelesen. Doch sie spürte, wie die Anspannung unaufhaltsam in ihr hochkroch. Wenn sie ihre Kehle erreichte, würde sie ersticken. Entschlossen schob sie die Papierkugeln auf dem Tisch zu einem kleinen Haufen zusammen. Dann stand sie auf.

Sie nahm die Sonnenblume und stellte sie hinaus auf ihren winzigen Balkon neben zwei fast identische Pflanzen. Mehr musste sie nicht wissen, sie würde den Namen des Mannes herausfinden, der hinter all den Transaktionen steckte. Wenn es sein musste, auch mit unfriedlichen Mitteln. Dann würde man weitersehen. Wolkow würde wieder einmal zufrieden sein.

KAPITEL 1 Zwei Monate und ein paar Tage später

Flug Air India von Mumbai, Indien, nach London Heathrow Airport, 18. April, 4.35 Uhr MEZ, 10.000 Meter Höhe

Der junge indische Geschäftsmann lehnte sich zurück in seinen komfortablen Business-Class-Sessel und schloss die Augen. Seit dem leicht verspäteten Start gegen 3.00 Uhr Mumbai-Zeit war die Nervosität langsam von ihm abgefallen. Hoch über den Wolken fühlte er sich sicher, unerreichbar, unauffindbar, wenigstens für ein paar Stunden. Er wusste, dass es ein trügerischer Friede war. Er hatte ziemlich genau zehn Stunden Zeit. Zehn Stunden Flug, und die Wirklichkeit hatte ihn wieder. Er musste versuchen, Ruhe zu finden.

Schon nach kurzer Zeit schreckte ihn ein Traum auf. Ein luxuriöses Büro hoch über den Wolken, darin ein Mann ohne Gesicht hinter einem gewaltigen Schreibtisch. Er fühlte sich winzig klein, und sein Herz schlug bis zum Hals. Der Mann stand auf, öffnete ein Fenster und stieß ihn hinaus. »Du hättest fliegen lernen sollen«, rief der Mann ihm nach. Sein lautes Lachen übertönte seinen Schrei, als er unaufhaltsam in die Tiefe stürzte.

Er spürte, wie jemand sanft seinen Arm berührte.

»Mr. Meta?«, sagte die Stewardess. »Mr. Meta. Kann ich etwas für Sie tun?«

Er fühlte sich schweißgebadet, sein Kopf dröhnte. Er hatte tatsächlich geschrien.

»Nein«, sagte er.

Er öffnete zögernd die Augen und versuchte ein Lächeln. »Nein. Ich habe nur schlecht geträumt.«

Die Stewardess brachte ihm eine heiße Milch, die nach Gewürzen duftete. »Für angenehme Träume«, sagte sie.

Rahul Meta sah in die Nacht hinaus, wo sich am Horizont zaghaft ein roter Lichtstreifen ausbreitete. Er dachte an Chanda, die in achtundzwanzig Tagen seine Frau sein würde.

Er hatte sie zum ersten Mal bei der Hochzeitsfeier einer entfernten Cousine gesehen. Nie würde er diesen Augenblick vergessen. Sie trug ein mit goldenem Brokat verziertes Kleid aus meerblauer Seide, das ihrer dunklen Haut einen unwiderstehlichen Schimmer verlieh. Ihr langes, glänzendes Haar war umhüllt von einem limonenfarbenen Schleier mit goldener Spitze. Limonenfarben, nicht einfach grün, wie er in seiner modischen Unbefangenheit damals noch geglaubt hatte. Sie musste gespürt haben, wie er sie anstarrte. Ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment. Er lachte sie an, charmant und unbekümmert. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, wie sie da stand, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ihr ebenmäßiges, ernstes Gesicht, ihr verlegenes Lächeln, ihre Augen. Dabei war Chanda längst einem anderen versprochen. Auch ihr Verlobter war an jenem Abend anwesend, ganz offiziell in Begleitung seiner Eltern, die die Verbindung arrangiert hatten, ein aufstrebender Architekt, eloquent, mit besten Manieren und ebensolchen Beziehungen. Leider nicht alt und leider auch nicht hässlich. Zum ersten Mal war Meta das Glück nicht zugeflogen. Doch er war bereit zu kämpfen, genau wie Chanda.

Die Stewardess beugte sich zu ihm, riss ihn aus seinen Gedanken.

»Was darf ich Ihnen als Hauptgang servieren?«, fragte sie. »Hühnchen, Fisch oder vegetarisch?«

Sie lächelte ihn an. Sie hatte schöne Augen.

»Für mich nichts, danke«, sagte er und schenkte auch ihr ein Lächeln. »Ich muss auf meine Figur achten. Ich heirate bald.«

»Oh, meinen Glückwunsch«, sagte die Stewardess.

»Ja«, sagte er und strahlte.

Er hatte es tatsächlich geschafft. Chanda wollte ihn für den Rest ihres Lebens. Es machte ihn glücklich und stolz zugleich.

Er zögerte. »Oder doch«, korrigierte er sich, »ich nehme das Huhn.«

Nach dem Essen fühlte er sich ein wenig schläfrig. Das Huhn war schmackhaft, nicht nur für ein Menü hoch über den Wolken.

Chanda strahlte ihm entgegen. Es hatte sie beide überrascht, wie gut sich eine erkämpfte Glückseligkeit anfühlte. Er strich sanft über das Foto. Sie würden eine glückliche Ehe führen, daran glaubte er fest. Er sah zum Fenster hinaus. Weit unter ihnen meinte er ein silbernes Flugzeug zu entdecken. Klein sah es aus und funkelte für einen Moment im sanften Licht des Himmels.

