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„Ein ganz heißes Ding“ ist ein Hauptstadtkrimi. In ihm treffen nicht nur die Kleinen auf die Großen der Politik, hier prallen ebenso die Kompetenzen der Ermittlungen aufeinander, wie auch die Interessen der unscheinbaren Gauner auf die der gewieften Ganoven. Was für die einen die Portokasse ist, bedeutet für die anderen die Altersversorgung, aber letztendlich geht es für alle nur ums eins … um Geld. Als Grassi und Jens den Kiosk am Breslauer Platz in Berlin-Friedenau knacken ist das für sie Routine. Aber dann eskalieren die Ereignisse und es wird für sie „Ein ganz heißes Ding“
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Nachts sind alle Katzen grau …
Nichts ist wie vorher – aber alles wie immer …
Das gleiche, ist nicht dasselbe …
Kleinvieh macht auch Mist - manchmal doppelt …
Locken machen aus einem Wolf kein Schaf …
Erichs Lampenladen - ein Schnäppchen …
Karten werden neu gemischt - mit und ohne Joker …
Auf eigenen Beinen - ganz ohne Krücken …
Schwimmer ertrinken auch im kniehohen Wasser …
Eine weiße Weste, aber Dreck am Stecken …
Eine unsichtbare Hand schob die Wolkenwand vor den Mond über dem Breslauer Platz. Zu dieser späten Stunde wehte der Wind den Unrat vor sich her. Irgendwo klapperte eine Blechdose, rollte herum und immer wieder flogen Papierreste auf, sammelten sich zu einem Tanz und fielen zurück zu Boden.
Auf dem Parkplatz vor dem Rathaus wechselten die Fahrzeuge, Leute stiegen ein, stiegen aus. Ein paar Gestalten huschten über die Gehwege, verdrückten sich in die Seitenstraßen. Die Rathausuhr zeigte 00.30 Uhr, als ein leichter Nieselregen einsetzte.
Scheiß Regen. Jens zog den Kragen seiner Lederjacke hoch, um sich ein wenig gegen das Frösteln zu schützen, das ihn überkam. Auf Nässe hatte er keinen Bock. Er blickte hinüber zur Hauptstraße. Mal kam der Nachtbus, mal ein Taxi. Dazwischen fuhr gelegentlich ein Auto vorbei. Jens schaute zu den erleuchteten Fenstern hoch. Die Menschen dahinter waren froh, in ihren warmen Wohnungen zu sitzen. Bei Chips und Bier wäre ihm jetzt auch wohler gewesen.
Jens drückte sich tiefer in die Hausnische neben der Eisdiele und beobachtete die Rückseite des Kiosks, der sich gut dreißig Meter vor ihm auf dem Parkplatz befand. Jens blickte rüber zum Fußgängerweg und die Lauterstrasse hinunter. Außer in der Kneipe auf der anderen Seite der Hauptstraße schien nirgendwo mehr Betrieb zu sein. Alles war ruhig. Im Lichtkranz der Laterne fielen dünne Fäden vom Himmel. Er seufzte, zog das linke Bein hoch und rieb den Schuhrand an seiner rechten Wade.
Die dreckige Jeans und das verwaschene Hemd waren einfach zu dünn. Wenn er doch bloß Socken gehabt hätte, aber sein einziges Paar hatte er sich am Tag versaut, als er besoffen darüber gekotzt hatte. Das würde sich als erstes nach der heutigen Nacht ändern. Jens musste sie nur nutzen. Sein Blick fiel wieder auf den Kiosk. Nichts, keine Bewegung, nirgendwo. Er fühlte sich steif, als er das Bein absetzte, stieß er mit dem Fuß gegen seine alte Aktentasche, die am Boden stand. Ein leicht klirrendes Geräusch, Jens fuhr zusammen. Er hielt den Atem an, niemand schien etwas gehört zu haben. Ein wenig unbehaglich war ihm doch. Da vorne beim Zeitungsladen, an der Verkaufsluke direkt neben dem Imbiss, hatte er jahrelang ab und zu seine Zeitung gekauft wie schon vorher als Kind seine Süßigkeiten. Er kannte die Ecke hier wie seine eigene Tasche. Jens schnaubte, die eigene Tasche seiner Jacke war so leer, dass er nur ein paar Dreckkrümel darin fühlen konnte.
Aus dem Schatten des Hausdurchganges auf der anderen Seite der Hauptstraße trat ein untersetzter Mann um die Fünfzig. Im Licht des Schaufensters des Frisörladens schaute der Mann nach rechts zur Kneipe, nach links in Richtung Hedwigstraße. Dann erfasste sein Blick den Kiosk auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er steckte die Hände in die Taschen und zog unter dem Regen die Schultern hoch. Die Schirmmütze hatte er tief in die Stirn gezogen, kontrollierte den Verkehr, bevor er vom begrünten Mittelstreifen aus die Fahrbahn überquerte. Dort blieb er an der Bushaltestelle stehen, studierte anscheinend den Fahrplan. Jetzt ging er am Abgang der geschlossenen Toilettenanlage neben dem Kiosk vorbei auf den Parkplatz, quetschte sich zwischen den in Reihen parkenden Autos durch, bis er an der Rückseite der Verkaufsbude zum Stehen kam. Jens sah, wie ihm der Wind den Regen direkt in die Augen trieb. Für einen Augenblick wurde das Gesicht des Mannes von der Flamme eines Feuerzeugs beleuchtet. Die fleischige Nase warf einen großen Schatten über die Mundpartie, deren Oberlippe ein mächtiger Schnauzbart verzierte. Diesem verdankte Uwe Behlert seinen Spitznamen Grassi. Der Mann war mal der Doppelgänger eines Schriftstellers, der einen ebensolchen Schnurrbart trug und hier mal um die Ecke gewohnt hatte. Jens wartete. Noch zweimal flammte das Feuerzeug auf. Grassi fluchte leise vor sich hin und kramte in den Taschen seiner blauen dreiviertellangen Stoffjacke herum, bis er endlich ein Zippofeuerzeug und einen Zigarillo in den Händen hielt. Noch einmal sah er sich um. Dann zündete er es an.
Der Rauch biss ihn in den Augen. Für einen Augenblick war er blind. Dann erkannte er die dürre Gestalt in der Lederjacke, die gebückt zwischen den Autos zu ihm heranhuschte, kurz vor ihm stolperte, und mit einem dumpfen Geräusch gegen eins der Fahrzeuge fiel. "Verdammter Idiot, pass doch auf."
"T´schuldige Grassi", quetschte Jens heraus.
"Mann, keine Namen! Und nu mach hin.“ Wenn man sich mit Anfängern einließ.“
Der Junge nickte eifrig und kramte in der ledernen Tasche. Wieder klirrte Metall gegen Metall, dann leuchtete der matte Schein einer Taschenlampe auf. Er kniete am Boden und suchte sich aus einer Unmenge an Drähten, Zangen und Schraubenziehern einen Ring mit mehreren gebogenen Stahlhaken heraus.
