Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Ein ganz neues Leben - Jojo Moyes

«Du hast mich mitten ins Herz getroffen, Clark. Vom ersten Tag an, an dem du mit deinen lächerlichen Klamotten hereingestapft bist. Du hast mein Leben verändert.» Sechs Monate hatten Louisa Clark und Will Traynor zusammen. Ein ganzes halbes Jahr. Und diese sechs Monate haben beide verändert. Lou ist nicht mehr das Mädchen aus der Kleinstadt, das Angst vor seinen eigenen Träumen hat. Aber sie führt auch nicht das unerschrockene Leben, das Will sich für sie gewünscht hat. Denn wie lebt man weiter, wenn man den Menschen verloren hat, den man am meisten liebt? Eine Welt ohne Will, das ist für Lou immer noch schwer zu ertragen. Ein einsames Apartment, ein trister Job am Flughafen – Lou existiert, aber ein Leben ist das nicht. Bis es eines Tages an der Tür klingelt – und sich eine Verbindung zu Will auftut, von der niemand geahnt hat. Endlich schöpft Lou wieder Kraft, Kraft zu kämpfen, für sich, für das, was Will ihr hinterlassen hat, für Ein ganz neues Leben.

Meinungen über das E-Book Ein ganz neues Leben - Jojo Moyes

E-Book-Leseprobe Ein ganz neues Leben - Jojo Moyes

Jojo Moyes

Ein ganz neues Leben

Roman

Aus dem Englischen von Karolina Fell

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

«Du hast mich mitten ins Herz getroffen, Clark. Vom ersten Tag an, an dem du mit deinen lächerlichen Klamotten hereingestapft bist. Du hast mein Leben verändert.»

 

Sechs Monate hatten Louisa Clark und Will Traynor zusammen. Ein ganzes halbes Jahr. Und diese sechs Monate haben beide verändert. Lou ist nicht mehr das Mädchen aus der Kleinstadt, das Angst vor seinen eigenen Träumen hat. Aber sie führt auch nicht das unerschrockene Leben, das Will sich für sie gewünscht hat. Denn wie lebt man weiter, wenn man den Menschen verloren hat, den man am meisten liebt? Eine Welt ohne Will, das ist für Lou immer noch schwer zu ertragen. Ein einsames Apartment, ein trister Job am Flughafen – Lou existiert, aber ein Leben ist das nicht. Bis es eines Tages an der Tür klingelt – und sich eine Verbindung zu Will auftut, von der niemand geahnt hat. Endlich schöpft Lou wieder Kraft, Kraft zu kämpfen, für sich, für das, was Will ihr hinterlassen hat, für ein ganz neues Leben.

Über Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. «Ein ganzes halbes Jahr» machte sie international zur Bestsellerautorin. Der Roman wurde in 34 Sprachen übersetzt und stand auch in Deutschland monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste. Zurzeit wird die Geschichte von Lou und Will verfilmt mit Emilia Clarke und Sam Claflin in den Hauptrollen.

Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex.

 

Weitere Informationen zur Autorin

Erfahren Sie mehr über Jojo Moyes und entdecken Sie spannende Hintergrundinformationen und spannende Aktionen auf www.jojo-moyes.de.

Liebe Leserinnen und Leser,

 

ich hatte eigentlich nie vor, eine Fortsetzung von «Ein ganzes halbes Jahr» zu schreiben. Aber seit Jahren fragt ihr mich immer wieder, wie Louisas Leben weitergegangen ist, und ihr Schicksal hat mich einfach nie losgelassen. Die zündende Idee kam mir dann, wie das ja manchmal so ist, um halb sechs Uhr morgens. Ich musste mir sofort meinen Stift schnappen und loslegen. Mir hat es große Freude gemacht, Lou und ihre Familie – aber auch die Traynors – wiederzutreffen. Wie immer haben sie mich zum Lachen und zum Weinen gebracht. Ich hoffe, dass es euch genauso gehen wird.

 

Jojo Moyes

Für meine Großmutter

Betty McKee

Kapitel 1

Der dicke Mann am Ende des Tresens schwitzt. Er hat seinen Kopf tief über seinen doppelten Scotch gesenkt und sieht alle paar Minuten über die Schulter in Richtung der Tür, und dann erkennt man im Licht der Neonröhren einen feinen Schweißfilm auf seiner Stirn. Er stößt einen langen, zittrigen, als Seufzer getarnten Atemzug aus und wendet sich wieder seinem Drink zu.

«Hey. Entschuldigen Sie.»

Ich sehe vom Gläserpolieren auf.

«Kann ich noch einen haben?»

Ich möchte ihm sagen, dass das wirklich keine gute Idee ist. Dass dieses Glas vermutlich das Glas zu viel ist. Aber er ist erwachsen, und wir schließen in einer Viertelstunde, und laut unserer Unternehmensrichtlinien habe ich keinen Grund, seine Bestellung abzulehnen, also gehe ich zu ihm, nehme sein Glas und halte es unter die kopfüber hängende Flasche. Er nickt. «Doppelt», sagt er und wischt sich mit seiner dicken Hand über das schweißnasse Gesicht.

«Das macht dann sieben Pfund zwanzig, bitte.»

Es ist Viertel vor elf an einem Dienstagabend, und das Shamrock & Clover, der Irish Pub im London City Airport, der so irisch ist wie Mahatma Gandhi, macht für heute zu. Die Bar schließt zehn Minuten nach dem letzten Abflug, und im Moment sind außer mir nur noch ein hektischer junger Mann mit einem Laptop, zwei gackernde Frauen an Tisch drei und der Mann da, der sich seinem doppelten Jameson widmet; sie warten auf die Flüge SC107 nach Stockholm und DB224 nach München, wobei der letztere vierzig Minuten Verspätung hat.

Ich bin seit dem Mittag da, weil Carly mit Magenschmerzen nach Hause musste. Das macht mir nichts aus. Es macht mir nie etwas aus, länger zu bleiben. Leise bei Celtic Pan Pipes Of The Emerald Isle Vol. III mitsummend, durchquere ich den Pub und sammle Gläser ein. Die beiden Frauen beugen sich über ein Video auf einem Smartphone. Sie lachen das ungezwungene Lachen der reichlich Angeheiterten.

«Meine Enkelin. Fünf Tage alt», sagt die blonde Frau, als ich über den Tisch nach ihrem Glas greife.

«Süß.» Ich lächle. Für mich sehen alle Babys wie Rosinenbrötchen aus.

«Sie wohnt in Schweden. Da war ich noch nie. Aber ich muss schließlich mein erstes Enkelkind anschauen gehen, oder?»

«Wir trinken auf das Baby.» Wieder brechen sie in Gelächter aus.

«Stoßen Sie mit uns an? Kommen Sie, machen Sie fünf Minuten Pause. Wir können diese Flasche sowieso nicht rechtzeitig leer trinken.»

«Oh! Es geht los. Komm, Dor.» Nach einem Blick auf den Abflugmonitor sammeln sie ihre Habseligkeiten zusammen, und vielleicht bin ich die Einzige, die ein leichtes Schwanken bemerkt, als sie sich auf den Weg zu ihrem Gate machen. Ich stelle ihre Gläser auf den Tresen und lasse meinen Blick durch die Bar wandern, um festzustellen, ob es noch mehr zum Abwaschen gibt.

«Kommen Sie eigentlich nie in Versuchung?» Die kleinere Frau ist zurückgerannt, um ihr Halstuch zu holen.

«Was meinen Sie?»

«Einfach nach Ihrer Schicht dort runterzugehen. In irgendein Flugzeug zu steigen. Mir ginge es so.» Wieder lacht sie. «Jeden verdammten Tag.»

Ich lächle die Art professionelles Lächeln, die alles bedeuten kann, und drehe mich wieder zum Tresen um.

 

Die Flughafenshops schließen über Nacht, Stahlgitter rasseln vor überteuerten Handtaschen und Toblerone-Verlegenheitsgeschenken herunter. Flackernd erlischt die Beleuchtung an den Gates 3, 5 und 11, blinkende Positionsleuchten zeigen an, wo die letzten Reisenden des Tages in den Nachthimmel hinaufgetragen werden. Violet, die Putzfrau aus dem Kongo, schiebt ihren Reinigungswagen auf mich zu, ihr Gang ist ein langsames Schwingen, die Gummisohlen ihrer Schuhe quietschen auf dem schimmernden Linoleum.

«Guten Abend, meine Liebe.»

«Guten Abend, Violet.»

«Sie sollten so spät nicht mehr hier sein, Schätzchen. Sie sollten zu Hause bei Ihrer Familie sein.»

Jeden Abend sagt sie genau das Gleiche zu mir.

«Bin gleich weg.» Und ich antworte jeden Abend mit genau diesen Worten.

Zufrieden nickt sie und setzt ihren Weg fort.

Der hektische junge Laptop-Mann und der schwitzende Scotch-Trinker sind gegangen. Ich räume die restlichen Gläser weg, mache die Kasse und überprüfe zwei Mal, ob der Betrag dem auf der Kassenrolle entspricht. Ich trage alles ins Kassenbuch ein, kontrolliere die Zapfhähne und schreibe auf, was wir nachbestellen müssen. Dabei fällt mir auf, dass der Mantel des Dicken noch über seinem Barhocker hängt. Ich sehe zu dem Bildschirm mit den Abflugzeiten hinauf. Für den Flug nach München dürfte gerade das Boarding begonnen haben, falls ich mich geneigt fühlen sollte, ihm nachzulaufen. Langsam gehe ich hinüber zur Herrentoilette.

