Ein Fest ohne Segen - Christine Baral - E-Book

Ein Fest ohne Segen E-Book

Christine Baral

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Beschreibung

Erika Kessel, die patente Metzgereifachverkäuferin aus Drachstein mit einem Gespür für Menschen und ihre Schicksale, gerät mit einem Cateringauftrag für eine Konfirmation mächtig unter Druck. Denn nicht alle Gäste werden das Fest überleben ... Schon aus ganz eigenem Interesse, muss ihre „Soko Rosa“, die schon einmal einen hinterhältigen Mordfall aufgeklärt hat, wieder aktiviert werden. Ob der örtliche Polizeiposten sich diese Mitarbeit so einfach gefallen lässt, wenn Erika selbst unter Verdacht gerät? Und was tun, wenn auch noch ein Mitglied der skurrilen Privatermittler unfallbedingt ausfällt und zusätzliche Arbeit macht? Jetzt erst recht sind Erika und ihre Freunde wieder mit Leidenschaft und einem Gespür für versteckte Botschaften gefordert, zu ermitteln. Dabei stoßen sie auf lang gehütete Geheimnisse, die Schmerz und Unheil verursachen.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Autorin

Christine Baral

geboren 1957 in Pfullingen, ist in einer großen Pfarrersfamilie aufgewachsen. Sie ist verheiratet, lebt in Pfullingen und hat mittlerweile selbst eine große Familie mit Kindern und Enkelkindern.

Sie entdeckte das Krimi-Schreiben für sich, als ihr mit ihrer Berentung dafür neue Zeit geschenkt wurde. Zuvor arbeitete sie als Erzieherin und Diplom-Sozialpädagogin in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit. Ihr Interesse an Menschen, an ihren Lebensentwürfen und Schicksalen haben sie schon früh bewegt und waren ausschlaggebend bei der Wahl ihres Berufes.

Über viele Jahre waren neben der regelmäßigen Krimilektüre, auch schon als Jugendliche, die spannenden Lebensgeschichten von Frauen und Männern ein unverzichtbarer Lesestoff.

Die vielfältigen Lebenserfahrungen, gewonnen in der Familie, dem spannenden Beruf oder auf Reisen sind die Quellen der Geschichten, die Baral erzählen möchte und die mit viel Witz und Fantasie geschildert werden.

Diese Kombination aus Menschenkenntnis, Neugier und Krimispürsinn zeichnet auch Erika Kessel aus, die patente Metzgereifachverkäuferin aus Drachstein, die schon erfolgreich »Einer Spur aus Seide« gefolgt ist und nun als Freundin des Hauses in »Ein Fest ohne Segen« gerät, das sie erneut zu kriminalistischen Nachforschungen zwingt.

Titel

Christine Baral

EIN FEST OHNE SEGEN

Kriminalroman

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt auch an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oderverstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufälligund nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: ChatGPTGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Elga Lehari-ReichlingKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-204-3

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm: www.oertel-spoerer.de

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.«

Das »Amen« brachte Pfarrer Kuhn bei Dollys Konfirmandenessen nur noch mühsam über die Lippen, bevor er schweißüberströmt und röchelnd vom Stuhl fiel und leblos liegenblieb.

Entsetzt und geschockt blieben die Gäste einen Augenblick regungslos sitzen, als hätte man einen Film angehalten. Am schnellsten fasste sich Onkel Herbert, der Bruder von Dollys verstorbenem Großvater Klaus, ein medizinisch geschulter, erfahrener Krankenpfleger. Geübt überprüfte er, ob der Ehrengast noch Leben in sich hatte. Als er keinen Puls mehr fand, riss er dem Pfarrer das Hemd auf und versuchte mit einer Herzdruckmassage, ihn zu reanimieren. Jedoch ohne Erfolg, was er schließlich mit einem bedauernden Kopfschütteln anzeigte.

