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Am 1. Advent taucht ein fremder Besucher im Gottesdienst auf. Es geschehen seltsame Dinge. Die einen sprechen von Wundern, andere von Zufall, Glück oder Manipulation. Viele halten den Fremden gar für Jesus Christus, der wiedergekommen ist. Am 2. Advent werden Menschen verändert. Ein Verbrecher stellt sich. Eine Frau bricht ihren Suizidversuch ab ... Immer wieder ist der Fremde beteiligt. Jens Jahnke beschließt, der Sache nachzugehen und darüber zu berichten. Wer ist der fremde Gast? Ob Jesus statt in Jerusalem in der Lüneburger Heide und ausgerechnet im kleinen Dorf Himmelstal wiederkommt? Oder ist alles nur ein äußerst geschickter Betrug? Begleiten Sie den Reporter auf seiner spannenden und oft auch humorvollen Suche nach der Wahrheit im Advent.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2025
Hermann Brünjes
ein fremder Gast
Jens Jahnke Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
ein fremder Gast
Mittwoch, 26.11.
Sonntag, 30.11. (1. Advent)
Montag, 1.12.
Dienstag, 2.12.
Freitag, 5.12.
Samstag, 6.12.
Sonntag, 7.12. (2.Advent)
Montag, 8.12.
Dienstag, 9.12.
Mittwoch, 10.12.
Donnerstag, 11.12.
Samstag, 13.12.
Sonntag, 14.12. (3. Advent)
Montag, 15.12.
Mittwoch, 17.12.
Donnerstag, 18.12.
Freitag, 19.12.
Sonntag, 21.12. (4. Advent)
Autor, Hinweise zum Buch und weitere Bücher
Impressum neobooks
Jens Jahnke-Roman
Hermann Brünjes
Gewidmet
jenen Menschen in Dorf und Region,
die sich mit der christlichen Botschaft vom Advent und dem Kommen Jesu in unsere Welt offen auseinandersetzen,
für die Zweifler und Fragenden,
die Kritiker und Suchenden.
Danke.
1. Auflage 10/2025
Verlag: neobooks/epubli
Kontakt: [email protected]
Info: www.hermann-bruenjes.de
Umschlag, Texte, Fotos © Hermann Brünjes
„Wir werden landesweit im Spiegel erwähnt!“
Steini, unser allseits unbeliebter Sportredakteur, grinst einmal in die Runde. Dass ausgerechnet er den Spiegel liest, kann ich kaum glauben. Aber tatsächlich hält er die letzte Ausgabe des intellektuell anspruchsvollen Magazins hoch und tippt auf eine Stelle auf einer der hinteren Seiten.
Elske schaltet am schnellsten. Meine blonde Lieblingskollegin aus dem schönen Ostfriesland scheint sich im Spiegel auszukennen.
„Das ist der Hohl-Spiegel! Da macht sich der Spiegel über Meldungen aus anderen Medien lustig!“
„Genau. Und diesmal über uns!“ Steini grinst und reicht das Blatt an Florian Heitmann, unseren Chef, weiter.
Der füllt mit seiner massigen Gestalt die Stirnseite des Redaktionstisches aus, hält den Spiegel jetzt in seinen mächtigen Pranken, liest und kräuselt missfallend die Stirn.
„Ist ja nicht gerade schmeichelhaft!“ meint er mürrisch und reicht das Magazin an mich weiter.
Mir fällt zuerst eine kleine farbige Anzeige ins Auge: „Handy kaputt, kein Problem. Jetzt anrufen!“ Häh? Wie soll das gehen ohne Handy? Da hat der Spiegel also ein kleines Beispiel für den alltäglichen Unsinn in den Printmedien präsentiert! Gratuliere. Gleich darunter steht die Meldung, um die es hier jetzt geht:
„Eine evangelische Kirchengemeinde wirbt im örtlichen Kreisblatt:
‚Jesus Christus wird am 1. Advent im Abendgottesdienst der Himmelstaler Gemeinde um 18 Uhr erwartet. Kommen auch Sie und begegnen Sie ihm persönlich.‘“
Noch während ich lese, meint Florian abfällig: „Was kann man schon von dem Verein erwarten. Niemand geht mehr hin und nun versuchen sie es wie so viele andere mit platten Fake-News. Jesus kommt! Welch ein Quatsch!“
Wir alle im Team wissen, dass unser Chef schlecht auf Kirche und allem, was damit zu tun hat, zu sprechen ist.
Während einer feucht-fröhlichen Betriebsfeier hatte Florian mir nicht nur das ‚du‘ angeboten, sondern unter beträchtlichem Alkoholeinfluss auch verraten, dass er vor seiner Journalistenlaufbahn einige Semester Theologie studiert hat. Er hatte also eine große Nähe zu all dem – aber dann muss irgendetwas vorgefallen sein, von dem wir bis heute nicht wissen, was es war. Florian hat eine Kehrtwende hingelegt, sein Theologie-Studium abgebrochen und sich dem Journalismus zugewandt. Auch später, als er Redakteur bei der BILD-Zeitung war, sind Kirche und Christen wie alles andere ‚Religiöse‘ in seinen Beiträgen extrem schlecht weggekommen. Bis heute liebt er es, ironische oder sarkastische Bemerkungen über alles zu machen, was damit zusammenhängt.
Jetzt also stimmt er mit dem von ihm sonst immer als ‚links‘ verachteten Spiegel überein: Die Meldung, dass man Jesus Christus im Gottesdienst antrifft, ist ‚Quatsch‘ und läuft unter ‚Fake News‘ und weltfremdem kirchlichem Werbetrick, um ein paar mehr Leute in die Kirche zu kriegen.
Ich sage lieber nichts, sondern reiche Elske die Zeitschrift weiter. Sie liest und lacht.
„Aber das ist doch originell!“ Wie immer begegnet Elske Neuem offen und positiv. „Die Himmelstaler haben es eben einfach drauf! Sie werben mit dem, was sie erwarten!“
„So ein Blödsinn. Selbst die Himmelstaler werden ja wohl nicht erwarten, dass Jesus Christus persönlich und leibhaftig in ihrer Kirche auftaucht, oder? Das kann und wird ja bestenfalls im übertragenen Sinn gemeint sein.“
Florian widerspricht Elske äußerst selten. Er hat einen Narren an ihr gefressen, gibt ihr als Medienbeauftragte große Freiheiten und lässt sich von ihr nicht selten sogar etwas sagen. Nun jedoch scheint sie ihm zu weit zu gehen. Er schüttelt energisch mit dem Kopf.