"Ich kiek mal an der Ecke, ob jemand kommt. Beeile dich!", sagte Grassi und bewegte sich langsam zwischen den Autos davon.
Jens nickte eifrig, ohne hochzusehen. Schon immer hatte er mit Grassi zusammenarbeiten wollen. Das hier war endlich die Premiere.
Er untersuchte das Schlüsselloch in der Hintertür des Kiosks. Bei seiner Serie von Kellereinbrüchen im Wedding hatte er schon oft diese einfachen Schlösser geknackt. Für die Außentoilette seiner Wohnung, damals in Moabit, hatte er nicht mal einen Schlüssel besessen, sondern immer alles mit einem Dietrich erledigt. Zigmal hat er Nachbarn geholfen, die ihre Wohnungstür zugezogen hatten, ohne ihren Schlüssel mitzunehmen. Jens würde nur ein paar Augenblicke für den Kiosk brauchen.
Zwei-, dreimal wechselte er das Einbruchswerkzeug gegen ein anderes aus. Die Nässe drang am Knie durch den Stoff seiner Hose, seine Haut wurde kalt. Er versuchte den Sperrriegel im Schloss zu fassen, doch immer wieder rutschte er ab. Scheiße. Jens hörte seinen eigenen Atem. Plötzlich Schritte, die sich zögernd in seine Richtung bewegten. Jens’ Herz pochte. Die Schritte blieben stehen. Mit fester Hand packte Jens die stabile Taschenlampe. Ganz langsam versuchte er aus der knienden Haltung auf die Füße zu kommen. Ein Schatten fiel auf ihn.
"Wat is nu Männeken, haste das Ding endlich auf?" Die sonore Stimme von Grassi riss Jens herum.
In diesem Augenblick hätte er seinen Partner erschlagen können.
„Musste du dich so anschleichen? Bin gleich soweit, nur noch ein paar Sekunden."
Grassi lehnte sich an eines der Autos und beobachtete Jens. Der Junge war nervös, so wie er herüberschielte. Grassi sah wie die Nässe Jens den Rücken hinunter perlte.
Vorsichtig tastete sein Passmann mit dem Dietrich im Schloss herum. Verdammt, warum fand der Junge die Schlosszunge nicht? Grassi gab sich einen Ruck. Das dauerte zu lang.
Dann war er neben ihm und stieß Jens mit dem Knie an. "Wat is nu, ich denke du bist ein Guter? Mach auf, oder soll ick mal?"
Grassi schob einen Schraubenzieher zwischen das Türblatt und die Zarge. Mit kurzen Rucken versuchte er den Spalt zu vergrößern. Grassi spürte den Widerstand. Seine Hände fassten den Schraubendreher fester, die Muskeln spannten sich. Wie von selbst hakte sich das Werkzeug von Jens in diesem Augenblick im Schloss ein und mit einem harten Knacken drehte sich die Sperre. Grassi hielt fest. Jens versuchte nun die Tür zu öffnen. Sie bewegte sich nicht. Scheißding.
"Ist wohl zweimal rumgeschlossen", murmelte der Junge.
Grassi holte gerade Luft, als es zum zweiten Mal im Schloss knackte. Die Tür gab nach und öffnete sich einen Spalt.
In Erwartung einer Anerkennung sah Jens hoch.
Grassi gab es ihm lieber dicke. "Quatsch bloß keene Soße. Bring das Werkzeug weg und hol die Taschen!" Grassi stieß Jens zur Seite und schob sich in den Kiosk.
So also ist der große Grassi. Jens rieb sich die rechte Niere, er ging zum alten Opel, den sie neben dem Platz geparkt hatten.
Er entnahm auf dessen Rückbank aus der Werkzeugtasche ein Stemmeisen. Die Elle war sein Notschlüssel. Das Eisen war nur ein Unterarm lang und an der einen Seite gebogen, um eine optimale Hebelwirkung zu erzielen, am anderen Ende abgeflacht, damit sie in alle Zwischenräume passte. Jens schmiss das restliche Werkzeug auf den Rücksitz und holte aus dem Kofferraum vier große, leere Sporttaschen. Jens schaute sich sicherheitshalber noch einmal um. Für einen Augenblick glaubte er auf dem Balkon im ersten Stock eine Bewegung zu sehen. Für einige Momente beobachtete er konzentriert den Balkon. Es tat sich aber nichts. Er durfte jetzt nicht nervös werden. Jens machte kehrt zurück zum Kiosk.
Grassi versuchte sich im schummrigen Licht in dem Häuschen zu orientieren. Er hatte sich Handschuhe übergezogen und betrachtete die Regale. Neben der Kaffeemaschine lag eine Armbanduhr. Davon brauchte der Bengel nichts zu wissen. Als kleinen Promibonus schob er sie schnell in seine Jackentasche. Grassi wusste genau, welche Wirkung er auf Jens hatte. Schließlich wurde er im Kreis der Kleinganoven als Legende bewundert. Durch insgesamt zwölf Jahre im Knast war er eine Größe geworden, selbst wenn nicht alle Geschichten, die man über ihn erzählte, wahr waren. Entscheidend war, sie wurden geglaubt. Von einem Mord an einem Verräter bis zum Dienst in der Fremdenlegion wurde Grassi alles nachgesagt. Nichts davon stimmte, aber Grassi hütete sich, irgendjemand darüber aufzuklären. Er pflegte seine außen getragene Härte wie ein Geheimnis. Niemand brauchte zu wissen, dass er sich in Wahrheit Gedanken über seine Altersversorgung machte. Bald kam die Zeit, in der er nicht mehr mit Einzelaktionen die Typen um sich herum verblüffen konnte. Was sollte aus ihm werden, wenn es in einschlägigen Kneipen keine Ehre mehr sein würde, dass Grassi mit einer Handbewegung an seinen Tisch einlud.
Er hatte sich mit diesem Jens eingelassen, weil er mit der feineren Methode unauffälliger arbeiten konnte und nicht wie gewöhnlich auf seine eigene brachiale Art vorgehen brauchte. Der Junge hatte ein Händchen und Talent für Brüche wie diesen hier. Vielleicht würde er ihn bald auf mehr heiß machen.
Grassis Blick glitt über die Spirituosenreihen, über die Felder mit den Tabakwaren im Kiosk. Links neben dem Fenster stand ein Sparschwein. Grassi sah zur Kasse hin. Die war kein Problem. Wo aber war dieser typische Karton mit Wechselgeld, den die Betreiber immer für die Frühschicht daließen? Er entdeckte die Schachtel hinter dem Mülleimer, achtlos platziert. Grassi bückte sich und öffnete sie. Er pfiff fast lautlos. Recht ansehnlich. Hier lagen säuberlich gestapelte Scheine und auf dem Kartonboden klimperten einige Münzen. Wie hoch wohl hiervon sein Promibonus sein könnte?