»Sag doch was, Herbert, was hat denn der Pfarrer, was ist mit ihm los?«, kreischte Charlotte und fiel neben den beiden auf die Knie.

Auch das Entsetzen der gerade noch feiernden und gut gelaunten Gäste war groß. Als der erste Schrecken nachließ, sprangen sie von ihren Stühlen auf, liefen kreuz und quer. Die Neugierigen und Mutigen näherten sich dem Pfarrer, um einen Blick auf ihn zu werfen. Die anderen verdrückten sich in den Vorraum und ins Freie, sie hielten sich an den Händen oder umarmten einander, um sich gegenseitig Halt zu geben.

Jetzt war der Augenblick gekommen, an dem Andi Kessel vom Freund der Familie und Dollys Gast in den Arbeitsmodus als Polizist des Drachsteiner Reviers wechselte. Nachdem er über 112 einen Notruf abgesetzt hatte, verständigte er seinen Chef Hubertus Wasser und seine Kollegin Sandra Schäfer, die beide zunächst mürrisch reagierten, als sie am helllichten Sonntag von ihrem Kollegen herbeizitiert wurden. Wasser pflegte an freien Sonntagen einen ausgiebigen Mittagsschlaf zu halten und die junge Kollegin hatte einen neuen Freund, mit dem sie unterwegs war, was immer sie mit dieser Bemerkung meinen mochte. Bei Andis Meldung »Der Pfarrer ist tot vom Stuhl gefallen« waren sie aber schlagartig auf Sendung und machten sich aus unterschiedlichen Richtungen so schnell wie möglich auf den Weg zur Volkshochschule.

Geistesgegenwärtig rief Erika auch gleich Dr. Niran Chakan an mit der dringenden Bitte, so schnell wie möglich zu kommen. Er war der neue Hausarzt in Drachstein. Hatte die Praxis vom alten Dr. Rotfuß übernommen, der es im Ruhestand vorzog, an den Bodensee zu ziehen, wo er seit vielen Jahren ein Segelboot liegen hatte.

Fast zeitgleich stürmten die Herbeigerufenen durch die bleich gewordene Gästeschar, die schnell ein Spalier bildete, das direkt zum Pfarrer am Boden führte. Dr. Chakan wies die Umstehenden an, sich in ein anderes Zimmer zu verziehen, damit er und die Polizisten ihre Arbeit aufnehmen könnten. Der angeforderte Notarzt war schon von Weitem zu hören und wenige Augenblicke später ebenfalls zur Unterstützung an der Seite des Kollegen.

»Mary, reiß dich zusammen, wir müssen jetzt das Heft in die Hand nehmen und uns um deine Mischpoke kümmern«, riss Erika ihre Freundin aus deren Schockstarre. »Dein verpeilter Jimi und die hysterische Charlotte sind ja völlig überfordert und Dolly ist verschwunden. Also kümmert sich niemand um die verstörten Gäste.«

»Was soll ich denn deiner Ansicht nach machen? Polonaise durchs Haus oder Linedance im Gymnastikraum?«, antwortete Mary schluchzend und sank Erika in die Arme. »Wie konnten wir denn nur in eine solch beschissene Lage kommen, Erika? Ich habe dich da hineingezogen an dem Tag, als ich auf der Friedhofsbank nahe Roses Grab ungeduldig auf dich gewartet habe.«

Marys Worte erinnerten auch ihre engste Freundin Erika wieder daran, wie alles angefangen hatte.

Mary saß damals unruhig auf einer Friedhofsbank mit Blick auf das Grab von Rose Siebenstein. An der Aufklärung ihres gewaltsamen Todes war sie zusammen mit Erika und ihrer einst spontan gegründeten Sonderkommission maßgeblich beteiligt gewesen. Nach der Trauerfeier für Rose war diese Bank nahe ihrer letzten Ruhestätte ein oft aufgesuchter Treffpunkt für sie und Erika geworden. Auch die anderen Mitglieder ihrer privaten Ermittlergruppe waren hier öfters anzutreffen.