Steini, der mit Nachnamen ’Stein‘ heißt und dessen Vornamen kaum noch jemand in der Redaktion kennt, fühlt sich von Florian bestätigt und schmiert unserem Chef zudem gerne etwas Honig um den Bart.
„Chef, ich finde es peinlich, dass wir im Hohlspiegel zitiert werden. Wer hat denn bloß diesen Schwachsinn in unsere Zeitung aufgenommen?“
Ben zuckt sichtbar zusammen.
Seit einem Jahr ist der junge, sportlich wirkende Mann zusammen mit Tamara nicht mehr Volontär bei uns, sondern beide sind als Lokalredakteure übernommen worden.
„Das war ich!“ bekennt er. „Wir haben vom Himmelstaler Pastor diese Meldung bekommen und ich habe sie abdrucken lassen. Ja, das war ich.“ Jetzt finde ich ihn wirklich mutig und freue mich über sein deutlich gewachsenes Selbstbewusstsein.
„Aber wie konntest du diesen Unfug in Druck geben?“ Steini schaut Ben provokativ an.
„Ich fand, es war ein pfiffiger Werbegag, um Leute in die Kirche zu bringen. Wir drucken doch sonst auch alles Mögliche ab, was Veranstalter ihren potenziellen Besuchern und Kunden versprechen!“
„Aber doch nicht, dass Jesus persönlich kommt!“ Florian schüttelt mit dem Kopf. „Wie sollen wir denn jetzt mit diesem Spott im Spiegel umgehen? Er trifft ja nicht nur die Kirchengemeinde, sondern auch uns als Zeitung!“
Schweigen.
Florian schaut mich an, dann unseren Juristen Dr. Mayer.
Der zuckt mit den Schultern und meint trocken: „Ein juristisches Problem sehe ich da nicht!“
Elske rettet die Situation. Ein Leuchten geht über ihr hübsches Gesicht und ihre blauen Augen strahlen.
„Ich finde, wir sollten es nicht einfach auf sich beruhen lassen. Als kleines Provinzblatt sollten wir dem großen Spiegel Paroli bieten!“
„Wie meinst du das? Wir machen uns doch nur lächerlich!“
„Davor habe ich keine Angst. Jens hat in den letzten Jahren immer wieder über kirchliche Feste geschrieben. Das ist doch gut angekommen. Warum also sollen wir nicht auch den ‚Advent‘ mal in Blick nehmen. Soweit ich weiß, haben wir die vier Wochen vor Weihnachten bisher noch nicht gesondert thematisiert.“
Ich finde die Idee gut.
„Was Elske da anregt, finde ich prima. Diese kurze Werbung für den Abendgottesdienst bezieht sich auf den 1. Advent. Mit ‚Advent‘ verbinden die Christen das Kommen Jesu. Naja, und in der Einladung hat Pastor Hans Werner aus Himmelstal dieses Thema dann ja wohl wörtlich aufgenommen …“
Steini grinst mich an. „Dann sollte außer Jesus doch auch unser Starreporter Jens Jahnke in diesem Gottesdienst auftauchen! So kannst du aus erster Hand und als Zeitzeuge der Wiederkunft Jesu eine deiner heißen Stories draus machen.“
Ich gehe auf seine ständige Rivalität mit mir nicht ein.
Elske jedoch nutzt den Vorschlag unseres Kollegen: „Genau. Jens sollte über den Gottesdienst berichten und dabei das Thema Advent aufnehmen. Er kann das, ohne fromm und allzu religiös zu klingen. Zudem vermute ich, dass viele unserer Leserinnen und Leser die tiefere Bedeutung von Advent gar nicht kennen. Da nehmen wir auch gleich unseren Bildungsauftrag als Lokalzeitung ernst.“
Florian nickt. „Okay, Elske. Wie ich schon sagte: Das ‚Jesus persönlich begegnen‘ ist natürlich im übertragenen Sinn zu verstehen! Aber ich verstehe schon: Als in Ostfriesland engagierte Christin nutzt du jede Gelegenheit, unsere Zeitgenossen über deinen Glauben aufzuklären.“
Er lacht, sein mächtiger Oberkörper vibriert dabei und er erinnert mich an eine Skulptur vom lachenden Buddha, die ich in Worpswede bewundert habe.
„Okay. Jens hat aus den kirchlichen Themen immer wieder auch aktuelle Stories herausgeholt und am Ende hingen sie sogar mit Kriminalfällen zusammen. Wer weiß …“
„Mach dir mal diesmal keine Hoffnungen, Florian.“ Ich sehe mich genötigt, meinen Chef zu bremsen. „Gut, ich werde hingehen, von diesem Gottesdienst berichten und den Leuten erklären, worum es bei ‚Advent‘ geht. Erwarte aber keine dicke Story mit Mord und Totschlag!“
Steini will noch etwas sagen und vermutlich einen seiner Sprüche raushauen. Florian wischt es mit einer Handbewegung seiner Bärenpranke zur Seite.
„Gut, also Jens macht es! Kommen wir nun zu wichtigeren Themen …“
Die Redaktionssitzung verläuft wie immer. Wir diskutieren unsere Themen und verteilen Aufgaben und Termine.
*
„Den Gag mit der Ankündigung, dass man Jesus in Himmelstal im Gottesdienst antrifft, fand ich echt genial!“
Elske beugt sich über ihren duftenden Gewürztee und rührt etwas braunen Zucker hinein. Meine Kollegin und ich sitzen wie so oft am Mittwoch nach der Redaktionssitzung bei ‚unserem‘ Inder in der Stadtmitte. Die großen Fenster geben den Blick auf einen der schönsten Plätze der Kreisstadt preis. Nun allerdings wirkt er wenig einladend. Wenn man überhaupt einen Menschen sieht, dann hastet er gebeugt und in Regenzeug gehüllt über den Platz und sucht Schutz im Wind-schatten der Geschäfte entlang der Hauptstraße. Die letzten Blätter der Bäume entlang der Straße werden von heftigen kalten Windböen von ihren Zweigen gefegt und wirbeln halt- und heimatlos über das nasse Pflaster, bis sie sich irgendwo in einem Beet zwischen Gräsern und Büschen verfangen.
Wir haben, schön im Warmen und zudem in sehr angenehmem Ambiente sitzend, gerade einen leckeren Mittagstisch genossen. Es riecht nach Gewürzen, warmem Essen und eben nach indischer Küche. Der junge Kellner Shiva Kumar, Sohn des pakistanischen Betreibers dieses Restaurants, hat abgeräumt und Elske zuvor noch einen Chai und mir einen ganz und gar nicht indischen Cappuccino serviert.