Er schloss die Augen. In einem Bollywood-Film würde er jetzt durch das Flugzeug tanzen, im Rhythmus des Gesangs der Passagiere und der hübschen Stewardess. Stattdessen wurde er dringend in London und New York erwartet. Seine geordnete Welt drohte aus den Fugen zu geraten, auch wenn er selbst bislang bestenfalls ahnte, in welchem Ausmaß er bereits in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt war.

Meta griff nach der Zeitung auf dem freien Platz neben ihm. Er hatte sie gründlich gelesen, sie hielt keine Überraschung bereit, nur die schon bekannten Neuigkeiten aus der Finanzwelt. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Er hatte den Überlebenswillen der Banken unterschätzt, er hätte es besser wissen müssen. War das sein entscheidender Fehler gewesen? Lange Zeit waren sie seine Verbündeten gewesen, Computerexperten galten nicht umsonst als Indiens Exportschlager. Sie hatten ihn gebraucht und sie hatten ihn geholt. Jetzt musste er retten, was zu retten war. Dabei hatte er die eigentliche Katastrophe gar nicht verursacht.

Er versuchte weiter zu träumen, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Er war der Stolz seiner Familie. Seine Mutter hatte auf Empfehlung seiner Lieblingstanten schon bald, nachdem sich sein Heiratswunsch herumgesprochen hatte, einen Astrologen zurate gezogen, einen Meister seines Fachs. Er hatte Meta nicht nur eine glänzende Zukunft prophezeit, sondern auch von einem schwarzen Schleier gesprochen, von Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Er hatte das damals auf Chanda bezogen.

Für sie beide war es ein langer Weg gewesen. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn Chanda ihren Eltern nicht irgendwann gedroht hätte, englische Literatur zu studieren und zu einem Onkel nach Manchester zu ziehen. Da hatten sie nachgegeben. Das Arrangement mit der Familie des aufstrebenden Architekten hatte ein kleines Vermögen gekostet und dazu noch einen kostbaren Sari für die enttäuschte Mutter. Meta lächelte. Ein Lächeln, das fast verloren gegangen schien, als hätte es sich verheddert in den Ereignissen der vergangenen Tage. Gerade erst hatte der Astrologe den Tag der Hochzeit festgelegt. Meta würde nicht zulassen, dass sie jetzt alles zerstörten.

Er drückte den Serviceknopf und bat die Stewardess um einen Tee. Sein Blick schweifte hinüber zu seinem Nachbarn auf der anderen Seite. Gleich nach dem Start hatte er seinen Sitz mit kleinen Aufklebern versehen, die die Fluggesellschaften an Langstreckenreisende zu verteilen pflegten. Lachende Strichgesichter, die verkündeten: »Wake me up for dinner«, falls man dummerweise vor einer Mahlzeit einschlafen sollte, oder auch »Don’t wake me up«, falls man weiterschlafen wollte. Dann war der Mann in tiefen Schlaf gesunken. Irgendwie beneidenswert, er wollte nicht gestört werden. Meta hatte einmal zu Beginn einer langen Flugreise eines dieser Strichgesichter in einen Terroristen verwandelt und darauf geschrieben: »Wake me up for terrorists«. Er hatte das amüsant gefunden. Die Stewardess nicht. Mit strengem Gesicht hatte sie den Aufkleber entfernt und ihn auch nicht zum Essen geweckt.

Meta atmete tief durch. Er durfte keine Zeit verlieren, er wusste, was seine Partner von ihm erwarteten. Darüber hinaus wollte er seinen Aufenthalt in London nutzen für letzte Transaktionen, ein waghalsiges Manöver, zugegeben. Er wusste nun einmal am besten, welche Katastrophe bevorstand, wenn alles herauskam. Doch er war unterwegs, um genau das zu verhindern. Eine Million US-Dollar transportierte er im Handgepäck, unauffällig verpackt in die Seiten zweier Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften, aus denen jeweils das Format von Dollarnoten herausgeschnitten war. Dass ein so simpler Trick tatsächlich funktionierte, hatte ihn immer wieder gewundert. Er besaß verschiedene Ausgaben solcher Bände. Auf das Standardwerk »How to be a Banker« hatte er diesmal verzichtet.

Gerade als er überlegte, ob es reizvoll sein könnte, noch einmal den Film »Wall Street« anzuschauen und dem Börsen-Hai Gordon Gekko bei der Arbeit zuzusehen oder zur besseren Entspannung doch eher »Mr. Bean macht Ferien«, erfolgte eine Durchsage des Kapitäns.

»Soeben erreicht mich eine Nachricht, von der auch ich noch nicht weiß, was genau sie bedeutet«, sagte er und schickte ein kleines Lachen hinterher. »Sicher haben Sie in den letzten Wochen schon einmal den Namen Eyjafjallajökull gehört.«

Er war bemüht, gute Laune zu signalisieren.

»Für alle, die jetzt ratlos ihren Nachbarn ansehen«, sagte er, »der Eyjafjallajökull ist ein bislang kaum auffällig gewordener Vulkan auf Island.« Er sei froh, sagte der Kapitän, dass ihm der Name relativ fehlerfrei über die Lippen gekommen sei.

Meta sah sich um, die wenigen Passagiere der Businessclass lächelten.