Endlich hörte sie Erika näherkommen, die hatte sich verspätet. Der feine Kies unter ihren Füßen, der jeden ihrer schnellen Schritte knirschend begleitete, verriet ihr Ankommen und mit einem Plumps sank sie keuchend neben ihrer Freundin auf die Bank.

»Wo bleibst du denn heute, hat dich der schmucke Adrijan wieder aufgehalten?«

Erika schaute in Marys verkniffenes Gesicht und bekam einen ihrer berüchtigten Lachanfälle, begleitet von vielen Tränen und Schnäuzern. Seit in ihrer Landmetzgerei Grobmeyer, wo sie seit vielen Jahren als erste Fachkraft beschäftigt war, ihr Chef männliche Verstärkung eingestellt hatte, da ihre Stammkollegin Franziska in Elternzeit war, hatte sich Mary sehr verändert. Der schmucke Adrijan aus Kroatien hatte es ihr offensichtlich angetan.

»Jetzt sei doch nicht albern. Oder soll ich sagen eifersüchtig, meine Liebe! Eine aufwendige Bestellung für meinen Party-Service ist noch reingekommen. Da lasse ich mich doch nicht lumpen und gebe mein Bestes, gerade jetzt, wo ich noch im Aufbau meines Kundenstammes bin.«

»Du meinst wohl, Grobmayers Kundenstamm. Bis jetzt hast du ja die Metzge noch nicht übernommen, auch wenn du dich manchmal so anhörst.«

»Na, immerhin habe ich eine neue Aufgabe ergattert. Mary, du weißt doch am besten, wie mich meine Verkaufstätigkeit samt der Drachsteiner Fleisch- und Wurstfresser in letzter Zeit genervt haben. Nur noch halbtags deren Wünsche erfüllen zu müssen und ihre Gespräche zu ertragen, ist schon mal ein Anfang. Und die kreative Arbeit im Party-Service macht mir wirklich Spaß.«

»Ach Erika, ich habe dich mehr im Verdacht, dass deine Neugier Flügel bekommt, seit du in so viele Haushalte reinsiehst beim Auf- und Abbau deiner Wärmebehälter und dem Präsentieren deiner Köstlichkeiten. Ganz zu schweigen von den Beratungsgesprächen mit deinen Kundinnen und Kunden.«

»Jetzt lass mal den Quatsch mit meinem Party-Service und spuck aus, was du mit mir besprechen willst. Es gibt doch sicher eine Erklärung dafür, warum du heute so angespannt auf mich wirkst. Ich bin jetzt ganz Ohr, erzähle mir, was los ist.«

»Also, wie du mitbekommen hast, ist meine Enkelin Dolly ja Konfirmandin und das große Fest ist nicht mehr ferne. Ihr seid ja auch bereits eingeladen. Du kennst Dolly seit ihrer Geburt und kannst dir ausmalen, warum sie überhaupt ihrer Konfirmation zugestimmt hat. Es ist nicht die Auslegung der zehn Gebote oder die Bedeutung der Taufe, wie du dir denken kannst. Pfarrer Kuhn war kurz davor, ihre Einsegnung zu verweigern, weil sie so oft den Konfi-Unterricht geschwänzt hat. Eigentlich waren wir jetzt alle auf einem guten Weg Richtung Endspurt, wenn nur die heikle Bekleidungsfrage der Konfirmandin nicht neue Zerwürfnisse mit sich gebracht hätte. An ein hübsches Kleid war von Anfang an nicht zu denken, aber dass es jetzt eine schwarze Jeans, weiße Turnschuhe und ein enges Top geworden sind – Schwamm drüber. Viel schlimmer ist der Umstand, dass Dolly nicht mehr im ›Hirsch‹ feiern will, wie eigentlich geplant, sondern bei mir im Haus und im Garten, weil ich ja am meisten Platz hätte, so ihre Bitte.«

