Ein Granatapfelhaus - Oscar Wilde - E-Book

Ein Granatapfelhaus E-Book

Oscar Wilde

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Beschreibung

"Ein Granatapfelhaus" ist eine im Jahre 1891 erschienene Märchensammlung Oscar Wildes, der mit seinen romantischen Märchen eine Sammlung schuf, die bis heute zu den beliebtesten und gelungensten ihrer Gattung zählen. Die Sammlung enthält die Märchen "Der junge König", "Der Geburtstag der Infantin", "Der Fischer und seine Seele" und "Das Sternenkind".

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Seitenzahl: 198

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Über den Autor

Über den Autor

Oscar (Fingal O’Flahertie Wills) Wilde (1854 – 1900) wurde als zweiter Sohn des Arztes William R. W. Wilde und der Dichterin Jane Francesca Elgee in Dublin geboren. Er studierte in Oxford klassische Literatur, zog später nach London und gehörte bald zu den stadtbekannten Dandys. 1884 heiratete er Constance Lloyd, mit der er zwei Söhne hatte.

Die Veröffentlichung seines Romans Das Bildnis des Dorian Gray löste 1890/91 einen Skandal aus. Als Dramatiker gelang ihm 1895 der Durchbruch mit Bunbury, aber noch im selben Jahr wurde er wegen seiner Liebesbeziehung zum jungen Lord Alfred Douglas in einen Prozess mit dessen Vater verwickelt, der ihm zum Verhängnis wurde: Sein Besitz wurde zwangsversteigert und Oscar Wilde zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Am Tag der Entlassung reiste er unter falschem Namen (Sebastian Melmoth) nach Frankreich und kehrte nie wieder nach Großbritannien zurück.

Er starb am 30. November 1900 an den Folgen einer Mittelohrentzündung.

Zum Buch

Zum Buch

»Ein Granatapfelhaus« ist eine im Jahre 1891 erschienene Märchensammlung Oscar Wildes, der mit seinen romantischen Märchen eine Sammlung schuf, die bis heute zu den beliebtesten und gelungensten ihrer Gattung zählen.

Haupttitel

Oscar Wilde

Ein Granatapfelhaus

Aus dem Englischen übersetzt von  Hedwig Lachmann

Mit einem Nachwort von Marco Frenschkowski und Tatjana Frenschkowski

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.  Alle Rechte vorbehalten  Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Der Text wurde behutsam revidiert nach der Ausgabe Das Granatapfelhaus. Aus dem Englischen übertragen von Hedwig Lachmann, Leipzig 1923 Covergestaltung und Titelbild: Nele Schütz Design, München Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2   ISBN: 978-3-8438-0010-5  www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Ein Granatapfelhaus

Der junge König

Der Geburtstag der Infantin

Der Fischer und seine Seele

Das Sternenkind

Nachwort von Marco Frenschkowski und Tatjana Frenschkowski

Anhang

Neuere und grundlegende Literatur zu Oscar Wilde

Kontakt zum Verlag

Ein Granatapfelhaus

Der junge König

Es war die Nacht vor dem Tag, an dem er gekrönt werden sollte, und der junge König saß allein in seinem schönen Gemach. Seine Höflinge alle hatten mit tiefen Verbeugungen bis zum Fußboden, wie es dem zeremoniösen Brauch der Zeit entsprach, Urlaub von ihm genommen und hatten sich in die große Halle des Palastes zurückgezogen, um ein paar letzte Unterweisungen vom Etikettenmeister zu empfangen; denn es waren etliche unter ihnen, die noch ganz natürliche Manieren hatten, und das ist- ich brauche es kaum zu sagen – bei einem Höfling ein sehr schwerer Verstoß.

Der Knabe – denn er war noch ein Knabe, nicht älter als sechzehn Jahre – war nicht traurig über ihr Fortgehen und hatte sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf die weichen Kissen seines mit Stickereien gezierten Lagers geworfen. Da lag er nun mit wilden Augen und offenem Mund, wie ein brauner Faun aus den Bergen oder ein junges Tier aus den Wäldern, das von den Jägern vor Kurzem gefangen worden ist.