„Ich auch,“ gehe ich auf Elskes Votum ein. „Soweit ich mich auskenne, soll Jesus im Gottesdienst ja tatsächlich anwesend sein. Wie heißt es doch in der Bibel? ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen!“
„Mensch, Jens! Vor Jahren habe ich dich als ‚Lüneburger Heiden‘ kennengelernt, nun zitierst du Bibelsprüche!“
„Kein Wunder, wenn man in schlechte Gesellschaft gerät!“
Ich grinse, Elske lacht.
„Mit schlechte Gesellschaft meinst du aber ja nicht mich – oder doch?“
Sie weiß sehr wohl, dass auch sie viel dazu beigetragen hat, dass ich mich dem christlichen Glauben geöffnet habe. Durch eine wirklich unglaubliche Geschichte hatte ich vor fünf Jahren meine jetzige Lebensgefährtin Maren Bender kennengelernt. Ihr Mann Oliver war wegen eines Herzinfarktes gestorben und auf dem Himmelstaler Friedhof beigesetzt worden. Nach drei Tagen jedoch war er plötzlich wieder lebendig aufgetaucht. Ich habe damals wegen dieser ‚Auferstehung‘ recherchiert und davon berichtet. Wir sind im Zusammenhang damit auf Geheimnisse gestoßen, die wir am Ende nicht zufriedenstellend lösen konnten. Damals hat sich meine junge Kollegin Elske als äußerst hilfreich bei der Interpretation biblischer Texte und christlicher Aussagen erwiesen. Sie war in Ostfriesland als entschiedene Christin aktiv in der evangelischen Jugendarbeit. Ihren Glauben trägt sie nicht offensiv missionierend vor sich her, hält damit aber auch nicht hinter den Berg, wenn sie darauf angesprochen wird.
Zusammen mit Maren und Himmelstaler Gemeindegliedern hat Elske mich dank guter Argumente und glaubhafter Lebensweise immer näher an den Glauben herangeführt. Zwar bin ich bis heute ein notorischer Zweifler, aber eben einer, der vermutlich mehr auf Gott vertraut, als er offen zugibt.
„Na ja, du bist an meiner inzwischen etwas besseren Kenntnis von Bibel und Glauben ja nicht gerade unschuldig!“
Wieder lacht sie. „Danke, also bist du in guter Gesellschaft, nicht in schlechter! Wie aber willst du nun vorgehen?“
„Wie, vorgehen? Ganz einfach. Ich gehe am Sonntag in Himmelstal in diesen Gottesdienst und schaue, ob Jesus wie angekündigt auch kommt.“
„Super! Und woran erkennst du ihn? Willst du die Narben in seinen Händen sehen? Oder meinst du, er trägt ein Kreuz mit sich herum und eine Dornenkrone?“
Wie immer versteht es meine Kollegin, einfache und doch unbequeme Fragen zu stellen.
„Keine Ahnung. Ich denke, in der Bibel steht, dass man bei Jesu Wiederkunft keine Fragen mehr stellen wird, sondern er für alle sofort erkennbar ist.“
„Stimmt. Das steht dort mit Blick auf das durch Jesu Wiederkunft eingeleitete Ende der Welt. Alle Welt wird ihn dann erkennen. Er wird sich unzweifelhaft allen zeigen. Aber was, wenn er vorher schon mal guckt …“
„Wie meinst du das denn? Warum sollte er vorher gucken kommen?“
„Keine Ahnung. Ich jedenfalls würde mir meine Schäfchen erst noch einmal ansehen, bevor ich mich zu erkennen gebe. So jedenfalls mache ich es immer wieder mal, wenn Florian mich nach Hannover in den Landtag oder zur Messe schickt. Ich schaue mir erst mal alles an, checke die Möglichkeiten – und dann gebe ich mich als Delegierte unserer Zeitung aus.“
„Und du meinst, Jesus checkt uns erst mal ab und erst später offenbart er sich als von Gott delegiert?“
„So ähnlich.“ Sie lacht. „Ich gebe ja zu, das steht so nicht direkt in der Bibel. Aber manchmal hört es sich so an: Bevor Gott sein Urteil spricht, schaut er, wie wir gelebt haben und wie sich unsere Beziehung zu ihm ausgewirkt hat.“
„Puh, da kriegt man ja Angst! Jesus Undercover – das klingt für mich ziemlich bedrohlich. Aber es stimmt. Wenn ich Gott wäre, würde ich es auch so machen. Bevor es zum großen Knall kommt, würde ich noch mal gründlich die Lage checken.“
Elske grinst und nickt. „Siehst du. Wir sind uns also einig. Wenn Jesus in Himmelstal auftaucht, dann Undercover!“
„Dann passt auch deine Frage: Woran erkenne ich ihn?“
„Eben! Du wirst dich ganz schön ins Zeug legen müssen.“ Nun prostet sie mir mit dem letzten Schluck von ihrem Tee zu. „Aber Jens, du schaffst das schon! Wenn du ihn nicht im Gottesdienst findest, wird er dich finden. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel!“
Was auch immer Elske meint, es ist mehrdeutig und tiefsinnig. Ich werde am Sonntag daran denken!
„Ich gestehe, ich bin ein bisschen aufgeregt.“
Maren und ich sind auf dem Weg in die Kirche. Von ihrem Haus, das ich seit fast vier Jahren nun auch mein Zuhause nenne, sind es nur acht Minuten Fußweg. Es nieselt, ist nasskalt und auch die Lichterketten und Sterne an Häusern und in Gärten können so etwas wie Adventsstimmung nicht vermitteln. Maren hat ihre lockigen braunen Haare wie sich selbst in ein weites Regencape gehüllt, ich versuche uns zusätzlich mit einem Regenschirm zu schützen.
„Verstehe ich. Du bist ja auch mit beteiligt, wenn Jesus heute seinen großen Auftritt bei euch hat.“
„Spotte nicht, du Heide! Jesus ist immer da, wenn wir Gottesdienst feiern und zusammen sind. Deshalb hat Pastor Werner in seiner Einladung schon die richtigen Worte gewählt!“
„Wir werden sehen …“ Natürlich wissen wir beide, dass die Anwesenheit des dreifaltigen Gottes im Gottesdienst spirituell zu verstehen ist, nicht leiblich, wie die Anzeige suggeriert. Trotzdem bin ich gespannt. Der Gottesdienst wurde von einem kleinen Team vorbereitet, zu dem auch meine Liebste gehört. Sie wird ein ‚Statement‘ über ihren Glauben zum Besten geben. Wir singen Adventslieder, junge Leute haben eine Lesung und die Gebete übernommen und Pastor Hans Werner will predigen. Soweit hat mir Maren verraten, was mich erwartet. Dass ich Jesus leiblich begegnen und ihn sehen werde, kann ich mir nicht vorstellen!