Es hüstelte an der Tür des Kiosks. Gleich darauf glitt Jens herein. Dessen Blick fiel sofort auf die Schachtel in Grassis Hand.
"Das geht ja gut los." Mit einer schwungvollen Bewegung schob Jens Grassi zwei der Sporttaschen zu.
Scheiße. Grassi verstaute das Wechselgeld in einer der Taschen. "Die Kasse auf", sagte er, während er die Taschen mit Alkohol und Zigaretten füllte. Auch ein paar Päckchen Kaffee gerieten ihm in die Hände. Alles Sore, die sich verticken ließ.
Jens nahm eine Elle und versuchte einen Ansatzpunkt an der Kasse zu finden. Jens’ Hände glitten ab und das metallene Werkzeug fiel laut zu Boden. "Paß doch auf, du Blödmann", entfuhr es Grassi.
„Tschuldigung.“ Jens bückte sich hastig nach dem Eisen, als draußen ein Wagen vorfuhr.
Sie hielten beide den Atem an. Das Geräusch eines Fahrzeuges war näher gekommen und erstarb genau vor der Tür des Kiosks. Grassi drückte sich seitwärts neben das Fenster und lugte hinaus. Er konnte vom Auto nur einen Teil der Fahrerseite erkennen. Aus dem minimal geöffneten Wagenfenster stieg eine dünne Rauchfahne in den Nachtregen. "Keine Bullen! Da wartet bloß einer. Mach weiter, aber leise“, flüsterte er.
Jens besah die Kasse, die unter dem Ausgabefenster des Kiosks eingebaut war. Dessen Problem war Grassi sofort klar, sie bot einfach keinen richtigen Punkt, um das Werkzeug optimal anbringen zu können. Immer wieder rutschte Jens mit der Elle ab. Grassi gefiel das gar nicht. Der Junge war vielleicht doch nur ein Dröhner.
Jetzt nur keine Schwäche zeigen. Jens wollte schließlich in Zukunft im Kiez als Freund und Vertrauter Grassis gelten. Er spürte die Bewegung in seinem Rücken und erschrak, als er den leichten Klaps am Hinterkopf verspürte. Grassi stand hinter ihm und zeigte ihm einen Vogel, dann deutete er mit dem Finger auf einen Schlüssel neben der Ausgabeklappe. Der hing an einem langen Packband und hatte außerdem einen Anhänger mit der Aufschrift Kasse. Peinlicher hätte es nicht sein können. Jens nahm den Schlüssel vom Haken, während Grassi sich rasch wieder dem Fenster zuwandte.
Jens hatte kein Gefühl mehr für die Uhr, mal fühlte er sich wie in Zeitlupe, dann wie im Schnelldurchlauf die Sachen packen. Es waren bestimmt nur Minuten seit dem Einbruch vergangen, aber sie hatten die Taschen bereits gefüllt und zum Abtransport bereitgestellt.
Grassi wickelte um jede Tasche noch schnell braunes Paketband. „Sicher ist sicher.“
Jens bewunderte Grassi für die präzisen schnellen Handgriffe, der wusste, was er tat. Er drückte die Tür des Kiosks einen Spalt breit auf. Deutlich hörte er das Motorengeräusch eines weiteren Autos. Durch den Spalt lugte er direkt in das grelle Rot der Bremsleuchten eines schweren Mercedes. Dann blendete ihn der Rückfahrscheinwerfer des Wagens und Jens zog die Tür lieber zu. Das Licht leuchtete durch das vergitterte Fenster in den Kiosk.
„Wir müssen noch warten“, sagte Grassi.
Jens griff ins Regal zu einer der verbliebenen Taschenflaschen und schraubte von einer den Verschluss auf. Er stieß damit Grassi an, der jetzt angestrengt nach draußen lugte. Ohne den Blick vom Fenster zu nehmen, trank er einen großen Schluck und gab den Rest an Jens zurück.
Jens wischte kurz mit der Hand über die Flaschenöffnung und setzte die Flasche an. Es kratzte in seinem Hals, der Weinbrand schnürte ihm die Luft ab, aber gleich darauf setzte ein wohliges Brennen in der Magengegend ein. Schnell kippte er noch einen kleinen Schluck hinterher. Die Flasche schob er in die Außentasche seiner Jacke.
Draußen öffneten sich die Wagentüren von zwei Autos, die dicht an der Rückseite des Kiosks nebeneinander geparkt standen. Schmatzend fielen die Türen ins Schloss.
„Runter!“ Grassi packte ihn bei der Schulter.
Jens sackte in die Knie und zerrte ihn mit dem ganzen Gewicht nach unten. Die Weinbrandflasche rutschte aus der Lederjacke und fiel ihm auf den Schuh. Grassi griff blitzschnell danach, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Er legte den Finger an die Lippen, während er die Flasche vorsichtig auf die Erde stellte.
Dann flüsterte Grassi Jens ganz leise ins Ohr. „Die Typen aus dem Auto stehen direkt vor dem Fenster.“
Jens’ Knie schmerzten, er konnte noch nie richtig in der Hocke sitzen, irgendwie war sein Becken zu kurz oder die Beine zu lang. Er ließ sich vorsichtig vornüber auf die Knie kippen. Grassi rollte die Augen. Er duckte sich in den Schatten neben dem Fenster.
Draußen sprang mit einem kurzen harten Geräusch der Kofferraumdeckel eines Autos auf. Grassi stieß ihn an und deutet in den Winkel über der Kasse. Ein Spion hing dort, ein Spiegel, wie Oma ihn über der Eingangstür hängen hatte. Darin waren zwei Männer in Anzügen zu sehen, die Gesichter konnte er nicht erkennen, nur die beiden Rücken, die glattrasierten Nacken und kurz geschnittenen Haare. Der Regen fieselte herab und setzte sich auf ihren Anzügen und auf den Köpfen ab. Jens wollte jedes Wort verstehen.