Und wirklich, Jäger hatten ihn gefunden und waren fast zufällig auf ihn gestoßen, als er, barfüßig und seine Flöte in der Hand, der Herde des armen Ziegenhirten folgte, der ihn aufgezogen und für dessen Sohn er sich immer gehalten hatte. Als Kind der einzigen Tochter des alten Königs aus einer geheimen Ehe mit einem, dessen Stand tief unter ihr war – einem Fremden, sagten einige, der durch den wunderbaren Zauber seines Lautenspiels die Liebe der jungen Prinzessin gewonnen hatte, während andere von einem Künstler aus Rimini sprachen, dem die Prinzessin viel, vielleicht zu viel Ehre erwiesen hatte und der plötzlich sein Werk im Münster unvollendet stehen ließ und aus der Stadt verschwand –, war er, nur eine Woche alt, von der Seite seiner Mutter, während sie schlief, fortgestohlen und einem gemeinen Bauern und seinem Weib in Pflege gegeben worden, die keine eigenen Kinder hatten und in einem entlegenen Teil des Waldes, mehr als einen Tagesritt von der Stadt entfernt, lebten. Kummer oder die Pest, wie der Hofarzt feststellte, oder, wie manche munkelten, ein schnelles italienisches Gift, das ihr in einem Becher Gewürzwein gereicht worden, tötete in der ersten Stunde nach ihrem Erwachen das bleiche Mädchen, das ihn geboren hatte, und als der treue Bote, der das Kind über seinen Sattel gelegt hatte, von seinem müden Gaul stieg und an die rohgezimmerte Tür der Hütte des Ziegenhirten klopfte, da wurde der Leichnam der Prinzessin in ein offenes Grab gelegt, das man auf einem verlassenen Kirchhof hinter den Stadttoren gegraben hatte, und es hieß, dass in diesem Grab noch ein Leichnam lag, der eines jungen Mannes von wundersamer und fremdartiger Schönheit, dessen Hände mit einem Strick auf den Rücken gebunden waren und dessen Brust von vielen roten Wunden durchbohrt war.

Diese Geschichte wenigstens flüsterten die Leute einander zu. Soviel war gewiss, dass der alte König, als er auf seinem Totenbett lag, entweder, weil ihn die Reue über seine große Sünde peinigte, oder nur, weil er wünschte, dass das Königtum bei seiner Linie bliebe, den Knaben hatte holen lassen und ihn in Gegenwart des Großen Rats als seinen Erben anerkannt hatte.

Und es scheint, dass er vom allerersten Augenblick seiner Anerkennung an Zeichen jener seltsamen Leidenschaft für die Schönheit an den Tag gelegt hatte, die auf sein Leben so großen Einfluss üben sollte. Die Männer, die ihn in die Flucht der Gemächer begleiteten, die ausschließlich für seinen Gebrauch bestimmt waren, sprachen oft von dem Schrei der Lust, der sich seinen Lippen entrang, als er das köstliche Gewand und die reichen Kleinodien erblickte, die für ihn zurechtgelegt worden waren, und von dem fast hochmütigen Jubel, mit dem er seine grobe Lederjacke und seinen schlechten Schafpelz zur Seite warf. Er vermisste zwar manchmal die herrliche Freiheit seines Waldlebens und war immer geneigt, auf die langweiligen Hofzeremonien zu schelten, die soviel von seinem Tag wegnahmen; aber der wundervolle Palast – »Joyeuse«, wie man ihn nannte –, als dessen Herrn er sich nun fühlen durfte, schien ihm eine neue Welt zu sein, die zu seinem Entzücken erst geschaffen worden war; und sowie er dem Ratstisch oder dem Audienzsaal entwischen konnte, lief er die große Treppe hinab, mit ihren Löwen aus vergoldeter Bronze und ihren Stufen aus glänzendem Porphyr, und wanderte von Gemach zu Gemach und von Flur zu Flur, gleich einem, der in der Schönheit ein Linderungsmittel gegen das Leid oder eine Art stärkenden Trankes nach schwerem Siechtum suchen will.