»Was ist denn passiert, dass sie plötzlich alles über den Haufen wirft?«

»Ihre derzeit größte Feindin Jenny feiert auch im ›Hirsch‹ und Marion Treiber hat entschieden, dass sich wir Römers und die Berstenfelders den Nebenraum teilen müssen. Als Wirtin kann sie ja einteilen, wie sie will. Sie sagt, von den angegebenen Personenzahlen gehe es nicht anders. Jedenfalls weigert sich Dolly nun und spricht plötzlich vom ›wichtigsten Tag‹ in ihrem bisherigen Leben, was natürlich ein Witz ist. Aber den möchte sie in ›harmonischer Umgebung‹ feiern, nämlich bei mir. Und weil es so ›Spitz auf Knopf‹ gestanden hat mit ihrer Zulassung zum Fest, hat sie jetzt auch noch Pfarrer Kuhn zu ihrer Feier eingeladen. Sozusagen als Wiedergutmachung. Und er hat schon zugesagt.«

»Was für ein Schlamassel, liebe Freundin. Manchmal hat es auch Vorteile, dass Andi und ich keine Kinder und Enkelkinder haben. Die können ganz schön übergriffig sein, wie man bei dir schon öfter hat feststellen können. Wie ich dich kenne, hast du dich breitschlagen lassen und brauchst jetzt meine Hilfe, stimmt’s?«

»Du weißt doch, wie lässig mein Jimi alles nimmt, der setzt Dolly als Vater in der Hinsicht keinerlei Grenzen. Dafür ist Mama Charlotte eine eifrige Kirchgängerin, die einzige in unserer Familie. Sie hat mich ebenfalls angefleht einzuspringen. Ob du es glaubst oder nicht, aber an einem Punkt bin ich hart geblieben: nicht in meinem Haus und Garten! Dafür habe ich meine Chefin bei der Volkshochschule überredet, dass wir den Raum nutzen dürfen, wo ich meine Sprachkurse abhalte. Der ist ideal. Es gibt eine große Profi-Küche, gute Sanitäranlagen und einen Tischkicker im Gymnastikraum, den dürfen wir auch nutzen. Ich bitte dich, Erika, dass du mit deinem Party-Service das Essen abdeckst mit allem, was dir Gutes und Schönes dazu einfällt. Es ist kurzfristig, ich weiß, aber – ich brauche deine Hilfe.«

»Hey, jetzt bin ich aber platt. Ein Großauftrag mit freien Gestaltungsmöglichkeiten wird mir nicht häufig angeboten. Da muss ich tatsächlich Überstunden und vielleicht eine Nachtschicht schieben, weil ich schon eine Anzahl anderer Aufträge angenommen habe. Aber ich kann dich ja nicht hängen lassen, was für eine Frage. Das wuppen wir schon irgendwie und vielleicht greift mir ja Adrijan unter die Arme«, entgegnete Erika mit einem Augenzwinkern.

Mary zwinkerte jetzt fröhlich zurück:

»Übrigens, Pfarrer Kuhn ist Veganer!«

Der evangelische Ortspfarrer hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, welcher Konfi-Familie er die Ehre geben würde mit seiner Teilnahme an ihrer Feier. Einladungen hatte er viele bekommen. Die Römers standen allerdings ganz hinten auf der Warteliste, wenn er die Kriterien Kirchenbesuch und Mitarbeit in der Gemeinde anlegen würde. Aber als unerschütterlicher Optimist glaubte er an die Veränderungskraft seiner Schäflein, an Umkehr und Reue – und nicht zuletzt an Wunder, das war schließlich sein Auftrag. Deshalb fiel seine Wahl auf sie, Dolly und die Römers, auch wenn die Konfirmandin ihn häufig zur Weißglut getrieben hatte.