„Eisenheim, was soll das hier?“
„Ich habe genug von Ihren Spielchen. Fahranweisung am Handy, Konvoifahrt durch die Stadt, pah. Entweder Sie jetzt, was Sie mitgebracht haben, Zenkert, oder ich muss mir alles weitere überlegen.“
„Sie haben doch darauf bestanden, dass es keine Zeugen geben darf. Warum parken Sie mitten auf dem Platz vorm Rathaus Friedenau?“
„Weil ich nachgedacht habe, Zenkert. Sie kennen genug Leute, die Ihnen was schuldig sind, weil Sie sie rausgepaukt haben mit Ihrer Anwaltskanzlei. Sie arbeiten immer nur für die Herrn Staatssekretäre und Vorstandsvorsitzenden. Heute. Früher waren Sie nicht so wählerisch. Da durfte es auch mal eine Kiezgröße aus dem Rotlicht sein oder ein Türke aus dem tiefsten Kreuzberg.“
„Eisenheim, Eisenheim, verlieren wir die Nerven?“
„Bei Ihnen rechne ich lieber mit allem. Von wegen die Nummer von der Übergabe auf der AVUS-Notausweiche. Wer weiß, wer dort hockt, auf uns wartet und schon haben Sie ein paar kompromittierende Fotos in der Hand. Nein, mein Lieber. Wir wickeln das Geschäft jetzt hier ab.“
„Hier auf dem Platz? Was ist denn los? Eisenheim, wir wollen zusammen einen sicheren Deal machen.“
„Dacht ich mir’s doch, Sie haben es gar nicht dabei. Zenkert, ich hätte Sie für klüger gehalten. Ich lass mich doch von Ihnen nicht vorführen. Ein Anruf von mir und morgen macht sie die Bild-Schlagzeile fertig. So fertig, dass Sie nicht mal mehr ins Amtsgericht reingelassen werden. Also ... Was wollen Sie mit dem Koffer? Keine komischen Dinger ...“
„... mach dir nicht ins Hemd, Eisenheim. Ich öffne den Koffer einen Spalt und dann kannst du sehen, dass ich mein Wort halte.“
„Ihr Wort ... genug Leute wissen, was das Wert ist ... das Geld sehe ich, aber warum die ...“
Jens starrte in den Spiegelspion am Kiosk. Zwischen den beiden Männern sah er einen geöffneten Koffer, der von der Innenbeleuchtung des Kofferraumes notdürftig angestrahlt wurde. Scheiße viele Bündel von 20- und 50- Euronoten, wirklich viele Bündel. Der Deckel des Koffers wurde von einer fleischigen Hand aufgehalten, an der eine schwere goldene Uhr protzte. Grassi neben ihm kniff die Augen zusammen und zeigte zum Spiegel hoch. Jens schluckte, da lag auch eine Pistole neben dem vielen Geld.
„Klappen Sie zu. Wir gehen in mein Büro.“
„Seit wann residieren Sie in Friedenau? Ihr Büro ist doch im Roten Rathaus, verarschen Sie mich nicht.“
„Zenkert, Sie sind nicht allwissend, im Rahmen verschiedener politischer Tätigkeiten verfüge ich über verschiedene Büros.“
„Keine Tricks.“
„Kommen Sie schon, wir sind ja schon ganz nass.“
Jens sah im Spiegel die Hand, die den Koffer schloss, den Kofferraum zuschlug. Dann verschwand sie aus dem Sichtfeld. Nur einen Moment lang erblickte er die hageren Gesichtszüge eines Mannes, mit kleiner runder Goldrandbrille. Das könnte der Eisenheim sein. Jens drückte sich von den Knien hoch, steckte die kleine Weinbrandflasche wieder ein.
Grassi hielt ihn am Arm fest. „Warte noch drei Sekunden, sonst hören Sie uns vielleicht.“ Vorsichtig schoben sie nebeneinander die Köpfe an das Fenster.
Die beiden Männer draußen gingen von den beiden schweren Wagen über den Parkplatz zum Rathaus.
„Ist ja ein bisken spät für ’ne ordentliche Bürostunde", sagte Jens.
"Klopp man nich solch kluge Sprüche", ranzte Grassi ihn an, "du weißt noch, wat wir abjemacht haben?"
"Klaro Grassi, weiß ich. Ich fahre gleich nach Hause und hau mich hin. Du fährst auch nach Hause. Heute früh um 10.30 Uhr treffen wir uns bei dir in der Naumannstraße. Willst du auch eine Tasche mitnehmen?"
Grassi blickte ihm scharf in die Augen. "Warum sollte ick? Du willst mich doch nich bescheißen?“ Ohne zu lächeln hob er Zeigefinger und Mittelfinger, stieß damit Jens vor den Kehlkopf.
„Aber denk dran, keiner bescheißt Grassi.“
Jens überkam ein ungutes Gefühl. Mit Grassi war nicht zu spaßen. Der schob seinen Kopf aus der Kiosktür. "Alles paletti, komm", flüsterte er.
Jens hob nacheinander die vier Taschen durch den Spalt. Draußen half Grassi ihm, sie zu schultern. Jetzt musste er noch die Elle unterbringen.
Aber Grassi schüttelte den Kopf. "Schieb ab. Ick nehm das Ding mit." Grassi hob den Siegerdaumen nach oben.
Jens durchzuckte ein Glücksgefühl, schleppte die vollen Taschen davon. Eine Flasche drückte ihm genau in die Rippen. Aber egal, das Auto stand ja nicht weit.
Am Opel verstaute er die Taschen mit der Beute. Sorgfältig deckte Jens alles mit einer Decke ab, kontrollierte noch einmal von draußen durch die Wagenfenster.
Jens startete den Wagen und fuhr in Richtung Steglitzer Kreisel auf die Rheinstrasse. Höhe Kaisereiche zeigte die Ampel Rot. So lange er denken konnte, war er hier im Kiez unterwegs. Als Kind zu Fuß und mit dem Fahrrad, dann als Teen mit dem Moped. Zwischendurch hatte er ein halbes Jahr alleine in Moabit gewohnt. Aber das war es nicht gewesen, so weit weg von seinem Friedenau. Also war er wieder zurück. Dann hatte er sich das kleine Auto zugelegt. Den Opel hatte er sich von der kleinen Erbschaft gekauft, als sein Opa verstorben war. Bei dem war er groß geworden. Seine Eltern hatte ein Autounfall platt gemacht, da war er gerade mal sieben Jahre alt gewesen. Jens hatte kaum noch eine Erinnerung, wie die beiden drauf gewesen waren. Opa aber war stolzer Angehöriger der Berliner Polizeireserve gewesen. Wenn der ihn jetzt sehen würde.
Jens wischte sich den Schweiß von der Stirn. Entkommen. Etwas klimperte in der Jacke an die Fahrertür, Jens tastete mit der linken Hand danach und bekam die kleine Weinbrandflasche zu fassen. Er schraubte sie auf und schloss für einen Augenblick die Augen. Die Ampel sprang auf Rot-Gelb.
Er schob die Flasche zwischen die Oberschenkel und fuhr an. Mist. Ein Polizeifahrzeug auf der Spur rechts neben ihm, der Fahrer sah zu ihm herüber. Jens nickte betont freundlich, die Bullen fuhren weiter. Jens lenkte den Wagen erst einmal an den Fahrbahnrand. Dann leerte er die Flasche in einem Zug.