Ich schüttle den Schirm aus und betrete den Kirchenraum. Mariele, unsere langjährige Küsterin, verteilt Liedzettel und einen Flyer. Sie nimmt mir den Schirm ab und stellt ihn geöffnet in den Zugang zum Turm. Maren und ich schieben uns in eine Reihe im mittleren Bereich. Es ist das erste Mal seit langem, dass ich wieder im Gottesdienst bin. Zwischenzeitlich war die alte Feldsteinkirche gesperrt worden, da Statiker aus Hannover den Deckenbalken nicht mehr vertrauten.
Nach einigen hundert Jahren war ihnen wohl zufällig aufgefallen, dass diese durchhängen. Jetzt hat man provisorisch unter jeden der Balken eine Stütze gesetzt. Es sieht nicht nur schlimm aus, sondern die Reihe der Stützbalken wirkt wie ein Gitter, das die linken von den rechten Schafen und Böcken trennt, um einen biblischen Text zum Endgericht Gottes über uns Menschen zu bemühen. Wir sitzen rechts.
Ob die Ankündigung, dass Jesus persönlich kommt, neue Leute in die Kirche gelockt hat, kann ich nicht beurteilen. Viele sind es jedenfalls nicht.
Die treuen Gemeindeglieder sitzen auf ihren Stammplätzen. Kojak identifiziere ich sofort, leuchtet doch seine Glatze, als wolle sie die wegen des Deckenproblems abgehängten Kronleuchter ersetzen. Kurt Adam ist weit über achtzig und ein toller Mann, der sich ein Leben lang für die Kirche und das Dorf Himmelstal engagiert hat. Seinen Spitznamen hat er wegen seiner Glatze in Anlehnung an eine alte amerikanische Krimiserie bekommen. Neben ihm sitzt Irene, eine ebenso treue Seele. Sie kennt im Dorf jeden und jede, den neusten Klatsch und die ältesten Geschichten. Gegenüber, vermutlich auch inhaltlich sehr anders gepolt als die beiden, entdecke ich den alten Walter Hamburger mit seiner Frau. Wegen seines langen weißen Bartes nennen wir ihn heimlich Rübezahl. Ich habe ihn extrem lange nicht mehr gesehen und freue mich, dass er wohlauf ist. Wir grüßen einander mit einem kurzen, freundlichen Nicken. Jeder in Himmelstal weiß, dass Rübezahl die lutherische Kirchengemeinde für zu weltlich hält und Pastor Hans Werner für zu liberal. Seit in dieser Kirche weltliche Musik gespielt und sogar eine Zauberkünstlerin aufgetreten ist, hat sich Walter jedenfalls deutlich abgegrenzt. Er ist ein Original, ein ganz besonderer Typ – wenn er sich auch ziemlich isoliert und seine Frömmigkeit extrem ‚speziell‘ daherkommt.
Hendrik Meier ist noch da. Er ist unser Bestatter und sitzt neben Enno Diekmann, dem Chef der Freiwilligen Feuerwehr. Dass diese beiden im Gottesdienst sind, könnte an der besonderen Einladung liegen. Sonst habe ich sie hier jedenfalls nur selten gesehen.
Zwei Kirchenvorsteher, eine junge Frau und ein altes Ehepaar von einem Bauernhof kenne ich noch etwas. Sie sitzen links von uns hinter den Stützpfeilern. In einer der Bänke dort sitzen auch zwei alte Damen aus der Seniorenresidenz im Dorf. Eine hat ihren Gehwagen im Gang geparkt.
Auch der Leiter vom Tagungshaus ist da. Er heißt Theo Beyer und hat seine Lebensgefährtin, eine hübsche, langhaarige Brünette mitgebracht. Sie habe ich bisher noch nicht kennengelernt, aber Maren kennt sie etwas. In der ersten Reihe vorne ordnet Pastor Werner seine Unterlagen und scheint sich seine Predigt noch einmal anzuschauen. Am E-Piano vor ihm sitzt ein Musiker, den ich zwar schon mal gesehen habe, aber nicht kenne. Er ist ein extrem gewichtiger Mann mit jugendlichem Gesicht. Nun spielt er eine Improvisation von ‚Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer.‘ Es klingt ein bisschen nach ‚Kraut und Rüben‘, was aber an meiner musikalischen Beschränktheit liegen mag.
Der Gottesdienst ist damit eröffnet.
Hinter uns sitzen noch vier oder fünf Erwachsene und vier Konfirmanden, die erstaunlich konzentriert bei der Sache sind. Kein Tuscheln, kein Stören, … vermutlich unterstellt man der ‚heutigen Jugend‘ deutlich mehr Negatives, als sie es wirklich verdient hat. Mit dabei ist ein Nachbarskind. Kalle ist der Sohn von Julius Spiekermann, dem Sprecher der Polizeidirektion Lüneburg.
Mariele, Küsterin und Lektorin zugleich, geht ans Lesepult.
„Schön, dass ihr hier seid!“ sagt sie strahlend und beugt sich Richtung Mikrophon. „Ihr habt es ja vielleicht in der Zeitung gelesen: Wir feiern heute den 1.Advent. Wir erwarten Jesus Christus in diesem Gottesdienst. Jesus kommt! Ja, er ist Weihnachten gekommen und er kommt wieder. Und er hat uns versprochen, dass er da ist, wo wir in seinem Namen zusammenkommen. Dies ist nun der Fall. Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“
Hinter uns klappt die Tür. Ein kalter Luftzug strömt über unsere Köpfe hinweg. Verstohlen schaue ich mich um.
Ein Mann kommt herein, einer den ich noch nie gesehen habe. Er ist schlank, trägt einen dunkelblauen Parka, hat einen Kinnbart und sich die Kapuze über den Kopf gezogen. Mehr kann ich auf die Schnelle nicht erkennen. Der Mann schließt leise die Tür und setzt sich ziemlich weit nach hinten.
Ich stoße Maren an und zeige mit dem Kopf in Richtung Neuankömmling. „Ist er das? Jesus?“
Sie wirf einen kurzen Blick nach hinten. „Wer weiß!“
Nun wird das erste gemeinsame Lied angestimmt.