«Hallo? Ist da jemand drin?»

Die Stimme, die zu mir herausdringt, klingt erstickt, beinahe ein bisschen hysterisch. Ich drücke die Tür auf. Der dicke Mann im Anzug hat sich tief über das Waschbecken gebeugt, spritzt sich Wasser ins Gesicht. Seine Haut ist kalkweiß.

«Ist mein Flug aufgerufen worden?»

«Das Boarding hat schon angefangen. Sie haben noch ein paar Minuten.»

Ich will gehen, aber irgendetwas hält mich zurück. Der Mann starrt mich an, seine Augen sind zwei dunkle ängstliche Punkte. Er schüttelt den Kopf. «Ich kann es nicht.» Er nimmt sich ein Papiertuch und tupft sich das Gesicht ab. «Ich kann nicht in dieses Flugzeug steigen.»

Ich warte ab.

«Ich soll zu einem Termin mit meinem neuen Chef fliegen, und ich kann es nicht. Und ich war zu feige, ihm zu sagen, dass ich Flugangst habe.» Er schüttelt den Kopf. «Keine Flugangst. Flugpanik.»

Ich lasse die Tür hinter mir zufallen.

«Was für einen neuen Job haben Sie denn?»

Er schließt kurz die Augen.

«Oh … Autoteile. Ich bin der neue Gebietsleiter für den Ersatzteilhandel bei Hunt Motors.»

«Klingt nach einem tollen Job», sage ich.

«Ich habe hart dafür gearbeitet.» Er schluckt angestrengt. «Und deswegen will ich nicht in einer Feuerkugel sterben. Ich will auf keinen Fall in einer fliegenden Feuerkugel sterben.»

Ich bin versucht, ihn darauf hinzuweisen, dass die Feuerkugel genau genommen nicht fliegen, sondern eher rasant abstürzen würde, doch das wäre vermutlich keine große Hilfe. Er spritzt sich wieder Wasser ins Gesicht, und ich reiche ihm ein Papiertuch.

«Danke.» Er atmet zitternd aus und richtet sich auf, versucht, sich zusammenzunehmen. «Ich wette, Sie haben noch nie einen erwachsenen Mann gesehen, der sich so idiotisch aufführt, was?»

«Das passiert etwa vier Mal am Tag.»

Er reißt seine winzigen Augen auf.

«Etwa vier Mal täglich muss ich jemanden aus der Herrentoilette holen. Und der Grund dafür ist gewöhnlich Flugangst.»

Er sieht mich überrascht an.

«Aber wissen Sie, und das sage ich auch zu allen anderen, von diesem Flughafen aus ist noch nie ein Flugzeug abgestürzt.»

Er zieht unwillkürlich den Kopf ein. «Wirklich?»

«Kein einziges.»

«Nicht mal … ein kleiner Crash auf der Landebahn?»

Ich schüttle den Kopf. «Ehrlich gesagt, ist es hier total langweilig. Die Leute fliegen, wohin sie müssen, und kommen nach ein paar Tagen wieder zurück.» Ich lehne mich an die Tür, um sie aufzudrücken. Diese Waschräume riechen abends nicht gerade besser. «Und ich persönlich finde jedenfalls, dass es Schlimmeres gibt, als sein Leben so zu verbringen.»

«Tja. Ich schätze, das stimmt.»

Er denkt darüber nach und wirft mir einen Seitenblick zu. «Vier am Tag, ja?»

«Manchmal auch mehr. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich jetzt zurück in die Bar. Es ist nicht gut, wenn man mich zu oft aus der Herrentoilette kommen sieht.»

Er lächelt, und einen Augenblick lang kann ich mir vorstellen, was er normalerweise für ein Typ ist. Ein überschwänglicher Charakter. Ein Mann auf der Höhe seiner Karriere im europäischen Autoteilehandel.

«Wenn ich mich nicht irre, höre ich gerade den letzten Aufruf für Ihren Flug.»

«Sie glauben also, ich schaffe das.»

«Sie schaffen das. Es ist eine sehr sichere Fluggesellschaft. Und es sind nur ein paar Stunden Ihres Lebens. Die SK491 ist vor fünf Minuten gelandet. Wenn Sie zu Ihrem Gate gehen, sehen Sie die Stewards und Stewardessen auf dem Weg nach Hause herauskommen, und dabei plaudern und lachen sie die ganze Zeit. Für sie ist Fliegen ungefähr so, als würden sie den Bus nehmen. Manche von ihnen fliegen zwei, drei oder vier Mal täglich. Und sie sind nicht dumm. Wenn es nicht sicher wäre, würden sie nicht einsteigen, oder?»

«Als würden sie den Bus nehmen», wiederholt er.

«Bloß vermutlich sehr viel sicherer.»

«Also, davon kann man ausgehen.» Er zieht die Augenbrauen in die Höhe. «Sind eine Menge Idioten auf der Straße unterwegs.»

Ich nicke.

Er richtet seine Krawatte. «Und es ist ein Riesenjob.»

«Wäre eine Schande, sich den bloß wegen so einer Kleinigkeit entgehen zu lassen. Wenn Sie sich erst mal ein bisschen daran gewöhnt haben, dort oben in der Luft zu sein, geht es Ihnen gleich besser.»

«Na ja, vielleicht. Danke …»

«Louisa», sage ich.

«Danke, Louisa. Sie sind sehr nett.» Er sieht mich nachdenklich an. «Ich nehme nicht an, dass … Sie … irgendwann mal Lust hätten, was trinken zu gehen?»

«Ich glaube, Sie sollten sich jetzt beeilen, Sir», sage ich und drücke die Tür ganz auf, damit er durchgehen kann.

Er nickt, um seine Verlegenheit zu kaschieren, und klopft sich mit übertriebenem Theater die Taschen ab. «Okay. Gut. Also … ich gehe jetzt.»

«Viel Spaß mit Ihren Ersatzteilen.»

Zwei Minuten nachdem er gegangen ist, stelle ich fest, dass er die ganze Kabine drei vollgereihert hat.

 

Ich komme um Viertel nach eins zu Hause an. Ich steige die vier Stockwerke hinauf und schließe meine stille Wohnung auf. Ich schlüpfe in meine Pyjamahose und ein Kapuzensweatshirt, dann öffne ich den Kühlschrank, nehme eine Weinflasche heraus und schenke mir ein Glas ein. Der Wein ist so sauer, dass sich mir die Lippen kräuseln. Ich mustere das Etikett, und mir wird klar, dass ich die Flasche am Abend zuvor angebrochen und vergessen habe, sie wieder zu verstöpseln; aber dann beschließe ich, dass es nie eine gute Idee ist, zu lange über solche Sachen nachzudenken, und lasse mich mit dem Glas in einen Sessel plumpsen. Auf dem Kaminsims stehen zwei Ansichtskarten. Die eine ist von meinen Eltern, die mir alles Gute zum Geburtstag wünschen. Das «Alles Gute» von Mum sticht grell hervor. Die andere Karte ist von meiner Schwester, die vorschlägt, mit Tom übers Wochenende vorbeizukommen. Die Karte ist ein halbes Jahr alt. Zwei Nachrichten auf dem AB, die eine von meinem Zahnarzt. Die andere nicht.

Hi, Louisa. Hier ist Jared. Wir haben uns im Dirty Duck kennengelernt. Na ja, wir hatten was miteinander (gedämpftes, verlegenes Lachen). Es war ziemlich … mmh … es hat mir gefallen. Ich hab überlegt, ob wir das wiederholen könnten. Du hast ja meine Nummer …

Als die Flasche leer ist, überlege ich, noch eine zu kaufen, aber ich habe keine Lust mehr rauszugehen. Ich will mir in dem rund um die Uhr geöffneten Laden keinen von Samirs Witzen über meinen unstillbaren Pinot-Grigio-Bedarf anhören. Ich will mit überhaupt niemandem reden müssen. Schlagartig bin ich hundemüde, aber es ist die Art von Erschöpfung, bei der einem der Kopf schwirrt und man weiß, dass man sowieso nicht schlafen kann, wenn man ins Bett geht. Ich denke kurz an Jared und die Tatsache, dass seine Fingernägel komisch geformt sind. Machen mir komisch geformte Fingernägel etwas aus? Ich starre die kahlen Wohnzimmerwände an, und plötzlich wird mir klar, das, was ich in Wirklichkeit brauche, ist frische Luft. Ich brauche unbedingt frische Luft. Ich öffne das Flurfenster, klettere nach draußen und steige kraftlos die Feuertreppe zum Dach hinauf.

Als ich vor neun Monaten zum ersten Mal hier heraufkam, zeigte mir der Makler den kleinen Dachgarten, den die Vormieter angelegt hatten, indem sie ein paar schicke Pflanzkübel und eine kleine Bank aufgestellt hatten. «Offiziell ist es nicht Ihre Terrasse, das ist klar», sagte er. «Aber Ihre Wohnung hat den einzigen direkten Zugang. Ich finde es sehr hübsch. Sie könnten hier oben sogar Partys geben!» Ich sah ihn an und überlegte, ob ich wirklich wie ein Mensch aussah, der Partys gab.

Die Pflanzen sind inzwischen schon längst vertrocknet und abgestorben. Offenbar bin ich nicht besonders gut darin, mich um etwas zu kümmern. Nun stehe ich auf dem Dach und schaue auf die lichterblitzende Dunkelheit Londons hinunter. Um mich herum leben, atmen, essen und streiten Millionen von Menschen. Millionen von Leben, die vollkommen von meinem abgetrennt sind. Das ist eine seltsame Form von Frieden.