Regenschauer peitschten im Licht der Straßenlaternen. Der Wettergott meinte es mal wieder gut mit den Kriminellen. Die Zeit für die üblichen Hundehalter mit ihren Scheißkötern war um diese Uhrzeit sowieso vorbei. Grassi wartete bis Jens mit den Taschen unter den Straßenbäumen verschwunden war. Das Wasser tropfte ihm aus den Schnurrbartenden in die Mundwinkel und er leckte es weg. Sollte Jens mal schön mit den Taschen nach Hause fahren. Der Junge musste noch lernen.
Grassi wischte sich den Regen aus den Augen. Bald würde er selbst schön trocken sitzen. Was er vorhin im Spiegelspion gesehen hatte, war die Rente mindestens für zehn Jahre. Schön vernünftig mit Bierchen und Einkauf auf dem Wochenmarkt unter die Leute gebracht, würden die Scheine nie auffallen. Falls sie überhaupt registriert waren. Das wussten die Säcke in den Vorstandsetagen schließlich auch, dass Bestechungsgeld schön sauber und nicht zurückzuverfolgen sein durfte.
Grassi wartete den Nachtbus noch ab, der die Hauptstraße runterzuckelte, an der Haltestelle vorm Kiosk stieg kein Fahrgast aus. Grassi griff die Elle fester und trat aus dem Schatten der Linde. Der Regen lief ihm in den Jackenkragen als er am Kofferraumschloss des Mercedes ansetzte. Nichts.
Früher hat er dafür zehn Sekunden gebraucht, aber früher in Westdeutschland war schon lange her. Die Autohersteller hatten auch dazu gelernt.
Grassi hakte die Elle ein und warf sich mit dem ganzen Gewicht auf das Werkzeug. In den Trommelwirbel der Regentropfen auf dem Kofferraum mischte sich ein Knirschen, dann rutschte die Elle weg. Scheiße. Wieder setzte er das Eisen an.
Na bitte, nun war schon etwas mehr Platz im Blech. Grassi biß die Zähne zusammen und rammte sein Knie zweimal unter die Elle, trieb sie tiefer in den Spalt. Er packte fester mit den Händen um das Eisen, seine Unterarme spannten sich an. Grassi wippte leicht in den Knien, er spürte, wie seine Nackenmuskeln und die Oberarme fest wurden. Noch einmal stabilisierte er das Eisen, stellte sich kurz auf die Zehenspitzen, verharrte einen Moment, warf sich dann mit aller Wucht und seinem gesamten Gewicht auf das schmale Werkzeug. Die Elle glitt aber von ihrem Kontrapunkt, der Schwung riss ihn mit. Das Brecheisen klirrte auf dem Pflaster, er stürzte auf die Knie. Im Aufflammen des Schmerzes hörte er den Plopp, mit dem der Kofferraum aufsprang. Irgendwie klang er billig, fast war Grassi enttäuscht.
Aber bitte, was man mal gelernt hatte. Er verschnaufte einen Augenblick, würgte die Übelkeit des Schmerzes in den Knien hinunter. Mann, er wurde alt. Nur gut, dass ihn keiner sah, vor allem sein neuer Passmann Jens nicht. Noch halb aus der Hocke öffnete Grassi den Deckel ganz mit der rechten Hand.
„Mann, Eisenheim, komm runter! Was hetzen wir durch diesen Scheißregen, ich bin ja schon klatschnass ...“
„Selber Schuld, müssen Sie eben schneller laufen. Hier entlang, da unters Vordach des Seiteneingangs, machen Sie schon, vorn sitzt ein Pförtner. Passen Sie doch auf! Nu trampeln sie doch nicht wie ein Elefant in die Pfützen. Sie versauen mir ja den ganzen Anzug.“
Eisenheim schob den Schlüssel in das Schloss des Nebeneingangs des Rathauses, ohne sich nach seinem Begleiter umzusehen.
„Schon mal was von einer Reinigung gehört, Eisenheim? Warum hat so einer wie du, der sich an solchen Kleinigkeiten hochzieht, den Ruf weg, genau der richtige Kerl für die harten Deals zu sein.“
„Machen Sie sich mal darüber keine Gedanken, Zenkert.“
„Doch, wenn du uns verarschen willst.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Jetzt hier das Ding im Rathaus, Eisenheim, spielst du etwa auf zwei Seiten?“
Der Schlüssel stak fest. „Sagen Sie mal Zenkert, geht jetzt die Muffe, oder was?“
„Mit dem Ton kommst du nicht weiter, Arschloch.“
„Sie machen sich gerade Feinde, Zenkert.“
„Du überschätzt dich. Ich habe das Geld, das du haben willst. Eisenheim, das behalte ich jetzt. Die Nummer hier ist mir zu faul.“
Zenkert wand sich von ihm ab, zog den Sakkokragen hoch und lief zurück zum Parkplatz in den Regen. Eisenheim zögerte, dann zog der den Schlüssel aus dem Türschloss, blieb unter dem Vordach stehen. Er sah dem Anwalt nach. So nicht, das Geld war längst verplant. „Zenkert, Moment mal.“
Doch Zenkert reagierte nicht auf ihn, das Trommeln des Regens auf den Autodächern war zu laut.
Grassi klappte den Kofferraumdeckel ganz auf. Sattes schwarzes Leder glänzte ihm entgegen, die Schnapper des Aktenkoffers waren sogar aus echtem Gold. Kennerblick ist Kennerblick. Grassi griff zu. „Lass mal schön die Finger weg.“
Der Typ war wieder da. Grassis versuchte, aus der gebeugten Haltung die Knie durchzudrücken. Da traf ihn ein Faustschlag an die rechte Schläfe. Linker Haken durchzuckte es ihn, dann knallte sein Kopf gegen die Blechkante des Kofferraums. Scheiße, tat das weh, die Schlosszarge schnitt übel hart ins Fleisch. Guter Schlag - Deckung hoch vor der fetten Armbanduhr … Der Typ … ja.
"Drecksack."
Grassi spürte, wie die rechte Schläfe anschwoll. Einen Moment noch, kurz Luft holen.
"Finger weg!"
Mit einem leichten Flimmern kamen die Wellen und das Kreiseln in seinem Sichtfeld langsam zur Ruhe, die Umrisse gewannen wieder feste Konturen. Er war nicht k.o. gegangen, aber schwer angeschlagen. Jetzt fühlte er wieder seine Hände, ballte sie. Grassi schloss noch einmal schnell die Augen, das feiste Gesicht seines Gegenübers war weg.
"Ich werde dir zeigen, was du haben kannst."
Der Dicke kam hoch, in der Linken schwang er die Elle. War der schnell, Grassi wollte zurückweichen, knallte aber mit den Kniekehlen ans Heck des Wagens.
"Auf die Fresse bekommst du, sonst nichts."