Auf diesen Entdeckungsreisen, wie er sie wohl nannte – und wirklich waren es für ihn wahrhafte Wanderungen durch ein Wunderland –, wurde er manchmal von den schlanken, schönlockigen Hofpagen mit ihren fließenden Mänteln und fröhlich flatternden Bändern begleitet; aber öfter war er allein, denn er fühlte in einem sicheren, schnellen Instinkt, der fast eine Eingebung war, dass die Geheimnisse der Kunst am besten in der Stille gelernt werden und dass die Schönheit wie die Weisheit einsame Verehrer begehrt.

Viele seltsame Geschichten wurden in dieser Zeit über ihn berichtet. Man erzählte, ein stattlicher Bürgermeister, der gekommen war, um ihm eine mit vielen Redeblumen geschmückte Adresse im Namen der Bürger der Stadt zu überreichen, hätte ihn zu sehen bekommen, wie er in wahrhafter Anbetung vor einem großen Gemälde kniete, das eben aus Venedig gebracht worden war und das die Verehrung einer Anzahl neuer Götter zu verkünden schien. Bei einer andern Gelegenheit war er etliche Stunden lang vermisst worden und war nach längerem Suchen in einer kleinen Kammer in einem der nördlichen Türme des Palastes entdeckt worden, wie er gleich einem, der in Verzückung ist, auf eine griechische Gemme starrte, in die die Gestalt des Adonis geschnitten war. Man hatte ihn, so ging das Gerücht, gesehen, wie er seine warmen Lippen auf die marmorne Stirne einer antiken Statue gepresst hatte, die bei Gelegenheit des Baues einer steinernen Brücke im Flussbett gefunden worden war und der man den Namen des bithynischen Sklaven Hadrian gegeben hatte. Eine ganze Nacht hatte er dabei verweilt, die Wirkung des Mondscheins auf ein silbernes Bildnis Endymions zu beobachten.

Alle seltenen und kostbaren Stoffe übten ohne Frage großen Zauber auf ihn aus, und in seinem Eifer, sie zu beschaffen, hatte er viele Kaufleute ausgesandt; etliche, um bei dem rauen Fischervolk des Nordmeers Bernstein einzuhandeln, etliche nach Ägypten, um nach dem seltsamen grünen Türkis zu suchen, der nur in den Gräbern der Könige gefunden wird und von dem es heißt, er besitze magische Eigenschaften, etliche nach Persien, um seidene Teppiche und gemalte Töpfereien, und andere nach Indien, um Gaze und geflecktes Elfenbein, Mondsteine und Armreife aus Nephrit, Sandelholz und blaue Emaille und Schals aus reiner Wolle zu holen.

Aber was ihn am meisten beschäftigt hatte, das war das Gewand, das er bei seiner Krönung tragen sollte, das Gewand aus gewobenem Gold und die rubinenbesetzte Krone und das Zepter mit seinen Streifen und Ringen aus Perlen. Wirklich dachte er daran in dieser Nacht, als er auf seinem üppigen Lager hingestreckt lag und auf den großen kienenen Klotz blickte, der in dem offenen Kamin zu Ende brannte. Die Entwürfe, die von den Händen der berühmtesten Künstler jener Zeit stammten, waren ihm schon vor vielen Monaten vorgelegt worden, und er hatte den Befehl erteilt, die Künstler sollten Tag und Nacht arbeiten, um sie auszuführen, und die ganze Welt sollte nach Juwelen durchsucht werden, die köstlich genug für ihr Werk waren. Er sah sich in der Phantasie am Hochaltar des Münsters im schönen Königsgewande stehen, und ein Lächeln spielte um seine Knabenlippen und verweilte darauf und entzündete in schimmerndem Glanze seine waldesdunklen Augen.