Der Kapitän wurde ernst. Es habe erneut eine Eruption gegeben, sagte er. Heftiger als vor wenigen Wochen. Der Tower habe ihn soeben informiert, dass der Luftverkehr über Großbritannien wegen der Gefahr durch Aschewolken vorübergehend eingestellt werden müsse. Sämtliche Flughäfen würden auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Verstört blickte Meta zum Fenster hinaus. Wie durch einen Nebel vernahm er die Stimme des Kapitäns.

Er hoffe, schloss er, sich bald mit weiteren Informationen melden zu können.

Ein paar weiße Wölkchen tief unter ihnen, ein selten klarer Himmel, der in der Morgensonne erstrahlte. Von dem angeblichen Vulkan hatte Meta noch nie etwas gehört. Sein Nachbar offenbar auch nicht, er war hochgeschreckt durch die laute Durchsage. Wie die meisten Passagiere schien er zu schläfrig, um die Bedeutung der Nachricht zu erfassen. Meta versuchte, den sich sofort aufdrängenden Gedanken abzuschütteln, das Ganze könnte ein Komplott sein. Nur jetzt keine Hirngespinste, nur jetzt keine Panik. Er schloss die Augen. Er musste einen kühlen Kopf bewahren. Er versuchte es mit Atemübungen. Ihm blieb nicht viel Zeit für sein letztes Geschäft. Jede Verzögerung würde seine Pläne zweifellos zunichtemachen. Dann konnte auch er nichts mehr retten.

»Ladies und Gentlemen, hier spricht noch einmal der Kapitän. Wie wir soeben erfahren, ist nunmehr auch der Luftraum über Deutschland betroffen. Wir haben jedoch die Erlaubnis, als letzte Maschine außerplanmäßig in Frankfurt zu landen. Danach wird auch der Flughafen Frankfurt geschlossen, bis die Gefahr durch die Aschewolken vorüber ist. Dies geschieht zu Ihrer eigenen Sicherheit. So, wie es im Augenblick aussieht, ist damit zu rechnen, dass die Schließung bis morgen Mittag aufrechterhalten bleiben muss. Für alle Fragen zum weiteren Verlauf Ihrer Reise wenden Sie sich bitte ...«

Meta hielt die Augen geschlossen. Das war sein Todesurteil. Von jetzt an würden sie ihn jagen bis zum bitteren Ende.

KAPITEL 2 Mombasa, Kenia, 18. April, 11.05 Uhr

Noch vor Sonnenaufgang war die Maschine der Qatar Airways aus London kommend in Nairobi gelandet. Alles war perfekt organisiert, ein Fahrer hatte bereitgestanden. Für die Strecke nach Mombasa hatten sie nicht einmal sieben Stunden gebraucht.

Jael »Tom« Kibaba saß vor einem Internetcafé am Hafen, trank ein Bier und studierte die Times. Der international erfahrene Wertpapierhändler runzelte die Stirn. Auch hier war die Presse voll mit ausführlichen Berichten über den aufgeflogenen Handel mit, wie es hieß, gefährlichen Finanzprodukten verschiedener Investmentbanken. Die Schreiber hielten sich fest an den wenigen bekannten Tatsachen oder übten sich in wilden Spekulationen über das, was angeblich vorgefallen war. Unwillkürlich musste er grinsen, was sein ohnehin rundes Gesicht noch kugelrunder erscheinen ließ. Verstanden hatten sie es alle nicht. Vermutlich konnte derjenige, der ihnen das System erklärte, in diesem Moment gewaltige Honorare kassieren. Die Leute wollten verstehen, was passiert war. Ob er Vorträge halten sollte? Kibaba bereute nicht, die verschiedenen Großanleger von den Transaktionen überzeugt zu haben, auch wenn sich diese als geradezu verhängnisvoll herausgestellt hatten. Spekulationsgeschäfte waren nun einmal ein prickelndes Spiel mit dem Feuer. Wer es vorzog, nichts zu wagen und dafür ruhiger zu schlafen, verpasste die Chance, reich zu werden. Man wettete auf ein Ereignis, das irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft eintreten würde. Da es dabei um gewaltige Summen ging, versuchte man Einfluss zu nehmen auf die Zukunft. Den Handel selbst hielt er für juristisch kaum angreifbar, ganz im Gegensatz zur Herkunft der investierten Gelder. So war es nun einmal, je höher der Einsatz, desto üppiger der mögliche Gewinn. Leider auch der Verlust.

Kibaba schüttelte den Kopf. Sie hatten nie gelernt zu verlieren. Unschön war, dass sie jetzt mit einer gewissen Skrupellosigkeit begonnen hatten, alles daran zu setzen, ihre Investitionen zurückzuerlangen.

Nachdenklich schaute er auf den Hafen, einst gebaut für den florierenden Elfenbein- und Sklavenhandel. Zumindest offiziell war beides längst Vergangenheit. Mit einer automatischen Handbewegung strich Kibaba über seinen kahlen, glänzenden Schädel und verscheuchte irgendein Insekt. Er liebte diesen Blick über die Weiten des Indischen Ozeans. Seit seiner Studienzeit lebte er in London. In seine Heimat war er nur wenige Male zurückgekehrt, zumeist um Abschied zu nehmen von einem Mitglied seiner daheimgebliebenen Großfamilie. Der Tod hatte schon immer etwas Verbindendes gehabt. Jede Rückkehr hatte bei ihm ein eigenartig wohliges Gefühl hinterlassen. Er gehörte nicht hierher und war doch hier zu Hause. Er liebte es, wieder einmal Swahili zu sprechen, die Sprache seiner Kindheit. Sie gab ihm noch immer das Gefühl, dazuzugehören.