Grassi beugte den Oberkörper zurück, erhob die Fäuste. Die hassverzerrte Fresse des Dicken, der linke Arm, das Eisen. Er wollte beide Unterarme zwischen seinen Kopf und das Werkzeug bringen, wusste aber im selben Augenblick, dass es nicht reichen würde "Hier du Penner."
Die Elle traf Grassi hinter dem rechen Ohr.
Der Dicke wurde durchsichtig. Lächerlich. Grassi musste fast lachen, die Beine wurden weich. Bleib stehen, Grassi. Kämpfe. Los Junge, drück die Knie durch. Wehr dich. Aber dieses Gefühl, diese Hitze in seinem Kopf machte so müde. Der Regen fiel so samtweich. Er verlor den Halt am Blech des Wagens. Das Pflaster drehte sich auf ihn zu. Grassi schlug schwer mit dem Kopf auf dem Boden auf.
"Ich werd's dir zeigen."
Grassi hörte die Stimme seltsam weit weg und nah und künstlich. Komisch, was will der denn von mir.
Grassi lag neben dem Daimler, krümmte sich zusammen, schützte sich vor den Schlägen, doch trafen sie ihn immer wieder. Was wird das hier?
Vor Grassis Augen stand nur das Grau des Asphalts und Wasser. Er drehte den Kopf und sah auf das grobporige Profil eines Autoreifens, schaute hoch auf das Bodenblech des Daimlers. Scheiße, er lag am Boden. Komm Grassi, sammel dich…
Die Karosserie wackelte. Der Kofferraumdeckel des Wagens schlug zwei-, dreimal herunter, bis er sich irgendwie im geknackten Schloss verhakte. Unter dem Wagen hindurch sah Grassi die Füße des Dicken in seine Richtung herumdrehen.
"Arschloch, mir den Wagen zu demolieren. Na warte."
Der schlägt mich tot. Aber der Arm, das Bein, der Körper waren so schlaff.
„Auf ein Wort, Zenkert.“
Noch eine Stimme irgendwo da oben. Die Füße des Dicken blieben stehen.
„Zu spät, Eisenheim. Der Deal ist geplatzt! Du glaubst doch nicht, dass du der einzige Insider bist, der gern mal an richtig viel Geld kommt. Jetzt werden die ganz großen Claims abgesteckt, da wittern die Geier Morgenluft. Du bist draußen, Eisenheim“
Grassi konnte jetzt die Stimmen wieder zuordnen. Er presste sich noch enger an den Wagen. Er musste erst seinen Körper unter Kontrolle bekommen, dann sich aus der Affäre ziehen. Er beobachtete die Füße der beiden, die am Kofferraum der Limousine standen. Der Dreck tropfte ihm immer wieder vom Unterbodenschutz ins Gesicht, er wagte nicht, die Augen zu schließen.
„Reden Sie nicht dummes Zeug, Zenkert. Sie können auch nicht wahllos Leute ansprechen. Sie übergeben mir jetzt den Koffer.“
„Du hast nichts mehr zu melden.“
„Geben Sie her!“
„Du hast deine Chance gehabt, Weichei. – Eisenheim, du bist wahnsinnig ... Nein!“
Mit aufgerissenen Augen starrte Grassi auf die Füße, die jetzt wild trampelten, vor, zurück, gegeneinander, auseinander. Dann gab es ein undefinierbares Geräusch, schmatzend, aber doch seltsam hohl. Grassi kannte das Geräusch. Es war immer das gleiche, wenn etwas Hartes einen menschlichen Schädel traf.
Ein tiefes Stöhnen hörte Grassi noch, dann wippte der schwere Wagen auf und ab.
Grassi sah die Füße des Dicken wegrutschen, dann die Knie. Wieder schmatzte dieses eklige Geräusch. Diesmal folgten weder Stöhnen, noch Seufzer. Der Dicke rutschte nach, mit einem satten Ton knallte der Kopf des Anwalts auf den nassen Asphalt. Grassi sah ihm direkt in die brechenden Augen. Aus der Nase rann ein dünner Faden Blut, verteilte sich längs der Oberlippe, tropfte über sie, verfärbte die Zähne im offenen Mund. Das Blut sammelte sich im Winkel, vermischte sich dort mit dem Regen zu einem blassrosa Film auf dem Pflaster.
Grassi riss die Augen weit auf, als die Elle wieder den Schädel des Dicken traf. Das Eisen prallte auf das Fleisch auf der linken Kopfseite, quetschte es. Die Haut platzte auf und das rohe Fleisch trat hervor, wölbte sich nach außen, wie aus einer Umklammerung befreit. Das Blut spritzte überraschend druckvoll in einem kleinen Schwall hervor, dass Grassi sogar zurückzuckte. Dann quoll es als ständiger Fluss heraus.
Für Sekundenbruchteile sah er die Hand mit dem Siegelring, die die Elle umfasst hatte. Eisenheim. "So, kleiner schmieriger Rechtsverdreher, das wird dir eine Lehre sein.“
Jetzt hatte der den Anwalt geduzt. Grassi musste sofort hier weg. Nein - besser liegen bleiben. Unentdeckt bleiben. Eng an die Mercedesreifen gepresst, starrte er in das Blut des Dicken.
Der verbogene Kofferraumdeckel wurde wieder aufgerissen, das Blech knackste. Dann eilten Schritte im Regen davon.
Grassi versank in einem wattigen Loch.
Die Knie waren nass, die Beine, die Kälte kroch in sein Bewusstsein. Da war Blut überall. Die toten Augen dort drüben …
Nichts wie weg.
Grassi rappelte sich auf, gerade mal bis zur Höhe der Autofenster. Zwei Parklücken rangierte ein anderer Mercedes raus und fuhr ab. Grassi stolperte fast über den dicken Anwalt, der quer vor dem Kofferraum auf dem nassen Asphalt lag.
Grassi blies die Backen auf. „Ach du Scheiße.“ Grassi hatte genug Typen gesehen, die einen Schlag zu viel abgekriegt hatten Der Mann war wirklich tot… Daneben lag die Elle, Blut am Metall. Scheiße, es war ihre Elle des Einbruchs. Diese Spur durfte es nicht geben. Nimm’s weg und hau ab.
Das Eisen lag kalt in Grassis Hand. Er stieg über den Toten, der Rinnstein neben dem Parkplatz war schon blutrot vollgelaufen. Er duckte sich, mied die Lichtkegel der Stadtbeleuchtung, lief los.
Ein Stück weiter wechselte er die Straßenseite. Bald hatte er sich wieder unter Kontrolle. Der Atem ging wieder ruhig. Er nestelte sich einen Zigarillo aus der Tasche. Grassi, alles wie früher, ganz unauffällig weiter gehen. Du hast das oft genug gemacht. Tief zog er den Qualm des Zigarillos in seine Lungen.