Die Stadtgeräusche steigen in die Nachtluft auf, Straßenlaternen glitzern, Autos beschleunigen, Türen werden zugeschlagen. Ein paar Meilen südlich dröhnt das gefühllose Hämmern eines Polizeihubschraubers, dessen Suchscheinwerfer auf der Jagd nach einem flüchtigen Kriminellen über einen Park tastet. Irgendwo in der Ferne ist ein Martinshorn zu hören. Immer ist ein Martinshorn zu hören. «Hier werden Sie sich sofort zu Hause fühlen», hat der Makler gesagt. Ich hätte beinahe gelacht. Ich fühle mich in dieser Stadt immer noch so fremd wie früher. Andererseits – so geht es mir jetzt überall.

Ich zögere, dann mache ich einen Schritt auf den Dachvorsprung, die Arme seitwärts ausgestreckt, wie eine leicht angetrunkene Seiltänzerin. Ich setze einen Fuß vor den anderen, an der Betonkante entlang, die schwache Brise lässt die Haare auf meinen Armen prickeln. Am Anfang, als ich hierhergezogen war, als mich alles mit voller Wucht getroffen hat, habe ich mich manchmal dazu angestachelt, auf dem Rand des Daches von einem Ende des Häuserblocks zum anderen zu gehen. Als ich das andere Ende erreicht hatte, lachte ich in die Nacht hinaus. Siehst du? Ich bin hier – ich lebe weiter – am Rand des Abgrunds. Ich tue, was du mir gesagt hast!

Es ist zu einer heimlichen Gewohnheit geworden, ich, die nächtliche Skyline, die tröstliche Dunkelheit, die Anonymität und das Bewusstsein, dass keiner hier weiß, wer ich bin.

Ich hebe den Kopf, spüre den nächtlichen Windhauch, höre Gelächter von unten, das gedämpfte Klirren einer zerbrechenden Flasche, den Verkehr, der sich ins Zentrum bewegt, sehe den endlosen roten Strom der Rücklichter, eine automobile Blutzufuhr. Hier oben gibt es immer was zu sehen, über dem Lärm und dem Großstadtchaos. Nur zwischen drei und fünf Uhr morgens ist es verhältnismäßig ruhig, die Betrunkenen sind ins Bett gefallen, die Restaurantköche haben ihre weißen Jacken ausgezogen, die Pubs ihre Türen abgeschlossen. Die Ruhe dieser Stunden wird nur gelegentlich unterbrochen; von den nächtlichen Tankwagen, den Geräuschen, mit denen die jüdische Bäckerei am Ende der Straße öffnet, dem Plumps, mit dem die Zeitungsbündel auf dem Asphalt landen. Ich kenne die leisesten Bewegungen der Stadt, weil ich nicht mehr schlafe.

Weiter unten in der Straße gibt es eine geschlossene Gesellschaft im White Horse, einem Pub voller Hipster und East-Ender. Vor der Tür streitet ein Pärchen, und auf der anderen Seite der City kümmert man sich im General Hospital um die Kranken und Verletzten und diejenigen, die es gerade so geschafft haben, auch diesen Tag noch zu überleben. Hier oben aber gibt es nur die Luft und die Dunkelheit und irgendwo den FedEx-Cargo-Flieger von Heathrow nach Peking und eine Million Reisende wie Mr. Whiskeytrinker auf ihrem Weg an einen anderen Ort.

«Achtzehn Monate. Achtzehn ganze Monate. Wann ist es endlich genug?», sage ich in die Dunkelheit. Und da ist sie. Ich spüre, wie sie wieder hochkocht, diese überfallartige Wut. Ich gehe zwei Schritte weiter, schaue kurz auf meine Füße. «Das hier ist nämlich kein Leben. Das hier ist gar nichts!»

Zwei Schritte. Noch zwei. Heute Nacht gehe ich bis zur Hausecke.

«Du hast mir kein verdammtes Leben übrig gelassen, oder? Von wegen. Du hast einfach nur mein altes Leben kaputt gemacht. Es in einen Scherbenhaufen verwandelt. Was soll ich jetzt mit den ganzen Bruchstücken anfangen? Wann wird es endlich …»

Ich strecke die Arme aus, bekomme Gänsehaut in der kühlen Nachtluft und merke, dass ich wieder einmal weine.

«Fuck you, Will», flüstere ich. «Fuck you dafür, dass du mich verlassen hast.»

Der Kummer steigt in mir auf wie eine Flutwelle, heftig, alles überrollend. Und in demselben Moment, in dem ich mich ganz hineinsinken lassen will, höre ich eine Stimme aus dem Schatten. «Ich glaube nicht, dass Sie dort stehen sollten.»

Ich drehe mich halb um und sehe bei der Feuertreppe ein weißes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen. Vor Schreck rutscht mein Fuß über die Dachkante, und plötzlich ist mein Körperschwerpunkt auf der falschen Seite. Mein Herzschlag setzt aus, Sekundenbruchteile, bevor ihm mein Körper folgt. Und dann, wie in einem Albtraum, bin ich schwerelos, im Abgrund der Nacht, und meine Beine strampeln über meinem Kopf, während ich den Schrei höre, der mein eigener sein könnte –

 

Kracks.

Und dann ist alles schwarz.

Kapitel 2

«Wie heißen Sie, Schätzchen?»

Eine Stützkrause um meinen Hals.

Eine Hand fühlt mir sanft und rasch die Stirn.

Ich lebe. Das ist eine ziemliche Überraschung.

«So ist es gut. Öffnen Sie die Augen. Sehen Sie mich an. Jetzt. Sehen Sie mich an. Können Sie mir Ihren Namen sagen?»

Ich möchte sprechen, den Mund aufmachen, aber meine Stimme produziert ein sinnloses Gebrabbel. Ich glaube, ich habe mir auf die Zunge gebissen. Ich habe Blut im Mund, warm, und es schmeckt nach Eisen. Ich kann mich nicht bewegen.

«Wir legen Sie jetzt auf eine Trage, okay? Sie werden sich wahrscheinlich kurz unwohl fühlen, aber ich gebe Ihnen etwas Morphium gegen die Schmerzen.» Die Stimme des Mannes ist ganz ruhig, als wäre es das Normalste von der Welt, verletzt dazuliegen und in den dunklen Himmel hinaufzustarren. Ich würde am liebsten lachen. Ich will ihm erzählen, wie lächerlich es ist, dass ich hier liege. Aber ich bin nur der nächste Notfall in Jogginghosen, und nichts scheint zu funktionieren, wie es sollte.

Das Gesicht des Mannes verschwindet aus meinem Blickfeld. Eine Frau in einer Jacke mit reflektierenden Streifen, das dunkle, lockige Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen, beugt sich über mich und leuchtet mir unvermittelt mit einer dünnen Taschenlampe in die Augen, wobei sie mich mit distanziertem Interesse beobachtet, als wäre ich ein Versuchskaninchen und kein Mensch.

«Müssen wir sie in einen Bergungssack stecken?»

Ich möchte etwas sagen, aber die Schmerzen in meinen Beinen lenken mich ab. O Gott, sage ich, aber ich weiß nicht genau, ob ich es laut sage.

«Die Pupillen sind normal und reagieren. Blutdruck 90 zu 60. Sie kann von Glück reden, dass sie auf diese Markise gefallen ist. Wie hoch stehen die Chancen, ausgerechnet auf eine Liege zu fallen, was meinst du? … Der Bluterguss gefällt mir allerdings nicht» – kalte Luft streicht über meinen Nabel, die leichte Berührung warmer Finger – «innere Blutungen?»

«Brauchen wir ein zweites Team?»

«Könnten Sie bitte zurücktreten, Sir? Ganz zurück?»

Eine Männerstimme. «Ich wollte gerade eine rauchen, da ist sie auf meinen Balkon gekracht, verdammt. Beinahe wäre sie auf mich gefallen, verdammt.»

«Tja, dann ist heute wohl Ihr Glückstag. Sie hat Sie nicht getroffen.»

«Das war der Schock meines Lebens. Man rechnet schließlich nicht damit, dass einfach irgendwer vom Himmel fällt, verdammt. Sehen Sie sich meinen Liegestuhl an. Der hat mich bei Conran achthundert Pfund gekostet … Glauben Sie, dass ich Schadenersatz geltend machen kann?»

Kurze Stille.

«Sie können tun, was Sie wollen, Sir. Wissen Sie, was? Warum verklagen Sie sie nicht darauf, dass sie auf Ihrem Balkon das Blut wegputzt, während Sie zusehen? Wie wär’s?»

Der Blick des Mannes wandert zu seiner Kollegin hinüber. Die Zeit macht einen Sprung, ich kippe mit ihr weg. Ich bin von einem Dach gefallen? Mein Gesicht fühlt sich kalt an, und abwesend nehme ich wahr, dass ich angefangen habe zu zittern.

«Sie entwickelt Schocksymptome, Sam …»

Unterhalb von mir wird die Tür eines Transporters aufgezogen. Und dann bewegt sich die Trage kurz unter mir und diese Schmerzen diese Schmerzen diese Schmerzen – alles wird schwarz.

 

Ein Martinshorn und ein blaues Wirbeln. In London hört man immer ein Martinshorn. Wir fahren. Neonlicht flimmert durch das Innere des Krankenwagens, flackernd erleuchtet es das unerwartet vollgestopfte Innere, den Mann in der neongrünen Uniform, der etwas in sein Handy tippt, bevor er sich umdreht, um den Tropf über meinem Kopf zu regulieren. Der Schmerz hat nachgelassen … Morphium? … aber mit dem wiederkehrenden Bewusstsein wächst eine Horrorvorstellung in mir. Wie ein riesiger Airbag, der sich in meinem Körper aufbläst und nach und nach alles andere wegdrückt. O nein. O nein.