Ein riesiges weißes Schiff fuhr langsam in den Hafen. Er sah Menschen an der Reling stehen und winken. Die meisten winkten vermutlich, weil es einfach Spaß machte zu winken, wenn man in einen Hafen fuhr.

Kibaba fummelte ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich über die Stirn. Er hielt es für ratsam, sich eine Zeit lang nicht auf dem internationalen Finanzparkett blicken zu lassen. Erst einmal sollte sich die Aufregung legen. Ein paar Monate, und sie alle würden wieder zum Business as usual übergegangen sein, und er wäre wieder ein gern gesehener Gast auf den angesagten Finanzpartys.

Kibaba warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. Exakt um 11.35 Uhr Ortszeit erwartete er eine Nachricht über einen jener nicht kontrollierten Server, der angeblich irgendwo in der Nähe von Nairobi stand.

Um 11.20 Uhr stand er auf. Sein weißes Hemd war aus seiner Hose gerutscht. Er nahm sein Bier und sicherte sich schon mal einen freien Platz vor einem Bildschirm. Angespannt blickte er erneut auf seine Uhr. Ein schmaler Schatten streifte sein Handgelenk, für einen kurzen Moment nahm er ein Zerrbild wahr im Glas seiner Uhr.

Um 11.3 5 Uhr, auf die Minute, traf die Nachricht ein. Ein paar kryptische Zeichen, die er genauestens studierte, ergänzte und mit einem Klick weiterleitete. Erleichtert leerte er mit einem Zug sein Glas. Seine Aufgabe war erfüllt.

Kibaba stand auf und ging zu seinem Auto. Jetzt hatte er es eilig. Er verließ die Stadt und fuhr in Richtung Norden. Dort, wo sein Wagen gestanden hatte, blieben Reste eines Papiertaschentuchs zurück, zerrieben zu kleinen, weißen Kügelchen.

Das Letzte, was er wahrnahm, war eine gewaltige Explosion. »Warum hab ich nie an Gott geglaubt?«, schoss es ihm durch den Kopf. »Warum ist mir mein erstes Fahrrad gestohlen worden, ausgerechnet als ich in der Kirche war?«

Sein Wagen wurde durch die Luft geschleudert. Als die Polizei kurz darauf an der Unglücksstelle eintraf, gab es nichts mehr zu retten. Ein paar Teile einer verkohlten Lederjacke wurden gefunden, die vermutlich dem Toten gehört hatte. Darin eine angeschmorte Postkarte, gerichtet an eine Adresse in Mombasa. Auf ihr war lediglich ein Dollarzeichen aufgemalt.

Der Fahrer war zu dem Zeitpunkt bereits auf dem Rückweg nach Nairobi. In fünf Stunden würde er den Kenyatta-Flughafen erreichen, gerade rechtzeitig für seinen Gast, gebucht auf den Flug nach St. Petersburg.

KAPITEL 3 Flughafen Frankfurt am Main, 18. April, 10.15 Uhr

Vor der großen Anzeigetafel standen aufgebrachte, ratlose Menschen, die alle nur eines wollten: woanders sein als hier. Mitten unter ihnen war Rahul Meta. Metas Stärke war immer seine Gelassenheit gewesen. Selbst die brisantesten Angelegenheiten hatten ihn nicht aus der Ruhe bringen können. Je öfter er das Wort »cancelled« las, desto mehr wuchsen seine Unruhe und Gereiztheit. Zum ersten Mal, musste er sich eingestehen, spürte er so etwas wie Angst. Schon als sie sich verabredet hatten, hatte eine bis dahin unbekannte Gereiztheit und Härte in den Stimmen der Banker gelegen. Sie waren sich immer auf Augenhöhe begegnet. Der Chefton war neu. Jetzt hatte er zu funktionieren. Er wunderte sich, dass ihm das erst in diesem Moment auffiel. Ob er zu nachlässig mit den immer deutlicheren Signalen umgegangen war?

Am Abend vor seinem Abflug hatte er mit Chanda den Sonnenuntergang am Meer genossen. Noch einmal würden sie kurz getrennt sein, eine letzte, unabdingbare Reise vor ihrem großen Tag. Sie waren am Strand von Chowpatty spazieren gegangen und hatten Bhel Pooris gegessen, knusprige Fladen aus Linsen und Getreide, wie es sie nur in Mumbai gab. Sie hatten beschlossen, in Zukunft nur noch gemeinsam zu verreisen. Man hätte es Glück nennen können.

Plötzlich war sie aufgetaucht, eine zahnlose, alte Frau. Sie hatte an Chandas Kleid gezerrt und hatte sich nicht abschütteln lassen. Sie wollte ihr aus der Hand lesen, ihr die Zukunft voraussagen. Meta dachte an die glasigen Augen und an das zerfurchte Gesicht, das unter schwarzen Tüchern hervorlugte. Sie hatten den Schritt beschleunigt. Als Meta sich umdrehte, hatte sie ihm mit einem stechenden Blick direkt in die Augen gesehen. Er schüttelte sich. Sie hatte den bösen Blick.

Er redete sich ein, es sei der Vulkan, der ihm Angst machte. Er war es gewohnt, die Dinge zu beherrschen. Seine Welt waren Zahlen, Tasten, Bildschirme. Er war Computerspezialist. Die Natur war ihm schon immer unheimlich gewesen.