Nichts war wie früher. Plötzlich schmerzten die Wunden am Kopf und an den Knien. Er fror im Wind, war nass wie ein Hund. Von wegen unauffällig. Scheiße.
*
Eisenheim stellte den Motor ab, das Garagentor fuhr langsam zurück. Er blieb noch einen Moment sitzen. Dieser Schwachmat von Zenkert war zu beschränkt, um zu begreifen, dass auch ein Dolch tödlich sein konnte, nicht nur das Schwert. Nur weil Eisenheim immer höflich blieb und die Formen wahrte, wurde er unterschätzt. Mit den Jahren hatte Eisenheim es schätzen gelernt, dass sich seine Gegenüber in falscher Überlegenheit wiegten. Eisenheim braucht nur im richtigen Moment Kraft und Stärke zeigen, dann half das Überraschungsmoment. Dieser Zenkert hatte ihm die Anwendung körperlicher Gewalt einfach nicht zugetraut. Na, wenn der den Schreck erst verdaut hatte, würde ihm der Anwalt bei weiteren Verhandlungen respektvoller begegnen.
Eisenheim sah seine Zähne im Rückspiegel lächeln. Spontane Einfälle waren seine Stärke. Dieses Werkzeug hatte so griffbereit im Kofferraum gelegen und sein Problem gelöst. Eisenheim hatte Zenkert den Koffer abgenommen und in seinem Büro gut versteckt. „Dem wird der Schädel ganz schön dröhnen.“ Als er vom Rathaus abgefahren war, hatte sich der Anwalt gerade erst am Kofferraum seines Wagens aufgerappelt, beide Hände am Schädel. Eisenheim hatte Zenkert keinen weiteren Bick gegönnt. „Der kratzt morgen schon bei mir, dass ich die Kohle seiner Freunde ja schön zielsicher einsetze.“
Erikas Wagen stand nicht in der Garage. Ach ja, sie spielte Bridge bei ihrer Freundin, umso besser.
In der Bibliothek fuhr Eisenheim die Jalousien herunter, starrte am Kartentisch dabei lange in den Park hinunter zum Dianasee, dann kippten die Lamellen und er sah auf die lackierte Innenseite. Der größte Immobiliendeal seit der Wiedervereinigung stand an. Und er, Eisenheim, würde sich daran gesundstoßen, den Abschied aus der Politik nehmen und das Leben genießen.
Wo außer in Berlin gab es schon so viel unbebautes Terrain mitten in einer Metropole, geschichtsträchtig – frei, um darauf alles zu bauen, was teuer und lukrativ war. Die Altlasten trug die Öffentliche Hand. Die Männer und Frauen, die diese Hand führten, mussten nur entsprechend gefüttert werden, dann kamen die richtigen Käufer zum Zuge. Das war eigentlich der Job Zenkerts gewesen.
Eisenheim ging zum Kartentisch in der Bibliothek, die Bücherwände dämpften jeden Ton. Jetzt musste er aus der Deckung, wenn das Millionengeschäft nicht platzen sollte. Aber einen anderen Mann als Zenkert konnte er kaum involvieren. Was machte er sich Sorgen, der Anwalt würde nach der Abreibung heute schon spuren. Das machten die Jungs immer. Gesetz des Stärkeren, so war das.
Hatte Eisenheim die öffentlichen Hände erst mal angefüttert, könnten später die Leute hinter Zenkert die großen Summen in die Steueroasen transferieren, je nach Wunsch nach Genf oder auf Bahamas. Später. Jetzt war Eisenheim erst einmal in der Pflicht. Die Leute, die Zenkert das Geld im Koffer gegeben hatten, waren sich sicher, dass sie im Geschäft waren und die, die auf das Geld warteten würden nicht ewig still halten. Wenn alles gelaufen sein würde, dann konnte er auch seiner Erika endlich ihren Wunsch erfüllen und mit ihr nach Miami ziehen.
„Kalli?“
Wenn man an nichts Böses denkt. Die Absätze seiner Frau stöckelten durch die Marmorhalle.
„Ich bin in der Bibliothek, Schatz.“ Eisenheim ging zum Humidor und wählte eine seiner Lieblingszigarren aus.
Er hätte Erika überall am Schritt erkannt. Seltsam unrhythmisch, obwohl sie nicht etwa hinkte. Es klang in seinen Ohren so, als träte sie mit einem Fuß weniger hart auf. Unterschiedlich eben. So war Erika. Heute wollte sie dies, morgen jenes. Eine achteckige Pergola für das Gartenrondell und dann doch lieber ein Zen-mäßiges schlichtes Dach aus Glas über dem Essplatz zwischen den Blumen.
Eisenheims Blick fiel auf die Standuhr. Er legte die Zigarre ab. Sonst dauerte das Bridge länger. Rasch trat er zur Glasvitrine an der Seitenwand zwischen den Bücherregalen. Auf das 1:100-Modell der alten Tante-Ju war er so stolz wie am ersten Tag. Das einzige Modell, das je davon gebaut wurde. Er nahm die Abdeckplatte vom Sockel unter dem alten Flugzeugmodell und zog ein kleines Notizbuch hervor. Ob der Modellbauer je daran gedacht hat, dass eines Tages der Sockel an seinem Werk das ideale Versteck für brisante Adresslisten bestechlicher Leute werden würde? Eisenheim drückte die Abdeckplatte zurück in die Verankerung.
„Kalli, stell dir vor, was mir passiert ist ... Was machst du denn da?“ Eisenheim drückte sich aus den Knien hoch. Erika sollte ihren First-Class-Flug nach Guadeloupe bekommen. Damit sie endlich Ruhe gab.
„Krystyna war wieder an meinem Modell.“
„Sie hat es doch nur abgestaubt.“
„Sie soll ihre Finger davon lassen“, sagte Eisenheim.
„Ja, natürlich. Ich schärfe es ihr morgen noch einmal ein.“ Erika machte ihr Schmollmündchen, rechts und links senkten sich Grübchen am Mund.
„Sie soll die Bücher abstauben, aber bloß nicht die Vitrine.“ Er zog am Tisch an der Zigarre, sah für einen Augenblick dem Qualm nach. „Ich weiß, dein Heiligtum. Was du nur an den alten Fliegern findest.“ Sie stellte ihre Beine überkreuz. Perfekte Beine. Eisenheims Blick wanderte über die kleinen Kniescheiben zu den schlanken Fesseln, in die er sich vor fünfzehn Jahren verliebt hatte, als sie fast noch ein Kind war. Anfängerin in der Marketing-Abteilung und Hamburgerin aus gutem Hause, wie es hieß.
„Kalli, stell dir vor, was mir passiert ist.“
Nichts gegen seine Nacht.
„Ja. Pass auf, ich und Anneliese ... Ach sag mal…“
„Wollen wir nicht ins Bett?“ fiel ihr Eisenheim ins Wort. Er macht ein paar Schritte auf sie zu.