«Emschuliung?»

Ich brauche zwei Anläufe, bis mich der Mann hört, der sich mit einer Hand an der Tür des Krankenwagens abstützt. Er dreht sich um und beugt sich über mich. Er riecht nach Zitrone und hat beim Rasieren eine Stelle vergessen.

«Alles okay mit Ihnen?»

«Ginich …»

«Sorry. Man hört hier drin schwer bei dem Martinshorn. Wir sind gleich im Krankenhaus.» Er legt seine Hand auf meine. Sie ist trocken und warm und beruhigend. Auf einmal bekomme ich Panik bei der Vorstellung, dass er meine Hand loslassen könnte. «Halten Sie einfach noch ein bisschen durch. Wie lange dauert’s noch, bis wir da sind, Donna?»

Ich kann die Worte nicht sagen. Meine Zunge füllt meinen ganzen Mund aus. Meine Gedanken sind verworren, entgleiten mir. Habe ich meinen Arm bewegt, als sie mich hochgehoben haben? Ich habe die rechte Hand gehoben, oder nicht?

«Ginich … gelemt?» Ich bringe nur ein Flüstern heraus.

«Was?» Er bringt sein Ohr dicht an meinen Mund.

«Gelemt? Ginich gelemt?»

«Gelähmt?» Der Mann zögert, hält meinen Blick fest, dann schaut er zu meinen Beinen hinunter. «Können Sie die Zehen bewegen?»

Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie man die Füße bewegt. Es scheint sehr viel mehr Konzentration zu erfordern als gewöhnlich. Der Mann streckt den Arm aus und berührt leicht meine Zehen, wie um mich daran zu erinnern, wo sie sind.

«Versuchen Sie es noch einmal. Los geht’s.»

Schmerz schießt in meinen Beinen empor. Ein Keuchen, womöglich ein Schluchzen. Von mir.

«Alles in Ordnung. Schmerz ist gut. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube nicht, dass Ihr Rückenmark verletzt ist. Sie haben sich die Hüfte gebrochen und noch so einiges andere.»

Sein Blick ruht auf mir. Freundliche Augen. Er scheint zu verstehen, wie sehr ich diese Bestätigung brauche. Ich spüre seine Hand auf meiner. Noch nie habe ich eine menschliche Berührung so nötig gehabt.

«Ehrlich. Ich bin ziemlich sicher, dass Sie nicht gelähmt sind.»

«O Ottseidang.» Ich höre meine Stimme wie aus der Ferne. In meinen Augen stehen Tränen. «Bitte lassen Sie minnich los», flüstere ich.

Er beugt sich dichter zu mir. «Ich lasse Sie nicht los.»

Ich möchte etwas sagen, aber sein Gesicht verschwimmt, und dann wird wieder alles schwarz.

 

Hinterher erzählen sie mir, dass ich zwei von den fünf Stockwerken hinuntergefallen und durch eine Markise gebrochen bin und mein Sturz von der Luxus-Riesen-Segeltuch-Flecht-Optik-Sonnenliege mit wasserfester Polsterung auf dem Balkon von Mr. Antony Gardiner gebremst wurde, einem Anwalt für Urheberrecht, dem ich nie begegnet bin. Meine Hüfte hat einen Trümmerbruch, während zwei Rippen und mein Schlüsselbein glatte Brüche aufweisen. An der linken Hand sind zwei Finger gebrochen, und einer meiner Mittelfußknochen hat sich durch die Haut gebohrt, sodass einer der Medizinstudenten in Ohnmacht fällt. Meine Röntgenbilder bringen es zu einer gewissen Berühmtheit.

Immer wieder geht mir durch den Kopf, was der Rettungssanitäter gesagt hat. Man weiß nie, was passiert, wenn man aus großer Höhe abstürzt. Anscheinend habe ich ein Riesenglück gehabt. Das sagen sie zu mir und warten lächelnd ab, als müsste ich mit einem breiten Grinsen reagieren oder einem kleinen Stepptanz. Ich habe aber kein Glücksgefühl. Ich habe überhaupt keine Gefühle. Ich dämmere vor mich hin und wache gelegentlich auf, und manchmal sehe ich die grellen Lichter eines Operationssaals über mir, und dann bin ich wieder in einem abgeschiedenen, stillen Raum. Das Gesicht einer Krankenschwester. Gesprächsfetzen.

Hast du die Ferkelei von der alten Frau aus D4 gesehen? So beendet man gern seine Schicht, was?

Du arbeitest oben im Princess Elizabeth, stimmt’s? Denen kannst du ausrichten, dass wir wissen, wie man eine Notaufnahme führt. Hahahaha.

Sie ruhen sich jetzt aus, Louisa. Wir kümmern uns um alles. Sie ruhen sich einfach nur aus.

Das Morphium macht mich schläfrig. Sie erhöhen meine Dosis, und zusammen mit dem kühlen Tröpfeln lasse ich mich nur allzu gern in die Bewusstlosigkeit gleiten.

 

Als ich die Augen aufschlage, sehe ich meine Mutter am Fußende meines Bettes stehen.

«Sie ist wach. Bernard, sie ist wach. Sollen wir die Schwester rufen?»

Sie hat eine neue Haarfarbe, denke ich abwesend. Und dann: Oh. Das ist meine Mutter. Meine Mutter spricht doch nicht mehr mit mir.

«Oh, Gott sei Dank. Gott sei Dank.» Meine Mutter hebt die Hand und berührt das Kruzifix, das sie um den Hals trägt. Das erinnert mich an jemanden, aber mir fällt nicht ein, an wen. Sie lehnt sich vor und streicht mir sanft über die Wange. Aus irgendeinem Grund führt das dazu, dass mir die Tränen in die Augen schießen.

«Oh, mein kleines Mädchen.» Sie beugt sich über mich, als wollte sie mich vor weiterem Schaden bewahren. Ich rieche ihr Parfüm, das mir so vertraut ist wie mein eigenes. «Oh, Lou.»

Sie wischt mir mit einem Taschentuch die Tränen vom Gesicht.

«Ich bin fast gestorben vor Angst, als sie angerufen haben. Hast du Schmerzen? Brauchst du etwas? Liegst du bequem? Kann ich dir etwas holen?»

Sie redet so schnell, dass ich nicht antworten kann. «Wir sind sofort gekommen. Treena kümmert sich um Großvater. Er lässt dich herzlich grüßen. Na ja, er hat alle möglichen Geräusche gemacht, weißt du, aber wir verstehen ja alle, was er meint. Oh, Liebling, wie um alles in der Welt konnte dir das passieren? Was um alles in der Welt hast du dir dabei gedacht?»

Anscheinend erwartet sie keine Antwort. Alles, was ich zu tun habe, ist, hier zu liegen. Meine Mutter tupft sich die Augen ab und dann wieder meine.

«Du bist immer noch meine Tochter. Und … und ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas passiert und wir wären nicht … weißt du?»

«Ngung …» Ich bringe die Worte nicht heraus. Meine Zunge fühlt sich abartig an. Ich klinge, als wäre ich betrunken. «Ch wollte nich …»

«Ich weiß. Aber du hast es mir so schwer gemacht, Lou. Ich konnte nicht …»

«Nicht jetzt, Schatz, ja?» Dad berührt sie an der Schulter.

Sie richtet den Blick in eine unbestimmte Ferne und nimmt meine Hand. «Als der Anruf kam. Oh, ich dachte … ich wusste nicht …» Sie schnieft wieder, das Taschentuch an die Lippen gepresst. «Gott sei Dank geht es ihr gut, Bernard.»

«Natürlich geht es ihr gut. Sie ist doch unser Stehaufmädchen, oder?»

Dad ragt über mir auf. Wir haben vor zwei Monaten das letzte Mal miteinander telefoniert, aber gesehen habe ich ihn in den achtzehn Monaten, seit ich von zu Hause weg bin, nicht. Er wirkt riesengroß und vertraut und unfassbar erschöpft.

«Schorry», flüstere ich. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.

«Sei nicht albern. Wir sind einfach froh, dass es dir gut geht. Auch wenn du so aussiehst, als hättest du sechs Runden mit Mike Tyson hinter dir. Hast du eigentlich schon mal in den Spiegel geschaut, seit du hier bist?»

Ich schüttle den Kopf.

«Vielleicht … also an deiner Stelle würde ich das auch noch eine Weile vermeiden. Weißt du noch, Terry Nicholls, als er beim Minimart über seinen Fahrradlenker geflogen ist? Also, denk dir den Schnurrbart weg, und du weißt ziemlich genau, wie du aussiehst. Andererseits …», er mustert intensiv mein Gesicht, «… wenn ich’s recht betrachte …»

«Bernard.»

«Morgen bringen wir dir eine Pinzette mit. Jedenfalls, wenn du das nächste Mal auf die Idee kommst, Flugstunden zu nehmen, gehen wir zusammen auf den Flugplatz. Abspringen und mit den Armen rudern funktioniert bei dir eindeutig nicht.»

Ich versuche zu lächeln.

Sie beugen sich über mich. Ihre Gesichter sind angespannt, besorgt. Meine Eltern.

«Sie ist dünn geworden, Bernard. Findest du nicht, dass sie dünn geworden ist?»