Erfreulicherweise fand er sich nach dem anstrengenden Gottesdienst bei Tisch neben Dollys Mutter Charlotte Römer platziert, der einzigen Person im Raume, die er von ihren regelmäßigen Kirchgängen kannte. Sie lobte den schönen und festlichen Gottesdienst gebührend und hob seine gute und wertvolle Predigt besonders hervor, was ihn natürlich erfreute. Schließlich hatte er viel Arbeit in die Ausbildung seiner Konfirmanden und Konfirmandinnen gesteckt, was insbesondere von Dolly so gar nicht gewürdigt worden war. Umso mehr hatte ihn ihre warmherzige Einladung erstaunt. Da die Gelegenheit günstig war, ließ er es sich nicht nehmen, ein Tischgebet zu sprechen, bevor die Suppen serviert wurden. Dabei bemerkte er gar nicht, dass die Festgesellschaft davon eher peinlich berührt schien, denn mit ihm im Gebet vereint.

Die Suppe und der Hauptgang, beides wie gewünscht vegan, schmeckten Pfarrer Kuhn wunderbar.

Da habe die patente Erika Kessel ja richtig gezaubert, lobte Pfarrer Kuhn seine Gerichte, wie sich Charlotte Römer später im Gespräch mit Mary erinnerte. Sie habe ihm auch noch andächtig gelauscht, bis er nach seinem »Lasset uns beten« vom Stuhl fiel und das Fest ins Chaos stürzte.

Jetzt haben wir uns alles so schön ausgedacht und die letzten drei Wochen wie verrückt für dieses Fest geackert – und nun ist alles schief gegangen«, jammerte Mary. »Warum hat Dolly bloß Pfarrer Kuhn eingeladen, wo sie ihn doch gar nicht mochte? Sicher war das wieder so ein Ding zwischen ihr und Jenny nach dem Motto ›Wer kriegt den Pfarrer?‹ Leider hat er ihre scheinheilige Einladung spontan angenommen, warum auch immer. Aber sicher war er im Nachhinein erleichtert zu hören, dass die Feier plötzlich nicht im ›Hirsch‹ stattfinden wird, wo Albert den Kochlöffel schwingt, sondern in die Volkshochschule verlegt wurde mit dir als Küchenchefin. Ich schätze, es stimmte ihn froh, dass er für seinen selbstlosen Einsatz wenigstens auf ein gutes Essen von dir hoffen konnte. Ich habe nämlich mal gehört, dass Alberts Ambitionen bei vegetarischen Gerichten aufhören und Veganer nur Salat und eine der üblichen Beilagen angeboten bekommen. Das wusste Pfarrer Kuhn sicher aus leidvoller Erfahrung.«

»Du redest echt Unsinn, liebe Freundin, so kenne ich dich gar nicht, das ist doch alles nicht wichtig. Jetzt lass mich mal los und versammle deine Familie und eure Gäste um dich. Ich frage erst mal den Revierchef, ob wir die verstörten Gäste an einen anderen Ort bringen können«, griff Erika ein.

Sie ging zu Hubertus Wasser, der ein paar Meter weiter im Nachbarraum damit beschäftigt war, Pfarrer Kuhn und die beiden sich um ihn kümmernden Ärzte abzuschirmen. Die Wiederbelebungsversuche des Notarztes waren vergeblich geblieben. Offensichtlich hatte Onkel Herbert von Anfang an richtig gelegen mit seiner Einschätzung, »dass da nichts mehr zu machen ist«. Nun aber versuchten die beiden Mediziner herauszufinden, an was der arme Pfarrer denn gestorben war.

»Hubertus, darf ich dich kurz stören? Ist es in Ordnung, wenn wir die Gäste zu Chet in seine Kellerbar bringen, falls wir ihn erreichen und er zustimmt?«

»Ja, Erika. Mary und ihre Familie können das organisieren. Sie stehen uns hier nur im Weg herum und ich weiß nicht, was mich mehr stört: die Neugierigen oder die Heulsusen. Andi kennt ja alle persönlich, so können wir sie jederzeit einzeln befragen, falls sich hier Ungereimtheiten auftun sollten. Macht mir auf jeden Fall eine Gästeliste mit den Kontaktdaten, dann können sie abziehen.«

Erika dankte Hubertus Wasser und kehrte zu Mary zurück.