Nach einer Weile erhob er sich von seinem Lager und blickte, an den geschnitzten Kaminschirm gelehnt, in dem matt erleuchteten Gemach umher. An den Wänden hingen reiche Tapeten, die den Triumph der Schönheit darstellten. Ein breiter, mit Achat und Lapislazuli ausgelegter Schrank füllte eine Ecke, und dem Fenster gegenüber stand ein seltsam gearbeitetes Kästchen mit lackierten Füllungen aus Goldstaub und Goldmosaik, auf dem einige köstliche Kelche aus venezianischem Glas und ein Pokal aus dunkel geädertem Onyx standen. Bleiche Mohnblumen waren auf die silberne Bettdecke gestickt, als wären sie aus den müden Händen des Schlafgottes gefallen, und starke Pfeiler von geriffeltem Elfenbein trugen den samtenen Baldachin, aus dem große Büsche Straußfedern wie weißer Schaum zu dem matten Silber der mit Gitterwerk gezierten Decke emporragten. Ein lachender Narziss aus grüner Bronze hielt einen blanken Spiegel über seinem Haupt. Auf dem Tisch stand eine flache Schale aus Amethyst.

Draußen konnte er die ungeheure Kuppel des Domes sehen, die wie eine schillernde Blase über die im Schatten liegenden Häuser aufstieg, und die müden Schildwachen, die auf der nebligen Terrasse am Fluss auf und ab schritten. Weit weg, in einem Garten, sang eine Nachtigall. Ein schwacher Duft von Jasmin kam durch das offene Fenster. Er strich seine braunen Locken von der Stirn zurück, nahm eine Laute zur Hand und ließ seine Finger über die Saiten gleiten. Seine schweren Lider sanken, und eine seltsame Sehnsucht kam über ihn. Nie vorher hatte er die Magie und das Geheimnis schöner Dinge so mächtig oder mit so inniger Freude gefühlt.

Als es vom Glockenturm Mitternacht schlug, läutete er, und seine Pagen traten ein und entkleideten ihn mit großem Zeremoniell, sprengten Rosenwasser über seine Hände und streuten Blumen auf sein Kissen. Ein paar Augenblicke nachdem sie das Gemach verlassen hatten, überkam ihn der Schlaf.

Und als er schlief, träumte er einen Traum, und dies war sein Traum.

Ihm war, als stünde er in einer langen, niedrigen Dachkammer, unter dem Schwirren und Klappern vieler Webstühle. Ein kümmerliches Tageslicht drang durch die vergitterten Fenster und zeigte ihm die hageren Gestalten der Weber, die sich über ihre Stühle beugten. Blasse, kränklich aussehende Kinder kauerten auf den riesigen Kreuzbalken. Wenn die Weberschiffchen durch die Kette schlugen, hoben sie die schweren Laden heraus, und wenn die Weberschiffchen anhielten, ließen sie die Laden fallen und drückten die Fäden zusammen. Ihre Gesichter waren schmal vor Hunger, und ihre dünnen Hände bebten und zitterten. Einige hagere Frauen saßen an einem Tisch und nähten. Ein schrecklicher Geruch erfüllte den Raum. Die Luft war dick und schwer, und die Wände tropften und schwitzten den Dunst aus.

Der junge König ging zu einem der Weber hinüber und blieb neben ihm stehen und sah ihm zu.

Und der Weber sah ihn ärgerlich an und sagte: »Warum siehst du mir zu? Bist du ein Spion, den unser Meister auf uns gehetzt hat?«

»Wer ist dein Meister?« fragte der junge König.

»Unser Meister?« rief der Weber scharf und bitter. »Er ist ein Mensch wie ich. Wahrhaftig, es ist nur der eine Unterschied zwischen uns, dass er feine Kleider trägt, während ich in Lumpen gehe, und dass ich hungrig bin, er aber nicht ein bisschen unter seiner Gefräßigkeit leidet.«

»Das Land ist frei«, sagte der junge König, »und du bist niemandes Sklave.«

»Im Krieg«, antwortete der Weber, »macht der Starke die Schwachen zu Sklaven, und im Frieden macht der Reiche die Armen zu Sklaven. Wir müssen arbeiten, um zu leben, und sie geben uns so niedrige Löhne, dass wir sterben. Wir rackern uns den ganzen Tag für sie ab, und sie häufen das Gold in ihren Kästen, und unsere Kinder siechen vor der Zeit dahin, und das Antlitz derer, die wir lieben, wird hart und hässlich. Wir treten die Trauben, und ein anderer trinkt den Wein. Wir säen das Korn, und unser eigener Tisch ist leer. Wir tragen Ketten, wenn auch kein Auge sie sieht, und sind Sklaven, wenn auch die Menschen uns frei nennen.«

»Ist es so mit allen?« fragte er.