In Wahrheit fürchtete er sich vor der dahinrasenden Zeit. Mit jeder Minute, die der schwarze Zeiger der Uhr neben der Anzeigetafel so unerträglich stoisch voranschritt, schwanden seine Chancen. Meta ahnte, was ihm bevorstand. Seine Geschäftspartner duldeten keine Verzögerungen, ihre Geduld war zu Ende. Jetzt würden sie alles daransetzen, ihren eigenen Kopf zu retten. Er sah sich um, irgendwo musste es einen Rettungsanker geben. Er war nie zuvor hier gewesen, doch sein Gefühl täuschte ihn nicht. Flughäfen, vor allem internationale, waren sich überall auf der Welt ermüdend ähnlich. Homogene, synthetische Welten, dieselben Geschäfte, dieselben Cafés, der Zeitschriftenkiosk mit Taschenbüchern und heimischer Folklore. Bei geschäftigen Alphamännchen rief vermutlich genau das ein Gefühl von Weltläufigkeit hervor, hier waren sie zu Hause.

Meta betrachtete die soeben frisch aufgehäuften Zeitungsberge. Die wenigen englischsprachigen Blätter hatte er bereits gelesen. Auch wenn das Thema des Tages unverändert die Finanzwelt war, wussten sie wenig Neues zu berichten. Eher überraschte es ihn, über wie wenig Fakten sie noch immer verfügten. Ihre ernsthaften Bemühungen, herauszufinden, was geschehen war, verloren sich in zum Teil waghalsigen Spekulationen. Meta verzog das Gesicht. Auf dem Gebiet kannte er sich aus. Jeder spekulierte eben auf seine Weise.

Er blickte wieder auf die Anzeigetafel. »Cancelled« stand hinter jeder Fluganzeige, »cancelled« wie ein Stoppschild. Er musste dringend telefonieren. Sein Handy schied aus. Er sah sich um. Eine Telefonzelle konnte er nirgends entdecken. Im Durcheinander der Gestrandeten nahm er eine auffallend hübsche Bodenstewardess wahr. Er drängelte sich durch die Wartenden zu ihr hindurch. Auch aus der Nähe war sie hübsch. Vermutlich hatte der Flughafenmanager sie mit voller Absicht dort platziert, direkt im Auge des Hurrikans. Er wunderte sich, dass ihm in dieser Situation ein solcher Gedanke durch den Kopf ging.

Leider sei nicht absehbar, wie lange der Luftraum gesperrt bleiben müsse, sagte sie. Zunächst einmal bis zum Mittag des folgenden Tages, möglicherweise aber auch länger. Nein, den Transitbereich dürfe er nicht verlassen, da er nicht in Besitz eines gültigen Visums für die Bundesrepublik Deutschland sei. Als Passagier der Businessclass habe er jedoch die Möglichkeit, den Sonderbereich der VIP-Lounge zu nutzen. Dort stünden komfortablere Notbetten bereit. Nein, es sei nicht vorgesehen, Sondervisa zu erteilen.

»Haben Sie weitere Fragen?« Das kam kühl, sachlich.

»Ja«, sagte er. Fast hätte er mit dem Charme der Verzweiflung hinzugefügt: »Wollen wir zusammen abendessen?«

Er tat es nicht. Auch weil sie sich im Zweifelsfall später an ihn erinnert hätte.

Sie sah ihn an. Sie wartete. Sie hakte nicht nach.

Er wandte sich ab. »Nein, keine weiteren Fragen.«

Meta sah sich um. Er wunderte sich, dass angesichts der Menschenmassen keine Panik ausbrach. Ob man ihnen mit den letzten Getränken irgendwelche Beruhigungsmittel eingeflößt hatte? Er versuchte es mit einem hypnotischen Blick zur Anzeigetafel. Auch das half nicht, nichts bewegte sich.

Es hatte damals wie eine beiläufige Kontaktaufnahme ausgesehen. Ihm, dem jungen Studenten aus Mumbai, war es gelungen, sich in das Netz einer indischen Telefongesellschaft einzuloggen und ihren unseriösen Umgang mit sämtlichen sensiblen Daten aufzuzeigen. Über Nacht war er der Held. Nicht nur die indische Presse hatte über ihn berichtet, selbst in New York war es Thema gewesen. Und dort fing man an, auf seine Fähigkeiten zu setzen. Er war nicht mehr der Hacker, jetzt entwickelte er selbst Programme. Es begann ihm Spaß zu machen. Unbemerkt von seinen New Yorker Partnern hatte er sich schon bald nach den ersten Erfolgen eine zweite Karriere in der britischen Finanzwelt aufgebaut. Das war erstaunlich einfach gewesen, nachdem er erst einmal verstanden hatte, wie Banker tickten und Bankgeschäfte liefen. Seitdem entwickelte er seine Programme nicht nur für die Wall Street, sondern zugleich für eine Londoner Investmentbank. So wie er das Milieu kennengelernt hatte, war er davon ausgegangen, dass die Finanzmanager, eitel wie sie waren, untereinander keinen Kontakt pflegten.

Ein freundlicher Flughafenangestellter verteilte Kaffee, Tee und Kaltgetränke und warme Brezen dazu. Von Brezen hatte Meta schon gehört. Den Fernsehbericht über fröhliche Deutsche in Lederhosen vor gewaltigen Krügen, randvoll gefüllt mit Bier, hatte er nie vergessen. Er nahm eine Brezel, sie schmeckte salzig. Gegen den Durst trank er eine Cola. In einer Ecke entdeckte er einen freien Platz. Er schaute durch die großen Glasscheiben auf das Rollfeld, das jetzt aussah wie ein riesiger stillgelegter Maschinenpark. Er schloss die Augen.