»Mary, du kannst Chet jetzt fragen, ob du mit deiner gerupften Festgesellschaft in seine Kellerbar umziehen darfst. Er gehört doch sowieso zur Wahlverwandtschaft, seit wir ihn in unsere Soko zur Aufklärung von Roses Tod aufgenommen haben. Wenn er zu Hause ist, wird er uns nicht hängenlassen. Zumal ja nicht zu übersehen ist, wie sehr er dich mag.«

Kurze Zeit später war mit Burkhard Strewe, so sein richtiger Name, alles abgesprochen. Dass er nicht zu Dollys Konfi-Feier eingeladen war, wurmte ihn überhaupt nicht. Schließlich kannte er von dieser Familie nur Mary und deren Sohn Jimi, der die Soko-Gruppe schon öfter mal chauffiert hatte.

»Zum Glück ist er ein echter Praktiker, ohne viel Getue drumherum, er hat zugesagt«, atmete Mary jetzt durch.

»Ich bleibe erst mal hier, Mary, mach du dich jetzt auf den Weg. Das Abendessen ist ja sowieso noch im Kühlraum beim Grobmayer, das bringe ich später zu Chet. Ich harre hier noch aus, um zu sehen, was ich tun und helfen kann. Außerdem räume ich auf, so gut es eben geht. Den Rest machen wir heute Abend, wenn alle Gäste weg sind.«

Erika suchte Andi, um ihn zu informieren, was sie eben mit Mary und Chet abgesprochen hatte. Er stand mit etwas Abstand zum auf dem Boden liegenden Pfarrer. Ihr fuhr der Schreck in die Glieder, als sie hörte, wie Dr. Chakan zu seinem Kollegen sagte:

»Ich kann keine eindeutige Todesursache feststellen. Vieles spricht für einen Herzinfarkt, aber Pfarrer Kuhn war mein Patient und nicht herzkrank, deshalb ordne ich eine Obduktion an.«

Der ihr unbekannte Notarzt nickte dazu und packte nebenher seinen Notfallkoffer wieder ein.

»Ich muss weiter, werde aber die Kollegen informieren, dass sie heute noch einen Zugang bekommen. Hat denn schon jemand seine Familie informiert?«

»Er ist verwitwet und seine Tochter samt Schwiegersohn und Enkelkinder leben in Uganda. Sie sind dort in einem Entwicklungshilfeprojekt der evangelischen Kirche beschäftigt«, wusste Hubertus Wasser zu berichten. »Wir können also den örtlichen Bestatter rufen und ihn überführen lassen.«

»Müssten wir nicht wenigstens ein Gebet sprechen oder etwas Ähnliches, bevor er abgeholt wird?«, gab Sandra Schäfer zu bedenken. »Er ist immerhin ein Pfarrer. Als meine Oma starb, hat er sie ausgesegnet, bevor sie endgültig abgeholt wurde. Das hätte er doch auch verdient.«

»Möchte dieses Amt hier jemand übernehmen? Charlotte ist nicht mehr da, die wäre vielleicht in Frage gekommen, wenn sie ihre Nerven im Griff gehabt hätte. Aber ich habe sie die ganze Zeit nur laut weinen und wehklagen gehört, bis die Gruppe von dannen zog«, erwiderte Andi seiner Kollegin.