»Es ist so mit allen«, antwortete der Weber, »mit den Jungen wie mit den Alten, mit den Frauen wie mit den Männern, mit den kleinen Kindern wie mit denen, die hochbetagt sind. Die Kaufleute zerreiben uns, und wir müssen ihr Geheiß erfüllen. Der Priester reitet vorbei und betet seinen Rosenkranz, und niemand kümmert sich um uns. Durch unsere sonnenlosen Gassen kriecht die Armut mit ihren hungrigen Augen, und die Sünde mit ihrem aufgedunsenen Gesicht folgt ihr auf dem Fuße. Das Elend weckt uns am Morgen, und die Schande sitzt bei uns zur Nacht. Aber was sind diese Dinge dir? Du gehörst nicht zu uns. Dein Gesicht ist zu glücklich.« Und er wandte sich finster ab und warf das Schiffchen durch den Webstuhl, und der junge König sah, dass es mit einem Goldfaden bespult war.

Und ein großer Schrecken überfiel ihn, und er sagte zu dem Weber: »Was webst du da für ein Gewand?«

»Es ist das Gewand für die Krönung des jungen Königs«, antwortete er; »was liegt dir daran?«

Und der junge König schrie laut auf und erwachte, und siehe, er war in seinem eigenen Gemach, und durch das Fenster sah er den großen honigfarbenen Mond in der trüben Luft hängen.

Und wieder überkam ihn der Schlaf, und er träumte, und dies war sein Traum.

Ihm war, er lag auf dem Deck einer großen Galeere, die von hundert Sklaven gerudert wurde. Auf einem Teppich, ihm zur Seite, saß der Herr der Galeere. Er war schwarz wie Ebenholz, und sein Turban war von karmesinroter Seide. Große silberne Ohrringe hingen an seinen dicken Ohrlappen, und in seinen Händen hielt er ein Paar Waagschalen aus Elfenbein.

Die Sklaven waren nackt bis auf ein zerfetztes Lendentuch, und jeder war an seinen Nachbarn angekettet. Die heiße Sonne schien strahlend auf sie, und die Neger liefen den Gang zwischen den Reihen auf und ab und schlugen die Sklaven klatschend mit Ochsenziemern. Sie streckten ihre mageren Arme aus und schlugen die schweren Ruder durchs Wasser. Der salzige Schaum sprühte von den Ruderblättern.

Zuletzt erreichten sie eine kleine Bucht und schickten sich an, vor Anker zu gehen. Ein leichter Wind blies vom Ufer und hüllte das Deck und das große Rahsegel in seinen roten Staub. Drei Araber, die auf wilden Eseln saßen, ritten heran und warfen Speere nach ihnen. Der Herr der Galeere nahm einen bemalten Bogen zur Hand und schoss einem von ihnen in die Kehle. Er fiel schwer in die Brandung hinein, und seine Gefährten sprengten fort. Ein Weib, das in einen gelben Schleier gehüllt war, folgte langsam auf einem Kamel und blickte dann und wann nach dem Leichnam zurück.

Sowie sie Anker geworfen und die Segel niedergeholt hatten, gingen die Neger in den Schiffsraum hinab und brachten eine lange Strickleiter herauf, die mit schweren Bleistücken belastet war. Der Herr der Galeere warf sie über Bord und befestigte die Enden an zwei eisernen Ständern. Dann ergriffen die Neger den jüngsten der Sklaven, lösten ihm die Fesseln, verstopften seine Nasenlöcher und Ohren mit Wachs und banden einen großen Stein um seinen Leib. Er kletterte mühsam die Leiter hinunter und verschwand im Meer. Ein paar Blasen stiegen auf, wo er versunken war. Ein paar von den andern Sklaven sahen neugierig über Bord. Am Bug der Galeere saß ein Haifischbeschwörer, der eintönig auf eine Trommel schlug.