„Bist du etwa schon müde?“ Sie faltete unschuldig die Hände und blickte ihn gespielt naiv an.
„Eigentlich schon, was hast du denn noch vor?“
Ihre Armreifen schlugen bei der Bewegung aneinander. Sie hat ihre jugendliche Figur gehalten. „Ein bisschen erzählen …“
Eisenheim wischte mit dem Ärmel ein Stäubchen vom Glas der Tante-Ju. Da entdeckte er einen Blutstropfen auf dem Sakko. Er sah schnell an sich herunter, keine Flecken sonst. Langsam zog er das Sakko aus, legte die Zigarre beiseite und streckte die Hand nach Erika aus.
Erikas linkes Auge kniff ein wenig zusammen. „Na, du böser Wolf?“ Ihre Tonlage fuhr ihm zwischen die Beine. Nach fünfzehn Jahren Ehe konnte sie ihm immer noch einheizen, aussaugen, wenn sie nur wollte.
„Komm her mein Rotkäppchen …“.
Erika entzog sich seinem Griff, nahm eine Flasche Bordeaux vom Tischchen am Lesesessel und ging rückwärts zur Treppe. Ihr Blick ließ ihn nicht los, während sie langsam ihre Bluse aufknöpfte.
Eisenheim wartete, bis sie sich umwandte. Er hörte ihre Absätze auf den Stufen. Das Jackett erinnert ihn wieder an das Blut. Am besten warf er den ganzen Anzug einfach in den Kleidercontainer vorn an der Königsallee. Die Haushälterin würde nicht nachzählen, ob aus zweiundzwanzig einundzwanzig Anzüge geworden waren.
Erst der Anzug, dann Erika? Oder umgekehrt? Eisenheim ging nach oben.
*
Kriminalhauptkommissar Werner Reeker von der Direktion 1 Delikte am Menschen beim Landeskriminalamt kratzte sich am Kopf. Es passte einiges nicht zusammen und zugleich doch wieder alles. Hier auf dem Breslauer Platz lag die Leiche des Rechtsanwaltes Zenkert mit eingeschlagenem Schädel direkt neben dem aufgebrochenen Kiosk. Zwei oder drei Hiebe hatten ihn umgebracht, wie Röhler von der Gerichtsmedizin nach kurzer Untersuchung gesagt hatte. Der ungefähre Todeszeitpunkt lag zwischen 02.00 Uhr und 04.00 Uhr. Alles Weitere werde die Obduktion ergeben. Zenkert, der gute alte Zenkert, war bereits abtransportiert.
Kriminalhauptkommissar Reeker schob sich ein paar seiner Salmiakpastillen in den Mund und lutschte daran herum. Zenkert hatte es also endlich erwischt. Früher hatte der Anwalt Diebe und Räuber verteidigt. Aber dann war der Anwalt urplötzlich aus dem Sumpf aufgestiegen, Golfklubmitglied geworden, spielte Polo und vertrat plötzlich die Interessen von Großunternehmern vor Gericht. Gelegentlich rief man ihn auch zu Vertragsverhandlungen mit der öffentlichen Hand. Zenkert lag gut im Rennen. Die Businesswelt war garantiert die Schiene, auf der Reeker ermitteln musste.
Zenkert war ausgeraubt worden. Weder Uhr, noch Geld, noch Brieftasche hatten sie bei der Leiche gefunden. Nicht mal ein Ehering steckte an Zenkerts Finger.
KHK Reeker kniff die Augen zusammen und sah sich um. Drüben an den Bänken vor dem Rathaus konnte er einige herumliegende Bierbüchsen erkennen, daneben ein paar Plastiktüten und sonstigen Unrat. "Kroll! Schauen Sie sich dort hinten mal die Bänke an. Fragen Sie, ob es hier Stadtstreicher oder ein paar Säufer gibt, die sich regelmäßig hier herumtreiben. Wenn ja, dann treibt sie auf. Ich will sie spätestens morgen im Büro haben. Alles klar?" "Alles klar Chef." Kriminaloberkommissar Kroll trug ein paar Kilo zu viel vor sich her, machte sich aber sofort auf den Weg zu den Sitzgelegenheiten.
Dann war da noch der ausgeräumte Kiosk. Ob Zenkert die Einbrecher überrascht hatte? Das könnte erklären, warum der Tote und der Kofferraum ausgeraubt worden waren. Aufgebrochen war der Kiosk eigentlich nicht. Noch einmal besah er sich die Tür und die Zarge. Lediglich zwanzig Zentimeter über dem Schloss gab es eine kleine Druckstelle, wie von einem großen Schraubenzieher oder so ähnlich.
Der dicke Kroll kam zurück. Egal, was der trug, er sah immer wie falsch angezogen aus. Er trug zu enge Hosen.
"Chef, also hier gibt es wirklich Penner, die ihre Saufgelage regelmäßig auf den Bänken veranstalten. Meistens ..."
"Kroll, ersparen Sie mir die Historie der Saufgeschichten des Breslauer Platzes. An die Arbeit."
Kroll zückte den Notizblock.
"Ach Kroll, lassen Sie auch das Schloss vom Kiosk ausbauen und in die Spurensicherung bringen. Ich will wissen, wie es geöffnet wurde."
"Alles klar Chef, geht in Ordnung."
Der Salmiakgeschmack in Reekers Mund war fast verschwunden. Seine Hand tastete in der Tasche seiner dreiviertellangen Lederjacke nach der Tüte. Reeker betrachtete noch einmal die Tür. „Irgendetwas erinnert mich an etwas.“ Aber er wusste nicht was. „Vor über dreißig Jahren war ich mal beim Einbruchsdezernat. Tja …“
„Und?“, fragte Kriminaloberkommissar Kroll.
„Ich komme nicht drauf.“ Inzwischen war er dreiundsechzig, da lag eine Menge Zeit dazwischen, zu viel Zeit, um sich an Details zu erinnern.
„Der Regen hat die meisten Spuren weggespült. Die Tatwaffe ist auch nicht gefunden worden“, sagte Kroll.
"Werner?", sagte Kollege Ronwers von der Spurensicherung. „Eins ist klar. Den Wagendeckel hat jemand gründlich abgewischt. Da ist nichts mehr dran zu finden. Im Kofferraum auch nicht."
"Trotzdem, nehmt den Wagen mit in die Werkstatt. Mit irgendetwas ist er abgewischt worden, wenigstens das hinterlässt Spuren."
*
Für einen Moment erinnerte sich Jens an nichts. Er reckte sich und blinzelte zum Fenster hinüber ins Tageslicht. Sein Blick irrte durch sein einziges Zimmer, blieb an den vier großen Taschen hängen, die vor der alten Schrankwand auf dem Boden standen.
Abrupt kam er zum Sitzen.