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“
Da kann sogar ich als Kirchenferner mitsingen! Am Adventskranz, der vorne neben dem Lesepult aufgestellt ist, brennt eine dicke Kerze. Auch die Osterkerze und die Altarkerzen verbreiten ihr warmes Licht und die Kronleuchter verleihen dem Raum etwas Festliches. Während des Singens kommt erstmals so etwas wie Adventsstimmung auf, finde ich.
Nun ist Maren dran. Sie geht nach vorn und lächelt.
„Ich habe mich bereiterklärt, ein Statement zu geben,“ beginnt sie. „Vor Leuten zu stehen und zu reden, bin ich nicht gewohnt. Aber ich versuche es mal.“
Ich schaue dezent zur Seite. Maren hat die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden. Sie hat ihr Regencape auf der Bank liegenlassen und steht nun in heller Bluse und weit geschnittener dunkler Hose vor uns. Ihre schulterlangen braunen Haare, die noch immer leicht gebräunte Haut und die braunen Augen vermitteln Geborgenheit und ihre ruhige Stimme Vertrauen.
„Wie ihr wisst, ist mein Mann Oliver vor fünf Jahren gestorben. Bis heute erzählt man sich bei uns in Himmelstal die Geschichte von seiner Auferstehung. Ich weiß, dass die meisten von uns das nicht glauben können oder wollen. Aber ich selbst, Jens und ja auch einige andere haben ihn gesehen. Dass er nicht ewig leben würde, war klar. Aber dieses Ereignis damals war für mich ein klarer Beleg: Gott ist aktiv unter uns. Er hat wirklich alle Macht und kann sogar vom Tod erretten. Für mich ist die Ankündigung, die wir in die Zeitung gesetzt haben, deshalb kein ‚Fake‘, wie man heute sagt.“
Sie lächelt wie eine Siegerin. „Ich bin sicher, dass Jesus hier und heute unter uns ist. Wenn nicht leiblich, so ist er doch im Geiste hier. Aber wer weiß – vielleicht lebt er ja auch in uns.“
Maren schaut von einem zum anderen. „Vielleicht lebt er ja in dir, Irene oder in dir, Kurt. Jens, womöglich begegnet uns Jesus auch in dir, oder in Mariele, unserer Küsterin. Oder in euch Konfis oder eben in einem oder einer anderen von uns.“
Ihr Blick gleitet über unsere Köpfe hinweg. Dann verharrt er an einer Stelle. Es scheint, sie schaut jetzt den zuletzt gekommenen schmächtigen Mann an. Einen Namen nennt sie nicht. Ich vermute also, der Mann ist wirklich fremd hier, sonst würde Maren ihn kennen. Sie nickt in seine Richtung und lächelt. Dann meint sie nur noch: „In wem auch immer, ich denke, dass Jesus jetzt definitiv persönlich hier ist.“
Sie setzt sich wieder.
Es ist still in der Kirche.
Marens Worte klingen offenbar noch nach. Jesus in uns.
Das kann ich sogar etwas nachvollziehen. Der ‚Gott in uns‘ ist meines Wissens eines der Grundmotive von Religion. Wenn es stimmt, würde das manches verändern. Ich könnte mich selbst anders verstehen. In mir würden göttliche Möglichkeiten schlummern, die es zu wecken gilt. Ich wäre nicht hilflos, sondern Gott in mir könnte viel an mir und auch durch mich bewegen! Hört sich gut an. Auch die Menschen um mich herum bekämen eine neue Bedeutung: Wenn mir in Hendrik oder Enno oder Kojak oder Irene oder in all den anderen Jesus begegnet, dann wäre ein respektvoller Umgang mit ihnen das Mindeste. Ja, so ein kleiner Satz wie „Jesus oder Gott in uns“ hat es in sich.
Wieder singen wir. Diesmal ist es ein modernes Adventslied, ein Kanon. „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.“ Es klingt etwas mickrig, obwohl sich alle Mühe geben. Der Versuch des stämmigen Kantors, mit uns einen dreistimmigen Kanon zu singen, scheitert kläglich.
Pastor Werner predigt. Wie immer gefällt mir, was er sagt. Natürlich geht es um den Advent und die Frage, was es bedeutet, wenn Jesus wirklich wiederkommt.
„‘Eschatologie‘ nennen wir Theologen das,“ erklärt der Geistliche. Dann erläutert er uns die Zusammenhänge: Gott ist in Jesus von Nazareth vor über 2.025 Jahren auf die Welt gekommen. Das war das erste Mal. Die Adventszeit wird seitdem als Vorbereitung auf Weihnachten gefeiert. Wir erinnern uns an Jesu erstes Kommen. Er hat uns gezeigt, wie und wer Gott ist. Gott ist Liebe. Also hat Jesus mit uns Menschen alles geteilt, selbst Leiden und Sterben. Dann hat er den Tod überwunden. Dies war und ist sein alles entscheidender Beitrag zum Leben! Als Auferstandener ist er nun immer und überall zugleich gegenwärtig. Das ist die zweite Bedeutung von Advent: Jesus ist da. Jetzt und hier! Es gibt auf der ganzen Welt keine gottlosen Orte und Zeiten mehr. Ob hier bei uns im friedlichen Gottesdienst oder bei den Hungernden im Gazastreifen oder den von Krieg und Angst gebeutelten Menschen in der Ukraine – Gott ist da und steht uns Menschen zur Seite.
Der Pastor macht eine Pause und schaut in die Runde. Auch sein Blick bleibt beim fremden Gast ganz hinten in der Kirche auffallend lange hängen. Dann nickt er und lächelt.
„Ja, Advent bedeutet, dass Jesus da ist. Jetzt und hier. Aber es bedeutet auch, dass er wiederkommt. Wir wissen nicht, wann. Es kann im nächsten Jahrhundert sein, aber auch morgen oder schon heute. Gewiss ist: Jesus kommt!“
Beim ‚heute‘ schaut Pastor Werner wieder in Richtung des Mannes hinter uns. So, als ob er seine Reaktion testen will …
Dann predigt er weiter und erklärt, was solche Hoffnung bedeutet. Er spricht von gegenwärtiger und von zukünftiger Eschatologie, vom Ende der Welt und der Wiederkunft Jesu. Mir ist das alles inzwischen bekannt, haben wir uns doch vor Jahren mit einer Endzeitsekte aus dem Nachbardorf herumschlagen müssen. Damals wollten christliche Extremisten die Wiederkunft Jesu herbeizwingen, indem sie die ‚Zeichen der Endzeit‘ selbst inszenierten. Waldbrand, Explosionen und Verseuchung des Trinkwassers – nichts war ihnen heilig. Das alles kenne ich also.