»Andi, ich bin nicht bibelfest, aber ich habe trotzdem kein gutes Gefühl dabei, ihn ohne Segen einfach so vom Beerdigungsinstitut ›Lorbeer und Kranz‹ einpacken zu lassen«, beharrte Sandra Schäfer, »deshalb rufe ich jetzt Pastor Regenfeld von der katholischen Kirche an. Die beiden haben ja auch bei Roses Beerdigung zusammengearbeitet in trauter christlicher Einigkeit, er wird uns sicher weiterhelfen.«

Tatsächlich ließ sich der katholische Gemeindehirte nicht lange bitten, er eilte in die Volkshochschule und segnete erschüttert seinen Amtskollegen in gelebter Ökumene, bevor dessen Leichnam von den Mitarbeitern des Beerdigungsinstituts mitgenommen wurde.

Nachdem das Leichenauto mit dem Pfarrer abgefahren war, wollte Erika sich auf den Weg zu Chet machen, um zu erfahren, ob denn noch Interesse an ihrem vorbereiteten Abendessen bestehe oder sich die Gäste längst in alle Richtungen davongemacht hatten.

Doch zu ihrem Ärger und Erstaunen wurde sie daran gehindert, den Schauplatz zu verlassen, und zwar von Hubertus Wasser.

»Halt, Erika, hiergeblieben, wir sichern jetzt zusammen Beweismittel, man weiß ja nie!«

»Was meinst du denn mit Beweismitteln, Hubertus? Andi, komm doch mal her, was meint er denn?«

»Erika, jetzt bleib mal ruhig und mach hier nicht gleich auf Panik. Was Hubertus – und ich übrigens auch – also, was wir meinen, ist Folgendes: Pfarrer Kuhn wird obduziert, weil die Ärzte keine eindeutige Todesursache feststellen konnten. Wir vermuten natürlich irgendetwas mit dem Herz, aber wissen tun wir es nicht. Falls sich aber herausstellen sollte, dass unser Geistlicher keines natürlichen Todes gestorben ist – Gott bewahre –, dann könnte ja eine mögliche Todesursache Gift sein. Und wie kommt Gift häufig in ein Opfer?«

»Du glaubst doch nicht etwa über das Essen. Mein Essen? Ja, spinnst du denn?«

»Hör mir auf mit Glauben, Erika. Das passt sonst bei den Ermittlungen auch nicht und heute ist Glauben ganz besonders unpassend. Ich ordne die Beweissicherung auch zu deinem Schutz an«, erläuterte Hubertus nun in fast väterlichem Ton sein Vorgehen. »Angenommen, Pfarrer Kuhn ist tatsächlich vergiftet worden und in allen deinen Speiseresten findet sich keine tödliche Substanz, dann bist du doch aus dem Schneider.«

»Und was ist, wenn sich etwas findet?«, erkundigte sich Erika mit leiser Stimme nun leichenblass.

»Dann müssen wir herausfinden, wer sich an deinem Essen zu schaffen gemacht hat und warum.«

Sandra Schäfer hatte zwischenzeitlich aus dem Streifenwagen ein Bündel Beweismitteltütchen geholt, die von ihr akribisch beschriftet wurden. Sie befüllte die Tüten mit Proben aller angebotenen Speisen, nicht nur der veganen, unter der Aufsicht ihres Chefs und der verstörten Erika. Da die Getränke aus original verpackten Flaschen ausgeschenkt worden waren und Pfarrer Kuhn nur stilles Wasser getrunken hatte, wurde von diesem Gebinde noch eine Flasche mitgenommen, dann war die Spurensicherung abgeschlossen und Erika konnte ihrer Wege gehen.

Zu einem innerfamiliären Austausch mit Andi kam es zunächst nicht, obwohl Erika großen Redebedarf hatte. Aber ihr Gatte war augenscheinlich unabkömmlich, vielleicht wollte er in dieser heiklen Angelegenheit auch betont professionell wirken bei seinem Team, wer wusste das schon. Jedenfalls machte er keine Anstalten, ihr nach draußen zu folgen.