Ich sehe, dass Dads Augen ein bisschen feucht geworden sind. Dass sein Lächeln ein bisschen unsicherer ist als sonst.

«Ach was … sie sieht hervorragend aus, Schatz. Glaub mir. Du siehst verdammt hervorragend aus.» Er drückt meine Hand, dann hebt er sie an seine Lippen und küsst sie. So etwas hat mein Dad in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht. Und in diesem Moment wird mir klar, dass sie gedacht haben, ich würde sterben, und ohne dass ich etwas dagegen machen kann, kommt ein Schluchzen aus meiner Kehle. Ich schließe die Augen vor den heißen Tränen und spüre seine große, schwielige Hand auf meiner Hand.

«Wir sind bei dir, Liebling. Alles ist gut. Alles wird wieder gut.»

 

Zwei Wochen lang fahren sie die fünfzig Meilen jeden Tag mit dem Frühzug, und danach alle paar Tage. Dad nimmt Sonderurlaub, weil Mum nicht alleine herfahren will. In London treiben sich immerhin alle möglichen Leute herum. Das sagt sie mehr als ein Mal, und es ist stets von einem verstohlenen Blick über die Schulter begleitet, als würde selbst auf dieser Station ein Messerstecher im Kapuzenpulli umherschleichen. Treena übernachtet bei ihnen, um auf Großvater zu achten. Als sie das erzählt, hat die Stimme meiner Mutter einen Beiklang, der mich ahnen lässt, dass diese Regelung vermutlich nicht Treenas Idee war.

Seit dem Tag, an dem wir alle auf mein Mittagessen gestarrt haben und trotz fünfminütiger, lebhafter Spekulationen nicht darauf kamen, was es eigentlich war, bringt Mum selbstgekochtes Essen mit. «Und auf Plastiktabletts, Bernard. Wie im Gefängnis.» Trübsinnig pikste sie mit der Gabel hinein und schnupperte an den Resten.

Seitdem ist sie jeden Tag mit enormen Sandwiches gekommen – dicke Scheiben Schinken oder Käse zwischen Weißbrotscheiben – oder mit Suppen aus der Thermoskanne, «Essen, das man identifizieren kann», und sie füttert mich wie ein Baby. Meine Zunge schrumpft langsam wieder zu ihrer normalen Größe. Offenbar habe ich sie beinahe durchgebissen, als ich bei dem Sturz aufgeprallt bin. Das ist nicht ungewöhnlich, wie ich erfahre. Ich werde zwei Mal operiert, um meine Hüfte zu klammern, und mein linker Fuß und mein linker Arm sind bis zum Knie- beziehungsweise Ellbogengelenk eingegipst. Keith, einer der Pfleger, fragt, ob er auf meinem Gips unterschreiben darf – anscheinend bringt es Pech, ihn so jungfräulich weiß zu lassen –, und schreibt prompt einen derart unanständigen Kommentar, dass Eveline, die philippinische Krankenschwester, vor der Visite ein Pflaster darüberklebt. Wenn mich Keith zum Röntgen oder zur Apotheke schiebt, erzählt er mir den neuesten Krankenhaustratsch. Ich könnte darauf verzichten, von Patienten zu hören, die einen langsamen, schrecklichen Tod sterben und von denen es unendlich viele zu geben scheint, aber ihn hält das bei Laune. Manchmal überlege ich, was er anderen Leuten über mich erzählt. Ich bin die Frau, die von einem fünfstöckigen Haus gefallen ist und überlebt hat. In der Krankenhaushierarchie stellt mich das anscheinend ein ziemliches Stück über den Darmverschluss auf Station C oder Dieses-dumme-Weib-das-sich-versehentlich-mit-der-Rebschere-den-Daumen-abgeschnitten-hat.

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an das Krankenhausdasein gewöhnt. Ich wache auf, akzeptiere die Pflege durch ein paar Leute, die ich inzwischen wiedererkenne, und versuche bei der Arztvisite das Richtige zu sagen. Meine Eltern benehmen sich den Ärzten gegenüber ungewöhnlich ehrerbietig. Dad entschuldigt sich wiederholt dafür, dass ich nicht imstande bin, aufzuspringen wie ein Ball, bis ihm Mum einen kräftigen Tritt ans Schienbein verpasst.

Nach der Visite dreht Mum gewöhnlich eine Runde bei den Läden unten in der Eingangshalle, und wenn sie zurückkommt, ereifert sie sich mit unterdrückter Lautstärke über die vielen Imbiss-Shops. «Dieser einbeinige Mann von der Kardiologie, Bernard. Hockt da unten und stopft sich mit Cheeseburgern und Pommes frites voll, man glaubt es nicht.»

Dad sitzt auf einem Stuhl und liest Zeitung. In der ersten Woche durchforstet er sie auf Artikel über meinen Unfall. Ich versuche, ihm zu erklären, dass in diesem Stadtteil sogar ein Doppelmord kaum in den Kurznachrichten erwähnt wird, wogegen das Lokalblatt in Stortfold vergangene Woche mit der Schlagzeile aufgemacht hat: «Einkaufswagen auf der falschen Stellfläche des Parkplatzes stehen gelassen». Und in der Woche davor war es «Schüler betrübt über Zustand des Ententeichs», also ist er schwer zu überzeugen.

 

Am Freitag nach meiner letzten Hüftoperation bringt mir meine Mutter einen Hausmantel mit, der mir eine Nummer zu groß ist, und eine große, braune Papiertüte mit Eiersandwiches. Ich muss nicht fragen, womit sie belegt sind, der Schwefelgeruch breitet sich im ganzen Zimmer aus, sobald sie die Tüte öffnet. Mein Vater wedelt sich mit der Hand vor der Nase herum. «Die Krankenschwestern werden mir die Schuld geben, Josie», sagt er und öffnet und schließt wiederholt die Zimmertür, um den Geruch zu vertreiben.

«Von Eiern nimmt sie zu. Sie ist zu dünn. Und du bist mal lieber ganz ruhig. Schließlich hast du dem Hund die Schuld an deinen grässlichen Fürzen noch gegeben, als er schon zwei Jahre tot war.»

«Nur, um die Romantik am Leben zu halten, Schatz.»

Mum senkt die Stimme. «Treena sagt, ihr letzter Freund hat ihr die Decke über den Kopf gezogen, wenn er einen hat fahren lassen. Kannst du dir so was vorstellen?»

Dad wendet sich zu mir. «Wenn ich es mache, will deine Mutter nicht mal mit mir im selben Postleitzahlenbereich bleiben.»

Es liegt eine Spannung in der Luft, selbst als sie lachen. Ich spüre das. Wenn die ganze Welt auf die vier Wände eines Zimmers zusammenschrumpft, wird man hochsensibel für kleinste Stimmungsschwankungen. Zum Beispiel die Art, auf die sich die Ärzte leicht abwenden, während sie die Röntgenbilder anschauen, oder die Art, auf die Krankenschwestern die Hand über den Mund legen, wenn sie über einen Patienten reden, der gerade gestorben ist.

«Was?», sage ich. «Was ist los?»

Sie sehen sich unbehaglich an.

«Also …» Mum setzt sich aufs Bett. «Der Arzt hat gesagt … der behandelnde Arzt hat gesagt … es ist nicht klar, wie du da heruntergefallen bist.»

Ich beiße in ein Eiersandwich. Ich kann inzwischen mit der linken Hand etwas hochheben. «Ach das. Ich bin abgelenkt worden.»

«Während du auf einem Hausdach herumspaziert bist.»

Ich kaue eine Weile.

«Könnte es irgendwie sein, dass du geschlafwandelt bist, Liebling?»

«Dad, ich bin in meinem ganzen Leben noch nie geschlafwandelt.»

«Doch, bist du. Damals, als du dreizehn warst, bist du im Schlaf die Treppe runtergegangen und hast die Hälfte von Treenas Geburtstagstorte aufgegessen.»

«Mmh. Da habe ich möglicherweise nicht wirklich geschlafen.»

«Und dann ist da noch dein Alkoholpegel. Sie haben gesagt … du hattest … unheimlich viel getrunken.»

«Ich hatte eine harte Schicht bei der Arbeit, und ich habe ein oder zwei Gläser getrunken, und dann bin ich einfach aufs Dach, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Und dann bin ich von einer Stimme abgelenkt worden.»

«Du hast Stimmen gehört.»

«Ich habe dort oben gestanden und in die Ferne gesehen. Das mache ich manchmal. Und dann war da diese Mädchenstimme hinter mir, und ich habe einen Schreck bekommen und bin abgerutscht.»

«Ein Mädchen?»

«Ich habe eigentlich nur die Stimme gehört.»

Dad beugt sich vor. «Bist du sicher, dass da tatsächlich ein Mädchen war? Dass du dir nicht bloß eingebildet …»

«Ich habe mir die Hüfte zertrümmert, nicht das Gehirn.»

«Sie haben gesagt, es sei ein Mädchen gewesen, das den Krankenwagen gerufen hat.» Mum legt Dad die Hand auf den Arm.

«Du sagst also, es war tatsächlich ein Unfall.»

Ich höre auf zu essen. Schuldbewusst gucken sie in verschiedene Richtungen.

«Was soll das? Denkt ihr … denkt ihr etwa, ich wäre absichtlich gesprungen?»

«Wir denken überhaupt nichts.» Dad kratzt sich am Kopf. «Es ist nur … na ja … es ist alles so schlecht für dich gelaufen, seit … und wir hatten dich so lange nicht gesehen … und wir waren ein bisschen erstaunt darüber, dass du mitten in der Nacht auf einem Hausdach herumspazierst. Früher hattest du Höhenangst.»