Ich höre jedoch nicht mehr richtig zu.
Mein Blick fällt auf den Flyer, den wir am Eingang bekommen haben. Unter dem Foto einer roten Kerze mit kunstvoll löchrigem Wachsrand steht ‚Advent - Jesus kommt‘, dann folgt zunächst eine Frage: ‚Was bedeutet es für dich, wenn Jesus kommt?‘ Richtig, das ist auch die Frage in der Predigt. Ich überfliege den Text darunter. Er gibt in Kürze wieder, was Pastor Werner gerade erklärt. Ich fühle mich seltsam aufgeregt und gelassen zugleich.
Irgendetwas in diesem Gottesdienst ist anders als sonst.
Mir geht dieser Fremde in der Bank hinter uns nicht aus dem Sinn. Wer ist das? Warum haben Maren und Pastor Werner ihn so seltsam angesehen? Es ist, als beeinflusse dieser Mann den Gottesdienst, auch wenn er mit keinem Wort und in keiner Funktion daran beteiligt ist …
In der Schlussphase kann ich den fremden Gast endlich etwas genauer betrachten. Wir werden nach vorn zum Altar gebeten. Wer mag, kann dort eine dünne, lange Kerze anzünden, für ein persönliches Anliegen beten und auf Gottes Hilfe hoffen. Der erste, der kommt, ist jener fremde Gast. Es wirkt, als habe er es eilig. Mit leicht schlurfendem Gang kommt er nach vorn, nimmt sich eine Kerze, entzündet sie an der bereitgestellten Osterkerze und steckt sie in die Schale mit Sand, die auf dem Altar steht. Dann betet er still und geht zur Seite.
Auch ich gehe nach vorn.
Ich nehme gleich zwei Kerzen. Eine zünde ich für Marens Tochter an. Caren kommt als Alleinerziehende mit ihrem Geld nicht aus. Jetzt hat sie nicht genug, um Brunos Klavierlehrer zu bezahlen. Also hat sie ihren Sohn abmelden müssen. Ich zünde eine Kerze für Caren und Bruno an.
Die zweite verbinde ich mit einem Gebet um Frieden in der Ukraine und in Gaza. Ich weiß, dafür brennen viele Kerzen. Vielleicht nützt es ja etwas!
Nach dem Gebet gehe ich zurück auf meinen Platz.
Nun erst bemerke ich, dass der Fremde dies nicht gemacht hat. Er steht direkt neben dem Altar und beobachtet die Leute, wie sie ihre Kerzen anzünden und beten. Ich habe nicht genau hingeschaut, aber ich glaube, alle nehmen das Angebot wahr.
Die Augen halb geschlossen, offenbar auch selbst im Gebet versunken, scheint der Fremde jede und jeden im Gebet zu unterstützen. Ich habe es zwar nicht gemerkt, aber auch während ich betete, stand er schon dort.
Der Fremde wirkt wie ein Mann, der nicht auffallen will. Gekleidet ist er wie viele im Alter um die fünfzig mit Jeans, Sneakers mit weißen Sohlen und dunklem Parka-Anorak.
Weder ist er auffällig gestylt, noch wirkt er verwahrlost. Sein Kinnbart weist erste graue Haare auf. Seine Kapuze hat er zurückgeklappt und man sieht sein lockiges, nur wenig angegrautes dunkles Haar über einer hohen Stirn. Zwar hält er den Blick gesenkt, gelegentlich sehe ich aber doch seine Augen. Sie sind dunkel, vermutlich braun oder schwarz wie die vieler Südländer. Seine Nase ist leicht gekrümmt. Der Mann könnte Syrer sein oder von anderer arabischer Herkunft.
Ob es ein Flüchtling ist, der sich in unsere Provinz verirrt hat? Oder ein Gast bei einer Himmelstaler Familie? Vielleicht gehört er zu den aus dem Osten zugezogenen Katholiken, die in den Zaun ihres Hauses einen Marienschrein integriert haben. Oder er wohnt in der neusten Siedlung im Norden des Dorfes. Hat man sich früher im Dorf noch gekannt, tauchen in Himmelstal immer mehr Leute auf, die hier während der Woche nur schlafen und in Hamburg oder wo auch immer arbeiten. Oder ist der Mann zu Gast im Tagungshaus gegenüber der Kirche? Auch das ist möglich, kommen dorthin doch viele Fremde. Es ist allerdings Sonntagabend. In der Regel reisen die Gruppen am Sonntag nach dem Mittagessen wieder ab. Zudem scheint auch Theo den Mann nicht zu kennen.
Während er noch dort neben dem Altar steht und betend die Leute an sich vorbeiziehen lässt, beobachte ich jene, die zurück zu ihrem Platz gehen. Spätestens, bevor sie sich wieder hinsetzen, werfen fast alle einen kurzen Blick auf den Fremden. So unauffällig der sich auch gibt, so sehr fällt er auf. Auch Pastor Hans Werner ganz vorn fixiert den Mann, wirkt skeptisch. Immer mehr Kerzen leuchten im Korb vor dem Altar.
Zwar sind wir alles in allem nur etwa zwanzig Leute im Gottesdienst, einige mögen jedoch wie ich auch mehrere Kerzen entzündet haben. Wie viele Gebete mögen gen Himmel gestiegen sein? Was mögen sie alle gebetet und wofür vor Gott eingetreten sein? Wieviel Leid und wieviel Ohnmacht wurde in den etwa fünfzehn Minuten, die dieser Gebetsteil im Gottesdienst einnahm, freigesetzt? Für mich war es neben dem Statement Marens jedenfalls der Höhepunkt der Veranstaltung.
Als Enno, der sich als Letzter aufgerafft hat, nach vorn zu gehen und eine Kerze anzuzünden, zurück zu seinem Platz geht, verlässt auch der fremde Gast den Altarraum und nimmt hinten wieder Platz.
Noch ein Lied, ein vorformuliertes Fürbittengebet, das Vaterunser im Stehen und der Segen vom Pastor und der Gottesdienst ist vorbei.
Ich beeile mich, will einige Leute interviewen, allen voran den Fremden. Pastor Werner steht am Ausgang und verabschiedet die Gemeinde. Maren klönt noch mit der jungen Frau, die hinter uns saß und aus einem kleinen Nachbarort kommt. Die Konfirmanden lassen sich von einer Kirchenvorsteherin eine Unterschrift geben und die Teilnahme am Gottesdienst bestätigen. Der Weg nach draußen stockt. Als ich bei Hans Werner ankomme und ihm die Hand reiche, ist der Fremde bereits verschwunden.