Es war das erste Mal, dass der Bankmanager ihn in sein Büro gebeten hatte. Dabei hatte es sich eher um eine Residenz hoch über den Dächern von Manhattan gehandelt. Daniel Lobinski wurde Mr. L. genannt, ein Mann über den Wolken Damals hatte Meta angefangen, New York zu lieben. Das Zusammentreffen endete an der mit einem Hang zur Vollkommenheit ausgestatteten Bürobar. Mr. L. hatte alten irischen Whisky getrunken, der nach Torf roch und wohl auch nach Torf schmeckte. Er trank ihn ohne Eis, nur mit Leitungswasser. Das sollte ihm eine feinsinnige Note geben. Meta hatte um Martini gebeten, nicht geschüttelt, nur gerührt. Er wäre gern ein Held gewesen. Seit Kurzem trug er Anzüge aus Kammgarn und eine alte Rolex am Handgelenk.

Irgendwann hatte Meta die Toilette aufgesucht, weinrote Teppiche schluckten jeden Schritt. Sein Blick durch die raumhohen Fenster auf Manhattan und den nahen Central Park blieb an verspiegelten Scheiben hängen, genau gegenüber. Dort lag das Gebäude einer konkurrierenden Investmentbank. Der Ausblick gab ihm das gute Gefühl, direkt auf die Schreibtische der dortigen Vorstandsetage zu pinkeln. Wenn er die Kreativität der Finanzwelt richtig einschätzte, würde in dem Gebäude drüben das Gleiche passieren. Zumindest auf dem Klo hatten sich die Banker im Blick.

Das Rattern der Anzeigetafel holte Meta aus seinen Gedanken zurück. Es waren keine guten Nachrichten. Die Tafel war leer bis auf ein paar sinnlose Buchstaben, die sich offenbar verhakt hatten. Sämtliche Flüge waren gelöscht, als gäbe es kein Morgen. Irgendwann hatte er selbst Gefallen daran gefunden, ins Wettgeschäft einzusteigen. Dank seines Insiderwissens war ihm das auf Anhieb mit überdurchschnittlichem Erfolg gelungen. Er hatte es ohne schlechtes Gewissen getan. Es ging ja nur um Zahlen. Kein einziger Ort, kein einziges Gesicht, das er damit verbunden hätte. Hinzu kam das Gefühl, dass alle anderen das ebenso machten.

Neben den überall präsenten öffentlichen Internetzugängen entdeckte er endlich eine Reihe öffentlicher Telefone. Wie an einer Perlenkette aneinandergereiht standen dunkel gekleidete Männer unterschiedlichen Alters, getrennt nur durch halbhohe Plexiglasscheiben, eine Einladung zum Mithören. Den meisten Männern schien es ohnehin nichts auszumachen, wenn ganze Zugabteile oder Wartehallen an ihren Gesprächen teilhaben konnten. Meta verzog das Gesicht. Von hier aus konnte er unmöglich telefonieren, von der langen Schlange davor ganz abgesehen. Es musste einen anderen Weg geben.

In einer Ecke beobachtete er einen Mann mit stoppeligem Dreitagebart. Er war ihm schon vor einiger Zeit aufgefallen. Der Mann hatte immer wieder zu ihm herübergesehen. Meta wandte sich ab, aus den Augenwinkeln sah er ihn langsam auf sich zukommen. Er spürte, wie sein Herz heftig anfing zu schlagen. Meta duckte sich schnell hinter eine Gruppe unermüdlich schwatzender orthodoxer Juden, deren Schläfenlocken bei jeder Bewegung fröhlich wippten. Was wollte der Mann von ihm? Er kam näher. Ganz dicht ging er an der Stelle vorbei, an der Meta soeben noch gestanden hatte. Lächelnd hielt er auf einen älteren Herrn zu, der sein Telefonat beendet hatte. Meta seufzte. Hatte er angefangen, sich selbst zu jagen?

KAPITEL 4 London Heathrow Airport, 18. April, 11.10 Uhr

Inmitten der immer länger werdenden Schlangen zufällig zusammengewürfelter Reisender und der ratlosen Menschen mit langsam vor sich hin welkenden Blumensträußen fielen die drei Herren mit Hut und Trenchcoat kaum auf. Sie warteten schon seit fünf Uhr morgens, zunächst geduldig, dann zunehmend angespannt. Nach einem kräftigen Frühstück und diversen Telefonaten war ihnen klar, dass sie vergebens auf Rahul Meta warteten.

Seit Beginn der Bankenkrise hatten die Beamten von Scotland Yard recherchiert, allen voran Glen Doharty, ein mit walisischen Wassern gewaschener Finanzermittler mit krausen, roten Haaren und einem müden Blick, der alle täuschte. Dank einiger IT-Spezialisten war es ihm gelungen, Rahul Meta als vermutlichen Urheber der Bankensoftware ausfindig zu machen.

Meta, das war bekannt in den einschlägigen Kreisen, hatte sich schon als junger Student in der internationalen Hackerszene einen Namen gemacht. Ein Talent aus geordneten Familienverhältnissen. Aber einer, der auch schon mal gegen die Hackerethik verstieß, wenn es um höhere Ziele ging. Ein sogenannter Grey-Hat, nach den Cowboys in den alten Western, die weder gut noch böse waren. Er hatte Sicherheitslücken im System einer Telefongesellschaft aufgedeckt. Sein ungezwungener Umgang mit der Auslegung von Legalitätsfragen prädestinierte ihn geradezu für Börsengeschäfte.