Nach einiger Zeit stieg der Taucher wieder aus dem Wasser hervor und kletterte keuchend mit einer Perle in seiner rechten Hand die Leiter empor. Die Neger entrissen sie ihm und warfen ihn wieder ins Wasser. Die Sklaven fielen über ihren Rudern in Schlaf.

Wieder und wieder kam er herauf, und jedes Mal brachte er eine schöne Perle mit. Der Herr der Galeere wog sie und legte sie in eine kleine Tasche aus grünem Leder.

Der junge König wollte sprechen, aber die Zunge schien ihm am Gaumen zu kleben, und seine Lippen wollten sich nicht regen. Die Neger schwatzten miteinander und fingen an, über eine glänzende Perlenschnur miteinander zu streiten. Zwei Kraniche flogen immer rund um das Schiff.

Dann kam der Taucher zum letzten Mal empor, und die Perle, die er mitbrachte, war schöner als alle Perlen von Ormuzd, denn sie hatte die Gestalt des Vollmonds und war glänzender als der Morgenstern. Aber sein Antlitz war seltsam bleich, und als er auf das Deck fiel, brach ihm das Blut aus Ohren und Nasenlöchern hervor. Er zuckte eine kleine Weile, und dann war er still. Die Neger zuckten mit den Schultern und warfen den Leichnam über Bord.

Und der Meister der Galeere lachte, streckte die Hand aus und nahm die Perle; und als er sie sah, drückte er sie an seine Stirne und verbeugte sich. »Sie soll«, sagte er, »für das Zepter des jungen Königs sein«, und er machte den Negern ein Zeichen, den Anker zu lichten.

Und als der junge König das hörte, schrie er laut auf und erwachte; und durch das Fenster sah er die langen, grauen Finger der Dämmerung, die sich nach den verbleichenden Sternen krümmten.

Und wieder überkam ihn der Schlaf, und er träumte, und dies war sein Traum.

Ihm war, als wanderte er durch einen düsteren Wald, in dem seltsame Früchte hingen und schöne Giftblumen wuchsen. Die Nattern zischten nach ihm, als er vorbeiging, und die bunten Papageien flogen kreischend von Zweig zu Zweig. Riesige Schildkröten lagen schlafend auf dem heißen Schlamm. Die Bäume wimmelten von Affen und Pfauen.

Weiter und weiter ging er, bis er den Saum des Waldes erreichte, und da sah er eine ungeheure Menge Männer, die in dem Bett eines ausgetrockneten Flusses schwere Arbeit taten. Sie schwärmten auf der Felsenklippe wie Ameisen. Sie gruben tiefe Löcher in den Grund und stiegen in sie hinab. Einige von ihnen zerspalteten die Felsen mit großen Äxten, andere wühlten im Sand. Sie rissen den Kaktus mit den Wurzeln aus und zerstampften die scharlachroten Blüten. Sie sprangen herum, riefen einander zu, und keiner war untätig.

Aus dem Dunkel einer Höhle wachten Tod und Gier über sie, und der Tod sagte: »Ich bin müde; gib mir den dritten Teil von ihnen und lass mich gehen.«

Aber die Gier schüttelte ihren Kopf. »Sie sind meine Knechte«, antwortete sie.

Und der Tod sagte zu ihr: »Was hast du in deiner Hand?«

»Ich habe drei Körner«, antwortete sie; »was liegt dir daran?«

»Gib mir eines davon«, rief der Tod, »es in meinen Garten zu pflanzen; nur eines, und ich will fortgehen.«

»Ich will dir gar nichts geben«, sagte die Gier, und sie versteckte ihre Hand in den Falten ihres Gewandes.

Und der Tod lachte und nahm einen Becher und tauchte ihn in einen Pfuhl; und aus dem Becher stieg Seuche auf. Sie schritt durch die große Menge, und der dritte Teil von dieser fiel tot um. Ein kalter Dunst folgte ihr, und die Wasserschlangen glitten an ihrer Seite.