«Früher war ich auch mit einem Mann zusammen, der es normal fand auszurechnen, wie viele Kalorien er im Schlaf verbrennt. Mein Gott. Deshalb wart ihr also so nett zu mir? Weil ihr denkt, ich habe versucht, mich umzubringen?»

«Es ist nur, weil er uns alle möglichen Fragen gestellt hat …»

«Wer hat euch Fragen gestellt?»

«Der Psychiatertyp. Sie wollen einfach sicher sein, dass du in Ordnung bist, Schatz. Wir wissen ja, dass alles … du weißt schon … seit …»

«Psychiater?»

«Sie setzen dich auf die Warteliste. Damit du jemand hast, mit dem du reden kannst, weißt du? Und wir hatten ein langes Gespräch mit den Ärzten, und du kommst mit zu uns. Nur, bis du dich erholt hast. Du kannst jetzt nicht allein in deiner Wohnung bleiben. Es ist dort …»

«Ihr wart in meiner Wohnung?»

«Na ja, wir mussten doch deine Sachen holen.»

Es folgt eine lange Stille. Ich stelle mir vor, wie sie in meiner Wohnung stehen, die Hände meiner Mutter fest um ihre Tasche gekrampft, während sie den Blick über das ungewaschene Bettzeug oder die auf dem Kaminsims aufgereihten leeren Flaschen schweifen lässt. Ich stelle mir vor, wie sie den einsamen halben Müsliriegel in meinem Kühlschrank betrachten und kopfschüttelnd Blicke wechseln. Bist du sicher, dass wir in der richtigen Wohnung sind, Bernard?

«Im Moment brauchst du deine Familie. Nur, bis du wieder auf beiden Beinen stehst.»

Ich will sagen, dass ich in meiner Wohnung klarkommen werde, ganz egal, was sie denken. Ich will arbeiten gehen und nach Hause kommen und nicht weiter als bis zu meiner nächsten Schicht denken. Ich will sagen, dass ich nicht nach Stortfold zurückkann, nicht diese Frau sein will, diese Du-weißt-schon-Frau. Ich will nicht die sorgfältig verhüllte Missbilligung meiner Mutter wahrnehmen oder die überschwängliche Entschlossenheit, mit der mein Vater sagt, dass alles okay ist, alles okay, alles wieder wie vorher, als ob wirklich alles okay wäre, wenn man es nur oft genug wiederholt. Ich will nicht jeden Tag an Wills Haus vorbeikommen, nicht an das denken, woran ich beteiligt war, diese Sache, die dort immer gegenwärtig sein wird.

Aber ich sage nichts davon. Denn auf einmal bin ich müde, und alles tut weh, und ich kann einfach nicht mehr weiterkämpfen.

 

Zwei Wochen später bringt mich Dad in seinem Firmenkombi nach Stortfold. Vorne können nur zwei Personen sitzen, also ist Mum daheimgeblieben, um alles vorzubereiten, und während wir über die Autobahn fahren, krampft sich vor Nervosität mein Magen zusammen.

Die heiteren Straßen meiner Heimatstadt wirken fremd auf mich. Ich betrachte sie mit distanziertem, analytischem Blick, bemerke, wie klein alles aussieht, wie langweilig, wie niedlich. Mir wird klar, dass Will es so wahrgenommen haben muss, als er wieder nach Hause kam, und verdränge den Gedanken. Als wir durch unsere Straße fahren, ertappe ich mich dabei, wie ich mich tiefer in den Sitz rutschen lasse. Ich will keine höflichen Unterhaltungen mit Nachbarn, will nicht erklären, was mit mir los ist. Ich will nicht für das verurteilt werden, was ich getan habe.

«Alles klar?» Dad sieht mich an, als hätte er meine Gedanken gelesen.

«Alles gut.»

«Tapferes Mädchen.» Er legt mir kurz die Hand auf die Schulter.

Mum ist schon an der Tür, als wir vorm Haus halten. Vermutlich hat sie die letzte halbe Stunde am Fenster gestanden. Dad stellt eine meiner Reisetaschen auf die Treppe und kommt dann zurück, um mir beim Aussteigen zu helfen und sich die andere Tasche über die Schulter zu hängen.

Ich stütze mich vorsichtig mit dem Stock auf, und ich spüre, dass sich hinter mir die Gardinen der Nachbarhäuser bewegen, während ich langsam durch den Vorgarten gehe. Hast du gesehen, wer da ist?, höre ich sie beinahe flüstern. Was sie wohl dieses Mal wieder angestellt hat?

Dad steuert mich vorwärts, beobachtet aufmerksam meine Schritte, als könnten meine Füße plötzlich ausbrechen und irgendwo mit mir hinlaufen, wo sie nicht hinsollen. «Alles klar?», sagt er ein ums andere Mal. «Nicht zu schnell.»

Ich sehe Großvater hinter Mum im Flur stehen. Er trägt sein kariertes Hemd und seinen guten, blauen Pullover. Nichts hat sich verändert. Die Tapete ist dieselbe. Der Teppich im Flur ist derselbe, man sieht die Linien in dem abgetretenen Flor, wo Mum heute Morgen gestaubsaugt haben muss. Ich sehe meinen alten, blauen Anorak an der Garderobe hängen. Neunzehn Monate, aber ich habe das Gefühl, ich wäre zehn Jahre lang weg gewesen.

«Dräng sie nicht», sagt Mum, die Hände ineinander verschlungen. «Du gehst zu schnell, Bernard.»

«Sie ist nicht gerade dabei, Usain Bolt Konkurrenz zu machen. Wenn sie noch langsamer geht, führen wir bald einen Moonwalk auf.»

«Pass auf die Stufen auf. Solltest du vielleicht lieber hinter ihr gehen, Bernard? Falls sie rückwärts umkippt, weißt du?»

«Ich weiß, wo die Stufen sind», sage ich durch zusammengebissene Zähne. «Ich habe hier schließlich sechsundzwanzig Jahre lang gewohnt.»

«Pass auf, dass sie da vorne nicht stolpert, Bernard. Wir wollen schließlich nicht, dass sie sich auch noch die andere Hüfte bricht.»

O Gott, denke ich. War es so für dich, Will? Jeden verdammten Tag? Und dann ist meine Schwester an der Tür und drängt sich an Mum vorbei. «Also wirklich, Mum. Komm, hüpf rein. Du machst uns hier zu einer verflixten Attraktion für die Nachbarschaft.»

Treena schiebt mir ihren Arm unter die Achsel und dreht sich kurz um, damit sie mit hochgezogenen Augenbrauen die Nachbarn anfunkeln kann, als wollte sie sagen Ich muss doch sehr bitten! Ich kann beinahe hören, wie die Gardinen zugezogen werden.

«Was für ein Haufen sensationsgeile Gaffer, ekelhaft. Egal. Beeil dich. Ich habe Thomas versprochen, dass er deine Narben sehen darf, bevor ich ihn in den Jugendclub bringe. Meine Güte, wie viel hast du abgenommen? Deine Titten müssen ja aussehen wie Mandarinen in einem Paar Socken.»

Es ist schwer, gleichzeitig zu lachen und zu laufen. Thomas rennt auf mich zu, um mich zu umarmen, sodass ich stehen bleiben und mich an der Wand abstützen muss, damit ich bei dem Zusammenprall das Gleichgewicht halten kann.

«Haben sie dich wirklich aufgeschnitten und wieder zusammengesetzt?», fragt er. Er reicht mir inzwischen bis an die Brust. Ihm fehlen vier Vorderzähne. «Opa sagt, sie haben dich vermutlich ganz falsch zusammengesetzt. Und dass Gott allein weiß, wie wir den Unterschied feststellen sollen.»

«Bernard!»

«Das war ein Witz.»

«Louisa.» Die Stimme meines Großvaters klingt belegt und zögernd. Er hebt unsicher die Hände und hüllt mich in seine Umarmung, und auch ich umarme ihn. Dann zieht er sich zurück, umfasst mit seinen Altmännerhänden überraschend fest meine Oberarme und sieht mich mit gespieltem Ärger an.

«Ich weiß, Daddy. Ich weiß. Aber sie ist jetzt zu Hause», sagt Mum.

«Du bist wieder in deinem alten Zimmer», sagt Dad. «Allerdings haben wir es für Tom mit Transformers-Tapete umgestaltet. Du hast ja nichts gegen einen Autobot oder Predacon hier und da, oder?»

«Ich hatte Würmer im Hintern», sagt Thomas. «Mum sagt, ich soll nicht darüber sprechen. Oder mir den Finger in den …»

«Oh, Herr im Himmel», sagt Mum.

«Willkommen zu Hause, Lou», sagt Dad und lässt prompt die Reisetasche auf meinen Fuß fallen.

Kapitel 3

Rückblickend war ich in den ersten neun Monaten nach Wills Tod wie betäubt. Ich fuhr direkt nach Paris und kam einfach nicht mehr zurück, war wie berauscht von der Freiheit und von allem, auf das Will mich gebracht hatte. Ich fand einen Job in einer Bar, die überwiegend von Expats besucht wurde, Ausländern, die in Paris lebten und sich nicht an meinem grauenhaften Französisch störten, und mit der Zeit lernte ich es auch besser. Ich mietete ein winziges Mansardenzimmer im 16. Arrondissement über einem arabischen Restaurant, und oft lag ich wach und lauschte den Geräuschen der Gäste und des frühmorgendlichen Lieferverkehrs, und jeden Tag beim Aufwachen fühlte ich mich, als würde ich das Leben von jemand anderem leben.