Nun direkt zu Chet zu eilen, war für Erika keine Option, obwohl sie gerade jetzt den Beistand ihrer besten Freundin gebraucht hätte. Aber Mary war ja beschäftigt mit ihren Konfi-Gästen, um das Römer’sche Familienfest noch irgendwie zu retten. Wenn dort jetzt noch obendrein bekannt würde, dass möglicherweise Gift zu Pfarrer Kuhns Ableben geführt hatte und von allen Speisen Proben gesichert worden waren, konnte sie die Massenpanik und Hysterie voraussehen. Schließlich war die ganze Mary-Verwandtschaft ja bekannt für starke Emotionalität.

Ihre geliebte Augsburger-Hühnerschar hatte da schon bessere Nerven. Mit ihnen konnte sie in jeder Lebenslage Zwiesprache halten – so auch heute. Und die schwarz gefiederten Damen zeigten ihr mit eifrigem Kopfnicken an, dass jedes ihrer Worte bei ihnen gut aufgehoben war. Lange hielt die Ruhe im Garten beim Hühnerstall allerdings nicht an, denn Mary ließ nicht locker mit Anrufen auf ihrem Handy.

»Wo bleibst du denn, Erika? Wir warten alle auf dich und deinen Grobmayer-Kastenwagen, gefüllt mit den vorbereiteten Platten und Salaten für das Abendessen.«

»Das ist nicht dein Ernst. Sind die alle noch da und gewillt, zu schlemmen und zu futtern, nach allem, was passiert ist?«

»Aber ja, die Römers sind gute Esser und von einer Konfirmation geht man doch nicht ohne Abendessen heim, nur weil der Pfarrer mit einem Herzinfarkt vom Stuhl gefallen ist.«

Beim Abendessen wurde Erika ausgerechnet zwischen Ursula und Berthold Wagenklein platziert, nachdem sie das vorbereitete kalte Büfett aus dem Grobmayer-Kühlraum abgeholt und auf einem schnell herbeigezauberten Biertisch aufgebaut hatte.

»Tante Uschi« und »Onkel Berti« waren berüchtigt bei den Römers, Charlotte hatte sie beigesteuert – Uschi war ihre Schwester. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Uschi ihrem Ruf gerecht wurde und an dem Abendessen herumnörgelte.

»Erika, erst der Ärger mit dem hinfälligen Pfarrer und jetzt ist auch noch der Schichtsalat mit Mayonnaise und nicht mit fettarmem Joghurt angemacht. Und welche Platte ist die mit Putenwurst? Du weißt doch, ich esse kein Schwein«, jammerte es zu ihrer Linken.

»Jetzt lass mal deinen Beruf stecken, Ursula, und entspann dich. Du kannst morgen wieder als unbeliebte Krankenschwester in deiner Adipositas-Klinik am Bodensee Kalorien zählen, aber heute ist ein Fest, genieße es doch einfach mal«, wehrte Erika alle Detailfragen ab.

Berthold Wagenklein hörte ihr dabei bewundernd zu. Er war an einem Gymnasium Deutschlehrer, ebenfalls am Bodensee in Lindau. Das gab ihm eine gewisse Tagesfreizeit, um ab und zu in eines der guten Gasthäuser abzutauchen und dort zu schlemmen, ohne dass es seine Uschi mitbekam. In seiner Freizeit züchtete er sehr erfolgreich Wasserschnecken, aber glücklicherweise ging er mit seinem Thema nicht ständig allen auf die Nerven. Seine Leidenschaft spielte sich eher im Stillen ab.

Dolly war glücklicherweise auch wieder aufgetaucht, ihr Bruder Johnny hatte den richtigen Riecher gehabt, wo seine kleine Schwester stecken könnte.

Er hatte sich mit seinem Roller Richtung Skaterbahn am Ortsrand aufgemacht. Dort verbrachte Dolly viel Zeit mit ihren Freundinnen und Kumpeln, da sie eine geschickte Skaterin war und viel übte.