Immerhin bleiben noch einige vor der Kirche stehen. Es hat aufgehört zu nieseln und auch der Wind hat nachgelassen. Ich frage Theo, ob der fremde Mann Gast im Tagungshaus ist. Er verneint, weiß aber sofort, von wem ich rede.
Auch Irene kennt den Mann nicht.
Enno hat meine Frage nach dem Fremden mitgekriegt.
„Vielleicht war es ja Jesus!“ meint er lachend in Richtung Pastor Werner, der am Ausgang weiter Hände schüttelt. „Ihr habt doch in die Zeitung geschrieben, dass Jesus heute Abend hier ist.“
Rübezahl, auch in der Runde, hebt seinen knochigen Zeigefinger. „Damit macht man keine Scherze!“ Er wirkt verärgert.
„Spottet meiner nicht, spricht der Herr.“ Wo das steht, sagt er nicht, aber es klingt biblisch und bedrohlich.
„Blödsinn. Wenn wir überlegen, wer der fremde Besucher war, wird niemand verspottet. Aber Jesus war es jedenfalls nicht.“ Kojak scheint sich seiner Sache sicher zu sein.
„Warum nicht, Kurt? Woher willst du wissen, dass es nicht Jesus war. Vielleicht hat Gott unsere Anzeige gelesen und wollte mal schauen, wer wir hier in Himmelstal so sind.“
Ich muss über Irenes Fantasie schmunzeln. Wenn nicht nur der Spiegel, sondern sogar Gott im Himmel unser Käseblatt liest, dann sollten wir unsere Artikel deutlich sorgfältiger korrigieren und vor allem noch gründlicher recherchieren! Für unsere Marketingabteilung wäre das natürlich der Jackpot: Lest KB – selbst Gott ist Abonnent und Jesus liest das Kreisblatt!
Gerade will ich etwas sagen, da gibt Kojak Irene Kontra: „Irene, so ein Blödsinn! In der Bibel steht zwar, dass Jesus unversehens wiederkommt ‚wie ein Dieb in der Nacht‘ und man ihn nicht sofort erkennt. Aber es steht dort auch, dass er erst dann wiederkommt, wenn alles vollendet ist.“
Ich finde beachtlich, wie sich diese treuen Kirchenleute in der Bibel auskennen. Kojak jedenfalls lässt sich nicht von Gerüchten leiten – auch nicht von religiösen.
„Und woher willst du wissen, wann alles vollendet ist? Vielleicht hat Gott inzwischen genug von uns Menschen. Wir machen die Erde kaputt, bekriegen uns gegenseitig und wollen von Gott und Jesus nichts mehr wissen. Meinst du nicht, dass es inzwischen nicht nur uns normalen Bürgern reicht, sondern auch Gott? Irgendwann wird auch seine Geduld mit uns ein Ende finden.“ Irene kann sich richtig in Rage reden. „Oder meinst du, ‚vollendet‘ bedeutet, alles auf dieser Welt wird gut werden? Alle Menschen werden Brüder und Friede, Freude und Freiheit vollenden Gottes Plan? Da kannst du und da kann selbst Gott aber lange warten!“
Kojak schüttelt mit dem Kopf, sagt jedoch nichts.
„Wir alle sind nur arme Sünder. Wenn Jesus wiederkommt, dann ganz sicher zum Gericht. So steht es in der Schrift!“ Immerhin Rübezahl weiß genau, wie es läuft, wenn Jesus kommt.
„Es wird dann die Posaune erschallen und der Herr richtet die Welt. Wie böse sie ist, hat Irene ja eben ganz richtig beschrieben. Dazu kommt noch der Unglaube und die Gottlosigkeit der Menschen – ja, auch und besonders hier in Himmelstal!“ Rübezahls Angriff auf uns alle ist das, was wir von ihm schon kennen.
Aber Himmelstal schlägt zurück, immer!
„Okay, dann war dies jedenfalls nicht Jesus.“ Hendrik, bekanntermaßen Himmelstaler Patriot, mischt sich erstmals ein.
„Ich habe ein E-Piano gehört und keine Posaune, es kann also noch nicht das Endgericht gewesen sein, Walter. Und der Mann sah auch nicht aus wie ein Richter. Er hat uns alle dort beim Anzünden der Kerzen zugeschaut und sah eher aus, als ob er für uns und unsere Anliegen mitbetet.“
„Ja, den Eindruck hatte ich auch. Fast schien es, als habe der Mann uns alle beim Beten unterstützen wollen.“
Irene gibt damit auch meinen Eindruck wieder. Der fremde Gast war nicht Jesus – aber es war offenbar doch jemand, der für alle gebetet hat, die im Symbol der Kerze und in ihren Gebeten ein Anliegen zum Himmel geschickt haben.
Schade nur, dass der Mann sofort wieder verschwunden war. Ich hätte ihn gerne interviewt.
Maren kommt jetzt aus der Kirche.
„Wollen wir gehen? Mir ist kalt und ich will noch den Film gucken.“ So schnell hat uns der Alltag wieder.
Mir bleibt nichts übrig, als mich hastig von den anderen zu verabschieden. Mir fällt unser Schirm wieder ein. Ich hole ihn aus der Kirche und folge Maren dann Richtung ‚warm und gemütlich‘.
Kurz hinter dem Tagungshaus hole ich meine Liebste ein.
„Na, du hast es ja eilig! Nur weil du fernsehen willst? So kenne ich dich ja gar nicht.“
Maren nimmt meinen Arm. „Gut, dass du mich kennst.“ Ich wundere mich, sage aber nichts. „Du hast recht. Ich will nicht wegen des Films nach Hause, sondern weil ich keine Lust habe, dass die Sache mit Jesus zerredet wird.“
„Du meinst das Nachdenken, ob er eben im Gottesdienst war? Und wer von uns es war?“
„Genau. Niemand denkt nun noch darüber nach, ob Gott ihm vielleicht in seinem Nachbarn begegnet. Dabei wäre doch dies so wichtig für uns und unser Zusammenleben. Aber nun, da bin ich mir sicher, reden alle nur über diesen fremden Mann, der als letzter kam und als erster ging.“
„Das stimmt. Vor der Kirche wurde tatsächlich vor allem über ihn geredet – und natürlich über Jesu Wiederkunft.“
„Klar, die Himmelstaler! Sie haben viel Fantasie.“
„Aber auch du hast doch diesen Mann während deines wirklich tollen Statements auffallend lange angeschaut.“
Maren schaut nun mich an.