In diesen ersten Monaten war es, als wäre mir eine Hautschicht abgezogen worden – meine Empfindungen waren viel intensiver. Ich wachte lachend auf oder weinend, sah alles, als wäre ein Filter entfernt worden. Ich aß unbekannte Gerichte, ging durch unbekannte Straßen, unterhielt mich in einer Sprache, die nicht meine war. Manchmal fühlte ich mich von Will verfolgt, als würde ich alles durch seine Augen sehen und als hätte ich seine Stimme im Ohr.

Was hältst du davon, Clark?

Ich habe dir ja gleich gesagt, dass es dir hier gefallen wird.

Iss das! Probiere es! Los, mach schon!

Ich fühlte mich orientierungslos ohne unseren eingespielten Alltag. Es dauerte Wochen, bis sich meine Hände nicht mehr nutzlos anfühlten, weil sie seinen Körper nicht mehr berührten; weil sie sein weiches Hemd nicht mehr zuknöpften, die warmen, bewegungslosen Hände nicht mehr wuschen, das seidige Haar nicht mehr zwischen den Fingern spürten. Ich vermisste seine Stimme, sein abruptes, seltenes Lachen, das Gefühl seiner Lippen auf den Fingern, die Art, auf die seine Lider schwer wurden, wenn er kurz vorm Einschlafen war. Meine Mutter, die immer noch entsetzt von dem war, woran ich mich beteiligt hatte, erklärte mir, dass sie mich immer noch liebte, aber diese Louisa nicht mit der Tochter in Einklang bringen konnte, die sie großgezogen hatte, und so hatte ich zusammen mit dem Mann, den ich liebte, auch meine Familie und damit jede Verbindung zu dem Menschen verloren, der ich gewesen war. Es hatte sich angefühlt, als wäre ich einfach weggeglitten, ohne Bindung, in ein unbekanntes Universum.

Und so spielte ich ein neues Leben. Ich schloss lockere, unverbindliche Bekanntschaften mit anderen Reisenden: jungen Engländern, die zwischen Schulabschluss und Studium unterwegs waren, Amerikanern, die auf den Spuren berühmter Schriftsteller wandelten und ganz sicher waren, dass sie niemals in den Mittleren Westen zurückkehren würden, jungen Bankern, Tagesausflüglern. Es war eine ständig wechselnde Besetzung, die in die Bar und wieder hinausströmte; Flüchtlinge aus anderen Leben. Ich lächelte und plauderte und sagte mir, dass ich tat, was Will gewollt hatte. Dass ich wenigstens darin einen Trost finden müsste.

Der Winter verging, und der Frühling war traumhaft, und dann stellte ich beinahe über Nacht fest, dass ich die Stadt nicht mehr liebte. Oder dass ich mich zumindest nicht pariserisch genug fühlte, um zu bleiben. Die Geschichten der Expats begannen sich ermüdend zu ähneln, die Pariser fingen an, mir unfreundlich vorzukommen, oder wenigstens bemerkte ich tausend Mal am Tag die unzähligen Hinweise darauf, dass ich niemals wirklich dazugehören würde. Die Stadt, so verlockend sie auch war, erschien mir wie ein glamouröses Couture-Kleid, das ich überhastet gekauft hatte, ohne dass es mir wirklich gut passte. Also kündigte ich und begann, in Europa herumzureisen.

Ich hatte noch nie zwei Monate erlebt, in denen ich mich unzulänglicher fühlte. Ich war beinahe die ganze Zeit einsam. Ich hasste es, nicht zu wissen, wo ich abends schlafen würde, ich machte mir ständig Gedanken über Zugpläne, schloss kaum Bekanntschaften, weil ich praktisch niemandem über den Weg traute. Und was hätte ich schon über mich erzählen können? Wenn ich nach meinem Leben gefragt wurde, konnte ich nur von den oberflächlichsten Kleinigkeiten reden. Alles, was für mich wichtig oder interessant war, wollte ich niemandem anvertrauen. Ohne jemanden zu haben, mit dem ich mich darüber unterhalten konnte, war jede Sehenswürdigkeit für mich – sei es nun der Trevi-Brunnen oder eine Gracht in Amsterdam – nichts weiter als ein Kästchen, das ich auf meiner Touri-Liste abhaken musste. Die letzte Woche verbrachte ich an einem Strand in Griechenland, der mich viel zu sehr an einen anderen Strand erinnerte, an dem ich vor noch gar nicht so langer Zeit mit Will gewesen war, und nachdem ich eine Woche dort gesessen, sonnengebräunte Männer, die anscheinend alle Dimitri hießen, abgewehrt und versucht hatte, mir einzureden, dass ich gerade eine tolle Zeit verbrachte, gab ich auf und kehrte nach Paris zurück. Vor allem deshalb, weil mir zum ersten Mal aufgefallen war, dass ich keinen anderen Ort hatte, an den ich gehen konnte.

Zwei Wochen lang schlief ich auf dem Sofa einer Frau, mit der ich in der Bar zusammengearbeitet hatte, und versuchte herauszufinden, was ich als Nächstes tun sollte. Ich bewarb mich an mehreren Schulen für Modedesign, aber ich hatte keine Arbeitserfahrung vorzuweisen, und sie schickten mir höfliche Absagen. Der Platz in einem Lehrgang, den ich ursprünglich gewonnen hatte, war inzwischen an jemand anderen vergeben worden, weil ich es verpasst hatte, einen Aufschub zu beantragen. Ich könne mich im nächsten Jahr wieder bewerben, sagte eine Frau aus der Verwaltung in einem Ton, als wisse sie, dass ich das nicht tun würde.

Ich suchte im Internet nach Jobs, und mir wurde klar, dass ich trotz allem immer noch keinerlei Qualifikation für irgendeine Arbeit hatte, die ich vielleicht gerne gemacht hätte. Und dann, als ich mich gerade fragte, was ich als Nächstes tun sollte, rief zufällig Wills Anwalt Michael Lawler an und wies mich darauf hin, dass es Zeit sei, etwas mit dem Geld anzufangen, das mir Will vererbt hatte. Das war der Vorwand, den ich gebraucht hatte, um die Stadt zu verlassen. Lawler half mir, den Preis für eine vollkommen überteuerte Dreizimmerwohnung am Rand der Londoner City auszuhandeln, die ich hauptsächlich kaufte, weil Will einmal über die Weinbar an der Ecke gesprochen hatte und ich mich ihm dadurch ein bisschen näher fühlte. Und sechs Wochen später kam ich nach England zurück, bekam einen Job im Shamrock & Clover, schlief mit einem Mann namens Phil, den ich nie wiedersehen würde, und wartete auf das Gefühl, dass das Leben weiterging.

Neun Monate später wartete ich immer noch.

 

In der ersten Woche bei meinen Eltern ging ich kaum aus dem Haus. Ich hatte Schmerzen, wurde schnell müde, und es war einfach, mich ins Bett zu legen und vor mich hinzudämmern, ausgeknockt von ein paar extrastarken Schmerztabletten, und mir einzureden, körperliche Erholung sei alles, worauf es ankam. Auf eine verdrehte Art passte es mir, wieder in meinem Elternhaus zu sein; es war der erste Ort, an dem es mir gelang, länger als vier Stunden am Stück zu schlafen, seit ich aus Stortfold weggegangen war. Außerdem war es beengt genug, sodass ich immer die Hand nach einer Wand ausstrecken konnte, wenn ich mich abstützen musste. Mum verpflegte mich, und Großvater leistete mir Gesellschaft (Treena war mit Tom wieder zu ihrem College gefahren), und ich schaute eine Menge Nachmittagsfernsehen und staunte über ungezählte Kreditangebote, Treppenlifte und die intensive Beschäftigung mit C-Promis, von denen ich nach beinahe einem Jahr Abwesenheit keinen mehr kannte. Es war, als hätte ich mich in einen winzigen Kokon zurückgezogen, allerdings einen, in dessen Ecke sich ein verteufelt großer Elefant niedergelassen hatte.

Wir sprachen über nichts, was dieses empfindliche Gleichgewicht hätte stören können. Ich sah mir sämtliche Promi-News im Fernsehen an und sagte dann zum Beispiel beim Abendessen: «Echt, was soll man bloß von dieser Shayna West halten!» Und Mum und Dad nahmen das Thema bereitwillig auf, meinten, sie sei ein Flittchen oder habe schöne Haare oder dass sie genau so sei, wie sie es verdiene. Wir redeten über «Dachbodenfunde» – «Ich frage mich schon immer, was dieser viktorianische Übertopf von deiner Mutter wohl wert ist … das hässliche alte Monstrum.» – und «Landhausträume» – «In diesem Badezimmer würde ich nicht mal einen Hund abduschen.» Ich dachte nicht über die nächste Mahlzeit hinaus oder über die Herausforderung, mich anzuziehen, mir die Zähne zu putzen und die winzigen Aufgaben zu erfüllen, die mir meine Mutter stellte. («Weißt du, Liebling, wenn ich einkaufen bin, könntest du da vielleicht deine Wäsche sortieren, ich mache eine Maschine Buntwäsche.»)

Doch wie eine langsam ansteigende Flut drängte sich die Außenwelt zu uns herein. Ich hörte, wie die Nachbarinnen meiner Mutter Fragen stellten, wenn sie beim Wäscheaufhängen war. Ihre Lou ist zu Hause, oder? Und Mums untypisch knappe Antwort: Ja, ist sie.