Der Vater, ein bekannter Sitarbauer, ein frühzeitig ergrauter musischer Mensch, hatte keinerlei Vorstellung von dem, was sein Sohn Rahul trieb. Auch seine drei Brüder hatten sich allesamt der Musik verschrieben, und seine schöne Schwester trat gelegentlich, wenn auch nicht nur zur Freude der Familie, in Bollywood-Filmen auf, deren Produktionszentrum in Mumbai lag. Rahul war ein Einzelgänger und das Lieblingskind seiner Mutter. Da in seinem Umfeld niemand verstand, womit er seine Zeit verbrachte, störte ihn auch keiner. Er konnte seine Kreativität ungehindert ausleben. Als er plötzlich Geld zu verdienen begann, wuchs das Ansehen seiner Familie. Reichtum hatte sie nie wirklich beeindrucken können, wohl aber die Anerkennung, die damit verbunden war. Rahuls Erfolg machte sie stolz.

Doharty glaubte von sich sagen zu können, dass ihm nach all den Jahren im Umgang mit Verbrechern nichts Menschliches fremd war. Doch die Abgründe, die sich aufgetan hatten, nachdem sich der erste Nebel über den Finanzmärkten gelichtet hatte, übertrafen selbst seine erprobten Ermittlerfantasien bei Weitem. Es hatte ihn nicht überrascht, dass bald nach Metas ersten Hackeraktionen große Investmentbanken auf ihn aufmerksam geworden waren. Im Grunde war es eine Frage der Zeit. Sie hatten eine Geschäftsidee, er lieferte die Grundlage. Schon bald hatte er die Seiten gewechselt.

Sie hatten angefangen, Portfolios zusammenzustellen, um, zumindest nach außen, finanzielle Risiken durch Streuung zu senken. Dabei bündelten sie scheinbar lukrative Investments mit immer mehr Schrottanlagen. Als der Markt nicht mehr genügend gewinnträchtige Hypotheken hergab, hatten sie synthetische Portfolios, wie sie es nannten, entwickelt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste Meta wohl ins Spiel gekommen sein. Wenn Dohartys Vermutung stimmte, hatte er ein Programm entwickelt, das die Portfolios in ihre Einzelteile zerlegte und beliebig neu zusammensetzte, und das in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit, dass kaum jemand nachvollziehen konnte, wo bestimmte Investments geblieben waren. Ein Spiel ohne Grenzen, das, abgesehen von Meta, vermutlich nur die Banker durchschauten.

Noch perfider war, dass die Banker selbst damit begonnen hatten, gegen eigene Schrottportfolios zu wetten, bei denen die Risiken nicht nur außerordentlich hoch, sondern Verlustgeschäfte geradezu gesichert waren. Sie verkauften Schrott und verdienten an Wetten gegen diesen Schrott. Ob auch Meta, dank seines Insiderwissens, selbst in das Wettgeschäft eingestiegen war, war noch unklar. Sicher aber war, Meta hatte schneller als Doharty und andere Spezialisten erkannt: Was einem Unerfahrenen kompliziert oder gar unsinnig erscheinen mochte, war profitable Börsenlogik.

Seit einiger Zeit schon hatten ihn die Beamten von Scotland Yard im Visier. Solange er in Indien war, kamen sie kaum an ihn heran. Doharty nahm es mit walisischem Humor. »It’s a pity that we lost India.« Sein Standardspruch aus Kronkolonie-Zeiten schien sich wieder einmal zu bewahrheiten. Dann endlich kam die ersehnte Nachricht: Meta war auf dem Weg nach London. Hier, auf britischem Boden, wollten sie zuschlagen. Bereits eineinhalb Stunden vor der geplanten Landung der Maschine aus Mumbai oder Bombay, wie Doharty sich unbeirrt auszudrücken pflegte, postierten sich die Beamten um den Ausgang. Doharty fühlte sich zum ersten Mal seinem Ziel nahe. Eine Finanzkrise war keine Naturkatastrophe. Wer rechnete schon mit einem spuckenden Vulkan? Auch in London strahlte die Sonne an einem für die Jahreszeit geradezu makellosen Himmel. Nein, mit dem Vulkan hatte niemand rechnen können.

Doharty hatte schnell herausgefunden, dass die Maschine aus Bombay unplanmäßig in Frankfurt gelandet war. Er kramte aus den Tiefen seines Mantels ein zerknittertes Päckchen Zigaretten hervor. Sofort trafen ihn erbarmungslose Blicke der Umstehenden, als gäbe es mitten im Tanz um den Vulkan keine anderen Sorgen. Er war ständig dabei, sich das Rauchen abzugewöhnen, seit Jahren schon, wie er sich eingestehen musste. Aus der randvoll gefüllten linken Manteltasche steckte er sich ein Anti-Raucher-Kaugummi in den Mund. Es war sinnlos. Er ging nach draußen. Zum Nachdenken. Und zum Rauchen.