Und als die Gier sah, dass der dritte Teil der Menge tot war, schlug sie sich an die Brust und weinte. Sie schlug ihren vertrockneten Busen und schrie laut auf. »Du hast den dritten Teil meiner Knechte erschlagen«,rief sie, »hebe dich weg. Es ist Krieg in den Bergen der Tatarei, und die Könige rufen auf beiden Seiten nach dir. Die Afghanen haben den schwarzen Ochsen erschlagen und ziehen in den Kampf. Sie haben mit ihren Speeren auf ihre Schilde geschlagen und haben ihre eisernen Helme aufgesetzt. Was liegt dir an meinem Tal, dass du in ihm säumen solltest? Hebe dich weg und komm nie mehr hierher.«

»Nein«, antwortete der Tod, »ehe du mir nicht ein Korn gegeben hast, will ich nicht gehen.«

Aber die Gier verschloss ihre Hand und knirschte mit den Zähnen. »Ich will dir gar nichts geben«, murrte sie.

Und der Tod lachte und hob einen schwarzen Stein auf und warf ihn in den Wald, und aus dem Dickicht des wilden Schierlings kam das Fieber in einem Flammengewand. Es schritt durch die Menge und rührte sie an, und jeder, den es berührte, starb. Das Gras welkte unter seinen Füßen, wo es dahinschritt.

Und die Gier schauderte und streute Asche auf ihr Haupt. »Du bist grausam«, rief sie, »du bist grausam. Hunger ist in den steinernen Städten Indiens, und die Zisternen von Samarkand sind ausgetrocknet. Hunger ist in den steinernen Städten Ägyptens, und die Heuschrecken sind aus der Wüste herbeigekommen. Der Nil ist nicht über seine Ufer getreten, und die Priester haben Isis und Osiris verflucht. Hebe dich weg zu denen, die dich brauchen, und lass mir meine Knechte.«

»Nein«, antwortete der Tod, »solange du mir nicht eines der Körner gegeben hast, werde ich nicht gehen.«

»Ich will dir gar nichts geben«, sagte die Gier.

Und der Tod lachte wieder, und er pfiff durch die Finger, und ein Weib kam durch die Luft geflogen. Pest war ihr auf die Stirn geschrieben, und ein Schwarm magerer Geier umschwebte sie. Sie überschattete das Tal mit ihren Schwingen, und niemand blieb am Leben.

Und die Gier floh schreiend durch den Wald, und der Tod sprang auf sein rotes Pferd und sprengte hinweg, und schneller als der Wind sauste er dahin.

Und aus dem Schlamm auf dem Grunde des Tales krochen Drachen und Ungeheuer mit Schuppen, und die Schakale kamen durch den Sand getrottet und schnüffelten mit ihren Nüstern in die Luft.

Und der junge König weinte und sagte: »Was sind das für Männer gewesen, und was haben sie gesucht?«

»Rubinen für eine Königskrone«, antwortete einer, der hinter ihm stand.

Und der junge König fuhr zusammen, und als er sich umwandte, sah er einen Mann, der war wie ein Pilger gekleidet und hielt einen silbernen Spiegel in der Hand.

Und er wurde blass und fragte: »Für welchen König?«

Und der Pilger antwortete: »Blicke in diesen Spiegel, und du wirst ihn sehen.«

Und er blickte in den Spiegel, und als er sein eigenes Antlitz sah, schrie er laut auf und erwachte, und strahlend floss das Sonnenlicht in das Gemach, und auf den Bäumen im Park und Lustgarten sangen die Vögel.

Und der Kämmerer und die Großwürdenträger des Staates traten ein und verbeugten sich vor ihm, und die Pagen brachten ihm das Gewand aus gewobenem Gold und setzten vor ihn die Krone und das Zepter.

Und der junge König schaute nach ihnen, und sie waren schön. Schöner waren sie als irgendetwas, das er je gesehen hatte. Aber er gedachte seiner Träume und sagte zu seinen Würdenträgern: »Nehmt diese Dinge fort, ich will sie nicht tragen.«