Ich ertappte mich dabei, die Räume zu meiden, von denen aus man die Burg sehen konnte. Aber ich wusste, dass sie dort war, wusste, wer auf dem Burggelände wohnte, atmende Verbindungen zu Will. Manchmal fragte ich mich, was aus ihnen geworden war. Ich hatte einen Brief von Mrs. Traynor nach Paris nachgeschickt bekommen, in dem sie mir höflich für alles dankte, was ich für ihren Sohn getan hatte. «Mir ist bewusst, dass Sie alles getan haben, was Sie konnten.» Und das war’s. Diese Familie, die einmal praktisch mein ganzes Leben bestimmt hatte, war zu dem geisterhaften Relikt einer Zeit geworden, an die ich mir jede Erinnerung untersagte.

Doch jetzt, in unserer Straße, die jeden Abend mehrere Stunden lang im Schatten der Burg lag, empfand ich die Gegenwart der Traynors wie einen Vorwurf.

Ich war schon wochenlang da, als mir auffiel, dass Mum und Dad nicht mehr in ihren Verein gingen. «Ist heute nicht Dienstag?», sagte ich in der dritten Woche, als wir beim Essen saßen. «Ihr hättet doch schon losgehen müssen, oder?»

Sie wechselten einen Blick. «Ach nein. Uns geht es gut hier», sagte Dad, der an seinem Schweinekotelett kaute.

«Ich komme sehr gut alleine klar, ehrlich», erklärte ich ihnen. «Mir geht es schon viel besser. Und ich bin vor dem Fernseher vollkommen zufrieden.» Heimlich sehnte ich mich sogar danach, unbeobachtet und allein in einem Zimmer zu sitzen. Ich hatte kaum eine halbe Stunde am Stück meine Ruhe gehabt, seit ich nach Hause zurückgekommen war. «Ehrlich. Geht euch amüsieren. Kümmert euch nicht um mich.»

«Wir … gehen eigentlich nicht mehr zu den Treffen», sagte Mum, während sie eine Kartoffel auf ihrem Teller zerteilte.

«Die Leute … jeder wollte seinen Senf dazugeben. Über das, was passiert ist.» Dad zuckte mit den Schultern. «Irgendwann war es leichter für uns, einfach nicht mehr hinzugehen.» Die Stille, die darauf folgte, hielt volle sechs Minuten an.

Und es gab noch andere, konkretere Erinnerungen an das Leben, das ich hinter mir gelassen hatte. Und zwar solche, die hautenge Running Tights mit speziellen schweißtransportierenden Eigenschaften trugen.

Als Patrick den vierten Morgen an unserem Haus vorbeijoggte, wurde mir klar, dass das vermutlich kein Zufall war. Am ersten Tag hatte ich seine Stimme gehört und war verschlafen zum Fenster gehinkt, um durch die Jalousie zu spähen. Und da sah ich ihn unterhalb von mir, wie er seine Beinmuskeln dehnte, während er sich mit einer blonden Pferdeschwanzträgerin unterhielt, deren partnerlookblaue Lycra-Kombi so eng war, dass ich ziemlich genau sagen konnte, was sie gefrühstückt hatte. Sie sahen aus wie zwei Olympioniken, denen nur noch der Rennbob fehlte.

Ich zog mich vom Fenster zurück, damit er mich nicht sah, falls er zufällig aufschaute, und innerhalb einer Minute waren sie wieder weg, joggten dicht nebeneinander die Straße hinunter, mit durchgedrückten Rücken und pumpenden Beinen, wie ein Paar glänzende, türkisfarbene Kutschpferdchen.

Zwei Tage später zog ich mich gerade an, als ich sie wieder hörte. Patrick verkündete lautstark etwas über Kohlehydratversorgung, und dieses Mal warf seine Begleiterin einen argwöhnischen Blick auf unser Haus, als würde sie sich fragen, warum sie an genau derselben Stelle zum zweiten Mal angehalten hatten. Am dritten Tag war ich mit Großvater vorne im Wohnzimmer, als sie ankamen. «Wir sollten Sprints trainieren», sagte Patrick laut. «Weißt du, was, du läufst bis zu dem Laternenmast dort und zurück, und ich stoppe deine Zeit. In Zwei-Minuten-Intervallen. Los!»

Großvater verdrehte vielsagend die Augen.

«Macht er das schon die ganze Zeit, seit ich wieder da bin?»

Großvaters Augen verschwanden beinahe in seinem Hinterkopf. Ich beobachtete Patrick durch den Gardinenstore, wie er da stand, den Blick auf seine Stoppuhr gesenkt, und mir seine attraktivste Seite zukehrte. Er trug ein schwarzes Fleece-Reißverschlussoberteil und passende Lycra-Shorts, und als er so dort stand, nur ein paar Meter jenseits des Vorhangs, konnte ich ihn in aller Ruhe betrachten und wunderte mich im Stillen darüber, dass ich so lange vollkommen sicher gewesen war, diesen Menschen zu lieben.

«Weiterlaufen!», rief er, den Blick von der Stoppuhr hebend. Und wie ein gehorsamer Jagdhund berührte seine Begleiterin den Laternenmast neben ihm und zischte wieder weg. «Zweiundvierzig Komma drei acht Sekunden», sagte er anerkennend, als sie keuchend zurückkehrte. «Ich schätze, das kannst du noch um eine halbe Sekunde verkürzen.»

«Das macht er deinetwegen», sagte meine Mutter, die gerade mit zwei Bechern hereingekommen war.

«Hab ich mir schon gedacht.»

«Seine Mutter wollte im Supermarkt von mir wissen, ob du zurück bist, und ich habe ja gesagt. Schau mich nicht so an, ich konnte die Frau ja wohl kaum anlügen.» Sie nickte Richtung Fenster. «Die hat sich übrigens die Brüste machen lassen. Die sind in Stortfold zurzeit Stadtgespräch. Angeblich kann man zwei Teetassen darauf abstellen.» Sie stellte sich kurz neben mich. «Weißt du, dass sie verlobt sind?»

Ich wartete darauf, dass mir diese Neuigkeit einen Stich versetzte, aber es kam nichts, was diese Bezeichnung verdiente.

«Sie scheinen … gut zusammenzupassen.»

Meine Mutter blieb noch einen Moment stehen und betrachtete Patrick. «Er ist kein schlechter Kerl, Lou. Du hast dich einfach … verändert.» Sie reichte mir einen Becher und ging weg.

 

An dem Morgen, an dem er vor dem Haus stehen blieb, um auf dem Gehweg Liegestütze zu machen, öffnete ich die Haustür und ging hinaus. Ich lehnte mich mit verschränkten Armen an den Verandapfosten und sah ihn an, bis er aufblickte.

«Ich würde mich da nicht zu lange aufhalten. Der Nachbarshund ist ein bisschen engstirnig, was diesen Abschnitt des Gehwegs betrifft.»

«Lou!», rief er aus, als wäre ich der letzte Mensch, dessen Anblick er vor dem Haus meiner Eltern erwartet hätte, in das er während der sieben Jahre unserer Beziehung mehrmals wöchentlich gekommen war. «Tja. Was für eine Überraschung, dass du zurück bist. Ich dachte, du bist unterwegs, um die große, weite Welt zu erobern!»

Seine Verlobte, die neben ihm Liegestütze machte, sah auf und senkte den Blick dann wieder auf den Gehweg. Vielleicht habe ich es mir eingebildet, aber es könnte sein, dass sie ihre Pobacken noch ein bisschen fester zusammenpresste. Wie wild wippte sie auf und nieder. Auf und nieder. Ich machte mir unwillkürlich Sorgen um ihre neuen Brüste.

Er sprang auf die Füße. «Das ist Caroline, meine Verlobte.» Er sah mich an, als erwarte er eine Reaktion von mir. «Wir trainieren für den nächsten Ironman.»

«Wie … romantisch», sagte ich.

«Na ja, Caroline und ich finden es wichtig, Sachen gemeinsam zu unternehmen.»

«Ach …», sagte ich, «… und das Ganze im türkisen Lycra-Partnerlook!»

«Oh. Ja, klar. Teamfarben.»

Kurze Stille.

Ich boxte in die Luft. «Los, Team …»

Caroline sprang auf und begann, ihre Oberschenkelmuskulatur zu dehnen, indem sie ihr Bein hinter sich hochzog wie ein Storch. Sie nickte mir zu, was vermutlich die geringstmögliche Höflichkeitsbekundung war, mit der sie durchkommen konnte.

«Du hast abgenommen», sagte er.

«Tja, stimmt. Eine Diät am Tropf mit Kochsalzlösung wirkt wahre Wunder.»

«Ich habe gehört, dass du einen … Unfall hattest.» Er legte teilnahmsvoll den Kopf schräg.

«So etwas spricht sich immer schnell rum.»

«Trotzdem. Ich bin froh, dass du okay bist.» Er schniefte und sah die Straße hinunter. «Das letzte Jahr muss schwer für dich gewesen sein. Wenn man sich’s überlegt. Was du getan hast und so weiter.»

Und das war’s. Ich versuchte, meine Atmung zu beherrschen. Caroline weigerte sich eisern, mich anzusehen, und streckte ihr Bein aus, um ihre Kniesehne zu dehnen.

«… jedenfalls … Glückwunsch zur Verlobung.»

Stolz ließ er den Blick auf seiner Zukünftigen ruhen, verlor sich in der Bewunderung ihres sehnigen Beins.

«Tja, der Spruch stimmt schon – man weiß es einfach, wenn es die Richtige ist.» Er heuchelte ein entschuldigendes Lächeln. Und das brachte bei mir das Fass zum Überlaufen.