„Das ist dir aufgefallen? Sorry. Ja, ich gebe es zu, er hatte etwas Besonderes, gerade auf dem Hintergrund unseres Werbe-Gags mit dem ‚Jesus kommt nach Himmelstal‘. Wir alle neigen offenbar dazu, uns von solchen Vorgaben beeinflussen zu lassen.“
„Du meinst, wir geben etwas vor und suchen dann die Bestätigung dessen, was wir selbst vorgegeben haben?“
„So ähnlich. Sich selbst erfüllende Prophezeiung könnte man es vielleicht nennen. Oder auch Suggestion. Wir sehen, was wir sehen wollen.“
„Und heute wollten wir Jesus sehen – und haben ihn in dem Mann, der so lange neben dem Altar stand, dann auch wirklich gesehen?“
„So ähnlich, ja.“
Wir biegen nun in unsere kleine Straße ein und sind fast am Haus. Den Busch neben unserer Haustür hat Maren mit einer Lichterkette geschmückt und im Fenster brennt eine Kerze. Es sieht adventlich aus, heimelig.
„Aber wäre das Gleiche dann nicht auch der Fall, wenn wir Jesus in unseren Mitmenschen sehen und entdecken? Oder wenn ich sage: Gott lebt in mir. Auch da würden wir doch etwas sehen und dann für wahr-nehmen, was wir vorher als Glaubensaussage definiert und vorgegeben haben.“
Dank Bewegungsmelder geht das Licht neben der Haustür an. Maren nestelt ihren Schlüssel aus der Manteltasche. Sie kennt meinen kritischen Geist und kann damit umgehen.
„Stimmt. So kann man den Glauben zuletzt immer hinterfragen. Entscheidend wird allerdings sein, was hinten rauskommt. Nicht, was wir an Vorstellungen und Erklärungen vorgeben, entscheidet über die Wahrheit, sondern was sich dann ereignet und wie es sich positiv und hilfreich ins Leben umsetzt, was wir glauben.“
Oh Maren, manchmal wird aus der meist pragmatischen Krankenschwester eine tiefsinnige Philosophin.
Als sie die Haustür öffnet, umfängt uns eine angenehme Wärme. Es riecht ein bisschen nach Feuer und Rauch. Ich schließe die Tür und wir entledigen uns der Regen- und Winterkleidung.
„Das muss ich erst einmal sacken lassen, Maren. Aber egal, ob und was wir uns ausmalen – ich finde, dieser Typ von heute war interessant.“
„Das stimmt allemal!“
Meine Liebste stellt sich vor unseren Kamin, den ich schon heute Nachmittag angefeuert hatte, und wärmt sich auf.
„Aber auch hier gilt: Was kommt hinten raus? Was trägt diese Begegnung heute für unseren Alltag aus? Was bewegt sich, wird besser, heilt aus, versöhnt oder klärt sich einfach nur auf. Wir werden sehen!“
*
Während Maren schon vor dem Fernseher sitzt, hocke ich im Kellerbüro vor meinem Laptop und überlege, was ich in den Artikel schreibe. Mir fällt deutlich zu wenig ein. Wir haben zum Glück nicht vereinbart, wann in der Adventszeit der Artikel erscheint. Vielleicht tut sich ja noch etwas. Ich denke, zumindest mit Pastor Werner sollte ich noch sprechen.
Wenn Maren recht hat, wäre ja auch erst einmal ‚abwarten‘ angesagt. Auch im Sinne von Advent als gewissermaßen klassische Wartezeit …
Ich gehe meine Aufgaben für nächste Woche durch. Zwischen den polizeilichen Meldungen vom Samstag finde ich den Hinweis, dass im Altenheim Himmelstal eine Person vermisst wird. Am Samstagmorgen hat der 85jährige Hermann Hofmeister noch sein Frühstück bekommen. Am Nachmittag stand das Essen unberührt in seinem Zimmer und der demente alte Herr war spurlos verschwunden.
Damit werde ich morgen früh beginnen.
Das Altenheim liegt am Rand unseres Dorfes. Sein Garten grenzt an Wiesen, auf denen im Sommer Pferde laufen. Jetzt wirkt die Umgebung des Heimes trostlos, zumal die Gebäude daneben ungepflegt und heruntergekommen sind. Hochgeschossenes Unkraut kommt mit dem Winter offenbar leichter zurecht als Büsche, Bäume, Blumen und Zierpflanzen.
Ich stelle mein Fahrrad in den dafür vorgesehenen Ständer und klingle an der Flügeltür vom Haupteingang. Eine junge, etwas mollige Frau öffnet. Ich stelle mich vor und nenne mein Anliegen.
„Wegen Hermann sind Sie hier! Das ist gut. Vielleicht finden wir ihn ja über die Presse.“
Sie öffnet und eine mittelgroße Eingangshalle liegt vor mir. Vier weißhaarige Frauen hantieren mit ihren Rollatoren oder ziehen sich gerade Regenkleidung an. Sie bereiten sich offenbar auf einen Spaziergang vor. Die beiden alten Damen von gestern aus dem Gottesdienst sind auch dabei.
Die Pflegerin, die mir geöffnet hat, hilft den Alten. „Heute ist es zwar kalt, aber immerhin trocken,“ meint sie. „Da hält unsere Damen nichts in ihren Zimmern! ‚Rolliade‘ nennen die alten Sportskanonen ihren Ausflug.“
Sie lacht und die Damen lachen mit. „So ist es! Wir gehen einmal quer durchs Dorf. Zwischendrin ruhen wir uns irgendwo aus und klönen. Medaillen gibt es natürlich keine.“
Die Frau schaut mich an und erkennt mich nun. „Ah, Sie waren gestern doch auch im Gottesdienst und saßen rechts von Gundel und mir. Ich bin Beate Hoffmann.“
Etwas zitternd reicht mir die noch recht fitte und stämmige Mittachtzigerin ihre Hand. Sie scheint die Wortführerin der Rolliade-Truppe zu sein. Ja, ich habe die Clique im Vorbeifahren schon gesehen: Die Damen saßen irgendwo unter einem Carport oder in der Bushaltestelle auf ihren Rollatoren, schauten Vorbeikommenden hinterher und lachten.
Ich fand es lustig: Traf sich dort früher die Dorfjugend mit ihren Fahrrädern, sind es heute die Alten aus der Seniorenresidenz mit ihren Rollatoren und Gehstöcken.
„Es stimmt. Ich habe Sie beide gestern auch bemerkt. Sie sind ja wirklich noch fit,“ sage ich anerkennend.