Meta war, so hoffte er zumindest, ein Gefangener der Situation im sicheren Frankfurter Transitbereich. Doharty hatte veranlasst, vorsichtshalber über jede Flugbewegung informiert zu werden. Er durfte Meta auf keinen Fall verpassen, nicht nur wegen der Finanzgeschichten. In knapp einem Monat war Metas Hochzeit, was er über einen schottischen Kollegen herausbekommen hatte, der zu seiner jährlichen Ayurveda-Kur in Goa weilte. Zwischen Abhyanga-Massagen und Pizzichil hatte er Kontakt zu dessen Freundeskreis aufgenommen. Wenn Meta ein Ehrenmann bleiben wollte, musste bis zur Hochzeit alles geregelt sein. Das war vermutlich auch allen übrigen Beteiligten klar. Doharty sah Meta in höchster Gefahr.

Dummerweise war die ganze Geschichte ans Licht gekommen, plötzlich und unerwartet. Nicht weil das Konzept Lücken aufwies, sondern weil im Zusammenhang mit der Finanzkrise andere plötzlich schlappmachten. Es amüsierte Doharty geradezu zu beobachten, mit welchem Aufwand die geschädigten Banken in dem unübersehbaren Zahlensalat globale Zusammenhänge bemühten. Die betrogenen Großanleger sahen die Entwicklung vermutlich weitaus weniger entspannt. Nach ihren gezielten Schwarzgeldtransaktionen würde es ihnen nur bedingt möglich sein, Wertpapierhändler und Finanzjongleure offiziell anzuprangern. Die mussten sie sich einzeln vorknöpfen. Anders die vielen normalen Leute, die auch mal ein wenig von der großen Sause hatten abbekommen wollen und nun dastanden mit ihren geplatzten Träumen, wütend, hilflos und erst einmal allein.

Meta war der Schlüssel zu all den ruinösen Deals, Meta hatte die Basis geschaffen. Doharty hatte keinen Zweifel, dass auch die Großanleger das inzwischen herausgefunden hatten. Die eigentliche Gefahr ging von ihnen aus. Unklar war, was genau sie in diesem Moment von dem Mann noch erwarteten.

Schon den ganzen Morgen über behielt er mit seinen scheinbar müden Augen den Ankunftsbereich im Blick. Nicht weil er hoffte, unerwartet auf Meta zu stoßen, sondern um zu sehen, ob vielleicht der eine oder andere ebenfalls auf ihn wartete. Leute, die Doharty möglicherweise kannte. Entdeckt hatte er niemanden. Er überlegte, ob es sich lohnte, in sein Büro zurückzufahren. Doch die Straßen waren schon jetzt mehr als gewöhnlich verstopft. Er sah sich hilflos in einem Stau eingeklemmt, genau in dem Moment, in dem sich am Himmel wieder etwas bewegte. Er zertrat seine Zigarette, zwängte sich durch die Drehtür zurück in das Flughafengebäude, zurück in die stickige Luft und die zunehmend aufgeheizte Stimmung. Doharty ging hinüber zum Büro von British Airways. Ohne Rücksicht auf gestresste Reisende drängelte er nach vorn, wählte einen erfahren wirkenden Mitarbeiter und bat höflich, aber unmissverständlich um Unterstützung. Zur Verdeutlichung schob er seinen Polizeiausweis hinterher. Der Mitarbeiter stellte sich taub, klopfte sich den Staub von seiner Uniformjacke und verwies auf den Andrang ratloser Passagiere. Er hatte nicht mit Dohartys Hartnäckigkeit gerechnet. Dessen Bitte wandelte sich in eine Forderung nach »Büro und Telefon« und dann noch nach einer Tasse Tee mit einem Tropfen Milch. »Die Rechnung schicken Sie bitte an Scotland Yard.« Wenn er sich ärgerte, stieg ihm die Röte ins Gesicht, und sein walisisches Blut pochte in den Adern. Er konnte jetzt keine Rücksicht nehmen. Er musste sichergehen. Er musste herausfinden, wo Meta sich befand. Er bekam seine Tasse Tee und noch einen Keks dazu.

Aufgrund der unübersichtlichen Lage dauerte es einige Zeit, bis es Doharty gelang, den Namen des zuständigen Beamten am Frankfurter Flughafen herauszufinden, einer Beamtin, um genau zu sein. Frau Irene Brandt, Brandt mit dt. Er hatte nichts Gutes erwartet. Ihre Reaktion war misstrauisch, genervt, belehrend.

Ob Doharty sein berechtigtes Interesse an dem Verbleib eines Passagiers indischer Staatsangehörigkeit nachweisen könne, fragte Frau Brandt mit dt. Da könnte schließlich jeder kommen. »Sie ahnen ja nicht, was sich die Leute in diesen Zeiten alles einfallen lassen.«

Und ob es überhaupt einen Fahndungsbefehl gebe. Ihr jedenfalls liege bislang nichts Entsprechendes vor. Überflüssigerweise fügte sie noch hinzu, eigentlich habe sie im Moment auch Wichtigeres zu tun, als gestrandete Passagiere aus Mumbai aufzuspüren.

Doharty schaute an die Decke. Die Jahre hatten graugelbe Spuren hinterlassen. Er hatte immer Schwierigkeiten mit deutschen Beamten und mit der deutschen Gründlichkeit sowieso. Seine Geduld war bereits auf eine harte Probe gestellt. Zu allem Überfluss überreichte ihm eine Bodenstewardess eine ausgedruckte E-Mail.

»Möchten Sie noch einen Tee?«, fragte sie mit einem angedeuteten Lächeln. »Ist vielleicht besser als die Nachricht.«

Doharty schüttelte den Kopf und legte seine Hand über den Hörer.

»Noch ein Cookie wäre gut«, sagte er.